Seitenwind Woche 5: Launisches Wetter

Willkommen zur fünften Perspektive von Seitenwind.

Deine Perspektive

Die Naturgewalt. Vielleicht bist du ein sanfter Schneefall, der elektrisierende Nervenkitzel eines Donners, der lang ersehnte Regen oder ein listiger Windstoß.

Deine Aufgabe

Du fällst über eine belebte Stadt oder eine ruhige Landschaft her. Mit jedem Stoß, Grollen oder Fall beeinflusst du das Leben da unten. Hast du die perfekte Bühne für einen Schurken geschaffen oder eine zufällige Begegnung verursacht? Warst du die Erleichterung nach einer Hitzewelle, oder der Ruin eines Open-Air-Festivals? Denke an deinen Einfluss: Wie werden Menschen diesen Wettereinbruch in Erinnerung behalten?

Teilnahme
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Witterung

Es war eine perfekte Nacht. Viel Feuchtigkeit, kaum Wind. Ich spürte sekündlich , wie ich wuchs, mich verdichtete, bis ich kaum noch von Licht durchdrungen wurde und eine stattliche Größe angenommen hatte. Nachdem dies vollbracht war, dehnte ich mich in alle Richtungen, stieg behände die Treppen empor, kroch über das regennasse Pflaster und schmiegte mich an die Knöchel und Kleider der Passanten, deren Säume ich mit kalten Fingern berührte. Viele der Röcke und Rockschöße waren aus dichtem Stoff gewebt und es bereitete mir einige Mühe, meine Feuchtigkeit in sie einsinken zu lassen, aber schließlich gelang es mir doch. Das Erschauern der Frauen und das leise Wimmern der Kinder, die ihre unterkühlten Händchen in den Stoff des Kleides ihrer Mütter krallten, entzückte mich außerordentlich. Zufrieden kroch ich weiter. Während ich mich wabernd durch die Straßen schob, bemerkte ich zu meiner Überraschung, dass der Wind zugenommen hatte, doch zu meinem Glück, die Kälte auch. Was sollte ich befürchten? Mein von feuchtem Dunst erfülltes Selbst war schon zu sehr angewachsen und verdichtet, als dass ein kleines Lüftchen mich zerreißen und mich um meinen Spaß bringen konnte. In der Tat begünstigte der Wind sogar mein weiteres Wachstum, füllte mich mit Luft, ließ mich ins gigantische Anschwellen.

Eine Weile ließ ich mich von ihm durch die nächtliche Stadt tragen, umspielte die Stämme der Bäume im Park und segelte über den schwarzen Fluten des Flusses, bis ich schließlich losließ und in einer engen, feuchten Gasse herabsank. Ob es Zufall war oder eine dunkle Vorahnung mich hier hergeführt hatte, kann ich im Nachhinein nicht sagen, aber für mich hatte die darauffolgende Begegnung etwas durchaus Schicksalhaftes. Kaum nämlich, dass ich dort angelangt war, kam ein Mann des Wegs. Er war groß und hager und führte einen kleinen Koffer bei sich, den er in seinen weiß behandschuhten Fingern hielt. Mit weit ausgreifenden, tänzelnden Schritten, ein kleine Liedchen pfeifend, tauchte er in mich ein. Ich war groß in dieser Nacht und abenteuerlustig und da mir seine raumgreifende Präsenz gefiel, umschmeichelte ich ihn mit aller Kühle, die ich aufzubieten hatte.

Seinen hageren Leib kroch ich hinauf, betastete seinen Kutschermantel und berührte sogar das glänzend Band seines Zylinders. Ich spürte, wir beide teilten die Aura des besonderen. Nie hatte ich mich mächtiger gefühlt, als in seiner Gegenwart. Plötzlich legte er den Kopf schief und lauschte. Auch ich bewegte mich nicht. Durch die Dichte meines dunstigen Selbst vernahm ich das Trippeln kleiner Füße. Kurz darauf hörte ich ein Knacksen auf dem Kopfsteinpflaster gefolgt von dem Ausruf einer weiblichen Stimme. Sie fluchte erst über den abgebrochenen Absatz ihres Schuhs und dann über mich, was mich noch immer in großen Stolz versetzt. Der hagere Mann mit dem Zylinder, bot ihr, ganz Gentleman, seine Hilfe an, so dachte ich, und die junge Frau in dem billigen Kleid mit dem Übermaß an Schminke im Gesicht, dachte das auch – bis der galante Gentleman sein schwarzes Köfferchen öffnete und ihm, unter meiner schützenden Decke, einen Gegenstand entnahm.

Das Licht ist mein Freund, hatte ich das schon erwähnt? Es durchdringt meine schwebende Gestalt und hebt Dinge hervor, die mir sonst verborgen blieben, so auch in diesem Moment. Ich blickte durch das vom Licht berührte Weiß und sah etwas Längliches in der Hand des Mannes aufblitzen.

Als ich danach tastete, fühlte ich die Kälte von Metall. Das Gesicht des Mannes unter dem Zylinder veränderte sich. Seine Augen, deren Glanz mein dichter Mantel nicht verbarg, zeigten ein aufgeregtes Glitzern, sein Mund lächelte hart. Mit der Geschmeidigkeit eines Violinspielers der den Bogen ansetzt, führte er die schmale Klinge seines Messers an die Kehle der jungen Frau und zog sie ihren Hals entlang. Nicht übertrieben schnell, aber gründlich. Eine nadelfeine Spur zeichnete sich auf dem Hals des Opfers ab. Dabei pfiff er sein kleines Lied, was meine Gestalt erbeben ließ.

Der Schrei der jungen Frau wurde zu einem Gurgeln, Blut lief ihr über die überschminkten Lippen und über das Dekolletee ihres weit ausgeschnittenen Kleides. Ihr mit Rosen geschmückter Hut rutschte von ihrem Kopf und zerstob in meinen Schlieren, gefolgt von ihrem fallenden Leib. Ich machte mich weich und durchlässig und empfing sie sanft in meinem Bett aus feuchter Kühle. Der Mann verstaute sein Messer in dem kleinen Köfferchen und beugte sich zu ihr und mir hinab. Er zupfte eine Rose aus dem Hut der Frau und steckte sie in das Revers seines Anzugs. Ich umwaberte ihn , umspielte seine Brust und Beine, ballte mich, um ihm zu zeigen, wie beeindruckt ich von der kalten Präzision war. mit der er seine Bluttat verübt hatte. Ich wusste, ich hatte ihm die Bühne für diesen Mord bereitet und somit Anteil an seiner gelungenen Darbietung. Und dann spürte ich, spürte bis in die tiefste Faser meines feuchtigkeiterfüllten Wesens, hier bahnte sich etwas Bedeutsames an, etwas Großes, etwas Einzigartiges.

Plötzlich zuckte mein Gentleman-Mörder zusammen. Er hatte etwas gehört, was ihn, wie ein gejagtes Tier, zusammenzucken ließ: Ein schrilles, durch mich hindurch dringendes Pfeifen. Polizei! Hastig nahm er seinen Koffer auf und lief mit klappernden Sohlen davon. Während er lief, kühlte ich seine schweißnasse Stirn. Er hatte so schwer gearbeitet und brauchte jetzt einen Moment der Ruhe. Sprechen konnte ich zu ihm nicht, aber ich konnte auf meine Weise zu ihm durchdringen.

„Beruhige dich mein Freund, mein Gentleman-Mörder, beruhige dich. Sie werden dich nicht finden. Ich verberge dich. Ich bin bei dir, jetzt und jede Nacht, du und ich, Meister und Komplize, Berühmtheit und Notwendigkeit, so lange bis mich die Winde von dir forttragen. Aber selbst dann werde ich wieder kommen. Ich komme immer wieder. Vielleicht schon Morgen. Und sie werden über uns schreiben, dich und mich, und die London Times und der Observer und all die anderen Zeitungen, werden ihre Auflagen erhöhen, dank dir und mir. Ich sehe die Schlagzeilen schon vor mir: „Brutaler Mord in Soho. Der Gentleman-Mörder hat wieder zugeschlagen. Nur der bleiche Mond war Zeuge und der Londoner Nebel.“

Aurora borealis
Irgendwo im finnischen Nirgendwo. Sternenklare Nacht. Der Schnee umhüllt die Landschaft und alles Leben in eine malerische Unkaputtbarkeit.

Zwei Menschen in dicken Winteroveralls. Ihr gefrorener Atem knistert. Sie zieht ihre Wollmütze tiefer ins Gesicht. An seinem Schal sammeln sich Eiskristalle. Krrrsch. Ein riesiger Haufen Pulverschnee landet auf seinem Kopf. Er schnappt nach Luft. Sie rast los. Na warte, dich krieg ich! Er hechtet hinterher. Unbeschwertes Lachen.

Es ist soweit. Diese Nacht gehört nur mir. Mir allein. Eine unglaubliche Hitze durchströmt meinen Körper. Ich bäume mich auf, fühle das Feuer in mir und zerberste in Millionen kleiner Teilchen. Ich bin der Sonnenwind, der auf die Atmosphäre der Erde trifft. Reine Energie. Ich bin das peitschenartige Klatschen. Autsch, das hat gezwiebelt. Muaaahaaa, seht her, ich fordere die Götter heraus. Ich bin schneller als die Sterne. Schneller als eure Schneeballschlacht. Ich tanze in Wellen, forme mich zu einem weiß-grauen Schleier. Ich wachse, ich wache über euch, umarme den Nachthimmel. Ich bin der hellgrüne Schimmer, der euch umgibt.

Glitzernde Augen. Offene Münder. Er greift nach ihrer Hand.
Ich kann alles sein. Ich bin euer Traum. Ich bin eure Ahnen. Ich bin euer Nordlicht.

Das Echo des Urknalls

Ich werde. Ganz deutlich kann ich es spüren. Wie sich Energie zusammenballt. Mehr, immer mehr. Das kribbelt, das pitscht, das funkelt. Aaaaah, das lebt!

Die ganze Verwandtschaft ist schon auf den Beinen – nun ja, wenn man das so nennen kann.
Blitz und Donner, immer schön gemeinsam. Wie es sich gehört. Beim heiligen Urknall, der war ja herrlich. Diese Lautstärke, das muss der alte Sonus Magna gewesen sein. Immer noch die beste Donnertröte.

Aber ich, ich bin anders. Ich bin speziell. Hier und da wird sogar behauptet, es gäbe mich garnicht.
Ha, dass ich nicht lache. Nur, weil sie mich nicht bis ins Detail erklären können, glauben sie nicht an mich. Egomane Synapsenjunkies. Geht doch nach Alpha Centauri, Sternschnuppen lutschen.

Früher hat sich niemand solche Gedanken gemacht. Irgendwer hatte mich mal gesehen und somit war ich. Beweise brauchte man damals nicht. Man hat sich einfach die Geschichten über mich immer und immer wieder erzählt. Manche waren sogar recht witzig. So wie die von dem alten …

Ach, ich schweife ab. Dabei geht es doch gleich los, ich bin fast komplett aufgeladen. Schon mal ein wenig mit den Rundungen wippen. Ein bißchen drehen, noch ein bißchen, jetzt schneller, noch schneller, die kleinen Funken und Miniblitze zieh ich mir rein, die sieht doch eh keiner. Und ab geht die Post!
Wie eine Rakete sause ich aus den Wolken. Juhuuu, ein Flugzeug, das kommt wie gerufen. Rein ins Cockpit, durch die Tür, einmal den Gang entlang und direkt hinten wieder raus, bevor es der letzte Passagier begriffen hat und der erste aufgehört hat zu kreischen.
Und abwärts geht die Fahrt. Da, ein kleiner Wald, das wird ein Spaß. Auf den Baum, um den Baum durch den Baum hindurch. Kommt mir nicht mit Waldbaden. Waldbowling! Das ist der heißeste Scheiß. Wie? Achja, kann ja sonst niemand. Ich sag ja, ich bin einzigartig.

Vielleicht hatte ja einer dieser Passagiere gerade sein Smartphone auf record gestellt. Dann könnt ihr mich im Internet bewundern.

Mich. Das Echo des Urknalls. Geschaffen aus reiner Energie. Der Kugelblitz.

CUMULUS

Es tut mir so leid. Ich sehe dich. Ich sehe dich ja. Ich verstehe, dass dir kalt ist. Glaub mir. Ich habe es an deinen großen Augen gesehen, dem offenen Mund, die zusammengezogenen Brauen. Ich weiß, wie ihr Menschen schaut, wenn ihr unglücklich seid. Oder euch fürchtet. Ich kann nicht alle Emotionen auseinanderhalten, aber die wichtigsten verstehe ich. Und dieser Gesichtsausdruck ist ganz deutlich: Du willst kein Gewitter. Du hast Angst vor der Nässe. Der Dunkelheit. Dem rutschigen Weg, der folgt.

Ja, ich weiß doch. Ich versuche es ja. Glaub mir, ich versuche mich zurückzuhalten. Aber ich bin nicht fehlerfrei. Auch ich bin manchmal hungrig. Ich wäre gerne immer so dünn und federleicht wie sonst, so unschuldig weiß wie die letzten Tage und Wochen, aber manchmal, wenn das Wasser aufsteigt, kann ich mich nicht beherrschen. Ich muss es sammeln. So wie du deine Abenteuer sammelst. Du wolltest wider besseren Wissens diesen Berg hinauf, nicht wahr? Du wolltest dieses Wochenende unbedingt noch etwas erleben, bevor dich die langweilige Büroarbeit wieder beherrscht. Du hast den Kick gesucht. So wie ich meine flüssige Gier gestillt habe. Nun müssen wir beide die Konsequenzen tragen.

Wir haben beide die Lage unterschätzt. Du dachtest, das würde nur eine Tageswanderung werden. Ich dachte, ich würde noch die nächsten zwei Tage Wasser sammeln. Aber nun platze ich fast aus allen Nähten. Voller Wassertröpfchen und Eiskristalle bin ich. Ich bin so schwer. Ich habe keine Kraft, mich länger zurückzuhalten. Aber bitte, lauf trotzdem! Lauf so weit runter, dass du zumindest die kleine Höhle erreichst!

Warum gibst du auf? Nein. Nein. Du darfst nicht stehen bleiben. Verstehst du denn nicht die Gefahr? Hast du nicht die Kaltfront bemerkt, die die warme Luftfront um uns durcheinanderbringt? Was ist nur in dich gefahren?! Abwarten ist keine Option! Lauf. Lauf! Ich sagte: Lauf!

Runter vom Gipfel!“, donnere ich, so laut ich nur kann. Ganz dicht neben dir. Du zuckst zusammen. Jetzt endlich nimmst du die Beine in die Hand. Ich seufze erleichtert auf.
Alles Gute, kleiner Erdenmensch, denke ich. Erst dann entlade ich mich vollständig.

Die kühle Brise

Ich bin kein Sturm, nicht wild, nicht stark
doch auch kein laues Lüftchen, fad.
Wer ich bin? Ich bin die kühle Brise
und neuerdings auch sehr beliebt, in der Klimakrise.

Die Menschen schwitzen, jammern, ächzen
in der Hitze und sie lechzen
nach Abkühlung, doch die Seen sind zu warm.
Für Schwimmbäder sind die Städte zu arm.

Zudem ist das Wasser zu knapp,
für Pools oder Planschbecken fällt da nichts ab.
So bin es nur ich, die sie kühlen kann.
Ich bin nun ein Star für jedermann.

Sanft streichel und kühle ich ihre Haut,
ihren Lippen entfährt dann ein wohliger Laut.
Sie möchten mich halten, mich nicht gehen lassen,
doch ich bin nur EINE Brise, für unzählige Massen.

Auch ich bin selten geworden in diesen Tagen.
Von Bruder Sturm kann man das nicht sagen.
Doch die Menschen, sie sind ja selbst Schuld daran,
so verzeiht mir, wenn ich kein Mitleid empfinden kann.

Watt mutt datt mutt

„Ich muss mal!“
„Echt jetzt“, fragt Papa, „hältst Du es noch ein paar Minuten aus?“
„Weiß nicht … sind wir bald da?“
„Ja doch“, sagt Mama, „nur noch über das Dorf und dann kommen schon die Berge. Dann kannst Du.“
„Das schaffst Du“, versucht Papa mir Mut zu machen, „Du bist doch schon groß.“
Ich schaue mir die Landschaft unter uns an. Hügelig, grüne Wiesen, die Bäume in voller Blätterpracht. Das Dorf weiter vorne ist schon zu sehen, aber noch ein ganzes Stück entfernt. Papa hat gut Reden. Der hat ja schon an den Klippen abgeregnet. Mama sogar schon über dem Meer davor. Aber da musste ich halt noch nicht.
„Geht’s noch, Schatz?“, fragt Mama.
„Jaaaa“, sage ich. Aber nicht mehr lange. Ich bin schon ganz dunkelblau. Der Wind könnte auch mal stärker sein. Aber ausgerechnet heute schiebt der uns nur so langsam dahin. Zu viel Zeit. Ich werde zappelig. Das merkt auch Papa und er versucht mich abzulenken.
„Schau mal, da unten!“, sagt er, während wir uns dem Dorf nähern, „Schau mal, was da los ist!“
Tatsächlich, da ist einiges los. Überall kleine Buden, ein Karussell in der Mitte des Dorfplatzes, Essensstände und vor allem, überall Menschen. Die Wuseln da herum zwischen all den anderen. Ein Wunder, dass die sich nicht ständig gegenseitig umrennen. Sieht lustig aus. Und die Kinder, was machen die denn da? Oh, eine Wasserschlacht! Wasser … oh, ich muss zugeben, Papas Ablenkung hat kurz funktioniert. Aber jetzt, wo ich das Wasser sehe. Oh nein … ausgerechnet jetzt, wo wir genau über dem Dorf sind. Ich sehe die Kinder mit ihren wassergefüllten Ballons, einige schauen zu mir hoch, als ich mich zwischen sie und die Sonne schiebe und vermutlich den ersten Schatten des Tages spende. Auch andere Leute schauen hoch. Och nein, warum gucken mich denn jetzt alle an.
„Mamaaaa!“, rufe ich, „ich glaube ich kann nicht mehr!“
„Gleich haben wir es doch, Schatz, schau mal, da vorne sind die Berge, da …“
Doch es ist zu spät. Mama beendet den Satz schon gar nicht mehr, denn es passiert einfach. Erst ein paar Tropfen, doch dann regne ich ab. Und oh, wie es platscht. Die armen Leute.
„Tschuldiguuuuung“, rufe ich ihnen zu, aber ich glaube, dass sie mich nicht verstehen. Sie rennen unter die Buden, verlassen den Platz. Lassen ihr Essen stehen. Das Karussell wird angehalten, die Kinder werden von ihren Müttern unter das nächste Vordach gezerrt. „Tud mir leeeeid.“
„Tja.“, bemerkt Papa, aber mehr sagt er nicht. Papa und Mama sind nicht böse, da bin ich sicher. Passiert halt. Aber ich glaube über diesem Dorf brauche ich mich so schnell nicht mehr blicken zu lassen.

Ausgetrockneter

Kraftlos sitzt er da. Seine Lider liegen schwer auf seinen Augen. Zu klebrig zum Öffnen, zu geschwollen, um hindurch zu blicken.
Sand sitzt in jeder einzelnen Pore, jeder Hautfalte, jeder klitzekleinen Öffnung. Das Stöhnen und Ächzen des Menschen klingt dumpf. Mein hoffnungsvoller, ankündigender Geruch dringt kaum mehr durch seine Nasenlöcher.
Sein Stöhnen wird lauter, ein Zucken durchfährt seinen Körper, als die trockenen, verfilzten Haare über die verbrannten Schultern kratzen, während ich mich mit einem Windhauch ankündige.

Ich lass mich fallen. Versuche, nicht zu übereifrig zu sein.
Ein erster kühler Tropfen trifft auf Haut. Ich spüre förmlich, wie das Feuer darauf erlischt.
Ich lasse mich weiter fallen. Zaghaft anfangs, und schließlich, in einer einzigen Flut überschwemme ich sein Wesen. Ein erfrischender, nasser Schauer, löse den Sand, die Hitze und die trockenen Lider. Genieße sein Seufzen, und lasse mich in ihn hineinfallen, spüle die vertrocknete Starre hinfort und nehme ihn mit in mein tosendes Meer.

April April

»Weg da, ich bin jetzt dran!« Breitschultrig drängt sich Donner nach vorn und lässt ein vielversprechendes Grummeln ertönen. »He Wolke, los, mach dich nützlich, damits ein anständiges Gewitter wird.«
Sonne schiebt sie beiseite.»Nee, ihr habt vorhin schon, jetzt darf ich endlich auch mal.« Ein paar zögerliche Strahlen blitzen durch die hervorquellende Wolkendecke. »Furchtbar, dass ihr Jungs immer einen solchen Rabatz machen müsst!«
»Och menno, immer müsst ihr euch vordrängeln, dabei hab ich noch gar nicht.« Der kleine Schneefall zieht einen Flunsch, erste Flocken fallen.
»Selber schuld, wer zuletzt kommt, kann zugucken.« Wind holt einmal tief Atem und fegt Schneefall zur Seite.
»Papaaa, Wind hat mich gehauen!«
»Kleiner, weißt du nicht, was mit Petzliesen wie dir passiert?« Blitz streckt den Arm aus und eine weitverzweigte Entladung rast über den Himmel. »Gesehen? Noch Fragen?«
Schneefall plärrt jetzt aus vollem Hals, am Boden entstehen die ersten Schneeverwehungen.
»Angeber, lass doch wenigstens den Kleinen in Ruhe.« Regen schüttet ein paar Eimer aus und lässt es sintflutartig auf die Erde prasseln. »Was ein Spaß, ey Wolke, willst du mitmachen?«
»Papaaa, die Jungs lassen mich schon wieder nich mitspielen …«

Wettergott Jupiter streckt restlos genervt den Kopf zur Tür herein. »Himmelarschundwolkenbruch, könnt ihr nicht einmal nett und friedlich miteinander spielen wie andere Kinder auch?«
Er schmeißt die Tür wieder zu. »Möchte nur mal wissen, wer jedes Jahr auf diese Schnapsidee kommt, im April das große Familientreffen abzuhalten«, grummelt er im Weggehen.

Wie Blätter im Wind

Weißt du noch, als ich das allererste Mal bei dir war? Ich kitzelte dein kleines Näschen und als Antwort bekam ich ein zartes: „Hatschi.“
Die feinen Babyhaare habe ich dir verwuschelt, das war im Jahr darauf. Du hast gequietscht vor Vergnügen.
Was hatten wir für einen Spaß beim Fangespielen mit den Herbstblättern. Ab und an bist du hingefallen, aber deine Tränen konnte ich schnell wieder trocknen.
Hui - hinauf mit dem Drachen, mal hier - mal da hin ließ ich ihn gleiten, so lange, bis die Mutter energisch rufen musste.
Schnell bist du groß geworden. Zum Glück gab ich dir auf dem Fahrrad ordentlich Schub, damit der Weg zur ersten Liebe nicht zu lang wurde. Wilde Zeiten; nicht nur einmal hab ich dein Temperament gekühlt.
Später ließen wir beide es langsamer angehen.
Deine Kinder - was für eine Freude ihnen die Wogen im hohen Gras und das Wispern in den Bäumen zu zeigen. War doch erst gestern, dass du und ich…
Ich weiß, heute folgst du keinem meiner Blätterwirbel - es geht einfach nicht mehr. Ich bin bei dir, umspiele die Sitzbank, auf der du dich ausruhst. Dein Lachen zieht unzählige Fältchen in die richtige Richtung. Da kommen die Enkel herangestürmt. „Opa - Opa - guck mal! Unser Drache, guck, wie er fliegt!“

Klimawandel ?

„Herzlich willkommen zu unserem Jour Fix“. Gaia klopfte mit ihrem Kuli auf den Tisch, um sich Gehör zu verschaffen. Nur langsam ebbte das Geplapper ab.

„Es ist in der letzten Woche mal wieder so einiges nicht nach Plan verlaufen. Wir beginnen mit einem kurzen update, bevor wir die weiteren Schritte festlegen. Mr. White, wollen Sie beginnen?“

Die weiße Gestalt straffte sich. „Bei mir lief alles nach Plan. Zugeteiltes Gebiet eingeschneit.“

Gaia sah auf ihre Notizen. „Ähm, wo genau waren Sie tätig?“

Jemand kicherte und Mr. White schaute grimmig. „Wie letzte Woche geplant.“

„Das kann nicht sein, in Reine auf den Lofoten fiel in der letzten Woche keine einzige Flocke.“

„Lofoten?“ Mr. White war irritiert. „Ich war in Reina in Israel unterwegs.“

Gaia seufzte. „Miss Rainy, Sie sind dran.“ Rainy warf sich ihre langen grauen Haare nach hinten.

„Ich war in der Toskana und habe für die Bewässerung der Weinberge gesorgt.“

„Toskana? Wie lange waren Sie dort?“

Miss Rainy runzelte die Stirn und überlegte. "So etwa eine Woche? "

„Sie waren doch aber nur für eine Stunde vorgesehen? Und Weinberge? Hier steht, dass ganze Städte verwüstet wurden.“

Miss Rainy sah in ihre Unterlagen und zuckte mit den Schultern. „Kann ja mal passieren.“

Gaia schüttelte leicht verzweifelt den Kopf. „Breeze ? Wie war Ihre Woche?“

Breeze lehnte sich im Stuhl zurück und lächelte. „Ich strich diese Woche sanft über Westeuropa.“

Mr. White schnaufte und Miss Rainy lachte höhnisch.„Sanft, jaja.“

Gaia blickte irritiert in die Runde.

„Sie hat mal wieder ihre ungezogenen Blagen mitgeschleppt“, erklärte Miss Rainy.

„Als alleinerziehende berufstätige Mutter hat man es schwer“, verteidigte sich Breeze. „Wo hätte ich die Kleinen denn lassen sollen?“

„Hurri und Orkan hätten auf dem Meer spielen können“, belehrte sie Mr. White. „Aber wie konntest Du auch noch Ciaran mitnehmen? Der halbstarke Bengel ist doch nicht zu bändigen.“

Breeze funkelte ihn beleidigt an. „Irgendwann muss der Junge sich ja mal austoben.“

Gaia klopfte wieder mit dem Kugelschreiber auf den Tisch, um sich Gehör zu verschaffen.

„Ruhe jetzt. Fassen wir die Woche einmal zusammen.“

Man sah sie gespannt an.

„Niemand ist seinen Aufgaben korrekt nachgekommen. Diese Schlamperei kann ich nicht länger dulden. Die Menschen reden vom verheerenden Klimawandel, dabei wissen sie nicht, dass ich es hier mit einer Bande von unfähigen Stümpern zu tun habe.“

Alle murrten vor sich hin.

„Sie sind alle für eine Woche suspendiert“, sagte Gaia streng. „Kein Schnee in dieser Zeit, keinen Regen und keinen Wind. Denken Sie darüber nach, wie Sie in Zukunft Ihre Aufgaben zuverlässiger erledigen können, denn wir müssen das Thema Klimawandel aus den Köpfen der Menschen bekommen. Wir treffen uns nächste Woche zur gleichen Zeit.“

Eilmeldung: Weltweit war es der wärmste Oktober, der je gemessen wurde. Die Dringlichkeit ehrgeiziger Klimamaßnahmen war noch nie so groß wie heute,

Windspiel

Ich bin die Meeresbrise, der du dein Gesicht so sehnsuchtsvoll entgegenstreckst. Du alter Mann in den Dünen.
Sehnsucht, die ich in dir weckte, als du noch ein kleiner Junge warst. Ich ließ deinen Papierflieger steigen, trug dein helles Kinderlachen über den Strand.
Sehnsucht, der du nachgabst, als du herangewachsen warst. Ich blähte deine Segel, trug dich weit in die Welt hinaus.
Sehnsucht, der du alles geopfert hast. Ein Leben mit Frau und Kind. Mehrmals fast das Leben selbst, wenn ich Wellen zu Bergen auftürmte und wir in wilden Spielen unsere Kräfte maßen.
Sehnsucht, die auch jetzt noch an dir zerrt, da deine Hände schwach und deine Augen trüb geworden sind. Sie zu stillen, ist nicht meine Art. Ich werde stärker, schicke dir den salzigen Duft der Gischt. Ein Abschiedsgruß. Weil wir alte Freunde sind.
Nicht nur du saugst ihn tief ein. Auch der Junge, der dort am Gezeitentümpel spielt. Er lacht, als ich seinem Holzschiffchen einen kräftigen Schubs gebe. Hallo, Kleiner.

Ich bin da

Ich sehe dich. Du liegst am Strand auf einer Liege. Neben dir steht einer kleiner wackeliger Tisch im Sand mit einer Pina Colada darauf. Deine Augen sind unter einer dunklen Sonnenbrille versteckt. Ein Buch auf deinem Bauch. Schläfst du? Oder genießt du einfach nur. Genuss. Entspannung. Dann bewegst du dich. Du spürst mich. Ich sehe es an deiner leicht geneigten Kopfhaltung. Du wirkst nun konzentriert. Du merkst das irgendetwas anders ist. Ich kann dir verraten was es ist: Nichts. Es ist das Nichts. Das Nichts hören. Diese unheimliche Stille. Kein Rauschen des Meeres, keine schreiende Möwe am Himmel. Einfach Nichts. Du ziehst die Sonnenbrille etwas nachunten. Du blickst in den Himmel. Der Himmel ist leer.
Aber ich bin da.
Ein Schrei. Plötzlich ist es laut. Jetzt endlich setzt du dich auf. Du reißt dir die Sonnenbrille herunter und starrst mich an. Ich sehe das Entsetzen in deinem Blick. Du springst hoch. Rennst los. Du bist schnell.
Aber du bist nicht schnell genug.
Ich komme. Ich bin da. Ich breche genau hinter dir. Wie ein unfassbarer Peitschenhieb schlage ich zu, begrabe dich in mir, schleife dich noch weiter mit in das Landesinnere, bevor ich an Kraft verliere und mich schnell zurückziehe.
Mit dir.
Ich komme wieder. Du nicht. Versprochen.

Ich bin der Sturm. Der dich umgibt. Der Regen, der in jede deiner Poren zieht. Die Sonne, die dich ausdörrt und verbrennt. Schnee, der unter deinen Füßen hängt. Ob groß ob klein, manche lieben mich und anderen bin ich spinnefeind. Drum gebt acht, egal in welcher Form, in welcher Pracht. Ich bin das Wetter und voller Macht.

Herbstwind

Ich pflücke ein Blatt von einem Baum und lasse es sanft zu Boden schweben. Es hat seine Arbeit getan und darf nun ruhen.

Dann fahre ich jemanden in den Kragen, damit er seinen Schal etwas höher zieht. Er soll sich nicht erkälten.

Ich kitzle Kindern die Nasen, färbe sie rot und bringe mit meinem frischen Duft Vorfreude auf den ersten Schneemann des Winters. Ihr Lachen trage ich weiter.

Ich streiche um ein altes Paar und lasse die beiden frieren, doch nur, damit sie etwas näher zusammenrücken. Denn ein kurzes Frösteln ist nicht schlimm, solange es einem warm um’s Herz ist.

Was zum Tropfen?

Geduldig stehen wir alle an, dicht gedrängt.
„Mir ist zu eng! Rückt mir nicht auf die Membran! Keine Lust auf Vereinigung!“
Vorne bricht ein Tumult aus.
„Ab gehts!“
Unter mir öffnet sich die Wolkenschicht und ich falle wie alle anderen.
„Juchhu!“
Alles schreit vor Freude im Rausch der Geschwindigkeit.
„Was ist das? Mir ist kalt"
Meine Ränder verformen sich. Innerlich ziehe ich mich zusammen. Es bilden sich, scharfe Kanten und Spitzen. Ich breite mich aus und bin Platt.
„Was zum Tropfen passiert hier?“
Der Wind bremst mich, ich falle nicht mehr. Nein! Ich schwebe in der Luft.
„Dieses Geschaukel! Mir ist schlecht!“
In weiten Kreisen segel ich auf den Erdboden zu. Ich lande weich und flauschig.
„Ist das ein Handschuh? Ahh! Wieso bin ich weiß? Ist mir heiß!“
Große Augen sehen mich an.
„Schneeflocke.“, sagt jemand sanft und ich schmelze.

Novemberblues

»So schauen wir mal, wer heute dran ist.«
»Ich, ich.« Ihre Hand fuhr in die Höhe, ihre kleinen Füße tippelten auf und ab.
»Nein Sonnenscheinchen, Du hast eindeutig zu viele Überstunden.«
Sie zog einen Schmollmund. »Ach, bitte … nur das eine Mal noch.«
»Nein, der Kalender verlangt nach etwas anderem.«
»Ich übernehme das!« Ein Riese schob sich durch die wartende Schar der Wetterphänomene. Seine Stimme knarzte.
»Mmmh, lass mich überlegen.« Der Bote blätterte durch seine Unterlagen. »In der Nacht darfst du die ersten Finger ausstrecken. Aber noch saft und sachte.«
»Ha«, er schlug die Faust auf den Tisch. »Ich gefriere mit aller Härte oder gar nicht.«
»Das besprechen wir später. Der Tag beginnt gleich und ich habe noch nicht das Passende gefunden.«
»Eine strahlende Aufmunterung für die Menschen vielleicht?« Sonnenscheinchen schmiegte sich lächelnd an Frosts eisige Seite.
»Wo ist eigentlich Novemberblues?«
»Der hockt in der Ecke, wie das ganze Jahr auch«, flüsterte eine leichte Brise von der Seite.
»Er soll herkommen, ich habe einen Auftrag für ihn.«
Im hinteren Teil der Wolkenberge rumpelte es. »Muss das sein?«
»Ja, du kannst dich nicht ständig verkriechen.«
Er seufzte und kam schlurfend nach vorn. »Warum nicht? Niemand will mich hier haben.«
Beipflichtendes Gemurmel setzte ein.
»Er ist gar kein richtiges Wetter«, tuschelte jemand.
»Ruhe, auch er muss seinen Beitrag leisten.«
»Ich könnte für ihn einspringen«, summte Sonnenscheinchen.
»Oder wir entfachen einen Sturm?«
»Nein, es hängen kaum noch Blätter auf den Bäumen, du hast dich die letzten Tage genug ausgetobt. Es ist Zeit für einen Blues.«
Alle brummten unzufrieden vor sich hin.
»Warum nur zwingt Ihr mich? Es ist nicht der richtige Tag … nicht das richtige Jahr … ich will nicht da raus.« Sein Kopf hing herab, schwerfällig zog er die Decke enger um seine Schultern.
»Es ist genau der richtige Tag.«
Er seufzte so laut, dass die Wolken erzitterten.
»Mach Wetter, wie es deine Bestimmung ist.« Der Bote schaute sich suchend um. »Unterstützt ihn ein bisschen, von allem etwas. Und los.«
Novemberblues betrat die Bühne und ließ sich lustlos fallen. Mit ihm zogen aschgraue Wolken auf. Seine deprimierte Stimmung verteilte sich zwischen den Wassertropfen, ließ manche ihren Halt verlieren und andere antriebslos herumhängen. Die Kälte kroch hervor, als würde der Tag zu früh aus dem warmen Bett gejagt, doch zu mehr konnte sie sich nicht aufraffen. Einige mutige Böen rauschten heran und verebbten mit gebrochenem Willen und dem Wunsch nach Nichtstun. Die Menschen zogen die Köpfe ein, die Jacken näher an sich, hasteten durch die Blätterberge, krochen in ihre Häuser. Dort kochten sie Tee, schlugen die Sofadecke um die Beine und schüttelten mit Blick nach draußen unzufrieden ihre Köpfe.

»Du solltest ihn nicht einsetzen«, befand Sonnenscheinchen.
»Oh doch, schaut doch wie gut er alles vorbereitet.« Der Bote schien sehr zufrieden mit seiner heutigen Arbeit.
»Er bewirkt nur, dass die Menschen sich verkriechen.«
»Na und, wie werden sie reagieren, wenn du das nächste Mal scheinst, wenn Frost ihnen rote Wange ins Gesicht brennt, wenn der erste Schnee die trübe Landschaft weiß färbt. Dank seiner Vorbereitung werdet ihr anderen herbeigesehnt.«

Tsunami

»Bitte kommen Sie,« ruft Frau Dr. Maier-Willen mich auf und zieht die Schultern ein, als ich an ihr vorbeigehe und mich auf die Coach fallen lasse. Sie ist Profi, ich kann meinen Unwillen nicht vor ihr verbergen, und so fragt sie:« Was ist los? Wir wollen heute den Tsunami in Khao Lak aufarbeiten, aber Sie scheinen verstimmt zu sein?«

»Verstimmt ist gar kein Ausruck,« kontere ich ein wenig zu laut. »Wie lange bin ich jetzt bei Ihnen in Therapie? Fast ein Jahr lang, und ich sehe ehrlich gesagt weder ein Fortkommen noch einen Sinn in unseren wöchentlichen Sitzungen.«
Sie setzt sich auf den Stuhl am Kopfende und bedeutet mir, mich hinzulegen.
»Nein, ich bleibe sitzen und schaue Ihnen in die Augen, Frau Doktor, die Lage ist zu ernst. Ich weiß, Sie haben Ihre Auflagen und versuchen Ihr Bestes, meine Aggressions-Schübe, meine unkontrollierten Affekte, meine Anfälle von Kontrollverlust zu behandeln, aber ich mache da nicht mehr mit.«

Sie rutscht nervös auf der Sitzfläche hin und her, ich höre das Futter ihres Rockes rascheln und dann räuspert sie sich und sagt mit belegter Stimme:
«Sie vergessen Ihre Gewaltausbrüche und Ihre Rücksichtslosigkeit. Ich hatte doch den Eindruck, dass Sie ein gewisses Schuldbewusstsein entwickelt hatten, nachdem wir Ihre Motivation zur Sturmflut im Ahrtal durchgegangen sind. Denken Sie an all die obdachlosen, traumatisierten Menschen, die heute immer noch keinen adäquaten Ersatz für Ihr Zuhause haben.«
»Adäquater Ersatz?« Ich fuchtele mit den Händen, meine Stimme überschlägt sich. »Hören Sie sich selbst zu? Es wird an den gleichen Stellen wiederaufgebaut wie vorher. Genau wie in Kärnten, in Slowenien. Die Probleme sind hausgemacht!«
»Bitte beruhigen Sie sich,« jetzt wird sie richtig nervös, steht auf und bewegt sich Richtung Schreibtisch, wo ich ihr Handy vermute.
»Ich will mich nicht beruhigen, ich kann mich nicht beruhigen,« schreie ich, »seit Jahrzehnten warne ich leise und immer lauter, das Klima geht vor die Hunde, was ich mache, ist reagieren. Re-a-gie-ren! Mit Stürmen, Sturmfluten, Unwetter,n Starkregen, faustgroßen Hagelkörnern. Gauben Sie, mir macht es Spaß, die Kneipen am Hafen von Flensburg unter Wasser zu setzen und halb Acapulco in Schutt und Asche zu legen? Und um auf Khao-Lak zu kommen: da habe ich alle Register gezogen, um die Menschen zur Vernunft zu bringen. Seebeben plus Monsterwelle. Und? Was ist passiert?
Was tun Sie, liebe Frau Doktor, an diesem nass-kalten November Abend? Na?«
Sie hält inne, starrt mich mit aufgerissenen Augen und stammelt:
«Meinen…Kamin heizen…?!«
»Genau das meine ich«, entgegne ich und stehe auf. »Alle finden mich wichtig: Forscher, Wissenschaftler, Politiker, Frank Schätzing und Dirk Rossmann machen Geld mit mir- was ändert sich? Nichts.«
»Wollen wir nicht die Atemübung zusammen machen, damit Sie wieder runterkommen?« Das kann nicht ihr Ernst sein.
Ich brause kurz auf, sämtliche Papiere fege ich von ihrem Schreibtisch herunter, der Stuhl kippt um, die Türe nehme ich aus den Angeln, die Fenster schlagen wild auf, dann stürme ich durchs Treppenhaus auf die Straße.
Und suche mir ein neues Ziel.

Heiner Hansen und der „Blanke Hans“

Heiner Hansen weiß, dass ich komme. Der alte Käpt´n steht auf dem Deich. Er liest im Mondlicht die schiefergrauen Wellen mit ihren Gischthauben, lauscht dem Grollen der See und zieht seine Mütze über die Stirn.

Ich kenne ihn aus ungezählten Nächten. Dann schubse ich Heiner über den Dammweg und er wankt nach Hause. Nein, stimmt nicht. Ich wehe ihn in die Kate, in der ins Bett fällt, seinen Rückzugsort bis zum nächsten Nachmittag. Sein wahres Zuhause ist die Hafenkneipe. Wenn Dörte die rote und die grüne Lampe rechts und links vom Eingang ihrer Pinte anknipst, schlägt sein Herz höher. Im „Walfänger“ befinden sich seine Küche und sein Wohnzimmer. Dort trifft er seine Familie. Ausgemusterte Bootsleute und Fischer, denen Touristen Korn und Bier für Seemannsgarn spendieren. Für Geschichten, die sonst niemand auf der Insel hören will. Die Familientreffen enden stets mit dem Geschmack des Verlorenseins.

Ich sammele Kraft, wühle die See auf und erspähe in Heiners wässrigen Augen die Erkenntnis, horche auf sein Murmeln. „Dauert nicht mehr lange!“
Der Alte klopft auf die Brusttasche seiner Joppe, wo der Flachmann eine Beule schlägt. Er schüttelt den Kopf, streckt die Hände zum Himmel.
„Sie verflucht“, brüllt er mir zu, wendet den Blick zum Hafen. Ich schleudere Brecher über den Pier vor dem „Walfänger“, türme die Wogen zu Bergen auf. Dörte löscht die Lichter. Heute bin ich nicht Heiners Wegbegleiter. Nicht ein Langweiler für die Inselbewohner. Und nicht ein Erlebnis für die Urlauber, die den Seewind so sehr lieben. Ich zeige mein bleiches Antlitz auf den Wellen. Sie krachen gegen den Deich, spülen Schaum über Heiner Hansens Stiefel und den Saum seines Blaumanns.

Die Wolken öffnen sich. Endlich! Ich peitsche Regen um den Leuchtturm, wir ersäufen das Signalfeuer. Das reicht mir nicht. Ich gröle, jage Brecher voller Steine, Tang und Treibgut vor mir her. Sie überfluten den Deich, reißen auf ihrem Rückweg Warnschilder, Strandkörbe und Tretboote in die Finsternis der tosenden See. Wo ist Heiner?
Da! Er steht vor seiner Hütte, presst die Mütze auf seinen Kopf. Bei Njord, dem launischen Gott des Windes, Heiner dreht sich, kämpft sich auf die Dorfstraße! Ich rase zum Hafen, werfe drei Segelboote an Land. Jetzt aber zurück zum alten Käpt´n! Ich brause über seinen Kopf, klaue die Schiffermütze, kralle mich in seine Jacke. Er schüttelt die Faust gen Himmel, dann hämmert er auf eine Haustür. Brüllt lauter als ich. Er fährt herum, schwankt, bleibt auf den Füßen. Seine krummen Beine tragen ihn von Haus zu Haus. Das ist doch nicht wahr, er rennt über das Kopfsteinpflaster! Prügelt Türklopfer und Klingelknöpfe, scheppert mit beiden Händen gegen Fenster. Er schreit.
„Der Blanke Hans sucht uns heim! Rettet euch in die Kirche!“ Die hat sein Ur-Großvater auf dem einzigen Hügel der Insel erbaut. Ohne Hilfe. Feldstein auf Feldstein. Unerschütterlich.
Die Dorfbewohner hetzen die Anhöhe hinauf. Nachthemden und Pyjamas flattern, die Haare kleben wie Hauben auf ihren Köpfen. Sie zerren Kinder hinter sich her, tragen Babys, drücken sie an die Brust.

Geschafft, der Deich bricht! Ich treibe eine Flutwelle durch das Inseldorf, hebe sie bis zu den Fenstersimsen. Sie zerfetzt Zäune, fällt Buchen, eine Eiche kracht auf ein Reetdach. Ein schöner Anblick! Jetzt hefte ich mich wieder an Heiners Fersen. Das Wasser umspült seine Knie, er wankt, wie die Leute um ihn herum. Heiner stürzt, taucht, strampelt, reckt das Kinn in die Höhe. Ein junges Paar mit gelben Regenmänteln greift ihm rechts und links unter die Achseln. Sie verlieren den Anschluss an die Fliehenden. Sie achten nicht darauf, die beiden legen ihm ihre Arme um die Schultern und bugsieren Heiner zur Kirchentür. Sein Blick ist voller Dankbarkeit. Ihrer auch.

Der Pastor öffnet das Portal. Sein graues Haar ist zerzaust. Kerzenschein beleuchtet Heiners Gesicht wie flüssiges Gold. Applaus brandet auf.
Ich habe genug gesehen und gehört, mein Ziel ist erreicht. Ich drehe mich nach Westen, entspanne die Muskeln, verlasse die Insel und den alten Kapitän, nehme seine Einsamkeit mit mir.