Seitenwind Woche 7: Mach eine Szene!

Besessen

Sie aalt sich in der weichen Wolke ihres Schaumbads und nippt seufzend an einem neongrünen Cocktail. Ihrem ganz eigenen Spezialmix, prickelnd und bittersüß. Ab und an zieht sie an dem Joint, der in einem Porzellanschälchen auf dem Wannenrand verführerisch schwelt. Nur sie und Edgar, der Barkeeper dieses Hotels, in dem sie sich mehrmals im Jahr verwöhnen lässt, wissen um das raffinierte Rezept ihres Cocktails. Nur sie beide kennen die genaue Abfolge, in der die Ingredienzien in den Shaker gefüllt werden, wie sie hinein tropfen, rieseln, plätschern oder plumpsen müssen. Und dann geschüttelt, gleichmäßig, genau drei Minuten und dreißig Sekunden. Nicht ein einziger Fehler darf passieren. Das hat auch Edgar begriffen. Jede kleine Abweichung in Mixtur und Zubereitung könnte den Kick zunichtemachen, ja, würde sogar fatale Folgen für Edgar haben. Denn sie würde sich ihm verweigern, so sehr sie sonst seine Dienste zu genießen weiß. Nichts fürchtet Edgar mehr, als von seiner Gönnerin zurückgewiesen zu werden.
Dennoch war es gestern tatsächlich geschehen. Er hatte es vermasselt. Das Getränk hatte schal geschmeckt. Das musste bestraft werden. Und so gibt sie sich jetzt allein dem wohligen Bad hin. Sie rekelt sich unter der Schaumdecke und lässt heißes Wasser nachlaufen. Sie lauscht. Hat es geklopft? Wahrscheinlich der allabendliche Zimmerservice. Während sie an der Kippe zieht, denkt sie an Edgar. Sie muss lächeln. Der dumme Junge ist ihr mit Haut und Haar verfallen, im wahrsten Sinn der Worte. Warum sollte sie es ausschlagen, dieses Elixier für ihre erbarmungslos fortschreitenden Lebensjahre. Und wie er stumm leidet, wenn sie ihn zurückweist. Das macht ihr einen Höllenspaß, reizt ihren Appetit. Sie legt den Joint zurück auf das Schälchen. Hat es schon wieder geklopft? Bekommt sie jetzt Halluzinationen? Sie greift nach dem Cocktailglas und führt den Strohhalm zum Mund. Mit dem dritten Klopfen fliegt zugleich die Tür auf und gibt eine dunkle Silhouette frei.
„Edgar“, ruft sie überrascht. Doch das amüsierte Lachen weicht einer ängstlichen Grimasse, als die starre Gestalt langsam den Arm hebt. Den schallgedämpften Plopp hört sie schon nicht mehr.
Der weiße Schaum färbt sich rot.

Lumiel und der Alchemist

Es klopft an der Tür.

Meister, es ist jemand an der Tür.<<

Soll er doch. Oder nein, wirf einen Blick auf die Person.<< Mit diesen, in seinen unansehnlichen Bart, gemurmelten Worte, wendet sich der Alchemist wieder seiner Apparatur zu, denn die nächste Stufe seines Experimentes steht kurz vor der Vollendung. Mit gichtigen Fingern nimmt er das halb gefüllte Reagenzglas in seine Hand, hebt es gegen das spärliche Licht und nickt zufrieden. Es klopft erneut.

Nun mach schon!<< Verärgert nimmt seine Stimme einen bedrohlichen Ton an. >>Lass den Menschen da draußen nicht unnötig warten.<<

Lumiel wabert durch den Raum und schlüpft mit einem Teil ihres nicht fassbaren Körpers unter dem Türspalt hindurch, wirft entlang der langen Beine einen Blick auf die restliche Figur und Blitze schleudernd kehrt sie ins Zimmer zurück.

Meister, es steht eine Dame mit dunkler Hautfarbe dort, korrekt gekleidet, etwa 40 Jahre alt, nicht hässlich, aber auch nicht hübsch, mit einer starken Ausstrahlung. Sie hält einen Ausweis und ein Papier in der Hand, auf das sie immer wieder drauf guckt. Mehr weiß ich vorerst noch nicht.<<

Ist gut Lumiel, begib dich nach nebenan, du weißt ja, wie Fremde bei der ersten Begegnung mit dir reagieren.<< Widerwillig folgt sie diesem Befehl und füllt mit ihrer ständig veränderbaren Masse auf dem Weg zum Nebenraum fast bis zur Decke. Der Alchemist drängt an ihr vorbei und begibt sich zur Eingangstüre. Es klopft ein drittes Mal, dieses Mal drängender. Er drückt zögernd die Klinke hinunter. Dabei platzen auf seiner Handinnenfläche einige Warzen auf und die austretende Flüssigkeit verbreitet einen unnachahmlichen Geruch, einer Kloake gleich.

Mit einem Ruck öffnet er die Türe weit und richtet sich dabei zu seiner hünenhaften Größe auf. Die Dame erschrickt zutiefst, obwohl sie als Expertin für Tropenkrankheiten einiges gewohnt ist und stottert:

Mein Name ist Dr. Maarifa Jasiri. Ich bin vom Gesundheitsamt, Abteilung Tropenkrankheiten. Hier ist mein Ausweis. Es gibt seit einigen Wochen Beschwerden aus der Nachbarschaft und einen anonymen Anruf, der dieser Wohnung zugeordnet wurde, über unheimliche Geräusche und diesen,<< sie hält sich die Nase zu, zieht mit der anderen Hand eine Schutzmaske aus der Tasche und sucht nach einem passenden Ausdruck, >>diesen absonderlichen Geruch, für dessen Ursache ich Abhilfe schaffen soll. Was ist mit Ihnen, welche Krankheit hat sie fest im Griff? Der Geruch kommt ja wohl kaum von ihren Füßen. Schöne Schuhe übrigens…<<, stellt sie beiläufig fest und sieht ihn fragend an.

Nein, ich hoffe nicht.<<, grinst er verlegen, als er seine Fassung über ihre Anwesenheit, ihren Auftrag wiedergewonnen hat.

Das liegt an dem Inhalt dieser Beulen, die sich nach und nach entleeren.<<, beantwortet er endlich ihre bohrende Frage.

Sie bedecken mittlerweile meinen gesamten Körper, eine Nebenwirkung meines Elixiers, das ich vor 3 Monaten zusammengerührt habe und mir zu besonderer Erkenntnis, zum Stein der Weisen, verhelfen soll. Mehr kann ich Ihnen nicht dazu sagen, das Mittel ist noch nicht auf dem Markt und soll mich endlich aus meiner unverschuldeten Isolation heraushelfen.<<

Was hat Sie denn in die Isolation getrieben?<<, fragt sie interessiert, während sie einen Plastikbeutel aus der Tasche zieht und mit einem Spatel das Sekret vom Boden kratzt und gegen das spärliche Licht der Deckenlampe hält.

Ich darf doch?<<, meint sie und verschließt den ersten Beutel, nachdem sie ihn ordentlich mit Datum, Fundort und Zustand des Inhalts beschriftet hat.

Nur zu.<<, lautet die abwesend klingende Antwort. Und ohne auf die Frage nach seiner Isolation einzugehen, sagt er:

Ich hab’ eh Wichtigeres zu tun. Wenn Sie die Ursache für mein verbeultes Aussehen finden, wäre ich mehr als froh. Ich bin am Ende meiner Weisheit, was die Zusammensetzung angeht. Diese chemische Reaktion hab ich jedenfalls nicht erwartet. Aber nur so kommt man immer neuen Dingen auf die Spur.<<, hellt sich sein Gesicht wieder auf.

Der Alchemist begibt sich wortlos zu dem in der Mitte des Raumes stehenden Stuhles, hebt sein linkes Bein, öffnet den dreifachen Knoten des Schnürsenkels, entledigt sich des eleganten Halbschuhs und wirft ihn in eine Ecke. Dann zieht er das andere Bein nach oben, hüpft einbeinig auf dem unbeschuhten Fuß einige Male in die Höhe, dreht sich im Kreis, bis er schwindelig taumelt und lässt sich hinunter auf den Boden fallen, wobei wieder einige seiner Warzen platzen. Verbittert ruft er:

Das hat mich fest im Griff, das!<<

Was meinen Sie damit?<<, fragt die Frau, die die Probennahme erstaunt abbricht.

Seit einiger Zeit bin ich gezwungen, mich mindestens 10 Mal am Tag auf den Stuhl zu begeben, mich im Kreis zudrehen und hinunterzuspringen und bevor Lumiel hier auftauchte und meine Slippers in Schnürschuhe ausgetauscht hatte, war ich bei 40 Hüpfern pro Tag und die Stürze zu Boden mit jedem Mal schmerzhafter.<<, meint der Alchemist, während er verbittert zu seinen Reagenzgläsern zurückkehrt und grübelt, wer außer Lumiel den anonymen Anruf getätigt haben könnte.
Lumiel, die es schuldbewusst im Nebenraum nicht mehr länger aushält, schleicht sich ins Zimmer und umschmeichtelt die Füße von Maarifa. Zu Tode erschrocken springt sie nun auf den Stuhl und schreit:
Was ist das denn? Haben Sie das auch erfunden?<<

Mag sein, ich weiß es nicht mehr. Als ich mein Elixier herstellte, sind wohl höhere Temperaturen entstanden, als vorgesehen. Dabei könnte sie geboren worden sein. Jedenfalls ist sie auf die Schnürschuhe und den dreifachen Knoten gekommen. Sie ist also ein hilfreiches Wesen. Oder auch nicht.<< Ein strafender Blick streift das Plasma. >>Darf ich vorstellen: Lumiel, der ionisierte vierte Aggregatzustand. Und Ihr Name war?<<, wendet er sich nunmehr vollends dieser wahrhaft interessanten Frau zu und hilft ihr galant vom Stuhl. Solange hat er keine Frauenhand umfasst, in so dunkle, glänzende Augen gesehen.

Maarifa Jasiri.<<, verrät sich Lumiel sofort.

Du hast also gelauscht?<<

Um keine Ausrede verlegen, antwortet sie: >>Ich konnte ihren Ausweis schon draußen lesen. Und ich kann Ihnen sagen, was das für ein Sekret ist, das aus seinen Warzen strömt, Sie brauchen gar nichts weiter zu analysieren.<<

Beide Menschen ziehen die Augenbrauen hoch.

Wieso?<< >>Woher?<< schallt es aus ihren Mündern.

Es ist meine Vorstufe und entstanden durch den Selbstversuch meines Herrn und Meisters. Leider wird er an den Warzen verrecken, aber in mir weiter existieren.<< Lumiel schießt Blitze durch den Raum, dehnt sich erneut aus, nimmt menschliche Umrisse an und kniet schließlich vor dem Alchemisten nieder.

Es tut mir leid, aber es ist deine Bestimmung schon von alters her.<< Dann formt Lumiel sich um und nähert sich Maarifa.

Auch Sie sind Teil des Plans, damit endlich bekannt wird, was hier geplant ist. Denn den Stein der Weisen darf niemand jemals finden.<< Dann fährt sie bedeutungsschwanger fort:

Sobald Sie den Raum verlassen, wird er sterben, daran ändern Sie nichts. Sie werden zögern, es zu verhindern suchen, aber es wird passieren, denn nur sehr besondere Menschen können diesen Alchemisten länger als 3 Stunden ertragen. Deshalb ist er in Isolation und natürlich wegen seines Ticks, vom Stuhl hüpfen zu müssen.<<, beendet Lumiel ihre lange Ansprache.

Maarifa Jasiri legt die Stirn in Falten und ringt ihre Hände. Was für eine Last wird ihr da aufgebürdet? Als Ärztin und Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes ist sie moralisch verpflichtet, Menschenleben zu retten. Das hat sie in Kenia, ihrer Heimat, getan und in allen Ländern, in denen sie tätig war. Sie zieht ihr Handy aus der Tasche und will ihren Vorgesetzten verständigen. Doch Lumiel blitzt mit einem grellen und heißem Licht dazwischen, sodass das Handy zu schmelzen beginnt und sie es fallenlässt.

. >>Ts,ts,ts, Sie ändern es nicht. Ihrer beider Qual verlängert es nur. Sehen Sie, wie mein Meister sich auf dem Boden krümmt und dabei weitere Warzen platzen lässt? Seine ganze Haut geht jetzt rapide in Fetzen und ein zweites Plasma wird entstehen. Doch zuvor wird der Geruch Sie hinaustreiben, Sie würgen ja jetzt schon.<<

Maarifa zögert. Sie sieht auf den sich windenden Körper des eben noch stattlichen Mannes, erbricht in ein nahestehendes Becken und bringt ihren Magen nicht mehr zur Ruhe.

Ich muss hier raus.<<, vernehmen die beiden anderen Wesen, und eine verzweifelte Maarifa schafft es gerade so zur Ausgangstür, schlägt sie fast erleichtert hinter sich zu. Der Alchemist röchelt seinen letzten Atemzüge und Lumiel wirft kichernd den eleganten Lederschuh durch das geschlossene Fenster.

Marion Kulinna©, November 2022

Die Hölle muss warten

Ein unangemeldeter Besucher klopft an die Tür des Alchemisten. Einmal, zweimal, ein drittes Mal. Der Alchemist, der sich versehentlich eine Überdosis seines jüngsten Elixiers verpasst hat, öffnet die Tür.

Verschwommen erkennt er die Gestalt, auf die jetzt das schwache Kerzenlicht fällt.

»Du kommst zu spät, es ist vollbracht, die Wirkung wie erwartet.«

»Du Narr – wie konntest du … es gibt kein Gegenmittel!«

»Wozu? Es ist ein Schlafmittel mit den schönsten Träumen, ich befinde mich bereits in einem und spüre Geborgenheit und Liebe.«

»Aber du wirst nicht mehr aufwachen! «

»Wenn dies das Letzte ist, was ich sehe, so habe ich den schönsten Teil meines Lebens erreicht. Diese Welt ist ohne Krieg, Krankheit oder das Böse. Keine Seele leidet Hunger, friert nicht, ist glücklich. Es gibt keinen Streit, keine Lügen, keine Missgunst. Nur unendliche Glückseligkeit und Frieden. Für immer.«

Der Besucher senkt den Kopf. Er kommt zu spät. Und er beneidet ihn, denn er weiß – er wird niemals den Himmel sehen.

Der schrullige Alte

Die junge Frau trat an die Tür zu dem Häuschen, das abseits der Siedlung stand. Die Druiden zogen es vor, allein zu sein. Auch wenn die eine oder andere schon davon gehört haben will, dass sie ab und zu gerne mal Frauenbesuche haben sollen. Sie klopfte. Der Druide riss die Tür auf, sah nach links und nach rechts und begann dann zu brüllen: „Geht weg!“ Er machte eine Drehung und rief laut: „Ihr alle, geht weg, lasst mich allein!“ Die junge Frau nahm ihren Mut zusammen und sagte laut: „Hier bin nur ich!“ Mit einem Mal sah er sie. Er blinzelte, vor seinen Augen schien sich der Spuk aufzulösen, denn er begann zu grinsen. „Oh, da habe ich es wohl ein wenig übertrieben.“ Überschwänglich stürmte er auf sie zu und umarmte er sie: „Danke.“ Sie löste sich und er sah ihr in die Augen, Nase an Nase. „Was willst du, Moment, ich weiß schon was du willst!“ Er fuhr herum und ging in seine Hütte: „Komm mit!“ Sie folgte ihm. „Gestern war die Feier oder?“ Fragte er. „Ja.“ Er nahm einen Schöpfer von dem heißen Wasser, das in einem Kessel über dem Feuer vor sich hin brodelte und lachte, als er es in einen Trinkbecher füllte: „Habe ich dir erzählt dass ich in einer Vision gesehen habe, dass in der Zukunft die Menschen den Mistelzweig romantisieren, sich unter ihm küssen und völlig seine tatsächliche Verwendung vergessen haben?“ „Nein.“

Des Guten zu viel

Anselm tastete nach dem kleinen Totenkopffläschchen im Regal über sich.

„Ah, hier ist es ja “ schwurbelte er zufrieden. „Nur noch vier Tröpfchen vom Feenwasser und es sollte geschafft sein!“

Aufgeregt schüttelte er seinen Kopf. Strähnen weißer Haare klebten in seinem Gesicht.

„Ein Tropfen… zwei Tropfen…“ Die Flüssigkeit im Glaskolben wechselte wie erwartet die Farbe von braun zu grün.

„Drei … Vier…“ Plötzlich erblühte im Kern des Elixiers eine Wolke von Gasbläschen. Und ein giftiges Zischen und ein kurzes zartes Leuchten der Flüssigkeit kündeten von Jugend, Ruhm und Reichtum.

„Ha, ha, geschafft!“ frohlockte der Alte. „Genau wie im „Buch des Lebens“ beschrieben.“ Gackernd streckte er die Hand mit dem Kolben so hoch er konnte in die verbrauchte Luft seines Labors. Die Freude juckte in seinen Füßen und so trippelte er in löchrigen Strümpfen einen kurzen Freudentanz, bevor er erschöpft hustend wieder auf Greisesgröße zusammensackte. Fast hätte er dabei die Phiole fallengelassen.

„Nein, nein, nein… Dummkopf!“ erschrak er. „Pass doch auf!“

Die freie Hand vor Aufregung stöhnend gegen seine Brust gepresst, brauchte er eine Weile um wieder Atem zu finden.

„Auf zu Schritt zwei. Wo ist Krümel?“ Sein Blick irrte kurzsichtig umher. „Wo ist nur die verdammte Katze?“ „Mietze, Mietze. Komm her, ich hab was leckeres für dich!“ Krümel war nicht zu sehen.

Anselm reagierte ungeduldig: „Ach, dann halt an mir selbst.“ Sprach’s und nahm einen kleinen Schluck. „Hmm. Gar nicht so schlecht. Lecker!“

Er lauschte in sich hinein. Tat sich schon was? Nö. Garnichts.

„Ach was solls, dann halt noch einen Schluck. Bin ja eh schon fast tot. Kann nur besser werden…“ kicherte er.

Mutig nahm er noch einen kräftigen Schluck. „Wirklich verdammt guter Geschmack. Wenn es nicht wirkt, verkaufe ich es als eine neue Sorte Hypocras.“

In seinem Bauch gluckerte es. Kurz wurde ihm schwindlig und ihm war als ob ein frischer Wind durch sein Gehirn wehte.

Wie er so starrte und beobachtet, schlug jemand mit dem Klopfer gegen die Haustür.

Knock, knock, knock - prallte Metall scharf gegen trockenes Holz

‚Nicht mal nachts hat man seine Ruhe‘

Knock, knock, knock (kräftiger)

„Wer da?“ Gellte Anselm unwirsch.

„Macht bitte auf, Herr!“ tönte gedämpft eine junge Frauenstimme.

Der Alte humpelte leise fluchend zur Tür. In seiner Wirbelsäule verspürte er mehrmals ein angenehmes Knacken.

‚Ein Weib? Mitten in der Nacht?‘

Anselm schob den Riegel zur Seite und öffnete.

Dicht vor ihm sah er die Silhouette einer kleinen Frau. Das Licht einer Straßenfackel, ließ den Horizont ihres lockigen Haares rot aufleuchten. Gesicht und Körper lagen im Schatten. Anselm fröstelte, obwohl es eine laue Sommernacht war.

„Wer bist du und was willst du? Sprich schnell. Ich hab’ keine Zeit.“

„Darf ich eintreten Herr? - Bitte.“ flehte sie „Niemand soll mich sehen.“

Anselm blickte sich um, trat zur Seite und deutete ihr hereinzukommen. Erst da bemerkte er, dass seine andere Hand noch immer den fast leeren Kolben mit dem Elixier umklammerte. Er wandte sich um und ging schnell zurück zu seinem Experimentiertisch, wo er ihn abstellte.

„Schließ die Tür und komm ins Licht“ hustete er und setzte sich auf den einzigen Stuhl im Raum.

Er hörte, wie die Tür geschlossen wurde und sah seine Besucherin ins Licht der Kerzen treten.

Er erkannte sie sofort: Es war Gertie, die jüngste Tochter des Büttners.

Und Ihre Schönheit wärmte sofort sein kaltes Herz. ‚Warum nur waren mir meine Forschungen immer wichtiger als die Frauen?‘ Bedauerte er. ‚Wenn ich jemals Zeit gehabt hätte für eine Frau, dann hätte es eine wie Gertie sein sollen.‘

Und so fragte er sanft: „Was kann ich für dich tun, Gertie?“

„Herr, bitte, mein Vater will mich nicht verheiraten. Da waren der Ludwig, der Roland und der fesche Kunibert und noch ein Dutzend weitere, die um meine Hand anhielten seit ich 16 wurde. Aber keiner war meinem Vater gut genug. Und nun werde ich bald 25 und wünsche mir sehnlichst einen Mann und viele Kinder als Früchte unserer endlosen Leidenschaft.“

„Und warum kommst du dann zu mir? Soll ich mit deinem Vater reden?“

„Nein nein…“ giggelte Gertie. „Das ist es nicht. Aber… Da ist der Müller Klaus. Den mag ich gerne sehen. Und auch mein Vater hat gesagt, dass er sich so einen Kerl als Schwiegersohn wünschen würde. Nur leider ist der Klaus nicht an mir interessiert…“

Anselm stellte fest, dass er momentan Schwierigkeiten hatte klar zu denken. Alle seine Gedanken wirbelten durcheinander wie Herbstlaub im Sturm.

„Ja und, soll ich also mit dem Klaus sprechen?“

Gertie errötete „Ach Gott, nein! Das wäre mir doch sehr peinlich.“ und nestelte verlegen an
ihren Locken.

„Aber mein Vater erzählte mir von euch! Dass ihr so ein Gelehrter seid, der für jede Gelegenheit einen passenden Sud brauen kann. Auch ihm habt ihr wohl schon in einer dringlichen Angelegenheit helfen können…“

Achso! Der Martin… Ich erinnere mich. Also willst du, dass ich dir einen Liebestrank braue?“

Gertie seufzte erleichtert „Ja genau, Herr. Nichts wünsche ich mir sehnlicher. Ich bitte euch einzig darum und habe hier drei güldene Taler, die ich euch geben kann“

Anselm knackte mit den Fingern, gähnte lang und laut und streckte dabei alle Viere von sich.

‚Tut das gut!‘ stöhnte er innerlich.

Entschlossen stellte er die Füße auf den Boden, stützte sich mit den Händen auf seinen Oberschenkeln ab und lehnte sich Gertie entgegen.

„Drei Taler sind heutzutage aber eher zu wenig, Gertie. Sieben Taler sind nun mein Preis“

Gertie brach in Tränen aus. „Oh, ich Ärmste. Dann hab ich keine Hoffnung mehr. Drei Taler ist alles was ich habe und…“ Gertie verstummte fassungslos weinend.

Anselm spürte wie ihn das Mitgefühl an seinen Eiern packte. ‚Was ist nur los mit mir?‘ fragte er sich ‚Warum nur will ich dem armen Ding das antun?‘

Die Gedanken darüber, legten die Saat für sein weiteres Handeln.

In einer einzigen flüssigen Bewegung stieß er sich vom Stuhl hoch und ging entschlossen auf Gertie zu, fest entschlossen sie zu trösten.

Gertie sah einen verschwommenen Augenblick lang einen Schatten auf sich zu kommen. Sie wischte sich schniefend das Wasser aus den Augen und blickte zu Anselm auf, der nun dicht vor ihr stand.

Kurz huschte ihr durchs Gehirn ‚Sieht gar nicht so alt aus wie alle erzählen‘ dachte sie ‚Richtig stattlich und gutaussehend…!‘ Dann streckten sich seine kräftigen Arme nach ihr aus… Und Gertie konnte nicht anders, als leise zu seufzen.

Anselm legte tröstend seine Arme um Gerties Schultern und presste sie so sanft er nur konnte an sich. Sein langes schwarzes Haar verwob mit ihren roten Locken.

Als er spürte, wie sich ihr warmer weicher Körper an ihn schmiegte, wurde ihm schwindelig und er verspürte plötzlich eine tiefe körperliche Lust.

Und im Himmel sangen die Engel.

Anselm fasste einen Entschluss. Er sog noch einmal den Duft ihrer Haare ein und drückte Gertie dann mit seiner verbliebenen Willenskraft auf Armeslänge von sich. Seine Hände allerdings ließen nicht mehr ab von ihr und klebten an ihren Schultern.

„Gertie, bitte verstehe mich nicht falsch. - Aber als guter Alchemist und Gelehrter muss ich das nun fragen: Du hast noch nie mit einem Manne geschlafen?“

„Oh nein Herr, das wäre doch nicht recht, wenn Gott es nicht zuvor gefügt hat!?“

Anselm frohlockte innerlich und spann eifrig weiter sein Netz.

„Nun liebe Gertie, das höre ich wohl gerne. Und gerne auch braue ich dir den Trank den du begehrst. Und ich verlange auch nur deine drei Taler, da du so ein gottesfürchtiges gutes Kind bist und mir dein Schicksal am Herzen liegt.“

Gerties Freude strahlte heller als alle Kerzen. „Ihr seid so gut zu mir…“

‚Warte nur ab, dann zeige ich dir, wie gut ich sein kann.‘

„Leider ist zu befürchten, dass der Trank für sich alleine nicht ausreichen wird, um deinen Klaus dauerhaft an dich zu binden und Kinder mit ihm zu bekommen.“

Gerties Körper erbebte in seinen Händen. „Keine Kinder…?!“ stammelte sie entsetzt.

„Hab keine Angst…, keine Angst…“ lächelte er beruhigend „Ich will dir auch hierbei helfen“

‚Hoppla, habe ich mich verplappert?‘

„Was kann ich tun? Sagt es mir! Egal was es ist, ich will wohl alles tun, was ihr von mir verlangt.“

‚Sicher wirst du das. Sicher…‘

Anselm legte seinen Arm um Gerties Schultern und schritt langsam mir ihr durch den Raum.

„Du musst also lernen,“ erklärte er ihr lehrmeisterhaft „dass schon eine gewisse Erfahrung vonnöten ist, damit der Trank dauerhaft wirken kann. Also was das Körperliche anbelangt… - Du verstehst?“

Gertie nickte eifrig. Oh ja, sie wollte so sehr verstehen!

„Gut, gut… Ich will dir nun alles zeigen was du wissen musst, damit der Klaus dir vor Gott ein guter Ehemann und Vater deiner Kinder sein wird.“

Gertie blieb stehen und presste sich an ihn. „Ihr seid so gut zu mir“ flüsterte sie in die Beuge seines Halses, dort wo Minuten vorher noch seine Brust gewesen war.

„Das ihr das alles wirklich für mich tun wollt…“ Tränen ihrer Dankbarkeit nässten sein Gewand. Und Gertie presste sich fest an ihn. Fester als er es selbst gewagt hätte.

Anselm stockte der Atem. Sein Körper bebte. Blut strömte und stockte wie Lava aus einem Vulkan. Fast hätte er von seinem Vorhaben abgelassen. Doch das Elixier hatte bereits gute Arbeit geleistet. Er war nun Sklave seiner Hormone. Nur mit Mühe sprach er weiter:

„Nun denn, komm, folg mir geschwind in meine Studierkammer.“

Er führte Gertie, erregt schwitzend, in sein Schlafgemach, wo auch ein Regal mit Büchern stand.

„Ihr habt aber viele Bücher!“ staunte Gertie „Habt ihr die alle gelesen?“

„Gewiss, gewiss…, aber nun zieh dich aus und leg dich auf das Bett. Dann kann es gleich los gehen.“

„Ich bin sooo aufgeregt!“ giggelte Gertie freudig „Kommt ihr dann und zeigt es mir?“

Anselm stöhnte: „Natürlich komme ich…“ die Lust zwischen seinen Beinen war bereits ins unerträgliche geschwollen „aber vorher muss ich noch schnell meinen Körper reinigen und andere Dinge vorbereiten. Denn nur in einem reinen Körper… steckt… ein reiner Geist…“

„Dann schnell, beeilt euch Herr. Ich spüre etwas in meinen Lenden, dass ihr mir erklären müsst.“

„Gewiss, gewiss…Oh mein Gott…“ keuchte er mit fiepsiger Stimme und schlich gekrümmt und sich räuspernd in sein Waschzimmer. Fast wäre er noch über sein plötzlich viel zu großes Beinkleid gestolpert.

Tik, tak

Gertie lag, wie Gott sie geschaffen hatte, auf seinem Bett und wartete. Die wenigen Kerzen hatte sie gelöscht. Ihr weißes Fleisch glänzte feucht im Licht des fahlen Mondes, der schräg durch das kleine Dachfenster schien.

‚Wo bleibt er nur?‘ fragte sie sich traurig während sie regungslos die Sterne anstarrte. Sie gähnte. ‚Das muss wohl hoffentlich eine vortreffliche Lektion sein die mich erwartet, wenn es so lange dauert sie vorzubereiten.‘

Tik, tak

„Herr, wo bleibt ihr ?“ Ungeduldig lauschte sie. Aus dem Zimmer, in das er vor Kerzeslänge verschwunden war, hörte sie ein leises Tapsen und Summen.

„Ich muss doch mal nach ihm sehen. Vielleicht kann ich ihm helfen.“

Gertie glitt aus dem Bett und tastete vorsichtig zur Tür des Nachbarraumes. Sie presst das Ohr an das Holz und lauschte. Dann öffnete sie die Tür.

Auf dem Fußboden vor ihr, inmitten von Kleidungsstücken des Alchemisten, plumpste gerade ein kleiner Zwei-Kürbis-Hoch zu Boden und nuckelte an seinem Daumen.

Als er Gertie sah, lächelte er glucksend und streckte seinen freien Arm nach ihr aus.

„Na, dich schickt wohl der Himmel!“ leuchtete Gertie und eilte zu dem Kind.

„Der gute Herr hat dich mir zum Geschenk gegeben? Komm zu mir, kleiner Racker!“

Sie nahm den Kleinen in ihre Arme und presste ihn fest an sich. Das Kind beschwerte sich nicht.

„Bist Du die Lektion, die ich zu erlernen habe? Einem fremden Kind Liebe schenken, bevor ich eigene Kinder haben darf?“

Der kleine Racker grinste ernst, als ob er dem Gesagten zustimmen wollte, und tastete vorsichtig nach Gerties Brüsten.

Ende

Das Elexier

Ein unangemeldeter Besucher klopfte an die Tür des Alchemisten Muro einmal,

zweimal, ein drittes Mal. Muro, der versehentlich eine Überdosis seines jüngsten Elixiers getrunken hat, öffnete zögerlich die Eingangstür.

Vor ihm standen drei Soldaten, die ihn augenblicklich in das Haus stießen.

„So“, sprach einer von ihnen, „Ihr seid also der Alchemist, der unheimliche Kräuter anrührt. Ihr wisst, dass dies eine Hexerei ist. Wir müssen euch jetzt mitnehmen und ihr werdet noch heute dem Richter vorgeführt.“

Muro erschrak sich so sehr über den Vorwurf, dass es ihm die Sprache verschlug und er keinen Satz hervorbrachte.

Er ergab sich seinem Schicksal und folgte den Soldaten in Richtung Marktplatz, auf

dem sich eine ungewöhnlich große Menschenansammlung eingefunden hatte.

Während Muro überlegte, welches Spektakel das Volk wohl erwartete, führten sie ihn unmittelbar zum Richter, der auf der obersten Stufe vor dem Rathaus stand.

„Mir wurde zugetragen“, sprach der Richter zu dem Angeklagten, „dass ihr heimlich mit Kräutern und anderen Dingen experimentiert. Ihr wisst, dass dies ein schweres

Vergehen ist. Hab ihr etwas zu eurer Verteidigung vorzubringen?“

Muro überlegte einen Augenblick, was er zu seiner Verteidigung vorbringen

könnte, schwieg dann aber.

„Gut“, sprach der Richter weiter, „Wenn ihr nichts zu eurer Verteidigung vorzubringen

habt, stelle ich fest, dass ihr der Hexerei schuldig seid. Ihr werdet sofort nach der

Urteilsverkündung dem Henker übergeben. Der Richter wies auf einen Scheiterhaufen, der in der Mitte des Marktplatzes aufgerichtet war. Er befahl den

Soldaten den zum Tode Verurteilten an den mannshohen Holzpfahl anzubinden. Nachdem die Soldaten ihr Werk vollbracht hatten, entzündete der Henker eine Fackel und warf sie in die Holzscheite die vor dem Alchemisten lagen.

Muro sah seine brennenden Schuhe und Kleider. Aber eines erschien ihn sonderbar, er verspürte weder einen Schmerz, noch konnte er den Geruch des brennenden Holzes wahrnehmen.

Er schloss seine Augen und versank in einem tiefen endlosen Loch.

Nachdem Muro sie wieder öffnete, erschrak er so sehr über das Geschehene, dass er zuerst nicht begriff, wo er war.

Er saß inmitten seiner Hütte, auf dem Tisch stand die ausgetrunkene Flasche mit

Elixier. Muro lief zu dem Fenster, von dem er trotz der Dunkelheit den

Marktplatz einsehen konnte. Aber er sah weder einen Scheiterhaufen, noch eine

Menschenansammlung. Erleichtert ließ Muro sich auf einen Stuhl nieder. Es wird wohl ein böser Traum gewesen sein, dachte er, vielleicht war es auch die Folge seiner Experimente. Oder hatte er gar ein Elixier erfunden, welches seine Zukunft vorhersah?

Dieses wird Muro aber nie erfahren, da es ihm für weitere Versuche jetzt an der notwendigen Unerschrockenheit fehlte.

Das Wunderelixier

Gerade probiere ich meinen Jogurt und stelle fest, dass die Mischung diesmal wirklich gut schmeckt, da klopft es an der Tür. Demonstrativ drehe ich mich weg und löffle weiter. Endlich kann man meine Rezeptur genießen. Wenn die Menschen jetzt noch erkennen würden, dass sie so viel Positives für den Körper bereithält, dann hätte ich gewonnen. Bereits seit Jahren nehme ich das Zeug zu mir und es wirkt wahre Wunder. Ich fühle mich fit und gesund, bin seit Ewigkeiten nicht mehr krank gewesen und fühlte mich im Ganzen wohl.
Ein paar Probanden hatte ich über die Jahre gefunden, die fleißig meine Kulturen über die Nahrung aufnahmen, aber für die breite Masse und den großen Erfolg hatte es bisher nicht gereicht. Klar, es war erst einige Jahrzehnte her, dass Louis Pasteur herausgefunden hatte, dass Bakterien krank machten. Dieser Gedanke war in den Köpfen der Menschen verankert und bereitete ihnen Angst. Nachdem all meine anderen Forschungen nicht so gut gelaufen waren, sollte das hier mein großer Durchbruch werden, was aber nicht so einfach war, solange niemand bereit war, meine Theorien zu probieren. Dabei hatte ich so viel Zeit investiert. Meine Cousine, die seit Jahren verzweifelt versuchte, einen stattlichen jungen Mann zu gewinnen, hatte mit meiner Methode einige Kilo abgenommen und hätte nun glatt Model werden können. Es war nicht so, dass sie einfach zu faul für Sport war oder Unmengen aß, nein seit ihrer frühen Jugend konnte sie nicht abnehmen, egal was sie versuchte. Aber mit meiner Methode hatte sie Erfolg, ergänzte sie mit einer abwechslungsreichen, gesunden Ernährung, ein bisschen Sport und sah super aus. Schlank, glatte Haut, glänzendes Haar. Mittlerweile könnte sie jeden haben, hatte es aber geschafft, ihren Traummann auf sich aufmerksam zu machen, und war seitdem glücklich verheiratet. Sogar Kinder waren unterwegs. Mit meinem neuentwickelten Stoff ging es aber nicht nur um das Aussehen, nein. Wenn ich mehr Teilnehmer hätte, würde ich beweisen, dass es fit und gesund hielt. Die Gehirnleistung verbesserte und man viel weniger krank wurde. Ein erneutes energisches Klopfen ließ mich herumfahren. Konnte man hier nicht mal in Ruhe seinen Forschungen nachgehen, wenn sie schon niemand ernst nahm? Mit einem genervten Brummen, den Jogurtlöffel noch im Mund, ging ich zur Tür und öffnete sie. Davor stand meine Schwester Karin. Sie schaute mich entgeistert an,
„Versuchst du neuerdings Löffel zu essen?“, fragte sie zynisch und drängelte sich an mir vorbei in den Hausflur. Ich warf die Tür ins Schloss, zog mir den Löffel aus dem Mund und folgte ihr.
„Nein. Du hast mich nur gerade beim Essen gestört, Schwesterherz“, antwortete ich ihr und legte eine besondere Betonung auf das letzte Wort meines Satzes.
„Ach was? Wieder eins von deinen Experimenten? Wie gut, dass ich mir sowas nicht antun muss und Thomas einem anständigen Beruf nachgeht.“
„Und Alchemist und Forscher ist kein anständiger Beruf?“, fragte ich mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Du wohnst in einem heruntergekommenen Mietshaus, bei einer senilen alten Frau, da du sonst wegen der Mieten längst auf der Straße sitzen würdest. Wie gut, dass sie es hin und wieder vergisst. Den ganzen Tag stellst du irgendwelche Mixturen her und rührst komische Pasten und Flüssigkeiten zusammen, aber haben wollte es bisher noch niemand.“
„Du weißt, meine Kräuter verkaufen sich gut. Also, was willst du wirklich hier? Um mich zu kritisieren, würdest du den Weg nicht auf dich nehmen.“
„Ich wollte dich nur an unser Weihnachtsfest nächste Woche erinnern. Mutter und Vater freuen sich schon so darauf. Auch wenn ihre Hoffnung, du könntest eine Frau mitbringen, sich sicher nicht erfüllen wird. Man sollte schon ein gesichertes Einkommen haben, wenn man mit jemandem sein Leben teilt. Von Luft und Liebe allein wird man nicht satt.“
„Vielleicht ist das deine Ansicht, aber ich denke nach wie vor, Liebe kann Berge versetzen. Und vor allem geht es dich gar nichts an, wie hoch mein Einkommen ist.“
„Das sieht man ja allein an deiner Wohnung.“
„Und wie ich es ausgebe, noch weniger. Wenn das alles war, kannst du gern wieder gehen. Ich werde da sein und Mutter und Vater sicher nicht als Einzige enttäuschen“, schoss ich zurück und wies mit der Hand zur Tür. Tränen sammelten sich in den Augen meiner Schwester.
„Du weißt ganz genau, ich kann nichts dafür. Wenn das so weiter geht, werde ich Thomas verlieren. Er hat schon überlegt, mich für die Claudine zu verlassen. Sie würde ihm sicher Kinder schenken.“ Karin drehte sich weg.
„Ich kann mich nur wiederholen: Ich helfe dir jederzeit gern.“
„Sicher. Ich habe von Cousine Maria gehört, wie widerlich dein Zeug schmeckt.“
„Jetzt nicht mehr. Ich habe gerade heute die neue Rezeptur fertiggestellt. Es ist wunderbar. Mir geht es wunderbar. Und du hast die Verwandlung von Maria doch bemerkt. Sie ist schlanker und ihre Haut und Haare sehen wunderbar aus. Außerdem hat sie mir gestern verraten, dass sie schwanger ist.“
„Das kann gar nicht sein. Sie ist doch noch gar nicht so lange verheiratet.“
„Ich sage ja, meine Mixtur hilft. Alle meine Tester sind zufrieden. Weniger Grippe, weniger andere Krankheiten, die sonst so durchs Land ziehen. Fitter, energiegeladener, schlanker, gesünder, einige meiner jüngeren Probanden sprechen sogar davon, sich besser konzentrieren, besser lernen zu können und sich Dinge viel länger und leichter zu merken. Nur der Geschmack, der passte ihnen bisher nicht.“
„Wieso bist du dann nicht reich und berühmt? Wieso gibt es dein Wundermittel nicht in Apotheken?“
„Weil die Mehrheit der Menschen immer noch Angst vor Bakterien hat, aber ich habe schon vor Jahren gesagt, dass sie nicht böse sind. Ein Bakterium kann krank machen, wenn es das Falsche für unseren Körper ist, aber gleichzeitig können die Richtigen, die in unseren Organismus gehören, ihn stärken und vor vielem Schlechten bewahren. Es ist niemandem bisher etwas Schlimmes passiert. Also probier es doch aus.“ Meine Schwester seufzte ergeben.
„Was kann mir schlimmstenfalls passieren? Wenn Thomas mich wirklich verlassen sollte, habe ich nichts mehr vom Leben. Ich müsste als Bettlerin durch die Straßen ziehen. Also gut. Aber wenn mir doch was passiert, mache ich dich dafür verantwortlich und du kannst das Mutter erklären.“
„Einverstanden.“ Ich ging nach hinten zu meinem Laborkühlschrank und holte eine Mischung daraus hervor. Mit kurzen Worten erklärte ich meiner Schwester, wie das ganze funktionierte.

Als meine Karin vier Monate später wieder zu mir kam, um sich eine weitere Wochenration abzuholen, wölbte sich bereits ein kleiner Bauch unter ihrem Kleid hervor. Nicht mehr lange und sie würde Neue brauchen.
„Na Schwesterchen? Habe ich dir zu viel versprochen?“
„Frag mich das Ganze nochmal, wenn ich das Zeug mit Schokogeschmack bekomme. Oder Erdbeere wäre auch gut.“ Sie grinste und strich sich über den Bauch. Seit man erkennen konnte, dass sie erfolgreich schwanger geworden war, rannten mir die Frauen fast die Bude ein und wollten alle etwas von dem Wundermittel haben und schnell bemerkten sie auch, wie gut es ihrem Teint tat, kamen noch mehr. Wenn das so weiter ging, würde ich doch noch der erfolgreiche Alchemist werden, von dem ich immer geträumt hatte. Lachend schüttelte ich den Kopf.
„Ich arbeite dran.“

Laughlaine ignorierte das Klopfen an der Tür. Er wollte jetzt nicht gestört werden. Ausnahmsweise zählte mal was er wollte. Und er wollte vergessen, so schnell wie möglich.
Er rührte ein paar Kräuter in seinen Kessel und gab noch etwas Wolfsmilch dazu. Jetzt bloß nicht verzählen dachte er und begann den Trank linksherum zu rühren. Einmal, zweimal, dreimal… mit jeder Runde seines metallenen Löffels rief er sich ins Gedächtnis, was der Grund für sein Handeln war und es fühlte sich gut an. Zu lange hatte er auf sie gewartet, immer und immer wieder. Jahrelang hatte er sich damit begnügt, ihre weichen Züge aus der Ferne zu betrachten. Die Reflektionen der Sonne auf ihren flachsblonden Haaren zu beobachten und sich zu fragen, wie sie sich wohl zwischen seinen Fingern anfühlen würden.
Jeden Mittwoch auf dem Markt hatte er ihrer glockenhellen Stimme gelauscht, wenn sie die Elixiere für ihren Mann gekauft hatte. Wie oft hatte er erwogen ihr statt der geforderten Tränke und Tinkturen heimlich etwas mitzugeben, was ihn an sein Ziel führen würde. Aber er hatte sich beherrscht. Es wäre nicht richtig gewesen. Ganz im Gegenteil, es wäre hinterhältig und gemein und hätte ihn ja doch nur zum Schein ans Ziel gebracht.

Und dann war es endlich so weit. Nach seinem Tod kam sie weiterhin zu seinem Stand. Am Anfang besorgte sie sich Kräutermischungen, um den Tod ihres Gatten zu überwinden. Dann kam sie einfach nur so. Und schließlich wegen ihm.

Es klopfte erneut. Als sein Lehrling sich in Bewegung setzen wollte, um zur Tür zu gehen, herrschte er ihn an, er solle gefälligst bei seiner Arbeit bleiben und sich konzentrieren, es sei noch keine Zeit, den kleinen Laden zu öffnen. Das fehlte ihm gerade noch, dass sein Lehrling ein weiteres Mal eine Tinktur versaute, weil er sich ablenken ließ.
Jetzt war er sich selbst unsicher, ob er richtig gezählt hatte. Ein zwei Runden zu viel würden dem Trank nicht schaden, ihn nur etwas verstärken. Aber er musste trotzdem vorsichtig sein. Er wollte schließlich nur seine Gefühle für Edlaine vergessen, nicht sein ganzes Leben.

Mit kräftigen Bewegungen rührte er nun in die andere Richtung. Er hatte einen wunderschönen Sommer mit Edlaine verbracht. Heimlich hatten sie sich an der alten Weide auf der Flussaue getroffen. Sie waren stundenlang in der Heide spazieren gegangen, hatten sich unterhalten, hatten die Tiere im Wald besucht und waren sich irgendwann näher gekommen. Edlaine hatte schließlich vorgeschlagen, ihre Zuneigung öffentlich zu machen. Schließlich sei ihr Witwenjahr vorbei und sie sich ihrer Gefühle für ihn sicher.

Und dann hatte sie plötzlich angefangen ihn zu versetzen. Verabredungen hatte sie abgesagt und war nicht gekommen. Und wenn sie sich doch mal sahen, wirkte sie kühl und abweisend. Laughlaine verstand die Welt nicht mehr. Er hatte mehrfach versucht den Grund für ihr sonderbares Verhalten zu erfahren. Schließlich hatte er es nicht mehr ausgehalten.
Ein schmerzlicher Ausdruck trat in seine Augen.

Ein lauter knall riss ihn erneut aus seinen Gedanken. Herrgott! War dieser Junge denn zu nichts zu gebrauchen? Laughlaine fluchte laut und sah zum Arbeitsplatz seines Lehrlings hinüber. Er hatte gewusst, dass es für die Schießpulvermixturen noch zu früh war. Janiturs Haare standen ihm wild vom Kopf ab und mit einem entschuldigenden Grinsen wischte er sich den Ruß vom Gesicht. „Nichts passiert“, versicherte er und machte sich daran, seinen Arbeitsplatz zu säubern. Es klopfte schon wieder.
„Mach erst sauber!“ Herrschte Laughlaine ihn an. „Nicht, dass die Pulverreste hier herumfliegen und uns irgendwann den ganzen Laden in die Luft sprengen.“

Als Laughlaine auf seinen Trank hinunter blickte stellte er verärgert fest, dass er sich doch verzählt hatte. Er überlegte fieberhaft wie oft er wohl gerührt hatte. Sieben Runden zu wenig würden kein Problem sein, dann musste er im zweifel eine zweite Portion trinken. Sieben Runden zu viel könnten jedoch erhebliche Folgen haben. Er beschloss auf Nummer sicher zu gehen und hörte lieber auf zu rühren. Er füllte den Trank in seinen Zinnbecher, setzte ihn an die Lippen und wollte die richtige Menge in kleinen Schlucken abzählen. Ein heftiges Poltern an der Tür ließ ihn herumfahren, so heftig, dass er sich verschluckte und ausversehen den halben Becher trank. Jetzt war die Anzahl der Umdrehungen auch egal, stellte er entsetzt fest. Jetzt konnte er nur hoffen.

Er hörte, wie Janitur zur Ladentür eilte und öffnete. „Es ist Edlaine“, rief er in das Labor hinein. „Sie hat eine Überraschung dabei!“ Die Stimme seines Lehrlings klang seltsam erfreut. Dann führte er eine zierliche, blonde Frau hinter sich in das Labor. Sie hatte ein strahlendes Lächeln auf den Lippen und eine Hand schützend auf ihren leicht gewölbten Bauch gelegt.
Laughlaine sah die Frau in dem Lindgrünen Leinenkleid freundlich an. „Lassen Sie mich raten,“ sagte er geschäftig, „sie benötigen etwas gegen Morgenübelkeit, Rückenschmerzen und auch etwas für lästige Stimmungstiefs, habe ich recht? Einen Augenblick bitte, mein Lehrling macht Ihnen alles fertig. Ich muss noch… Ja was denn eigentlich? Jetzt habe ich doch glatt vergessen, was ich gerade erledigen wollte.“

Alles hat seinen Preis


Lady Hampshire staunte nicht schlecht, als ihr ein Junge die Tür öffnete. Sie hatte damit gerechnet den Alchemisten ihres Vertrauens allein anzutreffen. Aber das Kind trug seinen Kittel. Es würde schon seine Richtigkeit haben und die Zeit drängte.

„Guten Abend, junger Mann. Ich bin hier um-“

„Ja, ja. Komm schon rein.“

Die tiefe Stimme war die eines älteren Mannes und passt so gar nicht zu der kindlichen Gestalt, die die Tür geöffnet hatte.

„Aber verkneif Dir gefälligst jegliche blöden Sprüche, Jacinda. Gerade Du hast nicht das Recht über mich zu urteilen.“

Er öffnete die Tür gerade weit genug, so dass sich die vornehme Dame mit all ihren Unterröcken hineindrücken konnte.

„Möchte ich wissen was passiert ist, Babylas?“

„Was willst Du?“

Sein Tonfall wurde gereizt.

„Das übliche.“

„Ernsthaft? Schon wieder?“

Der Junge kletterte auf den Lesesessel in der Ecke und bot mit einer Handbewegung seinem ungebetenem Besuch die Bank am Tisch an.

„Das letzte Mal ist doch gerade mal ein paar Monate her.“

Die junge Witwe des letzten Lord Chancellors setzte sich mürrisch. Das karge Holz entsprach weder ihrem erreichten Stand noch ihrem Anspruch was persönliche Annehmlichkeiten angeht.

„Ich weiß, Babylas, ich weiß. Es ist wirklich traurig. Aber es gibt keinen anderen Weg.“

„Bist Du sicher, dass Du es nicht doch einmal mit einer Scheidung versuchen willst? Die Leute reden schon. Sieben Ehemänner in drei Jahren…“

Sie machte eine hilflose Geste.

„Es ist ja auch nicht das, was ich möchte. Aber wenn man mir keine Wahl lässt. Und wie sagtest Du das eben so schön? Ich glaube nicht, dass Du das Recht hast, über mich zu urteilen, alter Freund.“

„Freund? Pah!“

Die Stimme des alten Alchemisten brach fast bei dem empörten Ausruf.

„Von wegen Freund! Du erinnerst Dich nur an mich, wenn mal wieder ein Ehemann lästig wird und Du ihn loswerden möchtest.“

Mit gespielter Verlegenheit wickele sich Lady Hampshire eine Strähne um den linken Zeigefinder und schaute zu Boden. Jemand der sie nicht so gut kannte, hätte ihr geglaubt, dass sie von den harten Worten getroffen war. Sie zog sogar die Nase ein wenig hoch. Aber Babylas blieb ungerührt.

„Nun gut. Wir sind keine Freunde. Aber Du bist mir so nützlich gewesen, dass ich Dir Deine Unverschämtheit vergebe. Das würde ich bei meinen Freunden nicht tu-“

„Weil Du keine hast!“

„Ja. Gut. Nicht mehr.“

Er sprang auf und wollte nach dem Becher auf dem Beistelltisch greifen, um ihn zumindest grob in ihre Richtung zu werfen. Aber er verschätzte sich bei der Koordination seiner Gliedmaßen derart, dass er der Länge nach hinfiel.

„Ups!“

Sie lächelte gehässig und machte keinerlei Anstalten ihm zu helfen. Ihre Mimik fror ein, als seine Gestalt sich veränderte und statt eines Jungen nun ein junger, gut gebauter Mann vor ihr auf dem Boden lag. Der Alchemist rappelte sich auf und rieb sich das Kinn.

„Definitiv zu viel Morgentau…“

Er ging zu dem Tisch rüber und strich etwas auf einem eh schon vollgekritzeltem Blatt durch und schrieb etwas darüber.

„Babylas?“

„Schweig, Weib!“

Jacinda blieb der Mund offen stehen. Sie war es nicht gewohnt, dass so mit ihr gesprochen wurde oder das ein Schriftstück interessanter war als sie selbst. Pikiert schnappte sie nach Luft, was von ihm aber ebenso ignoriert wurde.

„Babylas?“

Mit honigsüßer Stimme hakte sie nach.

„Was ist nun? Ich habe nicht viel Zeit…“

Er drehte sich zu ihr und lächelte.

„Das ist ja ärgerlich für Dich. Ich hingegen habe noch die ganze Nacht in dieser Gestalt und eine Idee, wie Du mich diesmal bezahlen kannst…“

Auch kleine Fehler haben Folgen

Es klopfte. Schnell kippte er sich den Rest des Elixirs in den Rachen ehe er auf leisen Sohlen zur Tür schlich. Wer würde ihn um diese Zeit noch Besuchen? Ein schneller Blick auf seine Uhr half ihm auch nicht. Er stand vor dem leicht unförmigen Holz, als es erneut klopfte. Diesmal energischer, fordernd. „Ich kaufe nichts!“ Dröhnte seine Stimme. Er erschrak, sprach er immer so laut? Wieder hämmerte es gegen die Tür. „Ich trete keiner Gemeinschaft bei und ich brauche weißgott keinen neuen Besen!“ Seit wann hallte es in seinem Haus so sehr? Als der Donnerhall erneut in seinen Ohren dröhnte, riss er schließlich die Tür auf. „Herrgott, was wollen Sie?!“ Brüllte er in die Dunkelheit.

Niemand zu sehen, die Dunkelheit schien zu leben. Flehte um Einlass, kroch wabernd über die Schwelle. Der Alchemist wich zurück, stolperte über die eigenen Füße. Er landete mit einem Donnerschlag auf dem Fußboden. Kroch rückwärts, der Dunkelheit entfliehend und schaffte es schließlich die Tür mit seinen Sohlen zu zu treten. Wieder schlugen zentnerschwere Fäuste gegen das Holz. Der Mann rappelte sich auf, er lief in die Küche, zu seinem Kessel. Etwas versuchte einzubrechen. Was nur konnte er brauen, um solch finstere Mächte abzuwehren?

Unter tosenden Anklagen, die aus allen Himmelsrichtungen zu kommen schienen, schlug er seinen Almanach auf. Irgendwo musste es einen Zauber zur Abwehr des Bösen geben. Doch noch nie hatte er einen solchen Zauber benötigt. Er blätterte, Seite um Seite, während das Türblatt unter den Schlägen zu zerbrechen drohte. Doch die Seiten waren leer. Ihrer Buchstaben beraubt. Was hatte das nur zu bedeuten?

Er musste sich etwas anderes einfallen lassen. Neben seinem Kessel lagen noch die Zutaten für sein Elixier, doch damit konnte er nichts anfangen. Ach wenn er doch nur auf seinen Meister gehört hätte. „Söhnchen,“ hatte er immer wieder gesagt, „merke dir nur eines: Sei auf alles gefasst. Achte auf die Unterschiede.“ Wie recht der alte Mann doch gehabt hatte. Achte auf die Unterschiede, hallte es in seinen Gedanken wieder und verfing sich wie ein unendliches Mantra in seinen Synapsen. Achte auf die Unterschiede. Gedankenverloren versuchte er das Klopfen so gut es ging zu ignorieren und wandte sich seinem Kessel zu. Womit konnte man das Böse bekämpfen? Schattenwurz? Achte auf die Unterschiede. Wolfskraut? Die Unterschiede. Ihm stockte der Atem. Hatte er es etwa verwechselt? Er sah sich die Zutaten an, sah in seinem Buch nach dem Rezept. Dort stand: „Dreikraut hacken.“ Doch das „h“ war in der Apotherkerschrift seines Meisters geschrieben, kaum von einem „b“ zu unterscheiden. Er hatte das Dreikraut gebacken, anstatt es zu hacken. Dort lag sein Fehler. Langsam ließ das Klopfen nach, es wurde leiser. War er wirklich so naiv gewesen, Dreikraut zu backen? Das hatte unangenehme Folgen, das war eines der ersten Dinge, die man als angehender Alchemist lernen musste.

Er schüttelte den Kopf. „Ich werde wohl alt.“ Sagte er, und kippte den Rest, der noch in seinem Kessel brodelte, in sein Spülbecken. Einen Augenblick starrte er auf das Messungungetüm, welches ihm bislang gute Dienste geleistet hatte, es thronte über der Spüle und würde nun wohl bald eine neue Dichtung benötigen. Der Wasserhahn tropfte…

Nachbarn

Entweder nutzt man sie oder nutzt sie aus, oder man hilft. Manchmal geniesst man auch zusammen, was dann zu einer Gegeneinladung führen muss.

Eigenbrötler mögen sowas nicht. Zeitaufwand sowohl für die Speisen, wie auch für das zeitfressende heitere Geplapper …und das Aufräumen und Abräumen.

Hugo war ein Eigenbrötler in der kleinen Küche seiner sehr kleinen Wohnung, die er liebevoll Freiheit nannte .gelegentlich sah man Apotheken Zeitschriften auf seinem Küchentisch und zum Abendessen gab es auf jeden Fall Fussball.

Und genau an diesem Sonntag wollte Hugo Speckeier machen. Nun hatte er keine Eier mehr.

Da war Nachbarschaftshilfe vonnöten.

Und warum er ausgerechnet in den dritten Stock ging zu Erich?

Weil der Rest der Nachbarn ausgeflogen waren.

Zum Schamanen oder Alchemisten oder Hexer wollte er wirklich nicht gehen, und um Eier betteln.

Der Erich war für Hugo suspekt.

Er war nie modisch gekleidet, hatte keine Frau und ging auch nie zum Sonntagsgottesdienst.

Was Hugo noch nicht wusste ist, dass er heute zum Rettungsengel für Erich wird, ohne eine Ahnung.

Erich hatte einige Stunden zuvor Nux Vomica mit Muskat verwechselt und aus Muskat eine sehr kräftige Lösung angerichtet. Erich war in einer schlechten Verfassung. Er taumelte, konnte sich kein Mineralwasser eingiessen und sah seine Umgebung verschwommen.

Dann ausgerechnet klingelt der nervige Hugo an der Tür mit einer blöden Frage.

„Hast du Eier?“

Erich schlurft schwankend zur Küche ,sucht, kramt und sagt:

„Ei-gentlich schon.“

Für Hugo war das schon eine Einladung, obwohl er dachte, dass Erich volltrunken war. Für Hugo war das kein Problem, denn diesen Zustand kann man mit Essen bezwingen.

Hugo kommt in die vollgestellte Wohnung oder Hexerküche von Erich, fühlt sich wohl und beginnt zu kochen, so als wäre er daheim. Erich liegt mittlerweile ausgestreckt auf dem Rücken auf seinem zu kurzen Sofa und schnauft.

Hugo kochte. Leider konnte er die Gewürze nicht so ganz von Pfeffer und Salz unterscheiden. Hauptsache es schmeckt. Dass er dabei auch in den Schrank mit der Homöopathie griff fiel ihm gar nicht auf.

Durch die Geräusche in der Küche und die schönen Aromen hat Hugo den Erich nicht wahrgenommen. Der war kurz vor Exitus. Hugo hörte nichts, wuselte weiter in der Küche und war hoch erfreut über sein Gericht.

Hugo hatte seine selbst kreierte Suppe Erich gebracht, ihn sogar damit gefüttert, immer noch in dem Glauben, dass der Erich besoffen war.

Erich nahm die von Hugo gefütterte Suppe langsam und schau da, er erholte sich zusehends.

Dann verabschiedete sich Hugo.Weitere Treffen folgten.

Hugo ist jetzt Grossstadt Schamane und bester Freund Erichs.

Das Elixier der Größe

So ein maledeiter Mist aber auch. Nun hatte er vor lauter Ablenkung einen zu großen Schluck seines Elixiers zu sich genommen. Was nun passieren würde? Er wusste es nicht, aber würde es schon in naher Zukunft herausfinden. Da klopfte es bereits ein drittes Mal an der Tür, nun noch energischer als bei den ersten beiden Male. Er war versucht, nicht zu öffnen, auch in Anbetracht der nicht zu erahnenden Folgen des Elixiers, aber seine Neugier siegte dann doch. Und vielleicht war es auch gar nicht so schlecht, jemanden bei sich zu haben, sollte das Elixier ihn völlig aus seinen Lederschuhen hauen. Er öffnete die Tür und sah … niemanden.
Ein lautes Räuspern war zu hören. Wo kam das denn her?
„Ähm, hier unten, Sir.“
Sein Blick wanderte nach unten und dort stand- tatsächlich- ein Mann vor ihm. Seltsam, hatte sein Elixier so schnell gewirkt?
„Wenn ich mich vorstellen darf: Ich bin Brom Eisenhammer von den Eisenzwergen.“
Da musste er erstmal über sich selbst lachen. So schnell konnte sein Elixier ja gar nicht wirken.
„Ähm, könnte ich vielleicht eintreten? Es ist etwas kalt hier draußen.“
Oh je, wo waren nur seine Manieren geblieben?
„Selbstverständlich, treten Sie ein.“
Nachdem der Zwerg es sich vor dem Kamin gemütlich gemacht hatte und nur noch halb so erfroren aussah, fragte er den Zwerg nach dem Grund seines Besuches.
„Uns wurde berichtet, dass sie Elixiere herstellen, mit denen man seine Größe verändern kann. Wie sie sich vielleicht vorstellen können, werden wir Zwerge stets wegen unserer Größe unterschätzt. Daher wurde ich vom Zwergenrat beauftragt, sie aufzusuchen und sie um ein solches Elixier zu bitten.“
Er schmunzelte. Konnten Zwerge nun neuerdings Gedanken lesen? Was für ein Zufall, wo er doch gerade ein solches Elixier zusammengebraut und es nun ausprobiert hatte.
„Ha, ich habe gerade solch ein Elixier gebraut, aber bisher waren meine Versuche nicht von Erfolg gekrönt. Gerade, als sie klopften … hicks …oh, Verzeihung, das kommt wohl vom Elixier … hicks … gerade, als sie klopften, habe ich ein solches zu mir genommen. Puh, ist ihnen denn auch so warm hier drin?“
Er fächelte sich mit einer Pergamentrolle Luft zu, am liebsten hätte er sich von draußen etwas Schnee besorgt, um sich abzukühlen.
„Heißt das, dass sie gleich noch größer werden? Oder kleiner? Ähm, geht es ihnen gut, Sir?“
„Jaja, alles gut, das ist nur eine kleine Nebenwirkung des Elixiers, nicht der Rede wert. In der Tat wird man durch das Elixier größer, wäre also genau das, was sie suchen. Wir werden es ja gleich an mir sehen, wir müssen bestimmt nur noch wenige Sekunden …“
Und blumps, lag er auf dem Boden. Der Zwerg war zunächst erschüttert, dann völlig aus der Fassung und überlegte schon, Reißaus zu nehmen. Als er gerade auf und davon wollte, hörte er den Alchemisten stöhnen. Er beugte sich über ihn, als dieser die Augen aufschlug.
„Nanu, wieso haben sie denn von dem Elixier getrunken? Einfach in meiner Abwesenheit von meinen Tränken zu trinken, ist nicht nur äußerst unhöflich, sondern auch äußerst gefährlich.“
„Gefährlich sind ihre Tränke wahrlich, aber ich habe zum Glück keinen Schluck davon getrunken und werde es gewiss auch nie tun. Danke für Ihre Zeit, ich bin dann mal weg und komme auch nie wieder.“
Schon war der Zwerg auf und davon und über alle Berge. Merkwürdig, was hatte er denn? Und huch, wann war denn dieser andere Zwerg in seine Hütte geschlüpft?
Hach, das war ja nur sein Spiegelbild. Dann kam ihm die Erkenntnis.

Schmeckes

„Du meine Güte, wie lange dauert das denn, bis du die Tür aufmachst? Habe jetzt schon dreimal geklopft, lass‘ endlich die Klingel reparieren!“

Langsam - wie in Zeitlupe - schiebt Walter seinen Kopf durch den Türspalt. Kalter Schweiß läuft ihm von der Stirn über die Nase und bildet einen immer größer werdenden Tropfen an der Nasenspitze, der kurz darauf auf den Steinboden klatscht.
„Mir ist so schlecht, Egon. Habe wohl zu viel von dem Zeug geschluckt…“

„Geschluckt? Was hast du denn jetzt schon wieder zusammengebraut? Wieder so ein Wunderwasser gegen Fußpilz oder Hämorrhoiden? Wann begreifst du mit deinen 82 Jahren endlich, dass du kein genialer Alchemist bist und auch keiner mehr werden wirst?“

„Warum hast du nicht vorher angerufen? Tauchst hier einfach so unangemeldet auf und machst mir Vorwürfe. Und wenn du es genau wissen willst: Drei Teile Hyaluronsäure, zwei Teile Oil of Olaf und ein Schwapp Schmeckes Edelkirsch. Für straffere Haut. Den Schmeckes nur wegen dem Geschmack.“

„Du bist echt krank, Walter.“

„Und du hattest schon mal mehr Verständnis für…“

„…einen guten Freund, der immer für mich da ist. Ja, ja. Deshalb bin ich ja hier.“

„Komm‘ erst mal rein. Das Haus ist so hellhörig und die Curie aus der ersten Etage ist immer so neugierig.“

Egon zieht die Tür hinter sich ins Schloss und folgt Walter in den hinteren Teil der Wohnung.

„Setz‘ dich. Willst du was trinken? Ich müsste noch etwas Bier hier haben.“

Während Walter sich im Zimmer umsieht, greift Egon vorsichtig in seine rechte Jackentasche. Seine Finger umklammern den hölzernen Griff.
Walter steht jetzt direkt vor ihm. In der rechten Hand eine Flasche Bier, in der linken ein Glas und in der Brust das Messer.

„Drei Teile Hyaluron, zwei Teile Olaf und ein bisschen Schmeckes.“, murmelt Egon, als er auf das faltenlose Gesicht seines am Boden liegenden Freundes blickt und eilig das Haus verlässt.

Langer Atem

Es ist fast dunkel im Zimmer. Eine bescheidene Lichtquelle zaubert Schatten an der Wand.
Ich sitze in einem Stuhl und kann mich kaum bewegen. Offensichtlich bin ich nicht alleine hier.
Mit einer raschen Bewegung wird mir etwas übergestülpt, aber erkennen kann ich in der direkten Umgebung niemanden.
Versuche mich zu wehren, aber es gelingt mir nicht.
Es wird mir bewusst, dass ich in wenigen Augenblicken um die Luft ringen werde.
Eine sanfte, beruhigende Frauenstimme unterweist mich indes: „atme, atme nach innen“.
Doch diese Aussage verstehe ich nicht.

Plötzlich klopft es an der Tür und in dem Moment erwache ich.

Eine junge Krankenschwester spaziert in das Zimmer hinein.
Ich bin einer von vier Patienten, die vom Schicksal etwas einzigartig bedacht wurden.
Die Last zerquetschte meinen Brustkorb, brach alle Rippen und eine davon durchbohrte die Lunge.

Bei der Schwere der Verletzungen ist es medizinisch nicht wirklich erklärbar, warum ich noch lebe? Aber scheinbar habe ich noch eine Aufgabe zu erfüllen, hier auf Erden, denn ein Schutzengel alleine, kann solch eine Überdosis an Unheil nicht aufhalten.

Und das Elixir? Das gibt es wirklich.

Asche

Der Alchimist fährt erschrocken zurück, als er die Gestalt vor sich wahrnimmt. Das Wesen ist zwei Köpfe kleiner als er und nicht größer als ein kleiner Jugendlicher von zehn Jahren. Es ist vollständig schwarz und nur die Sklera um die dunklen Pupillen sind hell weiß. Die Pupillen bewegen sich schnell und zwei Reihen weiser Zähne werden sichtbar. „Seid ihr der Alchimist Dioptrienus?“, fragt die kleine Gestalt und ein auf der Schulter des Wesens sitzendes borstiges Etwas schüttelt sich scheinbar ob der dummen Frage. „Ich könnte der Alchimisten sein. Ein jedermann in dieser Stadt kennt den Alchimisten. Was ist Euer Ansinnen und warum stört ihr mein Handwerk?“, fragt der Meister zurück. Das dunkle Wesen mit dem seltsamen borstigen Wesen auf seiner Schulter macht einen Schritt auf die Tür zu, die der Alchimist noch immer hält. Der Alchimist tritt erschrocken einen Schritt zurück und greift nach der Tür um diese zuzuschlagen. Das Wesen, dass ein dunkler Dämon zu sein scheint, folgt ihm und ein Dunst von Rauch und kalter Asche eilt der Gestalt voraus. Die eisige Kälte des Novembers scheint ein unsichtbarer Begleiter des unerwünschten Besuchers zu sein und es fröstelt den Weisen.

Das Licht aus dem Labor fällt auf die Gestalt, die neugierig an den Meister vorbei schielt. Der Alchimist weicht einen weiteren Schritt zurück und gibt dadurch den Eingang frei. Er murmelt: „Das Elixier, zu stark es ist. Nur meine Augen heilen sollte es, aber nun gewährt es mir den Anblick von Kobolden aus der Hölle.“ Er weicht von dem Wesen zurück und gibt den Weg ins Innere des Labors preis. Es will dem Gelehrten scheinen, dass die Gestalt ihn verfolgt, sie tritt in den Raum und sieht sich neugierig um. Der große Tisch im Zentrum des Raumes mit seinen Instrumenten und Reagenzien. Dies erregt nur kurz die Aufmerksamkeit der flinken Augen, dann huschen sie über die Regale voller Schriftrollen, die bis unter die Decke reichen und die sich nun im gelblich-trüben Schein der herunter gebrannten Kerzen und der mit zuckenden Schatten vor dem Wesen zu fliehen scheinen. Meister Dioptrienus wagt kaum zu atmen, als die Gestalt die alte knarrende Tür mit lautem Knall zuwirft. Ein schwacher Lichtschein der Kerzen fällt auf die Gestalt, die ihn kaum beachtet und sich dem Kamin zuwendet über dessen Glut noch immer der Tiegel mit dem Elixier hängt. Die Gestalt auf der Schulter scheint bei jeder Bewegung des Kobolds zu nicken, auch wenn kein Rumpf der Kreatur erkennbar ist oder von dem über die Schulter geschwungenen Umhang verdeckt zu sein scheint. Es mutet an, als würde der Hals des stummen Begleiters direkt aus der Schulter des Kobolds entspringen. Meister Dioptrienus braucht zwei Atemzüge, um sich die Bedeutung der Worte bewusst zu machen, die der Kobold an ihn richtet: „Meister würdet ihr bitte Euren Topf aus dem Feuer nehmen?“, wiederholt die Gestalt. Es klingt freundlich, aber der Meister verspürt ein Drängen dem Wunsch nachzukommen. Seine Augen lassen die Gestalt nicht unbeobachtet, als er zu der Feuerstelle tritt und mit einem Eisen nach dem Griff des Topfes angelt, der in einem Haken in der Kette über dem Feuer eingehängt ist. Er langt daneben und verfehlt den Haken, der stets auszuweichen scheint. Seine tränenden Augen vermögen den Griff nicht zu fixieren. Der unheimliche Besucher sieht ihm zu und tritt entschlossen neben seinen Gastgeber: „Last mich es versuchen!“ Entschlossen greift der Kobold zu dem Eisengriff des Gefäßes und der alte Mann sieht mit großen Augen auf die schmale schwarze Hand, die ohne Zögern über die Glut der Feuerstelle greift und den Topf ohne einen Laut auf den Boden stellt. Der alte Meister starrt in den Topf, in dem sein Trank noch immer brodelt. Grün-grauer Schaum bildet sich an aufsteigenden Blasen und die Ausdünstungen nehmen ihm den Atem. „Zuviel Machangel, zu wenig von der Krötenleber.“, stellt er für sich lautlos klar.

Die Gestalt kehrt mit flinken Händen die Glut und ein paar angekohlte Scheide aus der Feuerstelle in den Aschekasten. Aufgewirbelter Ruß und Rauch nehmen dem Alten die Sicht und er muss husten. Der Kobold breitet seinen Umhang auf den Boden der Feuerstelle aus, wie der Gelehrte mit tränenden Augen bemerkt. Dann tritt er in den Kamin und nimmt mit einer flüssigen Bewegung seinen borstigen Begleiter von der Schulter und verschwindet im Kamin. Ein scharrendes Geräusch ist zu hören und dann rieselt eine große Menge Ruß und einige größere schwarze Brocken fallen auf den schwarzen Umhang. Ein lautes Poldern ertönt und der Kobold erscheint in einer Wolke aus schwarzem Ruß, der im Kamin nach oben gezogen wird. Eilig rollt er ein Tau zu einer Rolle und steckt den Arm hindurch, so dass eine Bürste über die Schulter ragt. Ein Gewicht hängt er mit einem Haken unter seinem Arm an die Rolle. Mit schnellen Bewegungen legt er den Umhang zusammen. Er fischt die noch glimmenden Scheide aus dem Eimer und schichtet sie geschickt auf der gereinigten Feuerstelle. Er entleert den Inhalt des Tuches in den Ascheeimer. Sofort klimmt das Feuer auf und lustig züngeln die Flammen an dem Holz. Ein kalter Zug frischer Luft nimmt die abgestandene Luft mit dem Rauch des Feuers nach draußen und die Kerzen brennen hell weiß. Der schwarze Kobold sieht sich um und fragt: „Meister, Ihr seid ein großer Gelehrter sagen die Leute und ihr enträtselt jeden Tag ein Mysterium. Welches Geheimnis habt ihr heute gelüftet?“ Der Meister setzt sich auf den Hocker neben dem Kamin und atmet aus: „Ich habe heute gelernt, dass die unverhofften Gäste oft neuen Wind in dunkle Kammern bringen, frische Luft oft mehr erhellt, als manche Kerze und dass die klügsten Köpfe nur sehen, was die Angst und ihre Einstellungen zu den Dingen zulassen. Heute Morgen konnten meine Augen kaum das Ende der Kammer erkennen, nun sehe ich Aufzeichnungen, die ich lange suchte.“ „Alter schwerer Rauch vernebelt die Sinne und reizt die Augen. Aber ihr hättet doch nur die Türe öffnen müssen, um besser atmen zu können.“, entgegnet die schmale schwarze Gestalt. Der alte Alchimist nickt: „Das Einfachste ist immer das Schwerste. Wie heißt Du mein kleiner Freund?“ Der Kobold entblößt zwei Reihen blütenweiser Zähne und antwortet: „Man nennt mich das Aschenputtel, mein Herr.“

Magische Pilze

Joost hing über seinem Arbeitstisch, halb schlafend und kaum fähig zu sprechen. Außerdem wollte er nicht. Er war ohnehin gerne für sich. Hören und Sehen schienen heute Morgen intensiver. Das leise Gurren der Tauben im Hof amüsierte ihn; die bunten Kringel, die das Sonnenlicht auf den Boden zauberte, ließen ihn kichern. Gerne hätte er sie eingefangen, hätte mit ihnen getanzt, doch bewegen mochte er sich keinesfalls. Das Klopfen an der Tür drang tief in seinen Kopf. Jemand wollte in sein Laboratorium? Wieso? Alleine war er ohnehin glücklicher, und mit den hübschen Geräuschen und Farben dieses Morgens sowieso. Es klopfte wieder. Joost litt unter dem lauten Pochen. Lasst mich, dachte er. Ich brauche Ruhe zum Arbeiten, Ruhe zum Denken, Ruhe für meine tanzenden Farbkringel.

Beim dritten Klopfen riss jemand die Tür auf.
„Was machst du hier? Wie kannst du es wagen, mich zu ignorieren? Schließlich bezahle ich dich seit Monaten. Ich will das Elixier von dir! Ich füttere dich nicht fürs Nichtstun.“

Joost lächelte seinen Baron an, freundlich, fand er, doch wohl auch ein bisschen dümmlich. Ich sollte etwas sagen, dachte er; indes brachte er lediglich ein Kichern zustande. Sein Herr lief wütend auf und ab.
„Das Elixier, schrie er, das Lebenselixier! Hast du des endlich oder muss ich dich prügeln lassen?“

Das Elixier, immer wieder dieses Elixier! Aus seinen Fantasien gerissen entschloss sich Joost zu einer Entgegnung.
„Glaubt mir Herr, das elixir vitae ist nicht so wichtig. Dazu braucht man die quinta essentia. Die hatten die alten Adepten, wie man sagt, die wahren Spagyriker. Was wollt ihr mit ewigem Leben? Fröhliches Leben wollt ihr, nicht ewiges Leben im Zorn.“
Er grinste seinen wütenden Baron an.
„Übrigens, Ihre roten Wangen sind wahrhaft hübsch. Sie schillern und glitzern sogar. Wie die bunten Sonnenkringel – doch tanzen will ich mit Euch nicht.“ Er lachte beschwingt.

„Habt ihr überhaupt irgendetwas Vernünftiges gearbeitet, schrie ihn der Baron an. Irgendwas Brauchbares erschaffen?“

Joost zögerte eine Weile. Komplizierte Fragen brauchten Zeit zum Nachdenken.
„Habe ich“, antwortete er endlich, lächelnd und etwas lallend. „Sorgt euch nicht. Ihr wisst doch, im Feuer liegt die Kraft, im Feuer auch die Läuterung – wie im Pfingstwunder.
Gestern war ich in Eurem Wäldchen. Pilze habe ich mitgebracht, kleine graue, entzückende Hütchen. Am frühen Morgen, das magische Mondlicht fiel noch ins Laboratorium, habe ich sie stundenlang in Spiritus über schwachem Feuer erhitzt. Dieses Elixier, er hielt eine kleine Retorte hoch ist die Seele des Pilzes, der Spiritus des Glücks, das Elixier der Erkenntnis.“

Der Baron explodierte fast vor Wut und schritt um Fassung bemüht zur Tür.
„Probiert nur“, hörte er hinter sich, „probiert nur!“

Unter der Tür zögerte er und wandte sich um. Noch immer hielt Meister Joost die Retorte hoch, sie schien ihm zu winken.

Zauberer 2022

Die Tür öffnet sich. Gross und schlank ist die Gestalt, die eintritt, mit violett glänzendem Umhang, voll glitzernder Sterne und spitzem Hut. Ein Zauberer.
Achtlos steckt er seinen Zauberstab in die Tasche und den Hut bugsiert er auf den Kleiderschrank. Er schält sich aus dem Plaid, hängt diesen an einen Bügel und schlüpft in seinen weissen Berufsmantel.
Der neu eingekleidete Zauberer lässt sich auf seinen Stuhl fallen, lustlos, müde, übernächtigt. Mit einer lebhaften Clique hat er durchgefeiert, allerlei Rezepturen getestet, und ist nach einem letzten, kräftigen Kaffee direkt ins Labor gekommen. Als erstes weckt er den Computer auf: „Lorem ipsum Dolor sit amet …“. . Nur schnell einen Blick auf aktuelle Statistiken werfen. Da sind sie: Zahlen, Tabellen, Säulendiagramme, Balkendiagramme, Tortendiagramme in Tomatenrot, in Senfgelb, in Giftgrün. Alles verschwimmt vor seinen Augen. Säulen werden Balken, Balken zu Türmen, Torten zu rotierenden Kreisen, Kreise zu Wagenräder und die Struktur zu einem wilden Wirbel aus Farben, der den blauen Raum erfüllt.
Sein Kopf streikt; er lässt ihn sinken.

Es klopft. – Es klopft abermals - und es klopft ein drittes Mal. Er hört nichts. Da öffnet sich die Tür. Sein Chef! Dieser erfasst die Situation sofort, holt eine Flasche Wasser. Dem müden Zauberer legt er die Hand auf den Arm und dem wie elektrisiert Erwachten rät er mit vorwurfsvollem Unterton: „Viel trinken hilft!“. Damit stellt er das Elixier aus dem Automaten vor den Zauberer.
Ob der Zauberer nach Feierabend dem Locken der Trommler und Pfeiffer widerstehen wird? – Es ist Fasnacht z‘ Baasel.

(Überarbeitet)

Hores und der zweite Blick

Es war einer dieser mäßigen Tage, deren Ende man herbei sehnt.
Hores war bei nass-kaltem Wetter auf der Suche nach den benötigten Wurzeln und Kräuter durch den Wald gestreift. Seine Kleidung klebte auf der Haut und die Finger klamm vor Kälte, als er noch einmal den Versuch wagen wollte. Das neue Elexir, die Essenz all seines Wissens, er war so nah dran. Nur ein Versuch noch! Es war nicht klug jetzt die Mixtur zu vollenden. Er wußte es! Aber wie von Dämonen getrieben führte ihn sein Weg ins Labor. Die Hände griffen mal nach dem einen -, mal nach dem anderen Fläschchen. Sorgfältig notierte er jede Zutat, schüttelte und rührte alles, bevor er es in kleinen Dosen schluckweise aufnahm. Nichts passierte! Enttäuscht ging er zu Bett. Lockte die junge Magd auch mit ihren Reizen, heute blieb sie allein.

Als Hores am anderen Morgen aufwachte, schien es ihm, als würde ihm ein Traum einen Streich spielen. Es war nicht möglich, das er wach war die Hände glitten zitternd unter die Decke, Seine Haut fühlte sicht an wie Seide und unter dem Nachthemd zeichneten sich zwei feste Brüste ab. Hores schlug die Decke zur Seite. Er gab ein passables Weib ab, prahle Brüste, feste Schenkel, weiche Haut. Verdammt er liebte die Weiber, vor allem die Jungen. Aber er hatte nie im Sinn, in ihre Haut zu schlüpfen. Irgendwie fühlte er sich unvollkommen. Die auftretenden Hitzewallungen schienen eine zusätzliche Nebenwirkung des Elixiers zu sein.
Ein energisches Klopfen reißt Hores aus den Gedanken. Was jetzt, ich kann doch nicht als Weib…! Es klopft ein zweites mal, noch fordender. Er zieht den Kittel seiner Magd von der Leine. Ein drittes Mal klopft es an der Tür, wütend und noch heftiger als zuvor. Hores streift den weißen Stoff über und eilt zur Tür.
Sie Wünschen, seine Stimme klang weich und ein wenig unterwürfig.
Ein dicker nach Schweiß riechender Mann schob ihn achtlos zur Seite. Wo ist Hores der Strolch? Der Herr ist im Wald, Kräuter sammeln.Seine Nähe bereitete im spürsames Unbehagen. Hores konnte die Gefahr förmlich riechen die von diesem Mann ausging.
So, so, erst jetzt schien ihn der fette Sack zu bemerken. Unvermittelt griff er ihm mit einen grunzenden Laut unter den Kittel. Wir werden uns die Zeit schon vertreiben. Empört versuchte er, den ungebetenen Gast zurückzuweisen, doch der warf ihn wie ein Spielzeug auf den Tisch. Hores schrie kurz auf, als zwei kräftige Hände seine Schenkel auseinander pressten. In diesen Moment ließ die Wirkung des Elixiers schlagartig nach. Völlig entgeistert stand der Unhold vor mir, die Hand immer noch zwischen meinen Schenkeln. Der erste Schlag traf ihn völlig unvorbereitet, er taumelte zur Tür, erneut schlug ich zu bis der ungebetene Gast wimmernd aus dem Zimmer floh.

Als ich in dieser Nacht meine junge Magd aufsuchte, betrachtete ich Sie wie ein Geschenk. Dieser wundervolle Körper, mehr nur als Beute für eine Nacht. Ein zerbrechliches Wesen, das so bedienungslos liebte, wie nur eine Frau es vermochte. Er fühlte es!

Der Specht

„Grrr… klopf, hoppla hopp, grrr… klopf, klopf“, rief Oneas verärgert und laut in den Raum, obwohl er doch wusste, dass er allein in seinem Laboratorium weilte. Er hatte es Jahre zuvor zu seiner Wohnstätte erkoren.

„Welcher dreister Specht hämmert mir da im Kopf herum? Es ist unerträglich. Hinaus mit dir, hinaus, du spitzmäulige Bestie.“

Genützt hatte ihm sein Gezeter nichts, eher noch geschadet, weil er sich mit dem Handballen fortwährend gegen die Stirn schlug. Als wolle er das Klopfen im Inneren mit selbiger Antwort von außen ins Land des Schweigens verbannen.

„Ruhe“, rief er nach einer Weile geduldigen Ertragens, „Ruhe, ruhe, ruhe. Ich will endlich meine Ruhe haben.“

Doch auch die neuerliche Aufforderung führte zu keinem Erfolg. Wie schon mehrmals zuvor, warf er sich auf seinem abgewetzten Diwan von der einen auf die andere Seite und drückte sich ein ebenso verhunztes Kissen fest aufs Ohr. Jedoch tat auch dies dem Klopfen in seinem Kopf keinen Abbruch. Allerdings vernahm er, dass es durch diese Maßnahme leiser wurde, gedämpfter, nicht mehr so intensiv quälend.

Ob des vermeidlichen Erfolges schleuderte er das Kissen auf den Boden und griff nach dem Größeren. Getreu der Überzeugung, dass, wenn das kleine Kissen einen kleinen Erfolg bringt, dem größeren der erwartete Erfolg garantiert ist. Was sich jedoch gleich als Irrtum herausstellen sollte. Die Dämpfung des Geklopfes war nicht besser als bei dem weniger großen Kissen. Verärgert schleuderte Oneas den untauglichen Gegenstand seinem Artgenossen hinterher und verzichtete lieber gänzlich auf solch minderes Hilfswerk.

Noch ehe er überlegen konnte, was er nun tun würde, stellte er fest, dass das Klopfen ausblieb. Weg war es, einfach weg. Sogleich setzte er sich auf, um sich an seinem neuen Zustand zu erfreuen. Doch sollte ihm dies nicht gelingen.

In seinem Inneren tobte das plötzliche Verlangen auf die Füße zu springen, sich zu recken und zu dehnen und alles abzuschütteln, was ihm soeben noch zuwider war. Nur war sein Blick getrübt und er hatte mehr damit zu tun, gegen einen Schwindel anzugehen. Statt seinem Übereifer folgen zu können, musste er vermeiden, dass er nicht gleich wieder rücklings auf dem Diwan lag.

Dann klopfte es wieder, was Oneas einen gehörigen Schrecken versetzte.

Er fasste sich an den Kopf, um sogleich darauf zu reagieren, stellte dann aber fest, dass das Klopfen diesmal nicht aus seinem Kopf kam. Also nahm er all seine Konzentration zusammen und konnte so den Schall orten, der von der Pforte herüber hallte.

„Dieses nervende Volk“, schoss es ihm gleich in den Sinn. „Nichts können die selbst, immer muss ich etwas für sie tun. Ich, immer ich. Warum tun sie nicht mal was für mich? Alles Banausen und Bittsteller. Und dann ausgerechnet zu dieser Zeit, wo ich vom Specht in meinem Kopf zu fürchten habe, dass er sich erneut meldet und sein verstörendes Hämmern fortsetzt. Da können ihre Probleme kaum größer sein, als die meinen.“

Oneas beschloss, erst einmal auf seinem Diwan sitzen zu bleiben. Doch das Klopfen an der Tür ließ nicht nach, sodass er bald nicht mehr zu unterscheiden wusste, welches von beiden das Schlimmere war, das des Spechts in seinem Kopf, der zum Glück gerade ruhte, oder jenes des vermeidlichen Bettlers an der Pforte.

Oneas löste sich aus seiner Lethargie und gab dem äußerlichen Drang nach.

„Ja, ja, ich komme ja schon“, brüllte er in Richtung Tür, „aber nur unter Protest, damit das klar ist, nur unter Protest. Ja, ja, hör endlich auf zu klopfen, Nervziege, ich komme ja schon.“

Auf dem Weg zur Tür kam er an einem Pantoffel vorbei, was ihm vor Augen führte, dass er barfuß unterwegs war. Im kalten November, ohne wärmendes Schuhwerk die Pforte zu öffnen, ließ ihn fürchten, sich einen argen Schnupfen einfangen zu können. Zwar stand der eine oder andere Trunk in seinem Laboratorium im Regal, den er dagegen einsetzen könnte, doch fehlte ihm die Überzeugung, dass dies wirklich wirken würde. Also beschloss er, sich den Pantoffel an den Fuß zu holen.

Währenddessen klopfte es erneut an der Tür.

„Ja, ja, ja“, brach es aus ihm heraus, „um Himmelswillen, mäßigt euch. Ihr schlagt mir ja noch meine schützende Pforte in Trümmer. Was soll ich dann noch gegen die Kälte tun? Ich werde erfrieren.“

Oneas schaute auf den Pantoffel und war bemüht, sich zu erinnern, wann er ihn so achtlos an diese Stelle links im Flur geschleudert hat. Er wusste es nicht mehr, beließ es dabei und schlüpfte mit dem linken Fuß hinein.

Ein erneuter Wutausbruch war die Folge. Es war der Pantoffel für den rechten Fuß.

„Verflixt und tote Hühner, kann sich denn nicht einmal so ein dummer Pantoffel vernünftig verhalten. Liegt links und gehört nach rechts. Da kann doch keine gute Menschengestalt noch ruhig bleiben. Da bin ich schon gutmütig, eile zur Pforte und erfahre dafür nichts als Undank. Wer auch immer da draußen wartet, das sei gewiss, ich werd‘s ihm heimzahlen“

Mit einem ungehaltenen Schwung schleuderte er den falschen Pantoffel vom Fuß, sodass der graue Filz bis an die Pforte flog, gegen sie klatschte und vor ihr auf der Seite zu liegen kam.

Der zweite Pantoffel lag mitten im Flur.

„Tzz, tzz, tzz“, setzte sich sein Ärger fort, „es reihen sich heute die Unglücke. Der eine Filz liegt links und gehört nach rechts und der andere sucht sich die Mitte aus, wo ich in der Mitte doch gar keinen Fuß habe. Wer weiß, was mich noch hinter der Pforte erwartet. Vielleicht wäre es besser, doch nicht zu öffnen.“

Das Klopfen an der Tür verstummte deswegen nicht.

„Ja, um des Herrgotts Schopf, ich kann mich ja nicht überschlagen. Jetzt wird der Pöbel auch noch frech. Aber das wird Folgen haben, das versprech ich.“

Der mitten im Flur liegende Pantoffel lag, wie es sich für einen anständigen Pantoffel gehörte, mit der Sohle zuunterst, aber, zu Oneas Verdruss, nicht in der richtigen Richtung. So war er auf dem Weg zur Pforte gezwungen, an dem Filz vorbeizuhasten, um sich mit einem engen Bogen in Position zu bringen. Dann war es mehr ein Tritt als ein Schlupf, mit dem er sich den Pantoffel an den Fuß brachte. Zum Glück passten Filz und Fuß diesmal zusammen.

Ob dieses Gelingens erhascht Oneas, was eher untypisch für ihn war, und was es lange nicht mehr gegeben hatte, eine unterschwellige Freude.

„Ha, nun siehe da, es geht doch. Da kann sich dieser tore Geist vor der Pforte eine Scheibe von abschneiden. Mit welcher Eleganz und Anmut ich mich zu bewegen weiß, ist nicht jedermann gegeben.“

Weil er den Pantoffel vor der Pforte erst noch auf die Sohle bugsieren musste, bevor er hineinschlüpfen konnte, war es mit dem Anflug von Freude schnell wieder vorbei.

Weil es just in dem Augenblick, in dem er sich wähnte in der Lage zu sein, die Türe zu öffnen, erneut von außen klopfte, und es diesmal, ob der Nähe zur Entstehung des Ungemachs, noch lauter und aufdringlicher klang, beließ es Oneas nicht beim einfachen Öffnen der Pforte, sondern riss sie mit einem Schwung auf. Was Folgen für ihn hatte.

Die Tür knallte gegen die Wand des Flures und schwang zurück. Zu Oneas Verdruss traf sie ihn an rechtem Bein und Fuß. Weil er durch die Reaktion der Pforte überrascht war, blieb ihm der Fluch, der in solchen Situationen zu seinem Wesen gehörte, im Halse stecken. Schmerzen erlitt er durch den Anstoß jedoch keine, weil sich zeigte, was ein solider Filzpantoffel am Fuß wert sein konnte. Er dämpfte die eh schon geringe Wucht der Tür und sorgte dafür, dass es so aussah, als habe Oneas es genau so gewollt.

Vor der Pforte wartete ein kleines, verängstigtes Männlein mit gesenktem Haupt und schlaffen Schultern. Wohl in Erwartung des aufbrausenden Wesens von Oneas brachte er es gerade eben noch zustande, zu einer Erklärung, warum er da sei, und weshalb er an der Pforte klopfte, anzusetzen.

„Entsch…“

Mehr brachte er nicht über die Lippen, weil Oneas ihm sogleich ins Wort fiel.

„Papperlapapp. Was soll das? Ihr demoliert mir meine Pforte, quatscht mich mit Dingen voll, die mich nicht interessieren und erdreistet euch, mir vor meinem eigenen Haus die Luft wegzuatmen, die allein mir bestimmt ist. Einen schönen Tag noch und nun schert euch weg.“

Die Tür in der Hand wollte er sie dem Fremden schon vor der Nase zuschlagen, doch der erdreistete sich noch einmal, etwas sagen zu wollen.

„Aber, Meister Oneas, was ist …“

Wieder fiel ihm der Herr des Hauses ins Wort.

„Kein aber. Alles nur Ausreden. Wenn ihr etwas wollt, dann geht arbeiten.“

„Ja, Meister Oneas, das ist ja mein Bestreben.“

„Und, warum tut Ihr es dann nicht?“

„Aber, Ihr seid es doch, der mir dieses Anliegen verwehrt.“

„Jetzt werden Sie nicht auch noch frech, Bübchen, sonst werden Sie mich mal richtig kennenlernen. Dagegen wird das Geplärre Ihrer Gattin zuhause dünn ausfallen. Da seien Sie sich mal sicher.“

„Meister Oneas, Ihr wisst doch, dass ich keine Gattin zuhause habe und auch, dass sich meine Arbeitsstelle hier in diesem Hause befindet.“

„Na, solche Behauptung setzt ja dem Bären die Krone auf. Hier in diesem Haus befindet sich mein Laboratorium, und darin arbeitet nur einer, nämlich ich. Ich hoffe, ich habe mich jetzt genug erklärt und wünsche Sie mir aus den Augen.“

„Aber, Meister Oneas, erkennt Ihr mich den nicht? Ich bin doch Euer Bodo. Seit zwanzig Jahren schon bin ich bei Euch als Gehilfe tätig. Was ist denn nur los mit Euch.“

Nach diesen Worten des Fremdlings geriet Oneas ins Grübeln.

„Bodo, Bodo? Dieser Name kommt mir in der Tat bekannt vor. Aber, dass Ihr ihn Euch dreist zu eigen macht, ist doch wohl Betrug.“

„Nein, Meister, ich habe Euch noch nie betrogen. Ich bin es wirklich, Euer Gehilfe Bodo.“

„Na, wenn du es wirklich bist, Bursche, was machst du dann hier vor meiner Pforte für einen Lärm. Es ist noch nicht ganz dunkel, da müsstest du doch bei der Arbeit sein und nicht in der Welt die Zeit vertrödeln.“

„Aber, Meister, ich habe doch nicht die Zeit vertrödelt. Ich habe getan, was Ihr mir heute in der Frühe aufgetragen habt. Ich war im Wald und habe mehr von den Fliegenpilzen gesammelt, mit denen Ihr gestern den neuen Trank angesetzt habt. Schaut her, ich habe einen ganzen Sack prachtvoller Exemplare dabei. Ich hatte schon um Euch gefürchtet, weil Ihr nicht auf mein Klopfen an der Pforte reagiert habt. Und um meine Finger auch, die in der Kälte schon angefangen haben zu vereisen.“

„Ja, ja, jetzt erinnere ich mich“, Oneas kratzte sich, ob seiner Einsicht am Hinterkopf und sprach bedächtig weiter. „An deiner Geschichte ist was dran, Bursche. Wegen der heilenden Wirkung war ich mir nicht im Klaren, wie viele von ihnen ich dem Gebräu aus Ingwer, Salbei, Hafer und Minze zugeben muss. Deshalb wollte ich mehr von ihnen haben, bevor sie im Wald verkümmern. Erst am Vormittag habe ich den Selbstversuch unternommen, um es herauszufinden.“

Oneas beugte sich vor und nahm den Besucher genauer in Augenschein. Und tatsächlich, er fand, wonach er Ausschau hielt – die Narbe unter dem rechten Ohr des Männleins. Sie stammt von einer keramischen Schale, die er vor Jahren nach seinem Gehilfen geworfen hatte, weil der sie ihm nicht schnell genug in die Hand gelegt hatte. Obwohl Oneas nicht klar erkennen konnte, wie das Männlein vor seiner Türe im Ganzen aussah, überzeugte ihn die Narbe, dass es Bodo war.

„Nun denn, Bodo, dann komm herein. Sonst wird es heute nichts mehr, mit deiner Arbeit und du gerätst mir noch zum Faullenzer. Aber eines solltest du dir noch für die Zukunft hinter die Ohren schreiben. Wenn du noch einmal vor der Pforte stehst und ich öffne sie dir nicht, dann nimm zum Klopfen einen Stock zu Hilfe, damit es bis an meine Ohren dringt. Wie soll ich das zarte Anklopfen deiner verkrüppelten Finger hören, wenn der Schnabel des Spechts in meinem Kopf um Vieles härter ist als sie?“

„Aber Meister…“

„Kein aber mehr. Papperlapapp. Es ist genug. Komm herein und geh endlich an deine Arbeit. Mir friert.“

Bodo sah die Zwecklosigkeit einer neuerlichen Erwiderung ein, gehorchte, legte den Stock aus seiner linken Hand neben die Pforte ab und trat durch dieselbe in die wohlige Wärme des Laboratoriums. Den Sack mit den Fliegenpilzen fest in der Rechten haltend.

Die Tür fiel hinter dem Meister und seinem Gehilfen ins Schloss und das Leben nahm seinen gewohnten Gang wieder auf.
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Besuch im weinroten Leopardenanzug

In der Sekunde, als Günther das Elixier aus der Flasche in den Mund gießt, klopft es an der Tür. Er verschluckt sich mehrmals, bevor er antworten kann, geht zur Tür, öffnet sie und murmelt:
»Ja doch, ich komme ja. Hören sie auf zu klopfen. Ich bin ja nicht taub. Wer ist denn da?«
Vor ihm steht ein Mann in einem weinrot glitzernden Leopardenanzug, langen blonden Haaren und bepackt mit Schmuck an beiden Handgelenken. Er schließt die Augen, schüttelt sich, öffnet sie wieder, doch der Mann steht immer noch da in seinem Leopardenanzug.
»Mensch Günther, erkennst Du mich nicht? Ich bin’s, Thomas. Darf ich kurz reinkommen, ich muss was mit dir besprechen.«
»Entschuldige, ich habe meine Brille auf dem Tisch vergessen und dich nicht gleich erkannt. Schöner Anzug. Keine Zeit gehabt dich umzuziehen seit der Sendung? Komm rein.«

Die beiden setzen sich in Sessel an einen Tisch im Zimmer, auf dem bunte Flüssigkeiten in Gläsern und Flaschen stehen.
»Der Anzug ist einer meiner Lieblingsanzüge, du kennst doch meinen Geschmack.«
»Ja, ja, den kenne ich.«
»Sag mal, bist du unter die Quacksalber gegangen? Wenn ich mich hier so umsehe«, sagt Thomas, zieht die linke Augenbraue hoch und lächelt.
»Das heißt Alchemie. Ich probiere gerade was aus. Aber weshalb bist du hier? Willst dich bestimmt ausheulen nach der Kritik an der Sendung.«
»Ach, die meckern doch immer rum, die Zuschauer.«
»Na ja, habe nur vernommen, dass du wohl nicht sooooo toll warst am Samstag? Das Echo in den Medien war ziemlich klar. Hast du es gelesen?«
»Ja, hätte ich besser sein lassen. Ich sei fahrig, desorientiert und manchmal wie abwesend gewesen. Hätte mich auch an meine Kärtchen geklemmt. So’n Quatsch.«
»Wir beide werden älter. Ich habe mehr als 1500 Sendungen gemacht und Millionär war ich bereits vor der ersten Sendung«, sagt Günther lächelnd und lehnt sich in seinem Sessel zurück.
»Das Alter, das ist es ja, weshalb ich hier bin. Die lassen mich mit meinen 72 Jahren WETTEN, DASS… moderieren. Gestern habe ein anderes Angebot erhalten und brauche mal deinen Rat. Die vom TRAUMSCHIFF wollen mich als Kapitän verpflichten, Vertrag für fünf Jahre. Was hälst du davon, Günther?«
»Lass mich mal mit einer Gegenfrage antworten. Ich bin ja noch wesentlich jünger.«
»66, du bist fast so alt wie ich«, kommt es postwendend zurück.
»Sag ich ja. Deshalb probiere ich gerade etwas aus mit den Flüssigkeiten hier auf dem Tisch. Bereits im Alten Ägypten wurden Aufzeichnungen auf Papyrus gemacht für mehrere hundert Rezepte.«
»Mit Papyrus, spinnst du. Die Software gab es doch da noch gar nicht.«
»Haha, auf Papyrus, nicht mit Papyrus, deine Witze werden auch immer flacher, Thomas.«
»Papyrus hin, Papyrus her, hör‘ einfach auf, so oberlehrerhaft zu sein. Was willst Du mir also sagen, ohne Ägypten, meine ich?«
»Was ich dir sagen will? Kennst du das SANSIBAR?«
»Das ist schon wieder keine Antwort. Aber klar, da bin ich fast jedes Jahr, gerade diesen Sommer war ich wieder auf Sylt.«
»ODER DER LETZTE GRUND, das Buch SANSIBAR ODER DER LETZTE GRUND, meine ich, nicht die Strandbar auf Sylt.«
»Ja, ich erinnere mich dunkel. Mussten wir in der Schule lesen.«
»Genau, wir auch. Damals habe ich jedoch nicht kapiert, dass die Hauptfigur des Romans die Figur ist und nicht die Jugendlichen.«
»Du hast bestimmt zu viel getrunken? Du redest Unsinn. Hauptfigur ist die Figur.«
»Die Holzfigur, wollte ich sagen, der LESENDE KLOSTERSCHÜLER ist die wirkliche Hauptfigur in dem Buch und symbolisiert Jugend und Unabhängigkeit.«
»Na gut, du musst es ja wissen, Herr Lehrer. Und was hat das mit mir zu tun?«
»Viel, denn es gibt in der Alchemie auch eine mentale Alchemie, in der«
»Du bist besoffen, Günther. Du weißt, wenn ich nur das Wort mental höre, dann«
»Jetzt lass mich doch mal ausreden. Für irgendetwas müssen die vielen Fragen und Antworten in meiner Quizsendung ja gut sein. Es geht in der Alchemie nicht nur darum, aus Blei Gold zu machen; ein mentales Ziel ist es, dass man sein eigenes Leben nicht träumen, sondern den eigenen Traum leben soll. Mein Ziel ist es, jung und unabhängig zu sein. So, wie die Jugendlichen im Roman letztlich Sansibar als Ziel ausmachen.«
»Und warum mixt und trinkst du dann dieses Zeug hier?«
»Weil ich nicht nur Unabhängigkeit brauche, Geld habe ich genug, um mir die zu ermöglichen. Ich will auch jung bleiben, na ja, zumindest nicht mehr älter werden.«

Thomas zieht sein Leopardensakko aus, krempelt die Ärmel hoch, beugt sich vor und rückt mit dem Sessel näher an Günther heran.
»Erzähl mir was Du vorhast.«
»Ich habe mir nach einem der Rezepte etwas gemixt und eben das erste Mal etwas davon getrunken. Es ist eine Art Universalmedizin für eine ewige Jugend und Gesundheit. In dem Roman DER ALCHEMIST von Paulo Coelho kannst du übrigens nachvollziehen, wie Santiago, seine Hauptfigur, in sieben Schritten sich selbst verändert und sein Leben verbessert. Im ersten Schritt«
»Hör auf, jetzt dozierst du schon wieder. Verschone mich mit den Details. Das Buch kann ich später lesen. Was ist die Quintessenz für mich? Und was hat das mit dem Angebot zu tun, das ich für das TRAUMSCHIFF erhalten habe?«
»Ich will in deinem Alter, entschuldige, in unserem fortgeschrittenen Alter keine Sendungen mehr moderieren. Ich will möglichst jung bleiben und meine Unabhängigkeit genießen. Deshalb probiere ich das Elixier und werde nächstes Jahr nicht mehr im Fernsehen auftreten.«
»Wirkt das Elixier denn bei dir?«
»Ja, es beginnt zu wirken. Siehst du meine Brille hier auf dem Tisch? Ich habe sie immer noch nicht aufgesetzt und kann dich jetzt klar und deutlich vor mir sitzen sehen. Und das ist hoffentlich erst der Anfang. Man muss es häufiger trinken.«
»Gilt das auch für das Hören? Du weißt, ich trage Hörgeräte.«
»Ach, du machst nicht nur Werbung im Fernsehen? Hm, ja, ich vermute, dass sich auch das Hörvermögen wieder verbessern könnte.«
»Wow, jetzt bin ich ganz Ohr, haha, kleiner Scherz. Nun sag‘ mir bitte noch, was ich mit dem TRAUMSCHIFF Angebot machen soll.«
»Ich denke, dass du die Entscheidung alleine treffen kannst, Thomas.«
»Hm, da muss ich drüber nachdenken. Die ganze Zeit erzählst du hier über Themen aus der Alchemie, aber wenn ich einen einfachen Rat benötige, dann hast du keine Antwort. Sag mal, und dann gehe ich auch, hast DU eigentlich für DICH bei allem eine Antwort?«
»Weiß ich nicht.«
»Und was weißt du dann nicht?«
»Weiß ich nicht.«