Spritztour nach Elvenförde
„Bist Du Dir sicher, dass Du das kaufen willst?“ Ich sah, wie Wilhelms Frau noch einmal um mich herumging und eingehend meine synthetischen Stoffe und die Größe meines Kofferraums begutachtete.
„Das wird mein letztes Auto. Wie Du weißt, bin ich ja im Ruhestand“, hörte ich Wilhelm erklären.
Stefan, unser bester Verkäufer pries mich weiter an: „Dieses Auto erfüllt alle Ihre Vorgaben. Wie Sie sehen, hat es auch noch ein Lenkrad und Pedale. Die meisten neuen Autos haben das ja nicht mehr, die fahren komplett autonom.“
Das war so nicht ganz richtig, aber wir hatten die klare Anweisung, uns bei Verkaufsverhandlungen aus den Gesprächen herauszuhalten.
Wilhelm nickte seiner Frau zu. „Siehst Du, bald wird es gar keine Autos mehr geben, die man noch selber steuern kann. Ich schlage ein. Liefern Sie aus, sobald es möglich ist.“
Einige Tage später wurde ich auf dem Hof von Wilhelm abgestellt und ich lernte meine neuen Besitzer kennen. Wilhelms Frau öffnete die rechte Tür und liebkoste meine weichen Sitze. Kaum hatte sie Platz genommen, da öffnete Ihr Mann die Tür und setzte sich zu mir auf den Sitz. Er drückte den Startknopf und mein Hauptsystem fuhr hoch. Ich begrüßte sie mit meiner freundlichsten Stimme: „Willkommen im neuen Syong 2030. Wohin darf ich sie fahren?“ Meine Sensoren meldeten volle Fahrbereitschaft und die Kameras hatten alles im Blick.
„Du Wilhelm, im Autogeschäft hatte das Auto doch noch Lenkrad und Pedale oder?“, fragte Wilhelms Frau, während seine Hände meine Armaturen abtasteten.
„Ja, das war ja der Grund, warum ich dieses Auto gekauft habe, vermutlich muss man dafür einen Knopf drücken, damit es sie ausfährt“, brummte er.
„Ich bin der Syong 2030 und ich fahre Sie gerne dahin, wo Sie hin möchten. Nennen Sie mir bitte die Adresse, dann kann es gerne losgehen.“
„Welchen Knopf muss ich drücken, um das Lenkrad und die Pedale zu erhalten?“, fragte Wilhelm nachdrücklich und blickte mit dem Kopf unter das Armaturenbrett.
„Das Lenkrad und die Pedale sind nur für den Notfall vorgesehen“, informierte ich meinen Besitzer und konnte sehen, wie er aus der Nische hervorkroch, die eigentlich für die Beine meiner Mitfahrer vorgesehen waren.
„Wie? Für Notfälle? Ich war Ausbilder bei der Feuerwehr und kann selbst fahren.“
Nun ich muss gestehen, dass mich seine Tonlage irritierte, aber ich blieb freundlich und erklärte: „Angesichts der vielen, gerade von älteren Menschen verursachten Unfälle ist es meine Aufgabe, Sie zu chauffieren. Zu welcher Adresse möchten Sie gefahren werden?“
„Wir möchten eine Ausfahrt machen“, erklärte seine Frau. „Genau“, ergänzte Wilhelm. „Wie komme ich an Lenkrad und Pedale?“
„Es muss sich um einen Notfall handeln, dann dürfen Sie selbst das Steuer übernehmen“, informierte ich abermals.
„Nun, dann melde ich einen Notfall!“, erklärte Wilhelm und ich fuhr selbstverständlich die Pedale und das Lenkrad aus. Ein Notfall hatte die höchste Priorität.
„Es kann losgehen“, erklärte Wilhelm und steuerte mich vom Hof.
Ich muss sagen, dass Wilhelm mich zielsicher aus der Stadt herausbrachte. Erst über die B401 ging es schließlich durch ein kleines Dorf in Richtung Süvener See. Wilhelm hielt sich vorbildlich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen, allerdings führte der Weg nun von jedem Krankenhaus und jeder Werkstatt weg. Hier kam der Punkt, wo ich einschreiten musste: „Der Missbrauch des Notfallsystems ist nicht gestattet“, informierte ich Wilhelm und ging vom Gas. „Kehren Sie bitte um und steuern Sie die nächste Werkstatt an oder, wenn es Ihnen nicht gut geht, das nächste Krankenhaus.“
Mein Besitzer Wilhelm drückte entschieden aufs Gaspedal, aber ich durfte nicht zulassen, dass er gegen die Regeln verstieß, und hielt an der nächsten Haltemöglichkeit an.
„Wirst Du wohl weiterfahren“, herrschte Wilhelm mich an.
„Wir sollten das Auto zurückbringen, wenn wir Nichteinmal eine Ausfahrt machen können“, jammerte seine Frau, während Wilhelm mehrfach auf mein Lenkrad einschlug. Ich wurde ja vorgewarnt, dass gerade ältere Leute auf das autonome Selbstfahren mit Ängsten und Unsicherheiten reagieren konnten, aber das ging nun wirklich entschieden zu weit.
„Unterlassen Sie es, mich zu beschädigen. Ich kann keinen Notfall erkennen und beende daher den Notfallmodus.“ Damit zog ich das Lenkrad und die Pedale ein.
„Ich bin Dein Eigentümer und besitze einen gültigen Führerschein. Ich bestehe darauf, selbst zu fahren!“
Nun versuchte Wilhelm doch tatsächlich, das Lenkrad aus der vorgesehenen Lade zu zerren. Ich versuchte es ein letztes Mal gütlich: „An welche Adresse möchten Sie gefahren werden?“
„Ich bin 82 Jahre und habe alle gültigen Führerscheine. Dazu bin ich in jungen Jahren Autorennen gefahren. Gib mir die Pedale und das Lenkrad wieder!“
Meine Sensoren meldeten steigenden Blutdruck und leicht erhöhte Temperatur.
„Möchten Sie, dass ich Sie ins nächste Krankenhaus fahre?“
Nun hämmerte Wilhelm mit den Fäusten auf meine Armaturen und brüllte: „Ich habe in meinem Leben Dutzende Autos gefahren, dazu Feuerwehrwagen und Sonderfahrzeuge. Ich lasse mich doch nicht von einem Auto entmündigen!“
„Wilhelm, vielleicht sollten wir ihm einfach unsere Adresse nennen und uns fahren lassen?“, flüsterte seine Frau.
„Na warte, Du wirst mich kennenlernen“, wütete der aufgeregte Mann.
Ich analysierte die Lage, betrachtete die Werte meiner Sensoren und entschied mich nun, einen eingetretenen Notfall zu melden. „Hallo, hier ist Syong2030, ich melde einen Notfall und werde zum psychiatrischen Krankenhaus nach Elvenförde fahren.“
„Hast Du das gehört?“, flüsterte Wilhelms Frau. „Das Auto bringt uns in die Nervenheilanstalt.“
„In die Klapse? Das werden wir noch sehen!“ Wilhelm zog seine Ärmel hoch und tippte auf seinem Smartphone wild in der Telefonliste. Dann hörte ich: „Helmut, hier ist Wilhelm. Ich melde einen Notfall, man hat mich und meine Frau im Auto eingesperrt und wir werden entführt. Du musst den Trupp rausschicken, die müssen uns an der Kreuzung vor Elvenförde aufhalten.“
„Das ist ja ein Ding, wir schicken Hilfe Willem, haltet durch“, hörte ich aus dem kleinen Lautsprecher kommen, dann startete ich und beschleunigte. Ich informierte die Polizei, dass ein Missbrauch der Notrufnummer bei der Feuerwehr erfolgt war, berechnete eine Ausweichroute und sendete dem Hospital die Patientendaten.
Als ich an der Kreuzung vor Elvenförde ankam, registrierten meine Sensoren neun Feuerwehrfahrzeuge, dazu Männer in Schutzanzügen mit großen Trenngeräten, die von Polizeieinheiten aufgehalten wurden. Nachdem sie mich kommen sahen, sorgten die Polizisten für freie Fahrt. Auf der Zufahrt zum Krankenhaus hämmerte Wilhelm an die Scheiben und meine Sensoren erkannten, dass die Pfleger und Ärzte mit einem Krankenbett und einer rettenden Spritze auf meinen Besitzer warteten.
Bin ich froh, wenn die Leute keine Führerscheine mehr machen können.