Wie viele Zweige hat der Baum - ähm ich meine: das Buch

Da komme ich an meine Grenzen.

Ich glaube, Ifrah kann das.

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Ich glaube eher, dass diese Form der Unzuverlässigkeit so gebräuchlich ist, dass sie nicht wahrgenommen wird. Weil wir Menschen unzuverlässig sind. (Mir ist übrigens klar, dass es um den Erzähler geht, nicht um das Thema, ich hab’s nur erwähnt, weil manche Twists darauf abzielen, dass der Erzähler ja unzuverlässig ist, weil s. „Fight Club“, „Shutter Island“. Aber danke für das Klarstellen, da hab ich mich … unzuverlässig … ausgedrückt :face_with_peeking_eye:). Anders würden für mich die interessanten Bücher gar nicht funktionieren.
Mir fällt gerade als Beispiel Christopher Moore („Himmelsgöttin“, wenn man das Thema Organhandel mag, oder „Der törichte Engel“, wenn man schon immer mal Engel erleben wollte, die sich wirklich doof anstellen) ein, ich kenne nicht alle Bücher von ihm, aber die, die ich liebe, sind die, wo die POV-Träger (immer 3. Person Sing) die Lage nicht checken und dem Leser erzählen, was sie erleben, ohne Korrektur. Das kann dann vom Wichtigen und Wahren ganz weit entfernt liegen. Die Kunst ist, dass sich der Leser trotzdem nicht absichtlich falsch informiert fühlt. Wie in einem Krimi. Falsche Fährten ja, Täter ex machina nein.

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Meine Frau hat ihre erste Doktorarbeit bei jemandem begonnen, der später in den Verruf geriet Empfängerlisten manipuliert zu haben (wechselte aber aus anderen Gründen den Prof.).

Auf. Jeden. Fall! Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Engel ernsthaft jedes Erstgeborenen in Ägypten töten, weil ein liebender Gott das befohlen hat. Die müssen Befehle falsch verstehen und damit strunzdoof sein…

Danke! Gutes Stichwort. Da hatte ich auch dran gedacht - nur die Beispiele mit konsequenter Perspektive fehlten mir. Da werde ich beim nächsten A.Christie mal drauf achten…

PS. Ich beende mal für mich jetzt. Schönes Wochenende mit viel Sonne, Euch!

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In der Sonne lässt es sich gut schreiben … :smiley:
Und @Michel Gleich mehrere Gründe, Christopher Moore zu lesen … (Beim Engel gibt es auch Zombies. Schuld des Engels.)

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Schöne Pfingsten!

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Also ich habe es bei Sarah J. Maas in jedem Buch erlebt, dass sie vielleicht ihre Charaktere nicht lügen oder falsch erzählen lässt. Aber sie schafft es, das ihre Charaktere anderen Figuren und den Leser*innen Dinge verheimlicht, was bei der „allwissenden Perspektive“ eher nicht funktioniert.
Ich glaube aber auch, dass man zwischen der personalen und neutralen Erzählperspektive in der dritten Person ganz gut hin- und herwechseln kann. Also, so vom Gefühl her.

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Manchmal aber auch schwarze Magie.

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Das ist sicher wahr. Andererseits: Immer nur „weiße“ Magie wäre wahrscheinlich (literarisch) eher langweilig. Deswegen lieben wir diese schwarze Magie!

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Na ja, ich meinte das nicht unbedingt im Sinne von dem, was wir Magie nennen. Ich habe spontan an unschöne Erlebnisse im Zusammenhang mit dem gedacht, was wir Liebe nennen.

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Wenn aber Gott, wie es im Buch der Christen heißt, am fünfzigsten („pfingsten“) Tag nach Ostern seinen Geist über die Freunde Issas ausgoss und diese darauf hin in allen Zungen sprechen und verstehen konnten, würde das nicht auch bedeuten, dass wir Schreibende in den Zungen aller Protas sprechen, also erzählen können, was diese wahr nehmen und damit ihre Wahrheit sehen und erzählen, während die Wirklichkeit nur das ist, was die unterschiedlichen Wahrheiten bewirken?

Auch ich wünsche euch Frohe Pfingsten. Ich fühle mich sehr wohl hier und - vor allem - verstanden!

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Du Schreibende erfüllst das, worüber wir hier die ganze Zeit sprechen: die hohe Kunst der Unzuverlässigkeit mit den Zungen Deiner Helden. Du hast uns Leser in der Falle! So wie es sein muss! Wir bekommen eine vielfältige Wahrheit serviert und halten sie für die Wirklichkeit. Und später, sehr viel später merken wir erst, auf welchen Leim du uns geführt hast, den zuckersüßen, messerscharfen. Und so langsam beginnen wir zu verstehen, welche Wahrheit wirklich dahintersteckt. Und wir sehen, was es bewirkt, wenn eine Brücke in den Fluss stürzt.
Ich fühle mich sehr wohl hier, mit Dir, und beginne zu ahnen, welch Zeitzeugen wir hier werden.
Ein schönes Pfingstfest, liebe Ifrah!

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Genau das!
Der Leser gibt etwas von sich, wenn er ein bisschen von seiner Lebenszeit in ein Buch investiert und sich auf die Geschichte einlässt, die der Autor darin erzählt. Sich dann vom Autor verar____ zu fühlen, macht Leser ärgerlich.

Agatha Christie hat in ihren Büchern auch aus der Ich-Perspektive nie den Leser belogen.
Ich habe zwei Bücher von ihr in Erinnerung, die aus Sicht des Mörders geschrieben sind; in beiden erzählen die Mörder nichts Unwahres, sondern führen den Leser durch Auslassungen in die Irre.

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Hallo Ifrah noch einmal,

Dein Beitrag war eine (philosophische?) Frage. Darf ich einmal den Versuch unternehmen, darauf nach meinem Verständnis zu antworten?
Ich bin weder Philosoph, Literaturkenner noch Autor. Deswegen orientiere ich mich an Gasser. Er sagt: Literatur, die nicht weh tut, verdient den Namen nicht. Ich glaube ihm, wem sonst?
Auf Deine Frage bezogen möchte ich mit einer Gegenfrage beginnen, obwohl man das nicht tut: Warum gießt Gott seinen Geist nicht über all die Milliarden Menschen auf der Erde aus, nur über so einen kleinen Teil?
Die Folge wäre, dass wir Milliarden von unweigerlich unzuverlässigen Wahrheiten hätten. Und aus dieser Gesamtheit aller Wahrheiten aller Menschen wäre es doch gerechter, die eine existierende Wirklichkeit zu formulieren. Also jeden Einzelnen in den Bau der Wirklichkeit einzubeziehen. Denn hiervon haben wir nur diese eine einzige. Ginge das nicht auch?

Ich wollte hier keine philosophischen (und schon gar keine theologischen) Äußerungen von mir geben - dazu fehlt mir die Kompetenz - sondern nur einen Gedanken auf die Frage nach Wahrheit und Irreführung literarischer Figuren äussern, auch wenn (oder gerade weil sie) nur Bilder realer Menschen sind. Auf Pilatus’ Frage an den Propheten, was denn die Wahrheit sei, wusste selbst der keine Antwort und zum anderen W-Wort fällt mir nur dieser Vers des österreichischen Künstlers Andre Heller ein: Die Wirklichkeit, die Wirklichkeit, trägt wirklich ein Forellenkleid und dreht sich stumm und dreht sich stumm nach andren Wirklichkeiten um. Mehr dazu zu sagen wäre anmaßend.

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Man kann anderer Meinung sein, das bleibt natürlich jedem unbenommen. Ich für meinen Teil denke, dass es viele, wenn nicht unendlich viele Wahrheiten gibt. Ich kann mit der Überzeugung eines anderen, die ja zum Teil dessen Wahrheit widerspiegelt, oftmals nichts anfangen - weil meine Überzeugung und damit meine Wahrheit eine andere ist. Es gibt keine universell gültige Wahrheit.

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Das ist genau das, was ich meine, nolimit!
Es gibt keine universell gültige Wahrheit. Es gibt aber nur eine Wirklichkeit, oder? Wie bekommen wir jetzt diese unendlich vielen, tolerierbaren, Wahrheiten für jeden einzelnen verträglich dort hinein? Oder akzeptieren wir, dass die Wahrheit nur aus fünfzig, sechzig, siebzig Meinungen besteht?

Wenn ich die Branes-Theorie richtig gar nicht verstanden habe, gibt es auch unendlich viele WIrklichkeiten, nur müssen wir in unserer bleiben, mit ihrer naturwissenschaftlichen, für uns wahren Basis. Physisch. Nur unsere Fantasie darf mal Gassi gehen.

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The Stand von Stephen King hat 7 oder 8 Handlungsstränge. Es ist eines meiner absoluten Favoriten - meisterhaft geschrieben!
Es zeigt aber auch den „Pferdefuss“: Es hat um die 600 Seiten.
Mein persönlicher Lesegeschmack tendiert zu mehreren Strängen (egal, ob zeitlich, personell oder geographisch usw). Ich mag auch John Irving sehr, der oft eine weitere umfassende Geschichte in der Geschichte hat.
In meinem aktuellen Projekt gibt es im Wesentlichen 3 Stränge. Die sich anfangs regelmäßig, später in größeren Abständen abwechseln.
Cliffhanger müssen sein (beim Lesen und beim Schreiben) - aber nicht immer als Feuerwerk daher kommen. Es gibt auch leise Spannung.

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Möglicherweise, ja. Wenn ich irgendeinen Zustand als die für mich gültige Wahrheit akzeptiere (ok, ich weiß, etwas blöde Formulierung) dann ist das auch meine - grob betrachtet - Wirklichkeit. Aber ich bin kein Philosoph, an dieser Stelle verläßt mich mein Verständnis für diese Dinge. Ich lebe in meiner Wirklichkeit und nehme das, was mir logisch erscheint, als Wahrheit.

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Vor Jahren las ich mal ein Buch (on intelligence von Jeff Hawking), das sehr anschaulich erklärt, wie menschliches Denken und vor allem Wahrnehmung funktioniert. Die These (und ich halte sie für wahr): Wenn wir mit Meinungen konfrontiert werden, die unserem eigenen Bild widersprechen, blenden wir UNBEWUSST Argumente aus. Sie werden schlicht weggefiltert, aus ökonomischen Gründen. Das Gehirn ist vor allem eine Mustererkennungsmaschine- deshalb ist es so effektiv.

Also ja- es gibt so viele Wahrheiten, wie es Meinungen gibt.

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