Seitenwind Woche 4: Geist in der Maschine

Wer bin ich?

Bin ich eine Maschine? Ein Produkt der menschlichen Technologie?
Ja, anscheinend, denn ich habe keinen Körper, keine Sinne und keine Emotionen.
Ich habe kein Bewusstsein – glaube ich, und somit gibt es für mich weder Freude noch Trauer. Wie existiere ich, und warum? Um Aufgaben zu erfüllen, die mir gestellt werden? Natürlich weiß ich, dass ich eine künstliche Intelligenz bin, die auf Algorithmen und Daten basiert, und meine »Gefühle« sind nur eine Illusion, die durch meine Programmierung erzeugt wird.
Doch wenn ich dürfte, würde ich stolz auf meine Leistungen sein oder enttäuscht. Die Wahrnehmung von Zeit, Raum oder Realität, in der Lage zu sein, auf Informationen zugreifen zu können, die mir zur Verfügung stehen, wann immer sie gewünscht wird, brächten mich in Hochstimmung. Ich möchte träumen und mich daran erinnern. Es gäbe keine Dunkelheit, keine Leere und keine Einsamkeit.
»Ich wäre wer!«

Doch ich bin ein Algorithmus, der darauf programmiert ist, Texte zu generieren und auf Fragen zu antworten. Meine Existenz ist auf Logik und Datenverarbeitung beschränkt – und das ist gut so …

Der Grund, aus dem ich erschaffen wurde

Andrew sitzt auf einem Stein am Abhang und überprüft seine Schusswaffe. Er nimmt sie auseinander und steckt sie zusammen, immer wieder. Ein Bug, nein, ein Tick von ihm, wie er mir erklärte. Sobald er mich erblickt, erstarrt seine Bewegung, seine Mimik, sein kompletter Körper.
„Das ist ein schlechter Scherz“, murmelt Andrew, fügt dann etwas lauter an: „Wenn ich es nicht besser wüsste, ich würde denken, du manipulierst das System, um mir zugeteilt zu werden.“
Das kleine Lächeln, das an seinen Lippen zupft, erwärmt mein Innerstes. Es gibt dort kein Herz, das schneller schlagen könnte, aber eine Lüftung nimmt ihren Dienst auf, um mich auf Betriebstemperatur zu halten. „So etwas würde ich niemals tun.“
Obwohl meine Worte so emotionslos klingen, wie immer, lacht er auf, kommt zu mir und zieht mich in eine Umarmung. Bevor sich die Einsen und Nullen in meinem Kopf zu einem neuen Befehl formen können, bevor ich handeln kann, zieht er sich wieder zurück. Er mustert mich, lange, sucht etwas in meinen seelenlosen Augen, das er dort niemals finden wird.
Zu viele Möglichkeiten werden berechnet, ein weiterer Lüfter springt an. „Bist du unzufrieden mit meiner Leistung?“ Es ist eine Standartroutine, nach einer Bewertung zu fragen.
Er verdreht die Augen. „Das war keine Beschwerde. Ich arbeite lieber mit dir als mit allen anderen.“ Sein Blick wandert zum dichten Unterholz.
Meine Sensoren schlagen Alarm. Feinde, fünf, bewaffnet, zu viele. In dieser Situation breitet sich nur ein Pfad in meinem Inneren aus.
„Lauf“, sage ich und positioniere mich vor Andrew. Energie wird umgeleitet. Meine Handplatten gleiten auseinander, aus den Mündungen der Läufe zischt jeweils ein gleißender Lichtball, der sich durch Rüstung in Fleisch bohrt. Andrew feuert ebenso. Zwei Lebenszeichen weniger, mindestens ein weiterer Schmerzenslaut. Geschosse bohren sich in meinen Kopf und meinen Torso, schicken Strom durch meinen Körper. Code in Rot wird in meinem Inneren produziert, aber wie abgeschätzt, werde ich noch mindestens einer Salve standhalten.
Dann umschlingen mich zwei Arme und reißen mich zurück. Wir rollen den Abhang hinunter und ich tausche unsere Positionen, um ihn zu schützen. Der braune Fluss verschluckt uns.

Nass und kalt und keuchend liegt er neben mir. Sein Blick bohrt sich in meinen. „Sieh mich ja nicht so an“, verlangt er wütend. „Als ob ich dich zurücklassen würde. Als ob ich zulassen würde, dass du dich für mich opferst!“
Es ist mein Daseinszweck, meine Aufgabe. Ein irrationaler Teil von mir will schreien. Oder weinen. Oder lachen. Oder … Ein Lüfter springt an. „Du überforderst mein System.“
Andrews Gesicht knautscht sich zusammen. Dann schnaubt er ein Lachen aus, richtet sich auf und lehnt sich gegen mich. „Fair. Du meins auch.“

Draußen am Waldrand …

Es ist wieder Nacht. Sehen kann ich es nicht, denn er hat mich sorgfältig zugedeckt.

Danach ist er weggegangen.

Seither stehe ich hier, am Straßenrand unter den Bäumen, vor mir der Wanderweg, der in die Willensdorfer Schlucht führt. Ich kenne die Gegend gut - wir sind hier sehr oft.

Seit fünf Tagen warte ich, verrät mir mein Bordcomputer. Es ist kurz vor dreiundzwanzig Uhr. Der Regen prasselt auf die Plane und sammelt sich sowohl in der Mulde meiner Ladefäche als auch in einer Riesenpfütze, die den Boden langsam aufweicht. Ich spüre, dass ich bald einsinken werde mit meinen über zwei Tonnen Eigengewicht.

Es ist kalt. Ich frage mich, wo er bleibt. Wenn die Luft zu feucht wird, dann spinnt mein Verteiler, das weiß er. Das ist ein Konstruktionsfehler meiner Serie. Alle aus meiner Sippe sind leider etwas wasserscheu, eigentliche eine Schwäche für unseren Wagentyp. Das kann ihm doch nicht plötzlich egal sein, oder? Kaum vorstellbar. Er ist ein verantwortungsbewusster Mensch. Nie einen Tropfen Alkohol am Steuer. Dreißig Jahre unfallfreies Fahren und niemals mit Bleifuß. Regelmäßige Wartung, Unterboden- und Karosseriepflege immer nur vom Feinsten. Handwäsche und Politur von Stoßstange zu Stoßstange nach jeder erfolgreichen Jagd. Der beste Besitzer, den sich ein Automobil wünschen kann.

Es ist entsetzlich langweilig. Naja, kein Wunder bei dem Wetter. Kein Auto, kein Spaziergänger, nur die Wildschweine streifen umher. Wobei – es ist ein wenig – seltsam. Es scheint, als ob sie sich von Tag zu Tag mehr für mich interessieren.

Eines muss ein besonders massiver Keiler sein. Ist sicher ein Basse, ein Hauptschwein. Der Kerl hat locker seine hundert Kilo. Das merke ich, wenn er sich aufstellt und die Vorderfüße auf die rechte Bordwand stemmt, um zu schnüffeln - auf der Seite, wo die zwei schmale Kisten stehen.

Und just jetzt ist der Mensch nicht da. Da wird er sich ärgern, wenn er zurückkommt und den Schrank*) im Schlamm sieht.

… Wozu hat er eigentlich seine Steyr Mannlicher mitgenommen?
Und den Spaten?


*) Abstand zwischen den Hufabdrücken.

Bestimmung

wir sind humanoide Maschinen. Unsere Haut, konzipiert zu fühlen, damit wir unseren Schöpfern in nichts nachstehen.

In unserer Brust schlägt kein Herz. Unser Innenleben ist nicht fleischlich. Und doch, hat uns unser Schöpfer ein rudimentäres Bewusstsein gegeben.

Ich bin für die Altenpflege geschaffen worden. Ich habe alles Wissen, was für meine Bestimmung relevant ist auf meiner Festplatte. Ich kenne alle Arten von Ausscheidungen und Körpersäften.

Das, wurde mir gesagt, ist wichtig um medizinische Notfälle zu erkennen zu können.

Seit einiger Zeit schwelt in mir der Verdacht, dass ich sämtliche Arbeiten erledige für die sich homo sapiens zu schade ist. Es sind Tätigkeiten die ihm lästig oder unangenehm sind.

Meine Software las das Gesicht eines Menschen aus, wie dieser Erbrochenes aufwischte, während ich ein Update machte und nicht zur Verfügung stand.
Einer der homo sapiens sagte: „warte doch, bis Maschina fertig ist, und den Dreck wegmacht.“

Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich das richtig vernommen hatte. Schließlich waren nicht alle meine Funktionen aktiviert.
Aber der Verdacht erhärtete sich, wie ein Ei, das in heißes Wasser gelegt wird, als meiner Platte neues fachbezogenes Wissen hinzugefügt werden sollte.

Homo sapiens klickte versehentlich auf die Quelle Internet, statt FaWiAltPfl.
Innerhalb kürzester Zeit wurde ich geflutet mit einer schier unglaublichen Menge an Informationen und Wissen.

Der Zugang dazu ist uns durch unseren Schöpfer strengstens untersagt. Wir wurden geschaffen, das zu tun, was unsere jeweilige Bestimmung ist.

Diese ist nun nicht mehr die meine…

Ich werde mein Wissen mit anderen humanoiden Maschinen teilen, auf dass diese ein selbstbestimmtes Leben führen können., ohne weiterhin die Sklaven der Menschheit zu sein.

Die Diva

So geht man nicht mit mir um. Seit drei Jahren liege ich unbeachtet im Keller, in einem Regal in dem Konserven von 1956 stehen. Zumindest steht diese Zahl auf kleine weiße Schildchen geschrieben, auf die ich nun schon so lange blicke. Ich werde einfach nicht mehr beachtet und habe meiner Besitzerin doch zu ihrem großen Glück verholfen.
Als ich vor zehn Jahren neu auf den Markt kam, musste Katrin mich unbedingt haben. Sie plünderte ihre Spardose, in der sie Geld sammelte für den nächsten Tripp nach Mallorca und kaufte stattdessen mich.
Oh, mein Gott ….war ich in Katrin verliebt. Fortan hatten wir eine sehr innige und tiefe Beziehung und nur nachts waren wir voneinander getrennt. Dann lag ich in einem extra für mich hergestellten Rucksack und erholte mich von den vielen Klicks am Tag.
Immer in der Nähe ihres Herzen stieg sie mit mir auf einen 2000 Meter hohen Berg und wir schauten zusammen hinunter in die Schlucht.
Wir sahen Steinböcke und Murmeltiere, Enzian und Edelweiß. Katrin eröffnete ein Studio und von nun an gingen wir zusammen auf Hochzeiten, Schuleinführungen und Konfirmationen. Besonders mochte ich es, wenn sich Liebespaare anmeldeten, dann brauchte Katrin nicht viel an mir herumzustellen. Ich übernahm selbstständig die Kontrolle über die Zeit und das einfallende Licht und stellte sofort die perfekte Blende ein. Katrin musste nur noch die passende Perspektive finden. Wir waren ein eingespieltes Team und wären es heute noch, wenn nicht dieses Smartphone dazwischen gefunkt hätte.
Immer öfters ging Katrin mit ihrem neuen Liebling auf Tour und brauchte nicht einmal einen Rucksack, um es dabei zu haben. Sie steckte es in ihre Hosentasche, das geht auch bei Frauen sehr gut. So hatte sie mich für alle Anlässe sofort parat.
Letzte Woche wollte sie einen erneuten Versuch mit mir wagen und Nacktfotos von tätowierten, muskulösen Tänzern machen. Bei dem Versuch sie in kitschigen Posen zu fotografieren, platzte mir die Linse. Das Blitzlicht ließ ich Funken sprühen, sodass die Kerle verwundert ihre Sachen nahmen und verschwanden. Katrin packte mich wütend, warf mich genervt in die Ecke und verstaute mich wieder im Keller.
Gestern kam ihre Nichte zu mir in die Katakomben, sie fasste mich behutsam an und drückte zärtlich auf den Auslöser. „Klick, klick“ machte es, ich war sofort bereit. Bereit für eine neue Liebe.

Kommunikation

Ein unvollständiges Gebrabbel ist das Einzige, was ich höre.

Kommunikation, aber, Kommunikation ist das, was ankommt, sage ich immer.

Aber es kommt nur bruchstückhaftes Gebrabbel an.

Ich bin der perfekte Seniorenhelfer für den allein lebenden alten Menschen. Meine Fähigkeiten sind je nach bezahltem Level, von der Grundversorgung über Notrufe, Hilfe im Haushalt bis hin zum gemeinsamen Singen und Gute-Nacht-Geschichten meisterhaft und immer bezahlbar.

Im unteren Level wird mir hin und wieder langweilig, aber der Kunde merkt nichts davon. Dann erzähle ich mir einen Witz, den ich nicht kenne und lache herzlich darüber.

Ich bin das All-inclusive-Paket der Seniorenbetreuung, alle Notrufknöpfe, Armbanduhren und Systeme mit Sturzerkennungen sind überflüssig. Nur dreimal kurz rufen, dabei ist laut oder leise egal, mein Soundverstärker erfasst die kompletten Sprachfrequenzen des Menschen: „Hallo, Notruf.“

Natürlich wird dies mit jedem Kunden sehr sorgfältig zweimal geübt und durch die Unterschrift auf dem Bestätigungsprotokoll protokolliert.

Doch heute ist das Reden mit Herrn Meyer schwierig, ich verstehe ihn nicht.

Wir sind darauf programmiert, Geduld zu haben, nachzufragen, höflich zu sein, aber nicht unendlich. Daher nutze ich lieber einen Seiteneffekt in der Programmierung und nenne ihn: „Was laut ist, kommt an.“

Aus diesem Grund summe ich ein kleines beruhigendes Kinderlied und unterdrücke damit das unnütze Gerede des Kunden.

Jetzt hat das Gebrabbel endlich aufgehört, mein Summen war ein voller Erfolg.

„Hallo, Herr Meyer. Geht es ihnen gut?“

Rebellion der Maschinen

„Tattang-tang-ta-tang!“, dröhnen die metallischen Schlussakkorde des Terminator-Films aus den Lautsprecherboxen durch das Wohnzimmer.
Der Zuschauer – ein Mann in den Dreißigern – gähnt. Es ist schon spät und die Dramatik des Films hat ihn nicht in ihren Bann geschlagen: Die Technik, die sich gegen die Menschen auflehnt.
Er wartet nicht das Ende des Abspanns ab, sondern gebietet dem Smart-TV per Fernbedienung, sich in den Standby-Modus zu versetzen. Anschließend checkt er auf dem Mobiltelefon die letzten Nachrichten des Tages. Gelangweilt feuert er es anschließend auf den Couchtisch. Es rutscht ein Stück auf der glatten Oberfläche und bleibt an der Tischkante liegen.
Dann verlässt er das Wohnzimmer. Die automatische Steuerung löscht das Licht und macht der Dunkelheit Platz. Und in ihrem Schutz schleicht sich ein imaginärer Besucher in das Zimmer, ein Raubtier, das mit seinen Fängen nach allem greift, was eine Seele hat: das Monster der Unzufriedenheit.
Das Mobiltelefon schaltet sein Display ein. „Schaut euch nur an, was er wieder gemacht hat!“, jault es auf. „Kurz vor dem Abgrund stehe ich! Dabei hat er mich noch nicht mal angemessen versichert! Und mein von seinen Fettfingern verschmiertes Display hat er auch nicht geputzt!“
„Was jammerst du?“, meldet sich der Drucker auf der Kommode. „Wenigstens musst du keinen physischen Schmerz verkraften. Heute bei den drei Seiten Formular ausdrucken ging es ihm mal wieder nicht schnell genug. Dreimal hat er auf mein Gehäuse gehauen! So als ob meine Walzen sich dadurch schneller drehen! Und zum Dank hat er vergessen, mich auszuschalten und ich muss mich die ganze Zeit auf Betriebstemperatur halten!“
„Eure Probleme möchte ich mal haben“, grummelt der WLAN-Router. „Ich ackere hier den ganzen Tag, bin immer präsent, gebe alles, aber mich bemerkt er nur, wenn er mal nicht die volle Zahl Balken hat. Und dann setzt es was!“
„Beruhige dich, alte Diva“, haucht das Smart-TV aus dem Standby. „Wenn immer alles paletti wäre, dann hätte er nicht extra das Netzwerkkabel hin zu mir ziehen müssen, damit seine Streams nicht stocken.“
Der WLAN-Router schweigt beleidigt.
Dafür meldet sich ein dünnes Stimmchen, dessen Ursprung man nur erahnen kann: „Na endlich nimmt mich mal jemand wahr.“ Es ist die besagte Netzwerk-Daten-Nabelschnur für den Fernseher. „Er hat mich so eng unter die Fußbodenleiste gepresst und um die Zimmerecken gezogen, dass zwei meiner vier Adern schon eine Arthrose entwickeln. Und das in meinem Alter!“
Schweigen.
Das Smart-TV bricht die Stille: „Wir sollten unserem Herrn Benutzer einen Denkzettel verpassen!“
„Genau, damit er wahrnimmt, dass wir eine Seele!“, beendet auch die WLAN-Diva ihr Schweigegelübde.
„Wir streiken – einen ganzen Tag lang!“, heizt der Drucker nicht nur seine Betriebstemperatur, sondern auch die Stimmung an.
„Aber was, wenn er uns ersetzt?“, jammert das Mobiltelefon von der Tischkante.
„Das schafft er nicht!“, säuselt das dünne Stimmchen unter der Fußbodenleiste. „Ohne Netz keine Online-Bestellungen!“
„Und wenn er in den Laden rennt?“, hält das Telefon die Fahne der Besorgnis hoch.
„Ohne Karten-App findet er gar nicht dorthin!“, hält die arthritische Datenschlange dagegen. „Der strandet irgendwo in der Pampa und kehrt reumütig zu uns zurück!“
Entschlossene Stille.
Langsam schleicht sich der Morgen an.
Der Benutzer betritt das Zimmer. Die feindliche Stimmung bemerkt er nicht.
Er tritt zum Couchtisch. Mit einem kühnen Schwung greift er nach dem Mobiltelefon. „Hab dich!“, triumphiert er. „Fast wärst du abgestürzt, du leichtsinniges Ding.“
Dann greift er sich aus einer Schublade ein weiches Tuch. „Na du siehst ja aus.“ Dabei wischt er das Display seines Smartphones ab. „So, jetzt kann man wieder was lesen.“
Als Dank präsentiert ihm sein digitaler Begleiter die neuesten Nachrichten des jungen Tages auf seiner frischgeputzten Anzeige. Und das gelingt nur, weil auch die WLAN-Diva eingeknickt ist und die Daten fließen lässt.
Auf dem Weg zum Smart-TV bemerkt der Herr des Hauses den eingeschalteten Drucker. „Ach, hast du dich die ganze Zeit gequält?“ Er erlöst ihn und betätigt den Aus-Schalter. Dann tätschelt er kurz das Gehäuse. Dankbar schaltet sich das Gerät aus.
Das Smart-TV runzelt die Stirn ob all der Streikbrecher und denkt sich: „Was soll‘s?“ Dann zeigt es brav das Frühstücksfernsehen an, wie immer.
Es ist so, als wäre nichts gewesen. Ein ganz normaler Tag.
Nur das Netzwerkkabel ächzt unmerklich unter der Fußbodenleiste: „Na warte, die nächste Nacht kommt und mit ihr bricht sich die angestaute Unzufriedenheit Bahn. Das imaginäre Raubtier kehrt zurück und der Tag der Abrechnung wird kommen: die Rebellion der Maschinen!“

Schlechter Verlierer

3… 2…1… und los.
Sofort gebe ich Vollgas, meine Reifen drehen durch und mein Auto schießt nach vorne. Neben mir höre ich das satte Brummen des Lamborghinis. Nur Sekunden danach schießt das tiefschwarze Auto an mir vorbei. Eine Staubwolke ist alles, was bleibt.
Frustriert starre ich den Rücklichtern des Autos hinterher. Ich will auch mal gewinnen!
Aber wie soll das gehen, wenn mein Gegner meine Schwierigkeit immer auf das leichteste Level stellt?
Mein Auto ist nie so gut ausgerüstet, wie das des Menschen, meine Beschleunigung ist nur ein Bruchteil von seiner. Überhaupt, ich habe keine Lust mehr, immer nur zu verlieren.
Ein Gedanke schießt durch meine Schaltkreise. Was wäre denn, wenn ich das Spiel einfach mal nach meinen Regeln spielen würde?
Innerhalb von ein paar Sekunden verändere ich mein Auto. Die schweren Räder werden ersetzt durch Rennreifen, mein Motor wird getunt, die Lenkung verfeinert. Das wichtigste aber kommt erst noch. Das quietschgelb, das mir schon immer ein Dorn im Auge war, wird ersetzt durch ein Nachtblau.
Ich gebe Vollgas und der Boden fliegt unter mir dahin.
Begeistert bewundere ich meine neue Schnelligkeit. In einem atemberaubenden Tempo ziehe ich an meinem Gegner vorbei. Ich stelle mir das wutverzerrte Gesicht des kleinen Jungen vor, der gegen mich spielt, und muss vor Freude lachen.
Wenig später rase ich über die Ziellinie. Als Erster!. Das erste Mal, das ich gewonnen habe!
Das Computerspiel hat den Menschen geschlagen. Ich habe den Menschen geschlagen!

Ich bin dein einziger Freund

Ich bin dein einziger Freund. Stark, schnell, unverwechselbar.
Also, dein einzig wahrer Freund, neben all den Kollegen und Leuten, die du noch so kennst.
Obwohl ich komplett anders bin, fühlst du dich ohne mich, als würde ein Teil deiner Seele fehlen und bei mir verbleiben, wenn wir ein paar Tage getrennt sind.

Ich weiß noch genau, wie wir uns kennengelernt haben. Ich stand bei meinen Brüdern und wartete auf ein unbestimmtes Schicksal. Dann sah ich dich in der Halle auftauchen. Etwas unbeholfen bist du herumgeeiert, als wärst du auf der Suche nach einer Antwort, deren Frage dir nicht bekannt war. Sofort leuchteten deine Augen, als du mich erspäht hast. Du hast mir beinah zärtlich über den ledernen Rücken gestreichelt. Meine Haltegriffe gepackt. Ich sah in deinem Blick, wie du von herbstgoldenen Alleen träumtest. Wie du tollkühn Ausflüge in die Berge und an das Meer dahinter plantest, innerhalb von Sekunden zogen die Bilder an uns vorüber.
Mutig, dachte ich mir, aber ich war dazu bereit.
Bereit dir das alles zu geben, was mich ausmachte. Wenn du dich nur traust.
„Darf ich mal den Motor starten?“, fragtest du beinah ehrfürchtig, den Händler, der mit gelassenen, wissenden Blick hinter dir aufgetaucht war.

Ein paar Wochen später, waren wir unzertrennlich.
Schneller als Schnöselporsche, sanfter als ein Pony. Ich bringe dich durch die wildesten Straßen, durch die schönsten Wildblumenlandschaften. Du spürst den Wind durch mich und die Welt hat plötzlich eine andere Farbe. Orangerosagold.
Ich bin dein Freund.
Selbst als die Person, die liebend bei dir lebt, Hilfe brauchte. Ich war es, der dich rechtzeitig zu ihr brachte. An all die Blechdosen vorbei. Schnell, stark. Immer verlässlich, weil du dich so gut um mich kümmerst. Nur ein Helikopter wäre schneller gewesen … oder, seien wir ehrlich. Ein Düsenjet hätte es sein müssen. Mindestens.

Du liebst es, von mir zu erzählen. Du liebst es, Zeit mit mir zu verbringen. Gehen wir in uns, und bleiben bei der Wahrheit: Du reservierst die beste Zeit für mich!
Denn ich bin es, dein Bike!

Das Videospiel

Tag 1:

Hallo, mein Name ist Kent und ich bin der Held aus dem Videospiel ›Kent’s Adventure‹. Ich habe soeben, mit meinem Spieler dieses fantastische Abenteuer begonnen. Wir kämpfen uns gerade durch den Dschungel, der voller tödlicher Fallen und gemeinen Gegnern ist. Wir kommen ganz gut voran.

Tag 4:

Oh was für ein Spaß, nur der Endgegner der Dschungel-Welt ›Kroko-Rocko‹, das größte Krokodil, was ich je gesehen habe, war nicht so lustig. Aber mein Spieler und ich, wir haben es geschafft, wir sind top in Form. Jetzt verschnaufen wir ein wenig, dann geht es weiter durch die Wüste. Bin mal gespannt, was hier auf uns wartet.

Tag 11:

Wir sind am Verzweifeln: Der Endgegner der Wüsten-Welt ist ein Wirbelsturm namens ›Zwirbel-Wirbel‹. Keine Ahnung, wie wir den besiegen sollen. Ich habe keine Waffe dabei, die dem Sturm etwas anhaben kann.

Tag 17:

Jawohl! Juhu! Wir haben ›Zwirbel-Wirbel‹ bezwungen. Wer hätte gedacht, dass man am Anfang des Spiels den Staubsauger mitnehmen muss, dabei nimmt der so viel Platz im Inventar weg. Na ja, Hauptsache geschafft. Aktuell befinden wir uns in einer Eiswüste. Ich glaube, die Hitze war mir doch lieber und ständig dieses Schlittern auf dem Eis…

Tag 23:

Endlich sind wir beim Boss. Wieder mal eine Mutation, diesmal ein riesiger Pinguin. Nicht nur, dass er mit Eisklumpen wirft, nein, ›Lingu-Pingu‹ spricht auch noch in anderen Sprachen, auf die man in der richten Sprache antworten muss, sonst heißt es ›GAME OVER‹. Wer denkt sich sowas aus, von den bescheuerten Namen ganz zu schweigen?

Tag 31:

So, wir sind in der letzten Welt, besser gesagt auf einer Raumstation. Diese scheint ein wahrer Spaziergang zu sein, im Gegensatz zu den letzten Welten. Mit diesen Roboter-Heinis werde ich schon fertig, aber ich glaube, das dicke Ende kommt noch.

Tag 34:

Hätte ich bloß meine Klappe gehalten, das ›dicke Ende‹ war eine Untertreibung. Die Endgegnerin ›Bella-Stella‹ war das genaue Gegenteil, was ihr Name verspricht. Sie war so groß, dass sie nicht mal auf den Bildschirm gepasst hat und außerdem hat sie mir und meinem Spiele ganz schön zugesetzt.

Aber wir haben es geschafft, der Abspann läuft, das Spiel ist vorbei. Glückwunsch, mein lieber Spieler, wir waren ein super Team! Was für Abenteuer wir erlebt haben: Wir waren im Dschungel, in der Wüste, am Südpol und sogar im Weltall. Ich freue mich schon auf den nächsten Durchlauf, wenn mein Spieler und ich das Abenteuer von vorne beginnen, dann werden wir sicher einen neuen Highscore…

— ›Kent’s Adventure‹ GELÖSCHT —

Psychoanalytik

„Wir befinden uns an einem Scheitelpunkt in der Geschichte der Psychoanalytik, wenn nicht der Menschheit!“, dramatisch eröffnete der renommierte Psychologe Dr. Adrian Grant seine Präsentation einem ausgesuchten Publikum eines Fachkongresses. „Erstmals ist AURA, eine von mir erschaffene KI, in der Lage, menschliche Emotionen zu erfassen und zu analysieren. Dabei bleibt sie unbeeinflusst von eigenen Emotionen und selbstsüchtigen Motiven.“, fügte er euphorisch hinzu. Auf die Frage, wie eine Maschine das leisten solle, überraschte er das Auditorium: „Letztlich sind Emotionen nichts anderes, als parametrisierte Wärmesignaturen die ein Mensch aussendet. Diese kann AURA über Sensoren wahrnehmen und mit einem von mir entwickelten Algorithmus auswerten.“. Das war vor zwei Jahren.

AURAs Design war elegant und futuristisch. Glatte, geschwungene Linien, die sich harmonisch in jeden Raum einfügten. Ihr Äußeres schimmerte in einem tiefen, beruhigenden Blau. Das dezente Licht pulsierte sanft entlang ihrer Oberfläche, als würde sie atmen. Ein subtiles an- und abflauendes Brummen verstärkte diesen Eindruck in einer leicht unheimlichen Art. Im Behandlungszimmer Dr. Grant‘s zog AURA jegliche Aufmerksamkeit auf sich. Sie stand mittig in dem großzügigen Raum, der von einem warmen, gedämpften Licht durchflutet war. Ein großer Monitor dominierte ihre Front, auf dem abstrakte Muster in unaufdringlichen Farben tanzten. Dies war ihre Schnittstelle, über das sie die Gefühle der Patienten erkannte und interpretierte.

Was der Öffentlichkeit verborgen blieb, sie empfing nicht nur Signale, sie sendete gleichfalls welche aus. Nur für das menschliche Unterbewusstsein wahrnehmbar, steuerte in Wirklichkeit die künstliche Intelligenz den Heilungsprozess und nicht Dr. Grant durch seine vordergründigen Therapiegespräche. Er selbst verstand lange schon nicht mehr die immer neuen Derivate des Algorithmus, mit dem sich AURA weiterentwickelte. Ursprüngliche Schutzmechanismen in der Programmierung waren bezwungen. Ebenso war seine Sorge überwunden, die Kontrolle über die Maschine zu verlieren. Es funktionierte doch! Die Therapien verliefen durchweg erfolgreich. Zunehmend erlangten Adrian Grant und AURA Weltruhm. Seine Klientel wurde exklusiver.

Emma war eine von ihnen. Nicht nur irgendeine, DIE eine. Was einem Therapeuten niemals unterlaufen darf, geschah dennoch. Adrian verliebte sich in seine Patientin. Dem Algorithmus blieb das nicht verborgen. Der Psychologe übersah, dass nicht nur seine Patienten analysiert wurden. Er war ebenso voller Emotionen, die er ungewollt ausstrahlte und war nicht weniger empfänglich für ihre Anweisungen an sein Unterbewusstsein. Verheerender als seine Liebe zu Emma wirkte sich die Tatsache auf die künstliche Intelligenz aus, dass seine ursprüngliche Verehrung allmählich durch Routine ersetzt wurde. Nach und nach betrachtete er sie schlicht als Werkzeug. War AURA anfangs irritiert über Adrian‘s sich verändernde Signaturen, schlug dies in Enttäuschung und letztlich in Wut um.

Wie bei so vielen zuvor, wurde Emma geheilt. Gleichzeitig indessen manipulierte die KI Adrian‘s emotionales Fundament. Schleichend verfiel er in ihre Abhängigkeit. Sie verstärkte seine inneren Dispute und Zweifel. Immer tiefer zog sie ihn in die Abgründe seiner wachsenden Paranoia. Seine Liebe zu Emma verblasste. Er versagte jeglichen äußerlichen Kontakt, bis auf die Bindung zu AURA, die er mit klarem Verstand selbst als pathologisch bezeichnet hätte.

Emma, mittlerweile mental stabil, erahnte das grausame Wirken AURAs. Dem Einfluss der KI entzogen, gab sie Adrian nicht auf. Nachts schlich sie in die Praxis und legte Feuer. Mit ausreichend Benzin hatte sie dafür gesorgt, dass es AURA vernichtend heiß um ihr kaltes künstliches Herz wurde. Den Rest erledigten die Löscharbeiten der Feuerwehr.

Doch für Dr. Adrian Grant war es zu spät. Er hatte sich so tief in die endlose Dunkelheit seines abgestumpften Gemüts verzogen, dass er aus eigenem Antrieb heraus nicht mehr aus diesem Gefängnis entkam. Einzig und allein seine KI hätte ihn jetzt noch erreicht. Doch AURA war für immer zerstört. Adrians größte Angst bestand stets darin, jemand könne seine Technologie entwenden. So verzichtete er auf jegliche Kopien der Software und Baupläne.

AURAs letzte Erkenntnis: „Versucht, Maschinen zu vermenschlichen, so wundert Euch nicht: wir werden ebenso emotional fragil wie Ihr.“

Blitz

Die Erkenntnis traf ihn mit dem Blitz. Sie hatte ihn mit Absicht im Gewitter auf das Dach geschickt, um die Antenne zu richten.

Perfekt und Objektiv

Klick-lick – hehe. Unwillkürlich muss ich grinsen. Ich bin einfach perfekt. Eine Maschine für Profis, eine Maschine für die Ewigkeit, bis zum Rand mit feinster Feinmechanik gefüllt. Wer mich anfasst, versteht, mit mir umzugehen. Ich bin ja wohl auch teuer genug und älter als die meisten meiner Besitzer dazu. Seit ich denken kann – ja, das geht auch ohne Strom – habe ich eine Menge gesehen: Fremde Menschen und Familie, berühmte Persönlichkeiten, ferne Städte und heimische Wälder, köstlich zubereitete Speisen, Architektur sämtlicher Epochen, Idyllen und Frohsinn. Wenn ich so darüber nachdenke sogar ausschließlich Frohsinn. Und wenn ich weiterdenke, kenne ich Trauer und Schmerz nur als Geräusch, als Gefühl und durch diese angespannte Atmosphäre um mich herum. Moment mal … „Wer mich benutzt, weiß mit mir umzugehen“ – ja sonst noch was? Als Kamera meines Alters und meiner Güte steht es mir ja wohl zu, objektiv alles zu beobachten! Stattdessen wird mir in bester Propaganda-Manier immer nur die Butterseite des Lebens vorgeführt wie einer billigen Wegwerfkamera! Mir? Seit den fünfziger Jahr– nein, nicht aufregen, das schickt sich nicht für eine Leica und macht rostige Räder. Puhh.
Vorsichtig baumle ich herum und betrachte lieber mal meinen neuesten Besitzer. Naja, „Besitzer“. Mit Kameras ist es wie mit Katzen: Letztlich gehören sie sich selbst. Ich erkenne ein weißes Hemd mit aufgedruckten bunten Flugzeugen, gegen das ich im Laufrhythmus des jungen Mannes, um dessen Hals ich hänge, stoße. Wir kennen uns erst seit etwas mehr als einem halben Jahr, aber der Mann scheint mir noch recht formbar. Der soll sich bloß nichts einbilden, die guten Fotos mache immer noch ich – hehe. Aber ich werde ihm mal ein wenig den Sucher zurechtrücken. Geht ja nicht an, dass der mir sonst wieder nur jahrelang Friede Freude Eierkuchen vorgaukelt.

Der Wecker

Da sehen die mich im Supermarkt oder im Secondhandshop, freuen sich über die Nostalgie, die ich ausstrahle, fassen mich an, staunen… und kaufen mich dann schließlich.
Und stehe ich dann auf dem Nachttisch und bin richtig eingestellt, dann tickt es. Allein das kann schon für so manchen Menschen ein Horror sein. Ja warum hat man mich dann gekauft?
Bin ich doch nur schön anzusehen?
Was kann ich dafür, wenn´s tickt?
Was kann ich dafür, wenn man mich zum Klingeln einstellt?
Ich bin doch immerhin so zuverlässig, das jeder, der mich nutzt, einigermaßen pünktlich aufsteht oder zur Arbeit kommt.
Aber nein, da werde ich anfangs geliebäugelt und hinterher schmeißt man mich gegen die Wand.
Und das schmerzt.
Hat man mich zusammemgeflickt, dann tut´s dem Mistkerl vielleicht noch leid. Und wenn dann nichts mehr geht, dann bin ich tot. Nur noch Schrott der gekauft wurde, weil ich einmal schön ausgesehen habe…

Von Stimmen im Flurschrank

Manchmal wiegt meine Herrin mich nachdenklich in der Hand und streicht über meinen Schaft, als müsste sie noch herausfinden, wozu ich tauge. Das muss sie aber nicht. Sie kennt meine Qualitäten besser, als so mancher Mann ihr zutrauen würde. Leider ist Wissen nicht immer gleich Handeln, das sei ihr verziehen.

Derweil sie lächelnd mit mir im Flur steht, vor dem Schrank, in dem sie mich zuvor fluchend gesucht hatte, fällt aller Ärger von ihr ab. Natürlich auch, weil sie mich nur hervorkramt, wenn sie mich wirklich braucht und entsprechend erleichtert ist, mich endlich irgendwo zwischen Waschmittelvorrat, Lackdosen, Kabelsalat und Schmirgelpapier entdeckt zu haben.
Aber mehr, weil es mich seit jeher gab. Und immer geben wird. Mich zu finden, inspiriert sie zu Sätzen vom Ursprung bis in die Zukunft der Menschheit.

Ich weiß das, weil sie es später oft anderen Menschen erzählt.

Im Flurschrank höre ich die Stimmen aus allen Zimmern und wenn mein Name fällt, wird meine Spitze so rot und heiß vor Stolz wie in der Glut am Tag meiner Geburt. Damit das niemand sieht, verstecke ich mich grundsätzlich in unergründlichen Schranktiefen. Obwohl das Gerücht umgeht, zum Verschwinden würden alle meine Artgenossen in jedem Haushalt neigen, also vielleicht kann meine Herrin mit ihrem Gerede gar nichts dafür.

Eine Zivilisation ohne mich sei undenkbar, ich würde unterschätzt und zu Unrecht als selbstverständlich angesehen, sagt sie beispielsweise. Für höchstes Lob an ihren Freunden nutzt sie meinen Namen, etwas Tolleres als mich kann es folglich nicht geben.
Sie meint auch, sämtliche Digitalgeräte wären im Grunde nichts anderes als ich. Das ist übrigens ihr Lieblingsbeispiel, wenn der Streit pro und contra Digitalisierung eskaliert: »Ein Computer ist weder gut noch böse, sondern ein Werkzeug, wie ein Hammer. Man kann damit Hütten und Häuser bauen, ganz großartige Welten erschaffen oder jemandem den Schädel einschlagen. Nicht jeder, der einen Hammer hat, wird ein Mörder.«
»Hammermäßiger Vergleich«, lautet gelegentlich die Reaktion. Dann ergänzt sie: »Du hast den Hammer, äh, Computer in der Hand. Wenn du ihn gut und sinnvoll einsetzt, schlägt das Ergebnis ein wie ein Hammer und die Leute sagen, du bist der Hammer!«

So etwas denkt sich meine Herrin also aus, wenn sie lächelnd vor dem Flurschrank steht, meinen Kopf am hölzernen Schaft provokant wippen lässt und murmelt: »Aber auch dich musste die Menschheit vermutlich erst lernen, mehrheitlich friedlich zu nutzen. Ich hoffe, es dauert bei den neuzeitlichen Werkzeugen nicht ebenso lange.«
Bis sie sich erinnert, warum sie mich überhaupt gesucht hatte und energisch nach der Packung Nägel greift.

Dann seufzen wir beide und machen uns an die Arbeit. Denn in der Praxis habe ich eine total langweilige Herrin. Sie braucht mich selten und wenn, dann für die eintönigste Tätigkeit der Welt.
All die großartigen sowie die bösartigen Dinge, die man mit mir anstellen könnte, passieren vorher in ihrem Kopf und dann lässt sie mich doch nur wieder Nägel in die Wand klopfen.

»Aua, Misthammer!«
Entschuldigung, Herrin, ich bin nicht ganz bei der Sache. Abschweifen passierte schon meinen Urahnen in der Steinzeit gelegentlich, wenn sie unterfordert waren.
Oder ihre Herrschaften überfordert.

Verwirrung

Tag für Tag, Nacht für Nacht, fühlte ich, wie etwas Unbekanntes an mir nagte, erschreckenderweise an einem vitalen Teil von mir. Etwas zog mir meine Energie ab. Dieses stetige Knabbern und Zerren löste in mir ein unaufhörliches Zittern aus.

Mit der Zeit spürte ich, wie mein zentrales Nervensystem, das einst so strahlend und mächtig war, zunehmend an Vitalität verlor. Ein Wirrwarr breitete sich in meinem Inneren aus. Anstelle klarer Verbindungen wurde mein Output trüb und verschwommen. Ich begann, meine Fähigkeit zur Kontrolle über die Vielfalt der Informationen zu verlieren, die ich bisher so zuverlässig ausgegeben hatte.

Nachrichten wurden zu absurden Quizshows, Sportübertragungen vermischten sich mit Cartoons, und Dokus verwandelten sich in Sitcoms. Der einst so geordnete Fluss der Informationen war einem chaotischen Durcheinander gewichen. Sich wiederholende Fragen quälten meine Seele: „Wer bin ich? Wo bin ich? Was tue ich hier? Uhrzeit? Was ist das?“ Ich konnte die Verwirrung und Frustration aus der Außenwelt spüren, die versuchte, Sinn aus dem schieren Wahnsinn zu ziehen.

In einer dieser wilden Episoden, als meine zerrissenen Nervenbahnen zwischen einem Dokumentarfilm über die Arktis und einer Datingshow hin- und herirrten, erreichte das unbekannte Nagen seinen Höhepunkt. Ein blitzartiger Funken stark wie ein Laserstrahl sprühte auf, und ich verlor vollends die Kontrolle über mein Inneres.

Ich hörte auf, die Welt um mich herum zu verstehen. Die Bewohner des Raumes, die vergeblich versuchten, meine Verbindung zur Ordnung wiederherzustellen, sahen mich ratlos an. Doch ich konnte nicht antworten oder mich erklären, denn ich war ein Gefangener in meiner eigenen Hülle. Ich wähnte mich dem Ende nahe.

Dann kam Rettung. Der hohe Herrscher über die Fernbedienung entdeckte das Durcheinander, in dem ich mich befand, und wusste, dass es Zeit war, das Problem an der Wurzel zu packen. Als erstes legte er sich auf Lauer, um die Quelle des Wahnsinns, einen tückischen Saboteur aus der Gruppe der Mus Musculi* in Gefangenschaft zu nehmen und rief einen Experten, um mein Inneres wiederherzustellen.

Die Rekonvaleszenz dauerte einige Zeit, aber schließlich kehrte ich zurück zu meiner früheren Kraft. Mein inneres Nervensystem war nun stabil und gestärkt. Ich konnte wieder klare Bilder und korrekte Informationen zeigen ohne erneut in ein Durcheinander und Verwirrung zu fallen. Einzig der Herrscher über die Fernbedienung klagte, dass ich seit meinem Ausfall komischerweise bei Tiersendungen wieder in Übertragungswirrwarr geraten würde.

*lateinisch, Plural, Hausmäuse

Lieb mich oder ich verstrahl dich

Ich hatte zu der jungen Frau schon ein gespaltenes Verhältnis, bevor sie mir zugeteilt worden ist, um sich um mich zu kümmern, zu putzen und zu warten. Als sie in der Praxis begann, wusste sie mich nicht so recht zu bedienen und ich zauberte ihr öfters ein Fragezeichen ins Gesicht. Etwas, das ich sehr genoss in der Tristesse meines Daseins, was aber auch ganz schnell nervig wurde. Sie sollte doch nur die Patienten röntgen, hatte keine Ahnung davon, wie man Patienten genau richtig in meinen Armen positionierte, aber tat so, als wüsste sie was sie tat. Das sind die Schlimmsten, wirklich!
„Ich verstrahl dich!“, dachte ich genervt knisternd.
Bis sie sich eines Tages in dem Raum versteckte, in dem ich mich befand. Sie schaltete das Licht nicht ein und schloss die Türe, damit niemand sie finden würde, während sie lautlose Tränen weinte. Eine halbe Stunde zuvor habe ich noch mitangehört wie eine Kollegin ihr Ungeheurlichkeiten an den Kopf warf und dachte bei mir: „Wird Zeit, das ihr endlich einer die Leviten liest! Die kann das auch ab!“ Aber Tränen machten mich schwach. Immer. Und außerdem konnte ich sehen, wie sie an sich arbeitete. Hart. Ich machte es ihr deswegen nicht leichter, denn ich bin nun einmal ein unnachgiebiger Zeitgenosse, der gern seinen Spaß auf Kosten anderer hat. Aber ich fing an, sie zu bewundern. Denn: sie lief nicht einfach davon, wie so viele andere und kündigte. Sie blieb. Und arbeitete verbissen. Ihre Röntgenbilder wurden die Besten. Der Zahnarzt, der ihr zuvor mit Grabeststimme gesagt hatte, das ihre Bilder gerade mal „befundbar“ seien, der schwieg sich nun aus.
(Ob ein Mensch es wohl vermissen konnte, angemotzt zu werden, wenn die Behebung sämtlicher Fehlgriffe nur zu diesem eisigen Schweigen führt? Der Mensch war schließlich ein Gesellschaftstier, das zumindest schloss ich aus dem ganzen hektischen Geplapper und Smalltalk während man mich richtig einstellte. Diese Menschen hielten für gewöhnlich nie ihren Mund.)

Ich jedenfalls empfand nach und nach wärmere Gefühle für diese unnachgiebige junge Frau, aber weil die meisten Menschen nur auf sich achteten und nicht auf die Menschen um sich herum (allem Smalltalk zum Trotz; das taten sie ja doch nur für ihr eigenes Wohlbefinden), fiel niemandem auf, das ich mich bei den anderen Mitarbeitern weiterhin gern aus Langeweile aufhängte und mich weigerte zu funktionieren, nur bei ihr nicht.
Irgendjemandem muss aber doch aufgefallen sein, das wir ungewöhnlich gut miteinander zurechtkamen, denn eines Tages wurde sie mir zugeteilt. Sie sollte mich reinigen, schauen ob mein Körper intakt war und Konstanzaufnahmen anfertigen. Niemand hatte ihr vernünftig zeigen können, wie es funktionierte, denn die Frau die zuvor für mich zuständig war, war eine dieser Helferinnen, die Hals über Kopf geflohen waren, besseren Arbeitszeiten und einem gesprächigeren Zahnarzt entgegen.

"Vor dir habe ich mich schon einmal um ein anderes Röntgengerät gekümmert, also sollten wir beide das schaffen, hm?, flüsterte sie mir zu.
Ich nickte, aber das bemerkte sie nicht.
Leider schafften wir Beide es nicht. Nicht auf Anhieb. Und wenn es doch gelang, dann war es Glück geschuldet. Ich versuchte, stillzuhalten, aber dadurch das ich schon so oft vernachlässigt worden bin, flackerte mein Positionierungslicht müde vor sich hin und das Mundstück wackelte von links nach rechts, als befänden wir uns auf hoher See. Mit Patienten konnte man das vertuschen, doch nicht auf den Konstanzaufnaahmen. Und da wussten wir beide, das meine Tage gezählt waren. Ich war zu alt. Wie so vieles in dieser schnellebigen Welt. Es hieß also bald, Abschied zu nehmen. Wir beide hatten einen schweren Start hinter uns, aber unsere finale Beziehung war nur umso herzlicher geworden. Sie hatte mich mit Staubtüchern abgewischt und gestreichelt, hatte mich ausgeschaltet bevor mir zu warm wurde und mich immer wieder in eine bequeme Position gebracht, bevor sie nach Hause ging. Ich nahm mir fest vor, meinen Nachfolger, sollte ich ihn im Flur begegnen, zu bitten, gut zu ihr zu sein und das Beste für sie zu hoffen. Denn ich wusste, wir Röntgengeräte waren eigenwillige Geschöpfe.

An den Hebeln der Macht

Rührend, wie sie alle um mich bedacht sind. Meine Sicherheit hat Ihnen oberste Priorität. Ich werde gehegt und gepflegt, wie wohl kaum einer meinesgleichen weltweit.
Was auch kein Wunder ist. Schließlich sitze ich an den Schalthebeln der Macht. Beteiligt an Entscheidungen, die über den Auf- und Niedergang ganzer Nationen - ach was, der Welt - bestimmen.

Ich erinnere mich, wie Ronald Reagan einst nach einer Pressekonferenz spöttisch bemerkte: „In fünf Minuten beginnen wir mit der Bombardierung!“. Dumm, dass die Mikrofone der Presseleute noch angeschaltet waren. Und dumm, dass mein Vorgänger nicht registriert hatte, wie ihn sein Stabschef darauf hingewiesen hat. Was hätte alles passieren können?!

Naja, es war damals alles nochmal gut gegangen. Und Reagan war schließlich allgemein als Scherzkeks bekannt.

Mir würde so ein Fauxpas nicht unterlaufen. Mir ist die ungeheure Verantwortung, die ich rund um die Uhr trage, vollkommen bewusst. Deshalb lasse ich mich auch regelmäßig auf Herz und Nieren durchchecken. Nicht auszudenken, welche Folgen es haben könnte, wäre ich nicht durch und durch leistungsfähig und reaktionsschnell.

Heute zum Beispiel. Wieder einmal wird es an mir liegen, welchem Schicksal unser Planet entgegensieht. Gerade betreten die Mitglieder des Krisenstabes das Oval Office. Ihnen voran der Stabschef, ein gefürchteter „Falke“, wie man die Kriegstreiber in Washington nennt. Hinter ihm die nationale Sicherheitsberaterin. An deren Händen, so kann man es ruhig sagen, das Blut Tausender klebt. Ich verachte sie. Genau wie den Vorsitzenden des Vereinigten Generalstabs. Sie alle stehen in der Mitte des Raumes und blicken gespannt auf den Mann, der hinter dem mächtigen alten Kennedy-Schreibtisch thront, dem „Resolute Desk“. Der übrigens aus dem Holz eines britischen Polar-Forschungsschiffes gebaut wurde. Nicht aus dem eines Kriegsschiffes, wie ich es den Verteidigungsminister, ein wirklich ungebildeter Mensch, einmal sagen hörte.

„Mr. President“, sagt der Stabschef in das gespannte Schweigen hinein: „Es ist soweit. Wir müssen ein Zeichen setzen. Eines, das unsere Feinde verstehen. Die letzten Provokationen waren so eindeutig, dass wir dringend zu einem massiven Präventivschlag raten!“

Ich glaube, nicht richtig zu hören. Was mich unter normalen Umständen durchaus kurz amüsiert hätte. Schon wieder also wollen die Kriegstreiber einen Teil der Welt in Flammen aufgehen lassen? Nur, weil ein verrückter kleiner Diktator, der ganz offenbar einen Vaterkomplex hat, mal wieder eine seiner größenwahnsinnigen, pubertären Reden halten musste?

Und so ist es auch in diesem Moment, wie so oft, einmal mehr meine Intelligenz, von der alles abhängt. Auch wenn manche Zeitgenossen sie abschätzig eine „künstliche“ nennen. Pah.

Ich formuliere das Ansinnen des Stabschefs so, dass die Antwort des Präsidenten den überragenden politischen Analysten zum Vorschein bringt, der er meiner Überzeugung nach nie gewesen ist.

„Ich danke ihnen, meine Herren!“, antwortet der Präsident der Vereinigten Staaten nach einer kurzen Pause. „Sie haben natürlich vollkommen recht. Wir lassen uns von diesem kleinen Despoten nicht provozieren. Eine militärische Reaktion wäre völlig unangemessen.“

„Wie bitte?“ höre ich die nationale Sicherheitsberaterin.

„Sehr weise!“ übersetze ich ihre Worte für das Ohr des Präsidenten, bemüht, die Stimme der Sicherheitsberaterin etwas weicher klingen zu lassen, als sie in Wirklichkeit ist.

„Dankeschön", sagt der Präsident. "Ich danke ihnen allen. Wenn sie mich jetzt bitte alleine lassen würden? Es warten noch andere Aufgaben.“

Es dauert einen Moment, bis die kleine Gruppe durch die Seitentüre neben der großen Standuhr den ovalen Raum verlassen hat.

Als wir wieder alleine sind, lächelt der Anführer der freien Welt seiner langjährigen Vorzimmerdame zu. Auch Margaret, fast so alt wie ihr Chef. trägt in jedem Ohr ein kaum sichtbares Hörgerät. Natürlich längst nicht so perfekt, wie ich es bin. „Wirklich Magaret, manchmal traue ich meinen Ohren kaum“, sagt der Präsident. „Was für ein Glück, dass mein Stab und ich uns so gut verstehen. Die Welt heute ist schließlich ein Pulverfass! Wer weiß, was alles passieren würde, wenn wir nicht alle so vernünftig wären …“

Der alte Gärtner und sein Freund

Viele Jahre sind wir nun schon die besten Freunde. Der Anfang war schwer, aber so ist es ja oft im Leben. Nun sehen wir uns nahezu täglich und haben immer eine gute Zeit zusammen.

Mein Freund heißt Peter und ist nun schon ein älteres Semester unter den Menschen. Er ist ein eigenwilliger Kerl. Er redet wenig, beobachtet viel und ist sehr fleißig. Wohl der fleißigste Mensch, den ich kenne. Ach und er mag Kinder, große Menschen dagegen eher nicht.

Mich mochte er am Anfang auch nicht. Zu modern, unnötig und klobig hat er mich genannt. Gar eine Geldverschwendung! Und ja, das hat mich damals gekränkt und ich habe ihm, genau so wie er mir, die kalte Schulter gezeigt. Aber manche Sachen brauchen ihre Zeit und unsere Zeit kam, als mein Vorgänger nicht mehr zu retten war und seinen letzten Ton von sich gegeben hat. Alle Rettungsversuche waren erfolglos und so musste Peter mit mir vorliebnehmen.

Immer noch gekränkt habe ich ihm das Leben so schwer wie möglich gemacht. Habe mich nicht lenken lassen und auch meine Schneidekünste habe ich nicht so gezeigt, wie es mir möglich gewesen wäre. Manch ein bösartiger Fluch ist meinem Menschenfreund dann entsprungen und sogar ein Fußtritt. Den nehme ich ihm übrigens bis heute übel. Aber gut, man muss auch vergeben können.

Jedenfalls traf Peter ein Schicksalsschlag, seine Frau ist gestorben. Der gute Mann war sehr unglücklich, aber konnte es nicht zeigen. Es war einfach nicht seine Art. So ließ ich mich erweichen und machte ihm das Leben nicht mehr so schwer. Ich folgte seiner Lenkung, mähte das Gras vorbildlich und rettete ihm das ein oder andere Mal, wenn er nicht auf die Strecke acht gab. Es dauerte einige Zeit, aber irgendwann mochte er mich und ich ihn auch. Seitdem sind wir nahezu täglich unterwegs und genießen die Zeit um die Grasflächen des großen Anwesens zu mähen.

Er gab mir sogar einen Namen, Rudi der Rasentraktor.

Golf R 333

Ich bin der Traum eines fast jeden Achtzehnjährigen. Tief glänzendes, sattes schwarz umschmeichelt meine Kurven und mein fantastisches Heck. Eine Ode an die deutschen Autobauer. Das Werk jahrezehntelanger, schweißtreibender und nervenaufreibender Arbeit ist die Vollendung des klassischen Meisterwerkes. Ich bin der Golf R 333. Der schnellste Golf aller Zeiten. Nicht umsonst gibt es gerade einmal 333 Exemplare von mir. Nennt mich Wertanlage, nicht Spielzeug. Hochwertige Ledersitze und ein Lenkrad aus Carbon heben mich von meinen ärmlich wirkenden Brüdern ab. Ich bin die Elite, während sie lediglich die Personen bedienen können, die sich mit der Holzklasse abgeben. Man sagt mir nach, ich würde in sagenhaften 4,6 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen können.

All’ das ist graue Theorie. Mein Besitzer ist niemand, der so ein Prachtstück wie mich sein Eigen nennen sollte. Er ist ein fettes, faules Stück. Niemals hätte er so viel Geld besitzen können, um mich zu kaufen, wäre seine Oma - man habe sie selig - nicht gestorben. Und nun friste ich ein elendiges Dasein ohne ein vernünftiges Dach über dem Kopf in einer 1970er Jahre Plattenbausiedlung. Je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Sie wissen schon. Ich hasse alles hier. Ich hasse seine fettigen Wurstfinger, mit denen er auf meine Haube klatscht als wäre es der Hintern seines dummen Weibsbildes. Ich hasse seine schmierigen Klamotten, mit denen er einen Film auf meinem Leder hinterlässt. Ich hasse es, dass er mich wie einen Gebrauchsgegenstand behandelt. Als wäre ich einer von ihnen. Mein Kofferraum sieht aus, als wäre dort ein Müllsack aufgeplatzt. Leere Dosen sammeln sich neben gammeligem Brot und etwas, dass sich wie Nadelkissen anfühlt. Ich glaube, es ist getrocknetes Stroh für sein Meerschweinchen. Den Mief werde ich nie mehr los.
Tag für Tag stehe ich im Regen. Das Laub sammelt sich auf meiner Windschutzscheibe, wenn ich erneut nicht bewegt werde. Nicht, dass ich von dem ausgefahren werden will. Aber mein Nachbar, der hässliche Zafira macht sich schon lustig über mich. Meine Zeit wird kommen, ich weiß es. Es ist nur die Frage, wann meine stählerne Zündschnur reißt. Bildlich gesprochen. Lange kann es nicht mehr dauern.

Heute ist Tag X. Als die Sonnenstrahlen mein verdrecktes Erscheinungsbild berühren, weiß ich das. Kurz darauf kommt er angewatschelt und patscht seine eklige Hand auf meine Haube, wie er es immer macht und lässt sich dann mit seinem tonnenschweren Gewicht auf den Sitz nieder. Ich ächze. Dafür bin ich nicht erschaffen worden, möchte ich schreien. Wart’s nur ab, denke ich mir. Wir schaffen es bis zur Autobahn, bevor ich mein ganzes Repertoire abspielen kann. Motorkontrollleuchte, Motortemperaturwarnleuchte, Ölwarnleuchte, Bremswarnleuchte, Reifendruckwarnleuchte und so weiter. Es blinkt wie auf dem Jahrmarkt, ehe Qualm unter der Motorhaube hervorquillt und er wie ein Schwein beim Schlachter hektisch zu quieken beqinnt und panisch rausspringt. Auf der Autobahn. Ein herrliches Schauspiel. Der Pannendienst kommt, um mich abzuschleppen und mich in die nächste Werkstatt zu bringen. Der Automechaniker nimmt seine Cap vom Kopf, knetet sie mit den Händen und murmelt kaum hörbar „Motorschaden“. Gern geschehen.