**Das gefräßige Haus**
Der unerbittliche Sturm peitscht den Regen gegen meine Mauern, als ich in der Ferne einige Schatten erblicke. Als die Schatten näherkommen, erkenne ich es. Es sind wieder einmal Menschen, die sich zu mir verirrt haben um Schutz zu suchen. Wenn sie nur wüssten, dass hier bei mir alles andere als Schutz zu finden ist…
Bei mir angekommen, betätigt einer der Menschen meinen Türklopfer.
Wer so höflich anklopft, dem muss auch geöffnet werden. Ich entriegle mein Schloss und lasse die schwere Eichentür einen Spalt aufgleiten. „Kommt nur herein“, denke ich mir. „Es erwartet euch ein Festmahl.“
„Hallo?“, ruft einer der Menschen.
Keine Antwort.
„Scheint niemand hier zu sein.“
Die Menschen treten ein und schließen die Tür hinter sich. Was sie nicht wissen, in diesem Moment habe ich alle Türen im Haus verriegelt. Endlich! Die Spiele können beginnen. Das letzte Mal ist zu lange her. Und es sind gleich sechs Menschlein auf einmal die mir munden werden.
Aber ich muss mich noch in Geduld üben. Schließlich sollen ihre Ängste vollkommen werden, nur dann ist mein Genuss auf dem Höhepunkt. Ich lasse also die Menschengruppe mich erkunden, biete ihnen die Wärme eines Kaminfeuers, die Sicherheit meiner Wände und Nahrung an um sie in ein wohliges Gefühl der Geborgenheit einzuwickeln. Auch gebe ich ihnen Licht, um ihr Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit zu vervollkommnen, nur um es ihnen später umso härter wieder zu entreißen.
Einige Zeit vergeht und meine neuen Gäste scheinen sich sehr wohl zu fühlen. Sie reißen Witze und lachen miteinander und erzählen sich gegenseitig Geschichten über ihre Erlebnisse. Einer der Menschen zeigt sogar seinem Sitznachbarn ein Foto, vermutlich ein Familienbild.
Der Moment scheint mir nun richtig zu sein, endlich das Mahl anzurichten.
Plötzlich lässt es einen Schlag, als wäre etwas zu Boden gestürzt. Erschrocken wenden sich alle Menschen zur Decke. Als aber nichts weiter zu hören ist, fangen sie an zu lachen und meinen nur, dass dies vermutlich der Sturm verursacht hat. Daraufhin folgen drei unregelmäßige Klopfgeräusche und ein Kratzen, als würde jemand etwas schweres über Holzdielen schieben.
Nun sehen alle wieder an die Decke. Ihnen ist die Angst ins Gesicht geschrieben.
Die eine Fraue fängt an zu wimmern, wird aber von der anderen Frau beruhigt. Aber auch die Männer werden sichtlich unruhig.
Daraufhin meint einer der Männer er würde nachsehen, es wäre sicher nur etwas heruntergefallen, oder es wären lose Fensterläden.
Die eine Frau will ihn davon abhalten, doch er lässt sich nicht beirren und läuft die große Treppe hinauf. Im ersten Stock angekommen, wendet er sich nach rechts von wo das Geräusch gekommen sein musste und geht den Flur entlang, bis er vor einem offenen Schlafzimmer steht. Er betritt das Zimmer und sieht sofort wo das Problem liegt. Erleichtert ruft er den anderen zu: „Wie ich sagte, kein Grund zur Panik. Der Wind hat das Fenster aufgestoßen und es sind ein paar Blumenvasen zu Bruch gegangen.“
Als er gerade dabei ist das Fenster zu schließen, lasse ich die Tür zuknallen. Erschrocken fährt der Mann herum, wird aber gewahr dass es der Wind gewesen sein musste.
Er schließt das Fenster, geht wieder zur Tür und will das Zimmer gerade verlassen, als ein Blitz in der Nähe einschlägt. Dieses Timing hätte besser nicht sein können, denn ich beschließe nun das Licht in diesem Raum zu löschen.
Ich spürte die Angst der anderen leicht zunehmen als der Blitz einschlug und auch die des Mannes den ich gerade eingesperrt habe wächst zunehmend. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich und es schmeckt vorzüglich!
Der Mann rüttelt an der Türklinke, aber die Tür bewegt sich nicht im geringsten. Dieses Mal lasse ich beide Fenster des Schlafzimmers aufstoßen und die Fensterläden schlagen wie wild gegen meine Fassade. Mein Festschmauß wird immer panischer und hämmert gegen die Türe.
Meine Dielen knarzen und klopfen als würde jemand schweres sich auf ihnen bewegen und auf den Mann zugehen.
Der einst so rationale Mann, der mutige Held in der Not, wird von seiner eigenen Angst übermannt. Er rüttelt immer energischer an meiner Tür. Nun ist die Zeit für die Vorspeise gekommen.
Meine Türklinke greift nach ihm und hält seine Hand eisern umschlungen. Er weiß nun, dass er in eine Falle getreten war, aus der er nicht mehr herauskommen kann. Er schreit jämmerlich um Hilfe während meine Türe ihn sich einverleibt.
Ich atme tief ein und genieße den ersten Happen einer großartigen Speise.
Die Menschen im Wohnzimmer konnten nur das Poltern vernehmen. Die wundervollen Schreie des Mannes, der nun ein Teil von mir ist ging im tosen des Sturmes unter. Sie fixieren in immer größer werdender Anspannung die Decke, als könnten sie durch sie hindurch sehen, würden sie sich nur genug anstrengen.
„John, ist alles in Ordnung da oben?“, ruft einer der Männer. So hieß also meine Vorspeise.
„John!“, brüllt ein anderer Mann. „Das ist nicht witzig, Mann!“ Keine Antwort.
„Komm, sehen wir nach“, bedeutet der eine Mann, dem anderen.
„Ist das wirklich klug, da rauf zu gehen?“, fragt eine der Frauen.
„Es könnte sein, dass John gestürzt ist und unsere Hilfe braucht. Und wenn nicht, wenn er sich mit uns einen Spaß erlaubt hat, dann verpasse ich ihm eine!“
Wütend stapft der eine dem andern Mann voraus.
Im ersten Stock angekommen sehen sie im Flur nach links und nach rechts und scheinen zu überlegen welchen Weg sie nehmen sollten.
„Geh du nach links, ich gehe nach rechts.“
Der verärgerte Mann, nimmt die erste Tür die er sah und öffnet sie. Dahinter befindet sich ein Badezimmer in einem viktorianischen Stil eingerichtet, aber ansonsten nichts Auffälliges. Er schließt die Tür wieder und geht zur nächsten. Dies ist ein Toilettenraum. Auch hier ist, abgesehen von der auffällig alten Inneneinrichtung nichts zu sehen. Er will gerade die nächste Türe öffnen, als er hinter sich einen markerschütternden Schrei vernimmt.
Er wendet sich um und meint zu sich: „Nah warte John und Steven, wenn ich euch in die Finger bekomme…“
Schnellen Schrittes und sichtlich angesäuert stiefelt der Mann in Richtung des Schreies. Bei der vermeintlichen Tür angekommen, betätigt er die Klinke und tritt ein. Er schaut sich im Raum um, sieht aber nur einen Schrank ein Bett und einen Nachttisch, aber weder John, noch Steven.
Die Tür des Kleiderschranks steht offen. Der Mann bemerkt dies und geht hin um sie zu schließen.
Die Farbe weicht je aus seinem Gesicht als er im Schrank sieht was sich vor seinen Augen abspielt.
Steven wird in diesem Moment von mir verschlungen. Allerdings habe ich ihn noch nicht ganz absorbiert. Seine Augen und sein Mund weit aufgerissen. Sein Gesicht schmerzverzerrt und angsterfüllt.
Der Mann stolpert rückwärts und stößt gegen das Bett. Die Beine meines Bettes packen seine Knöchel. Er stößt einen Schrei aus und versucht sich mit aller Gewalt zu befreien. Immer wieder schlägt er auf das Bett ein und schreit dabei.
Da ich nun auf den Geschmack gekommen bin, möchte ich mit ihm ein bisschen spielen. Meine Bettlacken springen auf und packen seine Arme und halten sie gefangen, während er mit dem Tischdeckchen des Nachttisches geknebelt wird.
Als ich ihm auch noch mit einem Vorhang die Fähigkeit zu Sehen nehme, ist seine Angst absolut vollkommen. Daraufhin verleibe ich ihn mir langsam, Stück für Stück in meinem Fußboden ein. Jeden Augenblick davon koste ich völlig aus.
Wieder schlägt ein Blitz ein, aber dieses Mal in mich. Die Beleuchtung im ganzen Haus versagt. Lediglich das Kaminfeuer spendet meinem Essen noch ein wenig Licht. Die Angst der Übriggebliebenen nimmt an Stärke und Intensität zu und es fühlt sich gut an. Sie rennen panisch zum Lichtschalter. Sie betätigen ihn, aber es bleibt dunkel. Nun suchen sie hastig nach etwas dass ihnen Licht spenden kann, eine Taschenlampe, eine Kerze. Tastend und wie ein Blinder gehend im Speisezimmer angekommen findet der einzig übriggebliebene Mann den Kerzenleuchter auf dem Tisch, daneben liegend Streichhölzer. Der Mann nimmt hektisch ein Streichholz aus der Schachtel und will es anzünden. Es zerbricht. Immer ängstlicher werdend nimmt er ein zweites Streichholz heraus, ein drittes und ein viertes. Beim fünften Streichholz gelingt es ihm es zu entzünden. Er zündet alle Kerzen des Leuchters an. Als die letzte Kerze anfängt zu brennen, hört er die angsterfüllten Schreie der zwei Frauen, die im Wohnzimmer zurückgeblieben sind.
Jetzt ist die Zeit für den dritten Gang gekommen.
Der Mann rennt mit dem brennenden Leuchter in seiner Rechten zurück ins Wohnzimmer und findet die Frauen, kauernd in einer Ecke sitzend, vor.
„Das Feuer des Kamins ist auf einmal verloschen. Was geht hier nur vor?“, sagte die eine Frau mit zittriger Stimme.
„Ich weiß es nicht. Kommt, wir müssen die anderen suchen und dann verschwinden wir von hier“, meinte der Mann und versuchte die Frauen zu beruhigen.
Sie liefen im Gänsemarsch Richtung großer Treppe, voran der Mann mit dem Leuchter.
Vor der Treppe stehend ruft der Mann: „Peter, John, Steven! Wo seid ihr?“ Keine Antwort.
Sie setzen ihren Weg fort und steigen langsam die alte knarzende Treppe empor.
Oben angekommen stehen auch sie vor der Entscheidung welchen Weg sie einschlagen sollten. Sie entscheiden sich für den rechten Weg. Schritt für Schritt gehen sie den Flur entlang, während die Dielen verräterisch knarzen und ächzen unter ihrem Gewicht.
Als sie ungefähr die Hälfte des Flurs hinter sich gelassen haben, greife ich mit den Deckendielen nach der Frau in der Mitte und ziehe sie in die Höhe. Die Frau die den Anschluss bildet stößt einen kurzen erschrockenen Schrei aus als die Frau vor ihr einfach in die Decke gezogen wird und der Mann versucht sie an den Beinen wieder herunterzuziehen. Doch er kommt gegen meine Kraft nicht an. Ich ziehe die Frau gänzlich in die Decke.
Schaudernd und völlig fassungslos was da gerade passiert ist, stehen sie für einen Moment wie angewurzelt da, als sie plötzlich direkt über ihnen Klopfgeräusche vernehmen. Auch hören sie dumpfe leise Schreie: „Hilfe! Hilfe! Ich bin hier oben!“
„Das ist Clara. Sie lebt!“, meinte die andere Frau. „Aber wo ist die Treppe die nach oben führt?“
Der Mann etwas ratlos geht zu jeder Tür des und öffnet diese in Erwartung dahinter eine Treppe zu finden. Er findet das Badezimmer, den Toilettenraum, eine Abstellkammer, ein weiteres Badezimmer und das Schlafzimmer in dem ich einen der Ihren vorhin bereits verspeiste, aber keine Treppe.
„Komm! Wir schauen auf der anderen Seite nach“, bedeutet der Mann der Frau und wenden sich der, von der Treppe aus gesehen, linken Seite des Flures zu. Hinter den ersten beiden Türen ein Schlafzimmer, hinter der dritten ein Toilettenraum. Erst die vierte Tür offenbart eine Treppe die in das zweite Stockwerk zu führen scheint.
Hier scheint das Holz der Treppe noch furchteinflößender zu ächzen, so als leide es unter Schmerzen. Ich fühle die unbändige Angst, höre den beschleunigten Herzschlag und das Rauschen des Blutes meiner Opfer. Dies ist wie ein Aphrodisiakum, das mich in eine stimmungsvolle Trance versetzt.
Als sie im zweiten Stock ankommen schleichen sie weiter den Flur entlang, auch wenn der Holzboden ihre Anwesenheit verrät.
„Clara, bist du da?“, flüstert der Mann. Sie bleiben beide stehen.
„Clara!“, nun etwas lauter.
„Seamor, ich bin hier“, ruft Clara in normaler Lautstärke.
Schnelleren Schrittes der Tür entgegen aus der die vermeintliche Stimme dringt, setzen sie sich weiter in Bewegung. Seamor greift nach der Klinke und drückt sie langsam herunter. Vorsichtig öffnet er die Türe und späht hinein. Auf dem Boden liegend sieht er Clara liegen. Erleichtert drückt er den Leuchter der Frau in die Hand und geht Clara schnell entgegen.
„Clara. Geht es dir gut?“
In dem Moment als er bei ihr kniet und ihre Haare aus dem Gesicht wischt, wendet sie sich ihm zu und er stolpert entsetzt zurück.
Ich frage mich ganz ehrlich warum Menschen immer entsetzt zurückweichen und stolpern wenn ich ihnen mein wahres Ich zeige. Das machen fast alle und dieser Anblick ist einfach zu komisch. Aber die Gefühle die sie dabei haben sind beinahe die stärksten und daher auch besonders schmackhaft.
„Kommt ihr mich retten?“, frage ich die anderen durch Clara.
„Wa was ist mit dir passiert Clara? Du siehst aus als wärst du aus Holz“, fragte Seamor ungläubig und voller Angst.
„Ich bin nicht Clara! Ich bin Darkdevour Manor. Und ihr seid meine Mahlzeit!“
Daraufhin richtet sich Clara auf und gleitet mit dem Boden verbunden meinem Dessert entgegen mit unnatürlich weit aufgerissenem Mund, bereit zum verschlingen.
Die Furcht nun überhandnehmend rennen sie aus dem Zimmer und die Treppe hinab. Als sie gerade im ersten Stock aus der Tür treten, sehen sie linkerhand eine Gestalt mit der Wand verschmolzen, der sich mit den Händen an der Wand festkrallend vorwärts zieht, auf sie zukommen. Steven!
„Komm! Wir müssen hier raus. Wir können nichts mehr für sie tun“, meinte Seamor und zieht die Frau hinter sich her.
Vor ihnen erscheint plötzlich John aus dem Boden und Clara aus der Decke und bewegen sich auf sie zu. Seamor und die Frau rennen die große Treppe hinunter und steuern geradewegs auf die Eingangstür zu. Sie versuchen sie zu öffnen, aber sie klemmt. Seamor läuft schnell zu dem Kamin hinüber und pickt sich einen Schürhacken aus dem Ständer daneben. Wieder bei der Tür angekommen stemmt er den Schürhacken in die Tür und versucht sie mit aller kraft aufzuhebeln, aber es gelingt ihm nicht.
„Hilf mir“, meint Seamor zur Frau. Diese stellt den Leuchter auf einen nahegelegenen kleinen Tisch und setzt ebenfalls ihre Kraft beim Aufstemmen der Tür ein. Aber es hat keinen Erfolg. Die Tür bewegt sich überhaupt nicht. Der Schürhacken wird lediglich verbogen.
„Es ist zwecklos. Wir bekommen die Tür nicht auf“, meint Seamor.
„Ich habe vorhin einen Ausgang in der Küche gesehen. Vielleicht kommen wir da raus“, fiel der Frau ein.
„Los!“
Der Mann nimmt den Leuchter wieder an sich und beide laufen schnellen Schrittes in Richtung Küche.
Allerdings hat er zunehmend ein ungutes Gefühl.
„Etwas stimmt nicht.“
„Was meinst du?“, fragt die Frau unsicher.
„Sie hätten uns schon längst einholen müssen“, meint er beklemmt.
Als sie die Küche erreicht haben und die Tür erblickten, erscheint auch sofort Clara aus der Decke genau über der Tür und verharrt dort.
„Verdammt! Sie versperrt uns den Weg“, fluchte Seamor. Die Frau versucht gefasst zu bleiben.
Aus den Hängeschränken greifen unvermittelt zwei Arme heraus und ziehen den Körper von Steven zur Hälfte empor. Dieser zerrt sich wieder mühevoll meinem Dessert entgegen.
Aus der Decke und den Wänden kommen weitere Gestalten hervor. Inzwischen sind es mehr als ein Dutzend.
Den beiden verbliebenen Menschen wird klar, dass sie nicht die ersten sind, die von mir gefressen wurden.
Ihre Angst trieft vor Süße und ihre Panik steigt wie ein lieblicher Duft zu mir auf.
Ich gebe das Kommando und alle von mir Einverleibten stürmen auf das Pärchen zu. Diese flüchten wieder in den Empfangsraum. Von der großen Treppe kommen einige Einverleibte herunter. Einige von ihnen, die ältesten, sind nur noch Skelette. Einige andere verfaulen bereits seit langer Zeit.
Auch vom Wohnzimmer strömen sie herbei.
Sie sitzen in der Falle.
Seamor und die Frau sehen sich gehetzt um und die Frau erblickt eine Stahltür in einer Nische neben der Treppe.
Sie eilen hinüber. Die Tür ist nicht verschlossen. Die beiden huschen hinein und verriegeln die Tür hinter sich.
Sie vernehmen Klopf- und Kratzgeräusche. Doch die Einverleibten scheinen es nicht zu schaffen die Tür zu öffnen.
Seamor und die Frau sehen sich um und bemerken dass sie sich auf einer Treppe befinden die offenbar zum Keller führt. Die Wände, die Decke und der Boden bestehen aus Kalkstein und Ziegeln.
„Wir sind hier gefangen. Sie werden uns kriegen!“, sagt die Frau und hält sich an dem Mann fest.
„Bisher sind sie nur durch Holz gekommen. Vielleicht können sie durch Stahl und Stein nicht hindurchkommen. Ich glaube wir sind hier vorerst sicher.“
„Ja, aber wie kommen wir hier wieder raus?“
„Ich weiß es nicht. Aber vielleicht finden wir hier unten etwas dass uns hilft“, meinte Seamor.
Als sie im Keller ankommen finden sie drei Stahltüren vor. Zu ihrer Rechten, zu ihrer Linken und gerade vor ihnen.
Sie entscheiden sich für die Tür vor ihnen. Als sie sie öffnen, sehen sie einen leeren Raum. Sie wenden sich der linken Tür zu und dieser Raum ist ebenfalls leer. Es bleibt nur noch ein Raum übrig.
Seamor betätigt die Klinke und sie stehen in einem Raum in dem es wieder drei Türen gibt.
Dieses Mal nehmen sie zuerst die rechte Tür. Leer. Dann die Mittlere. Drei Türen. Die Linke. Auch ein Raum mit drei Türen.
„Das ist doch ein schlechter Witz!“, protestiert Seamor.
Sie gehen durch die linke Tür und finden einen Raum mit vier Türen vor sich.
„Das ist ein verdammtes Labyrinth!“
Sie öffnen jede Tür und dahinter befindet sich nur eine Wand.
„Komm, wir schauen mal bei dem mittleren Raum was wir da hinter den Türen finden.“
Gerade als sie sich wieder der Tür zuwenden durch die sie gekommen sind, fällt diese ins Schloss und das Verriegeln der Tür ist zu vernehmen.
„Das war’s! Wir sind verloren!“, meinte die Frau entsetzt und verstimmt zugleich. Das Herz des Mannes rast, während er wie ein gefangenes Tier nach einem Ausweg sucht.
Und tatsächlich, er sieht einen kleinen Lichtpunkt an der Wand. Er geht darauf zu und stochert darin herum. Weicher Mörtel. An dieser Stelle ist die Mauer extrem aufgeweicht. er schaut durch das Loch und sieht eine Lichtquelle.
„Dahinter befindet sich etwas“, sagte er aufgeregt.
Er bohrt weiter in der Wand bis er einen Ziegel zu fassen bekommt. Seamor zieht ihn aus der Wand.
„Seamor“, die Frau tippt den Mann an.
„Ja, ich hab’s gleich.“
„Seamor!“, nun ist ihre Stimme laut und drängend. Seamor dreht sich um und aus den Stahltüren und der Kalksteindecke pressen sich die Einverleibten hervor. Entsetzt beobachtet er diese für einen Augenblick, dann setzt er umso zielstrebiger seine Arbeit an der Mauer fort. Er zieht einen weiteren Ziegel aus der Wand, dann noch einen und noch einen. Schließlich ist die Wand so instabil, dass er darauf eintritt, bis große Teile davon umstürzen. Sie hasten durch die zerbrochene Wand und sehen das Grauen in all ihrer markerschütternden Pracht. Ihr Blut gefriert in ihren Adern und sie sind steif vor Todesangst.
Vor ihnen befindet sich ein gigantischer Raum voll von Leichen unterschiedlichen Verwesungsgrades. Und eine dicke zähflüssige dunkle Substanz überall verteilt, die vermutlich aus all den Überresten dieser Opfer stammt. Oder ist es der Magensaft dieses Hauses. Denken sich die zwei Menschen.
Die Leichen scheinen sich zu bewegen, sie steuern alle auf einen Punkt im Raum zu. Es wächst eine Kreatur aus unzähligen verrottenden Leichen und dieser schmierigen Substanz heran. Diese Kreatur nimmt Form an und besitzt nun etliche Tentakeln.
„Ich muss euch danken, Fremde. Ihr habt mir ein schmackhaftes Mahl bereitet wie ich es seit Ewigkeiten nicht mehr hatte. Ihr werdet nun mein Dessert, mein Aperitif sen, das gleichzeitig süß und herb im Abgang ist.“ sagte die Stimme der Kreatur bestehend aus hunderten Stimmen.
„Bringt mir den Mann zuerst! Das Beste hebe ich mir bis zum Schluss auf.“
Die Einverleibten vor und hinter ihnen ergreifen den Mann, der sich wehrt, tritt und schreit, aber keinen Erfolg damit hat. Sie bringen ihn zur Kreatur welche ihn sich einverleibt.
Die Kreatur wendet sich der Frau zu die das alles mit Entsetzen, aber gefasst mit angesehen hat.
„Nun zu dir! Ich habe dich beobachtet. Du bist nicht wie die anderen. Sie sind leicht zu ängstigen, aber deine Angst ist unter der Oberfläche. Sie schreit innerlich darum befreit zu werden.“
„Warum tust du diese schrecklichen Dinge? Warum hast du meine Freunde ermordet du Monster“, sie geht einen großen Schritt auf das Monster, das ich gebildet habe, zu und erhebt ihre Faust in Drohgebärden.
Erschrocken weiche ich zurück. Damit habe ich nicht gerechnet. Widerstand. Sie will mir trotzen, dass wird ihr nicht gelingen.
„Ich habe Hunger und ich liebe es Menschen zu verängstigen. Es ist befriedigend wenn sie in Panik geraten und um ihr Leben ringen. Du wirst jetzt in den Genuss kommen und ein teil von mir werden und es gibt nichts was du dagegen tun kannst.“
„Ich habe keine Angst mehr vor dir! Du bist nur eine Abscheulichkeit die vernichtet werden muss! Wenn du mich wirklich fressen willst, dann tu es, ich habe nichts mehr zu verlieren.“, protestiert die Frau und auf ihrem Gesicht liegt Ernsthaftigkeit.
Ich bin etwas irritiert von ihrem Verhalten, aber ich vermute es ist nur eine Fassade. Wenn ich sie mir einverleibe, dann werde ich sie brechen.
„Ergreift sie!“ Meine Einverleibten packen sie und zerren sie zu mir herüber. Sie macht keine Anstalten sich zu wehren. Sie wird in mich hineingestoßen und ich beginne sie zu verdauen.
Doch plötzlich durchfährt mich ein gewaltiger Schmerz. Ich winde mich vor Pein. Meine Dielen knarzen und biegen sich vor Schmerz, meine Schränke stürzen um und fallen von der Wand und meine Fensterläden schlagen wie wild auf und zu. Ich schreie und heule vor unerträglichen Schmerzen.
„Wa… was hast du… mit mir gemacht?“, bringe ich schmerzerfüllt heraus.
„Ich sagte dir, dass ich keine Angst vor dir habe! Und offenbar bin ich für dich ungenießbar. Wenn ich also sterbe, dann stirbst du mit mir!“, dröhnt eine weibliche Stimme in meinem Bewusstsein.
„Wer bist… du?“
„Ich bin dein Scharfrichter!“, dröhnt die Stimme abermals, aber viel stärker als vorher.
Meine Schmerzen werden immer unerträglicher und ich spüre mein Ende kommen. Das darf nicht geschehen.
„Ich spüre das drei meiner Freunde noch am Leben sind. Wenn du uns nicht freigibst, dann werde ich dich töten!“, die Stimme in meinem Bewusstsein droht meines zu verdrängen.
Daraufhin presse ich mein Monster durch die Decke und quetsche mich an die Oberfläche und spucke die vier Menschen in meinem Vorgarten aus.
Extrem erschöpft und schmerzerfüllt ziehe ich mich in mein Haus zurück. Das erste Mal in meinem langen Leben bin ich der Angst persönlich begegnet. Der Angst um meine eigene Existenz. Dafür werden sie bezahlen! Ich werde sie ganz sicher nicht das letzte Mal gesehen haben.
Epilog
Er hob das Glas an die Lippen und nahm einen kräftigen Schluck von der goldbraunen Flüssigkeit. Dabei verzog Seamor das Gesicht.
„Ich kann es nicht glauben dass sie tot sind und das wir es beinahe auch gewesen wären“, meinte er und schaute in sein Glas.
„Wir müssen sie rächen! Das Haus, oder was auch immer es ist, muss zerstört werden!“, meinte Peter erbost. Clara nickte.
„Aber wie stellen wir das an?“, warf Clara ein.
„Ich habe einen Plan, vertraut mir!“, sagte die Frau entschlossen und mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
Fortsetzung folgt…?