Umgangssprache einfließen lassen oder neutral schreiben?

Servus zusammen,

ich bin gerade in den Endzügen meines Buches und führe mit meiner Lektorin (Ehefrau) Diskussionen über meinen Schreibstil.

Am Beispiel folgender Textpassagen aus meinen Medical Memoires Puls am Limit 25 Jahre Notaufnahme München, hätte ich gerne mal eure fachmännische Einschätzung! So lassen oder geht gar nicht :slight_smile: .

Episode Die Brustwarze der Verdammnis ( infektiöses Piercing): „Ja mei“, grüßte sie mich mit tiefer Bassstimme, so wie hätten wir gerade gemeinsam beim Dorfbäcker angestanden. „Des G’lump da vorn hab i fei scho seit gut zwanzig Joar. Aber jetzt, g’wiß, jetzt zwickts a bisserl.“

Episode Das Recht des Stärkeren (Streit von zwei Obdachlosen über Schlafplatz): „Wenn ich hier raus bin, schlitz ich dich auf, du Bastard! Das ist meine Pappe!“, gellte es aus Raum 2. „Deine Pappe? Du hast da gestern hingepisst, du Drecksau! Das war mein verficktes Revier!“, schallte die prompte Antwort aus Untersuchungszimmer 1.

Episode Das Duell der Giganten (Beißerei von zwei Hunden): “Was wie ein höfliches „Wer bist du und was hast du gefrühstückt?“-Schnüffeln seinen Anfang nahm, kippte schneller wie ein schlecht gezapftes Weißbier vom Fass. Brutus entschied sich fürs „Aufmandln“, Zeus hielt dagegen: „Ned mit mir, Spezl!“ – und schon flogen die Fetzen.

Es wurde geknurrt, gedroht und letztlich gab es das, was man in Bayern so grantelnd sagt: „a Fotzn“. Ein Knäuel aus Fell, Zähnen und Testosteron rollte über die Wiese.”

Vielen Dank im Voraus :slight_smile:

Das wäre mir zu anstrengend zu lesen. Aber selbst, wenn ich den Dialekt entziffern könnte oder dies zumindest wollte… das “so wie hätten wir gerade” finde ich noch viel schlimmer. Ich würde anhand der Stelle befürchten, dass das ganze Buch nichts für mich ist.

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Es sind nur die anstrengendsten Passagen :wink: . Der Rest ist im normalen Deutsch geschrieben.

das “so wie hätten wir gerade” finde ich noch viel schlimmer. Ist da noch eine Begründung möglich? Ich lerne gerne :slight_smile:

…, als hätten wir gerade …

… schneller als ein …

Spätestens an dieser Stelle würde ich mich vom bayerischen Dialekt verabschieden, es sei denn du legst auf Leser anderer Bundesländer keinen Wert. :sweat_smile:

Für meinen Geschmack sind die Passagen deinen Protagonisten zu direkt auf den Mund geschaut – mich stößt das eher ab und witzig ist es auch nicht.

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Wenn es irgendwie von Bedeutung ist, ist es durchaus legitim, die Region auch sprachlich durchblicken zu lassen. Aber mehr als ein paar Worte sind für den Leser uninteressant. Wenn also die Figur „bayert“ oder „berlinert“, so weiß der Leser das auch, wenn hochdeutsch weitergeschrieben wird.

Unser Kursleiter an der VHS, Dr. Melzer (Literaturwissenschaftler), fand jedenfalls deutliche Worte, nachdem ich in einer Rostocker Uni-Umgebung einen Mitarbeiter eine ganze Seite lang auf berlinerisch brabbeln lassen habe.

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Damit hätte ich keine Probleme, wenn der Kontext authentisch ist und sich die Umgangssprache nicht in Tiefen verliert, die nur noch diejenigen verstehen können, die damit groß geworden sind.

Was hat denn Deine Frau zu

gesagt? Das halte ich wie Stolpervogel für schlechten Stil; mein Deutschlehrer hätte mir diesen Ausdruck vor vielen Jahren sehr deutlich mit „A!“ markiert.

Vorschlag (wenn der Dorfbäcker schon sein muss):

Ich würde den Dorfbäcker-Einschub ganz weglassen, da die Rede ja weitergeht. Auch wenn die heute bspw. im ÖPNV geführten Telefonate an Offenheit wenig vermissen lassen, kann ich mir ein „G’lump“-Gespräch bei Dorfbäcker nicht vorstellen.

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Ich würde von zu viel Dialekt abraten. Aber ich hatte eine Testleserin, die einen Krimi über Bad Gastein geschrieben hat. Da war jede Menge Österreichisch drin. Ich hab mir beim Lesen immer überlegt, dass ich das nicht mit unserem hiesigen Dialekt machen könnte. Aber dort hat es funktioniert.

Es scheint also Dialekte zu geben, die sich besser oder weniger gut eignen. Und es kommt auf die Menge der Stellen an.

Ich hätte jetzt mit dem “so wie” kein Problem, weil das ja ein Ich-Erzähler schreibt. Das hat ein bisschen was hemdsärmeliges, was zu dem Ton der zitierten direkten Rede passt. Kommt halt darauf an, ob du generell so schreibst.

Und zu den beiden F-Worten hätte ich jetzt auch keine Kritik, solange es zum Gesamtton passt. Warum soll man nicht mal deftig schreiben, wenn man über Leute schreibt, die so reden.

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Ich mag es nicht so gerne und sehe den Sinn dahinter nicht im Konzept. Du verbaust Dir den Zugang damit möglicherweise.

Wenn es um die Erlebnisse in der Notaufnahme geht, geht es um die Geschichten, nicht um die Sprache.

Ich würde es mit Dialekt nicht lesen wollen. Gilt aber auch für andere Dialekte.

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Ein oder zwei prägnante Sätze im Dialekt zur Schaffung einer Atmosphäre wären aus meiner Sicht möglich, sie sollten aber für den Leser verständlich bleiben. Ein ganzes Kapitel in einem Dialekt, der evtl. auch noch seine eigenen Wortschöpfungen kennt, wie das Bayerische, der Kölner Dialekt oder noch besser Plattdeutsch, wären für die Leser wahrscheinlich zu viel.
Weniger ist mehr.

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Vielen Dank Jean. Es sind nur wenige Passagen in den Episoden und auch nicht bei allen. Ich wollte damit eigentlich Authentizität schaffen, weil eben nicht jeder Patient in dem Buch die gleiche Kultur, Bildung etc. hat. Ein Obdachloser redet in der Klinik nicht wie ein Professor mit uns :slight_smile:.

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:+1:

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Danke an Alle für die Rückmeldungen. Das hat mir schon geholfen.:folded_hands:

Ich habe in meinem ersten Roman drei Kriminelle in Umgangssprache miteinander reden lassen. Daraufhin bekam ich eine schlechte Rezension mit dem Hinweis, das wäre die allgemeine Sprache des Romans.

Meine Meinung: Innerhalb der wörtlichen Rede ist es Geschmackssache, außerhalb der wörtlichen Rede sollte man neutrale - grammatikalisch korrekte - Sprache wählen.
Außer, man etabliert einen Erzähler mit einer individuellen “Erzählstimme”, die muss man dann aber auch konsequent und konsistent lückenlos durchziehen.

Diese eine Rezension war aber nicht ernst zu nehmen, sondern eine Gemeinheit. Kleinkriminelle reden eben nicht wie Universitätsprofessoren. Bei dir ging es ja nicht um Dialekt. Es ging um Sprachniveau.

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Hallo ich habe Des G’lump da vorn hab i fei scho seit gut zwanzig Joar. Aber jetzt, g’wiß, jetzt zwickts a bisserl

Und bis “verpisst” gelesen. Das wäre nicht meins und ich würde das Buch ins Regal zurückstellen.

Gruß

Stefan

Also … ich sehe es wie Suse. Wie Menschen reden, ist ein Teil ihrer Charakterisierung. Ein Soldat redet wahrscheinlich anders als ein Friseur.

Allerdings lese ich nicht gerne Dialekt und nicht gerne Kraftausdrücke. Das liegt daran, dass Bücher für mich Freizeit sind, und ich keine derbe Sprache lesen möchte. Natürlich kann das trotzdem einen Protagonisten kennzeichen. Dort würde ich weniger auf »echte Zitate« zurückgreifen, sondern nur das Abziehbild eines Eindrucks vermitteln. D.h soweit entschärfen, dass es noch glaubwürdig erscheint.

Originalzitat eines Hausmeisters als wir als Kinder Klingelstreich gemacht haben: »Hey du Knaller, ich tret dir in den Arsch, du Wichser«
… wer will sowas lesen?
Daraus könnte man ein: »Hey du Knaller, komm her und du erlebst dein blaues Wunder!« machen.

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Das ist ein gutes Beispiel! Ich habe mal ein Buch gelesen, das überfüllt war mit solchen Sätzen. Einfach grausig. Wenn es mal vorkommt, ist es für mich erträglich.

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Selbst wenn diese Vulgärrhetorik in gesprochener und auch geschriebener Form (Instagram!) durchaus üblich sein mag, mich persönlich stößt sie in einem Roman ab. Ich habe dann das Gefühl, dass sich der Autor unter dem Deckmäntelchen seiner Figuren mal so richtig austoben will.
Meine Lektorin merkt bei Verwendung von Fäkalausdrücken spitz an, dass dies bislang nicht der Ton des Buches sei …
Und schon ist die „Sch…e“ wieder im elektronischen Orkus verschwunden!

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Die beiden Obdachlosen finde ich zwar authentisch, aber vielleicht redet einer in der Fäkalsprache, während sich der andere gewählt ausdrückt. Nicht jeder auf der Straße hat keine Kinderstube.
Bei Dialekt schließe ich mich den Vorrednern an: Weniger ist mehr.
Die Szene mit den Hunde finde ich gruselig, wegen der “Gedanken” der Hunde. Da spätestens wäre ich fort.
”so wie” ist falsches Deutsch, und den Vergleich finde nicht so glücklich.

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