Seitenwind Woche 7: Mach eine Szene!

Nachbarn

Entweder nutzt man sie oder nutzt sie aus, oder man hilft. Manchmal geniesst man auch zusammen, was dann zu einer Gegeneinladung führen muss.

Eigenbrötler mögen sowas nicht. Zeitaufwand sowohl für die Speisen, wie auch für das zeitfressende heitere Geplapper …und das Aufräumen und Abräumen.

Hugo war ein Eigenbrötler in der kleinen Küche seiner sehr kleinen Wohnung, die er liebevoll Freiheit nannte .gelegentlich sah man Apotheken Zeitschriften auf seinem Küchentisch und zum Abendessen gab es auf jeden Fall Fussball.

Und genau an diesem Sonntag wollte Hugo Speckeier machen. Nun hatte er keine Eier mehr.

Da war Nachbarschaftshilfe vonnöten.

Und warum er ausgerechnet in den dritten Stock ging zu Erich?

Weil der Rest der Nachbarn ausgeflogen waren.

Zum Schamanen oder Alchemisten oder Hexer wollte er wirklich nicht gehen, und um Eier betteln.

Der Erich war für Hugo suspekt.

Er war nie modisch gekleidet, hatte keine Frau und ging auch nie zum Sonntagsgottesdienst.

Was Hugo noch nicht wusste ist, dass er heute zum Rettungsengel für Erich wird, ohne eine Ahnung.

Erich hatte einige Stunden zuvor Nux Vomica mit Muskat verwechselt und aus Muskat eine sehr kräftige Lösung angerichtet. Erich war in einer schlechten Verfassung. Er taumelte, konnte sich kein Mineralwasser eingiessen und sah seine Umgebung verschwommen.

Dann ausgerechnet klingelt der nervige Hugo an der Tür mit einer blöden Frage.

„Hast du Eier?“

Erich schlurft schwankend zur Küche ,sucht, kramt und sagt:

„Ei-gentlich schon.“

Für Hugo war das schon eine Einladung, obwohl er dachte, dass Erich volltrunken war. Für Hugo war das kein Problem, denn diesen Zustand kann man mit Essen bezwingen.

Hugo kommt in die vollgestellte Wohnung oder Hexerküche von Erich, fühlt sich wohl und beginnt zu kochen, so als wäre er daheim. Erich liegt mittlerweile ausgestreckt auf dem Rücken auf seinem zu kurzen Sofa und schnauft.

Hugo kochte. Leider konnte er die Gewürze nicht so ganz von Pfeffer und Salz unterscheiden. Hauptsache es schmeckt. Dass er dabei auch in den Schrank mit der Homöopathie griff fiel ihm gar nicht auf.

Durch die Geräusche in der Küche und die schönen Aromen hat Hugo den Erich nicht wahrgenommen. Der war kurz vor Exitus. Hugo hörte nichts, wuselte weiter in der Küche und war hoch erfreut über sein Gericht.

Hugo hatte seine selbst kreierte Suppe Erich gebracht, ihn sogar damit gefüttert, immer noch in dem Glauben, dass der Erich besoffen war.

Erich nahm die von Hugo gefütterte Suppe langsam und schau da, er erholte sich zusehends.

Dann verabschiedete sich Hugo.Weitere Treffen folgten.

Hugo ist jetzt Grossstadt Schamane und bester Freund Erichs.

Das Elixier der Größe

So ein maledeiter Mist aber auch. Nun hatte er vor lauter Ablenkung einen zu großen Schluck seines Elixiers zu sich genommen. Was nun passieren würde? Er wusste es nicht, aber würde es schon in naher Zukunft herausfinden. Da klopfte es bereits ein drittes Mal an der Tür, nun noch energischer als bei den ersten beiden Male. Er war versucht, nicht zu öffnen, auch in Anbetracht der nicht zu erahnenden Folgen des Elixiers, aber seine Neugier siegte dann doch. Und vielleicht war es auch gar nicht so schlecht, jemanden bei sich zu haben, sollte das Elixier ihn völlig aus seinen Lederschuhen hauen. Er öffnete die Tür und sah … niemanden.
Ein lautes Räuspern war zu hören. Wo kam das denn her?
„Ähm, hier unten, Sir.“
Sein Blick wanderte nach unten und dort stand- tatsächlich- ein Mann vor ihm. Seltsam, hatte sein Elixier so schnell gewirkt?
„Wenn ich mich vorstellen darf: Ich bin Brom Eisenhammer von den Eisenzwergen.“
Da musste er erstmal über sich selbst lachen. So schnell konnte sein Elixier ja gar nicht wirken.
„Ähm, könnte ich vielleicht eintreten? Es ist etwas kalt hier draußen.“
Oh je, wo waren nur seine Manieren geblieben?
„Selbstverständlich, treten Sie ein.“
Nachdem der Zwerg es sich vor dem Kamin gemütlich gemacht hatte und nur noch halb so erfroren aussah, fragte er den Zwerg nach dem Grund seines Besuches.
„Uns wurde berichtet, dass sie Elixiere herstellen, mit denen man seine Größe verändern kann. Wie sie sich vielleicht vorstellen können, werden wir Zwerge stets wegen unserer Größe unterschätzt. Daher wurde ich vom Zwergenrat beauftragt, sie aufzusuchen und sie um ein solches Elixier zu bitten.“
Er schmunzelte. Konnten Zwerge nun neuerdings Gedanken lesen? Was für ein Zufall, wo er doch gerade ein solches Elixier zusammengebraut und es nun ausprobiert hatte.
„Ha, ich habe gerade solch ein Elixier gebraut, aber bisher waren meine Versuche nicht von Erfolg gekrönt. Gerade, als sie klopften … hicks …oh, Verzeihung, das kommt wohl vom Elixier … hicks … gerade, als sie klopften, habe ich ein solches zu mir genommen. Puh, ist ihnen denn auch so warm hier drin?“
Er fächelte sich mit einer Pergamentrolle Luft zu, am liebsten hätte er sich von draußen etwas Schnee besorgt, um sich abzukühlen.
„Heißt das, dass sie gleich noch größer werden? Oder kleiner? Ähm, geht es ihnen gut, Sir?“
„Jaja, alles gut, das ist nur eine kleine Nebenwirkung des Elixiers, nicht der Rede wert. In der Tat wird man durch das Elixier größer, wäre also genau das, was sie suchen. Wir werden es ja gleich an mir sehen, wir müssen bestimmt nur noch wenige Sekunden …“
Und blumps, lag er auf dem Boden. Der Zwerg war zunächst erschüttert, dann völlig aus der Fassung und überlegte schon, Reißaus zu nehmen. Als er gerade auf und davon wollte, hörte er den Alchemisten stöhnen. Er beugte sich über ihn, als dieser die Augen aufschlug.
„Nanu, wieso haben sie denn von dem Elixier getrunken? Einfach in meiner Abwesenheit von meinen Tränken zu trinken, ist nicht nur äußerst unhöflich, sondern auch äußerst gefährlich.“
„Gefährlich sind ihre Tränke wahrlich, aber ich habe zum Glück keinen Schluck davon getrunken und werde es gewiss auch nie tun. Danke für Ihre Zeit, ich bin dann mal weg und komme auch nie wieder.“
Schon war der Zwerg auf und davon und über alle Berge. Merkwürdig, was hatte er denn? Und huch, wann war denn dieser andere Zwerg in seine Hütte geschlüpft?
Hach, das war ja nur sein Spiegelbild. Dann kam ihm die Erkenntnis.

Schmeckes

„Du meine Güte, wie lange dauert das denn, bis du die Tür aufmachst? Habe jetzt schon dreimal geklopft, lass‘ endlich die Klingel reparieren!“

Langsam - wie in Zeitlupe - schiebt Walter seinen Kopf durch den Türspalt. Kalter Schweiß läuft ihm von der Stirn über die Nase und bildet einen immer größer werdenden Tropfen an der Nasenspitze, der kurz darauf auf den Steinboden klatscht.
„Mir ist so schlecht, Egon. Habe wohl zu viel von dem Zeug geschluckt…“

„Geschluckt? Was hast du denn jetzt schon wieder zusammengebraut? Wieder so ein Wunderwasser gegen Fußpilz oder Hämorrhoiden? Wann begreifst du mit deinen 82 Jahren endlich, dass du kein genialer Alchemist bist und auch keiner mehr werden wirst?“

„Warum hast du nicht vorher angerufen? Tauchst hier einfach so unangemeldet auf und machst mir Vorwürfe. Und wenn du es genau wissen willst: Drei Teile Hyaluronsäure, zwei Teile Oil of Olaf und ein Schwapp Schmeckes Edelkirsch. Für straffere Haut. Den Schmeckes nur wegen dem Geschmack.“

„Du bist echt krank, Walter.“

„Und du hattest schon mal mehr Verständnis für…“

„…einen guten Freund, der immer für mich da ist. Ja, ja. Deshalb bin ich ja hier.“

„Komm‘ erst mal rein. Das Haus ist so hellhörig und die Curie aus der ersten Etage ist immer so neugierig.“

Egon zieht die Tür hinter sich ins Schloss und folgt Walter in den hinteren Teil der Wohnung.

„Setz‘ dich. Willst du was trinken? Ich müsste noch etwas Bier hier haben.“

Während Walter sich im Zimmer umsieht, greift Egon vorsichtig in seine rechte Jackentasche. Seine Finger umklammern den hölzernen Griff.
Walter steht jetzt direkt vor ihm. In der rechten Hand eine Flasche Bier, in der linken ein Glas und in der Brust das Messer.

„Drei Teile Hyaluron, zwei Teile Olaf und ein bisschen Schmeckes.“, murmelt Egon, als er auf das faltenlose Gesicht seines am Boden liegenden Freundes blickt und eilig das Haus verlässt.

Langer Atem

Es ist fast dunkel im Zimmer. Eine bescheidene Lichtquelle zaubert Schatten an der Wand.
Ich sitze in einem Stuhl und kann mich kaum bewegen. Offensichtlich bin ich nicht alleine hier.
Mit einer raschen Bewegung wird mir etwas übergestülpt, aber erkennen kann ich in der direkten Umgebung niemanden.
Versuche mich zu wehren, aber es gelingt mir nicht.
Es wird mir bewusst, dass ich in wenigen Augenblicken um die Luft ringen werde.
Eine sanfte, beruhigende Frauenstimme unterweist mich indes: „atme, atme nach innen“.
Doch diese Aussage verstehe ich nicht.

Plötzlich klopft es an der Tür und in dem Moment erwache ich.

Eine junge Krankenschwester spaziert in das Zimmer hinein.
Ich bin einer von vier Patienten, die vom Schicksal etwas einzigartig bedacht wurden.
Die Last zerquetschte meinen Brustkorb, brach alle Rippen und eine davon durchbohrte die Lunge.

Bei der Schwere der Verletzungen ist es medizinisch nicht wirklich erklärbar, warum ich noch lebe? Aber scheinbar habe ich noch eine Aufgabe zu erfüllen, hier auf Erden, denn ein Schutzengel alleine, kann solch eine Überdosis an Unheil nicht aufhalten.

Und das Elixir? Das gibt es wirklich.

Asche

Der Alchimist fährt erschrocken zurück, als er die Gestalt vor sich wahrnimmt. Das Wesen ist zwei Köpfe kleiner als er und nicht größer als ein kleiner Jugendlicher von zehn Jahren. Es ist vollständig schwarz und nur die Sklera um die dunklen Pupillen sind hell weiß. Die Pupillen bewegen sich schnell und zwei Reihen weiser Zähne werden sichtbar. „Seid ihr der Alchimist Dioptrienus?“, fragt die kleine Gestalt und ein auf der Schulter des Wesens sitzendes borstiges Etwas schüttelt sich scheinbar ob der dummen Frage. „Ich könnte der Alchimisten sein. Ein jedermann in dieser Stadt kennt den Alchimisten. Was ist Euer Ansinnen und warum stört ihr mein Handwerk?“, fragt der Meister zurück. Das dunkle Wesen mit dem seltsamen borstigen Wesen auf seiner Schulter macht einen Schritt auf die Tür zu, die der Alchimist noch immer hält. Der Alchimist tritt erschrocken einen Schritt zurück und greift nach der Tür um diese zuzuschlagen. Das Wesen, dass ein dunkler Dämon zu sein scheint, folgt ihm und ein Dunst von Rauch und kalter Asche eilt der Gestalt voraus. Die eisige Kälte des Novembers scheint ein unsichtbarer Begleiter des unerwünschten Besuchers zu sein und es fröstelt den Weisen.

Das Licht aus dem Labor fällt auf die Gestalt, die neugierig an den Meister vorbei schielt. Der Alchimist weicht einen weiteren Schritt zurück und gibt dadurch den Eingang frei. Er murmelt: „Das Elixier, zu stark es ist. Nur meine Augen heilen sollte es, aber nun gewährt es mir den Anblick von Kobolden aus der Hölle.“ Er weicht von dem Wesen zurück und gibt den Weg ins Innere des Labors preis. Es will dem Gelehrten scheinen, dass die Gestalt ihn verfolgt, sie tritt in den Raum und sieht sich neugierig um. Der große Tisch im Zentrum des Raumes mit seinen Instrumenten und Reagenzien. Dies erregt nur kurz die Aufmerksamkeit der flinken Augen, dann huschen sie über die Regale voller Schriftrollen, die bis unter die Decke reichen und die sich nun im gelblich-trüben Schein der herunter gebrannten Kerzen und der mit zuckenden Schatten vor dem Wesen zu fliehen scheinen. Meister Dioptrienus wagt kaum zu atmen, als die Gestalt die alte knarrende Tür mit lautem Knall zuwirft. Ein schwacher Lichtschein der Kerzen fällt auf die Gestalt, die ihn kaum beachtet und sich dem Kamin zuwendet über dessen Glut noch immer der Tiegel mit dem Elixier hängt. Die Gestalt auf der Schulter scheint bei jeder Bewegung des Kobolds zu nicken, auch wenn kein Rumpf der Kreatur erkennbar ist oder von dem über die Schulter geschwungenen Umhang verdeckt zu sein scheint. Es mutet an, als würde der Hals des stummen Begleiters direkt aus der Schulter des Kobolds entspringen. Meister Dioptrienus braucht zwei Atemzüge, um sich die Bedeutung der Worte bewusst zu machen, die der Kobold an ihn richtet: „Meister würdet ihr bitte Euren Topf aus dem Feuer nehmen?“, wiederholt die Gestalt. Es klingt freundlich, aber der Meister verspürt ein Drängen dem Wunsch nachzukommen. Seine Augen lassen die Gestalt nicht unbeobachtet, als er zu der Feuerstelle tritt und mit einem Eisen nach dem Griff des Topfes angelt, der in einem Haken in der Kette über dem Feuer eingehängt ist. Er langt daneben und verfehlt den Haken, der stets auszuweichen scheint. Seine tränenden Augen vermögen den Griff nicht zu fixieren. Der unheimliche Besucher sieht ihm zu und tritt entschlossen neben seinen Gastgeber: „Last mich es versuchen!“ Entschlossen greift der Kobold zu dem Eisengriff des Gefäßes und der alte Mann sieht mit großen Augen auf die schmale schwarze Hand, die ohne Zögern über die Glut der Feuerstelle greift und den Topf ohne einen Laut auf den Boden stellt. Der alte Meister starrt in den Topf, in dem sein Trank noch immer brodelt. Grün-grauer Schaum bildet sich an aufsteigenden Blasen und die Ausdünstungen nehmen ihm den Atem. „Zuviel Machangel, zu wenig von der Krötenleber.“, stellt er für sich lautlos klar.

Die Gestalt kehrt mit flinken Händen die Glut und ein paar angekohlte Scheide aus der Feuerstelle in den Aschekasten. Aufgewirbelter Ruß und Rauch nehmen dem Alten die Sicht und er muss husten. Der Kobold breitet seinen Umhang auf den Boden der Feuerstelle aus, wie der Gelehrte mit tränenden Augen bemerkt. Dann tritt er in den Kamin und nimmt mit einer flüssigen Bewegung seinen borstigen Begleiter von der Schulter und verschwindet im Kamin. Ein scharrendes Geräusch ist zu hören und dann rieselt eine große Menge Ruß und einige größere schwarze Brocken fallen auf den schwarzen Umhang. Ein lautes Poldern ertönt und der Kobold erscheint in einer Wolke aus schwarzem Ruß, der im Kamin nach oben gezogen wird. Eilig rollt er ein Tau zu einer Rolle und steckt den Arm hindurch, so dass eine Bürste über die Schulter ragt. Ein Gewicht hängt er mit einem Haken unter seinem Arm an die Rolle. Mit schnellen Bewegungen legt er den Umhang zusammen. Er fischt die noch glimmenden Scheide aus dem Eimer und schichtet sie geschickt auf der gereinigten Feuerstelle. Er entleert den Inhalt des Tuches in den Ascheeimer. Sofort klimmt das Feuer auf und lustig züngeln die Flammen an dem Holz. Ein kalter Zug frischer Luft nimmt die abgestandene Luft mit dem Rauch des Feuers nach draußen und die Kerzen brennen hell weiß. Der schwarze Kobold sieht sich um und fragt: „Meister, Ihr seid ein großer Gelehrter sagen die Leute und ihr enträtselt jeden Tag ein Mysterium. Welches Geheimnis habt ihr heute gelüftet?“ Der Meister setzt sich auf den Hocker neben dem Kamin und atmet aus: „Ich habe heute gelernt, dass die unverhofften Gäste oft neuen Wind in dunkle Kammern bringen, frische Luft oft mehr erhellt, als manche Kerze und dass die klügsten Köpfe nur sehen, was die Angst und ihre Einstellungen zu den Dingen zulassen. Heute Morgen konnten meine Augen kaum das Ende der Kammer erkennen, nun sehe ich Aufzeichnungen, die ich lange suchte.“ „Alter schwerer Rauch vernebelt die Sinne und reizt die Augen. Aber ihr hättet doch nur die Türe öffnen müssen, um besser atmen zu können.“, entgegnet die schmale schwarze Gestalt. Der alte Alchimist nickt: „Das Einfachste ist immer das Schwerste. Wie heißt Du mein kleiner Freund?“ Der Kobold entblößt zwei Reihen blütenweiser Zähne und antwortet: „Man nennt mich das Aschenputtel, mein Herr.“

Magische Pilze

Joost hing über seinem Arbeitstisch, halb schlafend und kaum fähig zu sprechen. Außerdem wollte er nicht. Er war ohnehin gerne für sich. Hören und Sehen schienen heute Morgen intensiver. Das leise Gurren der Tauben im Hof amüsierte ihn; die bunten Kringel, die das Sonnenlicht auf den Boden zauberte, ließen ihn kichern. Gerne hätte er sie eingefangen, hätte mit ihnen getanzt, doch bewegen mochte er sich keinesfalls. Das Klopfen an der Tür drang tief in seinen Kopf. Jemand wollte in sein Laboratorium? Wieso? Alleine war er ohnehin glücklicher, und mit den hübschen Geräuschen und Farben dieses Morgens sowieso. Es klopfte wieder. Joost litt unter dem lauten Pochen. Lasst mich, dachte er. Ich brauche Ruhe zum Arbeiten, Ruhe zum Denken, Ruhe für meine tanzenden Farbkringel.

Beim dritten Klopfen riss jemand die Tür auf.
„Was machst du hier? Wie kannst du es wagen, mich zu ignorieren? Schließlich bezahle ich dich seit Monaten. Ich will das Elixier von dir! Ich füttere dich nicht fürs Nichtstun.“

Joost lächelte seinen Baron an, freundlich, fand er, doch wohl auch ein bisschen dümmlich. Ich sollte etwas sagen, dachte er; indes brachte er lediglich ein Kichern zustande. Sein Herr lief wütend auf und ab.
„Das Elixier, schrie er, das Lebenselixier! Hast du des endlich oder muss ich dich prügeln lassen?“

Das Elixier, immer wieder dieses Elixier! Aus seinen Fantasien gerissen entschloss sich Joost zu einer Entgegnung.
„Glaubt mir Herr, das elixir vitae ist nicht so wichtig. Dazu braucht man die quinta essentia. Die hatten die alten Adepten, wie man sagt, die wahren Spagyriker. Was wollt ihr mit ewigem Leben? Fröhliches Leben wollt ihr, nicht ewiges Leben im Zorn.“
Er grinste seinen wütenden Baron an.
„Übrigens, Ihre roten Wangen sind wahrhaft hübsch. Sie schillern und glitzern sogar. Wie die bunten Sonnenkringel – doch tanzen will ich mit Euch nicht.“ Er lachte beschwingt.

„Habt ihr überhaupt irgendetwas Vernünftiges gearbeitet, schrie ihn der Baron an. Irgendwas Brauchbares erschaffen?“

Joost zögerte eine Weile. Komplizierte Fragen brauchten Zeit zum Nachdenken.
„Habe ich“, antwortete er endlich, lächelnd und etwas lallend. „Sorgt euch nicht. Ihr wisst doch, im Feuer liegt die Kraft, im Feuer auch die Läuterung – wie im Pfingstwunder.
Gestern war ich in Eurem Wäldchen. Pilze habe ich mitgebracht, kleine graue, entzückende Hütchen. Am frühen Morgen, das magische Mondlicht fiel noch ins Laboratorium, habe ich sie stundenlang in Spiritus über schwachem Feuer erhitzt. Dieses Elixier, er hielt eine kleine Retorte hoch ist die Seele des Pilzes, der Spiritus des Glücks, das Elixier der Erkenntnis.“

Der Baron explodierte fast vor Wut und schritt um Fassung bemüht zur Tür.
„Probiert nur“, hörte er hinter sich, „probiert nur!“

Unter der Tür zögerte er und wandte sich um. Noch immer hielt Meister Joost die Retorte hoch, sie schien ihm zu winken.

Zauberer 2022

Die Tür öffnet sich. Gross und schlank ist die Gestalt, die eintritt, mit violett glänzendem Umhang, voll glitzernder Sterne und spitzem Hut. Ein Zauberer.
Achtlos steckt er seinen Zauberstab in die Tasche und den Hut bugsiert er auf den Kleiderschrank. Er schält sich aus dem Plaid, hängt diesen an einen Bügel und schlüpft in seinen weissen Berufsmantel.
Der neu eingekleidete Zauberer lässt sich auf seinen Stuhl fallen, lustlos, müde, übernächtigt. Mit einer lebhaften Clique hat er durchgefeiert, allerlei Rezepturen getestet, und ist nach einem letzten, kräftigen Kaffee direkt ins Labor gekommen. Als erstes weckt er den Computer auf: „Lorem ipsum Dolor sit amet …“. . Nur schnell einen Blick auf aktuelle Statistiken werfen. Da sind sie: Zahlen, Tabellen, Säulendiagramme, Balkendiagramme, Tortendiagramme in Tomatenrot, in Senfgelb, in Giftgrün. Alles verschwimmt vor seinen Augen. Säulen werden Balken, Balken zu Türmen, Torten zu rotierenden Kreisen, Kreise zu Wagenräder und die Struktur zu einem wilden Wirbel aus Farben, der den blauen Raum erfüllt.
Sein Kopf streikt; er lässt ihn sinken.

Es klopft. – Es klopft abermals - und es klopft ein drittes Mal. Er hört nichts. Da öffnet sich die Tür. Sein Chef! Dieser erfasst die Situation sofort, holt eine Flasche Wasser. Dem müden Zauberer legt er die Hand auf den Arm und dem wie elektrisiert Erwachten rät er mit vorwurfsvollem Unterton: „Viel trinken hilft!“. Damit stellt er das Elixier aus dem Automaten vor den Zauberer.
Ob der Zauberer nach Feierabend dem Locken der Trommler und Pfeiffer widerstehen wird? – Es ist Fasnacht z‘ Baasel.

(Überarbeitet)

Hores und der zweite Blick

Es war einer dieser mäßigen Tage, deren Ende man herbei sehnt.
Hores war bei nass-kaltem Wetter auf der Suche nach den benötigten Wurzeln und Kräuter durch den Wald gestreift. Seine Kleidung klebte auf der Haut und die Finger klamm vor Kälte, als er noch einmal den Versuch wagen wollte. Das neue Elexir, die Essenz all seines Wissens, er war so nah dran. Nur ein Versuch noch! Es war nicht klug jetzt die Mixtur zu vollenden. Er wußte es! Aber wie von Dämonen getrieben führte ihn sein Weg ins Labor. Die Hände griffen mal nach dem einen -, mal nach dem anderen Fläschchen. Sorgfältig notierte er jede Zutat, schüttelte und rührte alles, bevor er es in kleinen Dosen schluckweise aufnahm. Nichts passierte! Enttäuscht ging er zu Bett. Lockte die junge Magd auch mit ihren Reizen, heute blieb sie allein.

Als Hores am anderen Morgen aufwachte, schien es ihm, als würde ihm ein Traum einen Streich spielen. Es war nicht möglich, das er wach war die Hände glitten zitternd unter die Decke, Seine Haut fühlte sicht an wie Seide und unter dem Nachthemd zeichneten sich zwei feste Brüste ab. Hores schlug die Decke zur Seite. Er gab ein passables Weib ab, prahle Brüste, feste Schenkel, weiche Haut. Verdammt er liebte die Weiber, vor allem die Jungen. Aber er hatte nie im Sinn, in ihre Haut zu schlüpfen. Irgendwie fühlte er sich unvollkommen. Die auftretenden Hitzewallungen schienen eine zusätzliche Nebenwirkung des Elixiers zu sein.
Ein energisches Klopfen reißt Hores aus den Gedanken. Was jetzt, ich kann doch nicht als Weib…! Es klopft ein zweites mal, noch fordender. Er zieht den Kittel seiner Magd von der Leine. Ein drittes Mal klopft es an der Tür, wütend und noch heftiger als zuvor. Hores streift den weißen Stoff über und eilt zur Tür.
Sie Wünschen, seine Stimme klang weich und ein wenig unterwürfig.
Ein dicker nach Schweiß riechender Mann schob ihn achtlos zur Seite. Wo ist Hores der Strolch? Der Herr ist im Wald, Kräuter sammeln.Seine Nähe bereitete im spürsames Unbehagen. Hores konnte die Gefahr förmlich riechen die von diesem Mann ausging.
So, so, erst jetzt schien ihn der fette Sack zu bemerken. Unvermittelt griff er ihm mit einen grunzenden Laut unter den Kittel. Wir werden uns die Zeit schon vertreiben. Empört versuchte er, den ungebetenen Gast zurückzuweisen, doch der warf ihn wie ein Spielzeug auf den Tisch. Hores schrie kurz auf, als zwei kräftige Hände seine Schenkel auseinander pressten. In diesen Moment ließ die Wirkung des Elixiers schlagartig nach. Völlig entgeistert stand der Unhold vor mir, die Hand immer noch zwischen meinen Schenkeln. Der erste Schlag traf ihn völlig unvorbereitet, er taumelte zur Tür, erneut schlug ich zu bis der ungebetene Gast wimmernd aus dem Zimmer floh.

Als ich in dieser Nacht meine junge Magd aufsuchte, betrachtete ich Sie wie ein Geschenk. Dieser wundervolle Körper, mehr nur als Beute für eine Nacht. Ein zerbrechliches Wesen, das so bedienungslos liebte, wie nur eine Frau es vermochte. Er fühlte es!

Der Specht

„Grrr… klopf, hoppla hopp, grrr… klopf, klopf“, rief Oneas verärgert und laut in den Raum, obwohl er doch wusste, dass er allein in seinem Laboratorium weilte. Er hatte es Jahre zuvor zu seiner Wohnstätte erkoren.

„Welcher dreister Specht hämmert mir da im Kopf herum? Es ist unerträglich. Hinaus mit dir, hinaus, du spitzmäulige Bestie.“

Genützt hatte ihm sein Gezeter nichts, eher noch geschadet, weil er sich mit dem Handballen fortwährend gegen die Stirn schlug. Als wolle er das Klopfen im Inneren mit selbiger Antwort von außen ins Land des Schweigens verbannen.

„Ruhe“, rief er nach einer Weile geduldigen Ertragens, „Ruhe, ruhe, ruhe. Ich will endlich meine Ruhe haben.“

Doch auch die neuerliche Aufforderung führte zu keinem Erfolg. Wie schon mehrmals zuvor, warf er sich auf seinem abgewetzten Diwan von der einen auf die andere Seite und drückte sich ein ebenso verhunztes Kissen fest aufs Ohr. Jedoch tat auch dies dem Klopfen in seinem Kopf keinen Abbruch. Allerdings vernahm er, dass es durch diese Maßnahme leiser wurde, gedämpfter, nicht mehr so intensiv quälend.

Ob des vermeidlichen Erfolges schleuderte er das Kissen auf den Boden und griff nach dem Größeren. Getreu der Überzeugung, dass, wenn das kleine Kissen einen kleinen Erfolg bringt, dem größeren der erwartete Erfolg garantiert ist. Was sich jedoch gleich als Irrtum herausstellen sollte. Die Dämpfung des Geklopfes war nicht besser als bei dem weniger großen Kissen. Verärgert schleuderte Oneas den untauglichen Gegenstand seinem Artgenossen hinterher und verzichtete lieber gänzlich auf solch minderes Hilfswerk.

Noch ehe er überlegen konnte, was er nun tun würde, stellte er fest, dass das Klopfen ausblieb. Weg war es, einfach weg. Sogleich setzte er sich auf, um sich an seinem neuen Zustand zu erfreuen. Doch sollte ihm dies nicht gelingen.

In seinem Inneren tobte das plötzliche Verlangen auf die Füße zu springen, sich zu recken und zu dehnen und alles abzuschütteln, was ihm soeben noch zuwider war. Nur war sein Blick getrübt und er hatte mehr damit zu tun, gegen einen Schwindel anzugehen. Statt seinem Übereifer folgen zu können, musste er vermeiden, dass er nicht gleich wieder rücklings auf dem Diwan lag.

Dann klopfte es wieder, was Oneas einen gehörigen Schrecken versetzte.

Er fasste sich an den Kopf, um sogleich darauf zu reagieren, stellte dann aber fest, dass das Klopfen diesmal nicht aus seinem Kopf kam. Also nahm er all seine Konzentration zusammen und konnte so den Schall orten, der von der Pforte herüber hallte.

„Dieses nervende Volk“, schoss es ihm gleich in den Sinn. „Nichts können die selbst, immer muss ich etwas für sie tun. Ich, immer ich. Warum tun sie nicht mal was für mich? Alles Banausen und Bittsteller. Und dann ausgerechnet zu dieser Zeit, wo ich vom Specht in meinem Kopf zu fürchten habe, dass er sich erneut meldet und sein verstörendes Hämmern fortsetzt. Da können ihre Probleme kaum größer sein, als die meinen.“

Oneas beschloss, erst einmal auf seinem Diwan sitzen zu bleiben. Doch das Klopfen an der Tür ließ nicht nach, sodass er bald nicht mehr zu unterscheiden wusste, welches von beiden das Schlimmere war, das des Spechts in seinem Kopf, der zum Glück gerade ruhte, oder jenes des vermeidlichen Bettlers an der Pforte.

Oneas löste sich aus seiner Lethargie und gab dem äußerlichen Drang nach.

„Ja, ja, ich komme ja schon“, brüllte er in Richtung Tür, „aber nur unter Protest, damit das klar ist, nur unter Protest. Ja, ja, hör endlich auf zu klopfen, Nervziege, ich komme ja schon.“

Auf dem Weg zur Tür kam er an einem Pantoffel vorbei, was ihm vor Augen führte, dass er barfuß unterwegs war. Im kalten November, ohne wärmendes Schuhwerk die Pforte zu öffnen, ließ ihn fürchten, sich einen argen Schnupfen einfangen zu können. Zwar stand der eine oder andere Trunk in seinem Laboratorium im Regal, den er dagegen einsetzen könnte, doch fehlte ihm die Überzeugung, dass dies wirklich wirken würde. Also beschloss er, sich den Pantoffel an den Fuß zu holen.

Währenddessen klopfte es erneut an der Tür.

„Ja, ja, ja“, brach es aus ihm heraus, „um Himmelswillen, mäßigt euch. Ihr schlagt mir ja noch meine schützende Pforte in Trümmer. Was soll ich dann noch gegen die Kälte tun? Ich werde erfrieren.“

Oneas schaute auf den Pantoffel und war bemüht, sich zu erinnern, wann er ihn so achtlos an diese Stelle links im Flur geschleudert hat. Er wusste es nicht mehr, beließ es dabei und schlüpfte mit dem linken Fuß hinein.

Ein erneuter Wutausbruch war die Folge. Es war der Pantoffel für den rechten Fuß.

„Verflixt und tote Hühner, kann sich denn nicht einmal so ein dummer Pantoffel vernünftig verhalten. Liegt links und gehört nach rechts. Da kann doch keine gute Menschengestalt noch ruhig bleiben. Da bin ich schon gutmütig, eile zur Pforte und erfahre dafür nichts als Undank. Wer auch immer da draußen wartet, das sei gewiss, ich werd‘s ihm heimzahlen“

Mit einem ungehaltenen Schwung schleuderte er den falschen Pantoffel vom Fuß, sodass der graue Filz bis an die Pforte flog, gegen sie klatschte und vor ihr auf der Seite zu liegen kam.

Der zweite Pantoffel lag mitten im Flur.

„Tzz, tzz, tzz“, setzte sich sein Ärger fort, „es reihen sich heute die Unglücke. Der eine Filz liegt links und gehört nach rechts und der andere sucht sich die Mitte aus, wo ich in der Mitte doch gar keinen Fuß habe. Wer weiß, was mich noch hinter der Pforte erwartet. Vielleicht wäre es besser, doch nicht zu öffnen.“

Das Klopfen an der Tür verstummte deswegen nicht.

„Ja, um des Herrgotts Schopf, ich kann mich ja nicht überschlagen. Jetzt wird der Pöbel auch noch frech. Aber das wird Folgen haben, das versprech ich.“

Der mitten im Flur liegende Pantoffel lag, wie es sich für einen anständigen Pantoffel gehörte, mit der Sohle zuunterst, aber, zu Oneas Verdruss, nicht in der richtigen Richtung. So war er auf dem Weg zur Pforte gezwungen, an dem Filz vorbeizuhasten, um sich mit einem engen Bogen in Position zu bringen. Dann war es mehr ein Tritt als ein Schlupf, mit dem er sich den Pantoffel an den Fuß brachte. Zum Glück passten Filz und Fuß diesmal zusammen.

Ob dieses Gelingens erhascht Oneas, was eher untypisch für ihn war, und was es lange nicht mehr gegeben hatte, eine unterschwellige Freude.

„Ha, nun siehe da, es geht doch. Da kann sich dieser tore Geist vor der Pforte eine Scheibe von abschneiden. Mit welcher Eleganz und Anmut ich mich zu bewegen weiß, ist nicht jedermann gegeben.“

Weil er den Pantoffel vor der Pforte erst noch auf die Sohle bugsieren musste, bevor er hineinschlüpfen konnte, war es mit dem Anflug von Freude schnell wieder vorbei.

Weil es just in dem Augenblick, in dem er sich wähnte in der Lage zu sein, die Türe zu öffnen, erneut von außen klopfte, und es diesmal, ob der Nähe zur Entstehung des Ungemachs, noch lauter und aufdringlicher klang, beließ es Oneas nicht beim einfachen Öffnen der Pforte, sondern riss sie mit einem Schwung auf. Was Folgen für ihn hatte.

Die Tür knallte gegen die Wand des Flures und schwang zurück. Zu Oneas Verdruss traf sie ihn an rechtem Bein und Fuß. Weil er durch die Reaktion der Pforte überrascht war, blieb ihm der Fluch, der in solchen Situationen zu seinem Wesen gehörte, im Halse stecken. Schmerzen erlitt er durch den Anstoß jedoch keine, weil sich zeigte, was ein solider Filzpantoffel am Fuß wert sein konnte. Er dämpfte die eh schon geringe Wucht der Tür und sorgte dafür, dass es so aussah, als habe Oneas es genau so gewollt.

Vor der Pforte wartete ein kleines, verängstigtes Männlein mit gesenktem Haupt und schlaffen Schultern. Wohl in Erwartung des aufbrausenden Wesens von Oneas brachte er es gerade eben noch zustande, zu einer Erklärung, warum er da sei, und weshalb er an der Pforte klopfte, anzusetzen.

„Entsch…“

Mehr brachte er nicht über die Lippen, weil Oneas ihm sogleich ins Wort fiel.

„Papperlapapp. Was soll das? Ihr demoliert mir meine Pforte, quatscht mich mit Dingen voll, die mich nicht interessieren und erdreistet euch, mir vor meinem eigenen Haus die Luft wegzuatmen, die allein mir bestimmt ist. Einen schönen Tag noch und nun schert euch weg.“

Die Tür in der Hand wollte er sie dem Fremden schon vor der Nase zuschlagen, doch der erdreistete sich noch einmal, etwas sagen zu wollen.

„Aber, Meister Oneas, was ist …“

Wieder fiel ihm der Herr des Hauses ins Wort.

„Kein aber. Alles nur Ausreden. Wenn ihr etwas wollt, dann geht arbeiten.“

„Ja, Meister Oneas, das ist ja mein Bestreben.“

„Und, warum tut Ihr es dann nicht?“

„Aber, Ihr seid es doch, der mir dieses Anliegen verwehrt.“

„Jetzt werden Sie nicht auch noch frech, Bübchen, sonst werden Sie mich mal richtig kennenlernen. Dagegen wird das Geplärre Ihrer Gattin zuhause dünn ausfallen. Da seien Sie sich mal sicher.“

„Meister Oneas, Ihr wisst doch, dass ich keine Gattin zuhause habe und auch, dass sich meine Arbeitsstelle hier in diesem Hause befindet.“

„Na, solche Behauptung setzt ja dem Bären die Krone auf. Hier in diesem Haus befindet sich mein Laboratorium, und darin arbeitet nur einer, nämlich ich. Ich hoffe, ich habe mich jetzt genug erklärt und wünsche Sie mir aus den Augen.“

„Aber, Meister Oneas, erkennt Ihr mich den nicht? Ich bin doch Euer Bodo. Seit zwanzig Jahren schon bin ich bei Euch als Gehilfe tätig. Was ist denn nur los mit Euch.“

Nach diesen Worten des Fremdlings geriet Oneas ins Grübeln.

„Bodo, Bodo? Dieser Name kommt mir in der Tat bekannt vor. Aber, dass Ihr ihn Euch dreist zu eigen macht, ist doch wohl Betrug.“

„Nein, Meister, ich habe Euch noch nie betrogen. Ich bin es wirklich, Euer Gehilfe Bodo.“

„Na, wenn du es wirklich bist, Bursche, was machst du dann hier vor meiner Pforte für einen Lärm. Es ist noch nicht ganz dunkel, da müsstest du doch bei der Arbeit sein und nicht in der Welt die Zeit vertrödeln.“

„Aber, Meister, ich habe doch nicht die Zeit vertrödelt. Ich habe getan, was Ihr mir heute in der Frühe aufgetragen habt. Ich war im Wald und habe mehr von den Fliegenpilzen gesammelt, mit denen Ihr gestern den neuen Trank angesetzt habt. Schaut her, ich habe einen ganzen Sack prachtvoller Exemplare dabei. Ich hatte schon um Euch gefürchtet, weil Ihr nicht auf mein Klopfen an der Pforte reagiert habt. Und um meine Finger auch, die in der Kälte schon angefangen haben zu vereisen.“

„Ja, ja, jetzt erinnere ich mich“, Oneas kratzte sich, ob seiner Einsicht am Hinterkopf und sprach bedächtig weiter. „An deiner Geschichte ist was dran, Bursche. Wegen der heilenden Wirkung war ich mir nicht im Klaren, wie viele von ihnen ich dem Gebräu aus Ingwer, Salbei, Hafer und Minze zugeben muss. Deshalb wollte ich mehr von ihnen haben, bevor sie im Wald verkümmern. Erst am Vormittag habe ich den Selbstversuch unternommen, um es herauszufinden.“

Oneas beugte sich vor und nahm den Besucher genauer in Augenschein. Und tatsächlich, er fand, wonach er Ausschau hielt – die Narbe unter dem rechten Ohr des Männleins. Sie stammt von einer keramischen Schale, die er vor Jahren nach seinem Gehilfen geworfen hatte, weil der sie ihm nicht schnell genug in die Hand gelegt hatte. Obwohl Oneas nicht klar erkennen konnte, wie das Männlein vor seiner Türe im Ganzen aussah, überzeugte ihn die Narbe, dass es Bodo war.

„Nun denn, Bodo, dann komm herein. Sonst wird es heute nichts mehr, mit deiner Arbeit und du gerätst mir noch zum Faullenzer. Aber eines solltest du dir noch für die Zukunft hinter die Ohren schreiben. Wenn du noch einmal vor der Pforte stehst und ich öffne sie dir nicht, dann nimm zum Klopfen einen Stock zu Hilfe, damit es bis an meine Ohren dringt. Wie soll ich das zarte Anklopfen deiner verkrüppelten Finger hören, wenn der Schnabel des Spechts in meinem Kopf um Vieles härter ist als sie?“

„Aber Meister…“

„Kein aber mehr. Papperlapapp. Es ist genug. Komm herein und geh endlich an deine Arbeit. Mir friert.“

Bodo sah die Zwecklosigkeit einer neuerlichen Erwiderung ein, gehorchte, legte den Stock aus seiner linken Hand neben die Pforte ab und trat durch dieselbe in die wohlige Wärme des Laboratoriums. Den Sack mit den Fliegenpilzen fest in der Rechten haltend.

Die Tür fiel hinter dem Meister und seinem Gehilfen ins Schloss und das Leben nahm seinen gewohnten Gang wieder auf.
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Besuch im weinroten Leopardenanzug

In der Sekunde, als Günther das Elixier aus der Flasche in den Mund gießt, klopft es an der Tür. Er verschluckt sich mehrmals, bevor er antworten kann, geht zur Tür, öffnet sie und murmelt:
»Ja doch, ich komme ja. Hören sie auf zu klopfen. Ich bin ja nicht taub. Wer ist denn da?«
Vor ihm steht ein Mann in einem weinrot glitzernden Leopardenanzug, langen blonden Haaren und bepackt mit Schmuck an beiden Handgelenken. Er schließt die Augen, schüttelt sich, öffnet sie wieder, doch der Mann steht immer noch da in seinem Leopardenanzug.
»Mensch Günther, erkennst Du mich nicht? Ich bin’s, Thomas. Darf ich kurz reinkommen, ich muss was mit dir besprechen.«
»Entschuldige, ich habe meine Brille auf dem Tisch vergessen und dich nicht gleich erkannt. Schöner Anzug. Keine Zeit gehabt dich umzuziehen seit der Sendung? Komm rein.«

Die beiden setzen sich in Sessel an einen Tisch im Zimmer, auf dem bunte Flüssigkeiten in Gläsern und Flaschen stehen.
»Der Anzug ist einer meiner Lieblingsanzüge, du kennst doch meinen Geschmack.«
»Ja, ja, den kenne ich.«
»Sag mal, bist du unter die Quacksalber gegangen? Wenn ich mich hier so umsehe«, sagt Thomas, zieht die linke Augenbraue hoch und lächelt.
»Das heißt Alchemie. Ich probiere gerade was aus. Aber weshalb bist du hier? Willst dich bestimmt ausheulen nach der Kritik an der Sendung.«
»Ach, die meckern doch immer rum, die Zuschauer.«
»Na ja, habe nur vernommen, dass du wohl nicht sooooo toll warst am Samstag? Das Echo in den Medien war ziemlich klar. Hast du es gelesen?«
»Ja, hätte ich besser sein lassen. Ich sei fahrig, desorientiert und manchmal wie abwesend gewesen. Hätte mich auch an meine Kärtchen geklemmt. So’n Quatsch.«
»Wir beide werden älter. Ich habe mehr als 1500 Sendungen gemacht und Millionär war ich bereits vor der ersten Sendung«, sagt Günther lächelnd und lehnt sich in seinem Sessel zurück.
»Das Alter, das ist es ja, weshalb ich hier bin. Die lassen mich mit meinen 72 Jahren WETTEN, DASS… moderieren. Gestern habe ein anderes Angebot erhalten und brauche mal deinen Rat. Die vom TRAUMSCHIFF wollen mich als Kapitän verpflichten, Vertrag für fünf Jahre. Was hälst du davon, Günther?«
»Lass mich mal mit einer Gegenfrage antworten. Ich bin ja noch wesentlich jünger.«
»66, du bist fast so alt wie ich«, kommt es postwendend zurück.
»Sag ich ja. Deshalb probiere ich gerade etwas aus mit den Flüssigkeiten hier auf dem Tisch. Bereits im Alten Ägypten wurden Aufzeichnungen auf Papyrus gemacht für mehrere hundert Rezepte.«
»Mit Papyrus, spinnst du. Die Software gab es doch da noch gar nicht.«
»Haha, auf Papyrus, nicht mit Papyrus, deine Witze werden auch immer flacher, Thomas.«
»Papyrus hin, Papyrus her, hör‘ einfach auf, so oberlehrerhaft zu sein. Was willst Du mir also sagen, ohne Ägypten, meine ich?«
»Was ich dir sagen will? Kennst du das SANSIBAR?«
»Das ist schon wieder keine Antwort. Aber klar, da bin ich fast jedes Jahr, gerade diesen Sommer war ich wieder auf Sylt.«
»ODER DER LETZTE GRUND, das Buch SANSIBAR ODER DER LETZTE GRUND, meine ich, nicht die Strandbar auf Sylt.«
»Ja, ich erinnere mich dunkel. Mussten wir in der Schule lesen.«
»Genau, wir auch. Damals habe ich jedoch nicht kapiert, dass die Hauptfigur des Romans die Figur ist und nicht die Jugendlichen.«
»Du hast bestimmt zu viel getrunken? Du redest Unsinn. Hauptfigur ist die Figur.«
»Die Holzfigur, wollte ich sagen, der LESENDE KLOSTERSCHÜLER ist die wirkliche Hauptfigur in dem Buch und symbolisiert Jugend und Unabhängigkeit.«
»Na gut, du musst es ja wissen, Herr Lehrer. Und was hat das mit mir zu tun?«
»Viel, denn es gibt in der Alchemie auch eine mentale Alchemie, in der«
»Du bist besoffen, Günther. Du weißt, wenn ich nur das Wort mental höre, dann«
»Jetzt lass mich doch mal ausreden. Für irgendetwas müssen die vielen Fragen und Antworten in meiner Quizsendung ja gut sein. Es geht in der Alchemie nicht nur darum, aus Blei Gold zu machen; ein mentales Ziel ist es, dass man sein eigenes Leben nicht träumen, sondern den eigenen Traum leben soll. Mein Ziel ist es, jung und unabhängig zu sein. So, wie die Jugendlichen im Roman letztlich Sansibar als Ziel ausmachen.«
»Und warum mixt und trinkst du dann dieses Zeug hier?«
»Weil ich nicht nur Unabhängigkeit brauche, Geld habe ich genug, um mir die zu ermöglichen. Ich will auch jung bleiben, na ja, zumindest nicht mehr älter werden.«

Thomas zieht sein Leopardensakko aus, krempelt die Ärmel hoch, beugt sich vor und rückt mit dem Sessel näher an Günther heran.
»Erzähl mir was Du vorhast.«
»Ich habe mir nach einem der Rezepte etwas gemixt und eben das erste Mal etwas davon getrunken. Es ist eine Art Universalmedizin für eine ewige Jugend und Gesundheit. In dem Roman DER ALCHEMIST von Paulo Coelho kannst du übrigens nachvollziehen, wie Santiago, seine Hauptfigur, in sieben Schritten sich selbst verändert und sein Leben verbessert. Im ersten Schritt«
»Hör auf, jetzt dozierst du schon wieder. Verschone mich mit den Details. Das Buch kann ich später lesen. Was ist die Quintessenz für mich? Und was hat das mit dem Angebot zu tun, das ich für das TRAUMSCHIFF erhalten habe?«
»Ich will in deinem Alter, entschuldige, in unserem fortgeschrittenen Alter keine Sendungen mehr moderieren. Ich will möglichst jung bleiben und meine Unabhängigkeit genießen. Deshalb probiere ich das Elixier und werde nächstes Jahr nicht mehr im Fernsehen auftreten.«
»Wirkt das Elixier denn bei dir?«
»Ja, es beginnt zu wirken. Siehst du meine Brille hier auf dem Tisch? Ich habe sie immer noch nicht aufgesetzt und kann dich jetzt klar und deutlich vor mir sitzen sehen. Und das ist hoffentlich erst der Anfang. Man muss es häufiger trinken.«
»Gilt das auch für das Hören? Du weißt, ich trage Hörgeräte.«
»Ach, du machst nicht nur Werbung im Fernsehen? Hm, ja, ich vermute, dass sich auch das Hörvermögen wieder verbessern könnte.«
»Wow, jetzt bin ich ganz Ohr, haha, kleiner Scherz. Nun sag‘ mir bitte noch, was ich mit dem TRAUMSCHIFF Angebot machen soll.«
»Ich denke, dass du die Entscheidung alleine treffen kannst, Thomas.«
»Hm, da muss ich drüber nachdenken. Die ganze Zeit erzählst du hier über Themen aus der Alchemie, aber wenn ich einen einfachen Rat benötige, dann hast du keine Antwort. Sag mal, und dann gehe ich auch, hast DU eigentlich für DICH bei allem eine Antwort?«
»Weiß ich nicht.«
»Und was weißt du dann nicht?«
»Weiß ich nicht.«

Fenster zu allen Welten

Seine Hand liegt schwer auf der bronzenen Klinke. Unfassbar schwer. Irgendetwas ist nicht in Ordnung. Irgendetwas ist schiefgelaufen. Müdes Kribbeln in den Fingern, ein Pochen. Er ignoriert das Unwohlsein, wartet darauf, dass sich seine Augen an die teerige Dunkelheit draußen gewöhnen. Doch auch Momente später kann er noch immer kein Gesicht ausmachen. Schließlich ein Räuspern. Der Alchemist versteht plötzlich, dass sein Gegenüber einen Mantel mit Kapuze trägt, die er tief ins Gesicht gezogen hat, so dass es unmöglich ist, Gesichtszüge auszumachen.

„Wollt Ihr mich ewig vor der Tür stehen lassen, Alter?“. Der Alchemist zögert. Mittlerweile kribbelt der ganze Arm, Punkte tanzen vor seinen Augen. Was hatte er sich dabei gedacht, die ganze Phiole zu leeren? Müdigkeit war eine Erklärung. Und Neugierde natürlich. Würde sein Trank diesmal Wirkkraft entfalten? Jedes Mal war die Mixtur bisher zu dünn und unnütz geraten. Zorn, Frustration. Er hatte den Kopf verloren, war leichtsinnig geworden. Alt und leichtsinnig. „Wer seid Ihr? Was wollt Ihr zur nächtlichen Stunde?“ „Euch.“

Was hörte er da? Drohung? Versprechen? Der Alchemist hat Mühe, die Worte zu erfassen. Sein Kopf dröhnt und er vermag nicht, sich zu bewegen. Die Hand auf der Klinke liegt regungslos und will nicht mehr gehorchen. Das Blut in seinen Adern brennt, sein Herz pumpt brodelnde Masse in alle Extremitäten. Der Fremde macht einen Schritt auf ihn zu. Selbst wenn er wollte, könnte der Tinkturenmischer doch nicht fliehen. Und auch Gegenwehr ist nicht mehr denkbar, als der nächtliche Gast die Hand nach ihm ausstreckt. Will er die Situation für sich ausnutzen? Trägt er gar einen Dolch? Schwindel erfasst den Alchemisten, seine Füße würden ihn nicht mehr lange tragen. Die Hand des Fremden macht an der Türschwelle halt und formt eine einladende Geste.

„Es ist Zeit, Alter. Kommt!“ Protest liegt dem Alchemisten auf der Zunge, er bringt jedoch nicht mehr zustande als gutturale Laute. Seine Hand, plump, unnütz regt sich. Hebt sich ohne sein Zutun, ohne sein Einverständnis, greift die des Gegenübers. Er erhascht einen Blick unter die Kapuze und stöhnt auf. Die Augen, die er sieht, sind tief, schwarz und ewig. Das Fenster zu allen Welten außerhalb dieser Welt. „Es ist Zeit.“ Für den Bruchteil eines Augenblicks verflucht er das Elixir, sich selbst, die Götter.

Dann entreißt ihn der Fremde unsanft seiner irdischen Existenz.

„Nick mach die Tür auf“ lautstark hämmerte Penelope an die Haustür. Erst einmal, dann zweimal und dann dreimal „Nick du alter Kauz, mach schon endlich die Tür auf. Ich habe meinen Haustürschlüssel vergessen“

Beim erneuten Anklopfen öffnete Nick zögernd seiner Frau die Haustüre. Nick weiß jetzt ganz genau, dass der Haussegen wieder schief hängt, weil er mit seinen altem Freund Albus viel zu lange in seinem Labor gewesen und getüftelt hat. Er hatte so ein gutes Gefühl, endlich den Trank der ewigen Jugend gefunden zu haben. Aber vor lauter Vorfreude bzw Euphorie hat er zu viel davon getrunken. Und jetzt er er den Schlamassel.

„Na endlich du alter Mann, wird ja auch langsam…“ Völlig überrascht verstummte Penelope in ihrer Schimpftriade. Auf einmal stand sie einem kleinen Jungen gegenüber. „Nanu, wer bist du denn? Wie kommst du in unser Haus? Ich bin Penelope die Dame des Hauses“

„Ich bin es Penelope, Nick dein Mann. Mein neuster Zaubertrank ist schief gegangen. Ich habe zu viel vom dem Elixier erwischt. Sieh mich an, ich bin ein kleiner Junge“ quietschte Nick vor sich hin.

„ Nick an deiner misslichen Lage, bist du voll und ganz alleine Schuld. Ich habe dir doch oft genug gesagt, wie du den Verjüngungstrank zu brauen hast. Welche Zutaten du alle benutzen musst. Wenn du nicht auf mich hörst, kann ich nichts dafür“ schimpfte Penelope vor sich hin…

Voller Wut knallte Nick, seiner Frau, die Haustüre vor der Nase zu. Er hat das ständige Gemeckere seiner Frau satt.

„Hätte ich nur auf meinen alten Herren gehört und hätte das Weibsbild nicht geheiratet, dann hätte ich jetzt meine Ruhe“

Nick fühlte sich befreit, dass er seine Frau Penelope vor die Tür gesetzt hat. Freudig hüpfend ging Nick zurück in seinen Keller, wo sein bester Freund Albus bereits sehnsüchtig auf ihn wartet.

Denn nun kann ja keiner mehr jammern, wenn er und Albus wieder jede Menge Zeit in Zaubertränke investieren. Beim nächsten Mal klappt das mit dem Verjüngungszaubertrank, da waren sich die beiden Jungs total sicher und einig.

Zu kraftvoll

Gerade als eine Welle übelsten Schwindels ihn überrollte, klopfte es an der Tür. Vindemoll fluchte innerlich, sein Mund war dazu gerade nicht in der Lage. Mit zitternden faltigen Händen tastete er nach dem Messbecher. Er hob das Glas dicht vor seine Augen. Langsam hörte die Welt auf, sich zu drehen und auch das Rauschen in seinen Ohren verschwand. Nach ein paar Mal blinzeln, konnte er die Skala entziffern. Verdammt, das war der falsche Messbecher gewesen, kein Wunder, dass ihm schwindelte.
Es klopfte erneut. Jetzt spürte Vindemoll, wie sich Energie in seinem Körper ausbreitete. Es begann mit einem warmen Gefühl im Hals und ihm schien, wenn er jetzt ein Lied anstimmen würde, hätte er dem Hofmusikanten bald seinen Posten streitig gemacht. Das Gefühl stieg in seine Arme, Beine, Füße. Der alte Alchemist richtete sich auf, kreiste einmal mit den Schultern. Er fühlte sich gut. Richtig gut. Als könne er zehn Runden, um die Stadtmauern rennen. Er wollte plötzlich zehn Runden um die Stadtmauern rennen. Muskeln ploppten auf, von denen er nicht gewusst hatte, dass er sie besaß. Er sah nun bestimmt aus, wie einer der übertriebenen Helden in den Theatern, die die Gaukler an Festtagen auf dem Marktplatz aufführten. Vindemoll ließ seine Fingerknöchel knacken. Der Gedanke ein Ungeheuer zu verkloppen schien ihm auf einmal verlockend.
Es klopfte zum dritten Mal.
„Ja, ich komme ja schon!“ Zu jeder anderen Zeit hätte Vindemoll zuerst durch einen Ritz in der Tür gespäht, aber nun riss er sie kraftvoll auf. Niemand konnte ihm in diesem Zustand etwas anhaben. Oh ja, sie sollten es nur versuchen!
„Ach du bist es.“
„Danke, die Freude ist ganz meinerseits“, erwiderte der junge Mann, der im Türrahmen lehnte. Für einen Moment sah Vindemoll ihn, wie er damals mit seinen fünf Sommern hinter dem dicken Eichenbalken hervorgelugt hatte. „Mami meint, sie hat zu viele Mäuler zu stopfen und ihr würdet den Menschen helfen. Verzeiht die Feststellung, aber Ihr seht alt aus, Meister Vindemoll. Könnt ihr jemanden gebrauchen, der euch zur Hand geht?“
„Ich komme, um euch zu informieren, dass der König demnächst ein paar Gesandte zu euch schickt, Meister Vindemoll“, sagte der junge Mann. Die Miene des Alchemisten verfinsterte sich. Theodor war kein kleiner Junge mehr.
„Bin nicht ich derjenige, der dich Meister nennen sollte, Hofalchemist?“, Vindemoll machte eine elegante Verbeugung. Sein Rücken machte dabei keinerlei Probleme. „Du bist nicht mehr mein Schüler!“
„Nun gut, Vindemoll, wenn du es so willst, bin ich hier eben als Hofalchemist“, sagte Theodor. „Ich habe seiner Hoheit von euren Forschungen erzählt.“
„Das hast du nicht!“
„Doch, das habe ich“, Theodor schob sich an ihm vorbei in das winzige Labor, blieb vor einem Regal mit ordentlich beschrifteten Fläschchen stehen. Vindemoll starrte auf den goldenen Bären auf seinem Umhang, merkte, wie seine Fäuste zitterten.
„Diese Tränke dürfen dem König nicht in die Hände fallen, ich habe sie zum Wohl der Leute geschaffen! Wer weiß, wozu er sie missbrauchen könnte!“, schrie Vindemoll und seine Stimme brachte sie Gläser zum Klirren.
Theodor wich ein paar Schritte zurück. „Der König ist ein guter Mann!“
„Er ist ein Herrscher!“ Mit zwei großen Schritten war Vindemoll bei seinem ehemaligen Schüler angelangt. „Du Verräter!“ Er stieß ihm mit einem Finger vor die Brust. „Wovon hast du ihm alles erzählt?“
Theodor blieb ruhig, auch wenn sein Blick hin- und herzuckte, zur Eingangstür, zum Hinterausgang. „Ihr seid der Verräter! Ihr verratet das Volk, indem ihr alles nur für euch behaltet. Ich habe dem König nichts Genaues erzählt, aber…“ Theodor musterte Vindemoll von Kopf bis Fuß. „Verjüngungstrank, ein paar Muskeln, wie ich sehe, und das Rezept, um Gold zu erschaffen, habt ihr sicher auch nicht verbrannt, wie ihr gelobt habt, es zu tun!“
Vindemoll spürte die Energie durch seinen Körper rauschen. Es war ohrenbetäubend, dieses Velangen, seine neuen Kräfte einzusetzen.
Theodor wandet sich zum Gehen.
„Du wirst deinen Mund halten!“, schrie Vindemoll.
Theodor antwortete nicht, lief langsam Richtung Tür. Panik krallte sich um den Geist des Alchemisten, ließ ihn die Kontrolle über seinen Körper verlieren und das Elixier tat das übrige.

Vindemoll starrte auf Theodor hinab, der regungslos am Boden lag, versuchte sich das Blut von den Fingern zu rubbeln. Mein… Schüler. Eine Woge eines übelsten Heulkrampfs schlug über ihm zusammen.

Zu viel ist zu viel

Melchior, seines Zeichens Alchimist, war guter Laune. Er hatte sein bestes Gewand angezogen und summte ständig vor sich hin. Schon mehrmals hatte er sein Äußeres im Spiegel überprüft. Heute wollte er Isabel erobern. Sie hatte ihn bisher abgewiesen. Dafür hatte er nach einem uralten Rezept einen Tank gemischt. Der ruhte in einem sorgfältig verschlossenen Gefäß. Sicherheitshalber wollte er ihn erst im letzten Moment anwenden.

Da klopfte es an der Tür. „Wunderbar, sie kommt noch früher als abgesprochen, wenn das kein gutes Zeichen ist!“

Jetzt musste es schnell gehen. Er schüttet die exakte Menge in das vorbereitete Glas. Mittendrin klopfte es wieder und diesmal so energisch, dass er erschrak und noch mehr in sein Glas goss. „Das wird wohl nicht schaden!“ Schnell trank er das Glas aus und eilte zur Tür und öffnete sie. Da stand sie! Isabel, schön wie immer! Sein Herz schlug sofort höher. Die beiden Waffenknechte hinter seiner Angebeteten ignorierte er und bat nur Isabel herein.

Zunächst machte sie ein ärgerliches Gesicht und ohne seinen Gruß zu erwidern, sagte sie: „Was soll das? Was wollt ihr? Ich bin nur gekommen, weil ihr mir schon so oft geholfen habt“. Dann, beim näheren Hinsehen, wurde ihr Gesicht immer freundlicher und sie staunte überrascht: „Mein lieber Meister, wenn ich sie so ansehe, staune ich! Ihr seht heute sehr gut aus! Da könnte man sich ja fast in euch verlieben“.
Melchiors Herz schlug Purzelbäume. Er durfte jetzt nichts falsch machen und sich zurückhalten. Das war gar nicht so einfach. Er bot ihr ein Glas Wein an und sie stießen an. Er nahm ihre Hand und streichelte sie. Sie ließ es lächelnd geschehen. Da war es um Melchior geschehen! Er riss sie an sich und küsste sie. Als er ihr Kleid öffnen wollte, war das anscheinend zu viel. Sie schrie laut auf: „Zur Hilfe! So helft mir doch!“. Die Hilfe kam schnell!. Die beiden Waffenknechte stürzten in den Raum. Melchior bekam einen fürchterlichen Schlag auf den Kopf und brach bewusstlos zusammen.
Stunden später kam er zu sich. Er versorgte erstmal seine Wunden. Wenn jetzt jemand angenommen hätte, dass er traurig und niedergeschlagen wäre, nichts da! Ihm brummte zwar der Schädel fürchterlich, aber er war guten Mutes. „Mein Trank hat gewirkt! Wenn Ich die richtige Menge genommen hätte, wäre alles gut gegangen! Das probiere ich noch mal!“. Sofort setzte er sich hin und fing an ein Schreiben an Isabel mit seiner Entschuldigung zu schreiben.

Opa …

Der Bote rannte eilig wie ein Blitz in den dunklen Wald hinein. In seiner Hand hielt er einen großen Briefumschlag. Sein Ziel war noch in weiter Ferne, doch er wusste genau, er müsste es heute Abend noch erreichen. Der Weg war eng, voller Stolperfallen und sehr verwachsen. Alle paar Meter, blieb sein langer Umhang im Gestrüpp hängen. Manchmal war der Stoff so verfangen, dass der Bote mit einem Ruck gebremst wurde und beinahe zu Boden viel.
Nach einer guten halben Stunde im Laufschritt, kam er endlich an dem gewünschten Ort an. Dort hinten in einer Lichtung war es, das kleine alte Häuschen des Alchemisten.
An dem hellen Licht dass die vielen Kerzen im Haus von sich gaben, erkannte der Bote dass der alte Herr noch wach sein musste.

„ Puh“ , prustete er erschöpft. „Da bin ich aber froh, denn der alte Archie hasst es geweckt zu werden“. Ich hätte nicht der sein wollen, der Ihn um diese Zeit noch aus dem Bett holt“…
Donnernd und unaufhörlich klopfte er an die alte Holztür. „ Mach auf Archie, schnell ! Dies ist ein absoluter Notfall !“
Er hörte wie sich im Inneren des Hauses etwas rührte. Eifrig klopfte er weiter : „ Wo bist du denn ?. Komm schon, mach auf! Der König hat eine wichtige Mission für dich !“

„ Ja ja … Komm ja schon", murmelte eine grummelige Stimme ganz nah hinter der Tür. Klack, ertönte ein eiserner Riegel. Knarrend und gemütlich,ging die hölzerne Tür auf …
„Was ist denn los? Was willst du denn noch, so spät hier ?“

Der Bote drückte ihm den großen Umschlag in die Hand: „ Auftrag vom König ! Er möchte so schnell wie möglich ein Resultat sehen… Ich muss bald wieder gehen; ich hasse den Wald um diese Uhrzeit ! Viel zu viele Diebe unterwegs. Ich möchte nicht dass mir mein Geldbeutel noch abhanden kommt. Heute Abend war nämlich Zahltag… Los mach schon auf !" plapperte der neugierige Kurier.

Archie öffnete den versiegelten Brief, las kurz den Inhalt, und machte sich schmunzelnd an die Arbeit. Nach zwei Stunden intensivem mischen, brauen, sprudeln und zischen stand er endlich da mit einem Fläschchen in der Hand .

Der alte Freund von Archie, der den Brief gebracht hatte, und der vor Neugierde seinen Heimweg nicht antreten konnte, wartete nun schon die ganze Zeit und rüttelte jetzt ungeduldig an seinem Arm : „ Los zeig schon; was ist es denn geworden? Was war denn der Auftrag ?..“

„ANNTOON !“… Opa öffnete ein Auge… Oma zupfte ungeduldig an dem Ärmel seines Schlafanzugs… „ Anton ! Wach auf ! Du träumst schon wieder so laut. Ich kann so nicht mehr schlafen !“
Ein glucksendes Lachen schüttelte den runden Bauch von Opa als er aufwachte und realisierte, dass er wieder einmal geträumt hatte.

„Was gibt’s den da zu lachen ?“ schimpfte Elfriede ungeduldig vor sich hin.
Doch als er mit seinem Gelächter nicht aufhören wollte, wurde Oma doch neugierig: „ Erzähl schon", fragte sie inzwischen selber schmunzelnd… den Opas lachen war mehr als ansteckend .
Opa erzählte Ihr den ganzen Traum so ausschweifend das Elfriede langsam ungeduldig wurde: „ Na und ? Was stand denn in dem Brief ? „ unterbrach sie Ihn .

Anton erzählte weiter: „Ich öffnete das Siegel. Nach einer längeren Erklärung über das Wieso und Weshalb, die ich nur so überflog, war die Bitte des Königs folgende :
„ Ich befehle dem Alchimisten, das er ein Elixier braue, dass auch dem Manne ermöglicht zu verhüten … Dies sollte unserem all zu reichen Kindersegen im Lande etwas abhelfen“

„ Na ja „ erwiderte Elfriede; du hast schon eigenartige Träume aber soo lustig ist das nun auch wieder nicht“.
„Nein“ … „Das noch nicht“. gluckste Anton… „ Aber das Resultat meiner Alchemie war es dann doch ein Wenig. Ich braute die ganze Nacht mit Eifer und Zaubersprüchen, dass es nur so rauchte und blubberte in meinem Labor. Zum Schluss hielt ich ein kleines Probefläschchen in meiner Hand und da drauf stand : Elixier für den Mann…
Marke : Sackweg !..und genau da hast du mich geweckt !“
Wieder musste Opa lachen und diesmal schallend. Dies war so ansteckend das auch Elfriede mitlachen musste… „ Komm mein liebster, die Sonne geht bald auf ; wir können eh nicht mehr schlafen“ …

… und so schlüpften sie in Ihre Pantoffeln, zogen sich Ihre wollenen Morgenröcke über und gingen arm in arm, gemütlich und vor sich her kichernd, in Richtung Küche…

Der Alchemist und die Frau

Blutrot färbte sich der Horizont, der hinter dem Walde lag. Die Sonne schickte sich an aufzugehen. Er würde einen schönen Tag sehen. Doch etwas trübte die Ahnung des schönen Tages, hinter dem Wald lief eine Bahnstrecke, da wartete ein Unheil.
Diese Ahnung, das Vorhersehen, blieben seiner Wesensart treu, auch wenn er kein Gold mehr machen konnte, das Weiße Gold, das er als Ahn machte, war das vorerst Letzte, da half auch nicht der Schluck des Extraktes dieses himmlischen Pilzes, den er zu sich nahm.
Ups, das war einer zu viel, der Schluck war zu groß, seis drum und der Drang etwas zu tun, verstärkte sich.
Zunächst erschien ihm aber das Warum, als Geschichte:

Der Schuldturm wartet.

Erstarrt saß sie da, hielt den Brief in der Hand. Die Hände schweißnass auf der Stirn perlte der Angstschweiß, sie war unfähig, sich zu rühren. Immer wieder starrte sie auf das Schreiben, bis das Wasser in den Augen alles verschwimmen ließ.
Pfändungsanordnung.
Der Brief war vom Gerichtsvollzieher, dass Datum sehr nahe und kündigte die Sperrung der Konten an. Dass allerdings wusste sie schon, sie hatte keinerlei Zugang mehr und auch alle Karten waren gesperrt. Sie ließ das Schreiben auf den Tisch fallen, wischte sich die Stirn trocken und auch die Augen, das Gesicht.
Langsam beruhigte sie sich wieder, nur die Wut blieb auf den riesen Betrug, den sie erleben musste. Bei einem riesen Gesundheitskonzern angestellt, verdiente sie gut, gab Gesundheitsberatungen, bis diese unseligen Gesetze gemacht wurden, von Rot/Grün und nur wurden sie ausgesourct. Man redete ihnen ein, das wäre privat viel besser, höheres Einkommen, steuerlich konnte man einiges machen und man war auch besser krankenversichert, auch die Rente wäre besser und sie rechneten ihnen vor, wie wohlhabend sie zur Rente wären und ein Gesundheitsberater würde nicht krank werden. Sicher, die Ernährung hatte sie im Griff, sie aß nichts Ungesundes, soweit das möglich war und Amalgam hatte sie schon lange nicht mehr im Mund.
Regelmäßiges Ausleiten und testen ihrer eigenen Aufstellung ließ sie Maßnahmen ergreifen, die zur Gesundheit beitrugen.
Saftfasten zweimal im Jahr, zum Beispiel.
Eines hatte sie aber nicht auf dem Schirm.
Stress, seelische Qualen, denn nun musste sie selbst für ausreichend Kunden sorgen und der Steuerberater, den sie hatte, stellte sich als Pfeife heraus, was sie ohne die geringste Erfahrung und dem nötigen Wissen, was man braucht, um immer selbst und ständig aktiv zu sein.
Wie das ein Handwerksmeister lernen muss.
Dann kam der Hammer, niemand hatte sie vorgewarnt, weder die Firma, noch ihr Berater, und da sie vertraute, auch wenn man selber recherchieren konnte, oder einfach mal das Finanzamt fragen, die Mehrwertsteuer.
Nach einer Prüfung eröffnete man ihr, sie müsse 80.000 € Umsatzsteuer nachzahlen, weil sie steuerpflichtig gewesen sei. Sie hatte daraufhin alles versucht, gegen die Firma vorzugehen, aber die wiesen alles zurück, sie wäre selbstständig und als solche müsse sie sich informieren.
Auch dem Steuerberater konnte sie nicht bei und für einen Anwalt hatte sie kein Geld, denn der, den sie befragte, meinte, sie könne nichts beweisen, die würden alle behaupten, sie hätten sie informiert und würden womöglich Schriftstücke vorlegen. Falsche Beratung würde es praktisch in so einem Falle nicht geben.
Nun stand sie im Regen, war völlig durchnässt, die Klamotten klebten ihr am Leib, auch wenn sie immer noch am Tisch saß.
Draußen donnerte ein Zug vorbei. Was könnte sie tun, kann das Finanzamt solange nachfordern, ja kann es, fand sie heraus und sie sah überhaupt kein Licht am Ende des Tunnels.
Was blieb ihr also übrig, sie würde bis ans Ende ihrer Tage am Hungertuche nagen, alles wäre weg, auch die Rente und am Ende bliebe noch der Schuldturm, oder wie es heute hieß, Erzwingungshaft.
Es gab nur diesen Weg und sie erhob sich, stricht ihre Kleidung nicht glatt, ließ den Schlüssel am Brett hängen und ging die hundert Schritte zu dem illegalen Bahnübergang. Sie wusste, bald würde wieder einer kommen, hier fuhr es regelmäßig.
Und da kam er schon, als sie sich anschickte, auf den Bahnkörper zu treten, erschien eine Figur, wie im Nebel, sie stockte, hielt inne. Was war das? Und mit einem Mal schien für sie die Sonne aufzugehen.

„Scheiße, warum immer ich, warum schon wieder.“, brüllte der Lokführer auf seinem Führerstand, schon beim ersten Wort riss er durch, zog durch, er warf den Fahrbremshebel nach hinten. Ein Blick ging auf die Kilometertafel: 30,5. Das brauchte er, um das Elend anzusehen und um die Meldung zu machen. Bei 30,4 kam er zum Stehen, das Antiblockiersystem verlängerte den Bremsweg um 100 m, sonst hätte er nach 300 m gestanden, also hieß es 400 m nach hinten zu laufen. Er tätigte seine Durchsage, man möge sitzen bleiben, ein Irrer wollte nicht mehr Leben, man möge sich bei ihm beschweren und eine Menge Wut schwang in ihr mit.
Also öffnete er seine Tür, man hatte endlich wieder Führerstandstüren eingebaut, damit man nicht mehr durch den Fahrgastraum musste. Der Triebwagen war 100 m lang, der Rest der Strecke war gut einsehbar, da war niemand, halt eine nicht mehr ganz junge Frau stand dort, aber neben der Strecke und die versicherte ihm, da war, wäre er, der Engel gewesen und hätte verhindert, dass sie dort stand, ein Engel ohne Flügel und beide sanken sich in die Arme, sie heulte wie ein Schlosshund, weil sie wusste es würde weitergehen und er, das es nicht sein siebter Abschuss war, sondern ein Alchimist!
Ein Gespenst!

Frama 2022-11

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Harald war 23 und wusste mit seinem Leben nur wenig anzufangen. Er verbrachte die Tage meist liegend, auf seinem alten Sofa, bei dem schon zwei Beine abgebrochen waren. In dem Durcheinander verschiedener Decken und Kissen, versank er meist in einen Halbschlaf. Er hing herum und träumte von einem besseren Leben. Das Geld, das er vom Staat bekam reichte gerade noch für sein Rauschgift, das er immer einnahm, damit ihm seine Fantasie, ein schöneres Leben vorgaukeln sollte…
Weil da aber für etwas zu Essen nicht viel übrig blieb, brachte ihm die mitleidige Nachbarin, ab und zu etwas von den Resten ihrer Speisen herüber.
Eines Tages, Harald hatte versehentlich zu viel von den Drogen geschluckt, klingelte es. Er taumelte benommen zur Tür und öffnete.
Guten Tag, Herr Wimmer, Ich komme vom Amtsgericht und bin Gerichtsvollz… Aber um Gottes Willen, was ist mit Ihnen, Sie sind ja ganz blass. ER ging auf Harald zu, der umzukippen drohte und fing ihn auf. Da sah er dessen überaus große Pupillen und wusste, dass hier Not am Mann war. Mit dem einen Arm hielt er Harald fest. Mit der anderen Hand, fummelte er sein Handy aus der Tasche und tippte die Notrufnummer ein. Bitte kommen Sie schnell, hier stirbt einer und gab dazu die Adresse ein.
Lange konnte er diesen halbtoten Mann nicht halten. Der entglitt ihm und er zog ihn zum Sofa und legte ihn da ab. Ein Blick in die Runde, sagte ihm, dass hier ohnehin nichts zu holen war.
Als der Sanka kam und den Sterbenden mitnahm, ging auch er und zog die Tür hinter sich zu.

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Deus ex machina

Auf der unscheinbaren Tür in dem dunklen Flur prangerte eine kleine, auf dem Bauch liegenden 8 im violetten Schwarzlicht. Der Strahl der Taschenlampe hielt noch einige Sekunden weiter auf das Zeichen, bevor sich die verschleierte Gestalt mit einer 1 auf dem Rücken, dazu entschloss, mit geballter Faust hart an Tür zu hämmern.

Das metallische Klopfen hallte wie Kanonenschläge durch den Flur und synchronisierte sich mit dem rhythmischen Flackern von alten Neonröhren an der Decke.
Der Gesang immer lauter werdender Sirenen in der Ferne fügte sich in das Flackern und Klopfen ein, wie ein weiteres Instrument einer modernen Melodie, welche sich gerade formte.

„Scheiße, warum macht keiner auf?“
Die Stimme des hageren Mannes zitterte, während er unruhig von einem Fuß auf den anderen wechselte und an den aufgemalten Zahlen auf seiner Jacke herumspielte.
„Beruhig dich 1335, wir sind hier richtig.“ Der Mann mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze senkte die Taschenlampe und hämmerte erneut an die Tür.
„Warum macht dann keiner au…“

Ein Knacken ertönte hinter der schweren Eisentür, dann ein Schleifen und schließlich das Geräusch eines Schlüssels, welcher klackernd im Schloss umgedreht wurde. Die Tür sprang auf, gerade weit genug um das grüne und blaue Licht durch den Spalt zu erkennen, welches tief aus dem Raum dahinter zu entkommen versuchte.

Das Gesicht einer alten Frau schob sich hervor und beäugte die beiden Männer argwöhnisch durch ihre alten, milchigen Augen.
„Wir brauchen Hilfe vom Alchemisten.“
Die Alte hob ihren Kopf hinaus auf den Flur und sah sich um. Ihr weißes Haar baumelte mit jedem Mal das sie ihren Kopf dabei nach links und rechts drehte.
Die Sirenen wurden lauter und der Blick der Alten misstrauischer.
„Bitte“, sagte Nr. 1, zog die dunkle Kapuze vom Kopf und das schwarze Halstuch unter sein Kinn, „wir haben keine Zeit.“
Ihre Mundwinkel zuckten und lösten eine Kettenreaktion in ihrem Gesicht aus. Ihre unzähligen Falten bewegten sich auf und ab, während sie nickte und die Tür weiter aufschob.

In dem kleinen Apartment leuchteten dutzende Rechner und surrende Server in allen Farben des Regenbogens. Die Fenster waren zugeklebt und auf den Tischen lagen unzählige technische Gerätschaften.
In einem alten Röhrenfernseher war gerade ein Bericht über die Festnahme einer Aktivistengruppe zu sehen, welche von den staatlichen Robotereinheiten in Handschellen abgeführt wurden.

„Ein großer Erfolg und eine Gefahr für die moderne Menschheit“, dröhnte es blechern aus dem alten Gerät.
„Scheiße, schau dir das an, das wären beinahe wir gewesen.“
Kalter Schweiß lief dem hageren Mann über die Stirn, als er wie gebannt auf den Bildschirm blickte.
„Verschwende keine Gedanken an sie 1335, sie wussten worauf sie sich einlassen.“
„Und jetzt? Was passiert nun?“
Nr. 1335 sah sich im Raum um und beobachtete ungeduldig die alte Frau, die sich langsam durch eine Tür in einen anderen Raum bewegte.
„Wir warten.“

Nr. 1 ließ sich auf einen alten, abgenutzten Sessel in einem braunen Blumenmuster fallen und zappte mit der klobigen Fernbedienung durch das Programm.
Auf allen Sendern war das Gleiche zu sehen. Die verlogenen Worte der Nachrichten- und Regierungssprecher über die neue und fehlerlose Welt in der sie nun lebten. Eine Welt, angeführt von einer künstlichen Intelligenz, allwissend und unfehlbar.
Kein Platz für menschliche Emotionen, kein Platz zum Mensch sein. Alle waren sie nur noch kleine Zahnräder einer riesigen Maschine ohne eigene Gedanken, ohne Seele.

Es stimmte, es gab keinen Krieg mehr, keine Unzufriedenheit, keine Krankheiten und keine Gewalt. Der Preis dafür war jedoch hoch. Keine Liebe, keine Freude. Kein erster Kuss und keine Schmetterlinge im Bauch. Nichts. Nur das triste Leben, wie ein Essen ohne Salz. Trüb, hoffnungslos und alles andere als lebenswert.
Doch gelegentlich bröckelte dieses neue, fehlerfreie System, immer dann, wenn sich Menschen dazu entschlossen, dieser Welt zu entkommen.
Nr. 1 war einer von ihnen.

Hinter ihm hörte er die quietschenden Reifen und das leise Klackern, das er nur allzu gut kannte. Der Fernseher verabschiedete sich mit einem leisen Flump und Nr. 1 erhob sich.
Der junge, missgestaltete Körper des im Rollstuhl sitzenden Mannes ließ ihn jedes Mal aufs Neue zusammenzucken.
Der Unfall war Jahre her, doch sein verdrehter Körper sah aus wie an jenem Tag, als er ihn fand.
Die alte Frau stellte den Rollstuhl in der Mitte des Raumes ab und ging hinüber zu dem Sessel, auf dem gerade noch Nr. 1 gesessen hatte.
„Wärst du so freundlich?“
Nr. 1 nickte, ging hinüber zum Tisch und trat mit vollen Händen zu dem Mann im Rollstuhl. Die Apparatur klickte und begann zu blinken, als er sie auf dem Kopf des kranken Mannes setzte.
„Bereit?“
Die Frau nickte, drückte sich in den Sessel und schloss die Augen, während er ihr das baugleiche Gerät aufsetzte.

Ein grelles Leuchten durchflutete den Raum, Rechner und Server begannen laut zu summen, bis schließlich wieder alles wie zuvor war, mit einem Unterschied: Der Mann im Rollstuhl begann zu stöhnen.
„Himmel, was für ein furchtbarer Körper. Solltest du jemals auf die Idee kommen deinen Geist zu transferieren, such dir niemals eine 101-Jährige dafür aus.“
Nr. 1 lachte, „dafür ist sie unauffällig und erregt keinen Verdacht. Besser als das junge, vollbusige Model von damals, du erinnerst dich?“
„Was für eine Tragödie. So ein schöner Körper, aber leider zu auffällig.“
Nr. 1335 sprang vor Schreck zurück und fiel gegen den Tisch, von welchem lauter bunte Kabel regneten.
„DU bist der Alchemist?“
Der Mann im Rollstuhl stieß ein heißeres Lachen aus und steuerte sich mit dem Joystick unter seiner Hand in Richtung des Tisches.
„Hast wohl nen alten Mann mit weißem Bart erwartet, mhm? Tut mir leid, ich kann nur mit einem Krüppel oder einer alten Frau dienen. Ich wette, die vollbusige hätte dir auch gefallen.“
Er deutete auf einen der vielen Monitore der Überwachungskameras.

Ein Mannschaftswagen hielt direkt vor dem Gebäude und aus der Schiebetür sprang ein halbes Dutzend Roboter mit schweren Waffen auf den silbernen Armen.
„Los jetzt, sie sind gleich hier.“
Nr. 1 drückte den verängstigten jungen Mann auf einen Stuhl und setzte ihm eine ähnlich, jedoch größere Apparatur auf den Kopf. Mit einem Stecker verband er das Gerät mit einem der Server.
„Was … was passiert nun?“
Der Blick des Alchemisten huschte über die Monitore.
„Du bekommst den Schnelldurchlauf. Wir werden deinen Körper zum Aufwachen zwingen. Du wirst diese Realität verlassen und in deinem echten Körper wieder aufwachen.“
Nr. 1 beugte sich zu ihm herunter, „Verschwinde so schnell wie möglich aus der Anlage und suche Nr. 2. Hast du verstanden? Sie wird dir alles Weitere erklären.“
„Nr. 2? Sie?“
Nr. 1335 wolle noch eine weitere Frage stellen, wurde aber von einem lauten Surren unterbrochen. Sein Körper zuckte und sank leblos zusammen.

„Das war der Zweite in diesem Monat. Es werden weniger.“
Der Mann im Rollstuhl sah Nr. 1 eindringlich an.
„Es wird schwieriger, sie sind uns immer einen Schritt voraus.“
„Ich weiß, aber wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, wir müssen so viele retten wie möglich. Und nun versteck dich, sie kommen.“

Es hämmerte an der Tür. Der Klang von Metall auf Metall war so laut, dass es klang, als würde sie darunter zerbrechen.
Die Tür öffnete sich nur einen Spalt weit und die alten, milchigen Augen begutachteten die Eindringlinge. Ihre metallenen Körper glänzten wie frisch poliert und die Linsen in ihren unechten, toten Augen bewegten sich langsam vor und zurück, während sie das Gesicht vor ihnen scannten.
„AI Special Force. Wir suchen zwei flüchtige Personen. Es handelt sich um Terroristen, die einen Anschlag auf die Gesellschaft planen.“
Die Computerstimme klang ohne jede Emotionen und unterschied sich nicht von den tausend anderen unechten Stimmen, die er in den letzten Jahren gehört hatte.
„Ich habe niemanden gesehen.“
Er wartete ab, während die programmierten Maschinen seine Antwort verarbeiteten.
„Entschuldigen Sie die Störung. Sollten Sie verdächtige Personen sehen, melden Sie diese sofort.“
„Selbstverständlich. Diese Terroristen müssen eliminiert werden.“

Die Tür flog wieder ins Schloss und der alte Körper drehte sich langsam um.
„Sie gehen. Ruhe dich heute Nacht hier aus. Morgen machen wir weiter.“

Heimsuchung in einer mondlosen Nacht

Ein früher Winter hatte sich in den Tälern rund um Volterra verschanzt. Über den Hügeln strich der Wind von Norden bis über die Kuppel der Kathedrale Maria Himmelfahrt. Kein Schnee morgens, kein Vogelgezwitscher am Nachmittag. Mit dem Glockenschlag zum kirchlichen Abendlob wehte zum mondlosen Tagesende ein Hauch von trockenen Kräutern, Alabaster und Staub in die Stadt.

Der alte Meister lauerte in seiner Stube, wann endlich das buckelige Kräuterweib anklopfte, um ihm ein Elixier zu bringen, welches möglicherweise seine Schuldner fernhielt, mit denen er die Verpflichtung eingegangen war, Gold herzustellen. Würde es ihm nicht bis zum Morgengrauen an Epiphania gelingen, drohte ihm Kerkerhaft, denn eine Flucht durch die schonungslose Kälte in das wärmende Sizilien verhinderten die Schergen der Medici.

Die Leute erzählten, die rothaarige Hexe sei am Ufer der Adda geboren. Sie sei nach dem Fluss benannt, ungetauft und sie meinte doch tatsächlich mit Wasser heilen zu können. In Volterra brauchte es keine Sterbensseele, die einen großen Alchimisten über die Schulter schaut, aber so dachte er weiter, diese verunstaltete Kreatur könnte mein Schutz werden oder gar als Notlüge dienen, um dem Verhängnis zu entgehen.

Der alte Meister kniff die Augen zusammen und hoffte, sie würde seine wahren Absichten missdeuten oder verkennen. Jetzt aber klopfte sie wiederholt gegen die Tür, diese buckelige Person, die nur zu Recht das Veltlin verlassen musste, weil sie der Hexerei beschuldigt wurde. Er hüstelte scheinheilig, tat zerstreut und gewährte ihr Zutritt in seine warme Stube.

Die kleine Person schaute ihn von unten an und bedankte sich für den Einlass, obwohl sie wusste, dass er es war, der damals an der Adda ihre Mutter den Folterknechten zugeführt hatte. „Was würden Sie großer Meister tun, um Gold zu machen?“

„Alles“, rutschte es ihm unverhohlen über die Lippen.

„Ich habe Wasser, welches oftmals bei Vollmond schimmert, als schwimme das glänzende Aurum darin. Raten Sie mir doch, was zu tun ist.“

„Zeig her!“ Wie von selbst flogen seine Hände zu ihr, um es ihr zu entreißen, im allerletzten Moment erstarrte er über sein Tun.

Sie zerrte die Schweinsblase unter ihrem Rock hervor, reckte sich, um sie ihm vors Gesicht zu halten: „Vollmond! Nur dann wirkt es!“

Seine Augen glühten, das Kinn bebte, die Hände zitterten. Ob sich der Himmel in zwei wenigen Wochen doch noch auftat?

„Wenn man es allerdings trinkt“, hob sie fröhlich an, „kann man sehen, wo Gold zu finden ist.“

Er traute seinen Ohren nicht. Brachte das Wasser in dieser mondlosen Nacht die Rettung? „Was willst du dafür? Willst du einen Laib Brot?“

Sie tanzte vor ihm herum. „Man stelle sich einen Buckel voller Dukaten vor? Einen schwer mit Gold beladenen Rücken.“

Er schaute sie von oben herab an und war sicher, dass sie etwas im Schilde führte. Aber das Gold? Wenn sie doch recht hatte, wenn sie es doch in der Blase schwimmen sah. Da musste er doch zugreifen, denn sie hatte womöglich den Zaubertrank, wovon er hoffte, ihn mal zu mixen. Innerlich schüttelte er sich, wie konnte es diesem Satansweib gelungen sein?

„Möchtest du einen solchen Höcker voller Gold?“ Sie verrenkte die Schulter und den Ellenbogen, um auf ihren Rücken zu zeigen.

„Gib mir einen Buckel, ich will das Wasser jetzt.“ Rasend vor Gier entriss er ihr die Schweinsblase, setzte die Öffnung an seinen Mund und nahm ordentliche Züge.

Das Gesicht zu einer Fratze entstellt, tänzelte sie um den alten Meister herum, dann schlug sie ihm auf den Rücken: „So, du wolltest einen Buckel, hier hast du einen!“

Die Schweinsblase klatschte zu Boden, plötzlich war er schwer beladen, torkelte über die Pfütze und stierte sie an. „Du Hexe!“

„So ist es!“ Sie eilte zur Tür: „Hoffe du nur in Volterra hat man genug Reisig, damit es für dich rasch zu Ende geht!“ Die schwere Holztür fiel hinter ihr ins Schloss und sie spürte plötzlich die feucht-warme Meeresbrise, die nachts durch die Gassen wehte. Ihre Misere hatte sich in ein mildes Schicksal gewandelt und mit dem Aroma des Meeres spürte sie den kerzengeraden Rücken, auf dessen Schultern kastanienbraune Haare lagen.

Remember when you were young?“ drang die kehlige Stimme hinter der massiven Kellertür hervor.
„Roger! Na endlich!“, rief der Alchimist begeistert. „Ich dachte schon, du kommst nicht mehr. Warte, ich mach dir auf.“ Er legte die Gitarre auf der gammligen Couch ab und tänzelte in Richtung Tür, als er abrupt stehenblieb. „Aber wieso klopfst du dreimal stumpf hintereinander?“
„‘Cause you shone like the sun“, kam sogleich die Antwort.
„Ja, das stimmt.“ Der Alchimist klang geschmeichelt. „Trotzdem hatten wir ein anderes Klopfzeichen ausgemacht. Du weißt, ich muss vorsichtig sein, wegen der Cops und so. Ganz zu schweigen von der Drogenmafia.“
„But, Sid: Shine on, you crazy diamond!“
„Schon klar: Shine on! Shine on!“, antwortete der Alchimist, während er auf der Stelle hin und her trippelte. „Aber was ist mit dem richtigen Klopfzeichen? Außerdem heiß ich nicht Sid, sondern Merlin.“
Hinter der Tür wurde es mit einem Mal still.
„Hey Roger, bist du noch da?“ Der Alchimist rieb sich die schweißnassen Hände, bevor er zwei weiche Ausfallschritte nach vorne machte. Dann presste er sein Ohr auf das kalte Metall, als er ein leises Wimmern vernahm.
„Ist ja gut, du hast gewonnen!“ Er drehte den Schlüssel um und schlurfte zurück zur Couch. „Kannst rein kommen, Artus, die Tür ist offen. Aber putz dir vorher die Schuhe ab.“
Dann griff der Alchimist grinsend nach seinem Instrument. Und in seinem Rücken ertönte ein Gitarrenriff, als würde der Schlitten einer Waffe nach vorne schnellen.