Wie viele Zweige hat der Baum - ähm ich meine: das Buch

(Aus Neugier gefragt)
Warum dann nicht gleich in der Ich-Perspektive?
Was bringt es für Vorteile als „Personaler Erzähler“ zu schreiben?
Also wo sind die feinen Unterschiede? Außer, dass das eine distanzierter ist als das andere.

Oder sehe ich irgendwas falsch?

Okay interessant.
Ich habe Dark Fantasy einfach so kategorisiert: Hat Horroraspekte drin, düsterer und vielleicht brutaler geschrieben, befindet sich in einer fiktiven Welt, die an die reale Welt geknüpft werden kann (wie bei Kinderdieb)

Hab da kaum bis keine romantischen Inhalten mit verknüpft​:sweat_smile:

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Der feine Unterschied für mich liegt hierbei auf Objektivität und Subjektivität.
In der Ich-Perspektive ist es mir oft zu subjektiv gehalten.
Und wenn ich zB aus der Ich-Perspektive eines Mannes lese, dann kann ich für mich als Frau, viel nicht nachvollziehen, wenn ich ständig „Ich …“ lese. Als Leserin neige ich stark dazu, mich in der Handlung und den Figuren zu verlieren. Und besonders, wenn wieder einmal der „naive Dummchen“-Trait bei jungen weiblichen Protas benutzt wird, kann ich mich eher von diesen Charakteren abschirmen, wenn in der dritten Person von ihr erzählt wird.

Aus meiner Erfahrung heraus schweifen Ich-Erzählungen auch viel zu sehr in Gedankenmonologe ab.

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Was mitunter Räume eröffnet, die unglaubliche Erzählkunst werden können. Ein Ich-Erzähler muss nicht die Wahrheit erzählen. Alles erzählte kann nur seine Wahrheit sein. Er kann den Leser anlügen, Ereignisse weglassen, Geschehnisse verdrehen - oder völlig in seiner eigenen Welt leben.

The last house on needless street spielt dieses Spiel brutal gut. Erst am Ende bekommt der Leser einen Twist präsentiert, der Meisterklasse ist.
Poes Tell Tale Heart funktioniert ähnlich - der Erzähler ist komplett verrückt und im ersten Absatz nimmt er davon Abstand, um seine Version des Mordes zu erzählen.

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@michel es gibt in jedem Fall Werke, da funktioniert das super.
Allerdings spreche ich halt auch einfach nur aus meiner Erfahrung und in den meisten Fällen, waren es einfach immer wieder ewig währende Gedankenmonologe, die sich dann auch noch im Kreis gedreht haben. :woman_shrugging:

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Yep - und genau das macht einen Ich-Erzähler (für mich) so interessant. Vor allem dann, wenn im weiteren Fortgang der Geschichte weitere Ich-Erzähler zu Wort kommen, die evtl. eine andere Sichtweise oder sogar eine andere Wahrheit haben.

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Lügen und falsch erzählen darf aber auch 3. personal (ist ja dasselbe wie 1. Person, nur anders konjugiert …)

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Oh, das ist spannend. Hättest Du da Beispiele aus der Literatur?
Mir fallen da tatsächlich ad hoc keine Bücher ein, wo das so ist…
Oder habe ich da einen Knoten im Kopf… mir fallen nur Ich-Erzähler ein, die so eingesetzt werden…

+++++++++++
Nachtrag: ich hab versucht mich in „Literaturwissenschaft online“ in Erzählperspektiven einzulesen. Da kann man schon irre werden. Stanzels Dreiteilung (auktorial, Ich-Erz., personal) gilt wohl als überholt. Richtig konfus werde ich, wenn z.B. Die Blechtrommel eingeordnet werden soll. Der Ich-Erz. wechselt permanent die Perspektive - das ist aber sicherlich die Ausnahme und nicht mehr kategorisierbar.
Dennoch - unzuverlässige personale Erzähler fallen mir in bekannten Büchern nicht ein… Euch vielleicht? Möglich ist das sicher…

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Meiner Meinung nach darf der Erzähler nicht lügen, nur Informationen weglassen und den Leser durch die Wahrnehmungen und Gedanken des Protagonisten irreführen.

Der Protagonist dürfte meiner Meinung nach nur in der wörtlichen Rede lügen. Wenn der Erzähler die Gedanken des Protagonisten wiedergibt, müssen das schon die „echten“ Gedanken sein - was Irrtümer oder psychische Probleme des Protagonisten nicht ausschließt.

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Das ist auch wirklich schwer. Kennst Du „Shutter Island“ von Dennis Lehane?

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Danke. Nein, das kenne ich nur als Film.
Das war neben verschiedener südamerikanischer Geschichten eines von wenigen, die mir per Google KI genannt wurden.
Wenn ich also eine KI brauche, um überhaupt Beispiele zu finden, scheint es mir eher ein wenig verbreitetes Modell zu sein.
Mit anderen Worten: theoretisch möglich, macht aber wohl keiner.

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Ich bin ja manchmal zwanghaft und hab gestern zwei Beispiele gefunden. Eines kenne ich sogar und es ist sehr beliebt: Harry Potter und der Gefangene von Askaban. Aber nicht als personalaler Erzähler, sondernd author omnicient. Damit aber immerhin nicht Ich-Erzähler, was wohl bei 99,9% der unzuverlässigen Erzähler der Fall sein wird (einfacher und umsetzbarer).
Der Erzähler lässt uns als Leser bis zu einem bestimmten Punkt glauben, dass Sirius Black ein gesuchter Mörder ist. Dann kippt die Story mit der Erkenntnis, dass uns nicht alle Fakten genannt wurden. Aber eben kein personaler Erzähler, sondern 3rd person omniscient.
Also technisch nicht zwingend Ich-Erzähler, das stimmt soweit.

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Erzähler ist in der 3.Person (sing) personal DPOV (es braucht nicht einmal DPOV)der Protagonist; es ist die Ich-Perspektive mit anderem Pronomen. Da ist niemand als Erzähler eingeschaltet, der wertet oder korrigiert. Daher funktioniert unzuverlässiges Erzählen auch dort … Ich schreibe meine Figuren nur so, sonst kämen keine Missverständnisse zustande, Unsicherheiten etc. Da ich Romance schreibe, kommt als Korrektor (für den Leser) gern mal der zweite POV-Träger ins Spiel, aber ehrlich gesagt brauch ich den nur selten zum Einfangen. Bisher haben die Testys immer folgen können.
Unzuverlässigkeit muss kein Thema des Buchs sein.
„Das Phantom der Oper“ wird von einem Ich-Erzähler gerahmt, der aufschreibt, was er weiß; das ist dann aber 3.Person vermeintlich auktorial - und der auktoriale Erzähler tut nur großspurig, als wüsste er alles und wäre vertrauenswürdig, dabei ist alles mit Ironie und Sympathie/Antipathie durchtränkt.

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Meiner Meinung nach eignet sich Murakami (nebenan) gerade mit seinem Magischen Realismus in Ansätzen auch, den unzuverlässigen Er-Erzähler zu dokumentieren. Gerade das Magische, das Bestaunenswerte, das Wunder, das er dem Leser als die fixe Wahrheit darstellt, und die der Erzähler manchmal sogar geneigt ist, selbst nicht ganz zu glauben.

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Stimmt, aber ohne das Magische funktioniert es auch. Es sei denn, im Liebesroman zählt man die Liebe als Magie, als Ausgangspunkt für Verpeilung.

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Liebe ist immer Magie!

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Danke.
Kurz zur Verdeutlichung, was ich meine:
Mit „Unzuverlässigkeit“ ist in der Literaturwissenschaft nicht das reine Thema oder Inhalt gemeint, sondern die Persönlichkeit des Erzählers, also das Mittel dem Leser ein falsches Bild zu vermitteln. So benutze ich den Begriff auch.
Der Ich-Erzähler im Hintergrund, der die Geschichte beschreibt, ist verbreitet. Es bleibt aber ein Ich-Erzähler, auch wenn die Perspektive wechselt. Rahmenerzählung ist ja trotzdem Teil der Erzählung. Gerade bei Erzählern, die eine längst vergangene Geschichte erzählen ist es mehr als offensichtlich, denn Erinnerung ist manipulierbar und verändert die wahrgenommene Wirklichkeit. (Kennt vermutlich jeder von sich selbst).
Bei Potter ebenso: der Erzähler schaut Harry & Bande nur über die Schulter. Immer, die ganzen 7 Bände. Dennoch ist es ein Erzähler, der erste Band beginnt mit etwas wie „wo unsere Geschichte beginnt“. Also sogar 4. Wand durchbrochen.
Es scheint also jedem von uns schwer zu fallen direkt Beispiele für den „unzuverlässigen personalen Erzähler“ aus der Literatur zu finden. Und das, obwohl wir hier sicherlich kollektiv belesen sind.
Also der personale Erzähler, der innerhalb seiner Perspektive die Unwahrheit gegenüber dem Leser ausdrückt, ist wohl wenig, bis gar nicht verbreitet. Vielleicht doch kein gangbarer Weg für die Masse. Spannendes Thema.

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Eher Alchemie. :joy:
(Sry, nicht ganz ernst gemeint).

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Also der personale Erzähler, der innerhalb seiner Perspektive die Unwahrheit gegenüber dem Leser ausdrückt, ist wohl wenig, bis gar nicht verbreitet.

Eine Marktlücke? Vielleicht solltet Ihr Euch da mal rantrauen?

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Eher Alchemie.

Mit Hang zur Bodensatzbildung. Dringender Rat: öfter mal umrühren.

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Ich glaube fast: eher eine Grenze des Mediums „Schreiben“. Im Film gut darstellbar durch Szene und Perspektive. Da gibt es hunderte Beispiele.
Für mich im Buch als Autor nicht umsetzbar. Da komme ich an meine Grenzen.

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