Seitenwind Woche 3: Schreib, was du siehst

Auf und davon

Es war fast so, als wären wir am Strand.
Als hätte der böige Nordseewind Ihr lockiges, graues Haar zerzaust.

Eine Strähne hing ihr über der runzligen Stirn. Sie öffnete leicht ihren Mund, stülpte die Lippen vor und pustete. Die Strähne blieb beharrlich an ihrem Platz.

Der deutliche Flaum unter Ihrer Nase schimmerte, als wäre er nass. Als hätte sie gerade erst den Becher Sekt abgesetzt, den es zuweilen in großer Runde zwischen den Strandkörben zur Begrüßung gab. Doch in dem Becher auf Ihrem Beistelltisch war nur Wasser. Stilles Wasser.

Maria Heck war nicht mit mir verwandt. Sie war eine Freundin meiner Eltern. Kinderlos und seit einigen Jahren Witwe. Es gab keine Angehörigen. Die meiste Zeit war sie allein. An diesem Tag aber nicht. Ich war ja da.

Die Augen weit geöffnet, sah sie mich an.
Ich wollte ihrem Blick standhalten, konnte es aber nicht. So schaute ich aus dem Fenster und fragte sie ablenkend, ob sie denn nicht den wunderschönen, blauen Himmel sehen würde.
Sie lächelte und sagte: „Ja-ha – und ich sehe die Himmelsleiter.“

„Um die zu erklimmen, bedarf es aber ein bisschen mehr Fitness, Frau Heck.“, erwiderte ich. Zweifelsohne ein kläglicher Versuch, die beklemmende Situation zu überspielen.

Statt zu antworten, drehte sie ihren Kopf und fixierte den an der Wand hängenden Fernseher.
„Ohhh, lauter nackte Männer!“

Der Fernseher zeigte nur ein schwarzes Bild. Das Netzkabel war aufgerollt und der Stecker hing stromlos herab.

„Mensch, Ihnen wird ja heute was geboten! Erst die Himmelsleiter und jetzt nackte Männer. Wo soll das nur hinführen?“

Wieder antwortete sie nicht und sah mich nur lächelnd an.

Die Ausschläge auf dem Monitor wurden immer unregelmäßiger. Die Krankenschwester eilte herein und stellte das monotone und nervtötende Piepen nach kurzem Blickkontakt mit mir ab.

Ohne zu überlegen, legte ich Marias kraftlose Hand in die meine und hielt sie sachte fest.
Wir spürten beide die Bedeutung dieses Momentes.

„Es ist in Ordnung, Sie können jetzt gehen.“

Dann schloss sie die Augen. Für immer.