Seitenwind Woche 5: Verlassene Orte

100 Jahre

Als ich über die Türschwelle trete, ist es wie ein Schritt in die Vergangenheit. Er katapultiert mich in eine Zeit, als das Bild eines Mannes in Wehrmachtsuniform, sorgsam auf dem Nachttisch abgestellt, noch Ausdruck von Liebe bedeuten konnte. Eine geblümte Tapete galt in den 1950ern als schick, heute ist sie altmodisch, staubig und verblasst. Die älteste Frau des Dorfes lebte hier, bis vor wenigen Tagen, bis zu ihrem hundertsten Geburtstag, bevor der Vater meiner Freundin das Haus kaufte, in den letzten 20 Jahren ganz allein. Für sie war der Ort kein Museum, kein Hort von Geschichte, nicht das, was ich darin sehe. Es war ihr ganzes Leben, ihre Habe, ihre kostbarsten Erinnerungen. Die Vergangenheit fühlte sich immer fern und schwer greifbar an, wenn ich sie in alten Dokus oder Geschichtsbüchern erfuhr. Doch hier spüre ich sie. Sehe den Geist der alten Frau hinter jedem vergilbten Buchrücken, im Fehlen moderner Technik, im Blick auf den verwilderten Garten. Ob sie damit einverstanden wäre, dass ich mich hier so frei umschaue?

Sperrzone

Büsche und hohes Gras überwuchern die Autowracks, die Stoßstange an Stoßstange vor sich hin rosten. Der geborstene Asphalt lässt sich unter dem dichten Pflanzenteppich nur noch erahnen. Es ist still hier.
Folgt man der Straße ein wenig, kommt man in die Überreste einer kleinen Stadt. Viele der Häuser sind stark beschädigt oder eingestürzt. Die Bewohner sind schon einige Jahre fort.
Ein Motorrad lehnt an einer Laterne. Rostig und halb hinter den Büschen verborgen. Der Ledersattel war dem Wetter ungeschützt ausgesetzt und ist an einer Stelle aufgeplatzt. Verfilztes Füllmaterial quillt hervor.
Es dämmert. Die Straßenlaternen gehen an, doch niemand ist da, um in ihrem Licht zu wandeln.
An einem großen, kastenförmigen Bau hängen die trüb gewordenen Eingangstüren nur noch lose in den Angeln. Hinter den Türen befindet sich ein großer Supermarkt. Vor der Katastrophe haben die Menschen hier die Dinge des täglichen Bedarfs eingekauft. Jetzt sind die Regale umgestürzt und der Inhalt verrottet auf dem Boden. Zwischen den Regalen hängt ein dichtes Gespinst aus Spinnenweben.
Es ist niemand zurück gekommen, um hier für Ordnung zu sorgen.
Außerhalb der Ortschaft stehen unzählige schwarze Säcke. Sie sind mit kontaminierter Erde gefüllt.
Eines Tages sollen sie abgeholt und fachgerecht gelagert werden.
Aber es besteht keine Eile. Es wird noch lange dauern, bis die Menschen hierher zurückkehren können.
Die Halbwertszeit des Cäsium-Isotops beträgt 30 Jahre.

Der Wald lichtet sich und macht einer kleinen Ortschaft platz, die auf der Karte gar nicht eingezeichnet ist. In der Ferne sehe ich ein Wirtshausschild und steuere darauf zu. Als ich die staubige Straße entlang laufe fällt mir auf, wie still es hier ist. Die Gärten sind verwildert, die Scheiben der Häuser eingeschlagen und auf einem Spielplatz dreht sich ein Karussell rostig im Wind. Ein verlassener Ort, wie ich feststelle. Dennoch betrete ich den Gastraum der Wirtschaft. Auf den Tischen stehen noch Flaschen und Gläser, blind von Staub, und sogar ein Kartenspiel liegt da, als hätte die Spieler nur mal kurz ihr Spiel unterbrochen, und auf dem Tresen sitzt eine verwahrloste Katze, die die Flucht ergreift, als ich mich ihr vorsichtig nähere. Der Fliegenschutz zur Küche sieht aus als würde er aus toten Raupen bestehen. In der Küche staune ich; mitten auf dem Herd steht eine Schüssel mit Kartoffelpüree, das vollkommen eingetrocknet ist. Was die Leute wohl veranlasst hat, das Dorf so fluchtartig zu verlassen? Ich wende mich ab und war schon fast aus der Tür, als ich aus dem Augenwinkel eine Flasche in einem der Küchenregale entdecke. Einen 30 Jahre alten Cognac. Ich packe die Flasche in meinen Rucksack und setze meine Wanderung fort.

‚Het Behouden Huys‘

Frostige Böen jammern und heulen mit Orkanstärke über vergletscherte Bergketten der Nordinsel. Der kahl gefegte Fels verwischt zu flackernden, grauen Flecken inmitten eines Schneesturms, der den Orientierungssinn wie ein Halluzinogen verwirrt. Spitze Eiskristalle in der Luft beißen in jeden Quadratzentimeter ungeschützter Haut.

Nur zufällig findet die norwegische Crew eines Walfängers in dieser menschenfeindlichen Ödnis die Überreste eines behelfsmäßigen Winterhauses. Bei dem Anblick dieser 300 Jahre alten Trümmer und der im ewigen Eis konservierten Habseligkeiten entstehen in der Fantasie der Seeleute die dramatischen Bilder des vergangenen Kampfes, in dem der Gegner unbarmherziger und gewalttätiger nicht gewesen sein könnte. Die Natur!

In der, in aller gebotenen Eile aus Treibholz und Schiffsplanken gezimmerten, Schutzhütte war es beinahe so kalt wie draußen. Nur der Sturm ärgerte sich maßlos darüber, dass er nicht ungehinderten Zutritt erhielt. Er rüttelte an den Wänden und stach seine zugigen Finger in jede Ritze. Der rechteckige Raum maß etwa zehn Meter mal neun Meter und war fensterlos. In der Mitte befand sich die Feuerstelle mit dürren, ewig hungrigen Flammen, über denen ständig ein Kochtopf mit Wasser baumelte. Schwarzer, giftiger Rauch zog unablässig durch den darüber liegenden Schlot ab und wurde sofort vom wütenden Sturm in Fetzen gerissen.

Der Sockel wies die typischen Eckverbindungen von Blockhütten auf, für die oberen Teile der Wände und für das Dach hatten die Männer Pinienplanken auf eine Rahmenkonstruktion genagelt. Obwohl fast sämtliche losen Teile eines ganzen Schiffes verheizt wurden, reichte die Hitze nicht annähernd aus, um die gestrandeten Holländer zu wärmen. Kondenswasser gefror zu gläsernen Stalaktiten an den Innenseiten der Hütte, deren Fugen mit Stofffetzen und Segelresten notdürftig abgedichtet wurden. Lethargisch verbrachten sie Stunde um Stunde, Tag für Tag, Wochen, ja, Monate in einfachen Holzgestellen, die Kopf an Fuß aneinandergereiht wie eine Kette an der Wand entlang liefen – nur eingehüllt in die spärliche Kleidung ihrer Zeit, ein paar grob gewebte Decken und die wenige Felle erlegter Tiere. Mit der Leichtigkeit eines gigantischen Nussknackers hatte das Nordmeereis ihr Schiff zerquetscht und ihnen außer wenigen Dingen nur den unbedingten Willen zum Überleben gelassen. Der Proviant, zumeist Pökelfleisch aus den geborgenen Fässern, musste rationiert werden. Frischfleisch erlegter Polarfüchse war rar. Sie alle waren ausgezehrt, krank oder verletzt durch Überfälle ebenso hungriger Eisbären. Zum Leben hatten sie zu wenig, zum Sterben zu viel. Was nutzten das Buch über Navigation oder das über China, das Land, das sie auf kürzestem Wege zu erreichen hofften, die kleine Flöte, eine nutzlose Uhr? Sie hatten Talglichter, einige Gewehre, Schwerter, Lanzen und Hellebarden gerettet, doch ihr Feind war gegen diese lächerlichen Waffen immun. Auch konnten sie sich mit den bis hierher gehüteten Münzen nicht freikaufen. Dennoch hielten sie durch. Unvorstellbare neun Monate im arktischen Winter ohne Sonne, denn selbst sie erträgt die Einsamkeit und die Kälte des östlichsten Punktes Europas auf der sichelförmigen Doppelinsel Novaja Semlja nicht. Als sie im Frühling 1597 erstmals wieder schüchtern über den Horizont blinzelte, wagten sich die Männer mit diesem hellen Funken Hoffnung zurück auf das offene Meer. In zwei zusammengeflickten Ruderbooten und nach unmenschlichen Strapazen erreichen zwölf Überlebende dieser Expedition ihre Heimat. Willem Barents wollte die Nordostpassage, eine Handelsroute nach Asien finden. Er fand auf unbekanntem Boden seinen Tod.

Licht und Schatten

Einst stand dieser Ort für Freude und eine Zukunft so bunt wie das Licht. Einst war es am Tage von Lachen und Stimmen erhellt. Fenster, die durch kleine Händchen mit Fingermalfarben verschönert, sowie mit Basteleien beklebt waren. Winzige Schühchen, die in den Bänken vor den Räumen standen. Spiele die geliebt und Puppen, die versorgt wurden. Tägliches Gewusel, kleine Streitereien, jedoch nicht von Bedeutung. Freundschaften so zart wie die Menschenkinder selbst. Nun ist es anders. Kein Lachen, keine Zukunft, kein Licht. Das Gebäude zur Hälfte zerstört, Schutt und Staub, wo man auch hinschaut, die Luft nicht mehr für die Lungen bestimmt. Der gesamte Ort verstummt. Farblos und grau. Ein Schleier der Trauer, der sich über die Toten senkt. Was bleibt, ist die Erinnerung.

Willibald hatte eine alte Blechkiste gerettet. Er erinnerte sich kaum noch daran. Sie stand jahrelang unberührt auf dem Dachboden in der hintersten Ecke und hatte viel Staub angesetzt. Er nahm sie an sich, ehe der Trödeltrupp sie mit dem Rest herausschleppen würde. All die anderen alten Erinnerungen wurden kreuz und quer auf einen Lkw geladen. „Die Grabräuber“, nannte er sie. „Wie sie alles abmontieren, sogar die alten Klappläden vor den Fenstern, die schwere Haustür aus Eichenholz mit den Schnitzereien und schmiedeeisernen Beschlägen.“ Das alte Haus seiner Vorfahren, gebaut aus Lehm, Stroh und massiven Eichenbalken, sollte nun doch abgerissen werden. Sie werden es plattmachen. Der Käufer hatte versprochen, das Kleinod zu erhalten. War alles gelogen.
Willibald setzte sich in einen stillen Winkel, um sein Fundstück zu untersuchen. Eine Blechkiste rundum und auf dem Deckel, mit fragilen Märchenfiguren versehen, eingestanzt in das Metall. Als er den Deckel zurückklappte und mit einem nassen Tuch darüber wischte, konnte er die Schrift lesen:
„Erinnern Sie sich gütigst, daß Ihnen diese Schatulle von der Firma Kaffee Schilling, Schilling & Sohn, Bremen, überreicht wurde, und daß Sie von diesem Import-Haus und erster Kaffee-Großrösterei zu denkbar niedrigsten Preisen, denkbar besten gebrannten Kaffee, sowie Tee und Kakao aus erster Hand erhalten.“
Natürlich waren im Inneren des Behälters keine der genannten Köstlichkeiten mehr zu finden. Stattdessen stapelten sich alte Rechnungen, Quittungen, Schulhefte und einige Exemplare der Jugendzeitschrift „Rasselbande“ darin. Er blätterte durch die Schulhefte, die mit reichlich Eselsohren geschmückt waren und ihn in seinen Bann zogen. Es waren seine Hefte. Er las und amüsierte sich darüber, was er da 1953 zu Papier gebracht hatte, als er elf Jahre alt gewesen war. ‚So dumm war ich doch gar nicht‘, dachte er bei sich, ‚da hätte man mehr draus machen können!‘
Ein paar der Hefte nahm er an sich, und schaute ein letztes Mal hoch zum Giebel, dort im Balken eingeschlagen, stand die Zahl >1792<. Als die Bagger anrückten, ging er und drehte sich nicht mehr um.

Abschied

Die Nachmittagssonne gleitet durch die großen Fenster und taucht den Raum in ein sanftes Licht. Alles darin wirkt so, als würde er jeden Moment hereinkommen. Lächelnd und froh mich zu sehen. Doch das geschieht nicht.
Stumm stehen die Wände mit den Bücherregalen. Leer der breite Chesterfield Sessel, indem er so oft gesessen und gelesen hat. Auf dem kleinen Beistelltisch steht sein Sherry. Daneben liegt von Hume „Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand“. Über Hume und Wittgenstein konnte er stundenlang diskutieren. Für seine Studenten war er eine Koryphäe.
Auf dem Flügel aus Palisander, passend zu dem übrigen Interieur, stehen die Fotos seiner Familie. Nach Mamas Tod hat er oft nachts gespielt, weil er keinen Schlaf finden konnte. Was uns beide verbunden hat, war die Liebe zu Beethoven und Stefan Zweig. Ich lasse die Finger über eine Bücherreihe gleiten und nehme „Die Schachnovelle“ heraus. Klein und schmal liegt sie in meiner Hand. „Die habe ich zwei Mal gelesen“, hat er mir vor Jahren erzählt. „Einmal wegen der Geschichte und beim zweiten Mal wegen der Geschwindigkeit des Schiffes.“ Er war in allem so sorgfältig und genau. Er hat mir von Zweig „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“ geschenkt und „Die Welt von gestern“, über das Leben von Zweig im Dritten Reich. Er favorisierte dessen Stil und prägnanten Formulierungen. Auf dem Kaminsims stehen aufgereiht seine Pokale, die er im Fechten gewonnen hat. Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht und lasse meinen Blick noch einmal durch den Raum schweifen. Der Koffer mit den Kleidungsstücken für ihn wiegt schwer in meiner Hand. Ich werde akzeptieren müssen, dass er heute nicht einmal mehr seine Tochter erkennt.

Am Fallschirm
Ein kleines Siedlungshaus mit weißem Putz, keine hundert Quadratmeter Lebensraum für eine siebenköpfige Familie, die Großeltern und uns. Hitler war noch nicht ganz an der Macht, als es gebaut wurde. Ohne Heizung und mit einem Keller, der so niedrig ist, dass ich dort bereits als Jugendlicher gebückt gehen musste. Alle Häuser in der Straße sehen so aus. Die Menschen waren damals noch kleiner. Ein aufrechter Gang wäre nicht nur im Keller aufrichtiger gewesen.

Das Kinderzimmer. Ich verweile vor der geschlossenen Tür, schließe die Augen und prüfe, ob ich die Einrichtung noch im Kopf habe: auf der rechten Seite das Fenster zur Straße, an der Decke die eidottergelbe Plastiklampe, die aussah wie eine ausgefranste Sonne. An der Frontseite, quer vor der Wand das Bett meiner älteren Schwester. Die Wand voll mit Ausschnitten aus Zeitschriften. Supertramp, Beatles, Rolling Stones, Bay City Rollers, Genesis, Joe Cocker. In der Mitte der Wand schaut Harpo direkt zur Tür … Moviestar, oh Moviestar…, die Melodie hat sich für immer eingebrannt. Am Fußende des Bettes steht, mit der Längsseite an der linken Wand, ein Etagenbett. Unten liegt meine jüngere Schwester, oben ist mein Reich. Kein Schrank im Zimmer, das mit den Betten bereits voll ausgeschöpft ist. Ich reise mit den Ohren zu uns: Lachen, Streiten, Weinen, Reden, Toben. Nacheinander, nebeneinander, durcheinander. Die Einrichtung lebt durch uns, ist nicht bewegungsloses Mobiliar.

Mit diesem Bild der Kindheit und Jugend im Kopf öffne ich wieder die Augen, dann die Zimmertür und sehe:

Die ausgefranste Sonne ist abgehangen – stattdessen eine Neonlampe.
Moviestar hat ausgesungen – stattdessen ein Galgen, thronend über dem Kopfende eines Krankenhausbettes an der Frontseite. Das Bett meiner älteren Schwester ist ausgezogen.
Kein Schrank im Zimmer – nur ein kleiner Tisch voll mit Medikamenten und ein Stuhl davor. Dort, wo zuvor das Etagenbett stand.

Hier habe ich dich besucht, in unserem Kinderzimmer, aus dem dein Sterbezimmer wurde. Ich sehe dich, wie du im Bett lagst, das dort jetzt vor mir steht, weiß, entkleidet vom Laken und verlassen. Deine schon schwarz gewordenen Zehen, Füße und Waden. Das verzweifelte Aufbäumen gegen den deinen Körper hinaufwandernden Tod. Wie du dich mühsam am Galgen hochgezogen hast. Noch einmal aufrecht sitzen. Ich höre wirre, unverständliche Worte. Kaum etwas zu verstehen. Dein Gebiss hatte sich bereits in einem Glas Wasser auf dem Tisch zur Ruhe gelegt. Einen Tag später auch du.

Ich mache die Tür zu, greife nach dem Schlüssel und schließe ab.
Das in beiden Zimmern Erlebte ist Teil meiner Vergangenheit und hat keinen Schlüssel, es ist nicht abschließbar. Es liegt zusammengepackt auf meinem Rücken in einem Fallschirm, der sich, wenn ich ihn brauche, öffnet und durch die unterschiedlichen Windrichtungen des Lebens trägt.

Ich drehe mich langsam um, weg von der Tür, und gleite aus meinen Gedanken und Blicken in die Vergangenheit Schritt für Schritt zurück in die Gegenwart. Das Bündel auf meinem Rücken halte ich behutsam mit beiden Händen fest.

Vorbei

Ich halte den Schlüssel in der Hand und habe jedes Recht, die Wohnung zu betreten. Dennoch versuche ich leise zu sein - fühle mich, als gäbe es eine Grenze, die ich nur schwer überschreiten kann. Ich glaube, dass Augen aus jeder Nachbarwohnung auf mich gerichtet sind und sich fragen, was dieser Typ hier will.

Drinnen angekommen bin ich zumindest alleine, sperre die eingebildeten Blicke aus. Pures Chaos schlägt mir entgegen. Die Bewohnerin … es gibt sie nicht mehr. Erst vor wenigen Tagen hat man sie gefunden … aus dem Haus getragen. Mir wird bewusst, wie plötzlich uns der Tod ereilen kann. Keine Chance mehr, noch etwas wegzuräumen, etwas geradezurücken, zu beschönigen.

Familie, Freunde, Umzugshelfer - jeder hat nun den ungeschönten Einblick in ihr früheres Leben. Schock macht sich breit - niemand wusste wirklich, wie es hinter dieser Tür aussah. Es gibt nur eine Chance - ein paar Stücke heraussuchen, die man gebrauchen kann; alles andere wird auf einem Container landen. Niemand wird den Dingen dieselbe Achtung entgegenbringen wie die Frau, die sie noch vorige Woche besessen hat. Die sie mit Akribie gesammelt, gelagert, sortiert hat. Hier ein Besteckkasten, dort ein Bild - unterschiedlichste Facetten, die alle zusammen das Puzzle eines Lebens ergeben.

Was wird von mir einmal bleiben, wenn man meine Wohnung ausräumt? Welches Bild werde ich den Hinterbliebenen vermitteln - ohne die Option, etwas zu erklären, zu richten?

Eine Prise Magie

Spurlos verschwunden ist er vor vielen Jahren, mein Onkel Finley. Seitdem hat niemand mehr sein Haus, abseits der Stadt, betreten. Nun hat der Rest der Familie entschieden, dass ich es haben soll. Wohl, weil ich ähnlich verrückt bin wie er es war. Ehrfurchtsvoll und ein wenig angespannt öffne ich die wuchtige Tür aus Eichenholz, die, wie ein alter knorriger Baum, bei jeder Bewegung ein schweres Krächzen von sich gibt. Sonnenlicht bahnt sich nun den Weg in das Haus. Unzählige Staubkörner flirren, durch den Luftzug aufgeschreckt, wild durch den großen Raum. Es kitzelt mir in der Nase und ich muss Niesen.
Ein undefinierbarer Geruch liegt in der Luft, irgendwie nach einer Mischung aus Mottenkugeln und alten Menschen. Dabei war Onkel Finley noch gar nicht so alt als er verschwand. Und er war stets auf ein gepflegtes, wenn auch außergewöhnlich schrilles, Aussehen bedacht.
Nach und nach öffne ich die alten Fenster und auch die löchrigen Fensterläden um Licht und frische Luft hinein zu lassen.
Ich schaue mich um und bin völlig gebannt von dem was ich sehe. Unter der dicken Schicht von Staub und Spinnweben, die sich auf allen Gegenständen niedergelassen hat, entdecke ich diese vielen kleinen schönen Dinge, die Onkel Finley liebevoll gesammelt hat. Dafür war er überall bekannt.
Ein Sammelsurium an wundersamen Spielereien, verrückten Figuren, ausgefallenen Möbelstücken und Spiegel in allen Formen und Farben scheinen wirr im Raum rumzustehen. Wie in einem nostalgischen Spielzeugladen. Schmunzelnd erinnere ich mich an seine verrückte Art. Beim genauen Hinsehen wird mir schnell klar, dass dieses Wirrwarr dennoch eine gewisse Ordnung zu haben scheint. Mein Blick bleibt hängen an einem wunderschönen Perpetuum mobile welches von der hohen Stuckdecke in der Mitte des Raumes herabhängt. Gleichmäßig bewegen sich unzählige, schillernde Schmetterlinge auf und ab. Es ist absolut magisch. Ich halte inne und mir wird bewusst dass, selbst wenn alles still zu stehen scheint, das Leben und die Zeit weiter laufen. Auf und ab, auf und ab… immer weiter tanzen die Schmetterlinge als würden sie mich zum Tanz auffordern.
Ein Gefühl der Freude überkommt mich. Ich beginne, den Raum vom Staub zu befreien und nach und nach wird es schillernd bunt um mich herum. So bunt wie Onkel Finley es immer war. In diesem Haus steckt ganz viel Leben und wer weiß, vielleicht auch ein Hinweis wohin es ihn verschlagen hat.
Ich muss nur gründlich genug suchen.

Heilige Scheiße

Wenigstens funktionierte der Fahrstuhl noch. Mit zwei Kameras um den Hals lümmelte er bereits kaugummikauend neben der versiegelten Wohnungstür herum. Das Eau de Cologne auf meinem Mundnasenschutz milderte den bestialischen Gestank. Nach kurzer Begrüßung zerschnitt ich mit dem Schlüssel das Siegel, öffnete ihm die Tür und wünschte ihm viel Spaß.
Er ging in den dunklen Korridor, blieb stehen und schaute sich suchend um. Ich wies auf die beschädigte Tür, folgte ihm, blieb aber auf der Schwelle stehen.
»Wahnsinn«, sagte er.
Das sah ich auch so. Noch immer stand das Bett mitten im Raum. Etwas schräg. Teile des Messinggestells waren verbogen, die Matratze aufgerissen und besudelt. Bruchstücke einer Schranktür lagen verstreut am Boden. Die andere hing schief in den Angeln. Blut, wo man auch hinsah. Eine Plastikfolie flatterte vor dem Loch, das einmal das Fenster gewesen war. Dann bemerkte er die Wand. Der gewaltige Fleck schimmerte jetzt dunkler. Fast schwarz. Er setzte die Kamera ab und besah es sich aus der Nähe.
»Heilige Scheiße«, entfuhr es ihm.
Das traf es. Wenigstens teilweise. Das meiste war Blut. Und Hirn.
Er schluckte. Seine Hände zitterten und ganz blass war er. Trotzdem fotografierte er weiter. Jedes Detail. Die zerfledderte Bibel, die aufgeschlagen am Boden lag. Das in sich verdrehte Kreuz. Und immer wieder die Flecken am Boden, an der Wand.
Ich sah auf die Uhr. Mir reichte es schon wieder. Er konnte nicht genug bekommen und wies noch einmal auf die verschmierte Wand.
»Das Mädchen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Der Priester.«
»Heilige Scheiße. Und das Mädchen?«
Ich wies zum Fenster. »Raus, angeblich. Mitsamt dem Rahmen.«
»Hammer.« Er trat an die Folie und blickte acht Stockwerke hinunter. »Wo hat man sie gefunden?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Gar nicht. Ein Penner will gesehen haben, sie sei zum Himmel empor, dann aber senkrecht in den Boden geschossen. Nach zwei Flaschen Wodka sieht man einiges.«

[Das muss reichen. Mal sehen – im Schreibzirkel geht es vielleicht noch weiter. Demnächst. Irgendwann.]

Unvergesslich

„Böh“, machte Igelkott. „Da war ja schon jemand vor uns!“
„Wieso?“, fragte Lökk müde. Er rollte sich von Igelkotts samtigem Kopf und ließ sich den Weg zur Felsnische rollen, kullerte durch den Spalt im Stein und drehte sich bis zu der ordentlich geplätteten Schlafmulde. Hier streckte er seine Wurzeln zwischen die winzigen Steinchen am Fußende und breitete seine Blätter auf eine endgültige Art über sich aus.
„Na, weil hier alles voll nach Essen riecht“, regte sich Igelkott auf. „Du hast gesagt, und ich wiederhole wörtlich: Unser Ferienhaus! Es ist nicht unser Ferienhaus, wenn auch andere Leute herkommen.“
„Hm“, machte Lökk schläfrig. Igelkott schnüffelte überall herum. „Da! Im Kamin hat jemand Feuer gemacht und einen Pilz auf einen Stock gespießt. Man riecht die Reste vorne am Holz!“ Vorsichtig betrachtete er den Teppich aus gewebten Gräsern. „Die Person hatte kleine Pfoten“, beschloss er. „Und sie war ziemlich ungeschickt. Der Läufer hat eine Falte. Da muss sie gestolpert sein und die Fasern aufgerissen haben.“ Er besah die Decke. „Und überall sind so komische Spuren, als hätte jemand etwas am Stein entlanggeschleift. Unmögliche Leute“, murmelte er in seinen Bart. Lökk lächelte entspannt in sich hinein. Eine Weile hatte er Ruhe.
„Hier!“, gellte plötzlich Igelkotts Stimme aus der oberen Etage, dass Lökk mit verwirrten Blättern in die Höhe fuhr. „Hier hat er geschlafen!“
„Ach, suchst du immernoch nach Spuren?“, erkundigte sich Lökk, indem er die krummen Stufen aus Treibholz hinaufhüpfte. Igelkott hatte ein Nest aus Blättern entdeckt, die nicht von den Bäumen um sie herum stammten. „Außerdem haben sie kleine Löcher! Lauter winzige Löcher! Wie von einer Tannennadel, die man reinpikt. Lökk!“ Der verwirrte Igel sah seinen zwiebligen Freund ganz betroffen an. „Wer macht denn sowas?“
„Wer denkst du denn, war es?“, fragte Lökk besorgt.
„Ich denke fast … ist dir dieser muffige Geruch aufgefallen? Wie von einem Tier, das sich mindestens ein Jahr lang nicht gewaschen hat. Lökk! Ich denke, es ist …“ Igelkott senkte die Stimme, „ein Vielfraß.“ Seine Augen glitzerten fiebrig im Halbdunkel. „Der mit seinen langen Krallen kleine Löcher in diese Blätter gemacht hat, im Schlaf.“
„Nein, Igelkott. Es war kein Vielfraß“, setzte Lökk dem Wahn seines Freundes Wissen entgegen.
„Nein? Wer denn dann?“
Lökk bekam sein Grinsen schnell unter Kontrolle. „Du. Wir waren letzte Woche hier und haben Pilze gesucht.“
Der Igel schaute verdutzt. „Wir?“
„Ja. Erinnerst du dich nicht, wie der kleine Troll, der es vor uns hatte, uns herumgeführt hat? Weißt du nicht mehr, wie groß der Pilz war, den wir gefunden haben? Er hat kaum durch die Tür gepasst!“
Offenbar wusste es Igelkott nicht. „Es bleibt nur eins zu tun“, beschloss er deshalb, „und zwar hier etwas Unvergessliches zu tun. Lökk, fällt dir was ein?“

Verloren

Nichts hatte sich verändert. Alles stand fein säuberlich an seinem Platz. Sogar der Geruch war der gleiche. Jasmin. Ich schloss die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Es roch frisch. Ich weiß nicht, warum mich gerade das so erstaunte. Was hatte ich erwartet? Nun, ehrlich gesagt stellte ich mir vor, dass es muffig und abgestanden riechen müsste, irgendwie angestaubt. Nach drei langen Jahren, in denen niemand die Wohnung betreten hatte, sollte man doch erwarten dürfen, dass es wenigstens etwas anders riecht. Fast niemand, korrigierte ich mich sogleich in Gedanken. Denn irgendjemand war hier gewesen.

Behutsam, fast ein wenig unsicher, ließ ich meine Finger über den einzigen Stuhl in meiner kleinen Wohnung gleiten. Glatt und kühl fühlte sich die Lehne unter meinen Fingerkuppen an. Und sauber. Auf dem Tisch stand eine Vase mit frischen Blumen. Ihr Geruch war so süß und intensiv, dass ich nicht umhinkonnte, mich vorzubeugen, um daran zu riechen. Jasmin. Oh wie ich diesen Geruch liebte. Als ich über die weichen Blüten strich, kam es beinahe einem zärtlichen Streicheln gleich. So zerbrechlich, so vergänglich und gerade deshalb so wunderschön.

Ich stellte mir vor, wie meine alte Vermieterin die Blumen mitgebracht und auf den Tisch gestellt hatte, ehe sie wie ein Derwisch durch die Wohnung gewuselt war und alles in Ordnung gebracht hatte, was in Ordnung zu bringen war. Die gute Mrs. Hudson. Sauberkeit war ihr schon immer immens wichtig gewesen. Nie hätte sie geduldet, dass dreckiges Geschirr herum stand - nicht, dass ich davon so viel besessen hätte, als dass es lange herumstehen hätte können. Dieser Gedanke zauberte ein Lächeln auf meine Lippen, während ich andächtig die Erkundungstour durch meine alte Wohnung fortsetzte.

Je näher ich dem Wohnzimmer kam, desto deutlicher vernahm ich das leise Ticken der Uhr, die über dem abgelebten Sofa an der Wand hing. Der mausgraue Stoff war an vielen Stellen abgewetzt, sodass das Füllmaterial durchschimmerte. Ich hatte mir immer vorgenommen, das alte Teil wenigstens neu zu beziehen, doch zu mehr als einer kuscheligen Sofadecke in der gleichen unscheinbaren Farbe hatte es nie gereicht. Dennoch, es waren wundervolle Winterabende gewesen, die ich eingekuschelt auf diesem uralten Möbelstück zugebracht hatte. Dabei hatte ich meine Finger an einer dampfenden Tasse Tee gewärmt und dem beruhigenden Ticken der alten Wanduhr gelauscht. Tick - Tack - Tick - Tick - Tack. Der Sekundenzeiger schien immer noch kurz zu hängen, wenn er über die Zwölf sprang. Mrs. Hudson hatte diese Anomalie immer in den Wahnsinn getrieben, doch für mich gab es nichts Beruhigenderes auf der Welt.

Mit einem leisen Seufzen trat ich hinüber an eines der Fenster, die hinaus auf die Straße gingen. Die Stirn gegen das kalte Glas gelehnt, atmete ich tief aus. Ich konnte fühlen, wie mein Atem an der Scheibe beschlug, hörte, wie die wachsenden Tropfen daran hinab rannen. Das Beben, wenn ein Auto wie gewöhnlich mit überhöhter Geschwindigkeit vorbei raste, übertrug sich auf meinen Körper, wanderte wie ein kleines Erdbeben meine Wirbelsäule hinab.

Alles hier war genau wie immer. Nichts hatte sich verändert. Nur ich war nicht mehr dieselbe. Ich war nicht mehr die Frau, die eines eisigen Wintermorgens die Tür hinter sich zugezogen hatte und tief in einen Schal vergraben auf die Straße hinausgetreten war. Der betrunkene Fahrer, der auf spiegelglatter Fahrbahn die Kontrolle über seinen Wagen verloren und mich ins Koma befördert hatte, hatte mir nicht nur drei Jahre meines Lebens, sondern auch mein Augenlicht genommen.

Drei volle Jahre und nun, da ich wieder hier stand, in meiner kleinen, unscheinbaren Wohnung, die so frisch und nach Jasmin roch, begannen die Bilder in meinem Kopf bereits schwächer zu werden. Der Tisch, der einzelne Stuhl, das mausgraue Sofa mit der Wanduhr darüber… All diese Erinnerungen verblassten schon vor meinem inneren Auge. Wie lang würde es wohl dauern, bis sie zu dem bloßen Schatten einer undeutlichen Erinnerung verkamen, ehe sie völlig verloren gingen? So verloren, wie ich mich gerade in diesem Moment fühlte, als ich durch meine verlassene Wohnung streifte - in der nichts weiter auf mich wartete, als ein Strauß weißen Jasmins.

In der Leere Deines Herzens

Ich bin zurück in der Leere Deines Herzens.

Auf dem Boden all die toten Schmetterlinge, die einst Dein Herz so leichtgemacht.

Staub liegt in der Luft, vom Zerfall unserer Pläne.

An den Wänden der Ruinen unserer Luftschlösser, die Schatten der Kinder, welche wir nie gehabt.

Dein Lachen, das mich einst an Dich band, Geisel der Stille.

Ich bin zurück in der leere Deines Herzens.

Die Laube

Wir möchten eine Laube kaufen, so für das Wochenende. Nun, auch für die Woche, wenn’s sein muss. Gießen fahren zum Beispiel, im Sommer bei großer Trockenheit. Das macht sicher Spaß, bringt Bewegung und ist gesund. Um die Laube, die wir besichtigen sollen, ist nämlich etwas Garten drum herum. Sonst hätte sie bei uns keine Chance gehabt. Seit vielen Jahren schon sei sie verlassen und sehr alt, sagt der Verkäufer. Und daher sehr preiswert. Er gibt uns den Schlüssel.

Wir fahren hin.

Die Laube ist sehr klein und hübsch. Wäre sie nur etwas größer, wäre sie sogar schön. Aber kleine Dinge sind eben hübsch.

Hübsch massiv ist sie auch - aus Mauerwerk und Holzdielen als Fußboden. Die Tür ist alt und eine Beleidigung für jeden Einbrecher. Müsste mal abgeschliffen und neu gestrichen werden, und geölt. Dieser Aufgabe fiebere ich schon jetzt entgegen.

Noch stehen wir im Garten und schauen uns um. Ziemlich verwildert, es gibt jede Menge zu tun. Wir freuen uns darauf, alles gestalten zu können. Wir werden viel Zeit haben. Oder brauchen? Wir werden uns sicher wohl fühlen, wenn alles fertig ist - irgendwann.

Ich versuche, die Tür zur Laube zu öffnen. Sie geht schwer auf und mit etwas Anstrengung öffnet sie sich ohne klischeehaftes Quietschen und gibt den etwas modrigen Geruch frei, und auch den Blick in eine halb durchdringliche Finsternis.

Die Einrichtung ist zu erkennen: rechts unter dem Fenster, es ist mit Pappe vernagelt, ein Tisch, ein Stuhl, eine Chaiselongue und ein brauner Holzkasten unklarer Bestimmung. Gegenüber an der Wand ein alter Bücherschrank. Links hinten ein Vorhang, der sicher in den kleinen Anbau führt, der von außen zu sehen ist und eventuell als Gerätekammer dient.

Ich gehe vorsichtig zum Fenster und reiße die Pappe weg.

Nun ist es hell hier drin. Mit dem Licht kommt der einige Millimeter hohe Staub zum Vorschein, der lückenlos, exakt und gleichmäßig alles bedeckt. Eine unberührte Landschaft, wie im Winter nach Neuschnee. Und wir sind die Ersten, die diese Unberührtheit stören dürfen.

Die Chaiselongue macht trotz des Lichts keinen freundlicheren Eindruck. Ich warne meine Familie, die Sitzgelegenheiten vorerst zu meiden. Damit trage ich jedoch Eulen nach Athen, denn mein Anhang steht an der Türschwelle und ist nicht gewillt, diese zu übertreten, bis ich alles nach den kiloschweren Spinnen und den meterlangen Ratten durchsucht hätte.

Nun gut, ich gehe zum Bücherschrank - und springe gleich zur Seite. Die Diele dort gab unter meinem Gewicht nach und der Schrank neigte sich plötzlich vor. Die Holzdiele krachte. Den Schrank kann ich gerade noch davor bewahren, ganz umzufallen. Ich halte ihn fest und schiebe ihn etwas zur Seite, wo die Dielen scheinbar noch halten. Die Familie hat sich leicht entfernt von der Türschwelle, um sich vor der herausquellenden Staubwolke in Sicherheit zu bringen. Man fragt vorsichtig von dort, ob ich noch gesund und bei Trost bin. Die knapp zweieinhalb Zentner, die mein Gehirn tragen, sind einfach zu viel. Ich muss dringend abnehmen. So geht das nicht weiter. Deswegen sind wir ja hier.

Vorsichtig gehe ich im Bogen um den Schrank nach links zum Vorhang, nehme ihn ganz langsam beiseite und schaue in den Geräteraum. Schon gewöhnen sich meine Augen an das Halbdunkel, da schlägt mein zukünftiges Gärtner-Herz höher: Die wichtigsten Gartengeräte sind vorhanden. Gleich vorn eine Harke und eine Hacke, ein bisschen verrostet, brauch man nur etwas abschleifen. Mehr Sorgen machen mir die kurzen Stiele, die für eine Hand und zum Knien vorgesehen sind, oder zum Bücken. Beides lehne ich ab, man will sich ja schließlich erholen bei der Gartenarbeit.

Weiter hinten eine originale Sense! Toll, so ein Stück! Sehr selten, geradezu wertvoll. Solch ein Werkzeug verlangt den ganzen Kerl; wer kann so was noch heut zu Tage bedienen? Ich werde fleißig üben müssen, sicher. Die Nachbarn mit Ihren lauten Rasenmähern werden gelb vor Neid. Jetzt allerdings ist der Rasen fast mannshoch und am Sensen-Stiel-Ende befindet sich ein altes rostiges flaches Metallgebilde. Ich werde viel zu tun haben. Es wird schon Spaß machen.

Die Familie draußen ruft nach mir und erkundigt sich nach dem Stand der Dinge. Ich bitte sie herein, nicht ohne auf die zerborstene Diele hinzuweisen. Nach kurzer Besichtigung und einem leichten Anflug von Deprimiertheit beschließt die Familie, die Laube und den Garten zu verlassen. Man habe genug gesehen und wird sich nach Besserem umtun.

… Ich nahm Abschied von meinen Plänen mit der Sense, der Tür… und dem Garten…

Da taucht plötzlich die Frage nach dem braunen Holzkasten auf, der unauffällig in der Ecke neben dem Tisch steht. Ein viereckiger Kasten, oben ein Deckel zum Aufklappen. In der rechten Seitenwand ein zentimetergroßes rundes Loch. Ganz sacht, um nicht unnötig Staub aufzuwirbeln, öffne ich den Deckel und schaue vorsichtig hinein. - Sofort habe ich die Sense vergessen. Beim Aufklappen des Deckels kommt ein Plattenteller und ein kleiner Trichter zum Vorschein, und unten entriegelt sich ein Schubfach.

Ein uraltes Grammophon steckt in diesem staubbedeckten Kasten!

Das ist natürlich eine Überraschung. Ob es noch funktioniert? Die Familie ist erwartungsvoll. Ich auch. Im Schubfach liegen einige Schellack-Platten. Die oberste nehme ich heraus und lege sie auf den Plattenteller. Die Kurbel aus dem linken Seitenfach stecke ich in das Loch rechts und versuche, das Federwerk vorsichtig aufzuziehen. Es gelingt. Einen kleinen Hebel noch umlegen, die Platte beginnt, sich ungewohnt schnell zu drehen. Die Nadel sanft auf die Platte gelegt, und nach ein paar Kratzgeräuschen geht es los. -

Was wir da hören und auch sehen, ist für unser Hi-Fi-Zeitalter derart faszinierend, dass wir in stumm-staunender Verzückung dem Gesang einer längst vergangenen Stimme aus längst vergangener Zeit lauschen - und nicht wagen, eine Bewegung zu machen, aus Angst, die Nadel könnte springen und die Darbietung stören. Wir werden zurückversetzt in die Zeit unserer Großeltern, in unsere Kindheit. Erinnerungen steigen vor unseren geistigen Augen auf. Erinnerungen an Gemütlichkeit, Geborgenheit und Wärme, an eine ruhige Zeit, die solch eine Laube hervorgebracht hat.

Ergriffen stehen wir noch in der alten staubigen Laube, als die Nadel das Plattenende längst erreicht hat… Die Laube ist nicht nur hübsch, die Laube ist schön. Sie ist alt, aber gemütlich. Wir werden sie herrichten. Sicher werden unsere Enkel dann noch hier spielen, in unserer kleinen Laube.

Wir kaufen sie, noch heute!

Die Kurve

„Dieses Haus hat Potenzial! Es ist geräumig. Aber es muss was gemacht werden.“
Nach den Verheißungen des Immobilienmaklers kann ich mir heute meine eigene Sicht aufbauen. Ich darf das „Objekt“ besichtigen.
Der Weg von der Vorgartentür zum Eingang ist gepflastert. Hier und da hat sich ein Grasbüschel eine karge Existenz zwischen den Steinen erkämpft. „Das Grundstück hat Charakter“, nennt das der Makler.
Die Eingangstür wirkt bullig, solide. Die Farbe blättert ab und offenbart zwei Schichten. Die obere ist eher dunkel, gedeckt, konservativ, gewöhnlich. Darunter lauert ein kleiner Schrei nach Extravaganz – schrill. Haben die früheren Bewohner, in jungen Jahren eingezogen, dem jahrelangen Drängen der Eltern nachgegeben und sich einen „ordentlichen“ Anstrich zugelegt? Oder hat die grelle Anmutung wie ein Bannspruch die Schwiegereltern mit all ihrer geballten ich-meins-doch-nur-gut-Meinung erfolgreich ferngehalten?
Das Schloss am Eingang hakt etwas. Ich betrete den Flur und die neuen Eindrücke fördern frische Gedanken hervor. Ich habe keine Zeit mehr für die Tür.
Meine Schritte hallen durch das Gemäuer. Der Räumdienst hat ganze Arbeit geleistet: Wo früher Möbel standen, ist jetzt Platz für Neues.
Doch es gibt noch Spuren, an der Seite, wo das flüchtige Aufwischen des Bodens ein wenig zu oberflächlich ausgefallen ist: Reifenabdrücke. Ein Kinderwagen? Sicher, viel früher. Aber zuletzt? Hier hat eher ein Rollator seine Bahn gezogen, geführt von einem einstmals stolzen Menschen, der im Alter Hilfe dabei gebraucht hat, auf den Beinen zu bleiben und sicher von einem Zimmer ins nächste zu kommen.
Die Räume unten sind ordentlich erhalten. Man kann es im Licht der klaren Fenster sehen. Fleißige Hände haben Verfall und Spinnweben keine Chance gelassen.
Ja, viele meiner Möbel könnte man sofort reinstellen und den Rest des Hauses nach und nach renovieren.
Ich erklimme die steile Treppe nach oben. Staub begrüßt mich und die Fensterscheiben haben eine Weile keine Reinigung gesehen. Ordentliche Menschen haben hier gewohnt, für die die Treppe aber mit der Zeit eine unüberwindbare Hürde wurde. Die oberen Räume waren unerreichbar. Der Ordnung waren Grenzen gesetzt.
Hier oben hat früher das Leben getobt, kleine Schrammen in der Wand künden von Kindern und ihrem wilden Spiel. Sie sind flügge geworden, wohnen heute woanders. Sicher toben dort ihr eigener Nachwuchs.
Die Eltern sind zurückgeblieben. Sie sind gestartet, wie jeder Mensch, von einer Basis, vom Boden, haben sich nach oben gearbeitet. Später im Alter schwinden die Kräfte. Die Kurve flacht ab, zeigt danach nach unten. Auf das Haus übertragen: Vom oberen Stockwerk ging es zurück ins Erdgeschoss. Dort ist der Rollator gefahren, nicht hier oben. Hier gedeihen die Spinnweben.
Das Leben ist ein Auf und Ab. Wie lange kann ich hier wohnen, bevor ich „nach unten“ muss? Oh, ich bin jung – also eine ganze Weile, auch wenn mir das Haus wie in einem Zeitraffer meine eigene Entwicklung in Vorausschau gezeigt hat.
Ja, dieses Objekt hat Potenzial.
Und als Erstes werde ich die Tür schrill anstreichen.

Ein letzter Besuch

Langsam öffnet sich die Tür des Fahrstuhls. Nervtötend langsam. Als sie endlich den Weg freigibt, hätte sie sich doch etwas mehr Zeit lassen können.

Ich setzte mich in Bewegung. Mechanische Drehung nach rechts, dann an ein paar Wohnungen vorbei. Der Flur des ostigen Plattenbaus zieht sich. Es riecht nach Bohnerwachs und Bratkartoffeln. Leise quietschen meine Schuhe auf dem Linoleum. Noch zwei Türen, noch eine, dann deine.

Der Eingang zu deiner Wohnung steht offen. Ich bin nicht allein. Gott sei Dank. Einmal tief Luft holen, Rücken durchdrücken und rein. Das Türblatt schleift auf dem penibel abgesaugten Teppich. Drinnen schummeriges Licht. Es riecht nach Putzmittel, einem Hauch Tabak und auch ein wenig nach sterbendem Menschen.

Dein kleines Reich war nie sonderlich einladend. Immer etwas beklemmend. Die karge Einrichtung nichts für kuschlige Gemüter. Ihr habt zusammengepasst. Du und deine Einrichtung. Klare Linien, düster und immer leicht angestaubt.

Da steh ich nun. Doch allein. Es ist befremdlich, wenn du nicht hier bist. Ich weiß nicht, wohin mit mir. Also nehme ich Platz. Auf deinem Sofa. Das Teil hat so selten einen menschlichen Hintern gesehen, dass sich nicht einmal eine kleine Sitzkuhle darauf finden lässt.

Aus dieser Perspektive wirkt die Wohnung noch viel kleiner. Eigentlich ist es nur ein Raum mit anschließender Miniküche. Es gibt neben dem Sofa ein Regal, ein Bett, eine Kommode. Und natürlich die drei Holzschemel auf denen man saß statt auf dem Sofa für so etwas ähnliches wie ein Zusammensein.

Mehr gibt es hier nicht. Hast du deswegen immer in der Küche gesessen und aus dem Fenster geschaut?

Gegenüber vom Sofa hängen zwei Bilder. Waren die schon immer da? Ich starre sie an. In düsteren Farben gemalt starren zwei weinende Kinder zurück.
»Das sind wir« Plötzlich steht meine Schwester neben mir. Ich starre weiter stumm auf die Bilder. »Er hat immer gesagt, das sind wir und er wird sich das nie verzeihen.«

Meine Dämme halten. Geheult wird später.

Plötzlich bleibt Chan stehen. Sie deutet zu den Bäumen auf der rechten Seite der Landebahn. Darunter erkenne ich Gebäude: Ein Dach, schiefe Wände, ein Giebel, noch einer… Im wuchernden Unterholz ducken sich in einer Reihe ein paar verfallene Holzhäuser auf niedrigen Fundamenten aus Stein, von Schlingpflanzen überwuchert, die steilen Blätterdächer zum Großteil eingestürzt.
Vorsichtig nähern wir uns dem ersten und spähen ins Innere. Ich erkenne die Reste von Möbeln: Liegen, Tische, Bänke, Regale; das Holz ist vom Regen aufgeworfen und modrig; traurig und verlassen liegt alles im Halbdunkel. Fetzen von Stoff hängen von schiefen Wänden, zwischen den losen Bodenbrettern gleitet lautlos ein dicker Tausendfüßler; schwarze Käfer flüchten raschelnd ins Dunkel. Mitten auf den zerschlissenen Laken eines rostigen Bettgestelles thront ein eindrucksvoll großer Krebs in einem Schneckenhaus.
Das letzte Gebäude in der Reihe hat ein flaches Dach und ist zum Weg hin offen – eine Art Unterstand. Unter dem Dach wächst üppiges Gebüsch zwischen Gerümpel und aus ein paar großen kastenförmigen Gegenständen, die durch Bewuchs, Regen und Zeit aus der Form geraten sind. Chan erklärt mir, dass es sich dabei einmal um Fahrzeuge für den Transport von Lasten und Menschen gehandelt hat. Vorbei an den Häusern ist zu diesem Zweck wohl ein Weg parallel zu der Landebahn verlaufen; die Bäume haben hier einen breiteren Abstand, und da und dort sieht man noch Steinplatten unter der dichten Schicht von Blättern und Ranken.
Wir folgen diesem Weg in der Richtung zur anderen Inselseite. Nach ein paar Schritten führt vom Grasstreifen zur Linken ein weiterer Pfad herein und kreuzt den unseren. Er verschwindet rechts von uns im dichten Unterholz. An der Kreuzung steht noch ein Gebäude aus Holz, größer und höher als die anderen. Die Vorderseite, zur Landebahn hin, ist offen. Die Wände hier waren aus dem durchsichtigen Material namens Glas, aber das meiste davon ist zerbrochen und liegt im Inneren des großen Raumes dahinter. Ein halb eingestürztes Dach hängt herunter. Es besteht im Gegensatz zu den vorigen Häusern aus gewelltem Metall.
»Wellblech.« Chan klopft auf ein herabgefallenes Stück, was wie fernes Donnergrollen klingt. Regenwasser steht in den Rinnen; an einigen Stellen wachsen Pflanzen aus den Knicken und Falten der schiefen Fläche, an anderen klaffen Löcher, wo sich das Metall in bröckelnde rote Erde verwandelt hat.
Aus der Mitte des Gebäudes ragt ein Turm, noch einmal so hoch wie der Unterbau. Er scheint stabiler gebaut zu sein als der Rest des Hauses und sieht aus, als könnte man-
»Wollen wir hochsteigen?«, fragt Chan. »Von da oben hat man bestimmt einen guten Rundblick.«
Mit vereinten Kräften drücken wir Gebüsch und hohes Gras zu Seite, die vor dem Eingang wuchern. Die breite, zweiflügelige Tür steht halb offen; ihr Glas ist fast noch ganz, bis auf zwei kleine Löcher, um die sich gezackte Sprünge wie Spinnennetze ausbreiten.
Durch die Risse im Dach fällt gedämpftes Licht in das Halbdunkel des großen Raumes. Unter rankenden Schlingpflanzen ist dort eine Reihe von Sitzen zu sehen, die zu der geborstenen Fensterfront hin ausgerichtet sind. Wenn man von hier hinausblickt, kann man durch Gestrüpp und Bäume die Landebahn erahnen. Die Sitzreihe wird unterbrochen von einem Mittelgang, der zur Rückseite des Gebäudes führt. In einer dunklen Nische steigt dort eine Wendeltreppe nach oben – der Aufgang zum Turm.
Etwas liegt am Fuß der Treppe.
Wir nähern uns vorsichtig.
»Was ist das?«, flüstert Chan.
Ein langes, dunkles Bündel lagert halb auf den untersten Stufen, halb am Boden, bedeckt von Blättern und dickem Moos. Ranken wachsen daraus hervor und winden sich das Geländer empor in das diffuse Licht, das vom oberen Ende der Treppe herunterfällt.
Ich beuge mich über das Ding und streife den Bewuchs etwas zur Seite.
Chan atmet scharf ein, als sie sieht, was ich sehe.
Bleiche Knochen.

Beitrag

Seelenräume

Wie ein gewaltiger Blitz zuckt es durch Markus’ Gedankenwelt.
Kälte durchströmt seinen Geist.
‚Was ist los? Wo bin ich?‘.
Seine Gedanken taumeln durch ein Nichts.
Leere rundum.
Irgendwo klappert etwas. Leise, ganz leise.
Dunkelheit.
Das ferne Klappern wandelt sich zu schlurfenden Schrittgeräuschen.
‚Ist hier jemand?‘, flüstert Markus voll Angst.
Das Schlurfen wird lauter. Nichts zu sehen.
Nichts und Dunkelheit.
Keine Gerüche. Nichts, was man tasten und fühlen könnte.
Ein Raum ohne Dimensionen.
Es gibt kein Oben, kein Unten, kein Rechts, Links, Vorne oder Hinten.

‚Ich bin es!‘, flüstert eine Stimme nach einer Weile zurück.
‚Wer bist Du? Kenne ich Dich?‘
‚Ich bin es, ich bin Du!‘. Die Stimme wird lauter.
Marcus fühlt die Kälte immer intensiver. Zittert.
‚Wieso bist Du ich?‘.
‚Ich bin in Dir, also bin ich Du.‘, hallt die Stimme.
Markus versucht, im Dunkel etwas zu erkennen.
‚Zeige Dich, ich sehe nicht wo Du bist!‘, ruft Markus laut.
Er atmet schneller. Bibbert. Kalter Schweiß rinnt von seiner Stirne.

‚Wa… was willst Du von mir? Warum versteckst D… Du Dich vor mir? Z… zeige Dich!‘
‚Du kannst mich nicht sehen. Du kannst mich aber spüren. In Dir.‘
Markus’ Kältegefühl weicht einem siedendheißen Schauer.
‚Was zum Teufel ist hier los? Werde ich verrückt?‘
Er greift mit beiden Händen nach seinem Kopf, greift ins Leere, erschrickt.
‚Ich bin Dein Gewissen. Wach‘ auf und denke nach, warum ich hier bin. Denke nach! Wach’ auf!’
Die Stimme hämmdert diese Worte so laut heraus, dass es ihm weh tut.

„Markus, wache auf, was ist los mit Dir?“, schreit Sina, Markus’ Frau, und rüttelt ihn heftig.
Er fährt hoch, setzt sich auf und atmet schwer.
„Was war mit Dir?“, will Sina wissen.
„Keine Ahnung. Ich war irgendwo im Nichts. In einem leeren, dunklen Raum. Habe eine Stimme gehört.“
„Beruhige Dich, es war nur ein Traum!“.
„Ich weiß nicht“, flüstert Markus nachdenklich. „Es wir so real, irgendwo, nirgendwo …“

Zuhause

„Warte!“ Jasani hatte Mühe Kalil gerade noch so am Ärmel seiner weiten Tunika zu erwischen, bevor er endgültig losstürmen konnte. Losstürmen auf das kleine Dorf dort unten am Zusammenfluss zweier Bäche. Umgeben von einer grünen, von Bewässerungsgräben durchzogenen Oase in einer eher kargen Umgebung.
„Aber worauf denn warten?“ Kalil fuhr zu seiner Gefährtin herum und sah sie verständnislos an. „Wir sind zuhause! Nach so langer Zeit sind wir endlich wieder zuhause! Das da unten ist unsere Heimat, unser Dorf, unsere Leute! Worauf zum Abyss willst Du noch warten?“, meinte er aufgebracht und mit wild fuchtelnden Armen, mal hier und mal dorthin zeigend.
„Ja genau, wir waren lange weg, woher willst Du wissen, ob das noch unsere Leute sind dort unten?“
„Wenn da etwas feindlich gesinnt wäre, würde ich es spüren, das weißt Du. Aber ich spüre nichts. Gar nichts!“
„Gar nichts?“
„Überhaupt nichts, nein.“ Kalil runzelte die Stirn. „Warum fragst du so … ?“
„Weil gar nichts seltsam ist. Das ist alles. Es wirkt so ruhig. Zu ruhig. Findest du nicht?“
„Hmmm.“
„Na komm, lass uns gehen. Aber vorsichtig, ok?“

„Aber wie kann das sein? Wir waren doch nur knapp 120 Jahre drüben. Das dürften hier … das können doch nicht mehr als ein paar Monate gewesen sein! Das ist … Jasani! … Wie ist das denn möglich?“ Verzweifelt drehte Kalil sich um die eigene Achse.
Das kleine Dorf aus ein paar dutzend rundlichen, verspielt wirkenden Häuschen strahlte jede durchdringende Leere aus, die nur Orte ausstrahlen können, die von ihren Bewohnern aufgegeben wurden. Seit langem aufgegeben wurden. Auf den ersten Blick ist das Leben hier einfach stehen geblieben. Doch sieht man genauer hin, so sind die Zeichen kaum noch zu übersehen. Hier eine halboffene Haustür, die in ihren Angeln quietscht. Dort ein zerbrochenes Fenster oder ein herabhängender Fensterladen. Von ungezähmten Rosen, Passionsblumen, Waldreben und Winden überwachsene Zäune und Balustraden. Verwilderte Gärten und Straßen in denen der Wind sich laut und hohl anhört. Und genau so war es auch hier.
„Hier ist niemand mehr“, antwortete Jasani dumpf. „Gar niemand.“
„Ja das sehe ich!“ Aber warum? Es muss doch … ich verstehe das nicht!“ Kalils Stimme erreichte einen Punkt, der eine aufkommende Panik ankündigte.
Jasani legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich weiß es nicht“, meinte sie ruhig und ging dann auf eines der Häuser zu. Es war das Haus ihrer Eltern. Das war es gewesen, so lange sie denken konnte, was wahrhaftig lange war. Die Zeit hier in Asfalas verging anders als anderswo. Vorsichtig drückte sie die Tür auf, die in ihren Angeln quietschte, atmete den trockenen Staub, der einen Geruch mit sich brachte, wie es nur für Staub möglich war, der lange ungestört gelegen hatte. Auf dem Tischchen in der kleinen Eingangshalle stand noch eine herabgebrannte Kerze und der nun leere Wasserkrug mit den sechs Gläsern für Besucher des Hauses. Einte einzelne Träne lief Jasani über die Wange als sie einen weiteren Schritt ins innere des Hauses machte. Der runde Teppich zerfiel unter ihren Schuhen. Wie angewurzelt blieb sie einen Augenblick stehen, bis sie herum fuhr und nach draußen rannte.
„Kalil, Kalil, sie waren hier! Die Umdreher. Wir sind zu spät! Wir müssen hier weg! Schnell!“ Ohne auf seinen Widerspruch zu achten packte Jasani ihren Gefährten bei der Hand und rannte los, in die Richtung aus der sie gekommen waren. Sie hätten es fast geschafft.

Nur der Wind blies den Staub durch die Straßen. Diesen Staub mit dem eigenartigen Geruch lange aufgegebener Orte.