Seitenwind Woche 5: Verlassene Orte

Grießschmarren und Zwetschgenröster

Das Ticken der alten Standuhr irritierte den Makler. Er war vor einer, oder waren es zwei Wochen, zuletzt hier gewesen. Er wischte den Gedanken daran, wer die Standuhr inzwischen aufgezogen hatte, zur Seite. „Das alte Zeug funktioniert ja oft länger als man glaubt“, beruhigte er sich. Die Altbauwohnung, mit dem Blick auf das Grazer Glacis und die Rückseite des Uhrturms war lange ohne neuen Mieter gewesen. Zu lange für den Geschmack des Maklers. Er legte die Unterlagen und die Schlüssel auf den alten Küchentisch, auf dem sich eine feine Staubschicht gesammelt hatte, die wie ein leuchtender Flaum eines schlafenden Tieres aussah. Die Novembersonne hatte eine breite Lichtbahn vom altmodischen Flügelfenster zur Tischplatte gebaut. Wie Kinder schienen Staubflocken auf der Rutsche aus Licht zum Tisch zu gleiten. Fast meinte er das Lachen und Juchzen von Kinderstimmen zu hören.

Die Hand mit den frisch manikürten Fingernägeln und dem Siegelring strich beinahe liebevoll über die Scharten und Flecken auf dem alten Küchentisch und dabei berührte er den Schlüsselbund, der scheppernd unter den Tisch fiel. Er bückte sich und als er ihn wieder gefunden hatte und sich gerade erhob, fiel sein Blick auf eine kleine Schnitzerei gleich unter der Kante der Tischplatte. Sie war ca. 2 bis 3 cm groß und bestand aus einem groben Herz und zwei Buchstaben, „H + H“. Die Vorbesitzerin der Wohnung war eine alte Dame, er meinte sich zu erinnern, dass sie Helga hieß. Der Makler hatte sie niemals getroffen. Er war von einer Kanzlei, die ein entfernter Verwandter, ein Erbe in Deutschland, mit dem Verkauf beauftragt hatte, kontaktiert worden. Der Verkäufer stand in der Küche und betrachtete die kahlen Bäume vor dem Fenster. In der Stille dieses Nachmittags stieg ihm plötzlich der schwache Geruch von Zwetschgenröster und Grießschmarren in die Nase. Er drehte sich zu dem alten Gasherd, der dort teilnahmslos und kalt stand. Doch der Duft schien nicht wegzugehen.

Hastig öffnete er die Fenster in der Küche und die kalte Luft mit dem Gestank der Autos, die lautstark 4 Stock unter dem Fenster vorbeifuhren überdeckte den Geruch. Der Mann beeilte sich auch in den anderen Zimmern die Fenster zu öffnen. Er hastete über das alte knarrende Parkett des Vorzimmers und betrat das Wohnzimmer durch die Flügeltür mit geätzten Mattglasscheiben. Der Makler war erneut verwundert wie groß und hell doch diese Altbau-Wohnungen waren. Er hatte Appartements in Top Lagen gesehen, von welchen das Wohnzimmer und die Küche bequem in dieses alte Wohnzimmer passten. Der Immobilienmakler verharrte an der Türe und betrachtete den Raum. Dieser war, wie die Küche, von der tief stehenden Sonne erleuchtet. Auf dem alten gepflegten Holzboden zeichneten sich helle Flecken ab. Dort war sicher ein wertvoller alter Perserteppich gelegen, und dort, in der Ecke, war wohl der Esstisch gestanden, was man an den Spuren der Sesselbeine erkannte. Unruhige Besucher hatten es wohl nicht mehr ausgehalten, bis endlich die Nachspeise aufgetragen wurde. Wieder meinte er den feinen Duft von Grießschmarren und Zwetschgenröster wahrzunehmen. Er drehte sich zu den Fenstern, die er schnell öffnen wollte, bevor die Interessenten kamen. Dabei sah er die 3 hellen Punkte, die in einem typischen Dreiecksmuster angeordnet waren. Er erkannte diese sofort. Seine Tante hatte darauf bestanden, dass er Klavierunterricht bei ihr nahm. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr hatte sie ihn zweimal pro Woche damit gequält, Etüden, Sonaten und Suiten. Er hatte die Stunden gehasst, da er lieber Fußball spielen und ein neuer Beckenbauer werden wollte.
Der Klang des Schneewalzers schien plötzlich durch den Raum zu schweben. Im hellen Licht der untergehenden Sonne, meinte er ein altes Paar zu erkennen, das sich wiegend in den Armen hielt und Walzer tanzte und sich glücklich anlächelte, während ein Kind auf dem Flügel spielte.

Der Makler schüttelte unwillig den Kopf und vertrieb die Illusion. Er sah auf seine teure Uhr, 15:30. Die Interessenten müssten schon da sein. Er beeilte sich noch die beiden Fenster zu öffnen. Das Erste ließ sich einfach öffnen das Zweite aber klemmte und erst nach einem heftigen Ruck öffnete sich dieses. Ein alter Fetzen Papier war zwischen Fenster und Rahmen eingeklemmt gewesen. Er hob ihn auf und erkannte, dass es das Fragment eines Briefs war, auf dem klar noch die alte Schrift auf dem vergilbten Papier zu erkennen war. Dort stand in einer sauberen Handschrift. „…be Dich für immer, meine Walzerfee. Dein Heinrich“

Das Klingeln an der Wohnungstür riss ihn aus seinen Gedanken. Heute wollte er diese Wohnung endlich vermieten, nahm er sich vor – zumindest, wenn die Mieter es wert waren hier zu wohnen.

  • H.F. Gerl 2022 -

Zwetschgenröster … österreichisches Pflaumenmus mit groben Stücken darin.
Grießschmarrn … ähnlich Polenta (aber süß)
Vorzimmer … Flur (nur größer und länger)
Sessel … Stuhl

Leeres Haus

Bella hatte Ruby gebeten, die Pflanzen zu gießen so lang sie im Urlaub war. Aber nach einem Monat war sie noch immer nicht zurück und Ruby hatte es mit dem gießen etwas übertrieben. Die Sommersonne fiel durch die Ritzen in der Jalousie, die Ruby heruntergelassen hatte. Bei dieser riesigen Fensterfront würde das Haus sonst unbewohnbar heiß sein, wenn sie denn mal zurückkehrte. Irgendwie glaubte Ruby nicht daran.
Sie schwitzte selbst in Top und Shorts, aber immerhin der glatte, helle Boden unter ihren Füßen war angenehm kühl. Die einzige Pflanze, die es zu gießen gab, außer den paar Blümchen auf dem Balkon war eine Palme mit länglichen, dunkelgrünen Blättern. Ruby kam täglich, um zu gießen, auch wenn die Palme das vielleicht nicht so gut fand. Doch sie brauchte eine Ausrede, um herzukommen, denn das Haus hatte einen Pool.
Der Raum roch nach nichts und Ruby beschlich die Angst, sich in einem Katalog zu befinden. Sie füllte sich ein Glas Wasser am Hahn. Die Küche war zum Wohnzimmer hin offen und sehr sauber, bis auf den Staub, der sich langsam auf den dunklen Steinarbeitsplatten sammelte. Im Wohnzimmer stand ein graues Ecksofa auf einem weißen Wollteppich, daneben stand ein schwarzer Ledersessel und an der Wand hing ein riesiger Fernseher. Selbst die Unordnung war inszeniert. Zwei Magazine mit ausgefransten Ecken warteten auf dem Sofatisch auf ihre Leser. Es gab einen modernen Holzofen. Ruby lachte. Wozu brauchte ein Haus mit Fußbodenheizung einen Holzofen?
Ruby ging aufs Klo und fragte sich, ob sie irgendwo schon mal einen schöneren und unpraktischeren Klobürstenhalter gesehen hatte, schnüffelte an der wohlduftenden Handseife, bevor sie sich auf den Weg zum Pool im Keller machte. Die Treppe hatte scharfe Kanten, das raue Metallgeländer, über das man niemals mit seinen Fingernägeln streichen wollte, ebenfalls. Gut, dass Bella keine Kinder wollte.

Eine Seite des Regenbogens

Ich stehe vor dem eisernen Tor und befreie es von wildem Efeu, der sich um die Streben geschlungen hat. Es quietscht, aber das hat es schon immer getan. Ein Geräusch, das mir immer noch Gänsehaut bereitet. Die Schaukel hängt schief in ihren Angeln, das Seil vermodert, der Sitz gebrochen.
Der Beton auf den Stufen zum Eingang bröckeln unter meinen Schuhsohlen und ich verteile die Reste des Belags im Flur. Karge Wände ragen links und rechts neben mir auf, sodass ich den Kopf in den Nacken lege. Sie kamen mir schon damals ungewöhnlich hoch vor. Schwarze Flecken breiten sich aus den Ecken über die Decke aus. Es riecht modrig, nass und kalt, wie die verborgenen Gänge unter einer alten Stadt.
Ich biege nach rechts, folge der Treppe, die unter meinen dünnen Beinen knarzt. Ich spüre die Schwere, die sich auf meine Brust legt. Die Betten im Schlafsaal stehen unverändert, Seite an Seite. Kaum Platz, um sich zu drehen, geschweige denn, darin zu schlafen. Selbst als Kind.
Klimpernd rutscht etwas über den Fußboden, als ich ein paar Schritte in den Raum gehe. Ich bücke mich danach. Ein kleiner Käfer aus Holz. Die Farbe blättert ab und ihm fehlt ein Teil seines Körpers. Ich stecke ihn trotzdem ein.
Unter einer Matratze sehe ich ein Stück Papier hervorblitzen und ziehe es heraus. Zwei Farben wechseln sich ab, grau und blau. Es ist ein Regenbogen. An der einen Seite steht ein Haus mit bösem Gesicht, an der anderen Seite lächelt ein Kind. Eine Träne rollt über meine Wange und ich stecke das Bild zu dem Käfer in meine Tasche.
Ein letzter Blick und ich verlasse das Waisenhaus, in das ich nie wieder einen Fuß setze.

Der glückliche Student

Der Geruch einer alten Wohnung, abgetragene Klamotten, Socken mit gestopften Löchern, die alten Schuhe des Verstorbenen. Auf den Bildern, die wohl über 50 Jahre alt sind, sieht man junge, fröhliche Gesichter.

Der junge Student betritt die Wohnung des verstorbenen Professors. Er hat die Wohnung bekommen, allerdings mit der Bedingung, dass er die Wohnung ausräumen und sauber machen muss.

Er findet viele Dinge: Bücher über Bücher, Landkarten, Geschirr, einen Kompass.

Im ersten Moment fragt er sich: Soll ich das alles wegschmeißen? Dann überlegt er noch einmal und blättert durch ein verstaubtes Buch, der Titel: Das universelle Handbuch: So wird man Professor.

Der Student sagt zu sich: „Einige Sachen werde ich behalten.“

Die Tagebücher

Ich stieg aus dem Auto, unter meinen Halbschuhen raschelte das Laub der Kastanie. Bei meinem letzten Besuch vor einigen Wochen schmückte sich der riesige Baum noch mit goldenen Blättern. Jetzt kam ich zurück, um zu bleiben. Ich lud den Kofferraum aus. Unzählige Male lief ich über das Laub. Kastanientiere hatte sie im Herbst immer mit mir gebastelt. Das meiste stellte ich in den großen Gastraum, der schon mit etlichen Kartons vollgestellt war. In diesem Raum versammelte sich jetzt mein ganzer Besitz. Erschöpft setzte ich mich auf die Holzeckbank. Hier hatte ich so oft meine Bluna getrunken, während neben mir die Männer am Stammtisch ihre Schafkopfkarten auf den Tisch gedonnert hatten. Oma schenkte die halbe Bier am Tresen ein und ich trug jedes Glas zum Tisch, ohne den milchigen Schaum zu verschütten. Dafür bekam ich ein Zehnerl und manchmal sogar ein Fuchzgerl.
Meinen Proviant für die nächsten Tage stellte ich in die Küche. Neben dem Spülstein fand ich eine Thermoskanne und einen Zettel: Brot und Käse sind im Kühlschrank und Kaffee in der Thermoskanne. Ich wünsche dir eine gute Nacht. Gruß Tante Charly
Ich packte meine Lebensmittel in den Kühlschrank. Da ich auf der Fahrt gegessen hatte, schenkte ich mir eine Tasse Kaffee ein. Der aromatische Kaffeedampf stieg mir verheißungsvoll in die Nase. Ich nahm den Kaffeepott und meine Reisetasche mit nach oben.
Die Holzdielen der Treppe knarzten noch genauso wie in meiner Kindheit, als ich meine Ferientage hier bei Oma Lisa verbrachte. Die Tasche setzte ich schwungvoll auf dem neuen Himmelbett ab. Jetzt fühlte ich mich bereit, für das Zimmer ganz hinten im Gang. Hier war noch alles genauso wie zu meiner Kindheit, genauso wie vor einem Jahr, als sie starb. Ich öffnete die weiße Holztür mit dem Messsinggriff. Mein Blick fiel auf ein wuchtiges Ehebett, Eiche rustikal. Ich setze mich auf das Bett und schüttelte das Kissen mit den Lavendelblüten auf. Darunter entdeckte ich einen Gedichtband. Ich schlug das Büchlein mit dem Lesebändchen auf und Omas Lieblingsgedicht kam zum Vorschein „Der Panther“.
„Ich fühlte mich in meinem Leben schon sehr oft genauso wie der Panther, auch wenn Menschen ohne Gitterstäben gefangen werden“, erzählte sie mir einmal. Das Leid, das in diesem Satz verborgen lag, erkannte ich als Kind nicht. Ich dachte meine Oma mit den dunklen lockigen Haaren und den schlanken Armen und Beinen ist wie ein Panther in dem Gedicht, dass sie mir so gerne vortrug.
Auf dem Nachttisch stand ein Farbfoto von Charly und Oma Lisa, beide tragen Hüte mit Federn, übergroße Brillen ohne Glas und roten Lippenstift. Den Fasching und den Rosenmontag hatte sie immer gefeiert, dann blieb die Gaststube zu und sie zog mit Freunden im Städtchen durch die Straßen.
Ich betrachtete die Fotos an der Wand hinter dem Ohrensessel. Eine Schwarz-weiß Fotografie stach mir besonders ins Auge. Lisa mit etwa zwanzig Jahren. Mit Bleistiftrock, weißer Bluse und kleinem Hut auf den Locken, strahlte sie vom Foto herunter. Hinter ihr konnte ich gerade noch Hutmacher Hummel lesen. Ihre Tante war Hutmacherin in Berlin und Lisa erledigte die Buchhaltung für den Laden. Sie erzählte so gerne von Berlin, liebte den Tiergarten, besonders die Elefanten. In der Vitrine standen sie dann auch Kleine und Große. Elefanten aus Jade und Porzellan, gesammelt in vielen Jahrzehnten. Auf der Kommode neben dem Fenster stand noch eine Flasche Tosca. Ich drückte den Sprühkopf und der feine Duft zog durch den Raum. Ihr Duft. Wie sie besprühte ich mein rechtes Handgelenk mit dem Parfum und strich den Duft damit auf mein anderes Handgelenk. Auch ihr roter Chanel Lippenstift lag noch auf der Kommode. Ohne diese Lippenfarbe verließ sie niemals das Haus, deshalb legte ihr Charly auch einen Stift mit in den Sarg. Ich nahm mir eine der schlanken langen Zigaretten aus ihrem Etui, zündete sie an und blies den ersten Rauch nach vielen Jahren aus meinen Lungen. Oma Lisa rauchte Kim, ich drehte mir meine Zigaretten früher immer selbst. Aus der untersten Schublade nahm ich mir die fünf in schwarzes Leder gebundenen Notizbücher. Ich schlug das zweite auf, das im Jahr 1943 begann, bei einem Treffen mit Adolf.

Verlassen, aber nicht vergessen

Grossmutter ist tot. Fast zwei Jahre hat sie bei meinen Eltern gewohnt, immer darauf hoffend wieder in ihr Heim zurückkehren zu dürfen. Doch jetzt ist es endgültig, die Wohnung wird geräumt, das Haus verkauft.
Heute kehre ich dorthin zurück, wo ich so viele glückliche Tage meiner Kindheit verbrachte. Da steht sie, die weiss gestrichene Holzbank, auf der das Hochzeitsfoto meiner Eltern entstand. Die schwere Haustür knarzt und es empfängt mich der Geruch von Bohnerwachs im Treppenhaus wie eh. Den Schlüssel zur braun gebeizten Wohnungstür habe ich diesmal in der Tasche. Früher lag er immer auf dem Elektrizitätszähler neben der Tür. Drinnen im Flur ist es dunkel; die abgestandene Luft kitzelt in der Nase. Ich ziehe die Rollläden hoch und öffne die Fenster weit. Sonnenstrahlen dringen durch das Laub des Kirschbaums im Garten in die kleine Stube und lassen den Staub in der Luft tanzen. Ein Windstoss bläst einige Blätter der Reben, die an der Hauswand Drähten entlangwachsen, ins Zimmer. Der Kachelofen mit seiner Sitzbank, die im Winter so wohlige Wärme verströmte, ist kalt. Die altmodische Nähmaschine gegenüber, mit ihrem gusseisernen Gestell und dem riesigen Treibrad ist zugedeckt. Grosis alte Brille mit den runden Gläsern liegt darauf. An der Wand, gerahmt, Familienfotos. Darüber ein grosses Bild des längst verstorbenen Gatten, meines Grossvaters, den ich selber nur aus Erzählungen und von diesem Bild her kenne. Ein Ölbild mit bunten Blumen bringt etwas Farbe in den Raum. Ich klopfe leicht an das alte Dosenbarometer, damit der Zeiger in die Gegenwart springt. Die Wanduhr steht. Ich ziehe sie auf und stosse das Pendel an. Jetzt ist es wieder da, das rhythmische Tick-Tack das unverwechselbar zu diesem Raum gehört. Ein letztes Mal lebt der vertraute Raum. Nur Grossmutter fehlt. Wie oft hatte sie am Tisch gesessen und gestrickt, „glismet“ wie sie sagte, im Gold der untergehenden Sonne. Nach dem Eindunkeln hatte sie Garn und Nadeln sicher im Griff, sie brauchte kein Licht, wohl aus Sparsamkeit.
Alles vorbei. Ich schliesse die Fenster wieder und lasse die Rollläden fallen, wie einen Vorhang im Theater, nach dem letzten Akt.

Unbekanntes Objekt in der Erdumlaufbahn – Codename »Visitor«

Der erste Blick in das innere des unbekannten Raumschiffs blieb ernüchternd. Es herrschte absolute Dunkelheit. Doch als John in seinem Raumanzug hinein schwebte, aktivierte er unbewusst eine gedimmte Notbeleuchtung. Sie offenbarte ihm eine beklemmende Enge und die groben Umrisse von Konsolen und Arbeitsstationen. Kurz darauf bemerkte er, dass nun auch einige kleine Lichter an einer Konsole anfingen zu blinken. Als würde das Raumschiff aus einem langen Winterschlaf erwachen. Als die Startprozedur abgeschlossen war, erhellte das Innere.

Es war von Menschen gemacht!

Die Gänge waren an allen vier Seiten mit Kontrollen, Bildschirmen und Messstationen eingerichtet. Ähnlich der Einrichtung der auf der ISS. Allerdings mussten die Konsolen und Computer mehrere Jahrzehnte alt sein. Diese Technologie hätte es noch gar nicht geben dürfen.

John arbeitete sich weiter durch die Gänge und passierte die Schlafkammern und den Hauptaufenthaltsbereich. Hier schwebte der Müll von leeren Essensrationen durch die Kammer. Er packte sich eine und fand das Haltbarkeitsdatum.

08/1975 war auf die Alufolie der Packung gelasert. Weitere Rationen gab es nicht.

Er setze seine Reise fort und öffnete die Tür zum Cockpit, aus dem er sofort zurückwich, als er zwei vermeintliche Leichen entdeckte. Doch nach kurzer Inspektion stellte sich heraus, dass es lediglich um leere Raumanzüge handelte, die auf den Sitzen festgeschnallt waren. Auf dem Schulterpatch war Mars abgebildet. Auf dem Bildschirm im Cockpit war die zurückgelegte Umlaufbahn des Raumschiffs dargestellt. An einer Stelle zeichnete die Ellipse eine tragische Verformung auf.

»Großer Gott, Bodenstation könnt ihr das sehen?«
»Ja wir sehen es John.«
»Das ist der Wahnsinn, eine Marsmission in aus den Sechzigern oder Siebzigern, das ist eine Sensation. Was hier wohl nur passiert ist?«
»John?«
»Ja Bodenstation?«
»Wir haben Besuch bekommen.«
»Von wem?«
»Es tut mir leid John.«

Fieber

Ich liege in meinem Bett. Fieber – heiß und kalt im Wechsel. Mit einem Mal öffne ich eine Tür und trete in die Welt meiner Kindheit ein.

Ein seltsam nostalgischer Ort, an dem ich mich befinde. Ein Tante-Emma-Laden. Ich war sicher, nie hier gewesen zu sein. Und doch, er ist mir vertraut.

Ein Messing-Glöckchen über der Tür kündigt mich als Kunden an.

Rechts neben dem Eingang stehen Kisten, aufgestapelt wie auf einem Wochenmarkt. Obst und Gemüse. Zu meiner Linken säumen Weidenkörbe und Säcke aus festem Leinen den hell gefliesten Gang, bis hin zur Theke. Auf der Theke stehen eine alte Wage und eine Registrierkasse. Zwischen ihnen strahlt mir eine Frau entgegen. Sie trägt hochtoupierte, schwarze Haare. Eine Bluse mit ausladendem Kragen, darüber eine weiße Spitzen-Schürze. In einem Holzregal hinter ihr befinden sich Päckchen mit Kaffee, verschiedene Konserven und Einmachgläser.

Die Frau schaut mich erwartungsvoll an. Dabei scheint ihr Lächeln kein Ende zu finden. Vielleicht sollte ich sie ansprechen – ein paar Worte sagen. Aber was?

Plötzlich fällt es mir ein:

»Storck Riesen bitte, Frau Lange«, sage ich.
Ich werde wach, noch bevor ich den Ersten probiert habe.

Auf nassen Pfaden

Zaghaft setzte ich einen Schritt auf die erste Stufe der Rampe. Das morsche Holz knarzte. Wie konnte jemand nur in einer solch klammen Umgebung all die Jahre hausen? Ach, alles alter Humbug und Aberglaube, redete ich mir ein. Innerlich hoffte ich jedoch, dass dem nicht so war. Die Sage von Kapitän Murdock und seinem Schatz wollte ich nicht als Ammenmärchen abtun. Sicher war besagter Kapitän ein seniler alter Kerl, der auf seine letzten Tage kaum noch Realität und Fantasie auseinanderhalten konnte, doch musste ich den Worten der hier heimischen auf den Grund gehen. Von Flüchen hielt ich nicht viel – dafür aber umso mehr von Schätzen und Reichtum. Kalte Winde pfiffen durch die Risse zwischen den Holzplanken und das Meer sang sein Wiegenlied im Schein des Mondes. Dieser auf ein Riff gelaufene Kahn, wirkt alles andere als wohnlich. Vielleicht war er das ja mal – vor vielen Jahren. Seichte Wellen schlugen gegen die marode Bordwand und wogen die Algen und Muscheln in den Schlaf. Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, musste ich eingestehen, dass ich mich nie zuvor einer solchen Gefahr gegenübersah. Der alte Kahn wankte, als würde ihn die See zurück ins offene Meer ziehen wollen.
Mein zweiter Schritt folgte. Glitschig war das Holz. Es grenzte an eine Zirkusdarbietung, bei dem Wellengang über die nasse Planke auf das Deck zu gelangen. Als ich es endlich geschafft hatte, schlitterte ich mehr über die Holzdielen, als dass ich lief. Die Takelage war lediglich noch zu erahnen. Ein paar Taue bildeten unter Algen und Muscheln bereits eine Symbiose mit dem Holz. Jetzt war ich schon ganz nah. Ich öffnete die Pforte zum Unterdeck. Die Stufen waren an ihren vorderen Kanten bereits weggefault, was mir den Abstieg ungemein erschwerte. Ich schaltete meine Lampe am Riemen meines Rucksackes ein und hielt mich beim Herabsteigen der Treppe mit beiden Händen an den Wänden fest.
Fauliger Geruch, gleich dem abgestanden Wassers und verdorbenen Fisches, stieg mir in die Nase. Am unteren Ende wartete das, wovon die Legende berichtete. Die rotgoldene Kajüte. Sie existierte also wirklich. Meine Schritte auf dem purpurnen Teppich schmatzten. Aus seinem mit goldenen Ornamenten überzogenen Stoff quoll das Wasser und bildete rings um meine Schuhe kleine Pfützen. Ich glaubte nicht, dass das Gold der Vitrinen echt war. Sicher war es nur ein Überzug – maximal Blattgold. Eine spätere Untersuchung bewies mir jedoch das Gegenteil – es war massiv. In ihnen rollten kristalline Gläser und güldene Pokale im Takt der wiegenden Wellen. Ölmalereien hingen halbschräg an den Wänden. Ein Wunder, dass die feuchte Luft diese noch nicht zerstört hatte. Mir war bewusst, dass bereits eines dieser Gemälde ein ganzes Vermögen wert sein musste.
Doch ich suchte nach etwas Bestimmten. Ich war mir nicht sicher, ob sie wirklich existierte, doch wenn es bereits diesen Kahn gab, musste sie auch … Ja, da war sie doch. Kapitän Murdocks Kiste. Die Schatztruhe, die schon so viele begehrten, aber noch niemand zu finden vermochte. Ich stapfte über den Teppich und hielt mich – um das Schwanken des Kahns auszugleichen – an den schweren, goldenen Stühlen und dem Kartentisch fest.
Ein neugieriger Blick auf den Tisch offenbarte mir Kohlezeichnungen von hübschen Frauen im reizenden Mieder, eine Pfeife, deren Tabak sich über den gesamten Tisch verteilt hatte, und einen schweren Kompass. Ein Dolch war tief in den Tisch gebohrt und hielt die Kette des Kompasses samt der Bilder fest auf der Tischplatte. Ich wandte mich wieder ab und ließ den Lichtkegel meiner Lampe auf die Truhe fallen. Als ich die Kiste erreichte, sank ich auf die Knie.
Das eiserne Vorhängeschloss wirkte zwar stabil, doch der Truhendeckel tat dies nicht. Mit einem beherzten Griff brach ich also die Beschläge aus dem Holz und schob den Deckel beiseite. Ein edler Kapitänsmantel, die sagenumwobenen Haifischlederstiefel, sogar der goldene Dreispitz mit den besagten drei violetten Federn bedeckten die oberste Schicht der Kiste. Vorsichtig nahm ich die Kleidung heraus und traute meinen Augen kaum. Das, weswegen ich hergekommen war, lag dort tatsächlich vor mir. Kapitän Murdoks Säbel mit den Inschriften auf der Klinge, die zu seinen drei Schatzinseln führten. Exakte Angaben von Längen- und Breitengraden sollten mir nun die weitere Suche erleichtern.

Schachmatt

Polizeihauptkommissar Mecklenbeck hatte Glück. Die betreffende Wohnung lag im Erdgeschoss des 5-stöckigen Hauses. Nur vier ausgetretene Stufen führten zu der in schlichtem grau gehaltenen Eingangstür. Das oberhalb des Türknaufs angebrachte Siegel brach in dem Moment, als er das Schloss öffnete und die Tür aufstieß.
Unmittelbar nahm er den süßlichen Duft des Todes wahr, vermischt mit dem Dunst von Blut und Schweiß. Die heruntergelassenen Rollläden tauchten den vor ihm liegenden Raum in ein tiefes Schwarz. Seine Augen brauchten einen Moment, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten und er den an der Wand befindlichen Lichtschalter entdeckte. Die Dunkelheit war gewichen und die an der Decke hängende Glühbirne beleuchtete die Szenerie.
Vor ihm offenbarte sich ein spärlich eingerichtetes Appartement.
In der linken, vorderen Ecke stand ein altes Bett, dessen hölzernes Kopf- und Fußteil mit Furchen und Kratzern übersät war. Unter dem Bett lugte eine schmuddelige, braune Tasche hervor. Offen und leer. Hinten links ein kleiner, rechteckiger Tisch, der einen uralten, orangenen Röhrenfernseher trug.
Auf der der Eingangstür gegenüberliegenden Wand befand sich das einzige Fenster im Zimmer. Die Rollläden hinter den zugezogenen, löchrigen Vorhängen heruntergelassen.
Vorne rechts ein schmaler Kleiderschrank aus Buche, beklebt mit Dutzenden von Städte-Stickern. Links zwischen Schrank und Tür, die ins Bad und zur Küche führte, tickte eine Bahnhofsuhr an der nikotingefärbten Wand. Darunter stand ein bläulicher Ohrensessel, eine karierte Decke lag zusammengefaltet über der rechten Armlehne. Vor dem Sessel ein Paar unansehnliche Puschen.
Unterhalb des Fensters ein runder Tisch mit zwei Stühlen. Auf dem Tisch ein Schachspiel, ein überquellender Aschenbecher, eine Flasche Simple Single Malt und zwei Gläser. Eins leer, eins halbvoll. Von der Decke baumelte ein Fliegenfänger, der seine Arbeit schon lange erledigt hatte.
Die Spielfiguren waren auf und neben dem Schachbrett verteilt, der schwarze König lag quer auf den Feldern F5/G4.
Auf dem Teppich, der vor dem Tisch und damit mitten im Raum lag, war eine große, zwischenzeitlich eingetrocknete Blutlache zu erkennen.
Die Banderole der ortsansässigen Moneto-Bank, die nur knapp unter dem Teppich hervorlugte, hätte er beinahe übersehen.
Fluchend über die schlampige Arbeit der Spurensicherung, verließ PHK Mecklenbeck das Appartement und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
Er wusste nun, was zu tun ist.

Die Wendeltreppe

Elf Jahre hatte er in Kreuzberg gewohnt. Die Wohnung war riesig, zwar nie modernisiert, aber dennoch komfortabel. Offizierswohnungen seien das seinerzeit gewesen, als das Haus Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, sagte ihm der Vermieter.

Der Keller wirkte seltsam. Man hatte ihn zum Luftschutzkeller umgebaut; die stählerne Tür zur Oberwelt, am unteren Ende der Kellertreppe, war verrostet. Das große Handrad zum Verschließen quietschte etwas, ließ sich jedoch bewegen. Die Tür wirkte, als ob sie für zukünftige Ereignisse erhalten bleiben sollte. Im Keller dahinter fand er vermauerte Nischen. Er hatte nicht den Mut, einige Ziegel zu entfernen, sodass die Taschenlampe hineinleuchten konnte. Er stellte sich vor, man habe dort, gegen Ende des Kriegs, Handgranaten und andere Waffen eingemauert. Er ging nicht gerne in diesen Keller.

Am hinteren Ende seiner Wohnung führte eine schmale Wendeltreppe erst zum Hof und dann in den Keller. Dies sei der Dienstboteneingang gewesen, erklärte ihm ein sehr alter, griesgrämiger Mieter. Den Luftschutzkeller habe man oft aufgesucht. Recht voll sei es dort gewesen. Mehr mochte er nicht verraten. Auf die Hakenkreuze angesprochen, die jemand auf die Wand dieses äußerst engen Treppenhauses gepinselt hatte, verstummte er. Davon wisse er nichts, sagte der Greis.

Er wunderte sich. Der Keller war riesig. Die Hausbewohner allein hätten den Luftschutzraum niemals füllen können.

Er verstand die Bestimmung des Hauses gegen Ende des zweiten Kriegs erst, nachdem er weggezogen war. Der Zufall half ihm. Er hatte einen etwas sonderbaren Reiseführer durch Kreuzberg gekauft, aus reiner Neugier. Sein Haus kam darin vor. Es war zu einem Behelfslazarett für verwundete Soldaten umgestaltet worden, hieß es.

Wer hatte außer dem wortkargen alten Mann noch hier gewohnt? Später ärgerte er sich, dass er den ebenfalls sehr alten Eigentümer und übertrieben dominanten Vermieter des Hauses nicht befragt hatte. Vielleicht war er schlicht feige gewesen.

Verlassene Orte?

Unsere Schuhe brachten die Blätter zum Rascheln, kleine Äste knackten unter den Sohlen. Das Ende des Weges war nur zu erahnen, so dicht standen die Büsche und Bäume. Ein Lächeln lag auf meinen Lippen, als ich dir so hinterherschaute. Hüpfend und voller Vorfreude auf das versprochene Wanderziel. Ein Viadukt.

Der schmale Pfad, auf dem wir uns befanden, endete abrupt und die Laubbäume gaben den Blick auf einen mit zum Teil Feldsteinen gemauerten Tunnel frei. Eisenbahnschienen glänzten am Boden von der Sonne und wurden schließlich von der Dunkelheit verschluckt. Ich schaltete die Taschenlampe meines Handys ein und blickte auf die verrußten Decken, welche mir bereits durch einen beißenden Geruch angekündigt wurden. Zahlreiche dicke Spinnenweben in den löchrigen Gesteinen versprühten einen gruseligen Charme.

„Hallloooo Echoooo“, riefen wir und vertrieben das mickrige Flimmern von Angst in unseren Bäuchen.

„Wollen wir jetzt über die Brücke gehen?“ fragte ich meinen Sohn. Sein „Ja“ hallte von den Wänden wieder, während wir dem hellen Licht entgegen gingen.

Die Aussicht von der Brücke über den Fluss und die bergige Landschaft war atemberaubend. Zumindest für mich. Noch immer voller Energie hopste mein Kind von einer Holzplanke zur nächsten und ich konnte nur Schmunzeln, weil es mich so sehr an meine Kindertage erinnerte.

Ein plötzliches, doppeltes „Tuuut, tuuut“, durchdrang die Stille um uns. Mein Herz stoppte, nur um wenig später mit voller Wucht unaufhörlich gegen meine Brust zu schlagen. „Lauf“, schrie es mir zu.

„Oh, sch***e“, keuchte ich nur.

Jeder einzelne Muskel schien plötzlich aus Watte zu bestehen. Meine Beine wackelten und meine Arme, die ohne ein weiteres Wort das Kostbarste an meine Brust pressten, fühlten sich taub an.
Angetrieben von einer Kraft, die aus den tiefsten Schichten meines Kerns zu kommen schien, rannte ich, so gut es meine Beine und die Schienen zuließen. In meinem Hals steckte ein wirres Kichern, weil die zarte Stimme meines Kindes immer wieder fragte „Was ist sch…e, was ist sch…e?“

Das Tuten erklang erneut. Mein Blase fühlte sich an, als würde sie gleich platzen wollen. Doch meine Beine bewegten sich weiter. Unaufhaltsam. Motorisiert durch einen uralten Instinkt. Es war nicht mein Selbsterhaltungstrieb, der Wille, zu überleben. Nein, alles in mir fokussierte sich nur darauf, dieses kleine aufgeregtes Wesen in meinen Armen in Sicherheit zu bringen.
Das Ende der Brücke wirkte so weit entfernt und in meinem Kopf flüsterte eine gehässige Stimme immer wieder: „Das schaffst du nie.“ Doch ich lief. Für ihn. Und erreichte das Ende. Neben einem Wartungshäuschen ging ich kraftlos in die Knie und setzte meinen Sohn neben mich. Erst jetzt wagte ich einen Blick zurück. Und hätte im gleichen Moment laut loslachen können. Aus meinem Mund entwich dagegen nur ein Schluchzen. Die Tränen bahnten sich bereits ihren Pfad über meine erhitzten Wangen. Meine gesamten Nervenbahnen entspannten sich augenblicklich. Ein Prickeln erfüllte meinen Bauch. Auf der anderen Seite der Brücke schob sich langsam und gemächlich eine Draisine über die Schienen.

Erneut ließ sie ein fröhliches Tuten verlauten. Dieses mal jedoch verspürte ich bei diesem Geräusch nur Erleichterung.

Dieser Sommer sollte etwas Besonderes werden. Zum ersten Mal Ferien ohne die Eltern. Luca und Rouven gingen beide in dieselbe Klasse und dort war auch die Idee geboren worden, für eine Woche in ein Schullandheim zu fahren.

„Wir gehen heute mal in den Zauberwald“, sagte Luca.

„Wir sind aber keine kleinen Kinder mehr, die an Einhörner und Hexen glauben!“, protestierte Rouven.

Sie lachten und durchstreiften einen dichtbewachsenen Wald mit viel Unterholz und undurchdringlichen Dornenhecken, als sie auf einen merkwürdigen Steinquader stießen. „Was wird das mal gewesen sein?“, wunderte sich Luca.

„Vielleicht ein Stolleneingang“, meinte Rouven. „Es soll hier früher viel Bergbau gegeben haben.“ Sie untersuchten den Steinbrocken, stellten fest, es war ein Artefakt, denn der Beton bröselte und es waren Metallteile darin, so was käme ja im Naturstein nicht vor. Rouven räumte einige Äste und vermoderte Baumstämme beiseite. Da tat sich urplötzlich neben dem Betonbrocken eine kleine Öffnung auf. „Sollen wir uns dort hineinzwängen? Ein Glück haben wir die Taschenlampe mit“, sagte Luca und war schon dabei, diesen Eingang von Blättern und Gestrüpp freizumachen.

Vorsichtig robbten beide nacheinander durch die mysteriöse Öffnung. „Wenn hier je ein Mensch gewesen war, muss das lange her gewesen sein“, stellte Rouven fest.

Vor ihnen lag ein langer, düsterer Gang. Nach einigen Metern entdeckten sie zwei schmale, parallel verlaufende Bahnschienen. Die Schwellen aus Holz darunter waren zum großen Teil verfault. An der Seite umgekippt lag noch eine von Rost überzogene Lore. Der Stollen war eng und die Decke oval aus dem Felsen gehauen. Dort und an den Wänden konnte man noch die Hammerschläge erkennen. Wasser tropfte, es war kühl und feucht. Dennoch trieb sie die Entdeckerlust immer tiefer in den Berg hinein. Rouven sah plötzlich auf der linken Seite einen Seitengang und ging dort hinein. „Gib mir mal die Taschenla …“, sagte er noch, dann brach er mit einem Schrei nach unten. „Was ist passiert?“, rief Luca vor Schreck. Aus der Dunkelheit drang ein unterdrücktes Fluchen. Luca leuchtete vorsichtig die Stelle ab, wo sein Freund abgestürzt war. Sehr tief war Rouven nicht geplumpst. Luca konnte seinen Kopf sehen, als er hineinleuchtete. „Warum hast du nicht die Leiter genommen, die da steht, anstatt einfach hineinzuspringen?“ Luca sah, dass Rouven nicht viel passiert war, außer dem Schreck, und stieg, die aus Metall bestehende, kleine dreckverklebte Leiter hinab in das Gewölbe, das sich vor ihnen auftat.

Luca leuchtete und fragte: „Wie geht es dir, alles klaro?“ „Is nichts passiert“, antwortete Rouven, „aber schau mal, hier steht alles voller Eisenfässer.“ In langen Reihen standen dort verdreckte Industrie-Fässer. Einige waren umgefallen. Tatsächlich, welche mit einem Totenkopf darauf. Teilweise hatte der Rost an ihnen gefressen und eine ätzende Flüssigkeit lief heraus und versickerte. ‚Nix wie raus hier‘ dachten sie beide.

Draußen überprüften sie einander, ob sie einen Schaden davongetragen hätten. „Was machen wir jetzt?“, fragte Luca unsicher.

„Wir müssen das melden“, war Rouvens klare Meinung.

„Nein, verrückt, dann gibt es einen Aufruhr und wir sind mittendrin“, erregte sich Luca. „Dann müssen wir als Zeugen unangenehme Fragen beantworten.“

„Das kann aber so nicht bleiben. Die Menschen hier sind gefährdet.“

„Aber wir wohnen nicht hier, es kann uns egal sein.“

„Wir müssen es melden.“

„Nein, unsere Eltern würden uns nicht mehr allein in den Urlaub schicken, wir müssten immer mit ihnen zusammen in ihre langweiligen Ferien.“ Rouven setzte sich darüber hinweg, informierte die Feuerwehr und die Polizei. Die Freundschaft der beiden drohte zu zerbrechen. „Wir sollen zur Feuerwehr kommen, sie haben Messgeräte und schicken Proben ins Labor“, erklärte Rouven. Luca war sauer. „Womöglich sind es Chemie-Gifte, uns könnten uns die Haare ausfallen!“ Bei dem Gedanken steckte Luca die Finger in seinen blonden Wuschelkopf. Wortlos fügte er sich. Seine Freundschaft wollte er nicht aufgeben. Seine fest gefügte Meinung aber auch nicht. Er gehörte zu jenem Teil der Menschheit, die nicht nach andern fragen. „Luca first“, war seine Devise. Vielleicht war er noch jung genug, um dazuzulernen. Rouven könnte ihm helfen.

Das Zimmer eines Engels

Etwas zwang Kassandra auf den Flur hinaus und sie sah die gewundene Treppe hinauf. Das Kinderzimmer lag gleich rechts neben dem Treppenaufgang.
Es war düster in dem Zimmer. Durch die Schlitze des Rollladens fiel Licht auf tanzende Staubsterne. Das war schlecht, sah aus wie tot. Kassandra fing an zu putzen. Es stand noch alles so da, wie seit dem Tag, an dem sich alles veränderte. Das war wichtig, damit ihr kleines Mädchen nicht endgültig verschwand. Bedächtig nahm Kassandra jedes Stück hoch und stellte es abgestaubt wieder zurück, akkurat an dieselbe Stelle, die Glaskugel mit dem Schneemann, die Puppe mit dem kaputten Auge, die Bücher, die schon so lange ungenutzt im Regal standen. Langsam ging sie über den Wollteppich mit den Elefanten und Affen. Die Löwen bleckten die Zähne und ein leises Kinderlachen schwebte durch den Raum. Ein Geisterlachen und doch fröhlich. Vielleicht ging es ihr gut, an diesem Ort, an dem sie jetzt war? Nein, dachte Kassandra, es gehörte sich nicht, einfach zu verschwinden. Wütend schob sie das Buch mit dem brauen Pony auf der Titelseite zurück und riss dabei versehentlich den Buchrücken ein. Augenblicklich schämte sie sich. Ihr kleiner Engel konnte ja nichts dafür. Trotzdem war es nicht gerecht: Ein Kind gehörte zu seiner Mutter. Schlimm war, dass es ein Unfall gewesen war und sie niemanden dafür hassen konnte. Unwillkürlich lauschte sie, doch das Lachen war verstummt. Kassandra seufzte schwer. Es war so weit. Sie öffnete den Schrank mit den aufgeklebten silbernen Sternen und hing das Kleidchen außen an die Schranktür. Dr Stoff roch leicht nach Lavendel. Sie ordnete die rote Spitze am Dekolleté und strich über die Seide des Röckchens. Seit dem Unfall nähte sie jedes Jahr ein Kleid. Jedes Mal probierte sie andere Stoffe aus, veränderte den Schnitt, nur für den Besatz um den Halsausschnitt verwendete sie immer dieselbe rote Spitzenborte. Die geklöppelte Rüsche, so rot wie die Wangen ihres Kindes.
Sie schloss die Augen und begann durchs Zimmer zu tanzen. Das Kleid im Arm. An ihrem Hals kitzelte die Spitze. Schlaf, Kindchen, schlaf, sang sie, wiegte sich hin und her und eine wunderbare Zufriedenheit stieg in ihr auf. So sollte es bleiben – auf ewig.

Mitternachtsgespräche (ein Kurzfilm-Drehbuch)

Freitagabend, Mitternacht. Mutter AMELIE (30) steht vor der Küchentheke und schaufelt Kekse, die sie gebacken hat, vom Backblech auf das Serviertablett, als das Geräusch einer sich schließenden Tür ertönt.

AMELIE hält kurz inne, auf ihrem Gesicht entsteht ein Lächeln. Gerade kommt ihre Tochter CHIARA (15) in die Küche und AMELIE wirft einen Blick nach hinten auf ihre Tochter. In ihren Händen hält sie eine Jacke.

CHIARA hängt die Jacke um die Stuhllehne und setzt sich, ohne ihre Mutter anzusehen.

AMELIE: Warum hast du mich nicht angerufen? Dann hätte ich dich abgeholt.

CHIARA zuckt mit den Schultern.

CHIARA: Lisas Vater hat mir angeboten, mich nach Hause zu fahren. Außerdem wollte ich dich nicht nerven.

AMELIE nimmt das Serviertablett in die Hand, dreht sich um und geht auf den Tisch zu, wo sie das Tablett neben zwei brennenden Kerzen ablegt. Sie setzt sich an den Tisch, gegenüber von CHIARA. Müde reibt sich AMELIE die Augen.

AMELIE: Ich hätte dich sehr gern abgeholt.

CHIARA schaut ihre Mutter genervt an.

CHIARA: Ist doch egal …

AMELIE (wird etwas lauter): Nein, es ist nicht egal, Chiara!

CHIARA (sichtlich verwirrt): Was regst du dich jetzt so auf?

AMELIE (mit Nachdruck, fast vorwurfsvoll): Warum hast du dich von ihm fahren lassen?

CHIARA (wird ebenfalls lauter): Wo ist denn das Problem?!

AMELIE: Ich wollte nicht, dass er dich fährt, okay?!

AMELIE schlägt sich die Hände ins Gesicht und bricht in Tränen aus.

Kurze Stille.

JASON (35), AMELIES EHEMANN, taucht in der Tür auf.

JASON (seufzend): Amelie, komm endlich ins Bett … Wir haben schon zwei Uhr morgens.

AMELIE hebt den Blick. Tränen glänzen in ihren Augen, ihre Wangen sind nass. Sie schaut auf den Stuhl, auf dem zuvor noch ihre Tochter gesessen hat, doch der Stuhl ist leer.

Kurze Stille.

AMELIE pustet die Kerzen im Zimmer aus.

Es wird dunkel.

ENDE

Louisas Klavier

„Sie haben Ihren Zielort erreicht!“, meldet Louisas Navi. Als sie aus dem Auto steigt, steht sie vor einem Haus, das sicher schon gute Tage erlebt hat. Die Klingelleiste zeigt vier Etagen. Sie schaut am Haus hoch und entdeckt vor jeder Wohnung einen ausladenden Erker mit Fenstern aus farbigem Glas. Ihre Verabredung ist im zweiten Stock. Wie ausgemacht, klingelt sie bei Goldinger und drückt die schwere Holztüre nach dem Summen des Türöffners auf.

Als sie über die Steinfliesen des großzügigen Eingangsbereichs schreitet, erinnert ihr Herz sie daran, dass sie gerade eine schwere Krankheit durchgestanden hat. Es klopft im Staccato. Aber vielleicht klopft es auch nur vor Freude, denn wenn sie Glück hat, wird sie schon bald Besitzerin eines Klaviers sein. Sie hat sich vorgenommen, all das zu machen, was ihr Freude macht. Ihr Leben war anstrengend, und vieles, das sie liebte, hatte sie auf später verschoben. Aber das war nun vorbei. Sie würde nicht mehr warten, bis die Zeit günstiger ist, denn das hat sie nun verstanden: Zeit ist eine relative Größe.

Sie wollte wieder Klavier spielen, so wie in ihrer Jugend. Also hatte sie sich im größten Pianohaus der Stadt nach einem Klavier umgesehen. Dieser nette Verkäufer im Pianohaus erzählte ihr von dem Klavier, als wäre es sein persönlicher Schatz. Das Haus hatte es angekauft, aber noch nicht in das Geschäft transportiert. Sie könne es gleich ansehen, hatte er gemeint. Er würde in der Wohnung auf sie warten. Und nun stand sie hier.

Er öffnete die Tür und ließ sie herein. Die Wohnung war vollkommen leergeräumt, nur das Klavier stand an der Wand vor einer grüngemusterten Stofftapete und wurde vom Licht des Fensters angestrahlt. Im dem edlen schwarzen Lack spiegelte sich das leere Zimmer, obwohl eine leichte Staubschicht seinen Glanz ein wenig trübte.

Vorsichtig nähert sie sich dem Instrument und öffnet den Deckel. Als sie ein paar Töne anschlägt, ist sie fasziniert von dem Klang. Er ist gleichzeitig federleicht und kraftvoll.

Warum das Klavier wohl verkauft wurde? Der Verkäufer hatte nicht viel über den oder die Vorbesitzerin erzählt, nur, dass darauf regelmäßig gespielt worden war.

Sie stellt sich vor, dass darauf vielleicht ein berühmter Jazz-Pianist gespielt hat oder eine Pianistin wie die bewunderungswürdige Sarah Koch, die sie vor kurzem gehört hat. In ihrer Vorstellung ist es vielleicht doch eher eine Pianistin.

Sie stellt sie sich schmal und zierlich vor, mit langen dunklen Haaren, großen braunen Augen, auch das Gesicht schmal und fein, ihre Finger feingliedrig. Ihren Händen waren die schwarzen Tasten ebenso vertraut wie die weißen, sie berührte beide auf die gleiche Weise, manchmal mit zärtlichem Anschlag, manchmal mit atemberaubender Geschwindigkeit, manchmal sehnsuchtsvoll, aber auch entschlossen, energisch, wild und wütend. Was hat sie gefühlt, wenn sie den Klängen gelauscht hat, die unter ihren Fingern entstanden sind, den melodiösen, den traurigen oder den strengen mit unendlicher Klarheit? Aber auch denen mit Zorn und Unruhe. Die Unruhe, die in ihr war, wenn ihr Mann unterwegs war und sie nicht wusste, ob er bei ihr war oder tatsächlich bei einem Geschäftstermin.

Und dann, ganz plötzlich, konnte sie vielleicht nicht mehr spielen. Jeder Ton wurde zur Qual. Sie fand keinen Halt mehr in der Musik. Sie brauchte aber Halt, brauchte ihn für ihre Kinder, musste ihnen Halt geben nach diesem Tag, an dem er nach Hause gekommen war, seine Sachen gepackt hatte und ohne große Worte gegangen war – einfach gegangen.

Vielleicht war alles in ihr danach zusammengebrochen, wie ein Gerüst, das schon lange instabil war und dann bei dem kleinsten Windhauch umkippt. Nichts hatte mehr Bedeutung - nur noch die Kinder. Für sie musste sie stark sein. Möglicherweise hatte sie noch ein paar Mal zu spielen versucht. Aber sie blieb dabei vollkommen kalt, und das musste sie auch. Anders ging es nicht. Sonst hätte sie nicht durchgehalten. Vielleicht hat sie auch noch ein paar Wochen versucht, ihr schmales Budget mit Klavierstunden aufzubessern. Aber dann hatte sie nicht mehr ertragen, was unwillige Schüler aus der Musik machten. Also hatte sie es verkauft.

So jedenfalls könnte es gewesen sein, denkt Louisa, aber auch ganz anders. Ich werde es wohl nie erfahren. Aber nun wird es mein Klavier sein, und ich bin glücklich darüber. Ich bilde mir ein, all die Klänge, die darauf gespielt wurden, sind noch da und müssen nur herausgelockt werden. Und vielleicht gelingt es mir, meine eigenen Klänge hinzuzufügen.

Der Wächter

Das Haus sah auf eine Art gepflegt aus, die es unauffällig und zugleich verdächtig machte. Es war etwas zurückgesetzt an einer wenig verkehrsreichen Straße gelegen, das ganze Grundstück war von mannshohen Thujenhecken umrahmt, die offensichtlich jedes Jahr sauber geschnitten wurden. Das Haus selbst war ein schlichter Quader mit Zeltdach, wie sie hier in den bürgerlichen Vororten in den Dreißigern zuhauf entstanden waren. Es war ein wenig aufregendes und seit seiner Erbauung unverändertes Gebäude, und ungewöhnlich war allenfalls, dass es noch keine Zeichen beginnenden Verfalls trug, obwohl es augenscheinlich seit Langem unbewohnt war. Die Biberschwanzziegel auf dem Dach saßen in Reih und Glied, die grauen Rollläden waren weder morsch noch schief, und die Fassade mit dem graugelben Putz wirkte stumpf, aber makellos, ohne einen Flecken oder eine schäbige Stelle. Aber obwohl die Läden ordentlich geschlossen waren und aus dem Kamin selbst im tiefsten Winter nicht die kleinste Rauchfahne aufstieg, wirkte das Haus weder verlassen noch schlafend. Es stand da wie ein stummer Wächter dunkler Geheimnisse.
So jedenfalls empfand es Anneli, die in der Nachbarschaft lebte und täglich auf ihrem Schulweg zweimal an diesem Haus vorbeikam. Sie konnte nicht anders, als sich jedes Mal vorzustellen, wem das Haus gehörte, wer dort gelebt hatte, wie es innen aussah. Und immer wieder nahm sie dieselbe ungute Aura des Gebäudes wahr und sie fragte sich, was dort passiert war, und auf wen das Haus zu warten schien. Kam sie an der Einfahrt vorüber, schielte sie jedes Mal vorsichtig, damit das Haus es nicht bemerkte, über das eiserne Hoftor zu den drei Mülltonnen. Sie standen ordentlich aufgereiht nebeneinander in der Nähe des Tores. Anneli hatte sich bei ihren vielen Gelegenheiten, die sie an dem Grundstück vorbeiführten, die Positionen der Tonnen auf den Steinplatten der Einfahrt genau gemerkt, und niemals, wirklich niemals waren sie verschoben worden. Das Haus war kalt, verlassen und auf so seltsame Art abweisend, dass es eine eigene und ungute Persönlichkeit zu haben schien, und Anneli beschleunigte ihre Schritte, um es schneller hinter sich zu lassen.
Und ausgerechnet auf dieses Grundstück hatte sich nun Benny, ihr kleiner Hund verkrochen, und ausgerechnet dann, wenn sie alleine mit ihm Gassigehen durfte! Sie rief den Terrier, lauschte, rief wieder. Kein Kläffen, kein Schnüffeln, kein Wuseln unter der Hecke. Anneli trat näher an das Tor, legte die Hand auf die Klinke. Sie war so kalt, dass Anneli zurückzuckte. Aber es half nichts, sie musste Benny auf dem Grundstück suchen gehen. Vorsichtig öffnete sie das Tor, das wider Erwarten nicht quietschte, betrat die Einfahrt, ließ sicherheitshalber das Tor weit offen, um nicht ganz von der Welt außerhalb des Grundstücks abgeschnitten zu sein.
„Benny“, flüsterte sie, setzte vorsichtig Schritt vor Schritt. Dann räusperte sie sich und rief, etwas lauter, aber durchaus respektvoll in Anwesenheit der hohen graugelben Mauern, die jetzt bedrohlich nähergerückt waren: „Benny, komm her!“
Benny kam nicht. Anneli entschloss sich, so nahe an der Hecke wie möglich das Haus zu umrunden. Vielleicht war Benny da irgendwo am Herumbuddeln, was ihn taub für ihre Rufe machte. An der Hecke war sie auch so weit entfernt von den bedrohlichen graugelben Mauern und den bis unten geschlossenen Rollläden, wie es nur ging.
‚Das sieht aus wie jemand, der ein harmloses Gesicht macht, aber hinter den geschlossenen Augen über böse Dinge nachdenkt‘, dachte Anneli, und versuchte, nicht hinzusehen.
Sie stand nun hinter dem Haus auf einem gesichtslosen Rasenfleck, der dem im Vorgarten ähnelte wie ein Zwilling. Anneli lauschte. Kamen da nicht eigenartige Geräusche aus dem Haus? Ein Knacken und Schlagen, wie von Holz und … Metall? Etwas raschelte neben ihr, sie fuhr herum. Ein Eichhörnchen huschte über die Hecke. Aber kein Benny in Sicht. Sie würde die Hecke nach ihm gründlicher absuchen müssen, vielleicht war er unter ihr durchgekrochen und längst auf einem Nachbargrundstück am Schnüffeln.
Aber Anneli wagte es nicht, dem Haus den Rücken zuzukehren. Um den Wächter aus den Augen lassen zu können, stand sie ihm zu nah. Und daher sah sie es: Auf der Rückseite des Hauses war ein Rollladen nicht ganz geschlossen. Als beobachte sie der Wächter unter einem halb geöffneten Augenlid. Als plane er fürchterliche Dinge, als würde er jetzt, gleich, im nächsten Augenblick, unvorhergesehen einen finsteren Griff nach ihr tun, sie hineinziehen in sich, sie verschlingen, ihr etwas Grauenerregendes und Unbeschreibliches antun!
Der Wächter bemerkte ihre Angst und seinen bevorstehenden Sieg über sein Opfer. Er röhrte triumphierend auf.
Mit einem gellenden Schrei warf Anneli sich herum und stürmte entsetzt davon, zur Vorderseite des Grundstücks und zur Einfahrt hinaus.
Dort stand der Besitzer des Hauses und hatte eben seine Heckenschere in Gang gesetzt. Die Thujen mussten regelmäßig gestutzt werden, sonst verloren sie ihre Form, und Ordnung war wichtig, weil sie die Dinge unauffällig machte. Es war eine gute Schere, er besaß sie schon lange, sie schnitt selbst kleinere Äste, sogar Knochen. Er hörte den Schrei, aus den Augenwinkeln sah er gleich darauf ein Kind um die Ecke seines Elternhauses schießen und wegrennen, gefolgt von einem fröhlich kläffenden Terrier. Kopfschüttelnd setzte er das Messer an.

Die Stille zieht sich immer enger um mich. Wie ein kalter Bleimantel, aus dem ich mich nicht befreien kann. Meine Wahrnehmung tastet nach irgendeinem Halt. Ich schwanke innerlich, äußerlich - der Boden ist aus Nebel. Unaufhörlich wirbeln meine Gedanken um die Erkenntnis, dass du fort bist. Du hast ihn für mich vollständig ausgefüllt, diesen Ort. Selbst dann, wenn Du gar nicht da warst. Meine Sinne brauchten sich nur nach Dir auszustrecken. Ich habe Dich immer sofort erspürt, Dich überall gefunden. Deine Resonanz war bei mir, wenn Du es nicht warst. Die Welt war vollständig, auch an ihren hässlichsten Tagen war sie doch immerhin das.
Jetzt bist Du fort, ganz fort, für immer fort und mein Empfinden greift ins Leere, sucht nach Halt, um nicht in den Abgrund zu stürzen. Doch auch Deine Resonanz ist fort. Diesmal ist sie mit Dir gegangen, anstatt bei mir zu bleiben.
Ist das hier wirklich noch derselbe Ort?
Die Leere hat ihn auf monströse Weise verformt und seine Lebendigkeit zerrissen. Ein schweres Grau hat all unsere Farben erstickt. Unsere Erinnerungen sind hinter dicken Mauern aus Verlustqualen fast so unerreichbar geworden, wie Du es jetzt bist.
Ich erkenne diesen Ort in all seiner totholzigen Verlassenheit einfach nicht wieder. Es scheint fast so, als hätte er sich bereits mit dem abgefunden, das ich noch immer versuche, zu begreifen.

Wie ein gestrandetes Schiff döste das Haus in der Nachmittagssonne. Sie schluckte, kämpfte die Tränen zurück und schloss den Nebeneingang auf. Nachdem alle weggegangen waren, war die Stille eingezogen und bewachte die Leere.
Die hölzernen Flügeltüren zum Kaminzimmer knarrten leise. Es waren nur noch zwei von den Tischen übrig, mit denen sie die langen Tafeln vor dem Kamin gestellt hatten. Bevor weiße Tischdecken darüber segelten. Bevor das silberne Besteck am richtigen Platz lag und sich feine Weingläser erwartungsfroh in Reih und Glied aufreihten. Leise lag das Lachen der Menschen in der Luft, die hier gefeiert hatten, wie ein weit entferntes Echo. Unzählige Geschichten hätten die Wände zu erzählen, doch niemand würde ihnen mehr zuhören.
Im Saal nebenan hatte das Herbstlicht nun genug Raum um Bahnen auf den Parkettboden zu malen. Blind vor Staub träumten prächtige Kronleuchter von glänzenderen Zeiten, als ihr Funkeln die Gesichter der Bräute zum Strahlen brachte. Sie zeichnete mit dem Finger eine liegende Acht in den Schmutz auf der Fensterbank. Maiglöckchen und Vergissmeinnicht für die Frühlingsbräute, bunte Wiesenblumen im Sommer und prächtige Astern im Herbst. Nun gab es auch hier keine Tische mehr, keine Stühle, keine ewigen Versprechen. Nur Endgültigkeit.
Die kleine Stube vorne mit der Theke war gerupft und geplündert bis auf die knorrigen Bodendielen und halbhohen schokoladenbraunen Holzvertäfelungen an den Wänden, die ohne es zu wissen das Letzte von hundert Jahren überlebt hatten. Und der große ovale Tisch in der Nische stand noch da. Einst heißgeliebter Lieblingsplatz so vieler Familien und Freundeskreise wartete er nun verschmäht und verlassen auf sein Ende.
Sie bekam kaum noch Luft und flüchtete in die Küche, wo das heiße, pochende Herz des Hauses geschlagen hatte. Die wenigen restlichen Geräte waren zur Seite geschoben, der Boden darunter zeigte braune Flecken. Sie schloss die Augen und sah den glänzenden Stahl der Anrichtetische und die dampfenden Töpfe. Hörte von weit her die Rufe der Köche und roch den Duft von Zwiebeln und Speck. Der große Ofen war zurückgeblieben, hatte die Türen zu einem stummen Schrei geöffnet und träumte knusprigen Gänsen hinterher.
Sie nahm die kleine Glocke, die noch auf dem Pass stand. So viele Jahre lang, hatte sie sich bei ihrem Klingeln unwillkürlich in Bewegung gesetzt, um unzählige Teller zu tragen. Jetzt rannte sie nirgendwo mehr hin, hatte mehr Zeit, als ihr lieb war. Langsam legte sie die Schlüssel auf die Theke. Fühlte sich wie eine Verräterin, als sei sie es gewesen, die dem Haus den Todesstoß versetzt hatte und nicht ein winziges Virus von irgendwoher.

Aufwind

In die Stille hinein drückt sich ein „Klick“, die große gläserne Haustür öffnet sich. Der Eingang ist hell, freundlich, und doch seltsam verschwommen. Meine Füße treten ein und Regentropfen fließen vom schwarzen Leder der Sneakers ab. Einen Moment verharre ich und meine Augen suchen nach einem Tuch damit sich die kleine Pfütze auf den weißen Fliesen nicht ausbreiten kann. Der Boden darf nicht rutschig sein, das könnte tödlich werden. Ich schlüpfe aus den Schuhen und stelle sie nach draußen. Meine Zehen zeichnen sich durch die Socken ab während sie lautlos und wie von allein den Weg in den Innenraum des Wohnzimmers finden. Mein Körper bleibt stehen, meine Ohren lauschen und suchen das Rauschen des Meeres welches stets vom großen Bildschirm an der rechten Wand wiedergegeben wurde. In diesem Augenblick bleibt der wohlbekannte Klang aus, der Bildschirm ist schwarz und stumm.

Mein Blick wandert durch das riesige Panoramafenster in den Garten, können den Teich mit den wertvollen Koi nicht finden, hängen sich an die Wäschespinne und ruhen in kreisenden Bewegungen mit dem Wind aus. Sattes grün blickt mir entgegen, lange hat diese Wiese keinen Rasenmäher gesehen.

Das gestapelte Holz vor der kleinen Hütte erinnert mich an Abende am Kamin, an wohlige Wärme, an Freunde und Lachen, zu viel Wein und unendlich viele Freudentränen. Erinnerungen ploppen auf, tanzen wie kleine Blasen durch den Raum, suchen die Menschen die darin verborgen sind, können sie nicht finden, können dich nicht finden.

Neben dem vollgestopftem Bücherregal prangt eine Bilderwand. Sie ist gespickt mit Abenteuern. Tauchparadiese mit türkisfarbenem Wasser, Menschen die mit Haien tauchen, du im Element Wasser, schwerelos. Dein rechter Arm führt eine Kamera und fängt die Faszination der Unterwasserwelt ein.

Daneben leuchtet blauer Himmel, weiße Schäfchenwolken, dahingleitende Drachen, an denen kleine Pünktchen hängen, Menschen im Element der Luft, du.

Eine Aufnahme wirkt alt und doch sind die Farben und das darauf abgebildete Gesicht voller Strahlen. Diese Aufnahme war kurz vor deinem erstem Unfall, damals warst du noch jung, dein Körper noch nicht zerbrochen.

Danach war nichts mehr wie zuvor, und doch hast du es überlebt, hast dein Leben wieder in den Griff bekommen. Viele Jahre, viele Abenteuer später fandest du heraus, dass du auch mit nur einem funktionierendem Arm fliegen kannst, ganze 2 Jahre lang. Viele Schmerztränen später flogen nur noch bunte, sich bewegende Stoffbahnen mit kleinen Pünktchen daran über den Bildschirm neben der Tür, von hier wehte auch der Klang des Windes zu deinem Bett neben dem Fenster.

Jetzt ist auch dieser stumm und schwarz.

Dein Bett bewegt sich noch immer. Das Laken bläht sich auf, Falten verschwinden. Im nächsten Moment verweben sie sich neu, um ein anderes Muster zu bilden während der Motor die Luft in verschiedene Kammern der Matratze pumpt. Doch dein Körper liegt nicht darauf, spielt den Rhythmus nicht mit.

Irgendwann hast du erzählt, auch mit einem Rollstuhl kann man fliegen.

Bist du abgetaucht oder hast du Aufwind bekommen?