Seitenwind Woche 6: Kannst du die Zeit anhalten?

Der Aufprall

Für Anna begann es an einem ruhigen Abend zuhause mit Tims überraschendem Anruf. Während sie auf ihre Eltern wartete, die noch im Theater waren, hatte sie es sich mit Cola und Chips vor dem TV bequem gemacht. Gleichzeitig hatte Tim, dessen alleinerziehender Vater Nachtschicht hatte, Langeweile und schrieb Zahlenkolonnen auf einen Zettel. Dabei fiel ihm eine Zahlenkolonne ins Auge und er nahm intuitiv das Telefon zur Hand.
Anna wollte erst den Anrufer beschimpfen und auflegen, aber irgendetwas in Tims Stimme reizte sie. Dass daraus über Monate hinweg eine Freundschaft entwickelte, hätten die beiden nie gedacht.
Beiderseits waren die Eltern der Teenies nicht gerade begeistert von dieser Liason auf Entfernung, aber da es sich ja um einen reinen Telefonkontakt handelte (Die 2 hatten sich geeinigt, dass sie nie über Internettelefonie kommunizieren wollten), waren sie auch lange Zeit nicht beunruhigt bis an dem Tag, wo sich die beiden jeweils ein Foto zusandten.
Dies führte zu einer großen Diskussion über das 1. Treffen. Anna und Tim hatten sich schnell geeinigt, dass sie sich beide auf der geografischen Mitte der Städte treffen wollten, hatten auch schon einen Termin ausgemacht. Das Problem wurde vor allem Annas Vater, für den sein „kleines Goldstück“ immer noch die kleine achtjährige Anastasia war, der selbst im Kinderzimmer kein Junge zu nah kommen durfte und für die er große Pläne nach Abitur, Jurastudium und Übernahme seiner Kanzlei hatte. Dass sie noch nicht einmal die 10. Klasse beendet hatte, war dabei egal. Ihr Vater legte sein Veto unter zur Hilfe einer Paragraphen ein und damit war das Thema für ihn erledigt. Er hatte allerdings nicht mit seiner Frau gerechnet, die sich seinen Anordnungen heimlich widersetzte. Diese hatte über einen langen Zeitraum Anna beobachtet und bemerkt, dass ihre Tochter sich dank der Verbindung zu Tim aus ihrem Schneckenhaus bewegt hatte und deutlich selbstbewusster und aktiver geworden war. Aus dieser Beobachtung heraus, entschied sie heimlich Anna eine Zugfahrkarte für die Hinfahrt zu kaufen, für die Rückfahrt sollte Anna selbst entscheiden, wann sie wieder zuhause sein wolle.
Tims Vater, der seit der Scheidung von seiner Frau ohnehin ein Schatten seiner selbst war, zeigte sich auch bei diesem Thema gleichgültig und erlaubte Tim „seine“ Anna zu treffen.
So kam es also, dass Anna eines Morgens kurz nachdem ihr Vater zur Arbeit gefahren war, sich in den Zug setzte und im Zug sitzend Tim anrief, der bereits eine Stunde früher abgefahren war, damit er kurz vor ihr da sein konnte.
„Na großer? Ich bin echt aufgeregt, aber ich hoffe das legt sich gleich. Wo sollen wir uns treffen?“
„Kleine, ich tu dir doch nix, zumindest nicht, solang du es nicht willst er lachte Ich hab mir das gestern Abend nochmal angesehen. Du gehst aus dem Bahnhof raus, links entlang etwa 20-25 m und dann ist da rechts ein riesiger Überweg an einer Ampel. Wenn du rübergehst, siehst du mich schon an einem Koreaner stehen. Ich weiß ja, dass du auf asiatisches Essen stehst“
„Falls ich überhaupt was essen kann, ich hab Angst, dass mein Vater, sobald er merkt, dass ich weg bin, meine Mutter wieder schlägt und die Bundespolizei auf die Suche nach mir schickt“
„Das seh … da … Verb … cht“
Dann hörte Anna 3 Std. nichts mehr von Tim ausser einem kurzen „ich warte auf dich“.
Als sie ankam, musste sie sich erstmal in dem für sie sehr großen Bahnhof orientieren, fragte an einem Blumenladen nach besagtem Koreaner und die freundliche Verkäuferin zeigte ihr am Eingang stehend den Weg.
Inzwischen hatte es zu regnen begonnen, aber Anna hatte glücklicherweise an eine Regenjacke gedacht. Als sie auf die Ampel zulief, erkannte sie von weitem Tim, der an einem Überdach vor dem Restaurant stand und rannte noch gerade bei grün los.
Sie nahm einen Knall war, spürte einen Schmerz an ihrer rechen Hüfte und sah Tim, der fassungslos guckte. Dann wurde es dunkel.

Als sie gefühlte 2 Sekunden später aufwachte, sah sie eine weiße Zimmerdecke. Sie wollte den Kopf zur Seite drehen, aber es ging nicht. Im nächsten Moment registrierte sie, dass sie ihren Körper nicht spürte. Sie hörte 2 Stimmen, eine weibliche unbekannte und eine vertraute, warme Männerstimme. Die Frau sagte etwas wegen mehreren Brüchen und nicht wissen, wann mit einer klaren Diagnose zu rechnen sei, da sich der Fall als kompliziert erweise. Der junge Mann erwiderte, dass er das Mädchen auch erst seit kurzem kenne, ihre Eltern weit weg wohnen würde und wenn es gestattet würde, er bei ihr bleiben würde, bis Angehörige kämen.
TIM!
Sie wollte lächeln, aber nur ihr Gehirn schien das mitzubekommen, auch wenn ihr Schädel fürchterlich dröhnte. Auch sprechen konnte sie nicht, da sie einen Schlauch im Mund hatte und ihre Gliedmaßen schienen abwesend zu sein. Aber sie bekam alles um sicher herum mit und das schien ihr im Augenblick das wichtigste zu sein.
Sie hörte einen Stuhl und sah dann im Augenwinkel, dass sich Tim zu ihr gesetzt hatte. Demnach war sie wohl im Krankenhaus, aber warum wusste sie nicht. Das letzte woran sie sich erinnerte war, dass sie morgens statt in die Schule zu gehen, es war eh letzter Tag vor den Herbstferien, zum Bahnhof gegangen war und es mit Tim zu tun hatte.
„Schmetterling, du hattest einen Unfall. Ich habe es gesehen und konnte die Sanitäter überzeugen, dass sie mich mit dir ins Krankenhaus nehmen. Wir kennen hier beide niemanden. Ich habe der Ärztin die Situation zwischen uns geschildert und sie drückt erstmal beide Augen zu. Deine Eltern mussten sofort informiert werden, sie werden in einigen Stunden hier sein. Ich weiß, du hast Angst wegen deinem Vater, aber das schaffen wir gemeinsam, ich bleib bei dir! Meinen Vater hab ich auf den AB gesprochen, ich vermute, er kommt auch. Kein schöner Anlass sich kennenzulernen, aber dieser dämliche …“ Mit einem lächelndem Gefühl schlief Anna nach diesen überraschend ruhigen Worten ein.
Doch es dauerte nicht lange, dann wurde sie durch ruckelnde Bewegungen geweckt. Offenbar wurde eine Untersuchung notwendig. Sie wurde in ein Gerät geschoben, dass fürchterlich laut war und eher wie ein Bratschlauch aussah. Es war eng und kalt (immerhin schienen die Hautnerven zu reagieren) und hätte sie nicht über einen Kopfhörer die Stimmen eines Mannes, vermutlich ein Arzt, und Tims Stimme gehört, wäre sie wahnsinnig geworden! Wenige Minuten später, man hatte sie inzwischen behutsam etwas seitlicher gelegt, sah sie bunte Aufnahmen ihres Kopfes. Der Arzt zeigte Tim auf bestimmte Stellen, aber sie verstand kaum ein Wort, das Arztlatein überforderte sie. Das einzige, was sie mitbekam war ein Kommentar des Arztes „Sehen Sie hier, dieser rote Fleck, das war als sie mit ihr sprachen. In diesem Hirnareal, das nicht betroffen zu sein scheint, werden Gefühle verarbeitet und je roter umso stärker sind diese. Ich glaube die junge Dame wollte ihnen damit etwas sagen.“
Annas Wangen erröteten. Dass sie Tim sehr mochte, hatte sie ihm gesagt, es war ohnehin auffällig. Wie sehr hatte sie ihm verheimlicht und nun sollte er es so erfahren, weil sie, verdammt nochmal, nicht sprechen konnte? Das war unfair!!!
Es vergingen Stunden, immer wieder sprach Tim zu ihr, erklärte ihr, wie es ihm geht, was er in dem Moment als „es“ passiert ist, dachte und fühlte. Zwischendurch kam auch immer wieder Krankenhauspersonal, das kaum redete, sehr distanziert und kalt war und in ihr Unbehagen auslöste, so als ob ihr Vater bei ihr wäre. Aber das schlimmste für sie war, dass sie sich wie ein tiefgefrorenes Stück Fleisch fühlte, dass einfach nur da war …
Irgendwann stürzte die Ärztin fluchend rein und schreckte Anna und Tim auf. „Warum zur Hölle wurde hier kein Dauerkatheter gelegt, muss ich denn alles selbst machen? … Entschuldigung! Könnten sie einen Augenblick rausgehen, ich nehme an, dass es ihrer Freundin unangenehm wäre, wenn sie das mitkriegen würden!“
Anna spürte, wie in ihr Scham erwuchs. Sie war nicht unbedingt prüde, aber Tim ihre Genitalien sehen lassen, das ging definitiv zu weit! Daher war sie überglücklich über das „Ja, natürlich!“ aus Tims Mund.
Es war schon später Abend als die Zimmertüre schon wieder aufging. Tims Vater war angekommen und begrüßte seinen Sohn. Dieser stellte ihn Anna vor. „Es freut mich deine Bekanntschaft zu machen, leider unter diesen betrüblichen Umständen. Tim hat mir immer wieder von dir erzählt. Ich glaube, es ist kein Geheimnis wenn ich dir sage, dass er sich in …“ „PAPA“ „Naja, ich denke du weißt es“ nnas Herz schlug wie wild und erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Herztöne im Raum zu hören waren … Sollte sie Tim die ganze Zeit intimste Gedanken auf andere Weise mitgeteilt haben? Könnte sie sprechen, wäre nun ein „FUCK!“ gekommen.
Dies wäre auch wenige Minuten später erneut passiert, als ihr Vater wutschnaubend in das Zimmer stürmte und ohne Anna zu beachten sofort Tim an die Gurgel gehen wollte! Nur der laute Aufschrei ihrer Mutter, die im Gegensatz zu morgens ein blaues Auge und eine Hand im Verband hatte, verhinderte schlimmeres. Er hatte demnach erneut ihre Mutter geschlagen, weil sie ihm nicht „wie es sich in einer Ehe gehört“ ihm „untertan“ gemacht hatte.
Bevor die Situation eskalierte, kam glücklicherweise die Ärztin wieder hinzu und bat den Besuch ins Gesprächszimmer. Für wie lange konnte Anna nicht sagen, es hätten Sekunden sein können, auch Stunden. Als sie zurückkamen, waren noch alle 4 da, Tim und sein Vater waren also nicht direkt weggefahren. Annas Mutter fragte: „Wie lang kann dieses Locked-in Syndrom denn anhalten?“ Die Ärztin erwiderte „Zuerst einmal ist dies nur ein Verdacht, wir müssen die nächsten Stunden abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Fall es sich bestätigen sollte, kann es Forschungsergebnissen zufolge Tage bis lebenslang anhalten. Mit Therapien verschiedenster Art kann es allerdings abgemildert werden. Mehr kann ich im Augenblick nicht sagen. Ich kann nur sagen, dass der Freund ihrer Tochter hier heute einen tollen Eindruck gemacht hat und die ganze Station hier schon die beiden in Romeo in Julia umbenannt hat.“ Danach ging die Ärztin und es dauerte keine 10 Sekunden bis Annas Vater wieder wie ein tasmanischer Teufel wütete und regelrecht Klageschriften allen anwesenden an den Kopf knallte. Es endete damit, dass er Tim gegen Annas Bett schubste, dabei ein Glas runterknallte, was Anna sofort wieder an den dumpfen Aufprall erinnerte. Dann wurde ihr schwarz vor Augen.

Anna guckte geradeaus und sah die Straße eine Blutlache und dann viele Schuhe um sich rum. Sie hörte dumpfe Worte und ein Mann im weißen Hemd beugte sich zu ihr runter. Sie sah auch das hinter ihm ein junger Mann stand, der Tim zu sein schien. Aus dieser Maulwurfperspektive hatte sie ihn noch nie gesehen. Sie wurde vorsichtig behandelt und wurde dann auf einer Trage in einen Krankenwagen gebracht. Tim war die ganze Zeit bei ihr und allem Schmerz zum Trotz fühlte sie unbeschreibliche Wärme und Liebe. Während der Fahrt bemerkte sie dass sie an eine Maschine angeschlossen worden war, die ihre Herztöne laut hörbar machten. Tim sah völlig fertig aus und weinte … Er schob langsam seine Fingerspitzen an ihre heran.
Das letzte, was sie hörte, war ein langer Ton, dann war da nichts mehr.