Seitenwind Woche 7: Göttlicher Auftritt

Symposion im Kloster

„Gibt es hier was Anständiges zu trinken? Was anderes außer Wasser?“ Bacchus schlurft mürrisch hinter den anderen her. Mit einem dumpfen Schlag fällt die hohe Klosterpfort!e hinter uns ins Schloss.

„Dass du aber immer nur ans Saufen denken kannst! Du bist doch ein gestandenes Mannsbild!“ Venus beäugt den massigen Kerl, von dem sie sich lasziv schwänzelnd durch die Flure ziehen lässt. „Und gar nicht so unattraktiv. Du solltest es mal mit dem Rausch der Liebe versuchen!“ Bacchus zerrt sie weiter. „Ach, ich wünschte, Mars wäre schon hier!“ Venus seufzt steinerweichend. Die ausgetretenen Kalksteinplatten im Kreuzgang allerdings waren ärgeres gewohnt. Unbeirrt strahlen sie die Kälte der Ewigkeit nach oben. Mir wird bang bei dem Gedanken, dass Venus´ aktueller Geliebter hier aufkreuzt. In ihrer eitlen Profilierungssucht als Schönste im All sinkt sie in die Arme von jedem, der nicht beizeiten auf dem nächsten Planeten Zuflucht sucht. Stets gibt es Ärger mit ihr. Schlägereien, Verfluchungen, blutrünstige Rache. Damals konnte ich noch rechtzeitig eingreifen, als sie sich sich völlig besinnungslos in Adonis verliebte. Ein Drama Dantesker Ausmaße war das letzte, was wir in unserem Gottreich brauchen konnten. Mein Einsatz war kurz und effektiv: der Eber nahm den Schönling auf die Stoßzähne.

Mir wird kühl. Mein ledernes Wams wärmt nur wenig, der Köcher wippt mir auf dem Rücken im Rhythmus meiner Schritte. Der Mönch vor uns biegt um die Ecke und öffnet dort eine mächtige, prächtig verzierte Holztür. Sofort hüllt uns gedämpftes Licht in eine goldene Wolke und weist uns den Weg. Wir betreten einen Raum voller Weisheit und Erinnerung. Entlang sämtlicher Wände vom Boden bis zur stuckverzierten Decke stehen Bücher und Folianten selbstbewusst aufgereiht, sogar in den Fensternischen unter den Gesimsen drängen sie sich eng aneinander.

Auf einer Bank fläzt Vulcanus. Er hebt die Hand zum Gruß und fragt: “Wieso eigentlich in einem Kloster? Gibt es denn keinen anderen Ort für unser Symposion?“

Langsam bin ich es leid, es jedem von ihnen erklären zu müssen. Dass wir buchstäblich auf Barmherzigkeit angewiesen sind, auch wenn kaum wer weder auf Erden noch im Himmel etwas mit diesem Wort anfangen kann. Aber wir besitzen nichts, womit wir uns legitimieren könnten, unsere Namen sagen nur wenigen etwas und wenn, dann tippt man sich an die Stirn und überlegt, ob es nicht besser wäre, die weißen Männer in den Turnschuhen zu rufen. Doch – ist nicht Geduld eine Tugend der Jagd? Also nehme ich neben ihm Platz und erläutere ihm die Lage.

Wenn nur schon alle da wären!

Die Bibliothek füllt sich. Juno und Minerva zeigen mit ihren abweisenden Mienen, was sie von der Veranstaltung halten. Ceres knabbert gedankenlos an ihren Weizengarben herum, Mars fällt augenblicklich in die weit ausgestreckten Arme von Venus. Apollo kommt herein und verkündet, dass Jupiter meine Amtsanmaßung entschieden missbilligt und sich außerstande sieht, dieser Komödie beizuwohnen. Gut, soll er. Mir solls recht sein.

Ich schau sie mir an, meine Kolleginnen und Kollegen und spüre, wie derangiert, wie fertig gelebt, wie unzeitgemäß und ja, überflüssig wir alle sind. Das sage ich dann auch. Die Reaktionen reichen von hämischem Gelächter bis zu bösartigen Angriffen. „Seit Tausenden von Jahren gehen wir in aller Selbstverständlichkeit davon aus, dass uns Anerkennung und Ehre gebührt und zuteil wird. Unsere wachsende ignorante Überheblichkeit verhindert einen sachlichen Blick auf die Welt und ihre Bewohner, wir geben uns unseren Leidenschaften hin und leben weiter, als wären wir noch immer die unangefochtenen Beherrscher. Uns entgeht völlig, dass längst nicht mehr die Rede von uns ist, keine Opfer für uns mehr gebracht werden, keine Tiere, keine Feldfrüchte, nichts!“

Empörung brandet mir wie explosives Feuer entgegen. Geschrei füllt den Raum. Einige versuchen stampfend den Raum zu verlassen. Vorausschauend habe ich den Mönch gebeten, abzusperren.

Ich hebe die Hand. Warte. Dann zeige ich auf die schweren Folianten, auf die leinen- oder ledergebundenen und auf die geschnürten Papierbündel. „Das hier, meine Lieben, das ist unser letzter Ort. Darin sind wir verewigt. Für die wenigen, die noch nach uns fragen. Dort werden unsere Geschichten erzählt, dort sind Bildchen von den Vasen und den Tonscherben, auf denen unsere Konterfeis betrachtet werden können. Ja, eine Welt voll von göttlicher Macht und heldischen Taten. Aber sie ist dahin! Nichteinmal mehr Orpheus singt von uns seine Lieder!“

Sie wollen es nicht glauben. Sie schreien weiter. Fragen, wie ich darauf komme, einen solchen Unsinn zu erzählen.

„Ja, das will ich euch sagen. Die Menschen, sie haben sich selbst zu Göttern erhoben. Sie tun genau das, was uns vorbehalten war. Ja, sie gehen sogar noch weiter. Sie erschaffen Welten. Sie bewegen sich darin als Wesen, denen sie selbst Gestalt und Attribute geben und worin sie sich täglich neu erfinden können. Unser Universum haben sie zu einem wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand degradiert. Sie brauchen uns nicht mehr.“

„Das werden sie büßen!“ „Sie werden scheitern!“ „Das kann nicht gut gehen!“ Der Unglaube und das Entsetzen reißt sie von den Bänken.

„Ja, sie werden scheitern. Aber das schlimme daran ist: wir können nichts, absolut gar nichts daran ändern.“