Winter 1632

Ich war in einer Ausstellung, die sich unter anderem mit dem Dreißigjährigen Krieg beschäftigte. Das Thema ließ mich das ganze Wochenende nicht mehr los, also habe ich versucht darüber zu schreiben.
Historisch angesiedelte Geschichten sind für mich absolutes Neuland. Dies ist mein erster Versuch, also eher ein Schreibexperiment.

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Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Das ist wahnsinnig gut geschrieben. Fünf Seiten die mich echt beeindrucken. Rundum. Null zu „mosern“.
Danke dir fürs Teilen. :+1::fairy:

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Wirklich, wirklich gut.

Ruhiger Aufbau, tolles (nach meinem empfinden realistisches) Setting. Unaufgeregt mitziehend.

Allein: Den ersten Satz würde ich hinter den zweiten stellen. Für mich wäre das dann ein unmittelbarer, noch direkterer Einstieg.

Toll gemacht!

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Gefällt mir auch richtig gut. Man spürt, dass dich das Thema gepackt hat. Du schreibst so, als wärst du dabei gewesen.

Den Tipp von @michel kann ich gut nachvollziehen, aufgefallen wäre es mir nicht. Ein guter Hinweis, so wird man gleich in die Geschichte reingezogen.

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Experiment? Alter Schwede, dann ist es aber sowas von gelungen, mir fehlen auch die Worte!
Wunderschön geschrieben auf eine manchmal fast schon poetisch anklingende Weise, völlig unaufgeregt und doch spannend und mitreißend. Hier ist man wirklich mitten dabei.

Die beiden ersten Sätze auszutauschen, wäre eine gute Idee, das denke ich auch. Und statt ‚Alles wurde in diesen Tagen gespart‘ würde ich ‚An allem wurde in diesen Tagen gespart‘ schreiben, aber das sind Peanuts.
Ein echt toller Text!

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Hi,

müsste es hier: das Kind zwischen ihnen liegt unter einer
schweren Wolldecke.
nicht lag heißen?

Am Anfang stören mich die Fahrrinnen, die herumliegen. Ich verstehe unter Fahrrinnen eingedrückte Spuren. Verstehe ich das falsch?

Ansonsten: Toll!

Mich freut sehr, hier einen historischen Text zu lesen und dann auch noch so einen gelungenen. Die Atmosphäre in einem Dorf, irgendwo inmitten des Krieges fängt der Text sehr stark ein. Er ist unaufgeregt und trotzdem eindringlich. Umso interessanter finde ich es, auf die Details zu gucken, denn ein paar Gedanken/ Auffälligkeiten / Stolperstellen gab es für mich da. Vorab aber: Das folgende ist persönliches Empfinden und bedeutet keinesfalls, dass der Text nicht sehr gelungen wäre.

Mit dem Einstieg, das hat Michel bereits geschrieben, könnte man experimentieren. Ich würde versuchsweise folgenden Abschnitt einmal an den Anfang als Einstieg stellen:
Hans Wülfing stand noch vor Tagesanbruch im Hof und prüfte das Holz unter dem Dach des Schuppens. Er hob ein Scheit an, klopfte dagegen und schüttelte den Kopf. „Zu feucht“, murmelte er. Danach könnte die Beschreibung der Szenerie kommen.

Es gibt ein paar Stellen, die nach meinem Empfinden das Mitteilungsbedürfnis des Autors stärker in den Vordergrund stellen als die Stimme der Figuren. Zwei Beispiele, eines positiv, eines (nach meiner Meinung) verbesserbar.
Positivbeispiel: Sie saß nahe der Herdstelle und nähte schweigend an einem groben Leinenhemd. Ihre Finger waren rot von der Kälte. „Die Nadel bricht bald“, sagte sie. Grete setzte einen alten Topf Wasser über das Feuer. „Näh vorsichtig, sie muß halten.“
Positiv, weil das ein Dialog ist, den die Figuren mit ihrem Wissen so führen könnten. Es wird nichts unnötiges vom Autor erklärt (Nadeln waren teuer o.ä.), alles wichtige geht aus der Geschichte hervor. Streichen würde ich allenfalls das Wort schweigend, weil sie ja schon im übernächsten Satz von sich heraus spricht.
Verbesserbar meiner Meinung nach dagegen ist folgende Stelle: Dann sagte Johann leise: „Heute kamen wieder Soldaten durch den Winterhagen.“
Peter hob den Kopf. „Welche?“
„Niemand weiß das mehr genau. Manche tragen kaiserliche Farben, manche schwedische,
manche gar keine mehr.“ Er legte das Eisen erneut in die Flammen. „Hungrige Männer sehen alle gleich aus.“ Das Feuer knisterte dumpf. Peter dachte an Grete und das Kind oben im Haus. An die
wenigen Säcke Korn im Speicher. An die zwei Ziegen hinter dem Stall. Ein einziger Trupp
Soldaten konnte eine Familie ruinieren.
Hier wirkt es auf mich so, als würde der Autor Dinge ergänzen, weil sie eben interessant sind. Sie stören für mich aber den Text. Das erste was mir auffällt: Johann sagt leise, dass Soldaten durch Winterhagen gekommen sind. Er wird als Mensch vorgestellt, der nachts allein in seiner Schmiede arbeitet. Er spricht leise. Er ist vom Krieg geprägt, von Leid und Entbehrung, wie alle um ihn herum. Das alles impliziert einen eher wortkargen Menschen. Auch die Antwort von Peter ist wortkarg. („Welche?“) Johanns Erwiderung dagegen ist da fast schon ausschweifend. „Niemand weiß das mehr genau. Manche tragen kaiserliche Farben, manche schwedische, manche gar keine mehr.“ Warum sollte er sagen, dass niemand das mehr weiß? Dass der Krieg undurchschaubar und verworren ist, weiß sein Gegenüber. Ein einfaches „Weiß keiner.“ würde aus meiner Sicht daher alles transportieren, was Johann in dieser Situation zu sagen hat. Dass es auch sonst keiner mehr weiß, wirkt auf mich wie eine Info vom Autor an das Publikum. Ebenso der lange erklärende Zusatz ("Manche tragen kaiserliche Farben, manche schwedische, manche gar keine mehr.“)
Würde man das runterbrechen auf den starken Satz in der Szene („Hungrige Männer sehen alle gleich aus") würde die Szene genauso funktionieren und sie wäre für mich lebendiger, passender. Also:
Dann sagte Johann leise: „Heute kamen wieder Soldaten durch den Winterhagen.“
Peter hob den Kopf. „Welche?“
„Weiß keiner.“ Johann legte das Eisen erneut in die Flammen. „Hungrige Männer sehen alle gleich aus.“

Ähnliches gilt für die Fortsetzung des Abschnitts, diesmal außerhalb des Dialogs.
Das Feuer knisterte dumpf. Peter dachte an Grete und das Kind oben im Haus. An die
wenigen Säcke Korn im Speicher. An die zwei Ziegen hinter dem Stall. Ein einziger Trupp Soldaten konnte eine Familie ruinieren.
Der letzte Satz ist m. E. eine Erklärung des Autors, die sich ein bisschen wie aus einer Erklärtafel liest. Ich würde ihn streichen, er ist durch das Vorherige schon transportiert. Er nimmt den vorherigen Sätzen sogar etwas von ihrer Bedrohlichkeit. „Jemand ist ruiniert“ ist m. E. eine schwache Beschreibung, das wird so oft verwendet, dass der wirkliche Ruin für mich nicht greifbar ist. Wenn ein Mensch angesichts von anrückenden Soldaten dagegen an seine Kinder denkt, an die Kornsäcke, an die Ziegen im Stall, beginne ich als Leser zu fühlen, was er fürchtet. Er fürchtet mehr als ruiniert zu sein. Er fürchtet Hunger, Tod, Vergewaltigung.

Ergänzend zum Vorherigen könnten auch an anderen Stellen erklärende Begleitsätze gestrichen werden und den Text dadurch stärken. Gestört hat mich zum Beispiel:
Auf den freien Höfen geschah dasselbe. Johann vom Born ließ zwei Fässer Hafer im Wald vergraben. Tilman Straßweg trieb seine bessere Kuh zu Verwandten hinter die Höhen von Weilershagen. Niemand sprach offen darüber. Aber alle taten es. Der Krieg hatte die Menschen vorsichtig gemacht. Und heimlich.
Das Fettgedruckte könnte m. E. weg, der Text hat diese Erklärung nicht nötig, weil er für sich genommen ausdrucksstark ist.

Sprachbilder/ Beschreibungen wiederholen sich hier und da, zwei Fälle sind mir in Erinnerung geblieben. Am Anfang ist es der Geruch nach Rauch, später sind es die hungrigen Männer, die alle gleich sind. Dieser Satz ist einmal stark als Johann ihn sagt. Er wird schwächer als der Fuhrmann ihn fast wortgleich wiederholt. Danach folgt mit „Das sagte man inzwischen oft in diesen Tagen.“ so etwas wie eine Erklärung des Autors, dass dieses Sprachbild jetzt zum zweiten Mal auftaucht.

So viel zu meinen spontanen Eindrücken. Und weil (ich) als Autor nach fünfmal Lob und einmal Kritik selber nur die Kritik sehe, nocheinmal in aller Deutlichkeit: Dem Lob der anderen schließe ich mich voll an, es hat Spaß gemacht den Text zu lesen. Vielleicht müssen historische Geschichten ja kein Experiment bleiben :wink:

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Sehr schöne und detaillierte Analyse mit konstruktiven Vorschlägen für einen schon gelungenen Text. Vor allem der Ratschlag in Richtung “Weniger ist mehr” ist besonders wertvoll, da der Text an vielen Stellen nicht merhr die erläuternde Stimme des Autors braucht. :+1:

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