Seitenwind Woche 3: Dufte

Lavendel

„Schwester Inge?“
„Ja, Frau Winkelberg?“
„Ich habe Schweine in meinem Zimmer! Die müssen hier raus!“
„Schweine? Gestern war es noch ein Mann.“
„Den habe ich hinausgeschmissen. Er war Holländer. Ich habe kein Wort verstanden, von dem, was er gesagt hat.“
„Frau Winkelberg, Dr. Ludwig hat ihnen doch erklärt, dass sie Dinge sehen, die nicht da sind. Sie haben ein neues Medikament bekommen. Das muss erst wirken.“
„Wer ist Dr. Ludwig?“
„Ihr Psychiater.“
„Was soll ich mit einem Psychiater? Ich habe Schweine im Zimmer. Kommen sie endlich!“ Seufzend gab Schwester Inge nach. Frau Winkelberg würde keine Ruhe geben, ehe sie nicht die Schweinehalluzination zu ihrer Zufriedenheit gelöst hatte. Inge griff nach einem Besen. „Wo sind die Schweine denn?“
„Na, sind sie blind? Direkt vor ihrer Nase“, erwiderte Frau Winkelberg empört.
„Jetzt sehe ich sie“, gab Schwester Inge zurück, um Frau Winkelberg nicht weiter aufzuregen. Diese Biester wurden einfach aus dem Zimmer gekehrt.
Eine Viertelstunde später, Inge kochte gerade Milchsuppe für die Bewohner der Pflegestation, erschien Frau Winkelberg erneut. Ihre großen ödematösen Tränensäcke klebten an ihrer Brille.
„Inge, haben sie ein flaches Schälchen für mich?“
„Wofür? Haben die Schweine Durst?“
„Nein! Aber der Hund kann doch nicht aus der Flasche trinken!“
Schwester Inge nickte bedrückt. Demenz, wahnhafte Schizophrenie. Furchtbare Diagnosen. Eines jedoch brachte Frau Winkelberg meist in die Realität zurück. Der Duft von Flieder und Lavendel.
Sie führte die ältere Dame in ihr Zimmer zurück. Entzündete eine Duftlampe, träufelte Lavendelöl ein und setze sich zusammen mit ihr an den Tisch.
Kurze Zeit später legte sich ein zartes Lächeln auf Frau Winkelbergs runzelige Züge.
„Danke Inge. Genau das hat mir gefehlt. Manchmal ist mein Gehirn ganz vernebelt, aber wenn ich Lavendel rieche, weiß ich wieder, wer ich bin. Gerlinde Winkelberg, 91 Jahre alt, ehemalige Parfümeurin aus Regensburg.“
„Das ist schön, Frau Winkelberg“, erwiderte Inge erfreut.
„Schwester Inge! Sie müssen das Kind aus der Wand holen! Es schreit!“

Wahre Geschichte. Passiert 1992