Versuch

Hallo an alle,
eigentlich hätte ich nächste Woche Urlaub gehabt, aber der wurde wegen systemrelevanter Unabkömmlichkeit gestrichen. Dabei hatte ich so viel vor. An dem Text über das Auktionshaus weiterarbeiten, WhatsApp-Sticker basteln, die Kinder nerven. Und überlegen, was ich hiermit mache:

Plattentektonik wird nicht durch gewaltige unterirdische Lavaströme ausgelöst, sondern durch große Brüder. Sie schwingen ihre Schwerter und hacken auf die Welt des kleinen Bruders ein. Jeder Gott hat seine eigene Welt, das wird gemeinhin als Monotheismus bezeichnet. Kleine Götter haben kleine, unreife Welten, die brodeln und voller vulkanischer Aktivität sind. Wenn die Götter älter werden, wächst ihre Welt mit. Das herumrollen der Welt auf dem Küchenboden nach dem Abendessen sorgt übrigens für den evolutionären Urknall.

Ein Gott spawnt gleichzeitig mit seiner Welt. Leider befinden sich beide am Anfang in ziemlich rohem Zustand. Für die Welt bedeutet das, eine kochende, rotglühende Kugel zu sein, für den Gott sich in dem Zustand eines hilflosen Säuglings zu befinden. Eventuell ist er in der Lage, die eine oder andere Schlange zu erwürgen. Wie gesagt, ziemlich hilflos.

Xyle, Göttin der liegengebliebenen Aufgaben, und ihr Gatte Terro, ein Held, hatten ein weiteres Kind gezeugt. Sie nannten es Gotta und vertrauten es der Ziege Amaltheia 4711*an, die sich bereits um ihre anderen Kinder gekümmert hatte. Xyle und Terro interessierten sich mehr für den Zeugungsakt als für die Aufzucht ihrer Kinderschar. Sie vertrauten auf die Sozialisation des göttlichen Bildungssystems. Warum einem Profi reinpfuschen, der sich richtig Gedanken gemacht hatte und außerdem schnell beleidigt war. Keiner machte Athene bei Bildung was vor.

So lieferte Xyle ihren Sohn Gotta an seinem dritten Geburtstag an der Pforte Primärerziehung Stufe I ab. Sie gab ihm einen zerstreuten Kuss, in Gedanken bei der wichtigen Aufgabe, die sie dringend erledigen musste, an die sie sich im Augenblick aber nicht erinnern konnte.

Gotta wurde von der Erzieherin Hebe, im Nebenberuf Antialkoholikerin, in Empfang genommen. Als erstes nahm ihm Hebe seine Welt ab und stellte sie in das Regal über seinen Schuhen und seiner Jacke. Gemeinsam betraten sie den Gruppenraum. Götter in Gottas Alter rannten herum und taten das, was Götter und Dreijährige tun, sich verbrüdern und andere ärgern. Hebe klatschte in die Hände, was die Aufmerksamkeit der kleinen Götter wecken sollte, aber keine Auswirkungen hatte. Hebe war der Ansicht, dass der Gebrauch von zu viel göttlicher Macht korrumpiert. Darum leitete sie ihre Gruppe mit pädagogischen Maßnahmen. Bedauerlicherweise lernten die kleinen Götter sehr schnell, dass man Pädagogik sanktionslos ignorieren kann und reagierten prinzipiell nicht. Wenn Hebe etwas erreichen wolle, blieb ihr nichts anderes übrig als göttliche Macht anzuwenden und den Kindern (Anm. d. Verf.: aus Gründen der Lesbarkeit werden im Folgenden kleine Götter und Kinder synonym verwendet) ihren Willen aufzuzwingen. Nachdem ihr Klatschen nichts bewirkt hatte und auch der Versuch mit einer Klangschale das gewünschte Verhalten nicht hervorgebracht hatte, runzelte sie leicht die makellose Stirn und wies die Kinder an, sich im Kreis um sie zu setzen. Es klappte und Hebe seufzte innerlich, unzufrieden mit sich. Sie legte die Hände auf die Schultern von Gotta, wobei sie in die Knie gehen musste, und stellte ihn den anderen Kindern vor.


*Eine Ziege Amaltheia reicht einfach nicht für die zahlreichen Nachkommen der Götter.

Ein schönes Wochenende und bleibt gesund!

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Oh, das kann was Spannendes werden. Aber gerade eben liest es sich für mich ein wenig wie Genesis (Bibel). Endlos viele Namen, die ich hinnehmen muss, ohne, dass ich einen Wert für mich oder die Geschichte entdecke.
Könntest du ggf. langsamer starten? Vielleicht indirekt dein Universum erklären über erstmal nur eine Götterfamilie (Vater, Mutter, Kind).

“Hast du schon mit Athene wegen dem Kita Platz für Gotta gesprochen?”, fragte Xyle “Er hat neulich schon wieder eine Schlange am falschem Ende gewürgt. Es wird wirklich Zeit, er ist bald drei Jahre alt.”
Terro saß wie immer an seinem Altar und erledige Bürokram. “Einen Moment, ich muss nur kurz noch die Opfergaben notieren und steuerlich richtig ansetzen, sonst steigt mir das XZY-System wieder aufs Dach. Bei Steuern verstehen die weder Spaß noch Gebet.”

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Gefällt mir sehr. Und ich bin kein Fantasy-Fan.
Dieser leicht spöttische, überhebliche Ton, die Analyse, die in sarkastischem Ton gleich darauf folgt - gelungen. Das, was ich so kenne - und das ist nicht viel aus diesem Genre - empfinde ich sonst immer irgendwie als unangenehm belehrend und unglaublich ernst, als würde man den Roman mit Leichenbittermiene lesen müssen. Auch der Blickwinkel erscheint mir ziemlich neu, so in der Art “Gestern bei Königs im Wohnzimmer”. Es liest sich - trotz der Vielzahl der Götter und der seltsamen Namen - leicht und flüssig.
Ich muß gestehen, dass ich selbst in diesem oder ähnlichem Ton schreibe, deswegen gefällt mir wohl Dein Text (HA!). Einzige Gefahr/Problematik ist dabei die - was mich betrifft - dass man dann schon in diesem Ton weitgehend (nicht durchgängig und immer, es dürfte auch was Tragisches untergerührt werden) bleiben muss.

*“Tyson Alexander roch eine warme Mahlzeit zehn Meilen gegen den Wind. Da seine viel zu junge Mutter all ihre hormonell bedingte Liebe in diesen wirklich tollen Vornamen investiert hatte, reichte der klägliche Rest kaum aus, um ihm auch nur eine einzige Wurststulle zu schmieren. Infolgedesssen wuchs Tyson bei seinen Großeltern auf.” *

Ich kann mich Stolpervogels Ansicht nicht anschließen. Die Bibel hat zwar auch ihre oft ungewollt lustigen Passagen, aber kaum in diesem Ton der Selbstverständlichkeit.

Nein, ich finds geil, so einfach in die Story geschmissen zu werden, ich bräuchte keinen Stammbaum, keine chronologische Saga, das passiert so en passant. Ich fühle mich nicht überfordert und der Text liest sich gut mit ein wenig hochgezogenen Augenbrauen.
Wie gesagt: Ich bin vollkommen genrefremd und das ist lediglich meine persönliche Meinung dazu.
Aber: Bleib bitte unbedingt dran!

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Liest sich gut und ist witzig. Gefällt mir.
Ich kann mir diesen Text gut als Einleitung zu einem rasanten und vielleicht etwas chaotischen Roman vorstellen.

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Ich finde es auch klasse. Ich würde es auch so lassen. Schade das du keinen Urlaub hast, aber bleib dran. Immerhin bist du wichtig für die Welt!

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Das mit der Wichtigkeit hält sich doch sehr in Grenzen. Trotzdem Danke.

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Schreib es auf jeden Fall weiter. Einen Leser hast du mit mir schon.

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Dito.

Sehr netter Schreibstil. Ich mag das Augenzwinkern, welches mir ein leichtes Lächeln auf die Lippen gezaubert hat.

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Da gammeln auf meinem Rechner einzelne Versatzstücke rum. Das wird nie was. Aber das Schreiben ist ein großes kicherndes Vergnügen. Also kopiere ich die Schachen hier rein und bitte um Verzeihung für mangelnde Ernsthaftigkeit, Fehler, Zeitenwechsel und was auch immer in unausgegorenem Zeug vorkommt.

Wenn Zeus zu einem Fest einlädt, dann ist das ein Nicht-schon-wieder-Moment, nach ein paar tausend Jahren wird es vorhersehbar. Die kreativeren unter den Göttern lassen sich Challenges einfallen, zum Beispiel die Wahl der attraktivsten Göttin durch einen Sterblichen oder so. Das führt entweder in den Krieg (natürlich unter den Sterblichen) oder zu sich jährlich wiederholenden Wahl des nächsten Supermodels. Jedenfalls hatte Zeus zum großen Gelage geladen. Es herrschte Anwesenheitspflicht. Hebe war für die Bar zuständig. Unter normalen Umständen vertrat sie die Liga der Abstinenten, aber ein Haufen gelangweilter Götter ist mit etwas Alkohol im Blut deutlich erträglicher, allerdings immer mit einem gewissen Gefährdungspotential. Und damit sind nicht die göttlichen Leberwerte gemeint.
„Hebe schieb was von dem harten Zeug rüber.“
Hebe kippte irischen Whiskey in ein Glas. Loki griff zu, kippte ihn rein und verlangte Nachschub.
„Loki, ich kann dir nicht noch einen geben. Du hattest schon genug.“
„Komm schon, Honigschnecke, du weißt, dass ich das hier sonst nicht aushalte.“
„Loki, nein, echt nicht. Außerdem müsstest du gar nicht herkommen. Nordische Götter haben ihr Walhalla.“
„Wallahalla, hallawalla, Honigschnecke. Du weißt warum ich hier bin!“
„Hau ab Loki und lass mich in Ruhe.“

Die Götter lagerten auf ihren Liegen, jene mit Rückenproblemen saßen auf ergonomisch geformten Stühlen. Hin und wieder wackelten die Stühle, um die Bandscheiben ihrer Besitzer zu aktivieren. Ein olympischer Held beugte sich zu Ares.
„Zeus ist ganz schön zahm geworden. Steht voll unter dem Pantoffel von Hera.“
„Hä? Was ist Pantoffel?“
„Bequeme Schuhe für drinnen. Ist so ein Menschending.“
„Und draußen tragen sie unbequeme Schuhe? Menschen sind seltsam.“
„Jaja, schon. Aber ich meine bei Zeus, da läuft nichts mehr.“
„Vielleicht sollte er es mit Pantoffeln versuchen?“
„Also ich meinte eigentlich, dass er früher ein ganz schöner Draufgänger war, du weißt schon, Europa, Leda und so.“
„Hat das was mit Pantoffeln zu tun?“
„Ach vergiss es einfach. Ich sag Hebe, dass sie dir nachschenken soll.“

Der Höhepunkt des Gelages ist längst überschritten. Der eine oder andere überlegt, ob es schon opportun ist, sich ins Bett zu verabschieden. Oder zu einer Pokerrunde. Ein Läuten ertönt. Hermes eilt zu Eingang und kommt kurz darauf mit einem Weidenkorb klassischer Beschaffenheit zurück.
„Äh, Zeus? Für dich!“
„ZEUS! WAS IST DAS? Kannst du nicht mal für lächerliche 2000 Jahre den Schwanz in der Hose behalten?“
(Wir haben bereits eine Ahnung, was sich in dem Korb befindet, oder?)
„Liebste Gemahlin, Göttermutter…“
„Erklär das mal! Und ihr bleibt alle hier!“ Mit Augen, die tatsächlich unangenehme Gegenstände schleudern können, sah Hera die andern Götter an, die sich dezent davonschleichen wollten. Man will nicht in der Nähe sein, wenn der Chef Ärger mit seiner Frau hat. Man lästert gerne darüber. Aus sicherer Distanz. So nah könnte es zu Kollateralschäden kommen.
„Weißt du, du bist ja nun einmal auch meine Schwester und da ist es doch irgendwie verständlich, wenn man mal Abwechslung braucht. Das hat gar nichts mit dir zu tun. Du bist toll. Eine tolle Frau.“
Hera hat den Eindruck, dass der eine oder andere Gott die Argumentation von Zeus nachvollziehen kann.
„Ihr haltet die Klappe!“
Hera beugt sich über den Korb. Zwei paar unschuldige Augen blicken zwischen ihr und ihrem Gatten hin und her.
“Wer sind die beiden?“ fragt Hera minimal besänftigt.
„Da hängt ein Schildchen. Evolution und Probability.”
„Hübsche Namen, wenn man von menschlichen Maßstäben ausgeht. Aber die bleiben nicht in meinem Haus.“

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Wieder ein Morgen, an dem Hebe mit Sonnenaufgang erwachte. Ein Teil ihres göttlichen Selbst flüsterte ihr zu, was für eine pflichtbewusste Person sie doch war. Der andere Teil räkelte sich wohlig in diesem Pflichtbewußtsein. Hebe blinzelte unter langen Wimpern hervor und entdeckte einen Arm. Ein schöner Arm, sehr elegant, wie das Handgelenk abgewinkelt vom Kissen herabhing. Hebe bewegte versuchsweise ihren rechten Arm. Der Arm auf dem Kissen blieb entspannt liegen. Hebe bewegte ihren linken Arm. Auf dem Kissen blieb alles ruhig. Sie konzentrierte sich, um ihren dritten Arm anzusteuern. Langsam erinnerte sie sich, dass sie nur zwei Arme hatte. Für diesen Arm war jemand anderes zuständig. Es war völlig in Ordnung, wenn sie den Arm nicht bewegen konnte. Aber bevor sich ihr Gehirn wieder vollkommen entspannte, schrillte eine innere Sirene. Hebe war sich plötzlich sicher, dass an der Situation etwas falsch war. Sie hob die Decke an und sah nach zu wem der Arm gehörte. Ihr Gehirn gab Entwarnung, der Arm war offensichtlich Bestandteil ihrer Freundin Athene. Andererseits.
„Athene! Was machst Du hier?“
„Oh Hebe. Sei still. Wir können uns nachher unterhalten.“ Der Arm, dessen Zugehörigkeit inzwischen geklärt war, zog die Decke über Athenes Kopf. „Na, Honigschnecke?“ Ein lüstern grinsendes Gesicht tauchte am Fußende des Bettes auf. Hebe versuchte eine Entscheidung zwischen spitzem Schrei und gewalttätiger Empörung zu treffen. Der Prozess dauerte und gab dem grinsenden Gesicht die Möglichkeit zu anzüglichen Bewegungen mit der Zunge. Das reichte. Hebe raffte ihr Kleid und machte sich auf den Weg nach Hause.

„Jetzt hast du ihr einen Schreck eingejagt.“ Tadelte Athene. Locki zuckte desinteressiert mit den Schultern.
„Wie wäre es? Darf ich meinen Schwanz nochmal zwischen deinen Schenkeln versenken?“
„Loki, du bist ordinär. Aber ja.“ Verlassen wir die beiden. Athene wird nach dem ausgiebigen Schäferstündchen ihre unbestreitbare Jungfräulichkeit wiederherstellen, man will die wenigen verbliebenen Gläubigen ja nicht vor den Kopf stoßen.

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Auf der immerwährenden Party der latent gelangweilten Götter:

Mischen wir uns unter die Gäste und lauschen ihren göttlichen Worten.
„Wie sind die Menschen zur Zeit so drauf? Habe schon lange nicht mehr nachgeschaut.“
„Das übliche. Machen sinnlose Erfindungen und werden dann abhängig davon.“
„Wie das Rad?“
„Viel banaler.“
„Ja?“
„Nullen und Einsen. Das ist jetzt das große Ding.“
„Menschen sind so …menschlich?“
„Weißt Du noch als Pythagoras mit Dreiecken rumgemacht hat? Das waren Zeiten.“
Man hebt seine Trinkschale und prostet einander nostalgisch zu.

Schauen wir bei Aphrodite und Hephaistos vorbei.
„Jetzt sag mir mal, einen Grund dagegen.“
„Dite, wir hatten das doch schon.“
„Das ist eine Ewigkeit her. Die sind inzwischen alle tot.“
„Außerdem haben wir das neulich erst probiert.“
„Ich kann doch nichts dafür, wenn eine japanische Künstlerin ein Preisschild an den Apfel klebt.“
„Vielleicht hätten wir eine Banane nehmen sollen.“
„Hephaistos, du bist ein Arsch.“
„Gehen wir jetzt ein bisschen vögeln?“
„NEIN.“

Das Mahl wird gereicht. Bocuse, extra unter die Unsterblichen geholt und mit unbegrenzten Möglichkeiten ausgestattet, kündigt die einzelnen Gänge an (die wir hier nicht weiter ausführen, da das Nachkochen den geneigten Leser tagelang an den Herd fesseln und zu massiver Überschuldung führen würde. Götter haben bekanntlich andere Ressourcen als wir). Okay, keiner hört zu. Bocuse stört es nicht, denn was kann es besseres geben als bis in alle Ewigkeit zu kochen? Selbst wenn man für Banausen kocht.

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Das hier ist einem Freund gewidmet, der sich gerade aus einer tiefen Abhängigkeit von Super Dickmanns befreit.

Zwei Erinnyen, am Rande der Runde platziert, man könnte meinen am Katzentisch, wäre da nicht der Raucherbereich in so angenehmer Nähe angesiedelt, unterhalten sich.
“Was macht dein Projekt zur Bestrafung der Marketingabteilungen?”
“Es läuft gut an. Aktuell sensibilisiere ich die Marketing-Menschen auf Super Dickmanns.”
“Da sehe ich jetzt den strafenden Aspekt eher nicht.”
“Tja, aber dann, wenn sie am Ende sind mit den Nerven von ihrem ganzen Stress, dann komme ich mit einer Packung Super Dickmanns vorbei. Und sie bekommen nichts.”
“Ich mag deinen Ansatz von Konditionierung und Sanktion.”

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Der Kindergarten, vulgo für Primärerziehung Stufe I. Hebe ließ ihren Blick liebevoll über die von ihr gestaltete Anlage schweifen. Alles war da, ein Sandkasten, Schaukeln und Rutsche. Hebe hatte sich Mühe gegeben, einen richtigen Kindergarten zu schaffen. Nichts göttliches sollte die Entwicklung der Kinder beeinflussen. Ihr Charakter sollte sich aus ihrem Inneren heraus entwickeln. Man könnte auch sagen, dass Hebe etwas spießig war.
Stolze Kinder trafen am Montagmorgen ein. Es war der “Erschaffe-ein-Tier-Tag”. Im Schlepptau folgten (a) göttliche Eltern, die die Tiere der anderen Kinder kritisch musterten und (b) natürlich das erschaffene Tier. Es gab eine nicht zu übersehende Tendenz zu Einhörnern bei Mädchen und martialischen Bestien bei Jungen. Es war wieder einmal Zeit zu seufzen. Seufzen gehört eindeutig zu den strapaziertesten Ausdrucksformen von Hebe.

“Guten Morgen Kinder. Wie ich sehe habt ihr alle eure Tiere mitgebracht. Bitte achtet darauf, dass niemand gefressen oder aufgespießt wird!”

Natürlich hatte Hebe mittels göttlicher Macht Vorsorge getroffen. Ihre Mahnung war als pädagogische Maßnahme zu sehen. Vielleicht würde eine verinnerlichte pädagogische Anweisung dem einen oder anderen Menschen in der Zukunft ein allzu kurzes Dasein verlängern.

Eins nach dem anderen stellten die Kinder ihre Tiere vor.
“Ich habe eine gefährliche Bestie gemacht. Sie hat große Zähne. Und Krallen. Und einen Flammenwerfer.”
“Sehr schön, Sam. Und wo möchtest du die Bestie einsetzen?”
“Sie frisst Menschen.”
“Äh, ja. Das kommt vor. Magst du keine Menschen?”
“Doch schon. Aber wenn die Bestie Hunger hat, muss sie doch was essen.”
“Das ist wahr. Aber wozu braucht sie einen Flammenwerfer?”
“Na die Bestie will doch kein rohes Fleisch essen.”

“Das wäre dann geklärt. Vielen Dank, Sam. - Lilibeth, möchtest du uns dein Tier vorstellen?”
Hebe übersah die aufgeregt zappelnden Jungen, die es kaum erwarten konnten, ihre Tiere den anderen zu zeigen. Sie übersah sie nicht wirklich. Sie gab sich nur außerordentliche Mühe. Außerdem war sie der Ansicht, dass die Redeanteile gerecht zwischen Jungen und Mädchen - und allen anderen - aufgeteilt sein sollten. Die männliche Dominanz im Götterhimmel war sowieso überholt. Einmal hatte sie es mit einer 40 zu 60 Quote zu Gunsten der Mädchen probiert, musste aber aufgrund elterlicher Einsprüche zurückrudern. Gegen eine Gleichverteilung ließ sich jedoch nichts einwenden. Lilibeth schnalzte mit der Zunge. Völlig unvermutet kam ein Einhorn angetrabt.
“Ein sehr schönes Einhorn, Lilibeth.”
“Das ist ein Crunion.”
“Aha. Und was macht so ein Crunion?”
“Also erstens sieht es sehr schön aus. Und zweitens frisst es Anagramme.”

Die wesentliche Funktion der erschaffenen Tiere war das Fressen. Wahrscheinlich befanden sich die Kinder in der oralen Phase.

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Vereehrte Huselkuv, ich stehe zu meinem Wort: Wenn ich auch gänzlich Genrefremd bin - ich bin ein Fan von Deinen Texten und ein potentieller Buchkäufer. Obwohl ich nicht einmal sicher bin, in welchem Du Dich eigentlich bewegst. Ist aber völlig Backe. Du bist so erfrischend respektlos und witzig und Deine Art zu schreiben erinnert mich an das Buch eines spanischen Schriftstellers, das ich sehr liebe. Ich kann nur noch keine Story erkennen. Ich bin jedoch sicher, es gibt einen Plan, eine Idee ohnehin und einen roten Faden, der sich mir bis jetzt noch nicht zeigen will. Wie das so ist mit roten Fäden.
Wehe, Du bleibst nicht dran:thumbsdown:!!!

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Ich bin auch noch dabei!

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Lesen sich gut, die Versatzstücke. Es fehlt “nur” so eine Art Ariadnefaden …

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Oh ja, der rote Faden, der Plot, und wo ist die Aktion. Das sind so die Sachen, die recht nützlich wären.

Loki war kein gern gesehener Gast. Wenn er wollte, konnte er überaus amüsant sein. Aber gewöhnlich ritt ihn sein persönlicher Teufel und zum Schluss waren alle angepisst. Man schloss ihn nicht aus, versuchte aber ihn möglichst weit weg vom Geschehen zu platzieren. (Hier sei erwähnt, dass er dem nordischen Götterhimmel angehörte und von daher keinen Anspruch auf einen Stammplatz hatte. Aufgrund seines schwierigen Charakters und um Probleme zu vermeiden, hatte man es für besser befunden ihn einfach zuzulassen. Pöbelnde subalterne Götter vor den himmlischen Pforten hinterlassen bei den Sterblichen einen relativ schlechten Eindruck.) Heute lehnte er ungewöhnlich in sich gekehrt am Kopfstück einer Liege, schwenkte den Whiskey in seinem Glas und verfolgte die liebliche Hebe mit den Augen. Gott im Himmel, wie scharf sie war.

„Er starrt dir hinterher.“ Athene behielt Loki im Blick.

„Das macht mich nervös.“ Hebe stand hinter der Bar und mixte gekonnt aber aufgrund ihrer Alkoholaversion angewidert Cocktails für die Furien.

„Hier Mädels.“

„Aber die Schirmchen!“

„Oh, entschuldigt.“ Hebe faltete drei kleine Papierschirmchen auf und dekorierte die Gläser damit. Die Furien waren zufrieden und zogen ab.

„Da siehst du es, Athene, ich bin völlig von der Rolle. Ich vergesse Schirmchen. Ich meine SCHIRMCHEN! Wie soll man einen Cocktail ohne Schirmchen erkennen!“

„Du stehst auf ihn, oder?“

„Was! Auf Loki! Bist du verrückt?“

Athene materialisierte einige Kuchen- und Säulendiagramme. Balkendiagramme mochte sie nicht so sehr. Säulen waren einfach die klassischere Variante. Häufigkeiten von Blicken, Intensität von Gedanken und sexuelles Begehren in Form feuchter - lassen wir das - dokumentierten Hebes Zustand.

„Oh.“

Loki beobachtete die beiden. Ihm war bewusst, dass er nur ein geduldeter und außerdem nordischer Kleingott war, dessen Chancen gering waren. Entschlossen wandte er sich ab, nahm einen ordentlichen Schluck aus seinem Glas und zwinkerte einer Nereide zu. (Der geneigte Leser sei um sein Pardon gebeten, da sich ein weiterer Name eingeschlichen hat, der keine weitere Funktion hat, als auf das unstete Wesen Lokis hinzuweisen. Für alle Anhänger der MINT-Fächer sei erwähnt, dass Nereiden banale Nymphen sind.)

Hebe stand sprachlos vor den Diagrammen ihrer eigenen Gefühlswelt und fasste den rationalen Entschluss, dem auf der Stelle ein Ende zu bereiten. Die Höhen der Säulen verschoben sich, Segmente änderten ihre Farbe, Athene nickte.

„Du hast einen Entschluss gefasst.“

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Geistesabwesend griff Hebe zu einem Schirmchen, überspannte es, versuchte es zurückzubiegen, zerbrach die zarten Streben zu einem Häufchen. Ein Funke fand den Weg zu dem unnütz gewordenen Material und entzündete ein kleines Lagerfeuer auf dem Tresen. Ascheflocken stiegen in der erhitzten Luft auf und senkten sich wieder ab. Hebe nahm ein Spültuch und wischte die Reste des Schirmchens vom Tresen.

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Loki stellte sein Glas unter der Liege ab und machte sich auf den Weg nach unten. Er hatte schlechte Laune, ungeheure Lust auf Streit, begehrte durch kochende Emotionen zu waten. Er suchte sich ein Fußballstadion.

„Das war Handspiel!“

„Nein, war es nicht!“

„Das Tor zählt nicht!°

„Frag den Schiri.“

Der Schiedsrichter steht hektisch in sein Mikro sprechend da. Vermutlich fordert er einen Videobeweis an. Die Spieler stehen herum, ein paar warten darauf, dass es weitergeht, andere nähern sich dem Schiedsrichter, einer rollt den Ball herum.

Loki lachte. Er richtete seinen Blick auf die Festplatten mit den Aufzeichnungen. Statt eines zünftigen Fußballspiels, sahen die Videoassistenten eine Dokumentation mit schlecht animierten Dinosauriern, die ihre Vorderpfoten über den Kopf werfen und vor einem Meteoritenhagel davonrennen.

„Was ist da los?“

„Wir können es nicht erklären. Es muss ein Hackerangriff sein.“

„Wir brauen eine Entscheidung. Jetzt.“

„Es muss weitergehen.“

Auch die weiter entfernt stehenden Spieler kommen jetzt näher. Auf den Plätzen erheben sich die Fußballfans. Fette menschliche Körper voller Currywurst und alkoholfreiem Bier unterstützt von ein paar Kurzen vor dem Spiel reiben sich aneinander. Langsam drängen die gegnerischen Fans aufeinander zu. Der Schiedsrichter greift zur Pfeife, der Stadionsprecher gibt beruhigende Parolen zu Deeskalation aus, die er vor einem halben Jahr in einem Seminar gelernt hat, in den Ohren der Fans rauscht das Blut. Langsam schieben sie sich weiter.

„Eine Entscheidung. Es muss weitergehen.“

„Kein Handspiel. Das Tor gilt.“

Loki lachte. Die Hand Gottes. Es gibt sie.

Die Zuschauer durchbrechen die Absperrungen, überrennen die Sicherheitskräfte am Spielfeldrand, prallen gröhlend aufeinander. Immer mehr drängen auf das Feld, bis kein Platz mehr für eine erhobene Faust ist. Freund und Feind stehen Bauch an Bauch, bis eine Parole die Runde macht: Nach draußen! Und dort treffen sie endlich sich prügelnd aufeinander, schlagen mit den weichen Fäusten von Sofasportlern aufeinander ein, blutige Nasen, blaue Augen, ein paar gebrochene Daumen, weil sie nicht mehr wissen, wie man zuschlägt. Lokis Grinsen hängt über dem Platz.

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