Die Mysterien von Schloss Rabenschön
Was ist Ewigkeit? Als ich gebaut wurden und Harald von Rabenklau mich auf den Namen Schloss Rabenschön taufte, meinte er zu seiner Gemahlin Hedwig, geborene von Steinbrech, er hätte nun ein Anwesen für die Ewigkeit geschaffen. Ich erinnere mich, das als meine Mauern neu waren und das Dach mit glänzenden schwarzen Schiefern bedeckt, das die beiden hochgewachsenen Menschen, meine Bewohner, vor der Tür standen und sprachen.
Hedwig schaute am Haus empor. „Warum hast du es so benannt, Gemahl? Hätte es nicht einen besseren Namen verdient?“ „Warum, Hedwig. Der Name ist passend. Raben sind schöne Tiere. Tragen wir sie nicht im Wappen?“ „Gewiss, Harald. Aber trotzdem – ich hätte mir etwas anderes gewünscht. Es ist mir – zu gewöhnlich.“
Harald lächelte verhalten. Dann strich er sich den Bart. „Hm, gewöhnlich. Der Gedanke wäre mir nie gekommen. Schau, es heißt, dass unsere Familie von Hugin und Munin berührt wurden. Das ist das Eine. Das andere ist, das unser Grundstück an das Rabenwäldchen grenzt. Du hast die großen Kolkraben gesehen. Es sind hoch scharfsinnige Tiere. Und – ich finde sie schön. Wenn die Sonne ihr Gefieder richtig trifft, leuchtet es, wie mein schwarzer Kürass.“ Hedwig von Rabenklau nickte.
Noch einmal schaute sie abschätzend an dem Gemäuer empor, das nun ihr Zuhause sein sollte. Zwei große Raben kamen aus dem angrenzenden Forst und ließen sich auf zwei der vier Ecktürme niederließen. Ihr Gefieder glänzte in der Sonne. Als sie sich mit einem Schrei erhoben, um davon zu fliegen, sank ein der schwarzen Federn herab. Vor Hedwigs Beinen blieb sie liegen. Sie bückte sich, um sie aufzuheben. War es ein gutes Omen? Sie wusste es nicht.
Was sie auch nicht wusste, was beide nicht ahnten, war die Tatsache, dass ihr Schloss auf einer der großen Energielinien lag, die diese Welt durchzogen. Genauso, wie der Wald, an den das Grundstück grenzte.
Es kamen gute Tage und harte Jahre. Das erhoffte frohe Kinderlachen, das durch die hohen Räume tönen sollte, blieb ihnen verwehrt. Ich aber, gebaut, als ein Heim für Menschen, begann mich zu verändern. Jene Energie, die mein Fundament berührte, sickerte in mich ein. Ich begann zu fühlen, zu spüren, zu erwachen. Als Erstes spürte ich den Gram der beiden Menschen, die mich bewohnten. Sie litten unter der Kinderlosigkeit. Sie konnten es nicht begreifen.
Die Raben waren immer da, Sie hatten ihre Jungtiere, die sie aufzogen, die irgendwann aus dem Nest flohen.
Die beiden, die in mir lebten, nahmen ihr Schicksal nicht klaglos hin. Sie gaben sich gegenseitig die Schuld und neben ihrem Gram fraß sich ihr Zorn und ihre Verbitterung in meine Mauern.
Sie hatten Wohlstand. Sie hatten sogar eine Schatzkammer im Keller. Wohl gesichert mit einer eisenbeschlagenen Tür. Aber der Wohlstand war nur äußerlich. Innerlich war da eine bittere Armut. Alles, was einst schön war, war schließlich verdorben. Die gegenseitigen Vorwürfe wurden zu Hass. Am Ende standen sie sich gegenüber und brüllten sich an. Um das fehlende Kind ging es schon lange nicht mehr. Aus all der Wut, der Verbitterung und den ungerechten Vorwürfen, war erbarmungsloser Hass geworden.
Das war der Moment, als ich erwachte, als, aus der Energie, die mich durchfloss, und den dunklen Schwaden der Emotionen dieser beiden Menschen, meine Persönlichkeit geboren wurde.
Einen Moment später lag Harald von Rabenklau tot in auf dem Absatz der Treppe. Ein schwerer Schlaganfall hatte ihn getötet. In einem letzten Aufbäumen hatte er seine Hedwig die Treppe hinab gestoßen. Mit gebrochenem Genick lag sie unten, in der Eingangshalle.
Mein erster bewusster Gedanke war: „Stille. Endlich Stille.“ Nur die Raben saßen krächzend auf den Türmen.
Aber es war nicht das Ende. Ich spürte eine Präsenz. Nein, es waren zwei. Ich begann mich zu konzentrieren. Nebel bildeten sich, wo die beiden Toten lagen. Sie kondensierten zu Gestalten. Harald und Hedwig waren tot. Aber ihre Wut, ihr Hass, zwang ihre Seelen, zu verweilen. Hatten sie auch von der Energie gekostet? Sie schauten sich um. Sie erblickten einander und kreischten, wie nur verlorene Seelen kreischen können.
Ich wusste, das meine Präsenz und, nun ja, Macht, weit über das, was diese toten Seelen hatten und konnten, hinaus ging. Ich grollte: „Ruhe, ihr zwei!“ Sie erstarrten. Dann blickten sie zu ihren toten Körpern und erkannten erst wirklich, in welcher Lage sie waren. Ich spürte so etwas, wie Humor in meinem Gebälk, als ich spürte, wie es sie erschütterte, als sie den Tod realisierten. Ich überlegte, ob ich eine Möglichkeit finden würde, mich ihnen deutlicher zu zeigen, verwarf das aber, denn ich bin nun einmal ein Gebäude. Aber ich konnte auf energetischer Basis mit ihnen kommunizieren und sie auch die Macht meiner Präsenz spüren lassen.
Es erfüllte mich mit Genugtuung, als ich ihnen verdeutlichte, dass sie nun an mich gebunden waren. Ihre seelische Substanz, geprägt von der Dunkelheit ihrer Gefühle, band sie an diesen Ort. Für immer.
Der Rest? Es dauerte einige Tage, bis jemand kam, um nach dem Rechten zu sehen. Schon lange hatten die zwei sich von der Gesellschaft entfernt und auch ihr Personal hatte sie verlassen. Man fand ihre Leichen und sie wurden in der Gruft beigesetzt, die zur Kapelle des Hauses gehörte. Dann übernahm irgendein entfernter Neffe das Grundstück und das Haus. Er sah es sich einmal an, dann entschied er, dass er kein Interesse hatte, und verkaufte es an einen Kaufmann aus der nächsten kleinen Stadt. Der zog mit Sack und Pack ein. Zu dem Pack gehörte auch seine Sippe und zum ersten Mal hörte ich Kinderlachen. Es kam Krieg und der Kaufmann verlor alles, als die Stadt geplündert wurde, in der seine Geschäfte waren. Er musste das Haus verschleudern. Ein Grundbesitzer, dem das anliegende Gebiet und auch der Rabenforst gehörten, erwarb es. Mit ihm zog der Geiz ein. Sein Ende war fast so unrühmlich, wie das der ursprünglichen Besitzer und so sollte es niemanden wundern, das auch er schließlich zu meinem „lebenden Inventar“ wurde. Aber was mir das brachte, war vor allem Verdruss, denn die drei Geister mochten sich nicht. So lange Harald und Hedwig allein hier waren, herrschte meist verdrossenes Schweigen. Der Neue, Gunther Helfersleben, wurde von ihnen als Eindringling bewertet und sie fauchten und fluchten, wenn sie ihm begegneten. Aber auch als Geist war er dickfellig genug, das zu ignorieren. Ihre gegenseitige Abscheu sorgte dafür, dass niemand mehr Interesse an dem Haus hatte. Es galt als Spukschloss. Der Rabenweg wucherte zu und das Haus geriet, mehr oder weniger, in Vergessenheit.
Ich jedoch erstarkte und die Energie, die mich durchfloss, regenerierte Mauerwerk und Balken. Die Raben aber, flogen weiter und hin und wieder setzten sie sich auf die Türme, wie sie es immer getan hatten. Sie waren es, die mich, wie einst Hugin und Munin es für Odin taten, mit dem Wissen um die Welt versorgten.
Die Jahre zogen dahin. Wurden zu Jahrhunderten. Das Haus selbst wurde vergessen, wurde vielleicht zu einer Legende. Es verschwand nicht. Die Stadt war im Laufe der Zeit immer weiter gewuchert, hatte ihre Ausläufer bis an den Rabenforst herangeschoben. Das Anwesen selbst war nie berührt worden. Es lag unverändert am Ende des Weges. Der Rabenforst selbst war eben wegen seiner schwarzen Bewohner unter Schutz gestellt. Hin und wieder schauten neugierige Menschen zu dem verwunschenen Schloss und staunten, dass es immer noch so gut erhalten schien. In das Gebäude selbst trauten sie sich nicht. Ich ruhte, eingehüllt in den Kokon der Kraftfelder, die mich durchströmten. Es war ein langweiliges Dasein. Aber was soll ein Gebäude tun, außer sich zu langweilen. Das gilt auch für meine geisterhaften Bewohner. Wenn nicht hin und wieder die Raben etwas zu berichten gehabt hätten, wäre es glatt zum verfallen gewesen.
Doch es sollte der Tag kommen, an dem sich das änderte. Am frühen Morgen schon war eine schwere Limousine vorgefahren. Zwei Männer verließen sie und kamen, sich durch den überwuchernden Weg kämpfend, auf das Haus zu. Beide waren groß und trugen legere Kleidung. Einer hatte einen dichten Bart, während der andere eine Glatze hatte und rasiert war. Sie schienen noch jung. Vielleicht so alt, wie es einst Harald gewesen war, als er das Schloss, na ja, für die heutige Zeit eher ein großes Herrenhaus, errichten ließ. Sie gingen um das Gebäude herum. „Paul,“ sagte der Bärtige, „es sieht, für das Alter, sehr gut erhalten aus. Weiß der Geier, aber eigentlich sollte es nur noch eine Ruine sein.“ Der andere nickte. Amüsiert betrachtete ich die zwei. Ich war beileibe keine Ruine. Selbst vieles, was mal Inventar war, war durchaus noch gut in Schuss. Die Energie hatte es ermöglicht. Der Glatzkopf, der Paul genannt worden war, nickte. Dann zog er ein seltsames Gerät aus der Tasche. Er blickte auf eine Anzeige, schüttelte den Kopf. „Rainer, irgendetwas ist hier merkwürdig. Ich lese Werte ab, die einfach nicht mit dem, was hier vom normlane Magnetfeld der Erde möglich wäre, übereinstimmen.“ Der andere lachte auf. „Doch nicht etwa deine merkwürdige Laylinienenergie.“ „Und wenn doch?“
Ich stutzte. Sollte es Menschen geben, die um jene Energieadern wussten, von denen eine mich nährte? Mein Interesse war geweckt.
„Paul, lass es, das führt zu nichts. Wir wollten uns das Grundstück ansehen, weil wir ernsthaft etwas suchen, wo wir unsere Zentrale einrichten können. Aber, wenn ich mich so umschaue und sehe, wie verwahrlost alles ist, habe ich meine Zweifel.“ „Nicht so hastig. Das Gestrüpp und all das ließe sich schnell entfernen. Das Gebäude selbst sieht doch gut aus. Eine neue Heizung, vermutlich eine neue Inneneinrichtung. Vor allem glaube ich wirklich, dass dieses Gebiet hier meinen Forschungen entgegenkommt.“ Rainer knurrte. „Du und dein Traum von einer interdimensionären Energie. Ich glaube so etwas nicht. Vielleicht auch noch Magie oder Hexerei.“ Paul lächelte. „Weißt du, vor einigen Jahren wäre auch ein Smartphone so etwas, wie „Magie“ gewesen und ist es wohl bei einigen Leuten immer noch.“ Jetzt lächelte auch Rainer. „Hast ja irgendwie recht. Aber ich möchte unsere Entscheidung nicht von so etwas abhängig machen.“
Gut, ich bin ein Haus und draußen sah es wirklich ziemlich wild aus. Brombeerranken, andere Sträucher, die wild gewuchert waren, Brennnesseln und ein Gestrüpp aus Salbei und Thymianpflanzen, die sich frei entwickelt hatten und dank der Energien, die, von meinen Grundmauern auch in das Umland sickerten, erstaunlich gediehen waren. Aber es stimmte, der Aufwand, dass alles zurückzuschneiden war gewiss nicht groß. Ich spürte bei beiden Menschen echtes Interesse. Und, was ja auch nicht unwesentlich ist, sie interessierten mich. Ein Mensch, der sich mit Energielinien befasste? Menschen, die aus mir etwas machen wollten, eine Zentrale? Für was auch immer. Natürlich war das interessant. Ich musste sie näher kennen lernen, musste sie testen. Aber dazu würden sie wohl oder übel, durch meine Tür treten müssen. Wenn sie in der großen Halle wären, könnten die Spiele beginnen. Aber wie könnte ich sie dazu bringen, meine Hallen zu betreten?
„Man sollte sich mal das Innenleben ansehen.“ meinte Paul. Rainer schüttelte den Kopf. „Morgen vielleicht. Es ist schon Abend und das Haus ist zu. Wir müssten erst jemanden anrufen, wegen des Schlüssels. Aber morgen können wir ja gleich früh mit dem Makler telefonieren.“
Verdammt, sollte ich wirklich bis morgen warten müssen? Ich dachte nicht lange nach. Schlüssel, Makler? Wozu? Die beiden standen ja direkt vor der großen Tür zur Halle. Hatte ich nicht die Energie? Ich ließ die Tür aufspringen. Ein wenig. Genug, dass die beiden es sehen konnten. Sie wollten sich gerade abwenden. Paul warf noch einmal einen Blick zurück. „Moment, Rainer. Sieh mal zur Tür. Ich glaube, sie ist nicht verschlossen.“ Rainer drehte sich um. „Also ich möchte wetten, dass sie vorhin noch geschlossen war. Irgendwie stinkt mir das.“ Komm, sei nicht memmig. Wenn das keine Einladung ist, wenigsten mal rein zu schauen, weiß ich auch nicht. Los, komm schon.“
Ich sah Rainers zögern. Aber er wollte sich auch nicht irgendwie als feige zeigen und folgte Paul die Stufen nach oben. Paul hatte schon wieder sein merkwürdiges Messgerät in der Hand. Er schaute aufmerksam auf die Anzeige. Dann stieß er entschlossen die Tür auf. „Komm schon!“ sagte er. Zögernd folgte ihm Rainer. Sie betraten meine Halle und schauten sich um.
Nun hatte ich sie. Die Tür fiel wieder ins Schloss. Der Raum wurde dunkel. „Oh Shit.“ Hörte ich und wusste, dass eben Rainers Ängste bestätigt worden waren. Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen, obwohl ich wusste, das ein kicherndes Haus nicht eben eine beruhigende Erfahrung für die beiden sein dürfte. Aber ich wollte sie ja nicht völlig verschrecken. Ich hatte mir dafür zu viel Mühe gegeben, sie hier rein zu führen. Also musste erst einmal Licht her. Ich zog Energie aus dem Untergrund und ließ das Feuer im großen Kamin auflodern. Ich wusste, dass er gleichzeitig mit den vier großen Fenstern, die freilich nicht eben sauber waren, genügend Licht geben würde. Die Fensterladen hatte ich aufgemacht. Na ja, ein wenig blass sahen sie schon aus, die zwei. „Rainer, meine Anzeigen werden gesprengt. Das hat wohl noch niemand erleben können oder gar messen.“ „Scheiß auf deine Anzeigen, Paul. Wir müssen hier raus. Das geht nicht mit rechten Dingen zu.“ „Ja, ja, hier ist etwas los, das gebe ich zu. Aber es bedeutet doch nicht, das es was Schlimmes ist. Wir verstehen es nur nicht.“ „Und das Geräusch? Ein leeres Haus kichert doch nicht.“
Ich beschloss, dass es an der Zeit wäre, ein wenig deutlicher zu werden. Also nahm ich meine Steine zusammen und sagte: „Wer sagt denn, das ich ein leeres Haus bin.“ Rainer murmelte: „Häuser sprechen nicht.“ „Ich schon. Hatte ja genügend Zeit, es zu lernen. Pau ist, fürchte ich, schon weiter, als du.“ „Nicht wirklich.“ Sagte Paul, mehr zu sich selbst. Aber dann sah er von seinen Messungen auf und blickte sich um. Zum ersten Mal schien er die Halle richtig wahrzunehmen. „Ei der daus, wie sieht es denn hier aus! Ist ja alles irgendwie, wie geleckt, nur ein wenig staubig.“ Ich gebe zu, gegen den Staub habe ich in all den Jahrhunderten, trotz der Energie, kein echtes Mittel gefunden. Natürlich fiel sein erster Blick auf den Kamin. „Aha, Energie manifestiert sich.“ Dann sachte er auf das Wappen über dem Kamin und ließ den Blick über das Inventar streifen. Der große Tisch, die Sitzgruppe vor dem Kamin. „Dürfen wir uns setzen?“ fragte er höflich. „Bitte darum.“ antwortete ich. Er zog seinen Kumpel zu der Sitzgruppe, schwere, aber gemütliche Eichenstühle, holte ein großes Taschentuch hervor und wischte den Staub an. Er schob Rainer in den einen Sessel und setzte sich selbst in den anderen. „Gemütlich.“ sagte er. Rainer schwieg. Dann meinte Paul: „So, Sie sind also ein Haus, das spricht. Liegt das an der Energie, die ich hier messe?“ Er nahm mich ernst. Das ließ hoffen. „So wird es sein. Ich wurde vermutlich unbewusst auf einer der großen Energielinien errichtet, die diese Welt durchziehen und die wohl nur ein Ableger eines weit größeren Netzwerkes sind.“ Paul nickte. Rainer sagte zum ersten Mal auch was. „Dann ist das, was man in bestimmten Büchern liest, die meist Fantasieabenteuer beschreiben, nicht völlige Spinnerei?“ „Warum sollte es? Ich bin nur ein Haus und nicht so belesen, aber ich kann vieles spüren und noch viel mehr erzählen mir die Raben.“ „Na gut. Wie soll es nun weiter gehen?“ fragte Paul. Ich überlegte. Das war eine gute Frage. Wie soll es weiter gehen. Was erwartete ich eigentlich? Ich hatte in der letzten Stunde mehr Vergnügen verspürt als in Jahrzehnten zuvor. „Ich gebe zu,“ sagte ich, „ich habe bisher nur gedacht, dass ich Interesse an ihnen beiden habe. Ich habe ihnen natürlich zugehört, als sie draußen sprachen. So erfuhr ich, dass sie ein Gebäude suchen, um es zu nutzen. Was für eine Zentrale, ist mir natürlich nicht klar, aber allein die Tatsache, dass sie, Paul, einen gewissen Zugang zu dem zu haben scheinen, was mein Wesen geprägt hat, ist mir wichtig genug, um sie darin zu bestärken, zu bleiben.“ Rainer lachte auf. „Ein Haus, das um unsere Gesellschaft bittet. Das ist nun wirklich mal was anderes.“ Ich war ein wenig indigniert. „Erlauben sie mal, mein Herr, ich bin nicht ganz neu und ja, vermutlich etwas einmalig, so viel ich weiß. Aber ich hatte bisher durchaus Gesellschaft.“ „Mehr, als die Raben?“ Es war Paul, der das gefragt hatte, und er hatte eine Augenbraue dabei hochgezogen und ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Dann meinte er: „Weißt du, Rainer, das Haus gilt als Spukhaus.“ Rainer verdrehte die Augen. „Nicht auch das noch.“ Ich kicherte. „Oh doch. Tut mir leid, aber da sind einige Mitbewohner.“ Ich wusste, dass alle drei irgendwo in der Nähe herumlungerten. Noch ließen sie sich nicht sehen. Also bedurfte es eines gelinden energetischen Anstoßes meinerseits. „Hinter ihnen.“ sagte ich nur. Die beiden standen aus und drehten sich um. Während Paul sofort nach seinem Messgerät griff und es auf die drei nebulösen Gestalten richtete, hörte ich von Rainer nur ein erschrockenes „Hund und Sau, was soll denn der Mist!“ Bevor Harald und Hedwig anfangen konnten, rumzugeifern – Gunther sah nur gelangweilt aus seinem Anzug – knurrte ich: „Benehmt euch.“ Die drei sahen sich an, dann die Gäste, dann wieder sich. Schön, sie waren still. Ich merkte, dass ich den Laden ein wenig moderieren musste. „Da wir jetzt alle hier versammelt sind, wäre es gut, wenn sich alle mal miteinander bekannt machen würden. Oder sollte ich das tun?“ Auch Paul und Rainer sahen sich an, blickten dann aber neugierig auf die drei, die da so ätherisch an dem großen Tisch schwebten. „Kurios,“ sagte Paul, „ich messe auch bei den dreien eine bestimtme Energiemenge.“ Jetzt war es Rainer, der die Initiative ergriff. „Ich bin zwar auch ein wenig verwirrt, aber ich nehme mal an, das wir uns einfach zusammen nehmen sollten. Daher werde ich den Reigen beginnen. Ich bin Rainer von Rabe. Mir gehören einige Unternehmen der Informatikbranche und wir waren aus der Suche nach einem Ort, an dem wir eine neue Zentrale aufbauen könnten, um unsere Aktivitäten zu bündeln. Ich bin unverheiratet, 36 Jahre alt und eigentlich ein recht offener Mensch.“ „Von Rabe?“ sagte Harald. Rainer nickte. Harald sprach weiter: „Dann ist es an mir, mich vorzustellen. Ich bin Harald von Rabenklau, der Bauherr dieses Gemäuers. Neben mir ist mein Gemahlin, Hedwig. Wir sind verheiratet, aber kinderlos, was uns zerfressen hat. Wir sind, nun ja, Jahrzehnte reichen nicht, um das zu beschreiben. Aber könnte es sein, dass sie, mein Herr, irgendwie mit meiner Familie verwandt sind?“ Seine Ehefrau, Hedwig, schwieg, nickte aber den beiden zu. Jetzt war es Paul, der das Wort ergriff. „Meine Name ist Paul Richter. Ich bin Physiker, Informatiker, Ingenieur und Bastler. Das beschreibt es einigermaßen, denke ich. Mein Alter beträgt immerhin schon 32 Jahre, nicht verheiratet, außer mit der Firma meines Freundes. Ich bin erfreut, sie alle kennen zu lernen und bitte um entschuldigung, dass ich hier so rummesse.“ Er lächelte. Gunther stand auf, strich seinen Anzug glatt – was bei einem Geist zugegebenermaßen seltsam aussieht. „Nun, mein Name ist Gunther Helfersleben und ich war einst Grundbesitzer in der Region. Immer alleinstehend. Was nicht bedeutet, das ich nicht vielleicht irgendwo Nachwuchs habe. Mein Laster war Geiz. Das habe ich aber erst begriffen, als ich hier festsaß.“ Ein Lächeln überzog seine halb durchscheinenden Züge. „Na ja, rumgeistern ist nicht eben was, was erfüllend ist und was anderes hatte ich in den letzten hundert Jahren nicht.“
Ich räusperte mich, um ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich zu richten. „Nun, da wir uns kennengelernt haben, vielleicht auch noch einige Worte zu mir. Ich bin Schloss Rabenschön. Ich bin ein altes Haus. (Ich musste kichern, denn die Raben hatten mir erzählt, welche Bedeutung das bei den Menschen auch haben konnte) ich stehe hier nun schon ein wenig mehr als zweihundert Jahre, was ich dem Herrn von Rabenklau verdanke, der mich bauen ließ. Das wir hier auf einer Energielinie sitzen, wusste er nicht, aber das war es, was mich wach werden ließ und nährte.“ Harald nickte ein wenig gedankenverloren.
„Tja“, sagte ich, „da wir uns nun ein wenig kennen, würde es für unsere beiden lebenden Freunde eine Option sein, hier einziehen zu wollen? Trotz der ein wenig seltsamen Gesamtsituation?“
Die beiden sahen sich an und auch meinen drei Geistern sah man zumindest Neugier an. Paul rieb sich über seine Glatze. „Was meinst du, Rainer?“ Rainer schaute die drei auf der Gegenseite an. Dann blickte er zu Paul. „Ich weiß nicht so recht. Von der Größe her wäre es, so denke ich, gut. Aber es ist ja elend alt und wer weiß, wie stabil es wirklich ist und ob sich nicht plötzlich alles nur als Illusion entpuppt.“
Es war Harald, der das Wort ergriff. „Ich geistere ja nun schon gute zweihundert Jahre durch diese Mauern. Ich weiß, dass sie so stabil sind, wie am erstenTag und sie können mir glauben, dass ich nur erstklassiges Material verwendet habe. Die Balken sind alles beste, abgelagerte Eiche. Der Granit für die Grundmauern und die Außenwände ist damals in der Nachbarschaft gebrochen worden. Wir wollten ja etwas für die Ewigkeit für unsere Familie errichten.“ Rainer schaute ihn an. „Gut und schön. Aber wir müssten doch einiges machen. Das Haus hat noch keine ordentliche Elektrik. Wir haben Computer und Geräte, die viel Strom verbrauchen. Ich glaube nicht, dass wir sie mit eurer Energie aus dem Untergrund betreiben können. Wir brauchen eine Heizung. Bäder und so weiter.“
Jetzt sagte Hedwig zum ersten Mal was. „Ich war immer der Meinung, das mal, was verändert werden müsste. Aber wir waren so in unserem Hass verbohrt, das wir einander nicht zugehört haben. Gunther, sag doch mal.“ Harald blickte auf. Seine Gestalt verdunkelte sich. „Gunther? Hast du etwas was mit diesem Knausergeist angefangen?“ Hedwig giftete: „Ich bin zwar tot, aber doch nicht so, das ich keine Bedürfnisse mehr habe und du, du hast mich ja weggestoßen gehabt.“
Das schien aus dem Ruder zu laufen. Ich knurrte und ließ den Boden ein wenig beben. „Lasst den Mist. Das könnt ihr, wenn es sein muss irgendwann im Keller ausdiskutieren.“
Harald normalisierte sich wieder. Ist doch schön, wenn das Haus mehr Energie und Macht hat als der alte Hausherr. Gunther sah ein wenig verlegen aus. Auch Paul und Rainer schauten etwas belämmer aus der Wäsche. Na ja – „Bedürfnisse“ hörte sich für Geister doch merkwürdig an. Aber Gunter nahm es mit Würde. „Harald, lass es, da war nichts weiter. Sie brauchte nur jemanden, der zuhört. Ich konnte immer besser zuhören, als reden. Und es stimmt, das, was Rainer gesagt hat, dürfte wohl hinkommen. Ich war der letzte, der hier mal was gemacht hat, aber ich war zu knausrig, um mehr zu tun, als ein Bad einzubauen, das heute kaum mehr als modern gelten dürfte. Da ich mein Geld immer recht eng zusammen gehalten habe, weiß ich, das es nicht umsonst sein dürfte, wenn ich höre, was verändert werden müsste.“
Paul meldete sich. „Was die Energiefrage anbelangt, habe ich keine Ahnung. Aber ich denke, es müsste nur genauer untersucht werden. Eine neue Elektrik brauchen wir auf jeden Fall, denn selbst wenn ich etwas untersuchen will, benötige ich konventionellen Strom. Trotzdem gefällt mir das Gebäude und seine Möglichkeiten. Rainer, trotz des ganzen Mysteriums, und trotz der drei Mitbewohner, halte ich es für geeignet.“
Ich atmete auf. Auch meine drei Geister schienen nicht unglücklich zu sein. Nur Rainer war noch nicht so ganz überzeugt. „Ich weiß nicht, Paul. Es wird nicht einfach und nicht billig.“
Seltsamerweise war es wieder Hedwig, die den Ausschlag gab. Sie war recht patent, wenn sie nicht gerade verärgert oder wütend war. „Harald, die Kammer.“ Harald blickte auf. „Die Kammer?“ „Harald, die Schatzkammer. Wir brauchen das alles doch nicht mehr. Wollen wir nicht…?“ Harald seufzte ein hohles Geisterzeufzen. „Dann erhob er sich. „Gut. Wenn ihr es wollt und dieses Schloss Rabenschön zu eurem Mittelpunkt machen wollt, dann werde ich euch den Zugang zu meinem Reichtum gewähren. Hedwig hat recht. Wir brauchen ihn nicht.“ Gunther hob die Hand. „Ich hätte einen Wunsch. Bedingung wäre zu viel gesagt. Lasst uns weiter hier leben und, wenn möglich Anteil an eurem Tun nehmen.“
Die beiden junge Männer sahen sich an. Jetzt lächelten sie beide. Paul sagte: „Ich denke, damit können wir leben. Und du, altes Haus? Musst du erst die Raben fragen?“
Ich kicherte. „Ich glaube, ich bin begeistert. Vielleicht können wir gemeinsam noch manches lernen. Aber alles das, wird die Zukunft zeigen.“
Was ist Ewigkeit? Ich glaube, soeben wurde ein neues Kapitel in meiner Existenz aufgeschlagen. Aber Tempus fugit. Was es bringen würde, müsste die zeit zeigen.