Geduld, Feingefühl und Ruhe
Ein durchdringendes, immer wieder an- und abschwellendes Pfeifen weckt mich. Der Ton scheint aus dem Raum nebenan zu kommen. Langsam wachen auch meine Gefährten auf. Es blinkt und piept leise um mich herum. Anzeigen gehen in den Wachmodus. Wir sind bereit.
Es scheppert nebenan, der Pfeifton verstummt abrupt und dann biegt er auch schon um die Ecke. Mittelgroß, mit leicht schütterem Haar und erheblichem Bauchansatz. Sein Atem verpestet innerhalb kürzester Zeit die Luft. Was findet sie nur an ihm?
Er kommt auf mich zu, rümpft missmutig die Nase und füllt grimmig meine Öffnung mit frischem Geklapper. Er zieht mich zu sich heran und fängt an, an mir zu reissen und zu ziehen.
„Scheißteil! Nun mach schon!“
Oh, wir sind heute aber wieder gut gelaunt.
„Himmelherrgottnochmal! Wieso funktioniert das denn schon wieder nicht?!?“
Ich sperre mich gegen diese rüde Behandlung. Seit er zum ersten Mal geblieben ist, lässt er jeden Morgen seine Laune an mir aus. Aber nicht heute! Mir reichts!
„Verdammt nochmal! Das alte Miststück fliegt jetzt auf den Müll!“
„Nichts fliegt hier auf den Müll! Und schon gar nicht das!“
Ah, die Dame des Hauses ist wach und schießt mit verwuschelten Haaren in den Raum. Ihre Aura verheißt nichts Gutes.
„Hör auf! So wird das nichts! Dafür braucht man Geduld, Feingefühl und Ruhe.“
„Geduld? Feingefühl? Ruhe? Weißt Du, wo um sechs Uhr morgens meine Geduld ist??? Ich brauche Kaffee, und zwar sofort!“
„Geht’s noch?!? Wie kann man in aller Herrgottsfrüh schon so eine Laune schieben?“
„ICH! BRAUCHE! KAFFEEEEEE!!!“
„Ist ja gut, lass mich mal dran.“
„Vergiss es! Das Ding hat zu funktionieren! Ich lass mich doch nicht verarschen!“
Sprachs und riss wieder an mir. Ich wende alle meine Kräfte auf und beweg mich keinen Millimeter.
„Jetzt geh endlich zur Seite und lass mich ran! Du machst sie noch kaputt!“
„Ja hoffentlich. Dann können wir endlich eine Neue kaufen!“
„Wir? Das ist immer noch MEINE Wohnung und wenn, dann kaufe ICH mir etwas Neues!“
„Ich wohne jetzt auch hier! Also kaufen WIR eine neue!“
„Wir sind seit zwei Monaten zusammen und Du schläfst hier nur ab und zu. Du bist hier nur Gast!“
„Die Wohnung ist für Dich allein viel zu groß, darum wohn ich jetzt auch hier!“
„Es reicht! Das ist die alte Kaffeemühle meiner Oma und die hat mehr Charme und Feingefühl, als Du jemals haben wirst!“
„Was machst Du da???“
„Ich schmeiße etwas Altes raus, das wolltest du doch!“
Mit einem zufriedenen Knall schließt sich die Wohnungstür hinter ihm und wir alle atmen auf. Sie kommt wieder zu mir, streicht sanft über mein altes Holz und beginnt langsam die Kurbel zu bewegen. Ich entspanne mich, lasse die verklemmte Kaffeebohne los und fühle wie sie zuerst noch stinkwütend, dann immer ruhiger den Kaffee in mir mahlt.
Mal schauen, ob der nächste Kandidat meinen Test besteht…