Seitenwind Woche 9: Konflikte

Die Sache mit der Rippe

»Adam, kommst du mal?«

Er seufzte, legte die Weintrauben zur Seite und erhob sich schwerfällig aus der Hängematte.

Eva tänzelte ungeduldig auf der Wiese neben ihrem neuen Haus herum. »Wir brauchen ein Gemüsebeet.«

»Gemüsebeet?« Adam traute seinen Ohren nicht. »In diesem Garten wächst doch alles, was wir brauchen. Nicht umsonst heißt er Paradies.«

»Trotzdem. Schau, da will ich es haben.« Sie lächelte ihn an und deutete auf vier Stecken, die ein viel zu großes Rechteck markierten.

Adam murmelte undeutlich in seinen Bart.

»Und du solltest die Hortensie verpflanzen. Genau zwischen die beiden Ahornschösslinge.«

»Lass doch die Blumen wachsen, wo sie wollen.«

Mahnend hob Eva den Zeigefinger. »Denk daran, ER hat gesagt, wir sollen den Garten pflegen!«

›Garten pflegen‹. Ja, das hatte ER tatsächlich erwähnt, aber ER war in dieser Hinsicht deutlich großzügiger gewesen als Adams neue Mitbewohnerin. Adam schwieg. Das würde nicht funktionieren, aber er konnte es versuchen …

»Das passt auch besser zum Weg«, fuhr Eva fort.

»Zu welchem Weg?«, fragte er alarmiert.

»Den hab ich mir doch schon gestern gewünscht. Muss ich das etwa alleine machen?« Sie schob die Unterlippe vor und sah ihn aus großen Augen an.

Adam seufzte.

Eva hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. »Danke! Ein leicht gewundener Weg, vom Waldrand bis zu unserer Haustür. Das wirkt viel einladender.«

»Für wen?«, brummelte Adam. »Es gibt derzeit zwei Menschen auf dieser Erde.« Und mindestens einem von denen war es schnurzegal, ob eine Hortensie sich symmetrisch in die Reihe der Ahornschösslinge einfügte und ob er über einen Weg oder eine Wiese latschte.

Eva legte den Kopf schräg. »Trotzdem.«

»Ja ja, mach ich dann schon.« Adam bewegte sich möglichst unauffällig in Richtung seiner Hängematte.

Eva verstellte ihm den Weg. »Fängst du gleich an? Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

»Nicht?«

»Ich möchte morgen Abend mit dir auf der Bank sitzen und unseren neuen Garten bewundern.«

»Bank?«

»Zimmerst du doch noch, oder? Wie versprochen.«

»Natürlich, Liebling.« In Adams Stimme schlich sich ein Hauch von Resignation.

»Und da drüben«, Evas Arm wedelte in Richtung des Gartenteichs, »könntest du ein Rosenspalier anlegen. Stell dir vor: der Blick aufs Wasser, eingerahmt von roten Blüten …«

»Ja, Schatz.« Aus dem Hauch von Resignation wurde eine bedingungslose Kapitulation.

Der Nachmittag zog sich wie der Tropfen Baumharz, der Adam vor zwei Wochen ins verfilzte Haar geraten war: Bank zimmern, Beet umgraben, Blumen pflanzen, Weg anlegen …

Während Eva eine kurze Runde um ihr frischangelegtes Reich drehte, verlor sich sein Blick im Blätterdach. »Herr?« Instinktiv sah er immer nach oben, wenn er sich an seinen Schöpfer wandte. »Ich weiß, es steht mir nicht zu, deine Entscheidungen anzuzweifeln, aber … könnte ich vielleicht doch meine alte Rippe wiederhaben?«