Der Lügner
»Cause I’m a wild god flying and a wild god swimming
And I’m an old, sick god dying and crying and singing«
Eine gute Woche nach der Veröffentlichung des Videos saß Christian Pfeiffer im Wohnzimmer seiner Zwei-Zimmer-Wohnung in einem alten Ikea-Sessel und starrte auf das Weinregal in der Ecke. Er hatte dort Mineralwasserflaschen einsortiert, er kaufte nur solche aus Glas, der Optik wegen. Die Anlage spielte Wild God von Nick Cave in Endlosschleife, als wäre in den kryptischen Textzeilen ein tieferer Sinn verborgen, einer, der ihm helfen konnte auf seiner Suche. Das Lied endete und begann von neuem.
»Once upon a time a wild god zoomed
All through his memory, in which he was entombed.«
Eingesperrt in ein Grab aus Erinnerungen, dachte Pfeiffer. Erinnerungen an die Zeit, da das Regal Weinflaschen beherbergt und jede Woche eine preisgegeben hatte. Erfolgreiche Zeiten, bis aus einer Weinflasche zwei geworden waren, dann drei und er irgendwann aufgehört hatte, sie einzusortieren, weil sie billig waren und schnell getrunken. Nie wieder, dachte er, nie wieder, und seine Finger zitterten.
Er stand auf, ging in die Küche und machte sich Kaffee, so stark, dass der Löffel in der Tasse stehen konnte. Das hatte Maria manchmal gesagt, wenn sie ihn besuchen kam.
»Willst du damit Tote aufwecken, Papa?«
Nie wieder würde er sie im Stich lassen. »Sie ist am Leben«, diesen Satz wiederholte er in seinen Gedanken, immer noch am Leben, und die gottverdammte Polizei hatte keine Ahnung, wo sie war. Seit einer Woche hing er am Telefon, wartete täglich auf dem Revier, wurde abgespeist und als Bitten und Drängen vergeblich geblieben waren, hatte er mit schlechter Presse gedroht. Nun, das war längst eine leere Drohung geworden. Konstantin Magnus hatte ihn heute Morgen rausgeschmissen. Nicht offiziell natürlich, er hatte bezahlten Sonderurlaub bekommen, aber das war nur eine Galgenfrist, bis die Aufregung sich legte. Christian Pfeiffer war die Karriereleiter rückwärts herunter gerutscht und es war ihm egal. Solange Maria zurückkam.
Mit der Kaffeetasse in der Hand suchte er im Flur nach seinem Notizbuch, fand es in der Manteltasche und durchkämmte die Telefonnummern. Ein Kontakt bei der Polizei fiel ihm ins Auge, nicht aus Frankfurt, sondern aus Offenbach, aber das konnte reichen. Ein Gefallen für eine frühere Gefälligkeit. Zehn Minuten später saß Pfeiffer im Auto, im Navi die Adresse des Hotels, in dem die Bergers untergetaucht waren.
»He was a wild god searching for what all wild gods are searching for
And he flew through the dying city like a prehistoric bird.«
Frankfurt hing an diesem Dienstagnachmittag in einer frühherbstlichen Wolkentristesse fest, es nieselte, als Pfeiffer in die Stuttgarter Straße im Bahnhofsviertel einbog. Für einen wohlhabenden Reiseveranstalter war es ein ärmliches Hotel, in dem sich Richard Berger und seine Frau Dorothea einquartiert hatten. Wie geschaffen für Geschäftsleute, denen die Firma nur eine bescheidene Unterkunft zahlen wollte, aber auch nur ein paar Schritte vom vierten Frankfurter Polizeirevier und dem Bahnhof entfernt. Schutz und Flucht, dachte Pfeiffer, die Bergers schienen Angst zu haben. Und das zurecht. Obwohl es schon nach wenigen Minuten vom Account der FGZ gelöscht worden war, war das Video viral gegangen, hundertfach kopiert, neu gepostet. Die Behörden hatten alle Hände voll zu tun, die öffentlichen Kanäle zu kontrollieren und trotzdem war die Adresse der Bergers publik geworden. Über so viel Reichweite und Aufmerksamkeit konnte jeder Journalist neidisch werden. Der Anrufer hatte gewusst, was er tat und was er auslösen würde. Er hatte seine Opfer sorgfältig gewählt, daran zweifelte Pfeiffer nicht, wenn er sich auch keinen Reim darauf machen konnte, was dieser Verrückte ihm genau vorwarf. »Ihr Journalisten kümmert euch nicht um die Probleme der Menschen. Und wenn ihr es doch tut, dann nur aus Eigennutz und zu spät.« Das war ähnlich unspezifisch wie die Tirade gegen Richard Berger, nachdem der Bärtige sich erschossen hatte und doch musste darin irgendein Hinweis stecken.
Pfeiffer stellte sein Auto am Straßenrand ab und betrat das Hotel, als wäre er ein gewöhnlicher Gast. Er schritt durch das Foyer, vorbei an einer grauen Sitzecke, nickte der Rezeptionistin zu und nahm dann die Treppen hinauf in den dritten Stock. Zimmer 319, sein Kontakt bei der Offenbacher Polizei hatte sich als nützlich erwiesen. Er klopfte.
»Wer ist da?«, wollte eine Männerstimme wissen.
»Christian Pfeiffer. Ich bin der, der gezwungen wurde, das Video zu veröffentlichen. Das andere Opfer dieses Verrückten. Lassen Sie uns reden, Herr Berger.«
Sekunden verstrichen.
»Machen Sie auf. Sie werden niemanden finden, der Ihre Situation besser versteht.« Das Schloss klackte und die Tür öffnete sich ein Spalt breit.
»Das letzte Mal war es eine schlechte Idee, einem Fremden zu öffnen«, sagte das runde, bleiche Gesicht des Reiseveranstalters. Er trug keinen Anzug und erst recht keine alberne Euro-Krawatte mehr, sondern eine schlichte Jeans und ein zerknittertes, graues Polo-Shirt.
»Ich werde Sie weder filmen noch mich erschießen«, sagte Pfeiffer, dem der kleine untersetzte Mann mit den nervösen Augen mit einem Mal seltsam unsympathisch war. Er konnte nicht sagen, was es war, aber irgendetwas an Richard Berger verströmte den Gestank von Schuld, einer unbeglichenen Schuld, die sich hinter einer glattgebügelten Vorstadtmiene verbarg. Nach kurzem Zögern und nachdem er seinen Gast von Kopf bis Fuß beäugt hatte, machte der Reiseveranstalter Platz und trat zur Seite.
»Sie sind also der Mann, der mein Leben ruiniert hat«, sagte Berger, der mit verschränkten Armen vor dem Kleiderschrank stehen blieb. Er wirkte nervös und seine abwehrende Haltung unsicher. »Wollen Sie etwas trinken?«, setzte er hinzu, als spürte er, dass seine Eröffnung zu weit gegangen war. »In der Minibar gibt es Bier.«
»Nein, danke. Wo ist Ihre Frau?«
»Beten, seit ein paar Stunden schon. Wie jeden Tag. In einer Kirche auf der anderen Seite des Bahnhofs. St. Antonius, glaube ich. Sie kann das Hotel verlassen, sagt die Polizei, weil sie nicht mit auf dem Video war. Aber das wissen Sie natürlich, Sie haben die Aufnahme schließlich als Erster gesehen.«
Wieder klang Berger anklagend, als wäre alles Übel Pfeiffers schuld. Der hob die Augenbrauen, wie er es immer tat, wenn ein Mensch etwas Absurdes sagte. Oder etwas Dummes.
»Hätten Sie das Video nicht hochgeladen, wäre alles gut«, fuhr Berger fort. »So kann ich mein Geschäft dicht machen. Niemand bucht Flugreisen bei jemandem, der von einem Verrückten verfolgt wird. Von den Hasskommentaren ganz zu schweigen.«
Kein Wort von dem Toten, keines über das Los seiner armen Frau, dachte Pfeiffer. Das Erste, was dieser Richard Berger ihm gegenüber beklagte, war das Geld, das er verlor.
»Ich wurde gezwungen, das Video hochzuladen.«
»Habe ich gehört und Sie können ruhig wissen, dass ich die Geschichte Ihrer Tochter nicht glaube«, unterbrach Berger, der zwischen den Sätzen immer wieder kaum merklich mit dem Kopf nickte, als wollte er sich selbst bestätigen. »Die Polizei hat mir alles erzählt.«
»Und das wäre?«
»Dass Ihre Tochter nur in die Luft geschossen und dann die Waffe fallen lassen hat. Eine Schreckschusspistole. Vielleicht steckt sie ja mit diesem Verrückten unter einer Decke? Sie wollte sich gar nicht umbringen, ist stattdessen in einen Van gestiegen und abgehauen.«
Sie wurde entführt, du dummes Arschloch, wollte Pfeiffer erwidern, doch dazu war er zu professionell.
»Was ist mit den zehntausend Euro? Warum haben die beiden ausgerechnet zehntausend von Ihnen verlangt?«
»Keine Ahnung, wirklich«, antwortete Berger.
Pfeiffer wusste, dass er log. »Denken Sie nach«, sagte er mit Nachdruck und trat einen Schritt auf sein Gegenüber zu. »Das war keine zufällige Summe. Was ist mit Ihren Geschäften?«
»Was soll damit sein? Denken Sie, ich hätte alle Bücher im Kopf? Ich glaube es ist besser, Sie gehen zurück zu Ihrer Zeitung, wenn Sie nach Geschichten suchen.«
Richard Berger wollte zur Zimmertür treten, doch Christian Pfeiffer versperrte ihm den Weg. Ärger stieg in dem Journalisten auf, Wut auf den selbstsüchtigen Lügner. Es ging um Maria und dieser kleine, feiste Feigling hockte in seinem Hotelzimmer, war zu nichts nütze und warf noch mit Anschuldigungen um sich.
»Ich brauche Antworten, Herr Berger und ich gehe nicht ohne.«
»Und ich sage, Sie verlassen sofort dieses Zimmer.« Die Tonlage des Reiseveranstalters wurde eine Spur höher, doch das nahm Pfeiffer nur unterbewusst war. In seinem Kopf begann Nick Cave zu singen.
»Oh, well, he’s moving through the flames of anarchy
And he’s moving through the winds of tyranny
And the sweet, sweet tears of liberty.«
Noch ein Schritt näher, dann schlug Pfeiffer zu. Er war kein Boxer, hatte nie Kampfsport betrieben, doch er legte seine ganze Wut in seinen Arm. Schmerz zuckte durch seine Faust, Richard Berger taumelte zurück, prallte gegen den Kleiderschrank, dessen Türen gefährlich an den Rahmen knallten. Pfeiffer setzte nach, packte ihn am Kragen.
»Zehntausend Euro. Ich will wissen, warum es zehntausend waren und erzähle mir keine Scheiße mehr darüber, dass du ruiniert bist oder dich nicht erinnerst.«
Pfeiffer wusste nicht, was er getan hätte, wenn sich Berger weiterhin geweigert oder sogar gewehrt hätte, doch in diesem Moment klingelte sein altes Tastentelefon. Er ließ von Berger ab, diesen aber nicht aus den Augen. Eine unbekannte Nummer erschien auf dem Display, Pfeiffers Hand zitterte leicht, als er die grüne Hörertaste drückte. Der Anrufer legte sofort auf. Sekunden später traf eine SMS ein.
Christian Pfeiffer, es freut mich, dass Sie und Herr Berger sich endlich kennen gelernt haben. Wir sollten uns zu dritt unterhalten. Keine Polizei. 50.08685303817953, 9.131339658336437
PS: Grüße von Maria. Und geben Sie Herrn Berger einen dicken Kuss von seiner Frau.