Weniger ist manchmal mehr
„Weißt du, auf die Sprachnachricht deiner Schwester könntest du wirklich anders reagieren, als nur eine WhatsApp zu schreiben. Sie denkt, du willst nicht mit ihr reden“, wirft meine Mutter mir mit diesem besonderen, leidvollen Zittern in der Stimme vor, während sie sich ihre, vom Alter gezeichneten, knotigen Fingergelenke reibt. Sie wirkt klein und zerbrechlich, auch wenn alles in ihr dagegen aufbegehrt.
Meine Schwester hat absolut Recht. Genau das habe ich vor einigen Monaten im Vollbesitz meiner geistigen Urteilsfähigkeit durchs Telefon gebrüllt, und da stand meine Mutter direkt neben mir.
„Ja. Ich rede immer noch nicht mit ihr. Das weißt du auch. Ich habe kein Bedürfnis danach.“
„Du musst nicht gleich so aggressiv reagieren!“
Nicht aggressiv, nur entschieden. Tut immer wieder gut, denke ich. „Sie redet lieber und ich schreibe lieber. Sei doch froh, dass wir überhaupt wieder Kontakt haben.“
„Bin ich ja, aber du könntest doch wenigstens…“
„Nur weil sie, wie du, gern Leute zutextet und Sprachnachrichten schickt, muss ich das nicht tun! Mir reichen die geschriebenen Kurznachrichten. Und von Zweizeilern tun mir, im Gegensatz zu ihr, die Finger nicht weh. Wäre bei mir auch echt kontraproduktiv.“ Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Ihr strafender Blick sagt: Der Nachsatz war vollkommen daneben. Dann kehrt sie zu ihrem Anliegen zurück. „Aber das kann doch nicht so bleiben!“
„Doch, dass kann so bleiben! Und das sollte es auch. Vielleicht ändert es sich irgendwann wieder. Ganz langsam. Wir werden sehen. Keiner in dieser Familie braucht noch einen Streit und sie darf sich sowieso nicht aufregen. Also kann das, was war, nicht ausgeräumt werden.“
„Genau deswegen ja! Du musst es abhaken. Sie ist eben so.“
„Tut mir leid. Das kann ich nicht. Ich lasse mich von niemandem mehrfach, und erst Recht nicht im Beisein meiner Kinder, beleidigen und beschimpfen! Weder von ihr, noch meinem Schwager! Schon gar nicht, wenn ich für die Interessen meiner Kinder eintrete. Wir erziehen sie dazu, respektvoll mit anderen Menschen umzugehen, und sich von niemandem respektlos behandeln zu lassen. Was wäre ich für ein Vorbild, wenn ich Wasser predigen und Wein trinken würde?“
So eins wie meine Mutter, denke ich wütend. So eins mit zweierlei Maß. Ich bin es so leid!
Ich will nur noch meinen Frieden, denke ich auch jetzt wieder und merke, wie es in meinem Inneren brodelt. Meine Mutter wirkt wie Spiritus und Grillanzünder gleichzeitig auf mich, wenn es um meine Schwester geht.
Meine Schwester. Sie darf sich wegen irre vieler diagnostizierter Leiden nicht aufregen, weil es für sie Lebensgefahr bedeuten kann. Jeder nimmt daher seit Jahren auf sie Rücksicht. Sie aber Jahr für Jahr weniger auf andere. Ich könnte mich ohne Probleme rund um die Uhr über alles Mögliche und Unmögliche aufregen. Über fehlende Dankbarkeit, Achtsamkeit, Nachsicht, Geduld…
Doch egal, ich habe dazu nichts zu sagen. Es steht mir einfach nicht zu. Im Angesicht des Leidens meiner Schwester, sind alle Kollateralschäden hinzunehmen. Seit ich sie kenne, auch ohne diagnostizierte Krankheiten, regte sie sich über alles und jeden auf, auch über Sachen, die hatte ich noch nicht einmal auf meiner Agenda, weil sie meine Person nicht betrafen. Und wenn doch, reichte mein Bewusstsein oft gar nicht so weit zurück, dass ich etwas zu ihren Erzählungen, Aussagen oder Ansichten hätte sagen können und wollen. Sie hat mir einige Jahre Leben mit unseren Eltern voraus. Ich ihr dafür die Erfahrung von Trennung und Scheidung, nachdem sie bereits ausgezogen und verheiratet war, die Erfahrung von einem Leben, mit unserer Mutter allein. Bis heute sprechen unsere Eltern kein Wort miteinander. Dabei ist mein Vater mittlerweile über zwanzig Jahre in zweiter Ehe verheiratet. Trotzdem nehmen die Berge an Dreckwäsche aus längst vergangenen Zeiten irgendwie nicht ab.
Und ich bin es so leid. Ich bin so erschöpft und bin nicht bereit, mich, meine Kinder und meinen Mann dem weiter auszusetzen.
Deswegen sieht meine Mutter mich jetzt auch mit ihren wässrigen hellgrauen Augen, und den in jede Falte ihres blassen Gesichtes gemeißelten bald 80 Jahren, so vorwurfsvoll und leidend an, wie sie nur kann. Sie kann es wirklich gut. Sehr gut sogar. In ihrem Blick liegt nicht nur ein: nimm Rücksicht ich bin alt, wer weiß wie lange ich noch habe, ein: das halte ich nicht mehr aus, auch ein: dein Vater hat mich verlassen, seither ist mein Leben ein Scherbenhaufen, das weißt du ganz genau, dazu noch ein: wie konntest du mich auch noch verlassen, und dann noch dieses: deine Schwester ist todkrank, sie kann jederzeit sterben! ALSO HÖR AUF, UNS ÄRGER, UND MIR DAS LEBEN SCHWERER ZU MACHEN, ALS NÖTIG! FUNKTIONIERE! SEI NICHT SO EGOISTISCH! DU WEISST DOCH WIE SIE IST!
Sie hat diesen Blick in den Jahren meiner Existenz so weit vervollkommnet, dass ich gar nicht mehr überlegen brauche, was sie von mir erwartet. Ich atme ihre unausgesprochenen Sätze ein und versuchte mein Bestes, ihrem Weg zu neuem Glück nicht im Wege zu stehen. Aber sie glücklich machen, das kann keiner. Niemand. Ich nicht. Andere nicht. Unmöglich! Denn sie leidet einfach viel zu ungebremst und intensiv. Das tut beim Zusehen körperlich weh. Der Lieblingssatz meiner Mutter : So, nun ist aber genug! Genau dieser Satz, mit dem sie jede Diskussion zu ihren Bedingungen beendet, der gilt dabei nicht, aber ich höre ihre Stimme, genau diesen Satz, jetzt in meinem Kopf.
Für mich ist es genug. Das Fass ist übergelaufen. Ich bin scheinbar immun.
Mein eigenes, kleines Leben ist schön, voller Wunder, Dankbarkeit, aber auch Großzügigkeit. Ich habe nur das eine wie alle anderen um mich herum. Ich teile es gern mit allen, wenn es Lachen, Gemeinsamkeit, Zusammenhalt und Kraft schenkt.
Wie hat ein Freund meiner Mutter mal gesagt: „Manche Menschen schenken Kraft und andere kosten sie.“ Er hatte leider Recht.
Schade, dass ich dazu neige meinen eigenen Kopf zu haben, eigene Ansichten und meine Zunge immer schneller ist, als mir guttut. Schade, dass ich dieses Brodeln nicht mehr unterdrücken kann, denn ob ich will oder nicht, schon schäume ich über, wie eine gut geschüttelte, zimmerwarme Champangnerflasche, aus der der Korken unkontrolliert entweicht.
„Was willst du eigentlich von mir? Schau dich und dein Verhältnis zu deiner Schwester an! Da sage ich auch nichts dazu!“
„Das ist was anderes! Das kannst du nicht vergleichen! Das ist komplizierter. Sie hat mir gesagt, ich wäre nicht ihre Schwester.“
„Genau, und weil meine Schwester es charmanter verpackt hat, ist es nicht so schwerwiegend wie bei dir? Ja, liebste Mutti, ich bin absolut dankbar, dass sie mir nur gesagt hat, sie kann nicht verstehen, wieso ich bisher keinen Gentest habe machen lassen, um endlich den Nachweis zu erbringen, dass ich von unserem Vater bin. Jahre, nachdem er mir selbst gesagt hat, dass er den Beweis nicht braucht und es zwischen ihm und mir nie wieder Thema war.“
„Aber wenn er bei ihr… Er…“
„Ich habe dir gesagt, ich habe ihn darauf angesprochen und es ihm wieder angeboten! Er hat mir mehrfach versichert, er hat mit ihr überhaupt nicht über das Thema gesprochen. Seine Frau ebenfalls. Ich bin für ihn seine Tochter, genau wie sie. Unabhängig davon, ob er sich sicher ist, dass du ihn irgendwann später betrogen hast. Er war sauer auf dich, als er mir an den Kopf geworfen hat, ich wäre nicht seine Tochter. Er wollte dich verletzen! Das gibt er zu. Und es ist ihm gelungen. Du sagst selbst, er hätte überhaupt keinen Grund gehabt an deiner Treue zu zweifeln. Also warum in der Welt, sollte ich ihm und dir nicht glauben, wenn ihr euch in diesem Punkt wenigstens einig seid? Er will den Test nicht. Ich will den Test nicht. Und wer außer uns, sollte ein vergleichbar großes berechtigtes Interesse haben? Außerdem bin ich ihm zu ähnlich um wirklich Zweifel zu haben. Meine Fingernägelform gleicht seiner, genauso ähnelt sich unsere Fußform, unsere Oberarme, Augen, Zähne, Sommersprossen. Man braucht ihn und mich nur ansehen um zu wissen, dass ich seine Tochter bin.“
„Das sag ich ja!“
„Aber sie nicht! Sie rührt immer wieder in alten Sachen herum von denen ich nichts weiß! Sie findet ich solle den Test für euch und mich machen! Aber für mich macht das alles nur noch kaputter, als es sowieso schon ist! Ich soll mich Zweifeln stellen, die ich überhaupt nicht in mir trage. In ihren Augen steht ihr alles zu und mir nur das, was sie mir freiwillig überlässt. Mach doch die Augen auf! Theater wegen der letzten Ruhestätte unseres Katers, den ich vor -zig Jahren bei Frost und Schnee einfach unter einem Baum im Garten begraben habe. Wegen einer Baumfällung, einer Haushaltshilfe für dich, dem Altersheimplatz für dich in ihrer Nähe. Vatis Grundstück mit Haus wird verkauft werden. Bringt ja nur Unglück. Eure letzten Ruhestätten werdet ihr an ihrem heutigen Wohnort finden, nicht in eurer Heimatstadt, zu der sie nie einen Bezug hatte.“
„Das ist ihr eben alles wichtig. Wo ich beerdigt werde ist mir egal, ihr seid ja beide nicht mehr da. Aber ins Heim gehe ich niemals! Kommt gar nicht in Frage!“
„Das weiß ich.“
„Das wäre alles anders…“
„Wenn wir dageblieben wären. Ja, manches wäre anders und wohl auch leichter. Das zwischen ihr und mir wäre es wohl eher nicht. Sie wäre nie zurückgekommen.“ Aber du hättest, was du wolltest. Kinder und Enkel gleich über die Straße, denke ich. Ich bin diese Gespräche so leid. Noch fünf Tage, dann fährt sie wieder nach Hause. Ich hasse mich für diesen Gedanken. Wenn wir geblieben wären, gäbe es solche Zeitrechnungen nicht, das weiß ich. Für alle wäre es angenehmer, aber ich säße weiter zwischen den Stühlen, denn so war es vor meinem Umzug, so war es die ganzen Jahre. Egal, was ich versuche, die Situation zu ändern, es bringt rein gar nichts!
Ich bin erschöpft. Es macht mich krank, denke ich, aber es geht nicht über meine Lippen.
„Hör bitte einfach auf, zwischen uns vermitteln zu wollen. Freu dich jetzt hier bei uns zu sein und wenn du bei ihr bist freu dich darüber. Nimm einfach hin, dass für mich momentan weniger mehr ist.“
Ich sage es, und ich weiß, dass sie es nicht kann. Aber das ist eben Familie, manchmal weniger und manchmal mehr.