Versuch

Ein winziges Raumschiff schwebte an Hebes Gewandsaum vorbei. Es war kleiner als eine Mücke. Noch bevor seine Existenz in Hebes Bewusstsein gedrungen war, machte sie einen Schritt. Die tosenden Turbulenzen, die ihr schwingendes Gewand erzeugte, ließen das Raumschiff wild durch den Raum taumeln. Die Kreaturen wurden von ihren Sitzen geschleudert und nur mit äußerster Willenskraft gelang es ihnen, die Kontrolle über ihr Gefährt wieder zu erlangen.

„Entschuldigung.“

Wie ein göttlicher Funke traf Hebes Wort die Kreaturen. Für den Bruchteil einer Ewigkeit wurden sie von dem Wissen um die unsterblichen Götter durchdrungen.

„Was war das?“

„Ein Plasmastrom oder so.“

„Ich würde sagen göttliche Präsenz.“

„Aha. Wundervolles Gefühl. Wo bekommen wir eigentlich was zu essen her?“

Da sieht man wieder einmal das ganze Ausmaß, mit dem sich die Götter herumschlagen müssen. Man lässt den Lebewesen einen Funken Göttlichkeit zukommen und sie denken ans Futtern.

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Mit steifen Beinen verließen die Kreaturen ihr Raumschiff.

„Es geht doch nichts über ein paar Schritte an der frischen Luft.“

„Vor allem, wenn sie so gut riecht.“

Die Kreaturen hielten jenen Körperteil in den Wind, von dem wir an dieser Stelle annehmen, dass es sich um Nasen handelt. Fassungslos betrachteten sie die Überreste des göttlichen Mahls in einer Brotzeitdose, von einer himmlischen Göttin liebevoll zubereitet. Wir dagegen würden jene Reste kaum mehr als winzige Krümel und Anhaftungen von Butter* betrachten, wenn wir dies überhaupt einer Betrachtung für würdig befänden und nicht routinemäßig die Spülmaschine einräumen würden. Die Kreaturen befanden sich im Schlaraffenland.

„Warum ist es plötzlich so dunken?“

„Jemand hat das Licht ausgemacht.“

„Kein Grund zur Panik. Wir essen schnell was und sind auch schon wieder weg.“

Irgendein Ordnungsfanatiker hatte die Brotzeitdose zugeklappt, die übrigens aus einem roten Kunststoff bestand und so den Innenraum in ein schattiges Rot tauchte. Eventuell war es Terro, der sich längst angewöhnt hatte, bei jedem Schritt eine Kleinigkeit zu erledigen.

„Kein Grund zur Panik. Wir essen schnell was und sind auch schon wieder weg.“

„Sind alle satt? Lasst uns einsteigen und von hier verschwinden.“

Natürlich benahm sich eine der Kreaturen wie ein unwürdiger Tourist am Frühstücksbuffet und deckte sich mit Vorräten ein.

„Komm endlich!“

Obwohl das Raumschiff winzig war und die Brotzeitdose so gesehen viel Raum bot, war sie doch weit entfernt davon die Ausdehnung einer Galaxie zu bieten.

„Ich bekomme seltsame Signale.“

„Der Raum ist geschrumpft.“

„Er benimmt sich atypisch.“

Es handelte sich um die typischen Raumanomalien, die in Rucksäcken vor sich gehen.

„Was passiert hier?“

„Wir müssen den Kurs halten.“

„Welchen Kurs? Hier ist alles in Bewegung.“

„Wären wir doch in unserem Vulkan geblieben.“

*vermutlich in einer veganen Variante, schließlich achten unsere Götter auf eine gesunde Ernährung

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Wir ahnen, was geschehen wird. Der Rucksack wird zu Hause desinteressiert in die Ecke geworfen, eine tadelnde Mutter* wird ihn aufheben. Sie wird die muffigen Sportklamotten waschen und die Brotzeitbox in die Spülmaschine räumen. Hoffen wir, dass die Kreaturen die Zeichen der Zeit erkennen und den kurzen Moment bis sich die Spülmaschinentür schließt zur Flucht nutzen können. Dennoch wird es eine Odyssee bis sie ihre Heimatwelt wieder erreichen. Ein Epos wird von dieser Fahrt berichten und in das literarische Gedächtnis der Welt eingehen. Atemlos werden andere, jüngere Kreaturen dem blinden Sänger lauschen und den Helden nacheifern. Unsere drei Kreaturen kennen diese Option nicht. Sie sind aktuell etwas im Stress. Lassen wir sie ruhig dort. Sie hätten ja im Vulkan bleiben können.

*Und werfen Sie mir nicht vor, dass hier nicht Vater steht. Hier geht es nicht um Gendergerechtigkeit, sondern um die nackte Wahrheit.

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Meine einzige und beste Testleserin von allen hat Urlaub. Verzeiht meine Fehler.

Athene war etwas nervös. Von Zeit zu Zeit musste sie einfach kontrollieren, ob Todesstern noch in ihrem Regalfach schwebte. Hoffen wir mal, dass sich daraus kein Tick entwickelt.
Todesstern schwebte vor sich hin, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Gerade übte sie Polsprung. Das ständig wechselnde Magnetfeld irritierte ihren Mond ziemlich. Seine Flugbahn verlief in Kurven, die niemand berechnen möchte. Glücklicherweise gab es noch keine Lebewesen, die so etwas in Angriff nehmen wollen würden. (Schon wieder diese vertrackte Aneinanderreihung von Verben, die den tadelnden Blick eines Deutschlehrers in Erinnerung ruft.) Wozu sollte man auch die Flugbahn von Himmelskörpern berechnen? Welchen Nutzen hat es? Oder geht es um die vielbeschworene Schönheit der Mathematik? Nehmen wir Botticellis Gemälde Geburt der Venus. Man könnte Oden über die Schönheit dieses Gemäldes schreiben. Jeder könnte das. Aber hat jemand schon einmal eine Erklärung gelesen, warum Mathematik schön sein sollte? Unter Umständen plausibel, bisweilen praktisch, meistens logisch - das kann man getrost bejahen, auch wenn man in der Schule ein wackeliger 4er-Kandidat war. Verlassen wir dieses unergiebige Feld und wenden uns wieder Todesstern zu.

„Sag mal Todesstern?“

„Hm.“

„Wie war das mit dem Essen?“

In Todesstern erwachte die Erinnerung an Zähne, die sich in saftigen Teig schlagen, an einzigartige Düfte und ein wunderbares Geschmackserlebnis. Jetzt ein Stück Pizza, ein großes.

„Pizza. Das ist wie eine flache Welt. Es kommt Zeug drauf. Dann in den Ofen. Und man isst sie heiß. Nicht zu heiß.“

„Ich hätte auch gerne mal Pizza.“

Gemurmel erhob sich zwischen den Welten. Normalerweise waren sie ganz auf sich selbst zurückgeworfen und arbeiteten an ihrer Entwicklung. Externe Einflüsse waren nur ausnahmsweise in Form von Kometeneinschlägen vorgesehen.

„Kannst du Pizza besorgen?“

„Und das andere.“

„Tiramisu?“

„Das dauert aber.“

Die anderen Welten waren einverstanden für diese Erfahrung etwas Wartezeit in Kauf zu nehmen.

„Und jemand muss meinen Platz einnehmen. Wegen Athene.“

„Ich mach das!“

Es gibt immer einen, der mitmacht. Und so schwebte Todesstern davon, während es sich eine andere Welt auf ihrem Regalfach gemütlich machte und Unauffälligkeit praktizierte.

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Todesstern wusste genau, wen sie fragen musste. Wo waren die Putti? Sie flog über das brachliegende Gelage. Immer schwirrten sie im Weg herum, aber wenn man sie mal brauchte, waren sie unauffindbar. Schließlich drang ein kurzes Kichern an ihr Ohr. Sie folgte dem Ton und stand vor der Küche, die natürlich mal wieder schlechte Laune zelebrierte, denn sie war vollgestopft mit den Putti, die ihre neueste Errungenschaft ausprobierten. Andererseits konnt ihnen niemand lange böse sein.
Orangennetze und Gurken lagen da, geöffnete Dosen mit Kokosmilch standen herum, Bananen, Mangos, Zitronen und was ein gut sortierter Marktstand hergibt, türmte sich auf der Arbeitsplatte der Küche wie auf einem niederländischen Stillleben des 17. Jahrhunderts. In der Mitte stand ein lärmendes Gerät und die Putti drängten sich darum, grob geschnittene Früchte und das eine oder andere Salatblatt in die neue Errungenschaft zu füllen.

„Du musst noch Kokosmilch reinkippen.“

„Und Zitrone. Sonst wird es fad.“

„Darf man eigentlich Zucker?“

„Bist du verrückt! Smoothies sollen gesund sein!“

„Du klingst wie Hebe.“

„Wirklich Leute, wenn wir ein gewisses Alter erreichen wollen, sollten wir anfangen uns gesund zu ernähren.“

Die Putti kicherten und dann drückte jemand auf den Knopf und ohrenbetäubender Lärm erfüllte die Küche.

„Also. Wer will was?“

Gläser über Gläser wurden dem Putto an dem Smoothiemaker entgegen gereckt. Man würde noch viele Portionen zubereiten können und die Maschine weit vor dem Ablauf der Garantiezeit in die geplante Obsoleszenz führen.

„Wir haben Besuch.“

„Oh, das ist Todesstern.“

„Todesstern? Die abgehauen ist und von Terro zurückgeholt wurde?“

Fragende Augen richteten sich auf Todesstern.

„Äh. Hallo.“

„Wie wäre es mit einem Smoothie?“

Wieder wurden mit Begeisterung Obst und Gemüse in die Maschine geworfen. Wieder erfüllte schrecklicher Lärm die Küche. Todesstern probierte das Ergebnis. Nicht übel. Offensichtlich gab es zwischen Himmel und Erde noch mehr als Pizza und Tiramisu.

„Wie schmeckts?“

„Toll. Und, naja, ich wollte euch was fragen.“

„Wir sind immer für dich da.“

Eine Floskel, die bei den Putti einen gefährlichen Wahrheitsgehalt einschließt.

„Also ich hätte gerne Pizza. Für die anderen Welten.“

Ein Putto zückte ein Handy.

„Kein Problem. Wir bestellen welche. Was wollt ihr?“

„Oh. Ich weiß nicht. Ich habe gar nicht gefragt.“

„Dann nehmen wir von jeder Sorte eine.“

„Will sonst noch jemand Pizza?“

Hände flogen in die Höhe und Wünsche wurden geäußert.

„Jemand Ananas?“

„Du spinnst wohl.“

30 Minuten später stand der Pizzabote mit anthrazitfarbenen Styroporboxen vor der Küche. An die letzten Meter seines Weges konnte er sich später irgendwie nicht mehr so richtig erinnern. Aber das Trinkgeld passte.

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Verwüstung herrschte. Pizzakartons stapelten sich. Peperonistiele und Pizzaränder lagen herum. Ab und zu war ein zufriedenes Rülpsen zu hören. Als Athene nach Todesstern schauen wollte, wich sie entsetzt zurück.

„Terro! Hebe! Was ist hier passiert?“

Es gab eine Krisensitzung. Aber woher die Verwüstung kam, konnte nie abschließend geklärt werden.

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Das Gelage

Amor und Psyche saßen auf einer Kline und ließen die Beine baumeln. Als Zeichen ihrer Verbundenheit schlürften sie ihren Cocktail aus einem Glas mit zwei Strohhalmen.

„Wir sind jetzt wirklich schon lange zusammen.“

„Und ich liebe dich immer noch wie am ersten Tag.“

„Ich dich auch.“

„Und ich liebe dich.“

„Was hältst du von einem Dreier?“

„Äh. Nichts?“

„Wir sollten unsere Beziehung öffnen.“

„Nö.“

„Willst du denn nicht mal was anderes erleben?“

„Nein.“

„Na gut, dann nicht.“

Okay, dann hätten die beiden das geklärt.

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Das Gelage - nochmal

Die Existenz von Pizza hatte sich im Olymp herumgesprochen. Jeder wollte dieses Gericht probieren. Allerdings weigerte sich Bocuse strikt, welche zuzubereiten. Zeus nahm sich der Sache an.

„Bocuse, wo ist dein Problem?“

Bocuse richtete sich zu seiner gesamten kulinarischen Größe auf.

„Pizza. Das ist ein Nationalgericht. Man benötigt Zutaten allererster Qualität. Es braucht einen Pizzaofen.“

„Aber das kannst du alles haben.“

„Vor allem aber benötigt man italienisches Temperament. Ich bin Franzose. Franzosen können Bouillabaisse oder Steakfrit. Keine Pizza.“

Die Götter stöhnten über diese nationalistische Einstellung zur Nahrung. Hier ging es doch nur um so etwas wie ein heißes Butterbrot.

„Ich habe einen Freund.“

„Dann hol in her.“

„Er ist tot.“

„Bocuse! Du bist auch tot. Hol diesen Freund her und dann mach endlich Pizza.“

Die Götter applaudierten. Zu Untermalung der Dringlichkeit ließen sie ein paar Magenknurrer einfließen. Bocuse machte sich davon. Die Putti diskutierten, ob es nicht auch ein Pizzaservice getan hätte.

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Das Gelage - und noch einmal

Athene saß mit den Helden zusammen. Man hatte sie um Hilfe gebeten, um bei der Klassifikation von Schreien ihre göttliche Strukturiertheit wirken zu lassen.

„Und das hier ist der Wilhelmsschrei*: Arrghhhhhhhh.“

Athene machte eine Notiz. Die Helden sahen gebannt zu, die der Eintrag in der Tabelle sichtbar wurde.

„Dann gibt es noch den Tarzan-Schrei: OoooooHoohoohoooooO.“

„Den Da-gefriert-einem-das-Blut-in-den-Adern-Schrei dürfen wir nicht vergessen.“

Ein weiterer markerschütternder Schrei drang penetrant an die Ohren der Götter.

„Sind das eigene Klassen oder schon die Objekte?“

Die Helden sahen Athene ratlos an.

„Kein Problem. Ich mach das schon. Wir wollen ja keinen Ärger mit der Revision bekommen.“

Nach einer kurzen Schweigeminute meldete sich der nächste Held.

„Wir haben noch den Tennis-Schrei.“

„Nie gehört. Was soll das sein?“

„Das ist doch nur ein anderer Name für den Schrei-äußerster-Kraftanstrengung.“

„Und den spitzen Schei: Iiiiiiiiiiiiiiiiii.“

Die Helden sahen den Sprecher an.

„Wir haben keinen spitzen Schrei. Spitze Schreie sind was für Mädchen.“

Jemand war sehr verlegen.

„Okay. Ich dachte nur. Wegen der Vollständigkeit.“

„Das geht schon in Ordnung. Ich nehme ihn auf. Vielleicht gibt es ja in Zukunft Heldinnen. Darauf sollte man vorbereitet sein.“

Die Helden sahen einander an. Es würde niemals Heldinnen geben. Niemals.

*für Nicht-Cineasten vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelmsschrei

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Neugierige Blicke betrachteten den Thron von Zeus.

„Kann man mal darauf sitzen? Nur für ein Foto.“

„Das ist leider nicht zulässig. Aber glauben sie mir, es kommen noch viele interessante Ausstellungsstücke.“

Bedauernd wandte sich die Gruppe von Zeus Sitzplatz ab und trottete weiter hinter dem Putto her.

„Und hier sehen sie die göttliche Bar. Die jungfräuliche Hebe schenkt den Göttern erlesene Getränke aus.“

In diesem Moment kam Hebe mit Evi auf dem Arm und Abby an der Hand vorbei. Sie runzelte die makellose Stirn. Aber die Zeit drängte. Sie wollte am ersten Tag von Evi und Abby pünktlich sein. Sie war immer pünktlich. Nur war ihr Reservepolster durch die beiden Kinder auf wenige Minuten geschrumpft und sie fühlte sich etwas angespannt. So konnten die Putti ihre Besuchergruppe unbehelligt durch die himmlischen Gefilde führen. Der Putto legte bedeutungsvoll eine Hand auf einen gewaltigen runden Stein.

„Hier sehen sie den Stein des Sisyphos.“

„Und wo ist er? Ich dachte, er muss den Stein hochrollen.“

„Vielleicht hat er Urlaub.“

„Oder er musste mal für kleine Jungs.“

Die Besucher lachten begeistert. Sie hatten sich das Ganze anders vorgestellt. Weniger wie eine Museumsführung. Irgendwie interaktiver. Mehr Action. Tolle Effekte. Vielleicht eine Parade der wichtigsten Götter. Auf dem Sonnenwagen mitfahren. Zunehmend benahmen sie sich wie eine pubertierende Schulklasse. Der Putto wurde nervös, kleine Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Vielleicht waren die Besichtigungstouren doch keine gute Idee gewesen. Warum nur hatte das in der Theorie so einfach geklungen.

„Wir gehen jetzt weiter zur himmlischen Küche. Bitte seien sie höflich. Dort wartet übrigens ein kleiner Imbiss auf sie.“

Während er sprach, zählte er die Gruppe durch, immer noch 25. Hoffentlich ging keiner verloren. Das war das erste und das letzte Mal, dass er Touristen umher geführt hatte.

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Das Gelage – immer noch Pizza

Loki stand lässig an Hebes Bar gelehnt und beobachtete das Treiben. Manche Götter schaufelten die Pizza einfach rein, andere zuppelten zimperlich am Belag herum. Loki nahm ein Stück in die Hand, biss ab. Nicht übel für eine Erfindung der Sterblichen.

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Das Orakel von Delphi existiert nach wie vor. Es machte gerade schwierige Zeiten durch. In einem Beratungsgespräch in ihrer Funktion als Göttin der Informatik, hatte Xyle vorgeschlagen, das Orakel ins digitale Zeitalter in Form einer netten kleinen Internetpräsenz mit angeschlossener Bezahlfunktion zu überführen. Xyle war bei den Betroffenen wider Erwarten auf offene Ohren gestoßen. Sie war etwas überrascht, denn meistens wurden ihre Vorschläge mit einem freundlichen „man wolle mal darüber schlafen“ abgewimmelt. Bei Delphi war es anders, entweder sie kannten die Zukunft oder sie griffen nach jedem Strohhalm. Im Vertrauen gesagt, sie kannten die Zukunft, weshalb sie auch gleich eine Kryptowährung mit bestellten. Xyle war also mit einem ordentlichen Auftragsvolumen zu ihrem ersten Priester unterwegs. Es gab nur ein kleines Hindernis. Xyle war ihrem Priester gegenüber noch nie in Erscheinung getreten.* Um genau zu sein, wusste er weder von ihr noch davon, dass er der erste Priester war. Außerdem knutschte er gerade mit seiner Freundin herum. Die bemerkte Xyle auch als Erste.

„Wer ist das?“

„Keine Ahnung. Hast du sie reingelassen?“

„Wie denn! Ich sitze hier die ganze Zeit auf deinem Schoß. Und: Du hast die Zunge in meinem Mund. Da solltest du bemerkt haben, wenn ich aufgestanden wäre und die Tür öffne.“

Xyle stand da und versuchte göttliche Würde auszustrahlen. Die Freundin blickte sie giftig an. Demonstrativ blieb sie sitzen. Xyle sammelte sich und als sie die volle Aufmerksamkeit der beiden hatte sprach sie.

„Sterbliche. Ich bin die Göttin Xyle. Göttin der Informatik und der liegengebliebenen Aufgaben.“

„Sollen wir jetzt auf die Knie fallen? Oder was.“

Xyle hob eine Augenbraue und sah die Freundin an. Die Freundin hatte den deutlichen und gleichzeitig zutreffenden Eindruck, dass sie schweigen sollte.

„Du, Sterblicher, bis erwählt mein erster Priester zu sein.“

Der Informatiker blickte skeptisch. Es war aus der Kirche ausgetreten, weil er nicht an Gott (weder im Singular noch im Plural) glaubte. Und nur weil jemand unbemerkt herein spaziert kam, war das kein Anlass, die Einstellung zu ändern. Xyle nahm die Skepsis wahr. Es war wohl nötig göttliche Macht zu zeigen. Sie entfaltete ihre wahre Größe und teleportierte die beiden vor Zeus.

„Oh, Xyles erster Priester. Und seine Freundin.“

Zeus hätte wesentlich beeindruckender gewirkt, wenn er sich nicht gerade ein Stück Pizza (Station zwei von Quattro Stagioni) zwischen die Kiemen geschoben hätte. Wobei das nicht wörtlich zu nehmen ist. Zeus hat keine Kiemen. Sowas braucht ein Gott nicht. Im Grunde braucht man als Gott auch keine Nase, aber es sieht hübscher aus.

Der erste Priester Xyles saß wieder vor seinem Computer. Er war ziemlich verdutzt. Solche Sachen passierten ihm sonst nie. Außer vielleicht – ihm fielen ein paar Ungereimtheiten der letzten Zeit ein, die sich auf unerklärliche Weise sehr vorteilhaft für ihn entwickelt hatten. Er sah zu Xyle auf. Ein Hauch von Ehrfurcht ergriff ihn. Das war natürlich kein Grund gleich gläubig zu werden.

„Äh.“

„Das ist – für einen Sterblichen – eine überaus treffende Erkenntnis.“

Nun, da der Priester überzeugt war und seine Freundin nicht mehr mit weiblichen Reizen dazwischen funken konnte, denn Xyle hatte sie vorläufig an der Bar gelassen, erklärte Xyle das Projekt Delpi. Der Priester nickte artig. Gedankenblitze schossen durch seine neuronalen Netzwerke wie Pingpongbälle bei einer Weltmeisterschaft. Vor seinem inneren Auge sah er die endlose Masse der Ratsuchenden auf die Orakelseite klicken. Man sollte aber etwas weniger kryptische Antworten geben. Das wäre sicherlich, er suchte nach einem passenden Wort und fand es schließlich in einem anderen Fachgebiet, rentabler. Xyle sah, dass ihre Botschaft angekommen war. Bald würde sie seine Freundin zurückschicken. Nicht zu früh.

*soweit ich mich erinnere

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Ihre Gedanken schweiften ab zu ihrem Ausflug nach oben. Höfliche Leute, sie hatten ihr gleich einen Cocktail angeboten.

„Ich hätte hier auch was Gesundes. Mit Weizengras.“

Die Freundin war an der Bar abgestellt worden und sie lag völlig richtig damit, dass sie hier babygesittet wurde. Hebe hatte ein Auge auf sie. Wie verhindert man, dass jemand auf dumme Gedanken kommt? Hebe hatte die Erfahrung vieler Gastronomiebeschäftigter gemacht, dass Leute, die mit der Aufnahme wohlschmeckender Flüssigkeiten oder Feststoffe beschäftigt waren, eine starke Ortstreue zeigten. Kinder ausgenommen, die waren unberechenbar. Die Freundin war dankbar für Hebes Zuwendung. Und so saß sie da mit einem ganz köstlichen und laut nachdrücklicher Versicherung außerdem gesunden Getränk.

„Das ist ganz wunderbar.“

„Danke sehr.“

Hebe lächelte erfreut. Es kam selten vor, dass man ihrer Arbeit Anerkennung zukommen ließ.

„Und darf ich fragen, was drin ist?“

„Och eigentlich nicht viel.“

Götter haben ein anderes Verständnis von „mal eben“, „ganz kurz“ und „nicht viel“. Die Freundin kam nach der siebten Zutat nicht mehr mit. Ein zusätzlicher Schweregrad war „und wenn du das nicht da hast, kannst du auch das und sowas nehmen“. Sie beschloss einfach genussvoll weiter zu schlürfen und in die unglaublichen Augen von Hebe zu schauen, die einen ganzen Kosmos zu enthalten schienen.

„Also wenn du nichts dagegen hast, ich helfe gerne.“

Eine Sterbliche an der göttlichen Bar. Hebe musste einen Augenblick nachdenken. Aber hey, jemand der freiwillig Gläser poliert!

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Vor sich hinträumend saß die Freundin neben Xyles erstem Priester und Justin Branftl auf der Bierbank und ließ deren Gedankenspiele an sich vorbeirauschen. Der Wind wiegte die Blätter der vorschriftsmäßigen Kastanie sanft, weich fielen Schatten und Sonnenlicht auf die drei.

„Wir könnten doch hinfahren. Eine Exkursion machen.“

Xyles erster Priester und Justin sahen die Freundin an. Bisher hatte sie sich korrekt verhalten. Nicht groß gestört und so. Plötzlich mischte sie sich ins Gespräch ein.

„Das ist eine interessante Idee.“

„Ihr könnt es gut vertragen mal raus zu kommen.“

Justin Branftl war skeptisch.

„Ich weiß nicht. Das ist Ausland. Da sind Menschen. Fremde Menschen. Sachen. Genau. Man muss Sachen organisieren.“

„Och, das mache ich. Ihr müsst euch um nichts kümmern.“

Der Gedanke an eine kleine Reise reizte die Freundin. Und schließlich war sie schon einmal in Griechenland gewesen.

„Können wir später darüber reden?“

Die Freundin praktizierte ein zustimmendes kleines Schulterzucken.

„Sicher.“

Xyles erster Priester hatte wenig Erfahrung mit Weibern. Er würde zustimmen. Er würde Justin überzeugen. Und er würde nicht verstehen, wie es dazu gekommen war.
Die Freundin stand auf, um sich einen kleinen Imbiss an einer der Selbstbedienungsbuden zu holen.
Brotus und Wurstus – Sie ahnen es: Die Schutzgötter* der Imbisswagen und Foodtrucks – sahen ihr lächelnd entgegen. Nie würde sie erfahren, dass Götter ihr die Speise gereicht hatten. Aber so ist das, wen die Götter lieben, dem geben sie Brot und Wurst. Oder etwas anderes.

*Die beiden sind keine Erfindung von mir, sondern von einem verrückten Professor an einer Brennpunkthochschule, der seit Wochen kichernd die beiden Namen in unsere Gespräche einfließen ließ, bis ich sie endlich im Text platzierte, woraufhin er zurückschreckend meinte, dass er den Text nicht mit seinen Einfällen ruinieren wolle, was ich für unmöglich halte.

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Brotus und Wurstus waren in einem sehr weit gesteckten Rahmen, einem außerordentlich weit gesteckten Rahmen, so etwas wie Götter. Der Hauch der Göttlichkeit, der unsere drei Teilnehmer von Projekt Delphi umgab, weckte den unwiderstehlichen Wunsch es den anderen Göttern gleich zu tun und am göttlichen Gelage teilzunehmen.

Als begabte Spitzbuben taten sie es nach einer kurzen Orientierungsphase den anderen Göttern gleich und streckten sich auf einer Kline aus. Von ihrer Herkunft her waren sie harte Bierbänke und Stehtische gewohnt, daher zappelten sie herum, ohne eine wirklich bequeme Position zu finden, in der man in der Lage war Getränke und Nahrung zu konsumieren. Und dann noch diese seltsamen Trinkgefäße. Wie sollte man die (a) halten und (b) daraus trinken! Aber das waren verblassende Nebensächlichkeiten angesichts der Tatsache, dass sie es hierher geschafft hatten. Als Gleiche unter Gleichen nahmen sie am Gelage teil. Brotus und Wurstus prosteten sich zu, schlürften die edlen Getränke, gaben sich mit ölivenöltriefenden Fingern ein High five, stimmten ein fröhliches Lied über einen toten Fisch im Wasser an, den man hie zu machen gedenke. Es gefiel ihnen außerordentlich gut.

„He, Süße! Schenk nach! Wir wollen einen heben.“

„Ketchup. Wir wollen Ketchup!“

„Es gibt kein Bier auf Haiwaii.“

„Und wo ist eigentlich Prostus!“

Brotus und Wurstus verbreiteten eine gesunde Volksfeststimmung. Leider färbte sie nicht auf die Götter ab. Schon ruhte Zeus majestätischer Blick auf den beiden. Stirnrunzelnd ging er seine Bekanntschaften durch, aber er konnte sich keiner Dame erinnern, die für eine derartige Nachkommenschaft verantwortlich sein könnte. Zeus rief die Putti zu sich.

„Wer sind die zwei?“

„Keine Ahnung.“

„Kenne ich nicht.“

„Weiß nicht.“

„Hm.“

„Habt ihr sie her gebracht?“

Entrüstet wiesen die Putti diese Anschuldigung zurück. Es war ein gutes Gefühl, einmal nicht schuldig zu sein.

„Gut, gut. Ihr könnt gehen.“

Brotus und Wurstus intonierten weitere nicht so liebliche Lieder.

„Frau Meier, Frau Meier hat gelbe Unterhosen an, mit rote Mascherl dran.“

„Oans-zwoa-gsuffa!“

Und mit Schwung kippten sich die beiden Elemente, denen ihre spitzbübische Unauffälligkeit unter dem Einfluss himmlischer Getränke verloren gegangen war, weitere Flüssigkeiten in die Kehle. Etwas ging daneben. Überhaupt sah es um sie herum reichlich verwüstet aus. Seltsamerweise hatten sich unter ihren Klinen Zigarettenstummel, angebissene Brezen und biergetränkte Lebkuchenherzen versammelt. Die Manifestationen von Volksfesten fühlten sich von den Gesängen magisch angezogen und waren aus dem Nichts aufgetaucht.
Wer auch immer die beiden waren, Zeus kam zu dem Schluss, dass sie hier nichts zu suchen hatten. Sein unerbittlicher Blick richtete sich erst auf den einen, dann auf den anderen. Und dann lagen auf einem Frühstücksbrettchen einträchtig nebeneinander ein Wurstbrot und verwirrenderweise ein Käsebrot, jeweils mit einem halben Gürkchen garniert. Es war ihnen nur noch eine kurze Verweildauer vergönnt.

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„Wir machen einen Warp-Antrieb.“

„Oh Mann. Das gibt es in Wirklichkeit doch gar nicht. Das ist nur so eine Idee von den Sterblichen.“

„Dann eine Drohne.“

„Können wir nicht machen. Ist zu auffällig.“

Die Putti saßen zwischen Blechstücken und kleinen Antriebseinheiten (konventioneller Stil). Um sie herum waren Schrauben wie Konfetti nach einem Karnevalsumzug* verstreut.

„Wir haben drei Möglichkeiten. Beine, Räder oder Ketten. Was nehmen wir?“

„Schwierige Frage.“

„Wirklich schwierig.“

„Ich würde sagen alle drei.“

In den Augen der anwesenden Putti spiegelte sich Verständnislosigkeit und wir verzichten hier ausnahmsweise darauf, aus einem abstrakten Nomen eine weitere Gottheit entstehen zu lassen. Es handelte sich also um normale Verständnislosigkeit, die gemeinhin dann anzutreffen ist, wenn man eine Gebrauchsanweisung liest, was dazu geführt hat, dass selbige generell nicht gelesen werden. Für diesen Fall wurde die Theorie der „intuitiven Bedienung“ entwickelt. Es handelt sich um eine hochabstrakte Theorie, die von Wissenschaftlern mit Begeisterung vertreten wird, aber letztendlich nur so ein Hype ist, der in kurzer Zeit wieder in der Versenkung verschwinden wird. Zum Schluss wünscht sich jeder doch nur einfach einen Knopf zum Drücken.
Die Idee alle drei Fortbewegungsstile einzusetzen führte zu einer Maschine, die ihren Namen sehr anmutig tanzen konnte, leider aber keinen Schritt vorwärtskam. Man beschloss drei Teams zu bilden und die Maschinen gegeneinander antreten zu lassen. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass es sich um eine geheime Mission handelte, und so konnte der Wettkampf nicht vor den Göttern stattfinden. Man verlegte ihn in die Primärerziehung Stufe I und Stufe II. Da sind waren auch Götter anwesend. Aber es sind ja noch Kinder. Ganz wollten die Putti nicht auf Publikum verzichten.
Im Garten hatte man eine kleine Rennstrecke aufgebaut. Die kindlichen Götter saßen gespannt auf dem Rasen und stopften Popcorn in sich hinein.** Ein Knall ertönte, und drei Maschinen rasten los, wenn man den Zeitraffer eingeschaltet hätte. Sie bewegten sich so langsam, dass der Verdacht bestand, sie würden stehen.
Die Zuschauer hatten ein Spektakel erwartet, irgendwas mit Aktion, gewagte Überholmanöver, Crashs. Nun saßen sie rum und es geschah nahezu nichts. Mal abgesehen von den drei Putti-Teams, die hektisch um ihr jeweiliges Gefährt herum flatterten und den Fehler suchten. Kleine Götter haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, außerdem waren sie mehr als satt vom Popcorn, sie wandten sich anderen Dingen zu. Die Putti blieben verzweifelt zurück.

„Ist unser Projekt zum Scheitern verurteilt?“

Terro sah auf die niedergeschlagenen Putti hinab.

„Was auch immer das werden sollte, es ist nicht eure Schlüsselqualifikation.“

Die Putti stimmten bedrückt zu.

„Warum geht ihr nicht zu einem Experten?“

Hoffnung glomm in den Augen der Niedergeschlagenen auf.

„Seht nicht mich an! Ich kenne mich mit Maschinen nun wirklich nicht aus. Geht zu Hephaistos.“

Die Putti erkannten die den Worten innewohnende Weisheit, klaubten Werkzeug, Ersatzteile und Maschinen zusammen und flatterten davon. Terro sah erst ihnen nach, dann den Ameisen, die das herabgefallene Popcorn auf LKW verluden.

  • Die Putti lieben Karneval. Sie nehmen immer an den Umzügen teil. Stellen sich auf die Wagen und werfen mit Kamellen. Gehen sie mal hin. Sie sehen sicher welche.

** Man kann keinen Wettkampf veranstalten, ohne die Materialisierung eines Currywurst-Bier-Popkorn-Verkäufers. Sie haben vermutlich ein digitales Frühwarnsystem.

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Hephaistos drehte und wendete die Maschinen in seinen Händen, während sich die Putti auf seinen Arbeitsgeräten niederließen. So ein Putto auf einem Amboss kann einen reizvollen Kontrast darstellen, aber wenn sie an einer Ständerbohrmaschine herumfummeln, kann man schon einmal nervös werden. Ein kurzer Seitenblick von Hephaistos hielt sie von weiteren Erkundungen ab.

„Was wollt ihr eigentlich damit?“

Die Putti drucksten herum.

„Leute, wenn ihr mir nichts sagt, kann ich euch nicht helfen. Wie wäre es, wenn ihr jetzt nicht weiter meine Zeit in Anspruch nehmt?“

Hephaistos stellte die Maschinen auf die Werkbank und fing an ein Schwert zu polieren. Die Putti steckten die Köpfe zusammen.

„Du bist der einzige, der uns helfen kann.“

„Ihr sagt mir, worum es geht und ich entscheide, ob ich euch helfe. Und ihr lasst die Finger von meinem Werkzeug.“

Der eine oder andere Hammer wurde dezent beiseite gelegt, eine Zange fand ihren Weg zurück an den Wandhaken, verschiedene Schrauben wanderten in ihre Fächer.

Und dann erzählten die Putti, dass sie neulich Sisyphos gesehen hätten und dass er gar nichts mehr Hoch bekomme, also den Stein, völlig depressiv sei er und da hätten sie beschlossen ihm zu helfen. Mit einer Maschine, die ihn ein unterstützt. Nur damit es ihm wieder ein bisschen besser geht. Außerdem täte ihnen der Stein leid.

Für Hephaistos, der übrigens lieber „H“ – sprich Äitsch – genannt werden wollte, war das Mitgefühl eine eher zweitrangige Motivation. Aber er hatte schon lange keinen interessanten Auftrag mehr bekommen. Während sein Mund noch abwehrende Bemerkungen formulierte, krabbelten bereits Problemlösungen durch seine Gehirnwindungen. Er verscheuchte die Putti von seiner Werkbank, nahm ihnen die noch verbliebenen Schraubenzieher aus den Händen und griff nach einem Blechstück. Nach einem Plan, den nur er kannte, begann er es zu biegen und zu falzen. Er bohrte Löcher in präzisen Abständen und war offensichtlich in einer anderen Welt.

Die Putti schauten ihm zu, bis es ihnen zu langweilig wurde. Ihre angeborene Aufmerksamkeitsdefizitstörung trieb sie aus der Werkstatt zu anderen Dingen hin. Immerhin gaben sie sich Mühe, so wenig Lärm wie möglich zu machen. H nahm sie schon längst nicht mehr wahr.

„Macht er jetzt was, oder wie?“

„Er hat gar nicht geantwortet.“

„Ich glaube, er hat uns einfach vergessen.“

„Gehen wir einfach demnächst mal vorbei und sehen nach.“

Als die Putti Tage später vorbeikamen, präsentierte H eine Maschine mit revolutionärem Antriebsmechanismus. Die Putti waren begeistert.

„Was bekommst du dafür?“

„Ach. Ich weiß nicht.“

„Nun sag schon.“

„Es ist aber ein bisschen peinlich.“

„Wir halten uns die Ohren zu.“

Das mag jetzt absurd erscheinen, aber Akustik ist einfach überbewertet. Gedankenübertragung tuts auch.

„Von unten. Dessous. Irgendwas Rotes. Oder Schwarz. Aus Spitze. Vielleicht auch aus Leder. Ihr wisst schon, sucht was Nettes für meine Frau aus.
Und dann war da noch das unhörbare Verlangen nach einem rosa Spitzenhöschen für sich selbst. Auch dieser Wunsch kam bei den Putti an. Es war sowieso mal wieder Zeit für einen kleinen Ausflug nach unten. Warum ihn nicht mit dem Besuch in einem hübschen Laden voller Schleifchen und Spitzen verbinden?

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Von Zeit zu Zeit benötigte Loki Me-Time. Natürlich stellte das die Beziehung zu Hebe in keinster Weise in Frage. Aber dennoch brauchte er eine kleine Auszeit, einen Ausflug nach unten. Und so tätschelte er politisch unkorrekt Hebes Hintern, der beste, der ihm jemals unter die Augen und Hände gekommen war.

„Ich geh mal runter.“

Hebe wußte, dass es nicht darum ging, eine Flasche Wein aus dem Keller zu holen, mal abgesehen davon, dass es keinen Keller gab und Wein traditionellerweise in Amphoren gelagert wurde. Sie gab ein zustimmendes Geräusch von sich. Wenn sich Zeus unten bei den Sterblichen rumtrieb, war das immer mit einem gewissen Risiko behaftet, bei Loki war das etwas anderes. Hebe vertraute ihm. Außerdem war es eine gute Gelegenheit, die Architektur zu streichen, eine die Säulen hatten sichtbare Spuren von Kinderhänden abbekommen.
Loki packte seine Sachen, was bei einem Gott normalerweise ausgesprochen unprätentiös verläuft. Wozu ist man ein Gott! Man, also wir, könnte sich jetzt fragen, ob Aphrodite den einen oder anderen Koffer mehr benötigte als andere Götter. Tatsächlich waren es viele Koffer für die verschiedensten Reiseutensilien. Sie waren alle leer. Man muß ja auf sein Image achten.
Loki atmete die verseuchte Luft der Sterblichen ein. Er konstatierte eine deutliche Abnahme des Feinstaubs, eine verblüffende Zunahme an Kohlenstoffdioxid und einige vernachlässigbare Verschiebungen der Gaszusammensetzung. Er wanderte durch die Städte und ließ sich inspirieren. Ein weiterer Dönerladen hier, dort noch ein Nagelstudio. Seine Bemühungen zur Verscheußlichung des Stadtbildes konnten nicht mit denen der Sterblichen konkurrieren. Ein wenig gelangweilt stand er auf einem Bahnsteig und kaute auf etwas herum, das es schaffte, scharfkantig knusprig und gleichzeitig von zäher Labberigkeit zu sein. Bahnhofsgebäck hat offensichtlich eine Neigung zum übertriebenen Einsatz von Adjektiven. Loki betrachtete wohlwollend jenes Gebäck, das vorgab essbar zu sein. Und während die Züge an ihm vorbeiglitten, kam die Inspiration über ihn. Er warf das Brötchen oder was auch immer es war in die Luft, wo es in tausende Krümel zerbarst und die erwartungsgemäße Aufmerksamkeit der Tauben weckte. Loki eilte davon.

„Wir müssen unseren Wählern etwas zurückgeben.“

„Wieso denn das?“

„Damit wir wieder gewählt werden.“

Loki lauschte einer Runde hochrangiger* Politiker, die dabei waren die Möglichkeiten ihres Handelns auszuloten. Hier war er richtig. Er hauchte ein Wort in die Runde. Einer der Politiker richtete sich zu seiner vollen Sitzgröße auf.

„Das 9-€-Ticket.“

„Was soll das sein?“

Der Politiker wusste nicht, woher der Einfall kam, was er damit meinte und außerdem hatte er auch gar keine Zeit, um darüber nachzudenken.

„Das klingt nach einer guten Idee.“

„Sag ich doch.“

„So setzen wir das um.“

Keiner von ihnen wusste, wovon sie sprachen. Sie würden das Wort einfach an ihre Referenten weitergeben. Sollten die mal für ihr Geld arbeiten.

Etwas später wandelte Loki vergnügt auf den Bahnsteigen umher. Er fütterte Tauben mit jenen Nahrungsmitteln, die man an Bahnhöfen überteuert erstehen kann und die niemals Hebes Zustimmung erhalten würden. Die Sterblichen ballten sich vor Zugtüren, Fahrräder verkeilten sich, schrille Stimmen kreischten, Anschuldigungen wurden getätigt, man blaffte einander an, Kinder heulten, verzweifelte Durchsagen ertönten. Loki war sehr zufrieden. Es war wie mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings. Ein tolles Spielzeug, diese Bahn. Er lauschte den Durchsagen und ließ seine Blicke über die Sterblichen schweifen. FUCK! Da war Zeus. Paralysiert lief er einer Gruppe junger Frauen in selbst für Sterbliche unpassender Kleidung hinterher. Sie giggelten und stießen mit Plastikbechern an. So sehr Loki das Chaos in der Welt der Sterblichen liebte, so wenig liebte er den Stress, wenn Zeus mal wieder seine Hose nicht oben behalten konnte.

„Hallo Zeus, auch mal wieder hier unten? Komm lass uns was trinken gehen.“

Zeus erwachte aus seiner Trance. Irritiert blickte er auf Loki, der an seinem Arm zerrte. Folgsam ließ er sich wieder nach oben bringen.

*Basis Grundsatz No 2876 der Demokratie: Hochrangige Politiker werden gemeinhin von hochrangigem Stimmvieh gewählt.

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Die Götter lieben Geschenke. Stellen Sie sich eine Influencerin vor. Sie LIEBT diese Schuhe. Oder jenes vegane und gleichzeitig kalorienfreie Gericht. Mit diesem Nachdruck müssen Sie sich die Gefühle der Götter vorstellen. Was die Influencerin in Wirklichkeit denkt*, ist in diesem Kontext bedeutungslos. Leider bekamen die Götter viel zu häufig solche Geschenke wie tönerne Gebärmütter oder Blechbeine. Nicht zu vergessen der Mist, den ihnen Prometheus damals eingebrockt hatte. Zum Glück hatten sie jetzt Bocuse, der aus allem eine Köstlichkeit zaubern konnte.

Das Fest, also der Tag an dem Ostern und Weihnachten zusammenfallen, war ein wirklich großes Fest. Man gab sich nicht mit schlunzegefüllten Schokoeiern ab - Krokant ist natürlich etwas anderes - das Fest war also eine wirklich große Sache. Götter machten sich Gedanken, was sie ihren Liebsten schenken sollten. Es gab Götter der Kategorie A und der Kategorie B. A waren die Planer, die seit Monaten vorbereitet waren und denen bestenfalls der Tesafilm ausging, weil Evi und Abby den Arm einer Statue wieder ankleben mussten, der rein zufällig abgefallen war. Bälle hatten damit nichts zu tun. Bestimmt nicht. Und dann gab es Kategorie B, die panisch bei Hephaistos auftauchten, um ein Last-Minute-Geschenk in Auftrag zu geben. Hephaistos gehörte zu Kategorie A. Wenn man den Job erst einmal tausend Jahre lang gemacht hat, weiß man, wie es läuft. Er kannte sich bestens mit Saisonzeiten aus.

„Äh. Hallo. Hephaistos.“

Wir erinnern uns, dass Hephaistos sich lieber H. nannte – bitte sprechen Sie das englisch aus. H. grummelte in seinen Bart. Es gab zu viele Kategorie-B-Götter.

„Ich weiß ja, du hast viel zu tun.“

Es gab definitiv zu viele. Aber H. war vorbereitet. Er hatte in den letzten Monaten Geschenke aller Art hergestellt, zum Beispiel gewöhnliche Ringe, juwelenbesetzte Ringe und Ringe, aus denen ein Regenschirm ausklappte.

„Grummelgrummel.“

„Vielleicht könntest du mir was ganz einfaches machen? Einen Ring?“

„Grummelgrummel. Na gut.“

„Mit ein paar Diamanten?“

„Meinetwegen.“

„Und einer Gravur?“

„Hm.“

„Eventuell noch ein Diadem dazu? Nichts auffälliges. Aber elegant.“

„…“

„Und wann ist es fertig?“

Das war das Schreckliche an den Göttern, wenn man ihnen den kleinen Finger gab, nahmen sie gleich weitere unentbehrliche Körperteile mit. Und darum hatte Hephaistos in einem unauffälligen Werkzeugschrank all das gebunkert, was er im Laufe der nächsten Tage verkaufen würde. Und warum musste er eigentlich für die Kategorie-B-Götter mitdenken!

*Ich will Spaghetti. Sofort. Mit Käse. Mehr Käse.

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Wenn Zeus ruft, dann lässt man alles stehen und liegen. Wirklich alles. Nicht nur die Gabel oder die Maurerkelle. Selbst die Putti hatten das nach mehreren Fehlversuchen verstanden. Küche schluchzte ein bisschen, als die Putti sie wieder einmal in völliger Verwüstung zurückließen. Dabei hatten sie gar nichts kompliziertes gemacht. Es ist erstaunlich, was man mit einem Reiskocher anstellen kann. Und einer Popkornmaschine. Den Sandwichmaker nicht zu vergessen. Und so flatterte eine Wolke von nervösen Putti um Zeus herum.

„Ihr!“

Panik kam auf.

„Ihr werdet die Dekoration für das Fest übernehmen.“

Sichtbare Erleichterung, die in der rapide gesunkenen Frequenz der Flügelschläge zum Ausdruck kam, legte sich über den Raum. Die Putti ließen sich auf den Boden sinken, die Augen erwartungsvoll auf Zeus gerichtet.

„Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.“

Gestatten Sie mir hier zwei Anmerkungen. (1) Es handelt sich um einen Ausspruch mit Anwartschaft auf die 144 unsäglichsten Sätze der Menschheit. (2) Selbst Zeus ist nicht vor der Anwendung gefeit.

Als die Putti unten ankamen, herrschte (zumindest auf der Nordhalbkugel, wenn man von Scheibenwelten und anderen Möglichkeiten absieht) glühender Sommer. Die Sterblichen teilten sich in zwei Gruppen, jene, die ihre Körper der Sonne entgegenhielten, um dem Hautkrebs optimale Voraussetzungen zu bieten, und die anderen, die im Schatten der Häuser schweißtriefend einherschlichen und dank strikter Vermeidungshaltung ein bedenkliches Vitamin-D-Defizit entwickelt hatten. Der Sommer ist wunderbar, bietet für jeden etwas, hat aber aufgrund der ihm innewohnenden Angenehmheit die Eigenschaft, vollständig auf festliche Dekorationsgegenstände zu verzichten. Niemand hat das Bedürfnis nach Schokohasen oder Christbaumkugeln (Lebkuchen im August sind mehr als lustiger Antagonismus zu sehen. Eine Idee von Loki.). Die Putti schwärmten aus. In Kleingruppen durchstöberten sie das Angebot der Sterblichen in Sachen „der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt“. Tütenbeladen trafen sie sich in der üblen Spelunke „Chez Dionysos“ zur Bestandsaufnahme. Es wurden unter Beifall aufblasbare Krokodile, Schwimmflügel (die besondere Heiterkeit hervorriefen), und eine Unmenge bunter Plastikutensilien präsentiert.
Dionysos betrieb mehrere gastronomische Stätten. Es ging ihm weniger darum, Geld zu verdienen, eher darum, die Veränderungen im Trinkverhalten der Sterblichen zu beobachten. Zufälligerweise befand er sich gerade auf einem Inspektionsgang. Er traf jenes Chaos an, das Putti gemeinhin um sich verbreiten. Die Gäste kamen ihm vage bekannt vor. Er durchforstete seine Gehirnwindungen, stellte fest, dass Flügel bei den Sterblichen kein typisches körperliches Merkmal sind und kam durch ein komplexes Ausschlussverfahren auf die Lösung.

„Hallo Leute!“

Die dröhnende Stimme ließ die Putti verstummen.

„Was habt ihr denn Schönes dabei?“

„Oh. Das. Dekoration für das Fest.“

Ein Luftschwall nutzte die entstandene Stille, um zischend einem Wasserball zu entkommen.

„Was ihr nicht sagt.“

Dionysos war ein ausgesprochener Kenner von Festen, insbesondere die nach ihm adjektivierten. Die Putti musterten erst den keine Miene verziehenden Gott, dann ihre Einkäufe.

„Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Hat Zeus gesagt.“

„Meine lieben Kinder.“

Die Putti hassten es, wenn sie so gönnerhaft angesprochen wurden.

„Was Zeus gesagt hat, ist vollkommen irrelevant. Ihr müsst tun, was Zeus gewollt hat.“

Die Putti vermuteten, dass sie einen relevanten Aspekt des Auftrags nicht mitbekommen hatten.

„Äh. Und was wollte Zeus?“

Dionysos fand sich in der Rolle des Lehrers wieder und es gefiel ihm sehr gut. Er legte den Putti die Grundzüge des Veranstaltungswesens unter besonderer Berücksichtigung visueller Dekorationsaspekte dar.

„Im wesentlichen geht es um Gold und Atmosphäre.“

Verzweifelte Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Es klang so, als würden kleine bunte Plastikgegenstände die Anforderung nicht erfüllen.

„Und jetzt fragt ihr euch, wie das gehen soll.“

Dionysios wanderte zur Tür und drehte das Schild auf „Sorry. We are Closed“ um. Die Putti sahen sich an. Das sah verdammtnochmal wie Nachhilfe aus. Und es gab kein Entkommen.

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