Trigger Warung: Suizid
This ist the end, my friend
Weihnachten. Der schlimmste Tag des Jahres. Einsamkeit tut immer weh, aber besonders, wenn alle anderen mit ihrer Familie feiern und man selbst noch mitten in der Nacht vor dem halbherzig geschmückten kleinen Bäumchen sitzt, das sich bereits ein paar braune Nadeln zugelegt hat, als ob es sagen wollte: „Ich teile deinen Trübsinn, schau her, ich bin schon tot und weiß es auch.“
Was also war zu tun? Ich legte eine alte Platte von den Doors auf und ließ mich mit „This ist the end“ in weihnachtliche Stimmung bringen. Meine weihnachtliche Stimmung.
The end
No safety or surprise
The end
I’ll never look into your eyes again
Dann schlenderte ich zum Schreibtisch, zog die Schublade auf und wog das schwere, schwarze, kalte Stück Metall in meiner Hand. Das fühlte sich irgendwie gut an. Weihnachten ist der Tag, an dem sich die meisten Menschen umbringen. Mir war klar, warum.
Ich zögerte nur kurz. Dann schob ich die Patrone in die Trommel. Eine nur. Eine reicht.
Can you picture what will be?
So limitless and free
Sollte ich die müde flackernden Kerzen am Weihnachtsbaum noch löschen? Besser. Nicht, dass noch ein Brand ausbricht. Die anderen Familien im Haus sollten ihre Feier haben. Ich stand wieder auf. Ach ja … und ein Kissen würde ich noch brauchen. Wegen des Krachs.
Ride the highway West, baby
Das rote Kissen. Das passt zu …
Boing! Knirsch! Was zum ..?
„Oh.“ Der Body-Positivity Typ im roten Zwirn schaute mich überrascht an. „Tschuldigung, ich dachte nicht, dass noch jemand auf ist …“
„Scheisse, wer bist du denn? War der Eierlikör vorhin schlecht gewesen? Eine Flasche, dass müsste doch noch gehen. Oder hab’ ich etwa schon …?“ Irritiert schaute ich auf das Ding in meiner Hand. Sah man so Zeugs, nachdem man sich? Nö, das müsste ich doch gemerkt haben.
„Was machst du denn da?“ Wollte der Rauschebart wissen. Sein Blick war meinem auf die Waffe in meiner Hand gefolgt. „Du willst doch nicht etwa ..? Mann, das gibt eine Million Miese auf deiner Unartig-Liste!“
„Du bist nur eine Einbildung. Geh’ weg! Nerv nicht!“
Statt zu antworten, sprang er mich und versuchte, mir den Revolver aus der Hand zu winden. Ganz schön flink für den Bauch und ganz schön energisch für eine reine Einbildung.
Es kam zum Handgemenge.
Der Schuß löste sich.
Die Doors waren gerade angekommen bei:
Fuck, fuck-ah, yeah
Fuck, fuck
„Autsch! Das hat gezeckt!“ Der Rote hielt sich das Bein.
„Oh. Tut mir leid, das wollte ich nicht.“
„Beim Bart des Nikolaus! Wie soll ich denn jetzt mit einem Bein meine Tour fahren?“ Er kniff die Augen zusammen und sah mich an. „Außerdem kann ich dich ja nicht aus den Augen lassen … Ok, da gibts nur eins - ich fahren den Schlitten, du lieferst aus!“
„Ich soll was?“
But you’ll never follow me, sangen die Doors und kamen langsam zum Ende. Irgendwie hatte ich den richten Moment jetzt ohnehin verpasst. Also was soll’s? dachte ich.
Naja, und so kam es, dass ich an dem Weihnachten als Santas Helfer eingeteilt wurde und seitdem bin ich ein anderer. Einen Ersatzmantel hatte er mir noch abgegeben aber die Begabung zur relativen Unsichtbarkeit hatte ich nicht irgendwie von Santa aufgeklebt bekommen und so traf ich viele Menschen, die mich sahen. Viele glückliche Kinder, viele neue Freunde. Nächstes Weihnachten wird nicht einsam. Ach so, und Sylvester auch schon nicht. Moment mal, ist der Eierlikör etwa schon alle?