Zurückgeblieben
Sarah ist vor drei Wochen gestorben. Heute ist unser Hochzeitstag. Es wäre unser Zweiundfünfzigster gewesen.
Mühsam quäle ich mich aus dem wuchtigen Armsessel. Den haben wir vor achtundzwanzig Jahren gekauft. Das war in dem Jahr, als mein Vater starb. Traurig schaue ich das alte Ungetüm an. In meinem Kopf höre ich Sarahs Stimme, wie sie schimpft, weil sie das schwere Sitzmöbel beim Staubsaugen zur Seite schieben muss. Sie wollte immer alles allein machen, denn sie wusste, es dauerte länger, wenn sie mich um Hilfe bäte.
»Mir kommt da eine Idee! Was hältst du …?« Wenn sie so anfing, wusste ich, dass wieder viel Arbeit auf mich zu käme. Nicht, dass ich mich davor scheute, aber es dauerte immer eine Weile, bis mich meine Frau überzeugt hatte. Ich suchte nach Ausreden, die länger dauerten, als ich für die eigentliche Arbeit benötigte.
Wie leid mir heute alles tut. So leid.
Sarah hat für alles Listen geschrieben. Dinge, die zu tun waren; Arbeiten, die keinen Aufschub duldeten. Lauter solche Sachen standen auf ihren Zetteln. Wenn sie damit ankam, wusste ich, dass ich dem nichts entgegenzusetzen hatte. Wie ich auch argumentierte, am Ende kam es so, wie sie es geplant hatte.
Vor vier Wochen habe ich einige ihrer Listen gefunden; Planungen für den kommenden Sommer. Ich lasse mir Zeit bei der Arbeit, denn ich spüre, dass sie bei mir ist, während ich all’ die Dinge erledige, die sie aufgeschrieben hat. Ich spreche mit ihr und entschuldige mich, wenn es mal nicht hundertprozentig gelingen will. Sie sieht es mir nach und lächelt, wie sie es immer getan hat, nachsichtig und verständnisvoll. Sarah brauchte nie eine Wasserwaage, um ein Bild gerade aufzuhängen. Wenn es nur einen Millimeter schief hing, ihr prüfender Blick bemerkte es sofort.
Müde gehe ich ins Arbeitszimmer. Ihr Foto steht auf dem Schreibtisch. Ich nehme das gerahmte Bild in meine Hände und betrachte es wehmütig. Eine schöne Frau.
»Alles Liebe zum Hochzeitstag, mein Schatz«, sage ich laut. Mein Blick verschwimmt.
Ein Geräusch draußen vor dem Haus.
Ich stelle das Bild zurück. Mit den Handballen wische ich mir die Tränen aus dem Gesicht und gehe zum Fenster. Bedachtsam schiebe ich zwei Finger zwischen die Lamellen der heruntergelassenen Jalousie. Das Tor zur Straße steht wieder auf. Eine schlichte, eiserne Eingangspforte. Nichts Besonderes. Ich ziehe die Finger zurück und streife den Staub ab, der auf meinen Knöcheln haften geblieben ist.
»Machst du mal bitte das Tor zu? Es steht schon wieder auf.«
Sarahs Stimme ist in diesem Haus noch immer lebendig. Folgsam gehe ich zur Garderobe und ziehe meine Schuhe an. Mein Blick fällt auf einen hochkant stehenden Karton. Seit neun Monaten steht der neue Schuhschrank original verpackt in der Ecke. Immer wieder habe ich einen Grund gefunden, ihn nicht aufbauen zu müssen, und Sarah hat es hingenommen. Sie war immer nachsichtig mit mir, und ich habe ihre Geduld schamlos ausgenutzt.
Gedankenverloren nehme ich den Haustürschlüssel und gehe hinaus. Auf dem Weg zur Straße schaue ich hinüber zum Fenster. Dort steht sie und lächelt mir dankbar zu. Das tat sie immer, auch wenn ich hier und da einen mürrischen Gesichtsausdruck hatte.
Damals ahnte ich nicht, wie krank sie war. Ob sie es gewusst hat? Gesagt hat sie nichts, wenigstens nicht direkt. Hätte ich doch nur besser zugehört. Ich schließe das Tor.
»Siehst du Liebes, heute hast du nicht mit mir schimpfen müssen«, murmele ich und starre auf den Parkplatz vor unserem Haus. Sarah steht dort und hebt die Einkaufstaschen aus dem Auto.
»Lass mich das machen. Die sind doch zu schwer für dich.«
»Was glaubst du, wie die ins Auto gekommen sind?«, fragt sie mich. Das Bild löst sich auf.
Eine Nachbarin geht vorbei und grüßt zaghaft. Ich nicke ihr zu. Sie hat oft mit meiner Frau hier gestanden und ein Schwätzchen gehalten. Gut, dass sie heute nicht stehen bleibt. Ich gehe zurück ins Haus. Staub liegt auf dem Karton des Schuhschranks. Morgen werde ich ihn aufbauen, gleich Morgen.
»Das Tor ist zu«, rufe ich laut in den Flur. Meine Worte bleiben ungehört. Ich ziehe die Schuhe aus und gehe ins Wohnzimmer.
Das Telefon klingelt. Vor einem Jahr haben wir uns ein neues Gerät angeschafft.
»Ich brauche eins ohne Strippe«, hatte Sarah gesagt. »Das kann ich mit in die Küche oder in den Garten nehmen. Jedes Mal muss ich in einem Affentempo zum Flur rennen, wenn es klingelt. Eines Tages werde ich mir dabei noch den Hals brechen.«
Also haben wir ein schnurloses Telefon gekauft. Es lag fast immer in der Küche und meistens war der Akku leer, weil Sarah fortwährend vergaß, es auf die Ladestation zu stellen.
Im Flur nehme ich den Apparat, drücke auf die grüne Taste und melde mich.
»Hallo Papa.« Es ist Bastian, unser Ältester. Ich freue mich, seine Stimme zu hören. Im Wohnzimmer setze ich mich in den Sessel und höre meinem Sohn zu. Er hat den Hochzeitstag seiner Eltern nicht vergessen, und er hat viel zu erzählen.
Ich schrecke hoch. Einen Moment lang weiß ich nicht, wo ich mich befinde. Es ist dunkel. Langsam erinnere ich mich wieder. Ich sitze in dem alten Armsessel. Ich muss eingeschlafen sein. Das passiert mir in letzter Zeit öfter. Es ist einfach zu still im Haus ohne Sarah.
Mein Rücken schmerzt. Als ich mich aufsetze, fällt irgendwas auf den Teppich. Ach ja, das Telefon. Es dauert eine Weile, bis ich auf meinen Beinen stehe. Ein Schimmer der Straßenlaterne dringt durchs Fenster herein. Nicht viel, aber genug, um den Weg zur Stehlampe zu finden, ohne gegen den Tisch zu stoßen. Langsam taste ich mich hinüber und trete auf den runden Drücker am Boden. Den Fuß zu heben, bringt mich aus dem Gleichgewicht. Erst beim zweiten Tritt treffe ich den Schalter. Das warme Licht erhellt die Stube. Der Schein blendet mich. Mit zusammengekniffenen Augen drehe mich von der Lampe weg. Jetzt sehe ich auch das Telefon. Es liegt vor dem Sessel. Meine Gelenke knacken, als ich in die Hocke gehe und das Gerät aufhebe.
Ich bringe es zur Ladestation und gehe zurück in die Stube. Mein Blick fällt auf die Wanduhr. Es ist eine Funkuhr. Sören hat sie uns letzte Weihnacht geschenkt. Sie hängt mittig über dem Türrahmen. Sarah wollte es so. Sören ist unser Jüngster. Er und Bastian sind fünf Jahre auseinander.
Es ist kurz nach elf. Mit der Hand fahre ich mir über die Stirn. Wann hatte Bastian angerufen? Draußen war es noch hell gewesen. Mein schmerzender Rücken bestätigt es. Ich habe fast vier Stunden im Sessel geschlafen.
»Zeit ins Bett zu gehen«, ruft Sarah aus der Küche. Ihre Stimme ist nur in meinem Kopf. Im Zimmer bleibt es still.
Als wir jünger waren, sind wir nie vor Mitternacht schlafen gegangen. Manchmal, wenn wir uns im Fernsehen einen Film anschauten, wurde es noch später.
»Haben wir mal wieder die Nacht zum Tag gemacht«, sagte Sarah dann und gähnte ausgiebig.
Ich schalte das Flurlicht an und trete wieder auf den Taster der Stehlampe. Dieses Mal erwische ich ihn sofort. Die Treppe hinauf zum Schlafzimmer kostet meinen verkrampften Muskeln die letzte Kraft des Tages.
Ich fühle mich erschöpft, und mir ist warm. Ein paar Minuten sitze ich auf dem Bettrand. Nur einen Moment Atem schöpfen. Ich ziehe mich aus und lege die Sachen ordentlich gefaltet über den Stuhl. Eine mir jahrelang anerzogene Pflicht, der ich mich auch nach Sarahs Tod nicht entziehen kann. Täte ich es nicht, würde sie arg mit mir schimpfen. Auch wenn es nur in meinem Kopf geschähe, möchte ich mir ihre tadelnden Worte doch ersparen. Ich schlüpfe in meine Schlafanzughose und lege mich mit nacktem Oberkörper aufs Bett.
Meine Gedanken finden keine Ruhe. Mir ist immer noch warm. Ich stehe wieder auf und stelle das Fenster auf Kippe. Ein kalter Lufthauch streift über meine Haut, nimmt mich an die Hand und begleitet mich zurück ins Bett.
Die Kühle der Nacht ist angenehm. Wenn ich die Augen schließe, erscheint Sarahs Gesicht. Es verändert sich jede Nacht. Mal ist sie das junge Mädchen, in das ich mich damals verliebte. Ein anderes Mal die glückliche Mutter, mit dem kleinen Bastian auf dem Arm. Es schmerzt mich, sie zu sehen. Zu sehen und nicht in die Arme nehmen zu können.
Ich öffne die Augen, um ihr Bild zu verdrängen, den Schmerz zu lindern. Die schwarze Unendlichkeit des Zimmers ist gegen mich. Sarahs Gesichtszüge kehren zurück, tauchen auf aus der Schwärze und legen sich auf mich, als wollten sie mich zudecken und vor der Kälte schützen.
Wie aus dem Nichts kommt die Erinnerung. Jede Nacht fällt sie mich hinterrücks an, ringt mich nieder und attackiert mich mit den Bildern, die aus der Tiefe meiner Vergangenheit aufsteigen. Mein Verstand will sie nicht sehen, aber meine Sehnsucht verzehrt sich danach. Alles ist wieder da. Sarahs Stimme ist in mir. Ein Wispern, zärtlich, liebevoll. Es hat seine eigene Melodie, mit der es mich einhüllt und sich an mich schmiegt.
»Sarah …«
Sie lächelt mich an. Ihre Lippen bewegen sich, formen Worte, vertraute Worte. Ihre Hand legt sich auf meine Wange, tröstend, aber auch wie zum Abschied. Jede Nacht werden ihre Besuche kürzer. Wie wird es in zwei Wochen sein? Im nächsten Monat? Werde ich sie dann noch spüren können?
Als sie von mir ging, war ich bei ihr. Wie jeden Tag, seit sie ins Hospital kam, saß ich neben ihrem Bett. Die letzten Tage hatte sie nur geschlafen. Die starken Schmerzmittel ließen nicht zu, dass sie aufwachte. Der Arzt hatte mir keine Hoffnung gemacht. »Ihre Frau wird friedlich einschlafen, ohne Schmerzen.« Tröstende Worte, die er sicherlich schon Hunderte Male aussprechen musste.
Als es geschah, hielt ich ihre Hand. Sie war kalt und weich. Sanft strich ich über ihre Finger. So zart und doch hatten sie kräftig zupacken können, wenn es darauf ankam. In diesem Augenblick fühlte ich die leichten Bewegungen. Ihre kleine Hand drückte die meine. Nur schwach und sanft, aber ich spürte es. Es war ein Abschied. Die unausgesprochenen Worte: »Ich warte auf dich.« So hatte sie mich immer verabschiedet, wenn ich das Haus verließ. Jetzt musste ich sie gehen lassen. Ich beugte mich über sie und küsste sie auf die Stirn, wie ich es immer getan hatte. Dann setzte ich mich neben sie, nahm ihre Hand, betrachtete die feingliedrigen Finger und schmiegte sie an meine Wange.
»Ich beeile mich, mein Schatz, dann bin ich schnell wieder bei dir.«
Noch während ich die Worte sprach, wurde mir bewusst, dass ich darauf keinen Einfluss haben würde. Wenn ich dieses Mal zu spät käme, wäre es Gottes Wille.
Mit einem tiefen Atemzug kehre ich zurück in die Dunkelheit meines Schlafzimmers. Ich ziehe die Decke über mich und drehe mich zur Seite, auf der Sarah geschlafen hat.
»Gute Nacht, Liebes. Schlaf gut und träum was Schönes.«
Sarah ist tot. Sie starb vor drei Wochen. Heute ist unser zweiundfünfzigster Hochzeitstag.