Ich bin meist der Meinung, dass erst Nebencharaktere und Nebenstränge eine Geschichte so richtig zum Leben erwecken. Auch an Spannung mangelt es ihnen selten: Wann, wie und wo treffen sie auf den Protagonisten? Welches Geheimnis liegt ihnen zugrunde? Was wollen sie uns erzählen, beibringen – oder wie wollen sie uns schockieren?
Und dann dieser Abschied von einer Figur, die einen mit nichts als Wehmut zurücklässt. Es gibt so viele Möglichkeiten, mit solchen Geschichten und Charakteren zu begeistern und zu fesseln. Oft sind es gerade solche Nebenfiguren und Nebenhandlungen, die der Welt einer Geschichte Leben einhauchen.
Aber mal im Ernst: Wie viele Nebenstränge tun einer Geschichte gut? Und ab wann sind es vielleicht zu viele?
Ich möchte einen Fantasyroman schreiben und habe das Gefühl, dass eine Welt erst dann wirklich lebendig wird, wenn man sie nicht nur durch die Augen des Protagonisten – und vielleicht des Antagonisten – sieht. Gerade durch andere Figuren, andere Blickwinkel und kleinere eigene Geschichten kann man Leserinnen und Leser tiefer in diese zweite Erde eintauchen lassen, bis sie am Ende richtig gepackt sind.
Das Leben eines Helden allein ist langweilig.
Was ist eure Meinung dazu? Was gilt es bei Nebensträngen zu beachten? Wie viele verträgt eine Geschichte? Und was genau ist es eigentlich, das uns an diesen Zweigen und Blättern einer Erzählung so in den Bann zieht?
Ich würde gerne eure Meinungen, Ideen oder auch Inspirationen dazu lesen.
Bevor ich meinen Senf dazugebe, schreibe ich am besten dazu, dass ich kaum Fantasy lese, viel mehr Liebesromane.
Als Leser mag ich häufige Wechsel zwischen verschiedenen Erzählsträngen gar nicht gern, weil sie mich immer wieder aus dem Fluss der Geschichte reißen und mich dadurch auf Distanz bringen. Was ich wirklich hasse, sind Cliffhanger bei den Wechseln: Ich begleite Person A über 80 Seiten lang, und plötzlich mitten in der Handlung, wenn es gerade spannend ist, reißt der Autor mich raus und wechselt zu einer völlig anderen Geschichte! In dem Moment interessiert mich die neue Geschichte überhaupt nicht, dann fange ich genervt an, herumzublättern und zu suchen, wo es mit A weitergeht - das war`s dann mit dem Eintauchen ins Buch.
Ich möchte gern eine Figur kennenlernen, irgendeine Art von emotionaler Bindung zu ihr finden und ihre Geschichte mit ihr miterleben.
Aus Autorensicht (Hobbyautor eines unfertigen Erstlingswerks) kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass ein zusätzlicher Erzählstrang mehr als doppelte zusätzliche Arbeit bedeutet, wenn die Stränge eng miteinander verwoben sind. In meinem Liebesroman begleite ich nur zwei Personen, die ihre Zeit manchmal gemeinsam und manchmal getrennt verbringen, und schon dabei ist es viel Aufwand, die Einzelerlebnisse zeitlich abzustimmen. Gibt es bei einem Strang Schwierigkeiten mit der logischen oder zeitlichen Abfolge, muss ich den verwobenen zweiten Strang ebenfalls umarbeiten und wieder passend machen.
Mein Praxistipp ist, schon direkt beim Schreiben von Anfang an wichtige Infos über jede Szene in der Szenenüberschrift oder in der Notizspalte des Organizers festzuhalten.
Papyrus (jedenfalls meine Version 11) kann jeder Szene nur einen einzigen Handlungsstrang zuordnen. Tatsächlich lebt ein Buch aber davon, dass Personen sich begegnen und Handlungsstränge zusammengeführt werden. Deshalb notiere am besten sofort zu jeder Szene, aus wessen Sicht sie geschrieben ist und zu welchen Handlungssträngen sie gehört.
Am besten notierst du auch direkt Hinweise zum zeitlichen Ablauf und Querverweise auf andere Szenen in die Notizspalte des Organizers oder als Geistertext am Ende jeder Szene. Solche Notizen ersparen einem viel Suchen und viel Frust.
Du möchtest anscheinend ein Großprojekt starten, mit dem du voraussichtlich Jahre beschäftigt sein wirst. Wenn du zweihundert Szenen überarbeitest, wobei du in manche schon seit einem halben Jahr nicht mehr reingeguckt hast, wirst du unendlich dankbar dafür sein, dass du mit einem Blick in den Navigator oder Organizer sofort finden kannst, welche Szenen aus wessen Sicht erzählt sind oder welche Szenen alle den Handlungsstrang XY betreffen.
Ich würde das nicht Pauschal sagen, dass mehrere Erzählstränge tiefere Welten ergeben. Oftmals hatte ich bisher den gegenteiligen Eindruck, im Sinne „Da hat es sich jemand zu leicht gemacht“. Nebenstränge sind ebenfalls kleine Geschichten und unterliegen auch den Gesetzen der Spannung.
Du kannst kleine Geschichten und Details der Welt auch durch die Augen eines Protagonisten erleben. Da reichen schon Andeutungen, kleine Erklärungen hier und da, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Das Leben des Helden ist langweilig? Das muss nicht sein.
Bei mir kommen Perspektivwechsel aus zwei Gründen vor: Ich will die Denkweise von jemanden beleuchten (oft Antagonisten) oder es ist tatsächlich ein wichtiger Neben-Hauptcharakter.
Um zu deiner Frage zurückzukehren … mein Gefühl sagt „fünf oder weniger“. (Bezogen auf ein Werk von 75k Wörtern) Ansonsten könnten die Nebenzweige nicht genug Raum haben, um wirklich interessant zu sein.
Aber das liegt natürlich an meiner Präferenz. Fantasy Storys die 30 Protagonisten an verschiedenen Orten einführen breche ich meist ab.
Oder die Ausschnitte, die der Erzähler für die Story wählt sind dann schlecht gewählt. Ich lese kein Buch, indem der Konflikt nicht stattfindet, sondern nur die Frühstücksszene, das Zusammenfalten der Wäsche oder Anfertigung der Steuerunterlagen…
Held und Langeweile sind zusammen nicht möglich.
Wenn die Story nicht genug Substanz für Spannung hat, ist sie in der Regel auch nicht erzählenswert.
Tiefe von Charakteren kann man nicht erzwingen. Ich würde von überkonstruierten Plotlines abraten. Frustriert Leser & Autor.
Wenn die Langeweile zum Thema wird und es in einem Überdrussgefühl, einer Schwere/ Trägheit in poetischen Sätzen präsentiert wird, würde ich Langeweile lesen. Aber ich glaube, dass schaffen nur ganz wenige (ich glaube bei einem Buch von Christian Kracht war das am Anfang so aber - ich bin mir nicht mehr sicher, es ist viel zu lange her…)
Das ist harter Tobak für die Story. Dann musst Du da noch einmal ran und eine spannende Geschichte für ihn bauen. Oder für eine andere Figur. Spätestens wenn Du für eine andere Figur lieber schreibst als für den eigentlich geplanten Helden, ist das ein (gutes) Signal, um zu wechseln.
Jedenfalls, wenn Du das Buch einmal als Verlagsroman veröffentlichen wolltest. Dann geht es genau um diesen einen Handlungsstrang, den Du im Exposé feiern musst, mit seinen Höhen und Tiefen und seinem Impact. Und Du stehst in Konkurrenz mit vielen anderen, die eine spannende Geschichte für den Helden haben …
Nebenstränge und Subplots sollten im Idealfall den Hauptplot farbiger machen, auf keinen Fall ihm die Show stehlen.
Ich schreibe selbst LiRo. Auch da hab ich Subplots. Alle machen es den Hauptfiguren entweder schwieriger (plotrelevant) oder zeigen etwas noch einmal genauer, mit Relevanz für den Hauptplot (themenrelevant). Nie sind sie dafür da, in der Geschichte der Nebenfiguren fehlende Spannung im Hauptplot zu ersetzen oder die Welt zu erklären.
Oder Du steigst eher in eine weltenorientierte Kurzgeschichtensammlung ein, dann erwartet keiner ein großes Epos, sondern eher die Exploration einer fremden Welt. Das muss ja nicht das Ende der Romanplanung sein, aber dann hast Du schon ganz viel Welt in ganz viel Erzählung (get it out of your system). Und siehst, was ist nur Erzählromantik, was ist Romanstoryline.
@Elio falls du dich noch durch die vielen tollen Features von Papyrus wühlst, würde ich dir vorschlagen:
nimm dir erst einmal Block und Bleistift, überlege dir grob, wie deine Geschichte ablaufen soll
wer sind deine Protagonisten/Antagonisten
und wie viele Nebencharaktere könnten es werden, die für deine Geschichte relevant sind (denn zufällige Begegnungscharaktere kommen dann später automatisch, sind aber fürs grobe Plotten erst einmal irrelevant)
*was bringen all diese Charaktere (Pro-/Antagonisten, NC) an den Tisch, die verschiedene Handlungsstränge notwendig/sinnvoll machen
überlege dir auch, welche Nebencharaktere mit welchem Protagonisten (falls es mehrere sind, was bei Fantasy ja oft der Fall sein kann) oder Antagonisten in Verbindung stehen
was bedeuten diese Verbindungen für die Geschichte, bringen sie Spannung, Tiefe und Emotionen in die Handlung
Das waren jedenfalls so meine Gedanken, die ich mir gemacht habe. Aktuell sitze ich an meinem Fantasywerk mit 4 Handlungssträngen. Natürlich kann sich die Anzahl auch ändern, da muss man dann den Dingen ihren Lauf lassen, sobald du beginnst deine Szenen aufs virtuelle Papier zu bringen.
Was ich allerdings noch sehr wichtig finde, ist die Erzählpersepektive. Ich persönlich bin weder als Leserin noch bei meinem eigenen Projekt ein Fan der Ich-Perspektive. Die „Eingeschränkte Erzählperspektive (Dritte Person)“ gefällt mir im Allgemeinen am besten. Hier werden die Pronomen er/sie/es/sie oder eben auch non-binäre Pronomen verwendet.
Funktion: Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte, konzentriert sich jedoch eng auf die Gedanken und Gefühle einer bestimmten Figur dieser Szene.
Wirkung: Vereint die Intimität eines Ich-Erzählers mit einem erweiterten Blick auf die umgebende Welt.
Einige Romane die ich kenne, wie zB. Herr der Ringe, Belgariad Saga oder Game of Thrones spielen sehr bewusst mit anderen Charakteren.
Ich persönlich auch. Ich habe 6 Köpfe zwischen denen ich switche. Da ich im DPOV aus 3rd Erzähler bin etwas schwieriger. Aber es bringt auch viel Spaß.
Jeder Charakter hat eine eigene Persönlichkeit und deswegen andere Denkmuster, andere Reaktionen.
Dann gibt es aber auch Romane wie die Weitseher Saga oder auch die Rubinrot Reihe, die mit nur einem maximal zwei POV auskommen.
Hier liegt die Entscheidung also ganz bei dir, was macht dir mehr Spaß und was bringt deine Geschichte und dich weiter.
Ohne direkt auf Fantasy einzugehen (absolut nicht mein Genre) - Nebenfiguren werden dann eingeführt, wenn sie für die Handlung wichtig oder vorantreibend sind. Wenn sie wichtig sind, können sie auch mehrfach auftauchen, ansonsten eben nur für den einen Zweck.
Es muss ja auch nicht zwingend nur ein Hauptcharakter sein. In „Bronze und Stahl“ habe ich vier Protagonisten, die auf getrennten aber verbundenen Wegen gehen. Nebencharaktere bringen natürlich auch Leben rein, es sollte aber nicht zu einem Krieg und Frieden ausarten, bei dem der durchschnittliche Leser einfach aufgibt und über Namen dann hinwegliest. In der „Lied von Feuer und Eis“ Reihe (das Buch auf dem GoT basiert) hat G.R.R.M. ja tatsächlich eine unglaublich große Zahl an Charakteren aufgeboten bei denen auch keine scharfe Trennung zwischen Haupt- und Nebencharakter erkennbar ist. Allerdings hat der Mann die Bücher ja dann auch nicht zu Ende gebracht. Insofern ist das sicher das obere Limit.
Dark Fantasy habe ich früher gerne gelesen.
Heute… schwierig, weil ich mich oft frage: Was ist daran Fantasy, wenn es eigentlich eine Liebesgeschichte ist?
(Kurz zum Genre)
Ich finde Nebenstränge grundsätzlich erstmal gut. Vor allem, wenn sie in den Hauptstrang mithineinfließen.
Dadurch wird die Geschichte erst richtig komplex und ich findes sowas äußerst spannend.
Es reizt mich mehr als wenn es nur linear verläuft.
Ich mag POV-Wechsel (Ich nutze sie selbst) und ich schreibe auch in der Ich-Perspektive
Ich finde gerade deshalb wirkt es auf mich nicht Allwissend. In der Er-Perspektive kommt es mir als Leser oft vor, das man ja sowieso alles weiß; und die Figuren wirken (manchmal) auf mich schnell einfach oder „leichter verdaulich“?
In der Ich-Perspektive haderst du als Leser mehr mit der Figur und wenn dann ein POV-Wechsel kommt, erfährt man erst dadurch, was der Gegenüber denkt und tut.
Als Leser verzweifelst du mehr, bleibst dran, weil man hofft, dass die Figur es endlich erfährt oder etwas tut, oder bist schockiert, was andere Figuren tun und es aus nächster Nähe erlebst.
Ich finde da entsteht mehr Reibung, mehr Kontraste, mehr Spannung beim Lesen.
Mehrere wechselnde Ich-Perspektiven in einem Buch finde ich sehr mühsam zu lesen. Wenn man wie ich dazu neigt, im Lesefluss unbewusst die Kapitelüberschriften zu überlesen und überspringen, ist man dann irritiert und muss überlegen oder zurückblättern, wer jetzt eigentlich gerade „Ich“ ist. Dem „Eintauchen“ ist das abträglich.
Es kommt darauf an, wie das Layout bei Kapitelanfang gestaltet ist. Wenn man da mit Farbe, Schrift und mit abstufender Schriftgröße arbeitet, könnte man das Überspringen minimieren. (Weil das Auge dann Stück für Stück liest, von Zeile zu Zeile)
Auch ist der Ton und die Art, wie die Figur „erzählt“, sehr wichtig. Jede Figur braucht eine eigene Stimme.
Auch die Menge der verschiedenen POVs spielt mit hinein und wie lange, also wie viele Seiten, wird aus der Sicht erzählt.
Und: Wo setze ich einen Cut/Cliffhanger? Ist er sanft oder doch eher hart und provoziert?
Ist definitiv nicht einfach.
Das behaupte ich auch nicht.
In meinem Fall schränke ich das so ein:
Pro Kapitel max. 2 POVs.
Die Seitenmenge der POVs sollte sich ausbalancieren. (z.b. Figur A hat 23 Seiten und Figur B 20. Und nicht: Figur A hat 10 Seiten und Figur B hat 25 Seiten)
Insgesamt hat man 4-5 Figuren. Von einer Figur gibt es mehr POVs als von der anderen.
Kann es sein, dass du Dark Fantasy mit Dark Romance verwechselst?
Denn reine Dark Fantasy muss überhaupt keine Liebesgeschichte intus haben, um zu funktionieren. Wenn Horror, Verfall, Tragik, paranormale/mythologische Wesen und oft auch moralische Grauzone vermischt werden, reicht es für das Subgenre. Und dahingehend gibt es auch noch immer viele tolle Bücher. Als Beispiel könnte ich die Empire of the Vampire - Trilogie hier anbringen, auch wenn es hier einen Hauch an Romance gibt, doch Schicksal weit vor Happy End steht.
Allerdings werden die Elemente der Dark Fantasy gerne auch für die Dark Romance verwendet, dann fehlen aber die phantastischen Aspekte und es ist auch eher in Contemporary Fiction einzuordnen. Hinzu kommt noch, dass es eben auch viele explizite Matratzensportszene oder Neudeutsch „Spice“/„Smut“ gibt.
Doch auch bei großen Fantasyepen wie Herr der Ringe funktioniert die Verbindung mit Romance, ohne die Fantasy zu verlieren, auch wenn es nicht zur Haupthandlung wird (und ich persönlich ganz gut finde).
Nene, das diente eher als Kritikpunkt.
Jedes Mal, wenn ich in eine Bücherei gehe und bei den Fantasybüchern stöbere, finde eigentlich nur Liebesgeschichten.
Vor einigen Jahren war das nicht so. Mein 14-16 jähriges-Ich hat immer irgendwas gefunden in dem Abteil (und da habe ich Brom für mich entdeckt)
Heute… nö.
Lese den Klappentext → wird klar: Liebesgeschichte
Dark Romance mag ich nicht. (Aber dazu will ich jetzt kein Fass aufmachen)
In der eingeschränkten Erzählperspektive (dritte Person), ich glaube auch als „Personaler Erzähler“ bekannt, kann man genau das, was du angesprochen hast, auch sehr gut hervorkitzeln.
Denn wenn ich schreibe: „Tara teile Matt ihre Meinung so schonungslos mit, dass sie sich fragte, ob er überhaupt Gefühle hatte.“ Dann weiß ich ja noch lange nicht, was Matt wirklich denkt und fühlt, außer ich wechsel in der nächsten Szene/im nächsten Kapitel die POV direkt auf Matt und erfahre, dass er fuchsteufelswild ist.
Schwierig wird es dann eher bei dem allwissenden (auktarialen) Erzähler, denn dieser kennt die Gefühle und Gedanken aller Charaktere und fällt auch schnell in eine Kommentatorrolle zur Handlung.
Ah, jetzt weiß ich was du gemeint hast. Es ging dir nicht per se um Dark Fantasy.
Allerdings muss ich sagen, dass viele Genrelabel wie Dark Fantasy oder Epic Fantasy mittlerweile viel zu lapidar verwendet werden. Oder es werden literarische Unworte wie Romantasy in Umlauf gebracht.
Für mich wirkt es leider sehr oft so, dass es hier nur ums reine Marketing geht, um die jeweiligen (teils falsch) gekennzeichneten Bücher einfach nur an den Mann/die Frau zu bringen.
Dahingehend bin ich auch sehr vorsichtig geworden, was meine Wahl betrifft, bei Neuzugängen.