Seitenwind Woche 5: Verlassene Orte

Fast geräuschlos lässt sich das Törchen von der Straße auf den Hof aufdrücken. Dahinter: ein privater Dschungel. Gras, Disteln und Blumen mehr als hüfthoch, vom Dachfirst aus schimpft tuckernd ein Hausrotschwänzchen, an der Seite vom Grundstück ein Zaun, umwunden von Kletterpflanzen und durchwachsen von Gestrüpp. An der Hauswand Holundersträucher, hochgewachsen bis zur Traufe, traulich vereint mit rankendem Wein an einem Spalier aus schlanken Holzlatten. Ich habe ein Dornröschenschloss gefunden – allein ähnelt dieses kleine Bauernhaus keinem Schloss, es liegt nur still, verlassen und zugewuchert da und scheint ebenso wie im Märchen darauf zu warten, liebgewonnen und zu neuerlichem Leben erweckt zu werden.
Zögernd bahne ich mir den Weg durch das raschelnde Gras hin zur Treppe, die rauf auf die Veranda führt. Ihrer konnte die Vegetation nicht habhaft werden. Die hölzernen, ausgetretenen Stufen knarren unter meinem Gewicht, als beklagten sie sich darüber, dass ich ihren jahrzehntelangen Frieden störe.
Im Schatten der Veranda eine Bank aus groben Brettern, darunter ein Paar Schuhe, schwarzledern und für winzige Frauenfüße gemacht. Daneben die Tür. Den riesigen, alten Schlüssel dafür halte ich in der Hand.
Ich stehe davor und fühle mich genau mittelmutig. Mutig genug, um diese Tür zu öffnen und ängstlich genug, sie nicht zuzulassen. Schlucke alle Erwartung, Hoffnung, Befürchtung, Ahnung und Ahnungslosigkeit herunter. Schließe die Tür auf, mache einen kleinen Schritt auf die Schwelle, stehe da und schaue. Dann wage ich mich in das erste Zimmer. Ganz offensichtlich die Küche.
Kühle umfängt mich, dämmeriges Licht und die Sammlung alter Gerüche eines längst vergangenen Lebens. Zwei Türen gehen vom Raum ab, nacheinander öffne ich sie, neugierig und verzagt zugleich. Links ein schmales Zimmer mit blauen Wänden, rechts ein großes Zimmer mit grüngeblümten Wänden. Und was auch immer ich mir in den letzten Wochen vorgestellt haben mag – und vorgestellt habe ich mir vieles –: So hat es nicht ausgesehen.
Zwei Zimmer, eine Küche. Doch nicht nur Mauern mit einem Dach drauf, sondern ein Haus, dessen Besitzer nur mal eben weggegangen zu sein scheint.
So wenig ich bisher von dir weiß, ja so wenig ich bis vor einigen Wochen von deiner schieren Existenz wusste, so viel offenbart mir dein Haus, das du vor mehr als 30 Jahren verlassen hast. Eine alte, gebeugte Frau aus der Querstraße, die an allen Gliedmaßen krumm zu sein scheint, hatte bis vor ein paar Jahren noch den Garten bestellt. Vor ein paar Minuten hat sie mir den Schlüssel ausgehändigt, als ich mit dem Dokument des schwäbischen Notars bei ihr vorstellig wurde. Doch keine Seele hat im Haus gewohnt, niemand hat den Ofen geheizt. Auf dem Tisch steht ein Teller, liegt ein Messer. So, als wollest du dich gleich zu Tisch setzen und speisen. Die hässliche Wachstuchtischdecke ist abgerieben und in den Jahrzehnten hart geworden, die Farbe blättert ab. Auf dem Teller, als sehr frugales Mahl, ein Brocken Kalk, der vom geweißelten Deckenbalken abgefallen ist.
Die schweren Vorhänge und die Gardinen knistern und knacken, als ich sie bewege, so sehr sind sie von Spinnweben durchsetzt. Ich nehme sie ab und freue mich über das schwache Tageslicht, das durch die Kastenfenster fällt – gedämpft durch unsäglichen Schmutz und Schmier, der sich im Laufe der Jahre dort abgesetzt hat oder den die zahlreichen toten Fliegen verursacht haben, die auf den Fensterbänken und zwischen den Fensterflügeln liegen. Behutsam und mit spitzen Fingern hantiere ich an den Fensterriegeln. Das sind sie nicht gewöhnt, die Bänder quieken, knirschen und ruckeln, doch die klapperigen Fensterflügel lassen sich öffnen und ich bitte als erste Gäste Licht und Luft herein – auch wenn mich unmittelbar ein seichter Anflug von Melancholie überkommt, da ich damit ein Stück deiner Vergangenheit verwehen lasse. Licht und Wärme der Mittagssonne strömen in die Zimmer und lassen auch den Anflug melancholischer Gedanken verwehen. Im großen Zimmer über der Tür zur Küche ein leerer Nagel. Hast du deinen Jesus mitgenommen, als du gingst?
Das Drehen am Lichtschalter bringt nicht den erhofften Effekt. Natürlich nicht – welch blödsinniger Illusion bin ich denn da nur aufgesessen.
Der Abreißkalender an der Küchenwand endet am 2. Oktober 1986. Ein Freitag. Und dann? Dann hast du deine Tasche gepackt, hast die Tür abgeschlossen und bist abgereist, nach Nordwesten? Oder – und das ist ein wirklich beunruhigender Gedanke – haben sie dich abgeholt? Aber warum hätten sie das tun sollen?