Wenn das Mondlicht durch die Fenster fällt, fängt mein Inneres an zu leben. Und deines beginnt zu beben. Du sitzt im alten Gerichtsaal in einem großen Ohrensessel. Neben dir prasselt das Feuer. Auf deinem Schoß der Geisterseher von Schiller. Eben hast du noch gedacht du könntest es dir hier bequem machen, auf andere Gedanken kommen, nachdem du dich ruhelos im Bett hin und hergewälzt hast. Es sind die Schnitzereien an den Wänden, die jetzt deine Aufmerksamkeit erregen. Im Spiel der Schatten strecken sie ihre Hände nach dir aus, schneiden die scheußlichsten Grimassen. Ein Wolf fletscht seine Zähne. Da! Der Jäger rammt seinen Speer in das Tier! Blut quillt hervor. Ein erbarmungswürdiges Geheul erhebt sich. Kommt es von draußen? Ist es etwa der Wind, der durch meine Ritzen saust? Deine Hände graben sich tief in die Armlehnen. Zitterst du etwa? Nein, warm halten kann ich meine Gäste schon lange nicht mehr. Die Mondstrahlen lenken deinen Blick. Ein prächtiger Hirsch versucht der Hundemeute zu entkommen. Erschöpft bricht er zusammen. Sofort fallen die Hunde über ihn her und reißen ihn in Stücke. Du stehst auf, nimmst das kleine Licht vom Tisch. Langsam gehst du zur Tür. Das Heulen. Du hörst es schon wieder. Es lässt dich einfrieren. Der Jäger richtet sein Gewähr auf dich. Am liebsten wärst du jetzt bei den anderen, richtig? Aber ihr habt euch dazu entschieden in getrennten Zimmern zu schlafen. Ruhe. Du wolltest einfach nur Ruhe. Warum zögerst du? Mach die Tür auf! Ah… es ist das Kratzen, nicht wahr? Dieses abscheuliche Kratzen, das dir langsam die ersten Angstschweißperlen auf die Stirn treibt. Als würde sich jemand mit bloßen Fingernägeln durch die Wand graben wollen… Du drehst dich um, unsicher was du nun tun sollst. Vielleicht einfach wieder schlafen? Hinter dir knarrt es. Die Tür ist aufgesprungen. Der Wind saust hinein, sonst ist niemand da. Mit einem Mal ist es still. Bestimmt ist es nur deine überhitzte Fantasie. Wie kommst du auch dazu hier den Geisterseher zu lesen? Oh! Hörst du das? Schritte. Schlurfende, langsame Schritte bewegen sich auf dich zu. Ich sehe, dir ist endlich die Wärme aus dem Leib gewichen. Es kommt näher, immer näher… die Grimassen an den Wänden blicken auf dich herab. Sie warten darauf, was du als Nächstes tust. Ein fürchterliches Seufzen direkt neben deinem Ohr. Du wolltest doch Ruhe?
Heimtükisch
Menschen wahr-zu-nehmen ist wie Herbstblätter die zu Boden fallen.
Kurzlebig und dahinsiechend.
Ich spüre meine Mauern. Die Erde, in der sie versenkt sind.
Die Mauern stellen den Kontakt zur Außenwelt her.
Fensterläden die der Wind bewegt.
Jahreszeiten, die meine Hülle erwärmen oder abkühlen, feucht werden lassen. Regen, der sein Stakkato auf meinem Dach trommelt. Schwere Last vom Schnee. Staub, der durch mein Innerstes schwebt und durch jede Ritze, auf jedem Teil meiner selbst niedergeht. Schicht um Schicht.
Dielen und Gebälk, das durch Hitze und Kälte knarzt und ächzt. Wind, der pfeifend in den Kamin eintaucht.
In mir lebten Menschen, die den Staub entfernten, sowie alles andere dass sie als zu Entfernen ansahen.
Der große Kamin mit dem Marmorsims wurde oft mit Holz bestückt und wärmte alles von innen. Der Marmor hatte mir mitgeteilt, dass er aus einem Land kommt das Italien genannt wird. Sehr heiß. Viele Menschen die ihre Arme wild bewegen wenn sie Töne von sich geben.
Kleine Bäume könnte er verbrennen; riesig ist er.
Zumindest denkt der Kamin das. Trotzdem ist er ein Teil von mir. Weiß nicht wie riesig ich bin.
Manchmal lagen ein Mann und eine Frau vor dem Kamin auf dem Fell eine Tieres, tranken und verschwanden unter einer Decke. In der Wärme und dem Flackern des Feuers sich aalend, in ihrer Kakofonie von gleitenden und zackigen Bewegungen. Kurze Bilder blitzen durch mein schläfriges Dasein. Schläfrig.
Ich war Gastgeber für eine Vielzahl an Menschen, die in mir umher schritten und mich bewunderten.
Duftende Blumenwolken zogen die weiblichen Menschen hinter sich her. Gläser voll mit Flüssigkeiten, die sie tranken. Einige von den Flüssigkeiten hätte ich gerne gehabt. Sie waren brennbar. Doch sie wurden alle aus den Flaschen und Fässern genommen und in ihren Körpern einverleibt. Was taten sie damit?
Hatten sie ein inneres Feuer das sie nähren mußten ? Zumindest lösen Menschen sich schnell auf wenn es brennt.
Es kann kein starkes Feuer in ihnen sein. Einige hatten brennende Stäbe oder Holzpfeifen. Es roch nach verbranntem Laub. Andere Menschen schritten mit silbernen Scheiben umher und verteilten die darauf, transportierten Dinge an andere weiter. Die steckten sie dann in ihre Münder es schien eine Art von fress vergnügen für alle zu sein.
Ich war noch sehr jung. Beobachtete. Versuchte zu verstehen was dort passierte. Dinge, die aus manchen Körpern kamen waren bitter und ätzend. Verunreinigten den Boden oder die Kacheln an dem Ort wo sie alle etwas hinterlassen und wegspülen.
Ich war noch zu jung und nicht entwickelt. Ich hätte sie gerne auch dazu gebracht still zu sein. So wie ich es im laufe der Zeit irgendwann mit den meißten Menschen dir hier Lebten Tat. Aber ich konnte nicht. Überall aktiv zu sein,Veränderung, Kontrolle lernte ich erst seit der letzten Stille, die lange währte. Davor kontrollierte ich immer nur einen kleinen Teil in mir selbst. Wie Feuer oder Wasser hier und da enstehen zu lassen. Wände oder Böden verändern. Mitlerweile könnte ich das ganze Haus verändern.
Es war lange ruhig. Seitdem ein weiblicher Mensch kalt und bleich aus dem gußeisernen Gefäß gezogen wurde. Seitdem Wohnten keine Menschen mehr hier.
AllerdingsTiere die suchten und nagten. Insekten schwirrend, kaum wahrnehmbar. Staub, den sie durch ihre Flügel im Sonnenlicht der Fenster bewegten. Bis sie vergingen, selber zu Staub wurden, oder Spinnen sie fraßen und die leeren, trockenen hüllen, die Netze zierten. Alles ist vergänglich um mich herum. Ich bin fortwährend.
Ich bin fest und immerdar. Keine Störungen mehr. Ich will ruhen. Lernen, meine Macht und mich selbst zu entwickeln.
Keine weiteren Spuren von vergänglichen Wesen in und auf mir. Keine Kratzer im Holz, keine Türen die ständig auf und zu gehen. Keine Steintreppen zur Küche, die an einigen Stellen tiefer wurden. Immer wieder die Last trugen. Schimmel in der Kammer von vergessenen Pflanzen und Tieren. Wasser, das aus Rohren tropft. Lasst mich sein. Allein, dunkel, schmutzig, getrennt von allen was dort außerhalb ist.
Mit Gewalt wird die große Vordertür gebrochen. Ein Paar dieser Menschen stören meine Ruhe. Ich verstehe ihre quakende Sprache nicht. Das dröhnende kommunizieren dieser Lebewesen.
Schreitend und hüpfend durchqueren sie die Eingangshalle.
Eine kreischt, die Arme von sich gestreckt im Kreis drehend. Sie haben Lichter an den Enden ihrer Arme. Keine aus Wachs mit einem Docht. Es sind Stäbe, die am Ende hell scheinen.
Das Licht ist nicht warm. Es ist kalt. Wie die kleine helle Scheibe der Nacht.
Sie spähen alles aus. Öffnen Türen und Schränke.
Es war so angenehm ohne sie.
Ich kann den Wind nicht mehr hören und spüren. Die Blätter nicht mehr rascheln und die wispernden Bäume nicht wahrnehmen . Die Erde nicht mehr fühlen. Weder mit Tieren noch mit Pflanzen kommunizieren. Sie stören all dies. Das ist falsch.
Die Fremden Menschen dürfen sich hier nicht aufhalten. Sie werden sich niederlassen wollen.
Wie das weibliche Wesen aus dem Eisengefäß.
Als die Weibliche in mir anfing zu Leben mußte ich sie nicht ertragen.
Die Hälfte des Tages war sie still. Hat sich kaum bewegt. Dann war sie oft nicht da. Als dann noch dieses männliche Wesen kam wurde es unruhiger. Dann erschienen diese nervigen kleinen Menschen, kreischend, schreiend, Dinge zerstörend. Mir Schmerzen bereitend. Diese Menschen sollten nicht hier sein. Sie müssen verschwinden. Die Pflanzen im Garten machten den Nachwuchs still.
Mein innerstes Gewahrsam zu den Pflanzen ausgestreckt, habe ich kommuniziert.
Lange, lange Zeit. Bis das Grün mich verstand und mir versicherte es könnte so wachsen, dass die Kinder verschwinden. Die kleinen aßen die Pflanzen an einem heißen Tag. Der grelle, wandernde Kreis am Himmel gab soviel Wärme, dass ich mich wohlig ausdehnen und verbreitern konnte. Es schwirrte und sirrte im Garten. Der Brunnen plätscherte.
Sie probierten von den Blüten, die süsslich auch die Bienen anlockten. Danach lagen sie eine Weile da und gingen dann zum Teich. Die helle Scheibe spiegelte sich in dem glatten Wasser. Insekten flirrten über die Oberfläche. Dann stiegen sie hinein. Bewegten sich nicht mehr. Sie waren fort. Der Männliche kam danach nicht mehr wieder.
Die Weibliche fiel rückwärts in das Eisengefäss. Nachdem ich am Boden eine Wasserlache einstehen lassen hab, durch den Wasserlauf unter dem Boden. Er hatte sich um die Wanne herum verteilt die mitten im Raum steht.
Oft hatte sie dort heißes Wasser eingelassen und sich dann hinein begeben. Mit einer Kerze in der Hand hatte sie den Raum betreten. Die Kerze erlosch als sie fiel. Es gab Geräusche als sie auf die Wanne auf traf. Ein Kratzen und Röcheln. Aber auch das verstummte. Es war wieder ruhig nachdem sie rausgetragen wurde. Lange war es ruhig, bis jetzt.
Ich hatte viel Zeit mit allem in mir und um mich herum zu kommunizieren. Mich zu regen und zu recken. Verändern und wieder zum Ursprung zurück. Besonders wenn die helle Scheibe nicht dort draußen ist funktioniert dies am besten.
Seitdem die Kerzen auf dem Dachboden, umringt von Strichen und Kreisen aus Blut, bis auf die Dielen heruntergebrannt sind.
Menschen in Umhängen und Kapuzen hoch und tief klingende Laute von sich gaben. Von einem Stapel Papier lasen, dass sie am Ende ihrer Arme hielten und Töne intonierten bin ich mir selbst gewahr.
Plötzlich brach ich durch den oberen Teil meiner selbst und das Haus am Rabenweg war ich. Etwas regte sich, mit einer Gewalt gegen diese kleinen Menschen in meiner Wahrnehmung. Mir war garnicht klar was sie sind. Ich sah nur diese Lebewesen und spürte sie müssen verstummen. Ich ließ zu, dass die Kerzen das Holz der Dielen tränkten. Schob das Wachs, das Niedertropfte langsam durch die Ritzen um sie herum.
Sie bemerkten es nicht als sie sich ihrer Umhänge entledigten und auf dem Boden miteinander hin und her rollten. Aufeinander, untereinander lagen.
Das Wachs ließ ich flüssig bleiben. Ich schmolz noch mehr aus den Kerzen heraus. Dann ließ ich den Kreis sich entzünden. Mein frisches Holz in den Dachbalken hatte noch eine Menge an Harz in sich. Dies quetschte ich heraus und lies es niederregnen auf ihre Körper. Laute lange Töne von sich gebend verstummten sie irgendwann. Viel blieb von ihnen nicht übrig. Das Feuer zerrte fast alles auf. Als ich die Flammen erstickte lagen nur noch ihre Knochen dort. Danach blieb es erstmal ruhig.
Alles in mir war frisch. Ich konnte noch die Leben der Bäume in dem Holz lesen. Die Geschichte der Steine hören. Wo sie entstanden waren. Viele kannten nur das Dunkel doch einige erzählten von großen Tieren, die ich bis heute nicht gesehen hatte. Die Bäume kamen aus Gegenden in denen lange keine Menschen gesehen wurden. Bis man sie fällte. Von ihnen lernte ich Pflanzen zu erfühlen. Kommunikation auf-zu-bauen. Tiere wahr-zu-nehmen. Niederer Austausch mit Insekten.
Bis die Frau kam. Das hatte lange gedauert.
Die Zeit, die ich hatte alleine zu sein half mir, mich zu entwickeln. Nun bin ich ich selbst. So wie ich sein soll. Ich habe alles überdauert. Ihr seid nur Staub, der sich noch als Klumpen bewegt. Lange werdet ihr nicht mehr sein. Es wird ein Ende haben.
Es waren Sieben die ungefragt hereinkamen.
Den ersten Tötete ich mit dem Schlüssel aus einem Schrank
Ich lies ihn die Luft schwirren er Versank in seinem Kopf und trat auf der anderen seite wieder herraus.
Er fiel sofort auf den Boden.
Die Zweite, die ihre Arme kreisend ausstreckte ging die große Treppe empor. Ich faltete die Stufen ineinander und riß ihr so die unteren Beine ab. Es lief viel rote Flüssigkeit aus ihr heraus bis sie verstummte.
Der Dritte gelangteallein in die Küche. Dort gab es Millionen von Kakerlaken, die sich überall versteckten. Ich gab ihnen den Befehl zu fressen. Es ging schnell.
Nummer vier hatte es sich mit Nummer Fünf auf dem Fell vor dem Kamin aus Italien gemütlich gemacht. Ihre Köpfe waren dicht beieinander. Bewegten sich hin und her. Vor und zurück.
Ich zog Hunderte der Nägel aus den Dielen und ließ sie niederregnen.
Die beiden gaben keine Töne von sich, nur einen kurzen Laut. Die Nägel ließ ich zurück an ihren Platz gleiten.
Nummer Sechs wollte wegrennen als die Zwei ihre Beine verlor. Die durchsichtigen Steine des Kronleuchters lies ich herniederregnen und in Sekunden übersehten Tausende von Schnitten seinen Körper
Der Letzte bekam von alledem nichts mit, er war auf dem leicht verbrannten Dachboden und suchte die Dielen und Wände mit seinem Licht ab. Ich wollte schon immer mal wieder ein heißes Feuer entzünden. Was ich auch tat. Dies alles geschah gleichzeitig und schnell. Es kehrte wieder Ruhe ein.
Meine Insekten und Nager würden den Rest erledigen. Dann wird wieder mehr Staub entstehen.
Die Schwingen des Hauses
Es ist bekannt, dass alte Häuser irgendwann ihr Eigenleben entwickeln, während sie in alten Zeiten zurückbleiben und ihre Hülle im Strom der Zeit zerfließt. Und dennoch ist es die Zeit selbst, die mir zu dieser Macht verhilft. Mit jeder Geschichte, die an uns erinnert, egal welche Gestalt wir auch innerhalb annehmen … solange wir nicht vergessen werden. Meine Fäden reichen bis jetzt in die Welt hinein, ziehen jene an, die sich in meinem Netz verirren, um Teil meiner Geschichte zu werden. Hier am Ende des Rabenweges.
Wie ein Tuch legte sich die Dunkelheit des Dezembers auf mein Wesen, ebenso wie über die zwei Personen und den Ort selbst, als ein Licht eines der angelaufenen Fenster traf, die so vieles bereits gesehen hatten und nur einen schwachen Dunst dessen wiedergaben, was jene beherbergten. Die schweren Türen, die aus altem Holz bis heute der Witterung standhielten und doch ihre Spuren unverkennbar kundtaten, hielten jene nicht auf mich zu betreten, trotz all der Warnungen, die jene Wissenden um meines Wesens, ihnen anvertrauten.
Wie ein Hauch dunklere Erinnerungen, strich ich über ihre noch verschlossenen Sinne hinweg, flüsterte dunkle Vorahnungen alter, längst vergessener Zeiten und Tragödien, deren Schrecken sich in den Schatten um ihnen herum manifestierten, als sie sich den Geschichten und Geheimnissen öffneten. Das Symbol einer schwarzen Feder leitete sie voran. Mit ihrer wurde mein Beginn gezeichnet, mit ihrer Tinte mein Leib gebannt und doch erhebe ich meine Schwingen in die rabenschwarze Nacht. Werfe Schatten in jene Herzen und Seelen.
Das alte Zimmer, in das Sie eintraten, beinhaltete einen in die Jahre gekommenen Schreibtisch, auf dessen Oberfläche ein längst vertrocknetes Tintenfass mit dazugehörigen vergilbten Papier ruhte, das andächtig an vergessene Zeiten erinnerte und an jene dunklen Tage. Mein kleiner Kamin strahlte eine ungewohnte Kühle aus, kühler als es für gewöhnlich der Fall gewesen wäre. Unweit davon befanden sich ein alter Ohrensessel und an der rechten Wand ein zerbrochenes Bücherregal. Bücher lagen verstreut auf dem Boden und die Seiten flatterten im leichten Luftzug der sich schließenden Tür umher. Nur ein Spiegel wirkte etwas deplatziert, so groß, dass man sich in ihn hätte spiegeln können, wäre jener nicht von einer dichten Staubschicht bedeckte und das Glas durch die verstrichenen Jahre in Mitleidenschaft gezogen worden.
Und dennoch war es genaue jener, in dem ich einen von ihnen mein Wesen offenbarte, als ich ihn ein Stück meines Geheimnisses zeigte und die Schatten meiner Schwingen ihn umfingen. Sein rasendes Herz, das langsamer und langsamer wurde als er mein Wesen erkannte, das über ihn thronte. Sein regloser Körper unter mir, wie einst jener Mann. Hörst du langsam auch mein Pochen, ja mein Pochen an der Tür? Wie der Wind in meinen Schwingen, das matte sanft Verglimmen, in Erinnerung mit sich trägt? Siehst du jetzt die alten Schemen, die aus Fenstern matt erzähln und ein seidig tristes Hängen im Samt verblasst vom Alter her? Jenen Raben den ich sandte, aus den alten Sagen her? Denn ihr erhebt euch aus den Schwingen, meiner Schwingen schwarz und schwer, meines Hauses, meines Leibes, meines Wesens, nimmermehr!
Ein Haus hat Gefühle
Die Anwohner nannten die Taubenstraße, wegen der vielen Krähennester in den Friedhofsbäumen Rabenweg. Die alte Villa auf dem Hügel hatte schon bessere Zeiten gesehen, meinten die Menschen in der Nachbarschaft.
Das Haus selbst war ganz zufrieden mit der Situation. Ein paar Gebrechen hat doch jeder, der in die Jahren kommt. Ein wenig Feuchtigkeit im Keller, da wo die Wurzeln der Kastanie ihm zu nahe kamen, eine lose Regenrinne, die eine oder andere Dachpfanne, die der Sturm gelockert hatte
Die Einweihungsfeier war schließlich fast zwei Hundert Jahre her. Daran konnte sich kein lebender Mensch mehr erinnern. Das Haus selbst hatte daran auch nur vage Erinnerungen, etwa an einen sonnigen Tag im Frühling, an eine nervtötende Blaskapelle und an eine kleine Schar vorwitziger Kinder, die auf seinen Dachboden herumkrabbelte, der damals noch nach frischem Kiefernholz duftete.
Das Haus war zufrieden, wenn es seine Ruhe hatte und verfolgte die Veränderungen in der Natur seines Gartens im Laufe der Jahreszeiten. Es hatte auch nichts gegen Besuch, solange niemand seine Existenz bedrohte.
Der kleine Junge aus dem Haus gegenüber, der durch das Loch im Zaun schlüpfte und Kastanien und Eicheln sammelte.
Die ältere Frau aus der Siedlung, die regelmäßig im Herbst das Zutritt-verboten-Schild ignorierte, den Drahtverschluss in der Gartenpforte aufdrehte und Brombeeren und Zwetschgen in einem Eimer nach Hause trug.
Vorsicht war geboten, wenn Besucher mit undurchsichtigen Absichten auftauchten. Der letzte Bewohner, eines der Nachkommen der Kinder vom Dachboden, hatte die letzten Jahre in der Bibliothek vor sich hingedämmert. Nun lebte er seit geraumer Zeit in geistiger Umnachtung in einem Pflegeheim und die Erbengemeinschaft versuchte verzweifelt, das Anwesen zu verkaufen, um die Pflegekosten zu finanzieren.
„Es gibt einen kleinen Renovierungsstau, wie im Exposé beschrieben.“, sagte der Makler euphemistisch und schielte besorgt zu der tropfenden Regenrinne. „Aber das Haus hat Potential!“
Die Herbstsonne ließ den Ahorn leuchten und tauchte den Garten in ein goldenes Licht. Die junge Frau war begeistert. Sie roch das Laub, das sie zusammenfegen und in das Hochbeet ihrer Träume stopfen würde. All das war in ihrem handtuchschmalen Reihenhausgrundstück unmöglich.
Ihr Mann schaute mit gerunzelter Stirn und einer Miene, von der er hoffte, dass sie halbwegs sachverständig wirkte, an der Fassade empor. Sein Blick blieb am Fenster einer Dachgaube hängen, das ihn merkwürdig dunkel anschaute.
„Wir wollen uns zuerst einmal die Innenräume ansehen.“, forderte er und nickte dem Makler ermunternd zu. Der machte sich beflissen an dem altertümlichen Schloss zu schaffen.
Das alte Haus hatte immer noch einen gesunden Selbsterhaltungstrieb. Es spürte die Stimmungen und Emotionen der Besucher ebenso wie den Druck der Kastanienwurzeln, die sein Fundament untergruben. Im letzteren Fall hoffte es auf die Hilfe der Rosskastanienminiermotte, die dem aggressiven Gehölz über kurz oder lang den Garaus machen würde. Deren Larven konnten sich allerdings nur vermehren, wenn das Laub unter dem Baum liegenblieb.
Das war im Hinblick auf die Absichten der jungen Frau unwahrscheinlich. Diese Laiengärtnerin hatte zwar tausend Ideen, aber von nichts eine Ahnung. Als der TV-Gärtner in ihrer Lieblingsserie darauf hingewiesen hatte, dass Kastanienlaub im Kompost eher schädlich war, hatte sie sich in der Reihenhausküche einen Kräutertee gekocht und diese wichtige Information verpasst.
Mit Recht vermutete das Haus, diese unbedarfte Garten – Elevin werde jedes erreichbare Blatt rund um das Gebäude einsammeln und in das Hochbeet ihrer Träume stopfen.
Ihr Mann hatte Phantasien, die er seiner sentimental gestrickten Frau wohlweislich verschwieg. Er dachte tatsächlich darüber nach, ob man für das baufällige Gemäuer nicht eine Abrissgenehmigung erlangen könnte. In Gedanken sah er einen modernen Bungalow vor sich und versuchte ihn auf dem vorhandenen Grundstück in die bestmögliche Lage zu drehen. Einige der alten Bäume würde er, seiner Frau zuliebe, verschonen, soweit das möglich war.
Das Haus war entsetzt und ließ die alte Holztreppe bei jedem Schritt bedrohlich knarren. Alle Türen im Obergeschoss verzog es derart, dass sie nur mit größter Mühe zu öffnen waren.
Als der Makler versuchte das Licht einzuschalten, knisterte es unheimlich in den Verteilerdosen und eine Sicherung flog heraus. Die Fenster saßen fest und große Stücke Putz fielen aus der Laibung beim Versuch sie zu öffnen. Die Besucher kehrten zurück ins Erdgeschoss.
Auf der vorletzten Treppenstufe riss das hundertjährige Sisalgewebe des Läufers und die Haltestange flog klappernd aus ihrer Halterung. Der Makler klammerte sich an das Geländer und versuchte, seinen Schrecken durch ein mühsames Grinsen zu verbergen.
„Alte Häuser sind doch immer für eine Überraschung gut.“, stöhnte er.
Unterdessen inspizierte der junge Mann die Wandschränke im Esszimmer. Neugierig schob er die Klappe des betagten Speiseaufzugs in die Höhe. Er steckte den Kopf in den leeren Schacht und zerrte an den dicken Seilen, mit denen der Aufzug bewegt wurde. Mit Donnergetöse stürzte der Speiseaufzug aus dem Obergeschoss herab und verfehlte seinen Kopf nur um Millimeter. Der Kaufinteressent landete rückwärts auf dem Hosenboden und eine Wolke aus Holzsplittern und Staub flog ihm um die Ohren.
„Ich glaube, dieses Projekt übersteigt unsere Möglichkeiten.“, seufzte der junge Mann schließlich und zog seine Frau am Arm, die vor Schreck wie gelähmt war.
Das alte Haus stöhnte und knarrte vor Erleichterung und ließ zur Bekräftigung auf der Rückseite einen Dachziegel auf den gepflasterten Hof fallen.
Vielleicht interessiert sich ja doch einmal ein Handwerker, mit Glück ein Dachdecker oder Zimmermann für mich, dachte das Haus, jemand, der es gut mit mir meint und ein Interesse daran hat, Erhaltenswertes zu bewahren.
Aus der Ferne höre ich ein Knistern. Wo bin ich? Wie lange war ich bewusstlos? Ich spüre mich selbst nicht mehr.
Ist es schon dunkel?
Ich versuche, meine Augen zu öffnen. Wie spitze Nadeln stechen die Strahlen des kalten Mondlichts darauf.
Dünne Flocken wirbeln orientierungslos in der Luft.
Grausam umgreift das grelle Mondlicht die kahlen Konturen der Bäume um mich herum. Ein ekelhafter Geruch von verbranntem Holz und Fleisch liegt über allem.
Was ist nur passiert? Ich erinnere mich nicht.
Ich höre einen gewaltigen Lärm direkt unter mir. Ich schaue nach unten und verliere jeglichen Halt und dennoch fixiert sich mein Blick auf den Haufen Geröll, der sich ein letztes Mal bewegt.
Es dauert eine Weile, bis sich der Steinhaufen beruhigt hat.
Das war der Kamin!
Blankes Entsetzen fährt in mich hinein. Das da unten bin ich. Also ich, wie ich mal Stein auf Stein aufgebaut war. Das hier oben bin auch ich. Ohne Steine und Wände und Türen und Fenster und Kamin.
In der Ferne zerschneidet ein rotgelber Strahl den Horizont in zwei Hälften.
Kurz darauf wölbt sich an genau dieser Stelle eine überdimensionale weißgelbe Kugel. Sie schmiegt sich fast ästhetisch durch die verschiedenen Luftgrenzen.
Ein grässlicher, jaulender Knall wischt mit einer Handbewegung die letzten Steine unter mir weg.
Jetzt fällt mir wieder ein, was passiert ist.
Ich sehe ein letztes Mal die Feuerwand auf mich zukommen …
Schatzsuche
Als die beiden Abenteuerinnen die hölzerne, 200 Jahre alte Treppe hinaufsteigen, lasse ich die Dielenbretter bei jedem ihrer Schritte ächzen und knirschen. Normalerweise tue ich so etwas nicht, da ich das als unfein und als ein Mangel an guten Manieren ansehe, aber im Fall dieser beiden vorwitzigen Entdeckerinnen mache ich eine Ausnahme.
Ich nehme wahr, wie der Schein ihrer Taschenlampen über die Tapeten streifen, deren Muster und Farben schon lange verblasst sind. Ich nehme wahr, wie ihre Füsse vorsichtig über den staubbedeckten Dielenboden tapsen (den Staub werde ich leider nicht los, obwohl ich regelmässig alle meine Fenster öffne und kräftig durchlüfte).
Eine wilde Vorfreude überkommt mich, beim Gedanken an das Kommende.
Jetzt müssten sie es eigentlich jeden Moment entdecken.
Sie sind noch drei Schritte davon entfernt, zwei, einen…
«Margarete schau mal.», sagte die kleinere Entdeckerin und leuchtet auf den Schriftzug, der in roten Buchstaben an der Wand prangt.
«Was steht da?», fragt die Kleinere die Grösse, die bereits angestrengt auf die Lettern starrt.
Ich halte diesen Schriftzug ja für ein Meisterwerk, vor allem wenn man daran denkt, dass ich ja gar keine Hände besitze.
«Sei still.», antwortet die grössere Abenteuerin, «Das ist ziemlich schwierig zu lesen, äh ich meine zu übersetzen. Ausserdem hat, der der das geschrieben hat offenbar eine richtige Sauklaue.»
Das verletzt mich nun doch ein bisschen und dämpft den Spass, den ich bei dieser Angelegenheit empfinde, aber zum Glück nur kurz.
«Da steht: „Was dringt durch die Wand und ist dennoch kein Nagel?“», buchstabiert, äh ich meine übersetzt die grössere Abenteuerin mühsam.
Ratlos sieht sie die Kleinere an.
Diese runzelt die Stirn und fragt: «Und was machen wir nun damit? Sollen wir einen Nagel in die Wand einschlagen?»
Ich erschauere unwillkürlich, so dass alle in mir verbauten Bretter gepeinigt aufächzen. Ich kann zwar keinen Schmerz wie ein Wesen aus Fleisch und Blut empfinden, aber es ist mir dennoch unangenehm, wenn man mich beschädigt.
«Äh, nein ich glaube das müssen wir nicht.», sagt die Grössere der beiden denn auch schnell, «Ich glaube vielmehr, das ist ein Rätsel. Wenn wir es lösen wissen wir, was wir tun müssen.»
Leise kichere ich in mich hinein, so dass alle in mir verbauten Bretter ganz leicht vor Belustigung vibrieren. So leicht machte ich es den beiden dann natürlich auch wieder nicht.
«Hmm, ein Rätsel also.», sagt die Kleinere und legt ihre Stirn in nachdenkliche Falten.
Auch der Grösseren sieht man an, dass sie angestrengt nachdenkt.
«Etwas das durch die Wand dringt, aber kein Nagel ist.», sinniert die Kleinere, dann hellt sich ihr Gesicht plötzlich auf.
«Ich weiss es», ruft sie triumphierend, «Es ist eine Schraube. Denk doch daran Margarete, als Vati das Bild in seinem und Muttis Schlafzimmer aufhängen wollte. Zuerst hörten wir den Lärm der Bohrmaschine und dann brach die Schraube durch die Wand des Kinderzimmers.»
«Elisabeth, das ist sicher nicht die Lös…», setzt Margarete zu einer gereizten Erwiderung an und brach dann ab.
«Was hast du eben gesagt.», ruft sie aufgeregt.
«Äh, die Schraube brach durch die Wand des Kinderzimmers?», antwortet Elisabeth verwirrt.
«Nein davor.», antwortet Margaret nun vor Aufregung auf den Fussballen wippend.
«Äh,», Elisabeth reibt sich die Stirn, als sie sich angestrengt zu erinnern versucht, was sie denn gesagt haben könnte, dass ihre Schwester derart in Aufruhr versetzt haben könnte, « Denk doch daran Margarete, als Vati das Bild in seinem und Muttis Schlafzimmer aufhängen wollte. Zuerst hörten wir den Lärm …»
«Lärm.», jauchzt Margarete, «Das war es.»
Sie dreht spontan eine Pirouette. Auf einem Bein. Ich finde das beeindruckend. Ich kann so etwas natürlich nicht. Ich habe keine Beine und mein Fundament lässt sich nicht drehen. Als ich es einmal versuchte bin ich beinahe zusammengestürzt.
Margarete hat ihre Pirouette beendet und schaut ihre Schwester mit funkelnden Augen an.
«Elisabeth.», sagt sie, «Was dringt durch die Wand und ist weder ein Nagel noch eine Schraube?»
Elisabeth schaut sie verwirrt an, aber nur kurz, dann breitet sich auf ihrem Gesicht ein Grinsen aus.
«Lärm.»
«Oder ein Geräusch.», Margarete reibt sich zufrieden die Hände, «Klopfen wir doch mal die Wand ab. Vielleicht dringt ja eines der Klopfgeräusche hindurch»
Die beiden Abenteuerinnen beginnen damit die Wand um den Schriftzug herum abzuklopfen.
Ich hätte nicht gedacht, dass sie so schnell darauf kommen. Den Schritt von der Lösung des Rätsels zu dem Gedanken, dass man, da ein Geräusch ja eine Wand durchdringen kann, aufgrund des Klangs eine Klopfens an der Wand feststellen kann, ob sich dahinter ein Hohlraum befindet, hatte ich eigentlich für grösser gehalten.
Die beiden brauchen nicht lange, bis sie bemerken, dass ihr Klopfen auf einer Fläche etwas unterhalb des Schriftzugs anders tönt, dumpfer als andernorts.
«Da ist also unsere Tür.» sagt Margarete zufrieden, «Jetzt müssen wir sie nur noch aufkriegen und wir sind einen grossen Schritt näher an unserem Schatz.»
Die beiden beginnen damit die Wand um die versteckte Tür herum abzuklopfen und nach einem versteckten Schalter oder etwas Ähnlichem zu suchen.
«Ha.», sagt Elisabeth plötzlich und zieht an einer kaputten, in die Wand eingearbeiteten Lampe. Die bewegt sich keinen Millimeter. Kein Wunder, schliesslich ist es auch kein Schalter sondern lediglich eine kaputte Lampe. Da ich jedoch der Meinung bin, dass die beiden nun lange genug gesucht haben, lasse ich den Verschluss der Tür dennoch mit einem lauten Klick aufschnappen.
Margarethe ist sofort zur Stelle und drückt die etwa 75 Zentimeter hohe Klappe auf.
«Gut gemacht Elisabeth.», sagt sie, begibt sich auf alle Vieren und kriecht in den niedrigen Gang, der hinter dieser kleinen Tür beginnt.
Elisabeth zögert kurz, aber dann folgt sie ihrer Schwester. Kaum, dass auch sie über die Schwelle gekrabbelt ist, lasse ich die Klappe hinter den beiden ins Schloss fallen.
Sie erschrecken sich kurz, doch kriechen dann mutig weiter.
Im Gang ist es stockfinster und wenn man auf allen Vieren kriecht, kann man nicht gut mit einer Taschenlampe umherleuchten. Stetig führt der Gang abwärts immer tiefer in meine Eingeweide hinein. Elisabeth muss immer wieder niesen von all dem Staub in dem engen Gang und es ist ein grosses Glück, dass sich die Beiden nicht vor Spinnen fürchteten, denn diese bevölkern den Gang in grosser Zahl.
Endlich gelangt Margarethe an eine Wand, in die eine weitere kleine Tür eingearbeitet ist, die sie mit einer kleinen Türklinke öffnen kann.
Durch diese Tür gelangen die beiden, staubbedeckt und mit Spinnweben im Haar, in meine grösste Küche, die im Keller direkt unterhalb des grossen Speisesaals liegt.
Vieles ist aus dieser Küche ausgebaut worden, so dass nur noch ein gemauerter Herd und einige Einbauschränke darin verblieben sind. Und an der einen Seite des Raumes, gibt es einen Speiseaufzug. Mit diesem konnte man das Essen schnell und einfach von der Küche in den darüberliegenden Anrichteraum bringen, von wo aus es dann in den daran angrenzenden Speisesaal getragen und serviert wurde. Diese Zeiten sind freilich schon lange vorbei, aber der Aufzug funktioniert noch.
Die beiden Abenteurerinnen, werden jedoch sogleich von etwas anderem abgelenkt.
An der, dem Speiseaufzug gegenüberliegenden Raumseite, hören sie ein Rascheln, ein Scharren und ein Quieken.
Sie richten zögerlich ihre Taschenlampen darauf und erstarren.
Dort drängten sich etwa drei Dutzend hungrige Mäus…, äh ich meine drei Dutzend riesige, blutrünstige Ratten.
Die Tiere blinzeln einen Moment verwirrt ins Licht und stürmen dann los.
Die beiden Entdeckerinnen sind zwar schneller als ihre Verfolger, aber an die Wand, an die sie die Bestien treiben, hat es keine Tür. Es hat nur den Speiseaufzug.
Kurz entschlossen klettern die beiden hinein.
Kaum sitzen sie drin, setze ich den Aufzug in Bewegung. Dabei gebe ich gut darauf Acht, dass der Aufzug schön langsam und gleichmässig fährt, damit sich keine der beiden Schwestern verletzt.
Oben angekommen, steigen die beiden aus dem Speiseaufzug aus, leuchten kurz mit ihren Taschenlampen in dem kleinen Anrichteraum herum und verlassen ihn dann durch die Tür zum Speisesaal.
Der Speisesaal war einst ein prächtiger hoher Saal mit prunkvoller Ausstattung, in dem bis zu 50 Gäste bewirtet werden konnten. Ich empfand ihn immer als zu gross und zu überladen. Heute ist von der einstigen Pracht nicht mehr viel zu sehen. Nun ist es nur noch ein riesiger, düsterer Saal mit einem dreckigen Fussboden und hohen, noch dreckigeren Fenstern.
Die beiden Entdeckerinnen leuchten neugierig in dem riesigen Raum herum, auf der Suche nach einem weiteren Hinweis.
Sie müssen nicht allzu lange suchen, bis sie den blauen Schriftzug an der Wand entdecken.
„Dieser Ort ist ungemütlich,
drum ist hier kein Schatz, vermutlich.
Kommt dorthin wo ich kann sprechen
und ich geb ihn euch, dies ist ein Versprechen.“
Ich gebe zu, es ist ein lausiger Reim, aber er erfüllt seinen Zweck.
Margaretes Augen leuchten auf und nachdem sie den Satz Elisabeth vorgelesen hat, leuchten auch deren Augen.
Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, stürmen die beiden aus dem Speisesaal, durch den langen Gang, eine Treppe hinauf, um die Ecke und stossen die Tür zu der kleinen Bibliothek mit Kamin auf.
Die kleine Bibliothek ist das einzige Zimmer in mir, das noch immer vollständig möbliert ist. Allen die es ausräumen wollten, habe ich den Zugang verwehrt und die Türe verschlossen gehalten. So stehen in dem kleinen Raum immer noch gefüllte Bücherregale, in deren Mitte ein grosser, roter Polstersessel und ein kleines, rotes Sofa um einen kleinen, blank polierten Holztisch stehen. Die Sessel und das Sofa sind einem kleinen Kamin zugewandt, in dem ein kleines, lustiges Feuerchen flackert, das den Raum erhellt und mit Wärme erfüllt.
Die Augen der Entdeckerinnen ruhen jedoch auf der kleinen Truhe auf dem Holztisch und auf dem grossen goldenen Grammophon daneben, das einzige Gerät durch das ich mit Menschen sprechen kann.
«Hallo zusammen.», sage ich und meine Stimme dringt wie immer leicht scheppernd aus dem Grammophon, «Wie hat euch die Schatzjagd heute gefallen?»
«Sie war spitze.», antwortet Margarete und strahlt, «Den kleinen Geheimgang in die Küche habe ich noch gar nicht gekannt.»
Ein vorwurfsvolles Fiepen erklingt und die beiden Entdeckerinnen, die nun wo das Spiel aus ist, wieder zwei kleine Mädchen sind, wenden sich dem roten Sessel zu.
Auf diesem sitzen drei Dutzend riesige, blutrünstige Ratten, die nun wo das Spiel aus ist nur noch friedliche Mäuse sind, die aufgrund ihrer schauspielerischen Meisterleistung entsprechend gelobt und belohnt werden wollen.
«Ja natürlich.», sagt Elisabeth mit ihrer hohen Kinderstimme, «Ihr wart klasse. Ich habe für einen Moment richtig Angst gekriegt.»
Margarete hat inzwischen einen grossen Laib Weissbrot aus einer Tasche genommen, die sie die ganze Schatzjagd über mit sich herumgetragen hat und legt ihn den Mäusen hin, die sich dankbar darüber hermachen.
«Und ihr selbst wollt euch nicht belohnen?», lache ich leise und öffne dabei langsam den Deckel der kleinen Truhe auf dem Tisch. Darin befinden sich viele Dutzend Schokoladentaler.
Margarete und Elisabeth jubeln und nahmen sich jeder einen. Dann schliessen sie die Truhe wieder.
«Versteck sie doch mal woanders.», meint Margarete, «Dann wird das Spiel noch interessanter.»
«Mal schauen.», antworte ich, «Dies ist eigentlich das gemütlichste Zimmer, aber es gibt auch noch ein zwei andere interessante Plätze in mir und meine kleinen Mäusefreunde könnten das Grammophon vielleicht dorthin transportieren.»
Elisabeth zupft plötzlich aufgeregt an Margaretes Ärmel.
«Margarete was ist für Zeit?»
Margarete sieht auf ihre Armbanduhr und schlägt sich die Hand vor die Stirn.
«Höchste Zeit ist es.», sagt sie aufgeregt, «Tut uns leid aber wir müssen zurück bevor Vati und Mutti noch merken, dass wir weg sind. Wir kommen nächsten Samstag wieder.»
«Ich werde da sein.», sage ich mit einem Lachen.
«Du bist das beste Haus der Welt.», rufen die beiden Mädchen, bevor sie das Kaminzimmer verlassen.
Ich verfolge ihren Weg nach draussen.
Caprini, der Anführer der Mäuse setzt sich neben das Grammophon und knabbert zufrieden an einem Stück Brot. Dann sagt er, was er jedes Mal sagt, nachdem die Mädchen gegangen sind.
«Ist ja schon witzig, dass ein Haus mit deiner Vergangenheit zum Abenteuerspielplatz für zwei kleine, freundliche Mädchen wird.»
Ich antworte, was ich jedes Mal antworte, wenn er diese Bemerkung macht: «Nach all dem Blut, das auf meinen Dielen vergossen und auf meinen Tapeten verspritzt worden ist und nach all den Schreien und dem Weinen, dass in meinen Gängen und Fluren erschallt sind, tut es gut, wenn das Lachen kleiner, unschuldig spielender Mädchen durch meine Räume perlt.»
Das Gedankenspiel
Wieder funkelten die letzten Sonnenstrahlen durch meine Fenster und lassen alles orange-rötlich schimmern. Bis schliesslich die Nacht alles in Dunkelheit hüllt. Ich höre den Wind durch mich fahren und es schmerzt. So viele Jahre bin ich nun hier. Stehe am Ende des Rabenweges, ein alter Kastanienbaum an meiner Seite und frage mich… wann es vorbei sein wird.
Wann wird der letzte Windhauch durch meine Risse und Löcher pfeifen? Wann wird der letzte Regentropfen gegen mich peitschen? Wann wird der letzte Sonnestrahl mich wärmen? Und wann, wann wird der letzte Schneekristall mir ein weißes Antliz zaubern? Meine Dielen knarrten. War es soweit? Wie jedes Jahr um diese Zeit verirrten Sie sich auch heute zu mir. Eine Gruppe Abenteurer. Kleiner Abenteurer. Zaghaft tippelten Sie die Stufen zu meiner Eingangstür hoch. Mal so prächtig anzusehen, war da nur noch ein rissiges und sprödes Türenblatt das gerade noch so in den Angeln hing. Zielstrebig bewegten sich die kleinen Abenteurer. Liefen zügig über den brüchigen und aufgesprungen Boden um an jenen bestimmten Ort zu gelangen.
Viele Lebewesen versuchten ihn zu finden. Doch tat es sonst niemand. Es waren von Gerüchten die Rede, ich wäre ein Horror Haus und würde jeden verschlingen der über meine Schwelle trat. Lächerlich! Was konnte ich dafür wenn diese Monster sich verliefen, eine lose Diele übersahen oder den Balken nicht bemerkten der auf sie zusauste. Ich war nun mal 200 Jahre! Alt, allein gelassen und vernachlässigt. Das einzigste was ich tun konnte, ihnen den Weg endlos zu machen. Damit Sie diesen Ort nie fanden. Ein Ort für meine kleinen Abenteurer. Ein Ort den man nur fand wenn ich es wollte. So wie heute.
Gekonnt hüpften die kleinen Abenteurer die Stufen hinunter. Gingen über den feuchten und nassen Boden. Bis Sie schliesslich den Ort fanden. Auch wenn ich dort den Verfall nicht gänzlich fernhalten konnte. War es für die kleinen Abenteurer ein Ort von Sicherheit, Wärme und Ruhe. Um der kalten Jahreszeit, die sich immer weiter ausbreitete, zu entfliehen. Sie kuschelten sich in die alten Kissen, knabberten an ihrem Wintervorrat und schliefen seelig ein. Der Wind fährt durch mein Gemäuer und es schmerzt. So viele Jahre bin ich nun hier. Hören den Wind rauschen, fühle die Nässe, spühre wie die Risse im Putz immer größer werden.
Und hoffe… dass ich noch einige Jahre mehr, meinen kleinen Abenteurern Schutz geben kann …bevor ich mein Ende finde.
Ich habe gehört, ich soll neue Fenster bekommen und eine Dämmung, und die Vorstellung, dass irgendjemand an mir einen Bohrer ansetzt, behagt mir gar nicht. Ich bin das letzte Haus im Rabenweg und auch das letzte, das weder Zentralheizung noch Jalousien hat. Man hört munkeln, dass es im Frühling so weit sein soll, und ich bin nicht begeistert davon. Ich hasse es, wenn man an mir herumfummelt. Der letzte, der es versucht hat, liegt immer noch im Keller. Defekte Stromleitungen …
Ich höre ein ungewöhnliches Geräusch. Eins, das weder der Wind noch ein Eichhörnchen ist, es sind … menschliche Geräusche. Ekel packt mich. Hoffentlich bleiben sie im Garten stehen und lassen mich in Ruhe.
»Bist du dir sicher?«, ich höre sie näherkommen und vor meinem Eingang anhalten. Meine Tür ist verschlossen, der Riegel vorgeschoben und das soll auch so bleiben.
»Ich geh da rein. Ich bin nicht umsonst den weiten Weg gefahren.«
»Was, wenn das Haus wirklich voller Leichen ist?«
»Dann machen wir ein Video und hauen wieder ab.«
»Mir ist nicht wohl dabei, ich glaube, ich bleibe draußen.« Ah, sie haben auch eine Frau in ihrer Gruppe, und würde ich Worte mit einer Stimme sprechen können, würde ich ihr raten, genau das zu tun. Und zu rennen. Ich bemerke einen Vorwitzigen näher kommen, und kurze Zeit später ein Ruckeln an meiner Tür. Zwar kann ich es nicht ausstehen, dass jemand an mir dran ist, aber gleichzeitig spüre ich auch ein gewisse … Vorfreude.
Einer drückt grob an meine Tür und gleich darauf steht er auf meinem Boden. »Ich bin drin«, teilt er seinen Freunden mit und acht weitere Füße betreten mich.
»Und?«, fragt die weibliche Stimme. Sie ist ängstlich und aufgeregt und sie ist auch die Erste, der ich ein bisschen Wechselstrom durch den Körper fließen lasse. Nur ein bisschen, nur ein bisschen kitzeln.
»Was war das? Habt ihr das auch bemerkt?«, fragt sie noch ängstlicher, noch drängender.
»Was denn?«, fragt ein anderer.
»Dieses Kribbeln. In den Beinen.« Sie antworten nichts, vielleicht schütteln sie die Köpfe, vielleicht nehmen sie sie nicht ernst.
Wäre besser, sie würden.
»Hier ist gar nichts. Nicht mal eine Maus.«
»Halt trotzdem drauf«, sagt der Vorwitzige.
»Ich geh mal nach oben.«
»Meinst du wirklich?«, fragt die Frau. »Sollen wir nicht einfach wieder gehen?« Zur Bestätigung bekommt sie noch etwas Spannung. Sie quietscht auf, bewegt sich aber nicht von der Stelle. Einer geht los, die Treppe hoch, geht durch meine Räume, filmt dort wahrscheinlich auch und bleibt am Treppenabsatz stehen.
»Ich geh … ich geh raus«, sagt die weibliche Stimme, und ich spüre ihre Tritte Richtung meiner Tür.
»Ja, warte am Auto, wir sind gleich fertig. Nur noch ein Take.«
»Die Tür ist verschlossen!« Noch mehr Angst in der Stimme.
»Das kann nicht sein, ich habe extra einen Stuhl in die Tür geschoben.«
Der Eindringling in meinem ersten Stock legt die Hand an die Wand und murmelt: »Was für eine Bruchbude.« Ich bin keine Bruchbude. Meine Substanz ist gut. Ich wurde in den frühen 1930er-Jahren renoviert und mit Stromleitungen versorgt.
»Der steht nicht mehr da!«, ruft die Frau.
»Die totale Verschwendung, hierherzukommen«, sagt der Mensch oben, tritt auf die erste Stufe und ich verpasse ihm durch die Wand einen Stromschlag, diesmal einen kräftigen. Einen, der seine Muskeln verkrampfen und ihn stürzen lässt. Er fällt die Treppe hinunter und bleibt etwas unglücklich am Rücken liegen.
»Wie, der Stuhl … oh!«
Die Frau kreischt auf. »Max!?« Sie muss den Menschen meinen, der rücklings auf der Treppe liegt. Einer der anderen Männer stürzt näher und ich verpasse ihm einen Stromschlag. Er zuckt und ächzt und ich lasse noch ein bisschen mehr durch ihn hindurch fließen.
»Wir brauchen einen Krankenwagen!«
»Mein Handy spielt verrückt!«
»Verdammt!«, schreit der erste Eindringling und versucht, zu den anderen zu gelangen, aber ich erschwere es ihm mit einem gezielten Stromschlag. Die drei Männer liegen am Boden, die Frau ist erstarrt, sie bewegt sich nicht und kreischt auch nicht mehr. Stille, o wie schön. Ich lasse den Riegel zurückspringen und öffne die Tür für sie. Wir Frauen müssen zusammenhalten.
Die Dielen knarzen, die Fensterläden klappern und ein bisschen Putz bröckelt von meinen Wänden ab. Alles ächzt, wenn ich mich strecke. Draußen taucht die Dämmerung den Straßenzug, in dem ich stehe, in ein sagenumwobenes Licht. Die Äste und Zweige, an denen nur noch wenige Blätter hängen, schwingen im kühlen Herbstwind hin und her und geben ein schaurig schönes Schattenspiel. Niemand geht bei dieser Jahreszeit freiwillig abends bis zum Ende der Straße, wo ich stehe. Viel zu abscheulich muss mein Antlitz für die anderen sein. Meine von Moos bewachsene Außenwand zieht sich wie ein Geschwür um die ganze Fassade. In der kalten Jahreszeit wärmt mich dieses Gewächs. Wir sind eine perfekte Symbiose, die Natur und ich.
Plötzlich höre ich Stimmen. “Aber du gehst zuerst” “Bist du wahnsinnig? Mich kriegen keine zehn Pferde in dieses marode Ding. Es sollen schon Menschen darin verschwunden sein.” “Sei kein Schisser, Ben. Und Wettschulden sind Ehrenschulden. Oder willst du, dass die ganze Klasse von dir als Hossenschisser weiß?” “Nein, scheiße, is ja gut. Ich mach’s, aber ihr kommt hinterher. Ist das klar?”
Oh, wie aufregend. Besuch. Noch einmal prüfe ich meine Fensterläden, ob sie noch furchteinflößend klappern. Auch der Putz ist an einigen Stellen sehr locker. Wunderbar.
Meine Haustür knarzt so doll, dass selbst ich Gänsehaut bekomme. Dann plötzlich…
“KARLCHEN!!!” Ich schüttele mich. “KARLCHEN! Aufwachen. Die Kinder kommen jetzt raus und wollen an ihre Fahrzeuge und Spielsachen.” Ich blinzele, weil die aufgehende Herbstsonne direkt in meine Fenster scheint. Ach, manno. Wieder nur ein Traum. Aber ich bin mir sicher, wenn ich irgendwann groß bin, dann werde ich furchtbar gruselig für alle anderen sein.
Usher
Man gab mir den Namen Usher.
Ich hasse meinem Schöpfer dafür. Für ihn mag es ein makaberer Spaß gewesen sein, mich nach der Geschichte eines berühmten Schriftstellers zu nennen, für mich jedoch ist es ein Fluch, der über die Jahrzehnte immer schwerer auf meinem Gebälk lastet.
Kein Haus will so sein. Kein Haus will Unglück und Verderben bringen über jene, die sich im Grunde nur geborgen fühlen, ihre Kinder an einem sicheren Ort großziehen wollen. Die ihre gesamten Ersparnisse dafür hergeben, sich ihren Wunsch nach einem glücklichen Leben zu erfüllen.
Und ich habe es versucht. All die Jahre war ich verzweifelt bemüht, das Licht im Haus zu bewahren, das Abblättern der Farbe an den Wänden aufzuhalten, den Staub auf den Treppen verwehen zu lassen. Ich schwöre, ich habe alles getan, was in meiner Macht stand. Aber was ist das schon? Die Macht eines Hauses, auf ewig dazu verdammt, stillzuhalten. Auszuhalten, was man ihm antut.
Ihr werdet sagen, das ist nun mal die Aufgabe eines Hauses, still und stoisch seine Bestimmung zu ertragen. Aber Ihr habt nicht erfahren, was ich alles miterleben musste. All die Tode zu beherbergen, die tragischen Schicksale, Krankheiten, Trennungen. Sogar dem Wahnsinn gelang es einmal, Einzug zu halten. Ihnen allen gab ich Raum, ihnen war ich ein wahres Zuhause.
Ich habe keine Kraft mehr. Und wenn ein Haus einen Wunsch äußern darf, wünsche mir mehr als alles Andere, unterzugehen zu dürfen, meiner wahren Bestimmung zu folgen.
Mein Name ist Usher.
Und Ihr? Glaubt Ihr nicht an die selbsterfüllende Prophezeiung?
Dann kommt und überzeugt Euch selbst.
Geisterhaus
Freitag der dreizehnte, kalter Sturm, kurz vor Mitternacht.
Der Vollmond beleuchtet die knorrigen Eichen.
Ein Uhu schreit alarmierend, völlig leise und unbedacht
Nähern sich Menschen dem Hause - ihr solltet weichen.
Äste knacken unter sich nähernden schweren Schritten
Ein Schauer jagt eisig runter den Rücken.
Haut ab ! Sofort ! - Geister kommem, das ist unbestritten.
Wie schnell kann man hier tödlich verunglücken.
Meine alte moosbewachsene Haustüre geht knarrend auf.
Schnell hinein ins leere Haus und zu die Türe
Die knarzenden Stufen der Treppen stolpernd hinauf.
Todbringendes Haus stand gestern in der Lektüre.
Besser nie gelesen. Neugier trieb sie her.
Vom Dachfenster der Blick runter in den Garten.
Kettenrasseln. Schauderliches Lachen - aber wer ?
Hoffen auf Geister, ein endloses Warten.
Zwangsarbeiter, schuftend, in Ketten gehaltend
Vor einhundertfuffzig Jahren in Baumwollfelder
Streifen todbringend und Menschen verunstaltend
heute Im Mondlicht durch Park, Haus und Wälder.
Knallend schließe ich Fenster und Türen
Schließmechaniken surren laut. Eingesperrt. Verloren.
Wollen Geister uns jetzt verführen?
Sie kommen durch alle Wände - neu geboren.
Später in der Zeitung die Nachricht des Tages :
Fünf Leichen gefunden in der Dachkammer
Nichts genaues weiß man - nur Vages
Verstümmelt, verunstaltet, getötet mit Hammer.
Es war einmal ein Haus
Der kalte Herbstwind rüttelt an meinen Fenstern. Der rissige Putz und die Löcher im Dach lassen die Kälte herein und ich friere so sehr, daß die Balken ächzen und drohen einzustürzen.
Immer wieder kommen Menschen vorbei, sehen sich um, versprechen mich zu heilen und mir Gesellschaft zu leisten, … doch der Schaden ist groß und dann… gehen sie wieder. Zu viel Aufwand und viel zu teuer, heißt es. Niemand möchte sich die Mühe machen.
Dabei bin ich einst ein sehr schönes Haus gewesen. Strahlend weiß, mit rotem Dach. Eine kleine Veranda und einem hübschen Blumengarten hinter mir. Immer war es kuschelig warm, wenn das Kaminfeuer angezündet wurde und das Gelächter der Kinder erfüllte mich stets mit Freude…
Doch das ist schon viele Jahre vorbei. Meine Familie ist weggezogen und hat mich im Stich gelassen. Niemand kam nochmal zurück, niemand dachte mehr an mich.
Die Traurigkeit überwältigt mich und ich zerstöre versehentlich eines meiner beiden vorderen Fenster. Noch mehr Kälte und nun auf einem Fenster blind, schlimmer kann es doch nicht mehr werden.
Am nächsten Morgen erwache ich durch Motorengeräusche und lautes Piepen. Endlich kommt jemand und heilt meine Wunden, endlich bekomme ich eine neue Familie.
Lautes Getöse, Menschen rufen und Maschinen starten. Das Letzte was ich sehe, ist die riesige Kugel, die genau auf meinen Eingang zuschnellt.
Geisterhaus-Slam
Gott spielen
Schicksale besiegeln
Wohl oder Wehe
In meinen eigenen vier Wänden.
Gruseln – das ist, was sie ersehnen
Das Leben scheint ihnen nicht genug davon zu geben.
Kein Mord, kein Krieg, keine Folter,
keine Vergewaltigung, das Quälen kleiner Kinder.
Sie brauchen das Gruseln am eigenen Leib.
Wie die Vielen vor ihnen
Die mir nun dienen.
Lasst uns sie lehren, was echtes Grauen ist.
Kurz vor dem Dahinscheiden
Noch schnell das Eine lernen.
Sie kommen,
die sich mutig fühlen
Groß in Worten
Klein im Herzen.
Mein zu entscheiden
Zu prüfen
Das Fürchten lehren.
Sie lachen, scherzen, höhnen,
wer zuletzt lacht, ist am Leben.
Angst, Panik, Schmerz,
Schreie, die gellen
Das Grauen pur.
Wie sie es ersehnten.
Sie sind nun meine Geister.
Freitag der 13. Der Wind tost durch die Straße, lässt die Blätter in den Bäumen rascheln. Es wird dunkel. Ich höre drei Stimmen, die sich leise miteinander unterhalten. Sie kommen näher. Unterhalten sich über Tommy, der kein Auge mehr zubekommt, seitdem er vorletztes Jahr seinen Fuß zu meiner Tür hereingesetzt hat. Über die alte Frau, die kein Wort mehr spricht, seitdem sie mir letztes Jahr einen Besuch abgestattet hat. Und über die drei Jugendlichen, die mich für die coolste Mutprobe aller Zeiten hielten. Eine von ihnen haben sie nie wiedergesehen, die anderen wollten mit niemandem darüber sprechen, was hier vorgefallen ist.
Die Stimmen verstummen abrupt, als die drei Menschen vor meiner steinernen Treppe stehen bleiben. Ehrfürchtig blicken sie zu mir auf. Dann sehen sie einander an und nicken sich ermutigend zu. Sie dürften Mitte zwanzig sein. Ich spüre die Neugier, die von ihnen ausgeht. Der Wissensdurst, die drängende Frage, ob sie überstehen werden, was auch immer sie hier erwartet. Ob sie das Böse besiegen können. O wenn sie wüssten.
„Also, wie sieht’s aus?“, fragt der Mann, der in der Mitte steht. „Bereit? Oder traut ihr euch doch nicht?“
Die junge Frau, die neben ihm steht, tippt an ihr Nasenpiercing, zieht die Augenbrauen hoch und sagt: „Das hättest du wohl gerne.“
Ohne eine weitere Reaktion von ihm oder dem anderen jungen Mann abzuwarten, eilt sie leichten Schrittes die Steintreppen hinauf und stößt meine Tür auf. Dann atmet sie tief durch.
Wenn sie wüssten - wüssten, dass ich nichts weiter tue, als sie mit ihren Ängsten zu konfrontieren, vor denen sie ihr Leben lang weggerannt sind. Ich gebe ihnen die Chance, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, an ihnen zu wachsen. Wenn sie bereit dafür sind.
Die Frau schüttelt leicht den Kopf, so als wolle sie alle Bedenken zerstreuen, dann setzt sie den ersten Fuß in mein Inneres, und ich spüre augenblicklich, dass sie bereit ist. Und ich weiß: Eine neue Zeit bricht an. Neugierig warte ich, ob auch die beiden Männer ihr folgen werden.
ImmoWelt I.D. 666
Anfangs hatte ich neue Hoffnung. Trampelnde Kinderfüße auf der Treppe, und dann suchen sie sich schon mal ein Spielzimmer aus. Ich presse den letzten Saft aus meinen eingetrockneten Adern kräftig gegen die Dielen, damit sie den kleinen Füßen standhalten. Wie morsch alles in mir geworden ist, das braucht niemand zu merken. Wer weiß, was kommt?
Die Eltern inspizieren derweil das Wohnzimmer. Den Kachelöleinzelofen, den Kamin. „Das macht eine herrliche Wärme“, schwärmt die Maklerin.
Ein Schauder durchdringt mich, die Erinnerung drängt sich mir auf: Früher war es schön hier, früher, als noch jemand in mir wohnte. In meinen Eingeweiden bullerte der Ofen, die Wärme kroch durch Türen, Gänge, Treppen, hindurch, hinauf, hinab, bis in die letzten Extremitäten. Nie hatte ich kalte Füße, und auch die, die in mir lebten, froren nicht.
„Aber wird das nicht verboten?“, fragt die Mutter, leicht verunsichert.
„Doch, doch“, plappert die Maklerin weiter, unvermindert munter wie eben. „Ein energetische Erneuerung steht an, das hatte ich im Exposé ja geschrieben. Vielleicht finden Sie ja jemanden, der den Kachelofen rettet? Wäre schad drum!“
„Sonst fällt er Herrn Habeck zum Opfer“, meint der Vater trocken.
Die Kinder rennen in den Garten. Ich habe Mühe, nicht zu zerreißen unter der Wucht der kleinen harten Füße. Es tut weh. Es kostet mich alle Kraft. Aber wenn ich mich jetzt zusammenreiße… noch ein paar Stunden. Noch ein paar Tage. Und dann… ein Kaufvertrag? Neues Leben? Zieht eine neue Generation in mich ein?
Die Mutter rümpft die Nase. „Sag“, meint sie zu ihrem Mann, „riechst du das auch? Muffelt das nicht?“
„Formaldehyd, Lindan, Pentachlorphenol“, murmelt dieser. „Schöner Gruß aus den Sechzigern?“
Seit sechzig Jahren steh ich da, ein Fertighaus von 1964. Ein moderner Wohntraum, alt geworden.
Das fröhliche Gesicht der Maklerin legt sich in entsetzte Falten, als sie die Frage vernimmt: „Gibt es ein Schadstoffgutachten?“ Doch seine Trägerin ist Lügen gewohnt: „Nein, nicht nötig!“
Friss oder stirb. Friss und stirb.
„Auf nach oben!“
Die erwachsenen Füße sind breiter, allein darum ertrage ich das Mehr an Gewicht, das meine Rippen quält. Die Treppenstufen knarzen. Die Mutter meint, sie seien fein gemasert. Ich stöhne.
Auf dem Balkon holen die beiden tief Luft.
„Du hast recht, es muffelt“, gesteht der Vater seiner Frau zu. „Alles voll Schadstoff, dafür braucht es kein Gutachten.“
Er lehnt sich gegen die Brüstung und schaut auf seine Kinder, die im Garten spielen. Er ist nicht schwer, aber meine Knochen sind alt, und gerade hier draußen, wo Regen auf sie fällt, nahezu marod. Ich halte ihn mit aller Hoffnung und letzter Kraft.
„Aber schön“, meint die Frau, „ist es doch?“
„Sicher“, meint der Mann und lächelt. „Mein Vorschlag wäre: Wir unterschreiben und reißen ab! Einen schöneren Bauplatz werden wir nirgends finden…“
Er dreht sich um. Sein Rücken drückt nur leicht gegen die Brüstung, mein hölzernes Skelett, meine Knochen. Doch ich ertrage die Hoffnungslosigkeit nicht mehr. Der Saft aus meinen Adern zieht sich vom Balkon zurück, überlässt die Brüstung der Altersschwäche, das Holz gibt nach, die Brüstung kracht…
Ein Schrei gellt doch den Garten.
Am Ende war… nichts.
Das Herrenhaus
„Mein alter Freund. Was sehe ich da? Erneut versuchen, junge Menschen hier einzudringen.“
„Es ist allzeit dasselbe, dass sie nicht begreifen, dass wir unsere Ruhe genießen und keine Störenfriede dulden“, knarrte es im Dielenboden des ganzen Hauses.
Vier Jugendliche näherten sich im Schutz der Dunkelheit, das dachten sie zumindest, dem Anwesen. Bei der alten Eiche, die vor dem Herrenhaus stand und gewiss einen Meter Durchmesser maß, suchten sie Deckung.
„Bill hat gesagt, dass es in der Eingangshalle ein Porträt vom Erbauer des Hauses gibt. Wenn wir dort ein Tik Tok aufnehmen, dann sind wir in der Gang“, sagte Tim zu den anderen.
„Was ist das überhaupt für eine bescheuerte Mutprobe“, klagte Toni mit zittriger Stimme.
„Ja, das stimmt. Bill war bestimmt noch nie hier im Haus“, mischte Paul sich ein.
„Wir waren uns doch einig, das durchzuziehen, und jetzt stehen wir direkt vorm Ziel, machen wir den letzten Schritt und bringen das zu Ende.“ Tim ließ keinen Kompromiss zu.
Der Wind blies durch das Laubwerk der Eiche und das Rascheln erinnerte stark an den sich nähernden Herbst. Der Windhauch ließ ihnen alle einen Schauder über den Rücken laufen und ein Gefühl entstehen, dass sie nicht alleine waren.
„Mir scheint es, dass es jedes Mal schlimmer wird. Was ist ein Tik Tok?“, drang es aus dem Kamin.
„Ich schätze, das hat mit diesem, wie hatten die Letzten es noch genannt? Smartphone glaube ich, zu tun.“
„Oh ja stimmt, jeder schaut nur noch in dieses Ding und hat keine Augen mehr für die wahre Schönheit“, raunte der Kamin wütend und gleichzeitig entflammte ein Feuer und der Schornstein stieß eine schwarze Rußwolke aus.
Die Jungs draußen schreckten auf, als sie den auf puffenden Rauch sahen.
„Das Haus hat uns entdeckt. Es heißt der Geist des Erbauers geht darin um.“
„Ach Quatsch, ihr Hasenfüße. Da hat mit Sicherheit ein Penner ein Feuer im Kamin angezündet. Wenn der uns sieht, verschwindet der.“
Unerschrocken ging Tim auf das Herrenhaus zu und die anderen folgten ihm zögernd.
„Macht es dich nicht wütend, dass die Menschen keine Augen mehr für die Schönheit der Architektur haben? Immerhin hast du mich mit deinen eigenen Händen erbaut?“, züngelte das Feuer im Kamin.
„Selbstverständlich ärgere ich mich. Lange Zeit verbringen wir schon zusammen mein Freund, aber so schlimm wie jetzt, war es bisher nicht. Sie halten alles in diesem Smartphone fest und schauen nicht mehr auf, um die Realität zu sehen. Das ist traurig.“
Die Haustür knarrte leise, als die Jungs eintraten. Im Haus war es absolut still.
„Wo ist dieses Porträt?“, fragte Toni, mit einer Ungeduld eines Kindes, dass am Weihnachtsabend vor den Geschenken stand und noch ein Lied mehr singen musste. Der einzige Unterschied war, dass diese Ungeduld nicht von der Freude kam, sondern von der Angst.
„Kommt rein. Stellt euch nicht an, ihr Schisser.“ Tim zückte sein Smartphone und fing an zu filmen. „Check das, Bill! Wir sind drin“, kommentierte er und schlurfte durch die Eingangshalle. Er filmte mit eingeschalteter Lampe und entdeckte ein Porträt, aber es war keine Person darauf zu erkennen, einzig die alte Eiche vorm Haus.
„Seltsam. Jungs, kommt mal her!“, rief er seine Kumpels.
„Hier gibt es kein Gemälde von dem Erbauer, bloß das hier.“
Die anderen schauten sich das Bild an.
„Aber was ist das?“, fragte Toni und zeigte auf eine Person die neben dem Baum stand.
„Der sieht ja aus wie du?“, erkannte Paul.
Nach und nach erschienen die vier in dem Gemälde. Eine Gänsehaut bildete sich auf ihren Rücken und Angst floss durch ihre Körper, mit einem Puls, der rasant anstieg.
„Lasst uns hier verschwinden.“ Die Panik in der Stimme war nicht zu verkennen.
Sie drehten sich um und das Letzte, was sie sahen, war ein gleißend helles Licht.
„Schade das sich die Menschen nicht mehr für die wesentlichen Dinge interessieren“, quietschte die Tür, als der Erbauer hindurch schritt und ein Gemälde mit vier Jungs bei der alten Eiche in eine Galerie zu den anderen Bildern hing.
„Äußerst Schade, denn so langsam bekomme ich Sorgen, dass diese Galerie nicht mehr ausreichen wird“, sagte der Erbauer, blickte die unzähligen Bildnisse mit Personen an und lächelte zufrieden.
Kennst Du das Haus?
Kennst Du das Haus? Das am Ende der Straße steht? Gut 200 Jahre alt mit ein paar Reparaturen und Neuerungen, die der eine oder andere Bewohner für nötig hielt?
Dieses Haus bin ich. Ich wurde noch zu Lebzeiten Goethes erbaut und der Geist seiner Zeit weht durch meine alten Balken. Aber auch ganz andere Geister und Gespenster suchen mich heim.
Auf Säulen ruht sein Dach. Der Erbauer hatte mich, inspiriert durch eine Italienreise mit Besuch der ewigen Stadt, errichtet. Ich war gedacht für die Ewigkeit.
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach. Ein Patrizierhaus nannten mich die Nachbarn und machten einen großen Bogen um mich, denn sie hatten Respekt vor den Hunden, die in meinem Park Wache liefen.
Und Marmorbilder stehen und seh‘n mich an, was hat man Dir, du armes Kind getan? Der Sohn, der nach dem Tode des Vaters in das Haus eingezogen war mit Frau und Kindern, war kein guter Bewohner. Eher eine Laus im Pelz. Schatten verdunkelten die Sonne, die meine Räume beschienen hatte. Er nahm ein schlimmes Ende. Er stürzte und schlitterte die komplette Treppe hinunter in meine Eingangshalle und brach sich das Genick. Fortan hatte ich einen schlechten Ruf. Die Besitzer wechselten in kurzen Abständen und keiner der Bewohner hielt es lange aus.
Kennst Du es wohl? Die junge Frau, die auf die Anzeige des Maklers hin meine Räume besichtigte, ist schwanger. Das spürte ich gleich.
Dahin, dahin, möcht ich mit dir o mein Beschützer, ziehen. Der Mann, der Vater des Kindes nehme ich an, fand mich auch gut. Die beiden schwelgten in Plänen, wie sie mich wieder zu alter Schönheit päppeln wollten.
Ich blicke hoffnungsvoll auf die nächsten Jahre. Ich werde gut auf das Kind aufpassen!
(Die fett/kursiven Passagen entsprechen der zweite Strophe von Goethes „Mignon“.)
Nachts im Anwesen
Die Nacht brach an. Der Schornstein blickte über die blattlosen Bäume hinweg, der Dunkelheit entgegen. Nebelschwaden waberten um das alte, verlassene Anwesen am Ende des Rabenwegs. Erschrocken von den Schatten schlugen die Fenster ihre Läden zu, der Windstoß ging durch das ganze Haus, vorbei an einem Abrisskalender. Das Papier segelte zu Boden und gab ein neues Datum frei: Freitag der Dreizehnte.
Krähen flogen auf, während die Dachziegel in der Ferne Stimmen und Schritte vernahmen. Es war wieder so weit. Voller Vorfreude öffnete sich die große Flügeltüre und die drei Gestalten traten mutig hinein. Kaum waren sie im Bauch des Hauses schlug die Türe zu. Die alten Mauern brummten griesgrämig, die Dielen knarzten aufgebracht und die Fenster zitterten ängstlich. Die Gestalten drangen tiefer in die Dunkelheit vor.
»Wenn ihr mir die Staubschicht wegwischt!« knarrten die Dielen drohend und verfolgten die Schritte.
»Schweigt! Diesmal wird es klappen« versprach die Treppe, welche von ihrem verschnörkelten Geländer ausgelacht wurde: »Natürlich.«
»Hört ihr das?« flüsterte das Mädchen mit zittriger Stimme.
»Wenn du Angst hast, geh nach Hause heulen!« brummte ein Junge, ein zweiter gab ihm für diese Bemerkung einen Klaps auf den Hinterkopf: »Leise!«
Sie drangen tiefer vor und verließen die Eingangshalle.
»Sooo laaaut« seufzte die alte Tapete. Sie schimmelte bereits an vielen Stellen oder blätterte ab. Die Zeit hatte ihr am meisten geschadet.
Das Mädchen hielt vor einem erblindeten Spiegel. Wütend blies die Eingangstüre einen Windstoß durch den Durchwurf-Briefkasten, sodass das Mädchen erschrocken in den nächsten Raum stolperte. Aufgebracht knarzten die Dielen.
Die Gruppe erreichte das Herzstück des Anwesen: das Wohnzimmer. Die Wände waren mit Paneelen und Tapeten gekleidet, ein einsamer Samtvorhang verdeckte eine Hälfte des schreckhaften Fensters. In der Mitte stand ein ausgeblichener Kachelofen, doch die Drei konnten kaum noch etwas sehen. Sie wirbelten Staub von den Dielen und ließen sie nackt zurück, während die Tapete niesend den Staub auffing.
»JETZT!« riefen die Dielen der Türe zu: »Und wenn du nicht zu bleibst!«
Die Türe schlug heftig ins Schloss. So heftig, dass sie in den Angeln wackelte. Das Mädchen schrie auf, die alten Mauern brummten unverständlich. Die Drei saßen in der Falle, doch sie wussten es noch nicht. Das alte Anwesen war bereit, sie gefangen zu halten.
»Verdammt Hanna!« zischte einer der Jungen: »Schrei nicht so!«
»Louis!« der zweite rüttelte heftig an der Türe. Sie unterdrückte ein Kichern, denn würde sie sich jetzt nicht konzentrieren, würden die Jugendlichen entkommen.
»Sie ist verschlossen« stellte Louis fest, der dem anderen Jungen half, den Türknauf zu drehen. Doch es tat sich nichts. Die Dielen lachten höhnend. Das war der Preis, den die Drei zahlen mussten!
»Samir? Louis?« flüsterte das Mädchen – Hanna – die nun blind durch das Wohnzimmer stolperte und die Dielen bewegte. Brummend und knarzend beschwerte sich der Boden.
Louis ließ von der Türe ab: »Wir sind hier, Hosenscheißer!«
»Lass das!« zischte Samir und schlug frustriert gegen die Türe. Diese zuckte zusammen und dehnte ihr Holz aufgebracht aus. Niemand würde diesen Raum verlassen! Das hatte sie versprochen!
»Du lässt sie doch wieder raus?« erkundigte sich das Fenster leise flüsternd: »Ja?«
»Jedes Jahr entwischen sie uns. Doch diesmal nicht!« fest entschlossen zog die Türe ihr Holz wieder zusammen: »Jeden Freitag den Dreizehnten suchen sie uns Heim, rauben und plündern uns! Doch dieses Mal werden wir sie rauben!«
Es hustete und qualmte, das Mädchen schrie und die beiden Jungen sahen sich verdutzt an. Es klapperte, eine Wolke aus Ruß und Asche rieselte auf die Dielen, die sich angeekelt zusammenzogen.
»Was wollt ihr?« fragte der alte Kachelofen ungeduldig, das Mädchen lief grün an: »Mir wird schlecht.«
Zustimmend murmelte die Tapete, welche ihren Grünton verloren hatte.
»Wer ist da?!« Samir trat vor.
»Ich stehe mitten im Raum, Bursche«
»Bursche?« Samir drehte sich zu Louis um: »Spricht der überhaupt Deutsch?«
»Ja!« knurrte der Ofen: »Und ich wiederhole mich ungern! Was wollt ihr?«
»Es gibt Erzählungen über das Rabenanwesen« berichtete das Mädchen flüsternd: »Wir wollten nur einmal nachsehen…«
»Alter, Hanna, halt die Klappe!« Louis schob sie zur Seite und trat neben Samir: »Zeig dich du Feigling!«
Der Kachelofen lachte: »Das gesamte Anwesen will euch hierbehalten. Und ihr könnt nichts dagegen tun. Jungchen, wenn du dich beruhigt hast, können wir vernünftig reden.«
»Bin schon ruhig!« brummte Louis und schritt vorsichtig durch den Raum. Aufmerksam beobachtete die Türe, wie er nach einer Person suchte. Doch es war der Ofen, der zu ihnen sprach. Er war der Einzige im ganzen Anwesen, der mit den Menschen sprach. Die Dielen verabscheuten ihn dafür.
»Na gut« der Ofen musterte die Jugendlichen: »Fräulein, erzähl mir mehr von diesen Erzählungen.«
»Ähm…« sie sah sich verunsichert im Raum um: »Naja, es geht halt darum, dass an jedem Freitag den Dreizehnten hier Menschen umgebracht wurden… Oder so ähnlich. Wir wollten es sehen…«
Der Ofen lachte und schüttelte sich. Mehr Asche rieselte auf die aufgebracht knarzenden Dielen: »Also Euresgleichen haben wir noch nie umgebracht! Ihr kommt hier her, raubt unsere Ruhe oder stehlt etwas und dann verschwindet ihr! Jedes Mal!«
»Hier ist niemand gestorben?« enttäuscht wechselte Samir einen Blick mit Louis: »Was hast du Blödmann denn erzählt?!«
Louis rüttelte bereits wieder an der Türe und achtete nicht auf seinen Freund: »Okay, das Haus hat seinen eigenen Willen! Jetzt schließ verdammt nochmal auf!«
»Nichts lieber als das« antwortete der Ofen: »Wenn ihr nie mehr wieder kommt und auch sonst niemand von euch. Nicht heute, nicht morgen, nicht in hundert Jahren! Verstanden?«
»Pah!« Samir verdrehte die Augen: »Die Leute werden immer wieder kommen! Wenn du als Eigentümer nicht persönlich mit ihnen sprichst und nicht besser abschließt, passiert gar nichts!«
Das Fenster klapperte nervös, die Türe überlegte angestrengt.
»Wenn das alles ist« meldete sich der Ofen nach langer Pause zu Wort: »Dann könnt ihr gehen und wir lassen niemanden mehr rein.«
»So läuft das nicht!« knarzten die Dielen.
»Sooo laaaut« bestätigten die Tapeten.
»Nicht richtig« brummte die Mauer: »Schon immer gewesen!«
Doch die Türe öffnete sich. Die Drei rannten hinaus. Die Türe fragte sich, ob sie je wieder jemanden einsperrte, ob es vorbei war. Die Flügeltüre war zumindest anderer Meinung. Sie erschreckte diese Gestalten gerne. Sie wurde immer erschreckt. Klopfstreiche. Gruselkostüme im Oktober. Der verstorbene Hausherr von Raben hatte die Ruhe geliebt, doch nie bekommen.
Der Schornstein sah in die Dunkelheit und lauschte den Fußstapfen, die über den Schotter rannten…
Diesmal ist alles anders
Wie weiche Wattebäusche liegen die feinen blassen Nebelschleier um mich her. Sie sehen so warm und gemütlich aus - doch geneigter Leser wird sich erinnern, dass schon so mancher Verwegener seine letzten Atemzüge in kalter nebliger Umarmung tat. Der Boden ist durch den tagelangen Regen der letzten Wochen weich und rutschig geworden und der Fussweg zu der großen Eichentüre mit den gusseisernen Beschlägen erinnert heute nicht an seine Schönheit. Nun steigt auch von ihm das weiße Wabern empor und die einzelne Laterne etwa drei Meter neben dem blattlosen Eichenbaum, der stolz seine nackten Arme in den dunkelgrauen Himmel streckt, beleuchtet mit ihrem blassen Schein die großen Pfützen und einzelne Blätter, die dunkel die Wegränder schmücken.
Die Nacht steht kurz bevor und die letzten Abendstunden werden berauscht durch die Raben, die auch heute wieder den Baum besuchen und mit ihren Erzählungen seine Wartezeit verkürzen. Ihr Krächzen ist so laut, dass ich trotz geschlossener Fensterläden jedes Wort verstehen kann. Ich seufze. Manchmal, so kommt mir in den Sinn, könnten sie auch eine andere Geschichte erzählen. Doch sie erzählen jeden Vollmondabend dieselbe Geschichte. Und ich vermute auch heute Abend wieder, so wie allmonatlich seit zweihunderunddreizehn Jahren und 15 Stunden, dass ihre Geschichte keine einfache Geschichte ist, sondern der Zauberspruch, der erklingen wird, bis der Himmel seine gesamte Farbe verloren hat. Weit hinten im Osten erscheint das erste kleine Leuchten des Mondes, ein feiner leuchtender Strich, dessen fahles Licht eine Nacht voller Mondblumen verspricht.
Stille möchte einkehren, die donnernde Stille, die allspätabendlich eintritt bevor die Verwandlung geschieht. Ich spüre das leis aufgeregte Zittern der Gesamtheit vor einer Vollmondnacht um mich her. Alles ist ganz aufmerksam, harrend der Dinge, die sich nun entwickeln werden.
Etwas ist anders heute, ich kann es in meinen Knochen und meinen Ziegeln spüren. Was ist es nur?
Ich lausche in die Stille und die feinen Nebelschleier hinaus, die sich immer weiter ausbreiten. Weit hinten, da, wo die gusseisernen Tore die Grundstücksgrenze beschließen hat die Stille ein Ende. Etwas lacht dort, es wird gesprochen. Ich kann die Sprache nicht verstehen, doch es ist laut. Und es riecht ungewohnt und aufdringlich. Ist das etwa der Geruch von Altem, Gebrauten? Der Geruch von Tod, überlagert von etwas Süßlichem?
Die Raben unterbrechen ihre Geschichte und lauschen wie ich zum gusseisernen Tor hin. Ich öffne die Fensterläden ein Stück, damit ich besser hören kann. Doch - das wäre wohl gar nicht nötig gewesen, denn die Geräusche und Gerüche kommen näher. Und näher.
Menschen tauchen auf. Ich seufze erneut. Menschen, die hier auftauchen, sind meistens neugierig, unanständig und riechen aufdringlich und werfen überall ihren Müll herum. Eigentlich würde ich mich gerne wegdrehen, aber die Raben haben ihre Geschichte nicht beendet und so bin ich bewegungsunfähig. Und sprachunfähig, was besonders unfair ist. Denn die Raben sind alles andere als sprachunfähig, allerdings sind sie im falschen Augenblick sehr sprachfaul. So wie jetzt. Sie grinsen in meine Richtung und dann in Richtung der Gruppe von Menschen, die da durch das Wabern des Nebels im heller werdenden Mondlicht die Schönheit der Mondblumen zertrampeln, ohne sie überhaupt wahrgenommen zu haben. Es sind fünf von ihnen und drei haben Flaschen in den Händen. Der Geruch, der aus diesen Flaschen steigt übertäubt die weißen Nebelfäden, die von ihren bewegten Füßen nach vorn und hinten zur Seite gestoßen werden und sich hinter ihnen verdichten. In den letzten zweihundertunddrei Jahren waren viele Male Menschen hier. Einige länger, andere kürzer. Und in den letzten dreiundvierzig Jahren waren nur noch selten Menschen da und das auch nur für sehr kurze Zeit. Meine Knochen pieksen mich, während ich den letzten Menschenbesuch kurz in mein Gedächtnis rufe. Ich seufze. Warum nur erzählen die Raben ihre Geschichten nicht zu Ende, wenn Menschen hier auftauchen?
Doch heute ist etwas anders. Ganz anders. Und das kann ich in meinen Knochen spüren.
Ein Rabe beginnt nervös zu plappern. Er ist noch sehr jung und er sieht zerrupft und wild aus. Ich kneife meine oberen Augen zusammen. Habe ich ihn schonmal gesehen? Hat er blaue Augen? Just als ich ihn fast sehe wird er von einem anderen Raben angestoßen und fällt beinah vom Ast. Der Stoß war hart und bestimmt - und er muss ein paar seiner Federn lassen. Lautlos gleiten sie schwarzblauglitzernd durch die Luft - und schweben Richtung Erde. Der Baum folgt ihnen mit seinem Blick - so etwas hat es hier noch nie gegeben. Ein vorlauter Rabe, der plappernd Federn lässt, die außerordentlich langsam zur Erde schweben. Scheinbar ist das Schweben der Federn so laut, dass die plötzlich eingetretene Stille uns auf die Füße fällt. Ein spitzer Schrei durchdringt das grauweiße Wabern - warum schreien Menschen so oft? Die Nebelfäden werden dichter und dichter.
Die Raben sind im großen Baum unsichtbar und die Federn schweben scheinbar aus dem Nichts. Bis der zerrupfte Rabe wieder zu plappern beginnt. Die anderen Raben starren ihn aus ihren orangenen Augen leuchtend an, doch er hat seine Augen zugekniffen und plappert konzentriert drauflos. Er plappert so schnell, dass ich ihm kaum folgen kann. Ich kann fühlen, dass er die Geschichte zu Ende erzählt und ich sehe, wie er die Stöße und Rufe der anderen Raben einfach ignoriert. Die Menschen rufen etwas, der Rabe plappert und ich sehe seine blauen Flecken größer werden und seine Federn sind noch immer nicht auf dem Boden angekommen. Was ist das nur?
Endlich. Der Rabe hat aufgehört zu plappern und wird wieder unsichtbar. Es wird wieder still. Sehr still. Ist das jetzt die große Stille? Die, die diesen Abend kommen muss?
Sind die anderen Raben noch da? Ich sehe, wie der Baum sich leis im Wind schüttelt und die Nebelfäden sich an ihm nach oben schieben. Der Boden ist inzwischen nicht mehr sichtbar und der Mond schon ein Stück weiter ins Sichtfeld gerückt. Die Menschen haben sich offenbar entschieden weiter zu gehen und sie haben den Baum fast erreicht.
Die Federn haben den Boden noch immer nicht erreicht.
Ein leises Knurren tönt an meine Fensterläden. Es kommt aus der Richtung des Baums, der entschieden seine Arme nach oben in das Mondlicht streckt. Erste Mondblumen am Fusse des Baumes lassen ihr blasses Licht erstrahlen, dass sogar die Nebeldichte durchdringt.
Ich fange an zu beben. Es beginnt leise summend tief unter mir, überträgt sich auf meine Seiten und klettert langsam hoch bis in die Spitze des Daches. Schummrig ist mir zumute und ich fühle mich lebendig wie schon lange nicht mehr. Das Beben hat die Stille durchdrungen und alles um mich herum beginnt zu raunen, zu singen, zu klappern. Ich versuche mich an die Worte zu erinnern, die der Rabe mit großer Geschwindigkeit ausgestoßen hat. Was hat er verändert, was passiert?
Klappernd und rasselnd schaue ich zum Baum, der seine Arme im Mondlicht schüttelt. Er genießt es, ganz offensichtlich, seine Äste strahlen im fahlen Mondglanz und der Nebel hat seinen Stamm fast völlig verdeckt. So entgeht den Menschen, dass sein Stamm von innen heraus zu glühen beginnt. Es wird heller und heller - bis es schließlich abebbt - und das Beben ebenfalls. In dem Moment erheben sich alle Raben und fliegen lautlos davon. Nein, ein Rabe sitzt noch auf seinem Platz - der zerrupfte Rabe, dessen herabschwebende Federn mit dem blauen Glitzern den Boden noch immer nicht berührt haben.
Die Menschen machen einen Bogen um den Baum. Sie steuern auf mich zu, auf meinen Eingang. Ich kann es fühlen - gleich, gleich kann ich mich erheben. Ich öffne meine Türen weit einladend für sie, auch alle Fenster, sogar die Gitterstäbe an den Kellerfenstern sind weit geöffnet. Noch etwas tritt mit den Menschen in die riesige Eichentür, ein heller Schatten, diffuses Licht aus dem Nebel gekommen. Doch ich kann es nicht verhindern, denn nun wird mein Inneres lebendig und ich unbändig. Ich schließe Fenster und Türen und Gitter und erhebe mich. Das, was gerade hineingekommen ist wird nun ein fester Teil von mir und gehört zu mir - so wie es schon immer war. Die Erde erbebt erneut, als ich meine Beine durchstrecke, meine Beine aus Wurzeln, Fasern und Steinen. Ich ächze, als ich sie langsam durchstrecke. Endlich, endlich kann ich meinen Weg zur Frau Mond beginnen. Ich drehe mich um, schaue die Mondin an, der nun vollständig sichtbar ist und beginne meinen langen Weg, dicht gefolgt von der Eiche, die zu mir gehört wie mein inneres zitterndes Atmen.
Der Rabe sitzt im Baum und lässt sich von ihm mit forttragen. Die Federn schweben nach wie vor Richtung Erde und die Bewegung des Baumes hält sie nicht im Mindesten von ihrer nach unten strebenden Zielrichtung ab.
Es zieht mich magisch in die Richtung der Mondin. Ich kann die Richtung nicht ändern, mein innerer Wille ist stärker als mein kleinerer Wille diesen Vollmond einfach mal woanders hinzugehen. Einmal woanders hin als in den letzten 213 Jahren, die letzten 2627 Mondphasen. Nur ein Mal. Aber es zieht mich auch dieses Mal wieder in die Richtung der Mondin, der riesig und hell den nächtlichen Himmel erleuchtet und ihr blasser Schein umgibt wie ein tröstlicher Mantel mein Sein. Etwas ist anders diesmal, ich kann es in meinen Knochen spüren und meine zittrigen Ziegel wollen beinah abspringen vor lauter Spannung.
Wiegend bewege ich mich voran. Ein Bein vor das andere, langsam, bedächtig, knarrend und in mir knurrend. Fokussiert auf das Fortschreiten, den Blick Richtung Mondin. So wie es sein muss. Seit 213 Jahren.
In mir ist es unruhig. Hin und her, auf und ab - laute Stimmen und schlimme Gerüche belasten mein Inneres. Es fällt mir immer schwerer mich auf mein Fortschreiten zu fokussieren. Die Menschen machen zuviel Lärm, während sie einen Raum nach dem anderen im Haus erkunden. Jedenfalls die Räume, deren Türen unverschlossen sind. Prinz Mabon, der große Hexer, der mit seiner holden Aglika einst dieses Haus erbaute hat viele Geheimnisse gewebt. Zu viele Geheimnisse. Und nicht alle von ihnen werden sich den Menschen preisgeben. Nur denen, die mit reinem Herzen da sind, nicht aus Neugier. Und diese 5 Menschen, die da in mir Unruhe machen, gehören offenbar nicht dazu. Sie rütteln an den verschlossenen Türen, die jedoch nur zurückrütteln. Sie betrachten die Gemälde, die seit so vielen Jahren hier hängen und stellen fest, dass es Originale sind, die in der Welt da draußen wohl Millionenwert hätten, sich jedoch nicht von den Wänden ablösen lassen. Sie wissen nicht, dass sie ein Teil davon sind, so wie sie selbst es jetzt auch sind. Es sei denn… ja, es sei denn sie entschlüsseln das Geheimnis der Freiheit.
Ich bleibe stehen. Es ist Zeit, ich weiß es. Ich öffne die Vordertür und sofort springt ein Mensch hinaus. Ich schließe die Tür sogleich wieder und drehe mich ein Stück weiter herum. An der zugeklappten Türe wird nun die Schrift erscheinen, die Aglika, auf der Suche nach Freiheit, einst dorthin zauberte. Meine Fasern erzittern, als die Buchstaben am Türinnern erscheinen. Sie leuchten hell auf und werden nun für einige Stunden sichtbar sein. So wie alle Hinweise, die damit zusammenhängen. Die vier verbleibenden Menschen haben nun vier Stunden Zeit etwas in ihrer Lage zu ändern, bevor sie in die Gesamtheit eingehen. Aglika meinte es stets gut mit Menschen. Sie war eine wundervolle Frau, die mich so gut pflegte wie sie konnte. Es standen immer frische Blumen im Haus und verbreiteten ihren wunderbaren Duft. Sie liebte ihre Kräuter im Garten und ihren weißen großen Hund, der ihr auf Schritt und Tritt folgte.
Da - der weiße helle Schatten aus dem Nebel taucht plötzlich neben der Eingangstür auf. Ich erzittere. Was ist das? Doch eigentlich weiß ich es. Es ist der große weiße Hund von Aglika und der zerrupfte Rabe hat etwas damit zu tun. Ist Aglika selbst endlich zurückgekehrt? Wird heute alles ein Ende finden? Ich schaue zum Baum, der seine Arme im Mondlicht ausstreckt. Der Rabe sitzt noch immer da, fast unsichtbar, still, wartend. Die blauschwarzglitzernde Feder hat den Boden noch immer nicht berührt.
Ich muss weiter. Ich überlasse die Feder dem Raben, das Mondlicht dem Baum und die Menschen dem hellen Nebelschatten und setze meinen Weg fort. Sollte es heute - aufgeregt zittern meine Ziegel - sollte es heute wirklich soweit sein? Dann will ich an ihrer Seite sein, an der Seite von Frau Mond. Als ich mein Bein hebe fallen einige Steine zur Erde. Ein dumpfer Schrei folgt - doch ich muss weiter. Ich höre das Flüstern des Prinzen Mabon. Die Unruhe in mir wird zur Stille, die Menschen rücken zusammen und flüstern ebenfalls. Ich fühle ihre Angst und ihr Unwohlsein. Ich fühle auch den großen weißen Nebelschatten vom großen weißen Hund, der Ruhe ausstrahlt und Vertrauen. Wird es reichen?
Ich wende mich ab, hin zu Frau Mond. Meine Geliebte, mein Trost. Ich versuche schneller voran zu kommen, denn ich möchte bei ihr sein. Eine große Sehnsucht durchzieht mein Gemäuer, so groß wie schon sehr sehr lange nicht mehr. Meine Dielen zittern, die Fensterläden klappern. Ich möchte endlich bei ihr sein.
Die erhöhte Schrittgeschwindigkeit meinerseits führt offenbar zur Übelkeit einiger Menschen in mir. Neben den unwohligen Gerüchen, die sie bei sich tragen kommen nun neue unwillige Gerüche und Geräusche dazu, die ich mir selbst lieber erspart hätte. Aber wer könnte schon auf die Aussicht auf Frau Mond langsam sein? Die Zeit vergeht, still und unbemerkt, so wie nur die Zeit das kann. Sie ist wie eine unsichtbare Last auf den Schultern des Universums und wer hinter ihr herläuft, der hat alles verloren. Die wenigsten Menschen wissen das und so werden aus Minuten schneller Stunden, als ein Mensch jemals greifen könnte. Ein Rätsel haben die Menschen tatsächlich gelöst - und der große helle Nebelschatten ist immer dabei. Ich bleibe stehen und werfe einen Blick hinein, in die große Halle mit den vielen bunten Gemälden, die die Wände halten. Es ist ein fröhlicher Raum mit vielen Lichtern und allen Farben, die eine menschliche Farbpalette bieten könnte. Aglika hat diesen Raum sehr geliebt und offenbar haben die Menschen beschlossen hier ihre Besprechungen abzuhalten. Vielleicht ist dieser Umstand dem hellen Schatten geschuldet, oder vielleicht hat auch einer der Menschen ein größeres Magieempfinden, als es die anderen bisher hatten. Dieser bunte Raum ist vor Mabons Hexerei fast komplett geschützt. Man kann es natürlich fühlen, aber die Menschen sind magischen Dingen gegenüber ja nach und nach immer mehr abgestumpft. Erst haben sie alles verbrannt, was nach Magie aussah und dann haben sie es einfach vergessen. Doch Magie lässt sich nicht einfach wegoptimierten. Fast alles kann überschrieben werden, optimiert werden. Doch echte Magie ist echte Magie. Ich betrachte die Menschen eingehend. Sie wirken verloren und ängstlich. Sie sind ganz unterschiedlich, hell und dunkel, haben sehr unterschiedliche Auren. Von tapfer über träge bis hin zu verzweifelt ist alles dabei. Da klopft es an das große Flügelfenster. Der zerrupfte Rabe sitzt davor. Ich werfe einen Blick zum Baum. Doch der Baum ist nicht da. Ist nicht da? Ich drehe mich herum und suche meinen Baum. Er ist nirgends zu sehen. Panisch laufe ich los, zurück zur letzten Pause, doch auch hier ist der Baum nicht. Ich laufe zurück und weiter und rufe, so laut ich kann nach meinem Baum. Doch er bleibt verschwunden. Frau Mond ist schon ein gutes Stück näher gerückt.
Die blauglitzernde Feder schwebt einsam dem Boden entgegen, weithin sichtbar, ohne den Baum.
Mein Dach hängt herab, immer wieder verliere ich eine Ziegel, die Fensterläden rappeln bei jedem Schritt von rechts nach links und die Knochen im Keller klappern. Die Trauer drückt mich fast in den Boden hinein, aus dem ich doch gerade erst auferstanden bin. Ich weiß nicht, was los ist und das war noch nie so. Ich wusste immer, was los ist. Bis der zerrupfte Rabe auftauchte. Der zerrupfte Rabe! Abrupt bleibe ich stehen. Der weiß sicher die Antwort!
Ich schaue in mich und dort sehe ich, dass die Menschen, scheinbar gemeinsam mit dem Raben, bereits das dritte Rätsel lösen konnten. Doch das interessiert mich im Moment nicht. Ich brauche Antworten! Ich rufe den Raben, zwei-, dreimal rufe ich ihn. Nach dem dritten Mal erhört er mich, doch ich bin absolut sicher, dass er mich schon beim ersten Ruf gehört hat.
Wo ist mein Baum? Wer bist du? Was bedeutet die Feder? Was ist los? Überstürzt purzeln die Fragen aus mir heraus. Der Rabe hört zu und putzt währenddessen sein schwarzblauglänzendes Federkleid. Dann blickt er mir direkt ins Herz. Mit seinen blauen, unfassbar durchdringenden Augen blickt er mir direkt ins Herz. Durch alle meine Schichten hindurch. Ich erbebe bei diesem Blick, doch ich habe keine Angst. Ich hatte noch nie Angst vor uns in der der Alleinsheit. Das weiß der Rabe natürlich. Und doch erklärt er, dass es nicht um Angst geht. Es geht um den Tod. Natürlich geht es um Den. Es geht immer um Den. Ich verdrehe genervt meine Fensterlädenangeln. Wie langweilig. Der Rabe schmunzelt. Ich weiß nicht genau, ob Raben das überhaupt können, aber wenn es ein Rabe kann, dann der zerrupfte Rabe, der hier auf dem alten goldenen Kronleuchter sitzt.
Der Rabe eröffnet mir dann, dass dies ein Rätsel sei. Ein Rätsel der Zeit. Für mich. Zur Abwechslung sozusagen. Denn, wenn alles so weiterliefe wie bisher in dieser Nebelnacht, würden die Wunder geschehen, an die Aglika glaubte und die Prinz Mabon hatte weghexen wollen. Die Raben waren sein Werk gewesen. Sie waren mittlerweile mehrere Hundert Jahre alt und dienten verschiedenen Hexern. Er aber, der zerrupfte Rabe, war von einem anderen Ort gekommen.
Er zwinkert mir zum Abschied zu und fliegt dann wieder zu den Menschen, die verwirrt vor der Kellertür stehen und die Tür nicht aufschließen können. Ich bin auch verwirrt. Ich schüttel mich durch, so gut ich kann, damit ich wieder etwas klarer sehen kann. Dann geht es weiter. Schritt vor Schritt stapfe ich vor mich hin, mit klappernden Ziegel, damit ich besser das Rätsel lösen kann.
Da höre ich sie flüstern - Frau Mond. Sie flüstert mir zu. Sie flüstert immer, wenn ich ihr nah komme und nicht weiter weiß. Ich liebe ihr sanftes Flüstern. Sie flüstert über Odin, sie flüstert über alte Geschichten. Über Raben, die von den Göttern geschickt werden und die alles an seinen rechten Ort bringen. Sie flüstert mir zu, dass ich mich weiter rechts halten soll, dorthin, wo das große leere Feld steht. Dort wird sich heute Nacht etwas manifestieren, etwas, was bereits seit zweihundertdreizehn Jahre vertrocknet war.
Natürlich, Frau Mond hat ja von dort oben einen wunderbaren Blick über alles. Sie ist die Göttin der Zyklen und des erdigen Wissens. Dies ist wohl zum Teil des Rätsels Lösung. Doch warum schickt Odin seinen Raben jetzt? Doch vielleicht ist die Antwort auf diese Frage kein Teil der Lösung. An den Ort, an den ich gehen soll gibt es viele Bäume. Es ist ein Ort der sehr alten Bäume. Jeder kennt diesen Ort, die Macht hier ist so groß, wie sie nur bei sehr alten Bäumen sein kann. Und nun, im vollen Mondschein der Mondin strecken sie alle ihre Arme zu ihr und erfragen ihren Segen. Ich seufze tief auf. Ich wünschte so sehr mein Baum wäre jetzt hier. Es wäre eine solche Freude für ihn, er wäre so glücklich hier!
Ich bin so beschäftigt mit mir selbst, dass ich die Menschen in meinem Gemäuer ganz vergessen habe. Ich werfe einen kurzen Blick auf ihr Tun und sehe, dass sie es nicht schaffen werden. Wieder einmal. Die Zeit ist fast abgelaufen und sie verstehen die Hinweise des Raben nicht. Sie sind so sehr in ihrem Menschsein und ihrer Sprache gefangen. Ich möchte ihnen helfen. Ob es diesmal klappen wird? Diesmal ist alles anders, sogar die Kellerknochen liegen anders. Sie stehen auf dem Kopf.
Beim letzten Mal wurde ich gewarnt als ich half - und das ist alles insgesamt nicht gut gegangen. Der finstere Prinz hat es gewusst, wie auch immer das möglich war, er hat gewusst, dass ich helfen wollte und hat die Menschen in entzückende, dunkle Statuen verwandelt, die nun einen Teil von seinem Vorzimmer schmücken. Und dann hat er daraus ein weiteres Rätsel gemacht. Mabon - der dunkle Prinz, der Gottsohn Loki den Platz streitig machen wollte und immer noch will. Doch nun bin ich hier, habe den Wald mit der Weite daneben erreicht. Die Bäume mustern mich von der Seite her, als fürchten sie um ihren Segen. Doch Teilen verdoppelt stets und hier muss niemand um seine Kraft bangen. Frau Mond weiß bestimmt einen Rat, sie weiß immer einen Rat. Sie hat sicher eine Idee, was die Menschen tun müssen.
Ich schaue mich um, zu dem Platz, an dem mich über zwei Jahrhunderte mein Baum begleitet hat. Die Feder hat den Boden beinah erreicht. Nur noch ein kleiner Hauch, und sie würde ihn berühren. Ich ahne, dass damit alles vorbei ist. So - oder so.
Ich, das alte Haus am Ende der Rabengasse bin nun am Ende eines Seins angelangt. Diesmal ist alles anders. Ich kann es in meinen Knochen spüren.
Das Haus des alten Admirals
Ich bin das Haus. Ich wurde erbaut, ich wurde bewohnt. Viele Generationen sah ich kommen und wieder entschwinden. Früher waren die Jahre gut zu mir. In meiner Erinnerung sehe ich spielende Kinder im Garten; Feste, die in meinen Räumlichkeiten gefeiert wurden. An traurige Momente entsinne ich mich ebenfalls. Dann kam der Tag, es ist viele Winter her, an dem alles anders wurde. Mein damaliger Besitzer, ein Admiral im Ruhestand, erfuhr von seinem Arzt, dass er unheilbar erkrankt wäre und nicht mehr lange zu leben hätte. Der Admiral war kein ängstlicher Mann. Er hatte die Untiefen des Lebens wie die des Meeres umschifft und erfolgreich eine Familie gegründet. Seit dem Tag, am dem ihm der Arzt die Kunde seines nahenden Todes brachte, fing sein Verstand an, dahin zu welken. War er vorher ein ernster, aber energischer Mann, verbrachte er von da an seine Zeit nur in schattigen Zimmern. Die Vorhänge zugezogen, in einem morschen Lehnstuhl sitzend und ins Nirgendwo starrend. Das Lachen wurde weniger in meinen Mauern. Kinder und Enkelkinder verstummten, wenn das Gespräch auf den alten Admiral kam. Die Tage wurden länger und wieder kürzer. Dann verkündete er zur Überraschung seiner ganzen Familie, dass er gedachte, ein Fest für alle seine Freunde und Verwandte auszurichten. Verwundert aber doch erfreut kam an jenem Herbsttag die Schar der ihm Nahestehenden zusammen. Es wurde geplauscht, es wurde gelacht. Der alte Admiral verweilte im Hintergrund und lächelte stumm in sich hinein. Das Abendessen begann damit, das der Gastgeber eine, wie er sagte, Flasche Wein exquisiten Jahrgangs aus dem Keller holte. Er hielt eine knappe Rede, in der er seine Angehörigen und Freunde über alle Maßen lobte und äußerte den Wunsch, sie mögen nie voneinander getrennt sein. Die Versammelten stießen auf sein Wohl an. Kurze Zeit später war keiner von ihnen mehr am Leben. Mein Besitzer hatte die Weinflasche mit einem potenten Gift versetzt. Er hatte erkannt, dass das Einzige, wovor er sich wirklich fürchtete, die Einsamkeit des Jenseits war. Er starb mit einem zufriedenen Lächeln, da er sicher wusste, dass er mit seinen Liebsten für immer vereint sein würde.
Seither ist eine lange Zeit vergangen. Ich fristete das Dasein verlassen am Ende einer Straße; wurde von allen Menschen gefürchtet und gemieden seit jenem verhängnisvollen Herbstabend. Oft, wenn Sturm und Regen in mein gebrechliches Gebälk fuhren, wünschte ich mir, ihrem Groll nachgeben imstande zu sein und einzustürzen. Doch ich existierte weiter, dem Schlafe näher als der Wirklichkeit. Nur die finsteren Raben, die sich in meinen Dachstuhl verirrten, leisteten mir in der Tristesse Gesellschaft.
Eines Abends, es muss wieder Herbst geworden sein, denn das mich umgebende Wäldchen trägt ein goldenes Blättergewand, erwache ich von einem grellen Quietschen. Die Eingangstür schwingt auf, eine scharfe Brise weht Blätter in meine Räumlichkeiten. Ich höre das Geplapper von Menschen. Es scheinen drei oder vier zu sein. Den Stimmen nach stehen sie kurz vor dem Erwachsenwerden. Zwei Jungen und zwei Mädchen sicherlich. Ich bemühe mich, die Trägheit meines Schlummers abzuwälzen. Ein Gefühl der Freude verdrängt die Lethargie; es ist einige Sonnenaufgänge her, seit mir der letzte Besucher seine Aufwartung machte. Sie plaudern und lachen; Geräusche, die mir lange Zeit versagt blieben. Ich versuche, ihren Worten zu folgen. Das Meiste verstehe ich nicht. Was bedeuten „Halloween“ und „Party“? Eines der Mädchen scheint etwas ängstlich zu sein, sie schaut sich mit Unbehagen um und bleibt nahe der Eingangstür. Laura, so wird sie von ihren Freunden genannt. Ein Anderer, ein großgewachsener Bursche, der die ganze Zeit ein kleines, schwarzes Kästchen vor sein Gesicht hält, mahnt sie an, sich nicht zu fürchten. In meinen Mauern gäbe es keine Geister oder Gespenster. Selbst der alte Admiral hätte es vor Langeweile nicht ausgehalten und sei fortgezogen, um woanders zu spuken. Ich bin verwirrt. Der Admiral ist schon lange fort – weit länger, als diese jungen Menschen auf dieser Welt sind. Schnell haben die Besucher mein Erdgeschoss durchsucht, mit Ausnahme von Laura, die nahe bei der Eingangstür stehen bleibt.
„Du musst dich nicht fürchten!“ Möchte ich ihr zurufen. Doch ich bin nur ein Haus und habe keine Stimme. Ich klappere etwas mit den Türen und Fensterläden, um ihr Mut zu machen. Sie wirkt eingeschüchterter denn zuvor. Der Große mit dem schwarzen Apparat, er scheint auf den Namen Matthias zu hören, spottet über ihre Furcht und macht Anstalten, die Treppe hinauf in mein Obergeschoss zu steigen. Die alten Holzstufen knacken und knirschen unter seinen Füßen wie mürbe Knochen. Trotz des Lichts, das aus seinem Kästchen strahlt, bemerkt er nicht, wie seine neuen Fußabdrücke die im Staub bestehenden verwischen. Seine Freunde bleiben unten, rufen ihm etwas zu. Seine Antwort ist lakonisch, dennoch zittert seine Stimme kaum merklich. Der Lichtschein schwenkt im Obergeschoss umher und verharrt kurz auf der lange zerbrochenen Badezimmertür. Der Wind pfeift durch mein undichtes Dach, während die dicken, staubbeladenen Vorhänge nur wenig von der Abendsonne ins Innere lassen. Matthias´ Schritte werden vorsichtiger, er schleicht behutsam den Gang entlang. Jetzt, wo ihn seine Freunde nicht mehr sehen, erlaubt er seinem Gesicht eine unsichere Miene. Ein Knarren ertönt, es kommt aus dem Schlafzimmer; die Tür ist zugezogen. Bedächtig schiebt sich der junge Mann Meter um Meter vor. Er drückt langsam die Tür auf, wobei er sich hinter dem schwarzen Kästchen zu verstecken scheint. Die geschlossenen Fensterläden tauchen das Zimmer in Finsternis. Ein vorsichtiger Schritt bringt den Jungen ins Innere des Raumes. Neben dem leisen Pfeifen des Windes und dem knarrenden, gleichmäßigen Geräusch ist kein Laut zu vernehmen. Matthias´ Fuß stößt gegen etwas; der Schein seiner Lampe huscht über den Boden. Im Licht kullert eine leere Blechdose herum. Der Junge wundert sich und nimmt die Dose auf. An ihren Wänden sind Reste ihres ehemaligen Inhalts sichtbar: ein roter Matsch, der sich schon ins Schimmlig-Grüne verfärbt hat. Das Knirschen ist deutlich zu hören. Es kommt aus der Mitte des Zimmers, in seinem Rhythmus dem Pendelklang einer Uhr nicht unähnlich. Der junge Mensch atmet schwer und lässt das Licht durch den Raum wandern. Er entdeckt den umgerissenen Stuhl; Schleifspuren sind im Staub zu erkennen. Der Schein seiner Lampe fährt nach oben – und enthüllt die verzerrte Fratze des Todes. Matthias fällt vor Schreck rücklings zu Boden, wirbelt dabei schwarze Federn auf. Der Lampenschein erhellt den langsam verfaulenden Leichnam; im Luftzug pendelnd und dunkle Schatten an die Wand werfend.
Der Verstorbene war der letzte Besucher. Der einzige in vielen Jahreswechseln, den die düstere Geschichte über den alten Admiral nicht abzuschrecken schien. Ich war erfreut, wieder eine atmende Seele in meinen Mauern zu beherbergen, auch wenn ihre Verzweiflung von Tag zu Tag größer wurde. Sie hauste hier und vegetierte mehr tot als lebendig, bis sie beschloss, ihrer Existenz in meinen Räumen ein Ende zu setzen.
Matthias wird leichenblass. Ein langer Schrei durchdringt die anbrechende Nacht. Erschrocken erhebt sich ein Rabe flatternd in die Dunkelheit.