Seitenwind Woche 6: Kannst du die Zeit anhalten?

„Hey“, wollte ich sagen, „Hey, lass sie in Ruhe.“

Ich kam nicht einmal bis zum ersten Ypsilon. Der Typ ließ das Mädchen in der blauen Bluse los, drehte sich um, und eine Hundertstelsekunde später spürte ich, wie mir ein Pony in vollem Galopp in den Bauch rannte. Wellen von Bauchfett breiteten sich regelmäßig auf meiner Vorderseite aus. Meine Innereien schickten sich an, ihre angestammten Plätze zu tauschen. „Entschuldigung, Herr Dünndarm, lassen Sie doch mal die Niere nach vorn.“ Meine Wangen blähten sich und entspannten sich beim Ablassen der Luft wieder. Durch den Treffer in der Körpermitte musste ich mich zwangsläufig verbeugen. Mein Blick fiel auf den Boden und ich wollte noch denken „Nanu, ein Parkettboden in einer Diskothek ist aber ungeschickt“, doch ich kam nicht einmal bis zum zweiten „n“. Ein Aufwärtshaken wie aus dem Lehrbuch traf mich unter dem Kinn, und meine Bewegungsrichtung kehrte sich um. Auf meinem Gesicht spielten sich dieselben Veränderungen ab, als säße ich in dem Fahrgeschäft auf einer Kirmes, mit dem man nach oben katapultiert wird: erst alle Haut nach unten, anschließend alle Haut nach oben. Der linke obere Eckzahn verließ den Ort, an dem er 19 Jahre ohne nennenswerte Zwischenfälle verbringen konnte, erreichte unter mehrfachen Schraubensalti den Höhepunkt seiner Flugbahn und setzte zur Landung an. Nächster Halt: Mädchen im gelben Blümchenkleid. Ich wollte noch denken „Hoffentlich gibt das keinen Fleck“ – doch ab dem „a“ stellte ich das Denken ein. Licht aus.

„Heute ist wieder Helden-Jahrestag“, sagt meine Frau lächelnd. „Zum Glück passt es mir immer noch. Soll ich zur Feier des Tages wieder mein Blümchenkleid anziehen?“