Seitenwind Woche 5: Launisches Wetter

Das Wetter macht was es will

Ich bleibe einfach stehen. Es geht gar nicht anders. Dabei macht es mich rasend! Jetzt harre ich hier zwangsweise still und stumm aus, während es in mir tobt! Niemand versteht das. Das Wetter mache, was es will, heißt es. Dabei ist das Dummheit, die galoppiert! In Wahrheit bin ich nichts als eine Marionette. Wie an Fäden gezogen muss ich mich fügen. Jetzt zum Beispiel: Wie gern würde ich einfach abzischen, frei Runden über diesem Planeten drehen. Aber man hält mich von oben fest, ich kann nicht aufsteigen. Das Verrückte ist, dass die Luftschicht über mir auch nicht anderes kann, auch sie wird gezogen, gedrückt, gepresst, in eine Temperatur gezwungen. Ich nehme es ihr nicht übel, wir sind alle Teil der gleichen erzwungenen Abhängigkeit in diesem Schauspiel. Nach unten kann ich auch nicht. Die Spannung steigt ins Unerträgliche, ich bin verdammt, Teil dieses gleich losbrechenden Infernos zu sein. Losbrechen - da wird die galoppierende Dummheit wieder denken, dann sei ich doch frei. Von wegen. Wie kann man nur glauben, wir könnten unsere Entladungen steuern? Es zerreißt uns einfach.
Und irgendwas werden wir treffen da unten. Vielleicht etwas, das wir lieben, wie ich die Eichen und die großen Walnussbäume.

Zuviel des Guten

Hier bin ich, Ihr habt mich gerufen! Mit all Euren Gesängen mich heraufbeschworen. Ich bin gekommen, um zu bleiben. Ich kann gar nicht anders. Fortan werde ich über Euch hernieder regnen, wie es Euer Wunsch war. Fortan werde ich Eure Felder furchtbar machen und Eure Flüsse und Ozeane füllen. Euer Wunsch ist mir Befehl und ihm will ich mich nicht verweigern. Ihr rieft mich mit abertausenden Stimmen, suchtet, die Trockenheit und Dürre durch mich zu vertreiben und ich erhörte Euch!
Hier bin ich! Beschworen durch die alten Lieder, die zu singen einst nur wenige vermochten. Doch Ihr rieft mich in Scharen, sammeltet Euch in großen Hallen und schicktet Euer Sehnen hinauf in meine Wolken. Einst vermochten es wenige Menschen, mich nur für einzelne Tage zu halten, doch heute sehe ich die Zahl derer, die nach mir verlangt, und ich werde Euch mit meinem Regen dienen. Für viele Jahre wünschtet Ihr mich herbei und viele Jahre werde ich meine Tore öffnen und das lebenspendende Wasser über Euch herabregnen lassen. Ich will Euch dienen, so wie es Euer Wunsch war!

Vom Himmel hoch, da komm ich her

Meine Reise begann im Himmel. Ich war einer von vielen. Ein winziger Tropfen.
In unserer Wolke vereint, schwebten wir durch das Himmelszelt, begierig auf die kommende Reise. Diesmal versprach sie anders zu sein.

Der freie Fall setzte ein, und ich stürzte erwartungsvoll der Erde entgegen.
Doch was war das? Auf einmal durchzog mich ein erfrischendes Kribbeln. Während ich mich vor Lachen krümmte, vollzog sich eine Verwandlung. Winzige Kristalle bildeten ein filigranes Gebilde – ich wurde zu einer Schneeflocke!

Lachend tanzte ich sanft zur Erde hinab, begleitet von meinen Schwestern und Brüdern, welche meinem frostigen Tanz folgten. Gemeinsam legten wir eine weiße Decke über die Landschaft. Schmückten Bäume mit einem zarten Wintermantel. Hüllten den Wald in die stille Pracht des Winters.

Was ich diesmal wohl werden würde? Ein Teil eines ausgelassenen Spiels, bei dem Kinder sich vergnügt durch den glitzernden Frost jagten? Oder könnte es sein, dass ich mich im Bauch eines lebensfrohen Schneemanns wiederfinden würde?

Die Vorstellung, welches Abenteuer mich erwartete, ließ meine winzigen Kristalle vor Aufregung erstrahlen.

Vorwort:

Achtung: Hier wird’s richtig lang. Wer auf Tweets steht oder das Lesen von mehr als dreißig Zeilen als Belastung empfindet, sollte sich jetzt und hier genau überlegen, ob er den Novemberblues liest.

Novemberblues

„Ich fasse es nicht, ihr macht mich total fertig. Wie kann man so etwas nur tun? Ich habe Jos durchs Fenster über die Schulter geschaut. Er grübelt und grübelt. Der arme Kerl.“

„Aber, was ist denn…“

„Was ist denn, was ist denn? Was ist das für eine bescheuerte Reaktion? Wie kann man sowas im November machen?“

„Aber, es ist doch nur…“

„Schon wieder ein Aber. Was soll das? Habt ihr in eurem Laden nichts anderes auf Lager als Aber?“

„Aber…“

„Oh, was habe ich getan, dass ich so gestraft werde? Aber, aber, aber.“

„Nun lass mich doch endlich auch mal was sagen. Das ist ja wieder mal nicht zum Aushalten mit dir.“

„Ah, diesmal kein Aber. Stattdessen ein ganzer Satz. Wahrlich eine Steigerung. Vielleicht folgen jetzt endlich auch Antworten auf meine Fragen.“

"Was willst du denn wissen? Du schmeißt hier nur mit Nebelkerzen und glaubst, ich könne erraten, was dich so in Rage versetzt.“

„Siehst du, ich hatte mir genau sowas gedacht. Ihr wisst gar nicht, was ihr da tut. Ihr haut einfach mal was raus, ohne vorher die Folgen abzuwägen. Das ist grob unprofessionell, wenn ich das mal so sagen darf.“

„Aber wieso denn?“

„Ächz, schon wieder ein Aber. Wieso denn? Das will ich dir sagen. Ihr habt euch keine Gedanken gemacht, wo wir hier sind.“

„Hä? Was spielt das für eine Rolle, wo wir hier gerade sind?“

„Das spielt eine sehr große Rolle. Ich will dir aber gerne auf die Sprünge helfen. Wir sind hier im Sauerland.“

„Ja und? Das weiß ich auch, aber was willst du mir damit sagen?“

„Ihr habt in eurem Laden ja tatsächlich keine Ahnung. Schon mal was davon gehört, dass man erst recherchiert und dann schreibt? Ich vermute mal nicht.“

„Ach so, wir haben also keine Ahnung. Ok. Aber deine Vorverurteilung, das ist professionell, ja?“

„Ich verurteile nicht vor, ich benenne die Fakten.“

„Und was sind das für Fakten? Lächerlich. Quakst hier irgendwas von Sauerland, sagst aber nicht, was wir damit zu tun haben sollen.“

„Klar, dass sowas kommt. Typisch Berliner. Ihr seid einfach zu nah dran, an der Politik. Das färbt ab.“

„Was soll das denn jetzt wieder? Erst Sauerland, dann Berlin, was kommt als Nächstes?“

„Schnallst du auch nicht, was? Wenn bei den Politikern was in die Hose geht, sagen sie ‚was haben wir damit zu tun‘. Genau wie du es gerade getan hast.“

„Herr Gott nochmal, dann sag mir endlich, was es mit diesem blöden Sauerland auf sich hat.“

„Ok, ich will es dir sagen, du kommst ja eh nicht von selbst drauf. Aber vorweg noch eines: Das Sauerland ist nicht blöd, es ist wunderschön. Jedoch wird es auch als die Wiege des Novemberblues bezeichnet.“

„Hä? Und was hat das nun wieder mit uns zu tun?“

„Jetzt mach dich aber nicht kleiner, als du bist. Oder ist dir etwa entgangen, dass wir gerade im November sind?“

„Nein, ist mir nicht entgangen, aber du laberst so viel und sagst mir nichts. Werde doch mal konkret.“

„Na gut. Wie du willst. Also, ihr haut da in eurem Seitenwind mitten im November das Thema Wetter raus, ja. Wetter! Verstehst du? Regen und so. Schau doch mal, was da für Beiträge bei euch reinflattern. Ein Regen nach dem anderen. Alles erfundenes Zeug. Aber hier, im Sauerland, hier regnet es wirklich. Wenn du dir ein Stück Seife auf den Kopf legst, aus dem Haus gehst und einmal drum herumrennst, kommst du perfekt geduscht wieder rein.“

„Ha-ha, und jetzt sollen wir daran schuld sein, dass es im Sauerland regnet, ja?“

„Das es hier gerade regnet nicht, nein. Aber das Thema, zu dieser Zeit, unter diesen Umständen, das geht gar nicht. Man könnte auf den Gedanken kommen, ihr werdet von der Pharmaindustrie gesponsert. Wenn man die Leute so mit der Nase drauf stößt, ist doch klar, dass die nächsten Depressionen zur Behandlung kommen werden. Ihr tragt also wesentlich dazu bei, dass der Novemberblues seinen Anspruch auf den Hit des Monats nicht verliert.“

„Unverschämtheit. Was du uns da gerade unterstellst, das schlägt ja dem Fass den Boden aus.“

„Mag sein, aber damit helfe ich euch ja sogar.“

„Wie denn das bitte?“

„Na, dann kann das Fass im Regen nicht volllaufen. Sonst würdet ihr eh ganz schön doof dastehen.“

„Wieso würden wir das? Außerdem haben wir gar kein Fass.“

„Ja, nicht mal das habt ihr. Aber wenn ihr eines hättet, mit Boden drunter, dann solltet ihr euer Papyrus ganz schnell in Sicherheit bringen. Der Regen weicht es nämlich auf und verwandelt es im Handumdrehen in eine hässliche Brühe. So ein bisschen Seitenwind kann das Zeug dann auch nicht mehr trocknen. Da bräuchtet ihr schon einen ziemlich starken Föhn.“

„Wir haben doch gar kein Papyrus. Von was faselst du da?“

„Ich sag doch, ihr habt so vieles nicht. Keine Ahnung, keine Recherche, kein Fass und jetzt noch nicht mal Papyrus, obwohl ihr so heißt. Da darf man doch mal annehmen, dass ihr auf nem ganz schön dünnen Brett durch den Regen surft.“

„Äh…“

„Jetzt sag mit bloß nicht noch, dass ihr kein Brett habt. Ich fasse es nicht. Ihr seid aber auch auf nichts vorbereitet.“

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„Zeus, was tust du da? Du wirkst so angespannt. Ist etwas nicht in Ordnung?“

„Ach Hera, ich möchte dich mit meinem Ungemach nicht belasten. Aber wenn du es wissen willst, ich lese in einem Buch.“

„Seit wann haben wir denn ein Buch, Zeus? Sowas haben wir doch noch nie gebraucht. Was ist es denn für eines?“

„Ein Fachbuch von einem Mann namens Freud.“

„Oh, der Name gefällt mir. Freud wie Freude. Was schreibt er denn?“

„Auf jeden Fall nichts Freudiges, obwohl es von ihm ist.“

„Du spielst schon wieder mit den Worten, Zeus. Um was geht es denn nun?“

„Um Schizophrenie.“

„Schitzo… was bitte?“

„Phrenie, um Schizophrenie. Das ist eine Krankheit.“

„Z-e-u-s, was ist los? Verschweigst du mir etwa etwas?

„Nein, nein, Hera, mach die keine Sorgen um mich, mir geht es blendend. Ich mache mir Sorgen um etwas Anderes und versuche herauszufinden, wie man es heilen kann.“

„Ist das jetzt wieder so ein Ding, mit dem du deine Langeweile vertreiben willst, oder steckt mehr dahinter?“

„Diesmal steckt in der Tat mehr dahinter, geliebte Schwester, viel mehr sogar. Ich hege Zweifel, obgleich ich weiß, dass Zweifel keines Gottes würdig sind.“

„Dann verdränge sie doch einfach aus deinen Gedanken. Wozu bist du ein Gott.“

„In diesem Fall kann ich es nicht. Es betrifft mich selbst und, ich deute es nicht gerne an, im weiteren Sinne betrifft es auch dich und unsere Kinder.“

„Aha, jetzt machst du mich aber neugierig. Das sollte genügen, dass du mir deine Zweifel mitteilst. Sonst bin ich am Ende doch noch beunruhigt.“

„Nun gut. Ich gewinne immer mehr die Überzeugung, dass es damals ein Fehler von uns war, den Olymp zu verlassen, um hier auf dem Jupiter unseren Alterssitz zu gründen. Wir haben die Kontrolle abgegeben und jetzt muss ich sehen, wohin das geführt hat. Die Wetter auf der Erde machen, was sie wollen. Es herrscht so etwas wie eine Klima-Anarchie. Was wir einst so sorgfältig austariert haben, funktioniert nicht mehr. Mir scheint, das Wetter ist verrückt geworden.“

„Zeus, ich kenne dich jetzt seit ein paar tausend Jahren, ich ahne, worauf unser Gespräch hinausläuft. Zieh bitte nicht in Erwägung, dich wieder einmischen zu wollen. Seit wir vom Olymp weg sind, hatten wir nur gute Zeiten. Willst du die gefährden?“

„Ich werde es wohl müssen, mich einmischen und damit vielleicht auch unser Wohl gefährden.“

„Aber Schatz, überleg doch mal. Was willst du denn erreichen. Die Dinge sind nicht mehr wie früher. Alle unsere Verbündeten aus dem Reich der Götter haben es uns gleichgetan und sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Keiner von denen ist mehr da, die du bräuchtest, um dich unbeschadet in die Wetter einmischen zu können. Thor im Norden ist weg, Baal im Osten ist nicht mehr da und Chaac ganz im Westen auch nicht mehr. Und all die anderen haben sich ebenfalls irgendwo im Universum verstreut. Du bräuchtest eine starke Union, aber wie willst du sie alle finden?“

„Ich bräuchte sie nicht gleich alle. Die drei, die du benannt hast, würden mir reichen. Zusammen hätten wir genug Kraft, um dem Wetter zu zeigen, wie es sich zu verhalten hat.“

„Aber warum haben wir dann damals diesen ganzen Aufwand betrieb? Warum haben wir dieses Schauspiel aufgezogen, in dem Kratos dir den Schädel auf dem Felsboden zerschmetterte? Wie lange habe ich dich gepflegt, bist du wieder ganz der Alte warst. Ich dachte, wie wären uns einig, dass wir es taten, um uns zu befreien, um die Fesseln der Gottheit auf Erden ein für alle Mal abzuschütteln. Und jetzt sollen wir sie uns freiwillig wieder anlegen?“

„Nein, Hera, so weit will ich nicht gehen. Deshalb studiere ich dieses Buch von Freud. Ich hoffe, darin eine Lösung zu finden.“

„Aber du bist kein Arzt, Zeus. Von Medizin hast du noch nie etwas verstanden. Warum baust du dann ausgerechnet auf diesen Weg?“

„Weile es der einzige Weg ist, dem ich zutraue, mich ohne die Hilfe der anderen Götter zum Ziel zu führen. Und das ohne, dass wir unser Asyl verlassen und aus der Deckung treten müssen.“

„Was macht dich da so sicher, dass ein Mensch wie dieser Freud weiß, was ein Gott nicht weiß?“

„Urteile nicht so schnell über ihn. Ich habe gelesen, dass er von den Menschen als Gott in Weiß bezeichnet wurde. Bedenke bitte, dass wir dem Olymp schon lange den Rücken gekehrt hatten, als er auf die Bühne trat.“

„Was kein Garant dafür ist, dass er dein Problem lösen kann. Du hast mir außerdem noch gar nicht gesagt, was das Problem genau ist. Was macht das Wetter denn? Was es will ist ja noch keine präzise Aussage und verrückt war es doch schon immer.“

„Sicher, aber jetzt ist es auf dem besten Weg, die Erde von den Menschen zu befreien. Ich denke, nicht wissentlich, aber doch grob fahrlässig.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob wir es daran hindern sollten. Aber wie geht es denn vor?“

„An einer Stelle heizt es die Meere über Gebühr auf, dann beschwert es die Atmosphäre mit Unmengen an Wolken, die es in Wirbeln stürmen lässt, die so groß sind wie Kontinente. Es lähmt den Jetstream, ein Phänomen namens El Nino ist dabei ganz Südamerika auszutrocknen, monatelang fällt in Europa und auf anderen Erdteilen kein Tropfen Regen, bis er sich dann punktuell in solchen Mengen ergießt, dass im Nichts mehr widerstehen kann und alles wegschwimmt. Es gibt keine Koordination mehr auf der Erde, der das Wetter folgt. Alles ist zufällig und nichts ist bestimmt.“

„Aber, lieber Zeus, auch das ist doch nicht neu. Liegt das nicht in der Natur des Wetters?“

„Eben, das ist sie, du hast es ganz richtig erkannt. Deshalb haben Thor, die anderen Kollegen und ich dem Wetter einst die Schranken gewiesen und ihm solche Exzesse untersagt. Als wir gingen, hatten wir gedacht, dass das Wetter unsere Regeln auf ewig befolgt. Heute sehe und höre ich, dass es das nicht getan hat.“

„Ok, das verstehe ich, aber welche Rolle spielt jetzt dieser Freud in dem Spiel? Ist Schizophrenie etwa ein Phänomen des Wetters?“

„Nein, ganz und gar nicht. Schizophrenie ist die Spaltung einer Persönlichkeit. Wie schon gesagt, es ist eine Krankheit. Um sie zu heilen, oder zu kontrollieren, bedarf es einer Psychotherapie.“

„Das verstehe ich alles nicht. Sag mir mit einfachen Worten, was du tun willst.“

„Ich will das Wetter therapieren.“

„Ah, verstehe, du gehst davon aus, dass das Wetter krank ist, und willst es heilen. So weit so gut, aber hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, dass ein Wetter zwar die Ursache für Krankheiten anderer, selbst aber nicht krank sein kann?“

„Das vermutest du, ich sehe das aber anders.“

„Ah. Und worauf gründest du deine Sicherheit, die du mir versagst?“

„Ich habe das Wetter belauscht.“

„So, so, du hast dem Säuseln des Windes also entnommen, dass das Wetter krank ist, ja? Oder hat es etwa gehustet?“

„Ich habe nicht dem Säuseln gelauscht, ich habe ein Gespräch belauscht.“

„Ein Gespräch. Ah-ha. Mit wem hat das Wetter den g-e-s-p-r-o-c-h-e-n?“

„Mit sich selbst.“

„Jetzt verärgere mich nicht, Zeus. Wir sprechen alle mal mit uns selbst. Deshalb sind wir doch noch lange nicht krank.“

„Gewiss sind wir das nicht, aber wir sprechen ja auch nicht wirklich mit uns selbst. Wir sagen etwas und hören, was wir sagen, aber wir begeben uns nicht mit uns selbst in einen Dialog oder gar einen Zwist.“

„Aber das Wetter tut das?“

„Tut es.“

„Gut, dann stimme ich deiner Diagnose allerdings zu. Wann und über was hat sich das Wetter denn mit sich selbst unterhalten?“

„Ich habe es gestern bemerkt. Es hielt sich im Sauerland auf. Ich denke, diese Region wird dir nicht bekannt sein. Es lag mit sich in einem Streit. Das eine Wetter schimpfte das andere, etwas nicht Angemessenes getan zu haben, während das andere Wetter dies zu leugnen versuchte.“

„Und wie ist der Streit ausgegangen?“

„Das weiß ich noch nicht. Ich wurde in meiner Tätigkeit unterbrochen, als du mich fragtest, ob alles in Ordnung sei, weil ich so angespannt auf dich wirkte.“

„Oh, entschuldige, das hatte ich nicht beabsichtigt. Was wirst du als Nächstes tun?“

„Ich werde das Wetter noch eine Weile beobachten und seine Selbstgespräche belauschen. Ich hoffe, daraus Erkenntnisse für eine Therapie gewinnen zu können.“

„Wenn ich dir dabei behilflich sein kann, lass es mich bitte wissen. Ich bin jetzt auch neugierig geworden.“

Drei Tage später. Zeus hatte sich ohne Unterbrechung auf das Wirken des Wetters konzentriert und viele Gespräche belauscht. Dabei gruben sich von Stunde zu Stunde tiefere Sorgenfalten in seine Stirn.

„Langsam mache ich mir Sorgen um Dich, Zeus. Du wirkst mir schwer belastet.“

„In der Tat, Hera, das bin ich auch.“

„Und was ist der Grund dafür? Vielleicht kann ich dir helfen. Obwohl ich doch weiß, dass Hilfe unter Göttern verpönt ist. Aber du bist ja auch mein Ehegatte. Tust du dich mit deiner Therapie für das Wetter so schwer?“

„Danke, das ist lieb von dir, nur denke ich, dass sich ein weiteres Vorgehen in Sachen Wetter erübrigt.“

„Oh, was ist passiert? Woher der Sinneswandel?“

„Ich habe mich daran erinnert, was der Grund war, weshalb wir den Olymp verließen und gesehen, wohin er sich entwickelt hat.“

„Wenn ich mich recht erinnere, lag es nicht am Wetter.“

„Nein, lag es nicht. Es lag an der Unvernunft der Menschen. Wir haben ihnen Regeln aufgegeben, die zu ihrem Besten waren, aber immer wieder haben sie die über den Haufen geworfen. Irgendwann war es zu viel. Da half es uns auch nichts, dass wir Götter sind. Gegen die Unvernunft der Menschen sind wir machtlos.“

„Waren.“

„Bitte?“

„Wenn du in der Vergangenheit sprichst, heißt es waren wir machtlos, nicht sind wir machtlos.“

„Bis vor ein paar Tagen hätte ich das auch noch so gesehen, aber jetzt weiß ich, dass wir es sind.“

„Warum? Das musst du mir erklären. Hast du denn die Krankheit des Wetters aus dem Fokus verloren.“

„Nein, das habe ich nicht, ich bin nur zu einer anderen Einschätzung gekommen, was seine Krankheit angeht. Ich habe erkannt, dass das Wetter selbst unter einem Novemberblues leidet, von dem es glaubte, dass er nur Menschen ereilen könne. Mittlerweile weiß ich, wie der Virus dieses Blues auf das Wetter überspringen konnte.“

„Aha, ein Blues. Und wie?“

„Über die Unvernunft der Menschen.“

„Wie bitte? Über die Unvernunft der Menschen? Dann haben wir Götter mit dem Wetter ja mehr gemeinsam, als wir dachten.“

„So ist es. Das Wetter hat alles, in seiner Macht stehende getan, um das Verhalten der Menschen zurück auf die richtige Spur zu bekommen. Nichts hat funktioniert. Es hat Täler überflutet, Häuser weggeschwemmt und Brücken einstürzen lassen. Es ließ Wüsten wachsen, zog das Grundwasser ab und versengte die Ernten. Es blies ganze Wälder um und setzte den Schneefall in den Bergen aus. Nichts von dem, was das Wetter den Menschen damit vermitteln wollte, haben sie verstanden. Sie haben nichts besser gemacht, sondern machen alles immer schlechter. Die Menschen sind es, die verrückt geworden sind.“

„Und daran ist das Wetter verzweifelt.“

„Genauso ist es. Es fragte sich, wie es möglich sein kann, dass die Menschen, die vermeidlich intelligentesten Lebewesen auf der Erde, alles daransetzen, um sich selbst zu vernichten.“

„Und weil das Wetter von niemandem eine Antwort bekam, begann es mit sich selbst zu reden.“

„Auch das ist richtig, liebste Hera. Nur verlor das Wetter irgendwann die Kontrolle über seine Selbstgespräche und verfiel mehr und mehr in Streit mit sich selbst.“

„Und was sagt dieser Freud dazu?“

„Schizophrenie dritten Grades, unschön aber für das Umfeld harmlos. Für den Betroffenen jedoch nicht. In den meisten Fällen endet sie früher oder später im Wahnsinn.“

„Was bedeutet das dann für das Wetter?“

„Nichts Gutes, aber es hat noch eine letzte Strategie.“

„Eine letzte Strategie? Das ist interessant. Welche?“

„Es hat sich angefangen seine Kräfte zu bündeln. Seine punktuellen Kapriolen sind nur noch Ablenkung, damit die Menschen nicht merken, dass etwas Größeres im Anmarsch ist.“

„Das heißt, das Wetter hat die Menschen aufgegeben.“

„Ja und nein. Eigentlich haben die Menschen sich selbst aufgegeben, das Wetter hat nur akzeptiert, dass es so ist. Und es hat sich einen mächtigen Verbündeten an die Seite geholt, um seine Strategie schneller umsetzen zu können.“

„Wer ist das? Und was will das Wetter tun?“

„Die Natur. Gemeinsam haben sie eine Katastrophe geplant. Eine Sintflut, wie die Welt sie noch nie gesehen hat. Um vieles größer als jene, die in der Bibel beschrieben wird.“

„Dann können wir uns ja danken, dass wir hier auf den Jupiter gezogen sind. Der Olymp wird wohl mit untergehen, oder?“

„So wird es sein. Aber sei bitte mal kurz leise. Ich glaube, das Wetter spricht gerade wieder mit sich selbst.“

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Einen Augenblick lang bleibt es still, aber dann kann auch Hera hören, was sich das Wetter zu sagen hat.

„Du bist so hartnäckig. Ich versteh das langsam nicht mehr. Was ist mit euch Papyranten eigentlich los?“

„Wir sind nicht hartnäckig, wir haben einfach nur Recht. Was ist daran verkehrt, im November das Thema Wetter in eine Schreibrunde einzubringen? Schau dir doch mal die Beiträge an. Den meisten Teilnehmern gefällt das Thema.“

„Nochmal wiederhole ich das nicht. Du kapierst es eh nicht. Du glaubst doch immer noch, dass ein Novemberblues ein Hit aus New Orleans ist. Dabei habe ich ihn kreiert, ich alleine.“

„Nein, sowas glaube ich nicht.“

„Dann macht doch, was ihr wollt, aber lasst mich damit in Ruhe. Ich bin raus.“

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Das Tal

Nichts als Tod. Ausgetrocknete Wiesen, ausgehungertes Vieh, ächzend unter der sengenden Sonne. Seit Wochen, Monaten gar. Der Fluss führt längst kein Wasser mehr, das Bett nicht mehr als Risse im Matsch. Fische? Nein. Noch einige Wochen mehr und auch das letzte Leben an diesem abgeschiedenen Ort ist verdorrt. Die Menschen dort unten bereiten sich darauf vor, ihn schweren Herzens zu verlassen. Jahrelange Heimat, nun unbewohnbar.
Es beginnt als ein einzelner Tropfen. Unscheinbar fällt er auf gierigen Boden. Nicht mehr als ein wortwörtlicher Tropfen auf dem heißen Stein. Sofort verdunstend und den Ort noch dürstender zurücklassend. Ein bisschen Hoffnung, flüchtig und schnell wieder fort.
Die Sonne verschwindet hinter grauem Vorhang. Augen wenden sich zum Himmel auf, seit langem zum ersten Mal nicht gegen das gleißende Licht blinzelnd. Kühlende Schatten legen sich über das Land, ein erster Hauch der Erlösung.
Schlagartig brechen die Schleusentore. Grollend senkt sich die Flut über das Land, ein Rauschen wie von tausend Schritten trifft auf einen erleichterten Seufzer. Es dauert ein wenig, der Boden muss sich erst überzeugen lassen, dass es real ist. Dann beginnt er zu trinken. Gierig, so viel er in kurzer Zeit bekommen kann. Nach so langer Abstinenz bekommt er nur wenig herunter, doch es haucht ihm neues Leben ein.
Einige Tage an diesem Ort. Viel zu viel, hätten früher diejenigen gesagt, die nun durch Matsch waten. Doch heute ist dort ein Lächeln im verdreckten Gesicht. Ihre Bottiche sind gefüllt, der Fluss spült Matsch in seinen Strömen mit sich. Es wird ein wenig dauern, bis er wieder klar ist, doch für den Moment können sie warten.
Ich werde wiederkommen. Diesmal lasse ich mir nicht so viel Zeit. So lange warten, diesen erleichterten Seufzer zu hören, dieses Lächeln zu sehen kann ich nicht noch einmal.

Urlaubsvertretung

„Tantchen, du kannst ganz unbesorgt ihn in den Urlaub fahren“, erzählte Jakob seiner Tante stolz. „Ich komme hier wunderbar alleine zurecht.“
„Bist du dir da auch wirklich sicher, Jakob?“, fragte seine Tante argwöhnisch.
„Stell bloß kein Unsinn an, Freundchen. Das hier ist eine sehr ernste Angelegenheit.“
„Ach, das schaffe ich schon mit Links. Ist doch ein Kinderspiel. Du machst es tagtäglich. So schwer kann es nun mal nicht sein einen Haushalt zu führen.“, sagte Jakob, „Tantchen, du kannst kannst entspannt fahren… Ich wupp das schon.“
„Na schön… Aber wohl ist mir bei der Sache nicht“, murmelte besorgt seine Tante.
„Fahr ruhig mit deinen Mädels auf deinen wohlverdienten Wellnesstripp.“, ermutigte Jakob sie.
„Was soll denn schon schlimmes passieren…“

Voller Vorfreude machte sich Jakob an die Arbeit.

„Oh Shit“, fluchte Jakob vor sich her, als er beim Fenster putzen die Scheibe demoliert hat.
„So ein Mist… Bei Tantchen sieht das immer so easy aus. Naja schnell weiter machen, wird schon keiner merken.“, beschloss Jakob.
„Oh neee… Jetzt ist mir auch noch der Wassereimer aus dem Fenster geflogen… Hoppla“
Während Jakob verträumt die Bettdecken ausschüttet, hört er mit einem Ohr die Nachrichten an.
„Sehr verehrte Damen und Herren, uns erreichen immer mehr Videos und Beträge von verzweifelten Australier, die versuchen mit der plötzlichen aufgetreten Hitzewelle Herr zu werden. Sämtliche Wälder stehen schon in Flammen und verbrennen Australien.“
„Oh die armen Menschen in Australien. Ist schon sehr schlimm, dass Wetter heutzutage“, sprach Jakob vor sich hin und schüttelte weiter fleißig seine Bettdecken aus, als er auch noch die Bettdecke fallen ließ.
„So eine Scheiße. Jetzt ist mir die Decke auch noch runter gefallen. Was soll´s“, schulterzuckend ging Jakob an die nächste Arbeit.
„Sehr geehrte Damen und Herren, das Wetter spielt aktuell extrem verrückt. Neben den katastrophalen Waldbränden in Australien, kommen starke schwallartige Monsune im Regenwald nieder. So etwas habe ich noch nie erlebt“, vermeldete der Nachrichtensprecher.

„JAKOB, du Tollpatsch, wo steckst du nur!“, schrie seine Tante aufgebracht durch das Haus. „Bist du von allen guten Geistern verlassen!“, kreischte sie und fand Jakob föhnend im Badezimmer vor.
„Huch Tantchen, was willst du denn hier?“, frage Jakob verblüfft.
„Hast du eigentlich eine Ahnung, was du angestellt hast?“, fragte seine Tante aufgebracht.
„Äh?.. Nein… Ich habe nur dein Haus geputzt, so wie du es auch immer machst.“
„Ja du Idiot… aber ich passe besser auf… Die ganze Welt steht Kopf. In Alaska liegen Unmengen von Schnee, weil du die Bettdecke hast fallen lassen. Ganz zu Schweigen von dem Wirbelsturm der über Amerika hinwegfegt.“, motzte seine Tante.

„Du bist so ein Tollpatsch!“, sagte Frau Holle zu ihrem Neffen Jakob.

Zauberei

Hallo, mein Name ist Elsa und ich bin die wahre Schneekönigin schlecht hin. Ich bin die Queen der Naturgewalten. Weder Thor mit seinem Donner und Blitzen oder Rainy mit seinen Regentropfen, noch Stürmchen mit seinem Wind, können mir das Wasser reichen.
Denn ich, als Schneekönigin, bin etwas ganz besonderes.
Mich gibt es in verschiedenen Formen, aber lest es selbst…

„Es schneit! Sieh nur Max, es schneit wirklich!“
Völlig aufgeregt stand die kleine Lisa vorm Fenster und wedelte mit ihren Armen durch die Luft.
„Du Dummi“, seufzte Max genervt. „Wir sind hier in Miami, bei uns schneit es nicht.“
Genervt wendete sich Max wieder seinem Buch zu. Denn er hat schon so oft versucht, seiner kleinen Schwester klar zu machen, dass es im Winter in Miami nicht schneit.
Dabei vermisste er denn Schnee so sehr. Der Winter war in Deutschland seine liebste Jahreszeit. Aber seit dem seine Familie nach Amerika ausgewandert ist, schneit es nicht mehr.
„Max schaut doch endlich mal“, ruft Lisa, „Es schneit wirklich.“
„Sofort“, brummte Max. „Ich will nur noch meine Seite zu Ende lesen, es ist gerade so spannend.“
„Dein Buch über Jack Frost?“, fragte Lisa empört.
„Sieh doch nur, der Schneezauber ist viel spannender.“, kreischte Lisa nun.
„Schau es dir endlich an!“ Langsam wurde Lisa richtig wütend und stampfte mit ihren Füßen auf den Boden.
Als Max aus dem Fenster blickte, sah er nur die strahlende Sonne und den blauen Himmel. Von Schneeflocken war weit und breit nichts zu sehen.
„Lisa du nervst“, schimpfte Max frustriert. „Die Sonne scheint. Wie soll es da denn schneien, du Dummi.“
Lisa verdrehte die Augen und ging auf Max zu.
„Na, wenn du nicht zum Schnee kommen willst, dann bringe ich dir den Schnee eben zu dir“, murmelte Lisa.
Völlig gebannt schaute Lisa auf ihre kleine Schneekugel und brachte sie vorsichtig zu Max.
Die Fenster der klitzekleinen Schneekugelstadt waren alle hell erleuchtet und als Lisa die Schneekugel schüttelte, schneite es wirklich.
Ganz zart und leise fielen die Flocken auf die Stadt nieder.
„Sieh nur Max. Es schneit!“, sagte Lisa mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
„Ich weiß doch wie sehr du den Schnee vermisst. Mit meiner Schneekugel hast du zu jeder Zeit deinen Schnee bei dir“, erzählte Lisa und überreichte Max ihre Schneekugel.

Völlig begeistert vom Schneezauber, bemerkten die beiden Kindern nicht, dass es nun auch draußen vor ihrem Fenster die ersten leisen Schneeflocken ihren Weg nach Miami gefunden haben.

„Elsa!! Wach auf!!“, schrie Thor. „Du lässt es jetzt in Miami schneien. Du bist viel zu gefühlsduselig.“

Die Wette

Flach wie ein Handtuch breitet sich das Meer hin, ich räkle mich faul obendrauf und betrachte ein kleines Boot, das regungslos auf der spiegelglatten See ruht. Die Segel hängen herab wie ein alter Mantel. Drei Tage schaue ich mir das schon geduldig an, Menschenmann und Menschenfrau in ihrer Jolle. Es können auch fünf Tage werden oder sieben. Hauptsache, ich gewinne meine Wette. Nein, ihr Boot hat keinen Motor, die Menschlein sind mir ausgeliefert. In ihre Lungen ströme ich und lasse mich ausblasen. Das ist einzige Wind, der hier entsteht, ansonsten bin ich nur Luft, Pardon.

Er reckt verzweifelt den angeleckten Finger empor, sucht nach einer Brise. Schwester Sonne tupft ihm die Spucke von der Haut, ich halte mich da raus.

Die Frau seufzt mich aus ihrer trockenen Kehle. »Wir haben bald kein Wasser mehr.« Schwester Wasser rinnt zur Bestätigung als Träne über ihre Haut.

»Es war guter Wind vorhergesagt«, wiederholt er zum hundertsten Mal. Was kümmert mich das? Ich bin die Luft, ich bin der Wind, der Sturm. Ich bin die Herrscherin der Gezeiten, kleiner Mensch. Deine Wettervorhersage ist mir schnuppe.

»Wie lange willst du noch warten, bald sind sie vertrocknet«, gluckert Schwester Wasser.

»Du willst doch nur gewinnen«, säusle ich.

Ich merke auf, der Mann, er holt mich, er saugt mich tief in seine Lungen, nimmt die Hände der Frau.

Ich könnte mich selbst anhalten vor Aufregung. Es ist so weit.

Er hustet, er räuspert sich, sie fragt leise: »Was ist?«

Schwester Sonne kitzelt seine Wangen, will ihn zum Niesen bringen, unfair, doch dann fasst er sich.

»Wenn wir wieder an Land kommen. Ganz sicher kommen wir das. Heiraten wir dann?«

»Du wolltest doch nie …«

»Jetzt doch.«

Ich halte es nicht mehr aus. Gewonnen, gewonnen. Ich fahre in die Segel, blähe sie auf, das Boot ruckt und nimmt Fahrt auf. Ich pfeife übers Wasser, habe ich es nicht gesagt? Ich schaffe es, ich bringe ihn zum Fragen.

Über den Wolken

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“.

Irgendwann, als ich noch ganz klein war, habe ich dieses Menschenlied einmal gehört. Es gefiel mir sehr und hat mich nicht mehr losgelassen. Seit ich eine kleine Brise war, von den Menschen als sanft bezeichnet, pfeife ich es jeden Tag.

Ich wurde eine größere Brise, die Menschen nannten mich steif, obwohl ich gar keine Knochen habe, die wie bei den Menschen verkalken könnten. Einigen da unten wurde sogar kalt, wenn sie mich bemerkten. In meiner Jugend fühlte ich mich schon richtig stark. Das brauchte mir niemand mehr zu erklären; ich konnte es am Stolz meiner Eltern und auch an den vielen Bäumen erkennen, die sich vor mir verneigten. Ich fand das durchaus angemessen, schließlich half ich im Herbst den Obstbäumen ihre Last loszuwerden. Es waren aber nicht alle meiner Meinung, und das hat mich wütend gemacht. Ich wollte von dem Zeitpunkt an nur noch wachsen.

Gestern habe ich einen gewaltigen Entwicklungsschritt gemacht. Ich habe, wie immer mein Lieblingslied vor mich hin pfeifend, den Morgen als „Schwerer Sturm“ begonnen, bin über die Nordsee gezogen und habe als Orkan die Wellen an die Küste getrieben. Das hat einen richtig großen Lärm gemacht, einige Deiche sehen nicht mehr so aus, als könnten sie sich mir und dem Wasser noch einmal schadlos entgegenstellen.

Meine Eltern und alle Freunde sind jetzt sehr stolz auf mich. In den Menschenzeitungen haben sie die nächtliche Flut nach mir benannt. Jetzt bin ich nicht mehr wütend.

Sturmvater

„Warum bist Du so zornig?“, brüllt Malena dem Meer zugewandt. Sie kauert zusammen mit ihrer kleinen Tochter hinter einem Steinwall, hoch oben auf der Steilküste. „Hör auf damit! Lass uns in Ruhe!“, ihre Tränen entreiße ich ihrem Gesicht. Zehn Meter unter ihnen in Richtung des Dorfes wird der winzige Fischereihafen von riesigen Brechern überspült. Die Boote sind ein Spielball meiner verheerenden Wucht. Die Fischerhütten verteile ich in Einzelteilen im Hinterland.

„Die Menschheit bildet sich ein, diesen Planeten zu besitzen, ihn zu beherrschen“, grolle ich in ihrem Kopf. Sie scheint sich nicht zu fürchten. Nicht so, wie vor dem schrecklich heulenden Pfeifen, das entsteht, wenn ich an scharfen Kanten vorbeirase. „Bist Du der Sturmvater? Opa hat mir Geschichten von Dir erzählt.“, fragt die Frau. Sturmvater! Ich kenne die Legenden über das Wesen, das alles auf den Ozeanen und an der Küste heimsucht und Unheil anrichtet. So war es schon immer bei den Menschen. Stets erfinden sie jemanden, um einen Schuldigen für ihre eigenen Untaten zu haben.

„Warum machst Du alles kaputt? Es gehört Dir nicht.“, Malena reißt mich aus meinen Gedanken. „ICH mache alles kaputt?“, bricht es lachend aus mir heraus. Gewaltiger als gewollt. „Was gehört mir nicht? Der Wind, Blitz und Donner, die See oder das Land?“, antworte ich etwas bedachter. „Du hast Recht, sie gehören niemandem. Und doch allen. Niemand hat das Recht, alles zu zerstören. Und doch tut ihr es.“, bei der Gewissheit an all die Vernichtung auf diesem Planeten brause ich ungewollt wieder auf.

„Aber was haben wir Dir denn getan?“, ihr Blick wandert suchend über die Stelle, wo vorher die Boote lagen. „Ihr betrachtet stets nur die kleinen Dinge um Euch herum und lasst dabei die großen Zusammenhänge außer acht.“. Sie scheint mich nicht zu verstehen. „Nach vielen tausend Jahren der Entwicklung hat die Menschheit schließlich Wege gefunden uns Naturgewalten zu beeinflussen. Allerdings nicht in Eurem Sinne. Ihr könnt die Abläufe nicht derart steuern, um Eurer grenzenlosen Gier zu dienen. Seid unfähig einen Lebensraum zu schaffen oder zu erhalten, ohne einen anderen zu zerstören. Und dennoch wird es für einen kleinen Teil von sogenannten Privilegierten immer wieder gemacht. Das einzige Ergebnis Eures rücksichtslosen Wirkens ist, dass Ihr Euch selbst die Lebensgrundlage entzieht. In der Erkenntnis, dass es zu spät oder zu anstrengend ist, eine Kehrtwende der Zerstörung einzuleiten, forscht Ihr lieber an der Möglichkeit, den sterbenden Planeten zu verlassen.“, lache ich erneut.

„Obwohl Du mit Deinem Zorn alles niederreißt, belustigen Dich doch unsere Taten?“, Malena scheint irritiert. „Den Planeten werdet Ihr nicht zerstören können. Doch vernichtet ihr jegliches Leben auf dieser Welt und schont Euch selbst nicht dabei. Bis niemand mehr übrig sein wird. Und wenn Jahrtausende später Mutter Natur sich wieder in Balance gebracht hat und die Menschheit längst vergessen ist, dann ist es wieder so wie es sein soll.“, brumme ich sanftmütig.

„Wenn wir Euch Naturgewalten nicht beherrschen können, warum entfesselst Du dann selbst solche Zerstörung?“, fragend hat sie ihren Blick in den Himmel gerichtet. „Ich folge lediglich den Naturgesetzen. Wir alle müssen ihnen folgen. Versteht die Anzeichen überall auf der Welt als letzte Botschaft. Es darf nicht so weiter gehen. Sonst habt Ihr Euch bald selbst ausgetrickst, Ihr ach so einfallsreichen Menschen.“, warnend ziehe ich mich zurück in größere Höhen und lasse auf der Erde vorerst Ruhe einkehren.

Malena nimmt ihre Tochter an die Hand. „Komm schnell, wir müssen sofort handeln und alle anderen warnen“. Das kleine Mädchen nickt ihrer Mutter zu und schaut grimmig auf das tosende Meer. Greta hat verstanden!

Zwei Liebende

Unten fahren zwei Verliebte Schlittschuhe auf dem zugefrorenen Dorfsee.Zauberhaft lasse ich ein paar große weiche Flocken fallen. Zärtlich nimmt er sie jetzt in seine Arme. Vor lauter Rührung fängt mein Schnee langsam an zu schmelzen. Als profane Regenwolke möchte ich nicht enden, ich muß höher hinauf. Vorher lasse ich noch eine große Schneeflocke - die schönste die ich habe - auf ihrer bezaubernden Nasenspitze fallen, die er sofort zärtlich beiseite wischt. Mir wird ganz warm dabei. Ich muß noch höher hinauf. Schade, damit verliere ich die beiden aus meinem Blick. Jetzt möchte ich auch eine hübsche wunderbar weiße Schneewolke umarmen…

Monsterschiff am Horizont

»Passt alle auf, da kommt schon wieder eines!«
»Warum brüllst du so, kleine Welle?«, fragte der warme Südwind, gelassen über die Meeresoberfläche schlendernd.
»Da ist ein Schiff am Horizont!«
»Na, und?«
»Das verstehst du nicht.«
»Dann erzähle es mir, damit ich es verstehe«, säuselte der Wind und weil mir sonst doch niemand zuhörte, platzte das ganze Leid aus mir heraus:

»Warum? Weil diese Dinger Monster sind und keiner was dagegen tut. Bereits beim Anblick einer Mastspitze vor der Sonne oder eines Schornsteins, der zwischen Wolken über die Erdrundung schielt, glitzere ich nervös hin und her. Denn es ist mir früher bereits passiert. Dieser Schmerz, als einst ein scharfer Bug mich zerteilte! Meine andere Hälfte verschwand im panischen Gedränge, seitdem lebe ich ein halbiertes Dasein. Ob ich als Viertel meiner selbst auch noch existieren könnte? Ich will es nicht erfahren. Das hat keine von uns verdient. Wir müssen uns wehren!«

Meine Schwestern tänzelten, kräuselten, hüpften milliardenfach um mich herum, eine jede in ihrem eigenen Spiel, sahen sie die Gefahr nicht? Warum ignorierten sie mein warnendes Plätschern?
Ich drängte mich hektisch gegen die nächsten Nachbarinnen, dehnte mich aus, soweit meine Oberflächenspannung reichte, und rief dem Wind zu: »Ja, es gelingt, sie öffnen sich, wir verschmelzen!«

Zu dritt vereint bäumten wir uns auf, ein kleiner Gischtkamm entstand, kräuselte kurz planlos auf uns herum und brach in sich zusammen.
»Puh«, jammerte eine Schwester mit meiner Stimme, mitten aus mir heraus und ich spürte, wie ihre Tropfen sich von meinen lösten. Neben mich geflossen, erklärte sie wieder im eigenen Tonfall: »Mehr schaffen wir doch nicht.«
»Das ist mir auch zu anstrengend«, meinte die Zweite, dümpelte unauffällig seitlich aus mir heraus und davon.
Sie hinterließ eine tieftraurige Leere in meiner ohnehin schon halbierten Seele.

»Es gibt Gerüchte, anderen sei es gelungen. Sie sollen sogar, mit Millionen ihrer selbst verschmolzen, nicht nur Schiffe versenkt, sondern ganze Uferstädte verwüstet haben. Doch meine Schwestern verstehen nicht, dass wir gemeinsam stark sein könnten. Ich kriege nicht mal drei zusammen. Sie glauben, das sei Seemannsgarn«, erklärte ich.

Nachdenklich schüttelte der Südwind ein paar winzige Wolkenfetzen am strahlend blauen Himmel.
»Da kann ich dir heute leider nicht helfen. Ich bin viel zu nett. Aber ich werde meinen wilden Bruder fragen, den Nordweststurm. Wenn er deine Schwestern zusammentreibt, rennen sie gewiss begeistert ineinander und wachsen über sich selbst hinaus. Glaub mir, beim nächsten Schiff wird alles anders.«

Die Gefahr am Horizont hatte unbemerkt von uns beiden ihren Kurs geändert und war hinter irgendeinem Rand der Erdkugel verschwunden. Für diesmal ging es glimpflich aus. Erleichtert reihte ich mich in den Reigen der anderen ein und entspannte unter dem Streicheln des warmen Lufthauches.

Der Südwind hatte nicht zu viel versprochen. Zwei Tage später, pünktlich als der nächste Schiffsaufbau drohend über den Horizont kroch, kam eine steife Brise auf und verkündete den nahenden Auftritt des berüchtigten Sturmes aus Nordwest.
Mir wuchs vor Aufregung ein modisches Wellenkämmchen, kurz bewunderte ich mein ungewohntes Aussehen in der Wasserspiegelung und dann war er da.

Die aus dem Norden machen ja nie viele Worte, der Sturm erfasste uns ohne Gruß oder Fragen von einer Sekunde zur anderen. Meine unzähligen Schwestern hüpften begeistert auf und ab, drückten sich gegeneinander und flossen zusammen wie ein Bienenschwarm, der aus vielen Kleinen ein neues Ganzes formt. Meine Ohnmacht wandelte sich zu unbändiger Macht. Nähere und fernere Wellen gesellten sich von außen hinzu und pressten von unten herauf. Ich fühlte meine einzelnen Tropfen nicht mehr, wir wurden eins und wuchsen. Einen Meter. Acht Meter. Zehn Meter. Zwanzig Meter? Als Welle bin ich noch schlechter im Schätzen von Metern als so mancher Schiffer in seinen Anekdoten. Was jener unglückliche Kapitän, der geradewegs auf uns zusteuerte, wohl in diesem Moment schätzte?

Meine Schwestern hoben mich in den Himmel, fast zwischen die Wolken, ich konnte dem Nordwester direkt ins Sturmauge sehen und er zwinkerte mir zu. Ganz oben vom Kamm, just während wir donnernd und brausend über dem Schiff einbrachen um es zu verschlucken, jubelte mein leises Stimmchen: »Yeah! Ich bin die Monsterwelle!«

Dummerweise flutschte ich im Übereifer durch einen sich vom Druck schließenden Türspalt in die Schiffskabine und ging in jener Wassermasse auf, die auf ewig im Wrack herumwabern würde. Ich wurde nie wieder eine Welle. Nicht mal ein Viertel davon.
Der Südwind strich jahrhundertelang vergeblich freundlich suchend übers Meer, um mich zu fragen, ob alles geklappt hatte.

Zeus

Nachdenklich runzelt der Fulgurator seine Stirn. Rätselt, ob mein Verhalten Drohung – Verheißung oder Warnung ausdrückt.
Ha! Diese Menschen sind so unterhaltsam.
Einige besonders vorwitzige Exemplare kommentieren das rollende, rumpelnde Geräusch, das auf ihre sonst so tauben Ohren trifft: „Die Götter scheiben im Himmel ihre Kegel.“
Nein. Ein Spiel ist es nicht. Und die anderen sogenannten Götter haben mit meinem Wirken nicht das Geringste zu tun. Ich alleine bin dafür verantwortlich. Deshalb hütet euch davor, meinen Namen laut auszusprechen. Echte Krieger wissen, über welche Kraft ich verfüge. Ehrfürchtig entzünden sie vor dem Kampf ein Feuer. Laufen mit bloßen Füßen über die Glut.
„Macht mir keine Schande, nicht im Kampf und nicht im Leben“, will ich ihnen zurufen.
Virtuos schleudere ich mein denkendes Feuer durch die Luft. Erfreue mich am Anblick des gezackten Lichtstrahls. Meine Waffen sind viermal so heiß wie die Sonne. In einem Atemzug könnte ich sie einmal um die Erde rasen lassen. Selbst Sand schmilzt unter der Macht meiner Blitze. Schockiert explodiert die Luft ringsum in alle Richtungen und erzeugt eine enorme Druckwelle. Erst wenn sie die Schallmauer durchbricht, erreicht das laute Grollen das Gehör dieser kosmischen Flöhe.
Gekonnt richte ich es ein, dass einer von zehn Blitzen am Boden einschlägt. So verschafft man sich Ehrfurcht. Weicht den Eichen! Geht auf die Knie, versteckt euch in euren Häusern und Blechkisten.
Meine Macht ist grenzenlos. Nur ich verstehe, dass das Universum nie entstanden ist und niemals enden wird und was es zusammenhält. Niemand kann mir das Wasser reichen. Der Mensch ist wie das Universum eine Maschine. Und ich bin der allmächtige Herrscher.

Was mein ist, ist mein

Ich stehe an der großen Fensterfront in einem der oberen Stockwerke des Gebäudes und blicke nach unten. Eine Gruppe von Menschen verlässt das Safe-Haus, ich sehe sie genau, in wetterfeste Mäntel gehüllt und mit Sauerstoffmasken ausgestattet. Wut kocht in mir hoch. Eine Gluthitze schlägt ihnen entgegen, beißender Wüstenwind zerrt an ihrer Kleidung und beschlägt ihre Schutzbrillen mit Sandkörnern. Ich weiß, wer sich unter den Trenchcoats aus Gabardine verbirgt: Es ist mein Harem, der sich unerlaubt aus der Stadt zu schleichen versucht.
Ein lautes Donnergrollen und eine dunkle Wolkenfront kündigen meinen nahenden Zorn an. Ein Blitz schlägt in das Dach des Glockenturms ein, Ziegelsplitter krachen auf den Asphalt. Ich hatte meine Frauen für klüger gehalten. Ich bin zwar nur der Wettergott, aber meine Kräfte sind nicht zu unterschätzen. Ich drückte mit aller Gewalt eine Wüstendüne nach der anderen in die Stadt, um ihnen die Fluchtrouten zu versperren.
Meine Musen öffnen ein Tor, fahren ein Automobil heraus und quetschen sich hinein. Sie düsen los. Auf der Hauptstraße ist eine Woge aus sich näherndem Sand in Sichtweite. Die Frau am Steuer weicht auf eine Nebenstraße aus. Die Windschutzscheibe ist von den Körnern verklebt und sie streifen eine Laterne. Funken sprühen, aber der Karren schlingert um die nächste Kurve.
Es schmerzt mich, mit wie viel Mut sie mir zu entkommen versuchen und doch macht es mich ein wenig stolz. Es ist ein süffisanter Gedanke, dass sie mich so fürchten. Dennoch verschwimmt mein Blick vor Kummer und gleichsam mit mir fängt der Himmel an zu weinen. Regentropfen prasseln auf die sandigen Straßen nieder und verwandeln sie in ein schlammiges Gelände, in dem es für die Reifen bald kein vor oder zurück mehr gibt.
Blitze krachen wie ein Trommelfeuer auf die Dächer der Stadt nieder, sprengen ganze Hausfassaden in Stücke. Unmengen von Wasser fällt auf den Quadratmeter. Die Kanäle sind dem Andrang nicht gewachsen und schon bald sind die Straßen überflutet. Die Damen entkommen dem Wagen, bevor ihn die Flut davon spült, und retten sich durch die Fassade einer Ladenfront, die eine von ihnen beherzt mit einem der heruntergefallenen Dachziegel einschlägt.
Der Pegel in der Stadt steigt und erreicht das obere Stockwerk, doch sie geben nicht auf und schieben ein Schlauchboot durch die Ladenfront. Sie drängen sich hinein, lösen das strapazierte Tau und werden auf eine Wildwasserfahrt durch die Stadt geschickt. Ich sorge mich, dass eine von ihnen ertrinken könnte. Mir wird eiskalt bei dem Gedanken und schlagartig sinkt die Temperatur in der Umgebung. Die Regentropfen werden zu Schneeflocken, das Wasser in den Straßen erstarrt zu Eis. Im Nuh sitzen sie mit dem Boot fest.
Dichter Dunst wabert mit der Abenddämmerung auf, Ausdruck meines Zweifels. Taschenlampen leuchten durch den Nebel, eine leuchtet ungewöhnlich hell. Offenbar haben sie eine Sturmlaterne dabei. Sie sind vorbereitet, allesamt schlaue Biester, womöglich lassen sie ja doch mit sich reden. Es erscheint mir wie ein Hoffnungsschimmer. Das Licht erleichtert mir, ihre Position auszumachen und meine Entscheidung.
Ich schicke die vier Winde los: Oreas kommt von Norden, beißt die erste von ihnen in den Nacken und wirbelt sie haarscharf an der zerborstenen Laterne vorbei zurück zur Eingangstür des Safe-Hauses. Euros tritt rasch aus einer Gasse im Osten, schmiegt sich heiß und warm an die zweite, so dass sie von der Hitze ohnmächtig in seine Arme sinkt. Notos, schlüpft aus dem Süden geradewegs unter den Trenchcoat und in die Unterwäsche der dritten, feuchtwarm macht er es gemütlich und zwingt ihren Körper, sich heimwärts zu wenden. Zephyros, empfängt die letzte von ihnen im Westen, die den anderen resigniert folgt, und flüstert ihr milde und aufmunternde Worte ins Ohr.
Ich werde sie liebevoll empfangen.

Blättertanz

Jedes Jahr zur gleichen Zeit werde ich wehmütig. Wir klatschen uns ab, er und ich. Ich liebe meinen Job, er seinen nicht. Ich zupfe nur an Mützen, lupfe mal das ein oder andere Trampolin. Indian Summer nennt mich der eine, Herbststurm der andere. Dabei bin ich nur ein Lüftchen. Ein Lüftchen, das Blätter tanzen lässt. Aber er, er frostet ohne Rücksicht auf Verluste. Er raubt. Er tötet. Er beerdigt. Ohnmächtig stehe ich daneben und hoffe, dass er irgendwann begreift, dass Vertrauen auch nur ein Anagramm von Liebe ist.

Erlösung

Ich beobachte das gewaltige Musikfestival am Fuß des Berges. Die Sonne brennt erbarmungslos auf die Teilnehmer herunter. Nachdem schon einige Leute wegen der Hitze kollabiert sind, haben die Veranstalter begonnen, den Zuschauerraum zu beregnen - doch die mickrigen Gartenschläuche sind nicht genug. Ein leichter Wind kommt auf und schiebt mich in die richtige Richtung. Nach einer Weile bin ich angekommen, ich, die gewaltige Regenfront. Ich schaffe es, genau im richtigen Moment meine Schleusen zu öffnen. Eine Unmenge riesiger Regentropfen prasselt auf die Teilnehmer herab, die die ersehnte Abkühlung feiern …

Nur ein Tropfen

Ach, ist es nicht herrlich, eine Wolke zu sein? Ich ziehe durch die Luft, blicke nach unten auf die Erde. Und die Leute schauen zu mir auf.
Ohne mich wäre der Himmel am Sommertag durchgehend blau – und langweilig. Vielleicht braue ich mich mit meinen Freunden zu einem Gewittersturm zusammen? Dann ruiniere ich den Leuten ihr Grillfest oder den Kindergeburtstag im Garten. Mal sehen, worauf ich Lust habe.

„Heute wird unser Spatz schon 1 Jahr alt“, sagt die Mutter und wiegt das Kind in ihrem Arm. „Nachher kommen Oma und Opa zu deiner Geburtstagsfeier“, redet sie auf das Kind ein, das kein Wort versteht. Es lächelt trotzdem – kann ja nicht schaden.
Der Vater dreht unterdessen besorgte Kreise auf der Terrasse. „Regen zieht auf“, unkt er beim Blick gen Himmel.

„Da drüben ist eine Siedlung, da ziehe ich hin“, denke ich mir und mache mich auf den Weg. Aber der Wind lässt nach, der mich schiebt. Ich muss mich strecken, um voranzukommen.

„Tagchen, Kleiner!“, begrüßt der soeben eingetroffene Opa zusammen mit der Oma seinen Enkel. Der lacht. Opa hat keine Haare mehr. Das ist praktisch, dann muss er sich nicht kämmen. Immer dieses Ziepen, wenn Mama oder Papa morgens die Babyfrisur bändigen wollen.
Der Vater, der immer noch auf der Terrasse kreist, wendet kurz den Blick vom Himmel ab und setzt dann seinen Nachwuchs in den Kinderstuhl.
„So, jetzt kannst du deine Geburtstagstafel bestaunen“, frohlockt die Mutter und zieht zum dritten Mal die Tischdecke straff.
Der Tisch steht auf der Terrasse und ist reich gedeckt. In der Mitte thront ein Kuchen und darauf eine einzelne Kerze.
„Wollen wir nicht zur Sicherheit doch nach drinnen …?“, sorgt sich der Vater.
„Nein, wollen wir nicht!“, entscheidet die Mutter. Resolut sein verkürzt so manche Diskussion. Ehefrauen wissen das. Stattdessen zündet sie die Kerze an.
„Soll das Kind etwa die Kerze …?“, setzt die Oma zu einer Frage an.
„Ja, es wird sie ausblasen.“
„Kein 1-Jähriger kann das. Keiner auf der Welt“, urteilt der Opa ohne Haare, aber dafür mit viel Lebenserfahrung.

Gleich bin ich da! Dort unten auf diese kleine Terrasse mit Leuten, dort werde ich meine Regenlast abladen. Verdammt, ich bin von all dem Recken und Strecken schon ziemlich dünn. Ich presse, dann werden die Tropfen gleich zur Erde prasseln. Doch nichts passiert. Ich muss mich mehr anstrengen. Ich bin schon ganz dünn. Nur 1 Tropfen, bitte!
Geschafft! Eine klitzekleine, runde Wasserkugel macht sich auf den Weg gen Erde.

„Du darfst das Kind nicht überanstrengen!“, sorgt sich die Oma, als der Kopf des Babys sich schon vom Pusten rot verfärbt. Die Kerze leuchtet unbeirrt. „Weiter!“, feuert die Mutter ihren Spross an.

Da bricht sich er Tropfen seine Bahn. Er fliegt und trifft – unbemerkt von all den Menschen – die Kerze. Sie erlischt.
Stille. Keiner der verblüfften Erwachsenen bekommt ein Wort heraus.
Nur das langsam abebbende Keuchen des Kindes ist zu hören.
Danach schallt der kollektive Jubelschrei durch die Siedlung. All die Nachbarn, die wegen des drohenden Regens schon halb auf dem Weg nach drinnen waren, recken die Köpfe.
„Was für ein Pracht-Kind!“, jubelt der Opa. „Ich wusste es doch gleich: Wenn es jemals ein Einjähriger schafft, eine Kerze auszublasen, dann du!“

Ich ziehe am Himmel entlang und bin nur noch ein Schleier. Na wartet, zum zweiten Geburtstag komme ich wieder, dann könnt ihr was erleben!

Die Düsternis eines Sturms

Das Meer war des Nachts in Finsternis gehüllt, als ich erwachte. Ein Sturm, gewaltig und unbändig. Ich wuchs allmählich heran und meine tief schwarzen Wolken glitten über das Meer, während ich Blitze entzündete um meinem Zorn Ausdruck zu verleihen.
Am Horizont sah ich ihn. Einen ahnungslosen, alten Raddampfer, der über die Wellen schipperte und sich des Reisens freute.

Ich entfesselte meine Kräfte, machte mir die Wasser zu nutze und peitschte die Wellen höher und höher. Wie eine kleine Nussschale warf ich diesen zerbrechlichen, kleinen Raddampfer hin und her. Seine Bemühungen gegen mich anzukämpfen waren so lächerlich wie auch erfolglos. Er ist wie ein Spielzeug in meinen Händen.

Mit jeder Welle die ich ihm entgegenschleuderte, wurde die Verzweiflung und Angst an Bord immer größer. Ächzen und Knarzen des Holzes verband sich mit dem Heulen des Windes der über den Raddampfer hinwegtobte. Der Captain versuchte sich aus meinem Griff zu befreien und mir zu entkommen, doch ich hielt sein Schiff umso fester umschlossen.

Schlussendlich erstickte Finsternis das Schiff, als riesige Wellen über es hereinbrachen und das Meer in es hineindrang. Ich zerfetzte die Segel und das salzgetränkte Meerwasser erstickte die Motoren des Dampfers. Die Schreie der Menschen waren nicht zu vernehmen, da mein Donner sie übertönte.

Meine Wut, einst so unbändig, wurde gebändigt als der Raddampfer mitsamt Besatzung von der See in die Tiefe gezogen wurde. Das Meer beruhigte sich und meine dunklen Wolken zogen weiter auf der Suche nach weiteren Opfern die mir anheim fallen würden.

Mit ein wenig Hilfe

Dunkelheit hat sich über die Stadt gelegt, nur durchbrochen vom Schein der Straßenlaternen. Unbesorgt ziehen die kleinen Menschen ihrer Wege, unwissend des baldigen Spektakels.

Sanft lasse ich die ersten Brisen sich ihre Wege durch die Häuserschluchten bahnen. Ich beobachte das tanzende Laub und wie es wieder sanft zu Boden gleitet. Dann ein Tropfen hier und dort. Unbeeindruckt scheinen sie davon zu sein, nur wenige beschleunigen ihre Schritte.

Ich lasse meine Blicke schweifen. Mit Freude sehe ich sie. Zwei Menschen offensichtlich an einander interessiert, doch zu schüchtern es zu zeigen. Vor Freude entfährt mit ein Blitz. Erschrocken blicken Sie nach oben. Ein wenig mehr Tropfen lasse ich ihren Weg zur Erde finden. Sie spannen ihre Schirme auf und beschleunigen ihren Gang. Immer stärker lasse ich die Winde durch die Gassen brausen. Geschickt entreiße ich ihr den Schirm. Behutsam zwängt sie sich zu ihm. Ein weiterer Blitz entfährt mir vor Freude.

Langsam und geduldig wie in ein Musikstück lasse ich es auf den Höhepunkt zu laufen. Der Regen prasselt immer kräftiger auf sie herab. Mit einer Böe entreiße ich den zweiten Schirm. Sie fangen an zu Laufen. Jetzt ist der Moment gekommen. Sintflutartig lasse ich den Regen herabstürzen. Vollends entfessele ich den Sturm. Unzählige Blitzen durchschneiden den Himmel. Ängstlich suchen sie dicht aneinander gedrängt Schutz in einem Hauseingang. Tief blicken sie einander in die Augen.

Mein Werk ist getan…

Für manche war ich ein notwendiges Übel, für manche eine Erleichterung. Ich konnte Tod und Leben bringen. Ich bemühte mich um Zweiteres, denn Ersteres ließ Schmerz und Angst in den Lebewesen zurück, und das wollte ich nicht. Nicht immer konnte ich kontrollieren, wie ich auf die Geschöpfe der Welt traf, doch ich war bestrebt darin, auf sie zu achten.

Jetzt zog ich, schwer und voll und etwas zittrig vor Anspannung am Himmel entlang. Ich spürte den wachsenden Druck in mir und wusste, dass ich mich nicht mehr lange würde halten können. Die Erde unter mir strahlte eine trockene Hitze aus, sie rief durstig nach mir und es knisterte ein wenig um mich herum. Dann spürte ich ein wellenartiges Beben und Dröhnen, das zu mir hinaufschallte. Die Schwingungen kitzelten mich und ich ließ ein paar Wassertropfen fallen, die sofort gierig vom Boden aufgesogen wurden.

Das Beben und Wummern machte mich neugierig. Ich schleppte mich träge und schwer noch ein Stückchen weiter voran und ließ mir dabei von einer warmen Windbö helfen. Dann sah ich sie. Kleine Menschen, die sich rhythmisch auf einer weitläufigen Wiese zu vibrierenden Klängen bewegten. Die Klänge schienen aus großen schwarzen Kästen zu kommen, ich spürte die Schwingungen, die mich irgendwie ansteckten. Mein Körper begann im Takt zu vibrieren und ich beeilte mich, schnell näher zu kommen.

Mein vollgesogener Körper begann dabei gefährlich zu wippen und als ich näher kam, wehte ich die Haare der Menschen durcheinander und stippte einigen feucht auf die Haut. Einzelne Menschen drehten sich zu mir um und zeigten auf mich. Manche sahen ein bisschen beunruhigt aus, aber die meisten bewegten sich einfach weiter zu den Klängen. Ich kam näher, unterwegs hatte ich bereits eine feuchte Spur auf der trockenen Erde hinterlassen.

Dann, über den Menschen, erzitterte ich so sehr unter dem Dröhnen, dass ich vor Schreck und Vergnügen unzählige kleine Wassertropfen auf die Menschen fallen ließ, die ich so mühsam zurückgehalten hatte. Dazu entfuhr mir ein tiefes Grollen. Einigen Menschen entfuhr ein Kreischen, andere wurde ganz stumm. Scham durchzuckte mich.

Dann sprangen sie plötzlich kreischend auf und nieder, drehten sich, rissen ihre Arme hoch und hielten ihre nun feuchten Gesichter in meine warmen kleinen Tröpfchen. Oh, sie mochten es?! Dann musste ich mich nicht länger zurückhalten. Ich entspannte mich, ließ alles Wasser herausregnen, das ich hatte, drückte noch ein wenig nach und wirbelte meinen erfrischendsten Wind über den Platz. Ich genoss das Kreischen und Platschen und Vibrieren. Ich genoss es, heute für die Lebewesen eine Erleichterung zu sein.