Strom
Komisch! Die Wohnung roch immer noch ein bisschen nach Stippgrütze und Bratapfelstrudel. Wahrscheinlich spielte mir die Erinnerung einen Streich. Und nach Muff. Sechs Monate ungelüftet, was sollte man da erwarten?
O ja, ein ganzes halbes Jahr war es jetzt her, dass ich sie zu mir genommen hatte. Das war ich ihr schuldig, hatte ich den Nachbarn erklärt. Und das stimmte hundertprozentig.
Probehalber knipste ich den Lichtschalter an. Na bitte, wenigstens funktionierte der Strom!
Ich blickte mich um. Und direkt in die Vergangenheit. Gut verstaut unter einer Staubschicht. Staub auf dem verschlissenen, kotzgelbgrünen Sofa. Das war bestimmt schon achtzig Jahre alt. Nie hatte sie sich etwas Neues gegönnt. Ich schlug mit der Hand auf eines der genau in der Mitte eingeknickten Häkelkissen und musste niesen. Staub auf dem rustikalen Wohnzimmerschrank, auf den Bilderrahmen und Hummelfiguren. Auf dem gestickten Stillleben an der Wand, dass dort schon hing, als meine Mutter noch ein kleines Mädchen war. Auf den fadenscheinigen, handgewebten Teppichen, und Staub auch in der Küche. Auf der Anrichte, dem Regal mit den Tellern aus Meißen, auf der Kaffeemaschine. Ich grinste. Kaffee würde ich hier sicher nicht mehr kochen. Trotzdem war ich froh, dass der Strom funktionierte.
Auch im Schlafzimmer sah es nicht anders aus. Staub auf dem Nachttischchen und dem zum Bersten vollgestopften Kleiderschrank. Das Bett mit dem erhöhten Kopfteil war sorgfältig gemacht, die Laken, Decken, Kissen glattgestrichen, ohne eine einzige Delle. Die Vorhänge vor die Spitzengardinen gezogen.
Staub und Muff auch im Bad. Auf dem Spülkasten der Toilette eine Ersatzklopaperrolle diskret versteckt unter dem gehäkelten Rock eines Barbiepuppenoberteils.
Ein Morgenmantel mit hellblauer Borde hing noch am Haken neben der vorsintflutlichen Waschmaschine, deren Schalter gelb flackerte. Ja, Gott – oder wem auch immer - sei Dank, der Strom funktionierte. Sie hatte nicht einmal eine integrierten Trockner, die Waschmaschine. Dafür gab es einen zusammenklappbaren Wäscheständer mit Klammerbeutel und Klammern mit runden Holzköpfen. »Ja, Holzkopf!«, hörte ich ihre schrille Stimme. »Holzkopf, wie dein Vater!«
Der Flur war dunkel. Auch hier, alles Eiche rustikal. Der schäbige Schuhschrank, die Garderobe mit den goldenen Knöpfen. Einzig die nagelneue, schneeweiße Tiefkühltruhe wirkte beinahe futuristisch. Hochmodern, klimaneutral und völlig geräuschfrei, hatte mir der Verkäufer versichert. Nicht einmal ein Summen würde sie verursachen.
Einen Meter zwanzig, aber sie würde genügen. Und eiskalt. Zum Glück funktionierte der Strom.