Seitenwind Woche 8: Verborgene Schätze

Von winterharten Babys und männlichen Geschlechtsteilen

Olafsfjördur mit seinen 785 Einwohnern war das Zentrum meiner Auswanderungsträume und Island - einer der letzten Orte der Welt, die von Menschen besiedelt wurden - folglich das Zentrum meines Interesses.

Dabei stellte sich heraus, dass die Isländer irgendwie schon ein verrücktes Völkchen mit allerlei skurrilen Eigenheiten sind. Im Grunde also die perfekten Nachbarn. Für mich jedenfalls.
Auch wenn ich - ohne Vorwissen - wahrscheinlich im Winter lauter „arme Babys“ vor den Türen ihrer Rabeneltern eingesammelt hätte. Isländische Eltern lassen ihre Babys nämlich gerne auch bei durchaus eisigen Temperaturen im Kinderwagen vor der Tür stehen. Wo bei uns wahrscheinlich das Jugendamt recht fix anrücken würde, ist auf der Insel aus Feuer und Eis aus dem ursprünglichen Schutz der Kleinsten vor dem durch Kochen und Heizen im Haus entstandenen Rauch eine Tradition geworden, die auch im Zeitalter moderner Küchentechnik und Heizungsanlagen fortgeführt wird.

In Reykjavik ist das für die Babys wahrscheinlich ein weniger frostiges Vergnügen als im nördlichen Olafsfjördur, denn die Hauptstadt Islands sorgt mit beheizten Bürgersteigen für warme Temperaturen von unten. Geothermal-Energie macht es möglich.
Da kann man getrost das Baby auch im Winter mal ein Stündchen vorm Museum parken, sofern man dem Winzling den Anblick von 280 Penissen und Penisteilen noch ein bissel aufsparen will. In der weltweit größten Penisausstellung - was für ein Superlativ! -, dem Isländischen Phallusmuseum präsentiert sich dem neugierigen und erstaunten Auge vom kleinsten Hamsterpenis (zwei Millimeter) bis zum längsten Blauwalpenis (1,70 Meter) die bunte Welt der männlichen Geschlechtsteile. Selbst Trolle und Elfen sollen Exemplare gespendet haben, allerdings sind diese ebenso wenig sichtbar wie ihre ursprünglichen Träger.
2011 fand auch der erste menschliche Penis seinen Weg ins Museum. Aufgrund eines eher schief gelaufenen Ablösungsprozesses soll er jedoch kein Augenschmaus sein, weshalb das Museum - Obacht, Männer! - noch immer nach einem jüngeren und größeren Exemplar sucht.

Von 2004 bis 2012 befand sich dieses Museum übrigens einige Jahre auf „Abwegen“. Es wurde in den Norden Islands, nach Husavik verlegt, knapp 70 km Luftlinie von Olafsfjördur entfernt. Von wo aus man im Sommer die Blauwale beobachten - und in Relation zu ihrer Penisgröße setzen - kann und es die Babys im Winter in ihren Kinderwagen wegen der fehlenden Fußbodenheizung auf den Gehsteigen nicht ganz so kuschelig haben.

Was die Auswanderung anbelangt, so ließ ich meine Pläne zugunsten meiner bereits beim Gedanken an Island fröstelnden Familie fallen. Ich werde also leider nie die Chance haben, mich für den märchenhaftesten Job der Welt zu bewerben: den der Elfenbeauftragten.