Seitenwind Woche 7: Mach eine Szene!

Magische Pilze

Joost hing über seinem Arbeitstisch, halb schlafend und kaum fähig zu sprechen. Außerdem wollte er nicht. Er war ohnehin gerne für sich. Hören und Sehen schienen heute Morgen intensiver. Das leise Gurren der Tauben im Hof amüsierte ihn; die bunten Kringel, die das Sonnenlicht auf den Boden zauberte, ließen ihn kichern. Gerne hätte er sie eingefangen, hätte mit ihnen getanzt, doch bewegen mochte er sich keinesfalls. Das Klopfen an der Tür drang tief in seinen Kopf. Jemand wollte in sein Laboratorium? Wieso? Alleine war er ohnehin glücklicher, und mit den hübschen Geräuschen und Farben dieses Morgens sowieso. Es klopfte wieder. Joost litt unter dem lauten Pochen. Lasst mich, dachte er. Ich brauche Ruhe zum Arbeiten, Ruhe zum Denken, Ruhe für meine tanzenden Farbkringel.

Beim dritten Klopfen riss jemand die Tür auf.
„Was machst du hier? Wie kannst du es wagen, mich zu ignorieren? Schließlich bezahle ich dich seit Monaten. Ich will das Elixier von dir! Ich füttere dich nicht fürs Nichtstun.“

Joost lächelte seinen Baron an, freundlich, fand er, doch wohl auch ein bisschen dümmlich. Ich sollte etwas sagen, dachte er; indes brachte er lediglich ein Kichern zustande. Sein Herr lief wütend auf und ab.
„Das Elixier, schrie er, das Lebenselixier! Hast du des endlich oder muss ich dich prügeln lassen?“

Das Elixier, immer wieder dieses Elixier! Aus seinen Fantasien gerissen entschloss sich Joost zu einer Entgegnung.
„Glaubt mir Herr, das elixir vitae ist nicht so wichtig. Dazu braucht man die quinta essentia. Die hatten die alten Adepten, wie man sagt, die wahren Spagyriker. Was wollt ihr mit ewigem Leben? Fröhliches Leben wollt ihr, nicht ewiges Leben im Zorn.“
Er grinste seinen wütenden Baron an.
„Übrigens, Ihre roten Wangen sind wahrhaft hübsch. Sie schillern und glitzern sogar. Wie die bunten Sonnenkringel – doch tanzen will ich mit Euch nicht.“ Er lachte beschwingt.

„Habt ihr überhaupt irgendetwas Vernünftiges gearbeitet, schrie ihn der Baron an. Irgendwas Brauchbares erschaffen?“

Joost zögerte eine Weile. Komplizierte Fragen brauchten Zeit zum Nachdenken.
„Habe ich“, antwortete er endlich, lächelnd und etwas lallend. „Sorgt euch nicht. Ihr wisst doch, im Feuer liegt die Kraft, im Feuer auch die Läuterung – wie im Pfingstwunder.
Gestern war ich in Eurem Wäldchen. Pilze habe ich mitgebracht, kleine graue, entzückende Hütchen. Am frühen Morgen, das magische Mondlicht fiel noch ins Laboratorium, habe ich sie stundenlang in Spiritus über schwachem Feuer erhitzt. Dieses Elixier, er hielt eine kleine Retorte hoch ist die Seele des Pilzes, der Spiritus des Glücks, das Elixier der Erkenntnis.“

Der Baron explodierte fast vor Wut und schritt um Fassung bemüht zur Tür.
„Probiert nur“, hörte er hinter sich, „probiert nur!“

Unter der Tür zögerte er und wandte sich um. Noch immer hielt Meister Joost die Retorte hoch, sie schien ihm zu winken.