Es kann ja wohl nicht so schwer sein, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben!
Genervt gehe ich auf und ab, weil mir nichts Originelles einfallen will. Irgendwas mit Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen? Nee, Science-Fiction ist nicht so meins. Der Wolf und die sieben Zwerge, die im Knusperhäuschen bei der Hexe eine wilde Weihnachtsfete feiern? Auch nicht so das Wahre.
Ich schaue aus dem Fenster hinunter auf die Straße und über die Stadt. War nicht Schnee angekündigt worden? Davon ist aber nichts zu sehen. Wie soll man denn da in Weihnachtsstimmung kommen?
Das ist es! Weihnachtsstimmung! Dann kommt die Inspiration!
In der Küche schnell einen Topf auf den Herd gestellt, den Glühwein eingießen und langsam heiß werden lassen. Um ihn geschmacklich und wirkungstechnisch von Kreisklasse auf Liganiveau aufzumöbeln, kommt ein Schüsschen Stroh-Rum hinein.
Vor mich hinsummend schalte ich die LED-Kerzen an meinem Christbaum an und dämpfe das Licht. Na also, gleich viel heimeliger. Nun noch die Kaminfeuer-DVD einlegen für das endgültige Blockhüttenfeeling. Obwohl, bei einem 65 Zoll-Fernseher wirkt jedes poplige Lagerfeuerchen wie eine Liveübertragung aus dem Fegefeuer. Was fehlt noch? Genau! Weihnachtsduft! Ich hatte doch letztens bei »dm« was vom Grabbeltisch gekauft? In der Küche werde ich fündig. Ein kleiner Probierschluck zeigt mir, dass der Glühwein bald die perfekte Temperatur hat. Ich kann schon spüren, wie sich meine Stimmung beflügelt. Energisch neble ich den Christbaum mit »Raumduft Waldspaziergang – extra stark« ein. Mit tränenden Augen und leichtem Husten flüchte ich wieder in die Küche. Donnerwetter, das Zeug hält, was es verspricht. Wahrscheinlich kommt jeden Moment Bambi um die Ecke.
Ein erneuter Test ergibt, dass der Glühwein à point ist, und ich fülle mir meinen Kaffeebecher. Ich merke schon, wie mir warm ums Herz wird.
So, nun zur Weihnachtsgeschichte. Laptop aufgeklappt, auf dem Zweitbildschirm noch schnell den Bildschirmschoner »Winterimpressionen« gestartet und dann Papyrus öffnen. Das Setting ist perfekt, jetzt fliegen mir die Ideen bestimmt so zu.
Ein Tässchen Glühwein später verhöhnt mich immer noch das weiße Blatt und der blinkende Cursor. Bevor mir unweihnachtlich zumute wird, gönne ich mir einen neuen Becher Glühwein. Der Fernseher knistert, der Zweitbildschirm schneit, der kleine Christbaum riecht wie eine ganze Tannenschonung, aber … nichts. Frustriert lasse ich mich in meinen Chefsessel zurücksinken. Mir ist schon schwummrig von dem Waldduft.
Plötzlich klingelt es. Wer kann denn das jetzt sein? Hoffentlich nicht Frau Kalkowski von unten, die mir wieder einen Vortrag über Mülltrennung hält, weil mal versehentlich eine Pappschachtel in die Gelbe Tonne gefallen ist.
Doch vor mir steht ein älterer Herr mit Bart in einem roten Mantel. Er kommt mir vage bekannt vor, aber ich kann ihn nicht einsortieren.
»Ja, bitte?«
»Hallo.«
Ohne ein Herein abzuwarten, drängt er in die Wohnung. Und er ist nicht alleine. Nach ihm folgen noch ein paar Leute.
»Du wolltest eine Weihnachtsgeschichte schreiben?«
»Woher … wer sind Sie überhaupt?«, frage ich verblüfft.
»Ich bin Papa Pyrus. Du kannst Ulli zu mir sagen.«
»Was?«
»Ja, es gibt da eine neue Weihnachtsedition von Papyrus, die ist genau das Richtige für deinen Zweck. Darf ich?«
»Aber …«
Bevor ich eingreifen kann, hat er schon einen USB-Stick in meinen Laptop gerammt und installiert etwas. Die Frau mittleren Alters, die mit ihm gekommen war, betrachtet sich mit zweifelnder Miene meine Innenausstattung. Außer einer hochgezogenen Augenbraue zeigt ihr Gesicht keine Reaktion. Ein leichtes Quietschen lässt mich umdrehen. Ein kleiner Steppke malt mit einem roten Edding Wellenlinien unter das Schild »Thüre zum Himmelreich«, das auf meiner Klotür prangt.
»Hey, was machst du denn?«
»Veralteter Ausdruck«, gibt er nur zurück und schaut sich weiter um.
»Der Kleine korrigiert so gerne«, sagt dieser Ulli mit einem väterlichen Lächeln und wuschelt ihm durchs Haar.
Die Frau hat inzwischen meinen Spongebob-Kaffeebecher mit dem Glühwein entdeckt und schnuppert mit einem angewiderten Gesicht daran.
»Für diesen Wein musst du doch ein Bordeaux-Glas nehmen! Durch den voluminösen Rauminhalt hat der Wein erst die nötige Freiheit, sich zu entfalten. Die Form unterstützt die typischen Merkmale eines großen Weines und bringt sie zur Geltung. Die Duftmoleküle verdichten sich im verengenden Glaskamin und entfalten sich damit expressiv über den Rand des Kelches.«
»Wie meinen?«, frage ich verwirrt.
Ulli nimmt mich beiseite.
»Das ist unsere Stilanneliese. Die ist manchmal etwas etepetete. Aber jetzt schau mal, die Papyrus-Weihnachtsedition ist fertig installiert. Da schreiben sich Weihnachtsgeschichten fast von allein! Probier’s aus.«
Zweifelnd setze ich mich in meinen Chefsessel und klicke doppelt auf das Papyrus-Autor-Symbol mit der Weihnachtsmütze. Mit einem ohrenbetäubenden »Oh, du Fröhliche …« startet das Programm. Hups, ich hab wohl vergessen gestern die Lautstärke wieder runterzudrehen. Tja, meine Nachbarn hören gute Musik – ob sie wollen oder nicht. Auf den ersten Blick sieht Papyrus aus wie immer, bis auf den Cursor in Tannenbaumform und den ganzen Christbaumkugeln als Hintergrundbild.
»Na? Was sagst du? Naaa?«, fragt Ulli ungeduldig und wirkt hibbelig wie ein kleines Kind.
»Ja, ähm, nett.«
»Nett?«, kommt die entrüstete Antwort. »Schreib mal was!«
»Na gut.«
Missmutig zog er die Nase hoch und stapfte durch den schmutzigbraunen Schneematsch. Er spürte, wie seine Zehen kalt und feucht wurden. Dreckswetter! Er bog um die Ecke und stieß mit jemandem zusammen.
»Können Sie nicht aufpassen? Penner!«
»Pass selber auf, du Idiot, mit deinem blöden Tannenstrunk.«
»Danke, das reicht«, meint Ulli. »Und jetzt alles Markieren und den neuen Button unten neben der Lesbarkeitseinschätzung drücken.«
Tatsächlich, ein neuer Button. Ein Comic-Weihnachtsmann mit Bart und Mütze, war mir bisher gar nicht aufgefallen. Also, markieren und klicken. Begleitet von einer Experimentalversion von »Last Christmas« verändert sich der Text:
Sachte rieselten die Schneeflocken auf die Erde nieder, dämpften den Lärm und die Hektik der Stadt. Ein Hauch von Frieden schien sich über das Land und die Menschen zu legen. Mit roten Wangen und sichtbarem Atem schritt er leichtfüßig durch die weiße Pracht, jeder Schritt begleitet von einem zarten Knirschen.
Abgelenkt von diesem Wunder der Natur bog er um eine Straßenecke und stieß mit jemandem zusammen.
»Entschuldigen Sie, ich war unachtsam.«
»Nein, nein, ich muss mich entschuldigen. Da haben Sie aber ein Prachtexemplar von einer Weihnachtsgurke erwischt!«
»Na, was sagst du?«, fragt Ulli.
»Ähm, ›Weihnachtsgurke‹?«
Mit gerunzelter Stirn beugt er sich vor und liest den Text. Die Stilanneliese hat zwischenzeitlich meinen Glühwein einer Qualitätskontrolle unterzogen und stellt albern kichernd die leere Tasse wieder ab.
»Das sollte nicht passieren, das muss ein Bug sein.«, brummelt Ulli vor sich hin. »Aber das haben wir gleich, das machen meine Supportwichtel. Hendrik! Leon! Schaut euch das mal an!«
Wie aus dem Nichts ploppen zwei bärtige Wichtel mit Armani-Anzug und roter Zipfelmütze hervor und machen sich an meinem Rechner zu schaffen.
»Alles klar. Das Problem sitzt vor dem Bildschirm. Da müssen wir ein kleines Update machen«, sagt der eine und nickt dem anderen zu. Ein kräftiger Schlag auf den Hinterkopf sorgt für eine Beschleunigung meines Kopfes Richtung Tastatur.
Erschreckt zucke ich hoch. Draußen dämmert es bereits. Ich bin alleine im Zimmer, keine Stilanneliese, keine Supportwichtel. So langsam wird mir klar, dass ich während der Suche nach Inspirationen – und glühweintechnisch begünstigt – wohl eingeschlafen sein muss und irgendwann mit dem Kopf auf der Tastatur aufgeschlagen bin. Und endlich, endlich steht etwas auf dem leeren Papyrusblatt. Meine Weihnachtsgeschichte:
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