Unsichtbare Kriege
Hätte Shakespeare in moderneren Zeiten gelebt, würden seine Dramen vielleicht nicht von Zauberern und Königen handeln, sondern von den Mikroorganismen, die in uns und um uns herum jeden Tag vernichtende Kriege gegeneinander ausfechten. Nehmen wir zum Beispiel eine ganz gewöhnliche Bakterienpopulation, die glücklich irgendwo im Darm eines carnivoren Säugetieres lebt. Ihr Friede wird jäh gestört, als ein Bakteriophage in ihren Lebensraum eindringt und seine DNA gewaltsam in ein Bakterium injiziert. Dessen Immunsystem ist machtlos, denn es kann die virale Erbinformation nicht von der eigenen unterscheiden. So überwältigt der Phage die Zelle und zwingt sie, Bausteine für seine Nachkommenschaft zu produzieren. Und schließlich zerstört er ihre Zellwand, um unzählige neue Phagen zu entlassen, die das Leben der gesamten Population bedrohen.
Sie wären allesamt verendet, wäre nicht der Zufall zur Hilfe gekommen. Denn einige Bakterien in der Population tragen ein Merkmal, das bisher keinen Nutzen hatte, ihnen nun aber Immunität verleiht. Ihre Erbinformation ist mit Methylgruppen markiert, und wann immer ein viraler DNA-Abschnitt in die Zelle eindringt, erkennen sie ihn als fremd und bringen ihre Nukleasen in Bereitschaft, um ihn zu zerstören. So überleben sie und gründen eine neue Population, in der alle Bakterien diesen Abwehrmechanismus besitzen.
Aber auch die Phagen bleiben nicht untätig. Auf ihren ausgedehnten Vermehrungszügen suchen sie nach einer Strategie, wie diese störrische Population zu besiegen sein könnte. Und sie finden sie, als es schließlich einem Phagen gelingt, seine DNA zu methylieren. Die Bakterien haben nun keine Möglichkeit mehr, ihre eigene Erbinformation von der der Phagen zu unterscheiden. Und so kommt der Tag, an dem einer dieser bestens ausgerüsteten Phagen im Darm unseres Säugetiers auftaucht und eine Zelle infiziert. Es ist eine wahrhaft aussichtslose Situation. Doch das befallene Bakterium will nicht aufgeben und all seine Kameraden in der Population dem sicheren Tod überantworten. Und so greift es zum letzten Mittel und zerstört seine eigene transfer-RNA, womit es sich selbst die Fähigkeit nimmt, Proteine herzustellen.
Mit dieser heldenhaften Tat beendet es sein Leben, doch es stirbt in dem Wissen, dass der Phage mit ihm untergehen wird. Denn dieser ist für seine Vermehrung auf den Stoffwechsel der Wirtszelle angewiesen und kann nur hilflos zusehen, wie das Bakterium sie beide in den Tod reißt. Die übrigen Zellen in der Population sind gerettet und ehren ihren gefallenen Kameraden, indem sie sich stetig weiter teilen.
Diese Geschichte könnte hier enden, aber sie wäre kein echtes Drama, wenn sie es täte. Denn die Phagen sinnen auf Rache, und sie sind längst nicht am Ende ihrer Heimtücke angelangt. Schließlich bewaffnet sich einer von ihnen mit einer Ligase, und als seine Wirtszelle sich vor seinen Augen dramatisch in den Tod stürzt, holt er sie seelenruhig hervor und repariert damit die zerstörte transfer-RNA. Seine Vermehrung ist gesichert und leitet die Vernichtung der gesamten Population ein. Aber irgendwo, in einem weit entfernten Säugetierdarm, lebt ein Bakterium, das auch dafür eine Lösung hat. Und die Nachkommen des erfolgreichen Phagen stehen bereit, sich ihm entgegenzustellen.