Seitenwind Woche 5: Verlassene Orte

Der einzige Ort

Der Ort, den ich verlassen habe, war der einzige, an dem ich leben konnte. Ich habe nicht viele Orte kennenlernen können. Wo ich jetzt bin, ist alles anders. Mein Ort war immer warm. Manchmal bekam die Umgebung einen goldenen warmroten Schimmer. Später in meinem Leben habe ich gerne gedämpfte Musik gehört, ganz zappelig wurde ich vom Radiowecker, besonders bei Singer-Songwriter-Pop. Meine Lieblingserinnerung ist die Stimme meiner Mutter, wie sie mir vorlas oder wie sie die Gitarre ganz nah an mir spielte. Die Schwingungen ließen mich am Leben da draußen teilhaben. Auch das wärmende Licht, das bis zu mir ins Herz vordrang, werde ich niemals vergessen. Was für eine Wonne das war. Ich konnte keine Laute machen, aber ich konnte lächeln und mich durch meine Bewegungen bemerkbar machen. Leider wurde dieser Ort immer enger mit der Zeit. Ich habe meine Mutter oft weinen gehört. Aber ich wusste nicht, warum sie traurig war.
Nie vergessen werde ich den Tag, an dem ich diesen Ort verlassen habe. Es war Zeit, ich war schon so groß. Ich musste mich nicht nur von ihm verabschieden. Auf meiner Reise verließ ich ebenso meinen eigenen Körper, der schon tapfer gewachsen war. Das bedeutete auch den Abschied von meiner Mutter und von meinem Vater. Meine Mutter muss in dem Moment, als ich fortgehen wollte, eine große Leere empfunden haben. Die Zeit stand still für uns beide. Als ob wir uns für einen Moment im Nirwana getroffen hätten. Für einen Moment gab es nur Stille. Beide waren wir regungslos geworden. Ein einziges Innehalten. Kurz danach war sie so glücklich, mich zu sehen. Ich war nicht mehr da wo ich vorher war. Ich tauschte den kleinen Raum gegen die Unendlichkeit ein. Eine kurze Weile blieb ich in der Nähe und schaute von oben. Das ließ ich alle spüren. Ich starb bei meiner Geburt. Es war für mich der schönste Ort, dieser Bauch.