Seitenwind Woche 1: Gäste im Geisterhaus

Wunschträume

Die Dämmerung ist für mich, das Haus, die schönste Tageszeit. Ganz besonders an ei-nem warmen und trockenen Sommertag wie heute. Die pralle Hitze des Tages ist einer angenehmen Wärme gewichen. Die letzten Gartengeräte in der Nachbarschaft sind ver-stummt. Ruhe kehrt ein! Nur ein paar Bienen drehen noch schnell eine Sammelrunde durch den Blumengarten. Am Himmel erzeugt die Sonne bei ihrem Untergang wechseln-de Farben, wie sie nur die Natur hervorbringen kann. Ein lauer Wind bringt ab und zu den Duft eines köstlichen Abendessens. Die Stimmung wird von Zufriedenheit nach dem Ende der Tagesarbeit geprägt. Schon bald löst die Nachtigall das vielfältige Gezwitscher der Tagesvögel ab.
Gerade in der Dämmerung denke ich oft an den Anfang vor 200 Jahren zurück, als hier bei mir im Haus mein „Traumpartner“ geboren wurde. Die Freude bei seiner Geburt hat mich fast erdrückt. So lange hatte ich schon gewartet, um mit meiner Gabe Träume zu verschenken und Freude zu bereiten. Während der Schwangerschaft spürte ich schon, dass da etwas Großes passieren würde. Dann wurde der Kontakt in den Träumen mit diesem wundervollen Jungen immer intensiver. Im Traum tauschten wir unsere Wünsche und Bedürfnisse aus und erlebten fantasievolle Abenteuer. Nach seiner Ausbildung trat er in einen Orden ein. Nur dort fand er Verständnis für seine Verbindung zu mir. Mit all seiner Kraft sorgte er dafür, dass bei mir in der Nähe ein Kloster gebaut wurde, dem er bald als Abt vorstand. Im Kloster wurden Exerzitien und andere ausgesuchte Seminare angeboten. Ein Hintergedanke war das Auffinden von Menschen, die mit mir in Kontakt treten konnten. Da ich meine Fähigkeiten in dieser Richtung auch verbessert hatte, fan-den wir immer mehr entsprechende Teilnehmer. Sehr oft traten diese in das Kloster ein und immer noch wächst das Kloster entgegen dem allgemeinen Trend.
Es war nicht verwunderlich, dass viele Menschen nicht verstanden, was in dem Kloster und bei mir im Haus vorging. Bald hatten wir den Ruf als etwas Geheimnisvolles oder auch Unheimliches. Bald tauchte der Begriff „Geisterhaus“ auf. Das lag auch an dem Aussehen, denn die Mönche ließen Haus und Garten in dem alten Zustand und besei-tigten nur Gefahrenquellen. Mir passt der Begriff. „Traumhaus“ besser.
Schluss jetzt mit den Erinnerungen und zurück in die Wirklichkeit. Gerade sehe ich meine vier Gäste für heute auf dem Rabenweg kommen. Wie immer wird es für sie und mich ein Abenteuer, bei dem man nie vorher sagen kann, was alles passieren wird.
Euch allen wünsche ich eine erholsame Nacht, auch wenn ihr nicht träumt.