Seitenwind Woche 1: Brötchen mit Soße für 60 Pfennig

In der Hoffnung, dass mein Beitrag nicht in der Flut ertrinkt… :ocean:

Gefühle wiegen mehr, als man denkt

»Jannis steht auf schlanke Mädchen«, höre ich Aria tuscheln. Kaum hat sie die bittere Wahrheit ausgesprochen, dreht sich Laura kichernd in meine Richtung. Ihr Blick huscht über meinen Körper und hinterlässt dort eine Schaudergänsehaut. Ich spüre die dunkle Mischung aus Abwertung, Verurteilung und Schadenfreude auf mir und verschränke die Arme vor meinem Leib. Kann es sein, dass mein Oberteil plötzlich geschrumpft ist? So unauffällig wie möglich zupfe ich es in die Länge, um meinen Bauch, der in diesem Neonröhrenlicht noch weißer erscheint, zu verstecken. Ich hätte heute Morgen doch den ausgeleierten Pullover anziehen sollen. Was habe ich mir nur gedacht?

Der Mann hinter der Theke schiebt im Schneckentempo eine kleine Portion goldgelb glänzender Pommes mit winzigen schimmernden Salzkristallen darauf in meine Richtung. Er hebt dabei schweigend und doch alles sagend eine Augenbraue. Er hat mich nicht einmal gefragt, ob ich Mayonnaise oder Ketchup dazu haben möchte. Ich weiß, was er denkt, was alle hier denken.

»Kein Wunder, dass sie so fett ist.«

»Von nichts kommt nichts.«

»So wird sie nie abnehmen.«

Ich starre die Pommes an. Kurz überlege ich, die 434 Kilokalorien einfach stehen zu lassen und durch den Regen draußen zu verschwinden. Aber ich schaffe es nicht, meine Augen von der Pappschale zu lösen. Es steckt sogar ein Pikser aus Holz oben drauf. So wie früher bei den Portionen, die ich mit meiner Freundin Milly immer beim Freibadkiosk geholt habe.

»Nächster«, schreit der Augenbrauentyp.

Ich sollte die Pommes zumindest mitnehmen, schließlich habe ich sie bezahlt. Teuer bezahlt. Mit Blicken.
Mit einer Hand schnappe ich mir meine Bestellung, mit der anderen versuche ich, mein Shirt an Ort und Stelle zu fixieren. Ich quetsche mich in der hintersten Ecke des Fast-Food-Ladens auf die lederbezogene Bank neben dem Bälleparadies.

Den ganzen Tag nahm ich bisher nur Wasser zu mir, das jeglichen Geschmack aus meinem Mund gespült hat. Zwei Gläser zum Frühstück und zwei Liter am Vormittag. Damit der Hunger endlich verschwindet. Mein Körper lechzt förmlich nach etwas Salzigem. Mein mies gelaunter Magen grummelt und fordert mich zum Essen auf. Vielleicht esse ich eine Fritte. Nur eine. Die lange Dicke, in welcher der Pikser steckt. Am besten, bevor sie kalt wird. Ob sich das auf der Waage bemerkbar macht? Aber irgendwas muss ich schließlich essen. Soll ich wirklich?

»Tu es einfach!«, kreischt mein Magen, also schnappe ich mir das goldene Teilchen und halte es vor meine Nase. Ich schließe die Augen. Es duftet herrlich nach Sommer, Sonnencreme, chlorgetränkten Bikinis und Unbeschwertheit. Fast kann ich den aufgeheizten Teerboden auf meinen Fußsohlen spüren und Milly neben mir gackern hören. Wir machen uns dick Mayo auf unsere Pappschalen, sie formt einen Smiley daraus, ich ein misslungenes Herz. Wir lachen darüber.

»Iss es endlich!«, brüllt es in meinem Ohr. Ich kneife die Augen jetzt fest zu und stecke mir blitzschnell die Fritte in den Mund. Sie ist heiß, viel zu heiß. Frisch aus der Fritteuse eben. Ich beginne zu kauen und knacke die krosse Schicht mit meinen Zähnen. Auf meiner Zunge spüre ich die butterweiche Kartoffelfüllung. Die kleinen Salzkügelchen zerschmelzen und prickeln bittersüß wie Zitrone vom Kinn bis in den Hals hinunter. Genau so sollten Pommes sein. Echte Milly-und-ich-Pommes. Ich kaue eine Ewigkeit und wälze die Kartoffelmasse auf meiner Zunge hin und her, bis sie sich vollständig mit meinem Speichel vermischt hat und der Geschmack und die Erinnerungen langsam verschwinden.

Als ich die Augen öffne, steht ein übergewichtiger kleiner Junge vor mir, schlürft durch einen Strohhalm an seiner XXL-Cola und gafft mich an.

»Jannis steht auf schlanke Mädchen«, höre ich Arias Stimme in meinem Kopf. Sofort meldet sich mein schlechtes Gewissen. Tränen schießen mir in die Augen. Ich lasse alles stehen und liegen und stürme aus dem Laden. Ich renne nach Hause und haste im Badezimmer auf die Waage.
Gott sei Dank, ich habe zwar nicht abgenommen, aber auch nicht zugenommen. Die Waage zeigt immer noch fünfundvierzig Kilo.

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