„Wer ist bitte Christian Pfeiffer?“
Bundesinnenminister Jürgen Rietmann saß aufrecht an seinem Schreibtisch, die Hände zu einer Raute geformt, den Blick starr auf den Assistenten gerichtet, der seine übliche Sonntagmorgen-Routine – das akribische Durcharbeiten der Aktenberge – unterbrochen hatte. Der Assistent stand unsicher im Raum, ein iPad in den Händen, und zögerte, bevor er sprach.
„Christian Pfeiffer ist Redakteur bei FAZ Online, Herr Minister“, sagte er mit brüchiger Stimme. „Er hat vor wenigen Minuten ein Video veröffentlicht.“
Der Assistent trat näher, drückte auf Play und hielt das iPad dem Minister hin. „Sie sollten es sehen.“
Die Aufnahme zeigte eine Wohnsiedlung. Im Hintergrund ragten die Hochhäuser Frankfurts auf. Zunächst schien nichts ungewöhnlich: Die Kamera schwenkte auf einen Vorgarten, dann auf ein Haus, aus dem ein Mann trat. Er wurde von einer anderen Person angesprochen, die zehn Tausend Euro forderte – andernfalls würde er sich selbst töten.
Ein schneller Kameraschwenk. Rietmanns Gesicht erstarrte. Der Mann auf dem Bildschirm war Paul Keller. Sein Lebensgefährte.
„Das kann nicht sein“, murmelte Rietmann. „Paul ist auf Dienstreise in der Schweiz!“ Doch der Mann im Video sah ihm erschreckend ähnlich. „Wie alt ist die Aufnahme?“
„Die Metadaten zeigen: Heute, 9:23 Uhr, Frankfurt“, erklärte der Assistent. „Apple iPhone 16 Pro. Keine Bearbeitung. Ultra-Weitwinkel, Blende f1.8, 4K…“
„Genug!“, unterbrach Rietmann, als Pauls Stimme wieder im Video erklang. Pauls Schultern waren hochgezogen, die Bewegungen fahrig, die Augen glasig. „Ich brauche zehn Tausend Euro! Sonst bringe ich mich um.“
Rietmanns Atem stockte. „Zehn Tausend Euro? Von wem wollte er das Geld?“
„Richard Berger“, erklärte der Assistent leise. „Herr Keller forderte das Geld von einem Richard Berger.“
„Richard Berger?“, Rietmann schaute ungläubig, „Ich kenne einen Richard Berger in Frankfurt. Ein Banker…“.
„Ja, ein ehemaliger Bänker im Vorruhestand. Er besitzt das Haus, vor dem sich Paul, Herr Keller…“ Der Assistent brach ab und holte tief Luft.
Das Video zeigte, wie Paul einen Schritt zurückwich, in seine Tasche griff und eine Waffe zog. Rietmann hielt den Atem an. „Nein…“, flüsterte er.
Ein Schuss ertönte. Paul sackte zusammen. Die Kamera wackelte, dann wurde das Bild schwarz.
Rietmann saß wie erstarrt und kämpfte mit der Fassung. „Was wissen wir?“ Seine Stimme klang tonlos.
„Bisherige Indizien deuten darauf hin, dass es tatsächlich Herr Keller ist“, antwortete der Assistent. „Die Laborbefunde stehen aber noch aus. Zudem gibt es Hinweise auf eine Gruppe, die sich ‚Die Schafe‘ nennt.“
Rietmanns Kiefer spannte sich. ‚Die Schafe‘? Welch ein Hohn!
Vor Jahren hatte er als Kommunalpolitiker in Frankfurt eine Allianz gegründet: Banker, Unternehmer, Staatsanwälte – darunter auch Richard Berger. Sie nannten sich ,Die Hüter‘. Ihr Ziel: die Gesellschaft schützen, Fake News bekämpfen, Radikale stoppen, den sozialen Zusammenhalt stärken. Doch irgendwann lief alles schief. Sie nahmen Geld aus dubiosen Quellen, zu viel Geld. Und als sie erkannten, dass sie sich mit mafiösen Kreisen eingelassen hatten, war es zu spät. Mehr oder weniger kleine Gefallen wurde ihr Preis.
Als Rietmann sich geweigert hatte, weiter mitzuspielen, erpresste man ihn: wöchentlich zehntausend Euro oder man würde seinem Umfeld etwas antun. Und nun waren die Drohungen zur grausamen Realität geworden.
„Gibt es irgendwelche Verdächtigen?“, fragte er scharf.
„Wie schon gesagt, Christian Pfeiffer“, antwortete der Assistent. „Er hat als Erster über Aktionen berichtet. Er scheint Kontakte zu haben. Außerdem betreibt er eine Website, auf der er das Finanzsystem kritisiert und von einer Gruppe Namens ‚Die Hüter‘ schreibt. Und immer wieder fällt dort die Summe: zehntausend Euro.“
Rietmann ballte die Fäuste. „Ich will Antworten“, sagte er fest. „Sofort.“
Der Assistent zögerte. „Was sollen wir tun?“
Rietmann betrachtete das Standbild von Paul. Dann hob er den Kopf.
„Nachrichtensperre über Paul“, befahl er kalt. „Personenschutz zu meiner Mutter und meinen Geschwistern.“
Rietmann fuhr sich gestresst durch die Haare „Und holen Sie Pfeiffer!Sondereinsatzkommando. Die Redaktion der FAZ wird gestürmt. Seine Website verschwindet.“
Als sein Assistent bereits das Büro verlassen wollte, stoppte ihn Rietmann. Er zog einen Zettel hervor, schrieb sechs Namen darauf, darunter Richard Berger, und reichte ihn seinem Assistenten.
„Es sind keine Schafe, mit denen wir es zu tun haben, sondern Wölfe“, sagte er leise. „Rufen Sie diese Männer an. Sagen Sie ihnen, dass sich die Hüter wieder treffen müssen. Unverzüglich.“