Rabenweg 13
Rabenweg 13. So heiße ich.
Ich bin alt. Uralt. Eines Tages wachte ich auf und bemerkte die Risse in meinen Wänden. Die fehlenden Dachpfannen. Durch die Löcher dringt Regenwasser ein, rinnt das Gebälk hinab und weicht langsam aber gewiss mein Innerstes auf und macht es morsch. Der Schimmel wächst in meinem Keller und meine alten Wände sind feucht. So lange man lebt, ist man so damit beschäftigt, dass solche Kleinigkeiten an einem vorbeirauschen. Erst, wenn es still wird, fühlt man seinen Körper. Und bemerkt, dass sich etwas verändert hat. Wann genau ich zu altern begann, kann ich gar nicht mehr sagen. Ich weiß auch nicht, seit wann meine Wetterfahne abgerissen im Garten liegt. Kann sein, dass das beim letzten Sturm passierte. Ich schlafe viel. Die letzten Bauarbeiter, die hier waren, haben neben ihrem Müll ein Radio dagelassen. Seitdem höre ich abends gerne eine Talkshow, in der der Moderator sich das Seelenleid der Anrufer anhört und Ihnen Tipps zum Überleben gibt. Seitdem weiß ich, dass ich eine Altersdepression habe. Oder die Midlife-Crisis. Falls Herrenhäuser sowas entwickeln können. Ich habe kurz überlegt, dort anzurufen, aber die Raben meinten, das wäre verrückt. Häuser sprechen nicht mit Menschen, und ich fürchte, sie haben recht. Ich habe das nur vergessen, weil … Nun, ich bin einsam. Bäume können hunderte von Jahren alt werden, sie scheinen über den Dingen zu schweben, während ihre Wurzeln fest im Boden ankern. Gelassenheit nennen sie das. Beneidenswert. Die Raben sind halb diesseits, halb jenseits. Mal hocken sie in sterblichen Hüllen auf den Bäumen in meinem Park, mal feinstofflich. Ich bin mir nicht mal sicher, ob die selbst mitbekommen, wenn sie von einem Zustand in den anderen übergehen. Als würden ihre Körper irgendwann platt auf das Laub in meinem Garten plumpsen, während ihre Seelen auf den Ästen hocken bleiben und munter weiter über alles plappern, was sich so in ihren Welten tut. Im Diesseits und im Jenseits.
Die Sonne wärmt meine fleckigen Fensterscheiben und zeichnet Regenbogenmuster an meine Wände. Das waren noch Zeiten, als Kinder durch meine alten Mauern liefen, diese Muster bestaunten und nicht müde wurden, sich immer neue Spiele auszudenken. Ich vermisse sie. Und ich vermisse ihr Lachen.
„Wunderschön!“
Ich schrecke zusammen. Woher kommt diese Stimme? Mit meiner Aufmerksamkeit wandere ich in meinen Vorderflur und eile zum Portal, vorbei an der Doppelflügeltür und hin zu meinem seit ewig und drei Tagen verstopften Springbrunnen.
„Was finden ´se denn an dem ollen Kasten wunderschön, sie sind auch ´ne Romantikerin, wa?“
Offenbar bekomme ich Besuch. Das passiert alle Jubeljahre, wenn die Herrschaft mal wieder meine Papiere ausgegraben hat und es für eine verflucht schlaue Idee hält, mich zu verkaufen. Dann fahren Leute in Luxuskarossen vor, trampeln über mein Parkett und langweilen mich mit dem, was sie alles zukünftig in mir sehen.
„Es ist doch wunderschön, mit diesen Säulen am Eingang- und dann diese Tür-…“ Die junge Frau im Hosenanzug hüpft mit ihren Absätzen um die Pfützen in meiner Einfahrt herum und muss ihre Aktentasche fest umklammern, damit keine Papiere zu den Seiten rausfallen. Gebannt starrt sie mich an.
„Das kommt alles wech, das machen wa platt und dann kommt da ein schicker Bürobau hin. Und als erstes legen wa mal diesen Sumpf hier trocken, da kommt ja kein Mensch sauber an…“ Angeekelt schürzt der Herr im besten Alter die Lippen und trampelt über meinen Kies. „Wat die Leute früher alles für Kitsch ausgegeben haben, und heute wohnen da fette, eklige Kröten drinne!“ Kopfschüttelnd deutet er auf meinen Brunnen und schwankt der Dame hinterher.
Ich wechsele einen Blick mit meinen Bewohnern und seufze leise.
„Tut mir leid. Ich regle das.“
„Na, wer hier wohl eklig ist…“, pfeift es spöttisch vom Rabenbaum.
„Reflektion ist eine Zier… Weiter kommt man ohne ihr?!“ Pflichtet die alte Eiche bei und reckt ihre langen Zweige.
„Kommt drauf an, wo man hin will- uah- was ?!“ Ich zucke so heftig zusammen, dass mein Mauerwerk ächzt und der Putz rieselt.
„Was hast Du, haben sie Dir wehgetan?“ Meine Freunde mustern mich besorgt.
„Nein, eigentlich – eigentlich – huch- da war es schon wieder- entschuldigt, ich muss nachschauen…“
Ich eile wieder in meine Räume. Mittlerweile sind die beiden im Foyer angekommen, an der großen Treppe.
„Sind ´se irgendwie gestört? Ich mein, sie kraulen da an ´ner morschen Holztreppe rum, während der olle Kasten fast zusammenbricht!“
Daher kam das Gefühl! Warme Finger wandern über mein Geländer und malen vorsichtig die Verzierungen nach.
Selbst unter den vielen Farbschichten der letzten Jahrhunderte spüre ich die Ehrfurcht in dieser Berührung. Und da ist noch was. Bewunderung?
„Ham´se denn die Verträge fertiggekriegt? Sie wissen, dass der Erbe ein Taugenichts ist, einer, der nur vom Geld seiner Familie lebt und nix zustande kriegt?“
„Ich hörte sowas…“ Sie lässt mich los und reicht ihm Papiere aus der Tasche. Während er liest, wandert ihr Blick zu meiner Decke und mustert den rosenverzierten Stuck.
„Wahnsinn…“ Murmelt sie.
„Ja, das sag´ ich Ihnen. Der Lump ist schon ´ne Viertelstunde zu spät. Wenn da die Familie nicht immer die Hand drüber halten würde- der ist sicher nicht mal aufgestanden. Ich schmeiß den mal raus!“ Er kramt nach seinem kleinen Telefon und geht nach draußen auf meine Terrasse. Sie atmet tief durch, schüttelt den Kopf - und setzt sich auf meine unterste Treppenstufe. Ihren Kopf schmiegt sie an mein Geländer, und ihr Blick wandert über meinen Parkettfußboden mit Sternenmuster. Dann schnellt er wieder zur Decke, und sie lächelt.
„Ja, das hätte ich genauso gemacht. Wie Oben, so Unten.“
Damit meint sie die zarten Stucksterne an meiner Decke. Dezent und erst auf den zweiten Blick erkennbar.
Ich würde ihr gerne weiterzusehen, aber ich muss dringend in meine Dachkammer. Denn in einem Punkt hat der unhöfliche Herr leider recht.
„Ist es denn schon Zeit?“ Murrt mein Herr, als ich betont quietschend die Tür öffne.
„Schon länger. Da laufen zwei Menschen durch meine Mauern und einer beleidigt unsere Mitbewohner. Habt Ihr das angezettelt?“ Ich lasse seine Bettdecke hochsausen. Er springt mit einem Satz kreischend aus dem Bett und landet in einer Staubwolke auf dem Teppich, dann setzt er sich auf sein Hinterteil und mustert mich.
„Du bist wirklich ein unhöfliches, altes Haus.“
„Und Ihr seid der hässlichste Kater, den ich jemals sah. Wieso musstet Ihr Euch für so einen Körper entscheiden?“
„Weil er praktisch ist?“ Mein Herr grinst mich an. So kann man seinen Unterbiss deutlich erkennen. Er bleckt seine langen Fangzähne, zieht einen Buckel und beginnt, sein stumpfes, schwarzes Fell zu putzen. Dann setzt er sich, hebt er ein Hinterbein und mustert mich herausfordernd.
„Wieso putzt sich der Kater zwischen den Läufen? HM?“
„Weil er es kann?!Der Witz ist fast noch älter als ich! Aber wollt Ihr wirklich die nächsten Jahrhunderte als verlotterter, krummbeiniger Kater leben?“
Mein Herr blickt auf und hält inne.
„Warum denn nicht? Ich muss mich nicht anziehen, Tag und Nacht sind einerlei, ich schlafe, wo und wann ich will, und die Nachbarskatzen sind-…“
„Ja, aber könntet Ihr nicht wenigstens ein hübscher Kater sein?“
„Damit mich irgendwelche Menschen anfassen und adoptieren wollen? Bloß nicht. Es reichte mir schon, als der Tierschutz hier eines Tages stand, weil irgendein Idiot dort angerufen hatte.“
„Einer von den Idioten, die Ihr zuvor bestellt hattet?“
„So ungefähr. Und, was haben wir heute?“
„Sie sind zu zweit. Aber-…“
„Was? Ist da was Besonderes?“ Mein Herr spitzt die zerfledderten Ohren und peitscht mit seinem dürren Schweif. „Du bist so lebendig, heute.“
„Unsinn.“
„Doch. Sonst schlurfst Du lustlos rum, und heute haust Du sogar meine Decke weg. Was gibt´s da unten, hm?“
„Ich kann gar nicht schlurfen, ich bin-…“
Zack, schießt er schon durch die Tür. Ich verfolge ihn und wir treffen uns am Treppenabsatz.
„Oh, was sehen meine scharfen Augen? Die ist aber hübsch. Und sie steht auf Dich. Sie putzt sogar schon Deinen Spiegel über dem Kamin!“, kichert mein Herr. „Soll ich Euch bekannt machen? Ich meine, bevor wir-…“
„Untersteht Euch. Ich denke, heute reicht der eine für alle.“
„Oh hah. Offenbar stehst Du auch auf sie.“
„Kein Wunder, dass Eure Eltern Euch hier zurückgelassen haben. Eure Manieren sind scheußlich!“
„Oh, Kitty!!!“ Die junge Frau schnappt sich meinen Herrn, und noch bevor der Entsetzte Kreischen oder Kratzen kann, landet er auf ihrem Arm. „Du bist aber süß!“
Triumphierend grinst er mich an, während sie sein Kinn krault. Bilde ich mir das ein, oder kann der sogar Schnurren? Der Staub von seinem Fell hinterlässt Flecken auf ihrem dunklen Anzug, aber das scheint sie nicht zu kümmern. Nun legt er sogar die Pfoten auf ihre Schulter und reibt seinen Kopf an ihrem Hals.
„Untersteht Euch!“, zische ich. „So hinterhältig seid selbst Ihr nicht, und wenn Ihr nicht demnächst im Garten schlafen wollt, dann-…“
„WAT IS DATT denn für ‘n hässliches Viech? Wo ha´m se das jetzt wieder her? Da lass ich Sie einmal allein, und- …“ Der Herr von draußen ist wieder drin und mustert verächtlich die junge Frau. „Mädchen, Mädchen, Sie sollen ne´n Hai werden bei uns, keine verrückte Katzentante, aber genauso sehen Sie gerade aus! Gucken ´se mal innen Spiegel. Sieht so jemand aus, von dem man sich seriös beraten lassen möchte? Alles, was Ihnen gerade noch fehlt, ist der Besen!“
Wir drei schauen in den Kristallspiegel, den sie eben noch abgewischt hat. Ihre Augen werden feucht. Sie schlingt ihre Arme fester um meinen Herrn, der seine leuchtend grünen Augen wütend an den anderen heftet.
„Ich dulde keine Beleidigungen in meinem Haus!!!“ Mein Herr zieht einen Buckel und zischt ohrenbetäubend. Er hat so lange keine Menschenworte mehr gebraucht, dass der andere ihn kaum versteht.
Dafür schießen draußen unzählige Raben vor Schreck von der Eiche in die Lüfte und taumeln flatternd durcheinander.
„Schmeißen ´se das weg, das hat ja Tollwut! Das muss der Tierarzt erschießen, sofort!“ Brüllt der andere entsetzt. „Komm ´se, wir hauen hier ab, der Idiot liegt sicher noch besoffen irgendwo im Bett, der soll sich ´ma erst um sein Ungeziefer hier kümmern, das sag´ ich Ihnen, das zieh ich alles vom Kaufpreis- was is denn mit Ihnen los? Ha´m ´se jetzt völlig den Verstand verloren?“
Sie lächelt. Dann geht sie zum Fenster, meinen Herrn auf ihrem Arm, öffnet es und fährt herum.
„Was ist denn mit Ihnen, hm? Haben SIE mal in den Spiegel da geschaut?“ Sie deutet auf meinen Spiegel über dem Kamin.
Verwirrt mustert er sie, schaut hinein, dann wieder zurück.
„Was soll-…“ Weiter kommt er nicht. Kreischend stürzt ein schwarzer Schwall aus Raben in mich hinein, und packt sich den scheußlichsten Troll, den ich je gesehen habe. Ich hasse Trolle. Sie stören die Träume der Kinder. Die Raben zerreißen ihn, noch bevor er schreien kann, besudeln meinen Boden und lassen keinen Fetzen von ihm übrig. Sie verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind, nehmen wieder auf ihrem Baum Platz und mustern mich unschuldig. Die Kröten schmatzen. Oder sind das die Wurzeln der Eiche, die sich gierig durch das Loch in meiner Kellerwand tasten, um etwas von dem versickerten Blut zu erhaschen?
Als ich herumfahre, bietet sich mir ein besonderer Anblick.
Von hinten sehe ich noch die junge Frau, den Kater auf dem Arm. Im Spiegel erkenne ich schon meinen Herrn, wie er vor langer Zeit war. Er zupft an der Spitzenmanschette seines Gewandes und mustert sie verlegen über seine Schulter. Ein bisschen blass, aber beinahe wieder menschlich.
„Vielleicht etwas aus der Mode, aber ich hatte den Eindruck, Ihr schätzt das Klassische?“
„Das tue ich.“ Sie strahlt ihn an. Offenbar ist er in dieser Gestalt noch süßer. Hätte ich Augen, würde ich sie jetzt rollen.
„Verderbt es um Himmels willen nicht wieder!“ Flüstere ich ihm zu. Aber er hat nur Augen für sie.
„Woher wusstest Du …“, murmelt er. Dann mustert er sie im Spiegel und erstarrt. Ihr langes Gewand ist älter als seines.
Sie tritt um ihn herum, fährt mit beiden Händen über den Rahmen des Spiegels und richtet ihn gerade.
„Weil ich ihn vor sehr langer Zeit dort aufgehängt habe. Ich hatte es nur vergessen. Bis eben. Aber zum Glück enthüllt er, wer wir wirklich sind.“
Mein Herr folgt meiner Herrin mit seinem Blick.
„Magst Du mir beim Abendessen erzählen, wie es dazu kam?“
Sie zwinkert und zückt eine Plastikkarte.
„Gerne. Ich wäre ja für Pizza, aber Du-…“ Ihr Blick wandert über die frischen, dunklen Flecken auf meinen Boden und dann zurück zu meinem Herrn.
Er lacht und bleckt seine Fangzähne.
„Vielleicht hast Du ja noch so einen sympathischen Kollegen, der Dir Akten bringen muss - und die Pizza gleich dazu? Wir könnten mit ihm Deine Kündigung feiern. Die anderen sind, denke ich, erstmal wieder ein paar Jahre satt, oder?“
Ich lache auch.
„Das alte Trollblut war ganz vorzüglich, Herr. Ich spüre schon, wie sich mein Putz erneuert und die Wände wieder glatt werden. Ich denke, ich werde in ein paar Tagen eine ganz wunderbare Adresse abgeben. Wenn die Herrin zu bleiben wünscht.“
Sie strahlt mich an.
„Oh ja, das will ich. Rabenweg 13. Eine hervorragende Adresse. Dann wollen wir mal - was bestellen.“
Sie zückt ihr Telefon.
Schauen wir mal, ob der Kollege genauso exquisit ist, wie sein Vorgänger. Dann genehmige ich mir doch noch etwas von seinem Blut. Denn auch in diesem Punkt hatte er recht, der uralte Troll:
Ich sollte dringend was für meinen Springbrunnen tun.