Seitenwind Woche 1: Brötchen mit Soße für 60 Pfennig

Ich fühle nach und spüre den Ekel vor diesen Sehnen sofort und erinnert mich an eigene Erfahrungen. :face_vomiting: :sneezing_face: :hugs:

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Mückentanz

Jeder dieser Kindheitsfreitage war wie die Erweckung aus einem Albtraum. Jemand zog mir eine bleischwere Bettdecke von den eingezogenen Schultern, schaltete ein grelles Licht an und öffnete das Fenster, um meine Kinderseele zum Lüften aufzuhängen.

Erschrecken und eine unbändige Vorfreude, die das Herz bis zum Hals klopfen ließ, lösten sich mit einem Schlag ab. Die Erlösung rollte auf vier Rädern heran; ein hellgrünmetallicfarbener Ford Taunus fuhr in die Einfahrt. Ihm entstieg mein Großvater, der denkbar mildeste aller Menschen in Gottes großem Zoo, gefolgt von meiner Großmutter, die den Wagen stets lenkte und auch sonst jede Führung übernahm. Diese wuchtige Frau wirkte nicht nur wie eine Königin, sie hieß auch so.

Die Begrüßungszeremonie zwischen allen Anwesenden glich einem großen Bemühen nach Unsichtbarkeit. Ich spürte schon in diesen Kindertagen, dass das etwas mit Eskalationsvermeidung zu tun hatte; niemand wollte meinen Übertritt von der einen Welt in die andere mit einem Streit verwirken. Sowohl meine Eltern als auch ich lauerten darauf, uns für die Dauer zweier Mondaufgänge verlassen zu dürfen.

Mein spärliches Gepäck wurde mit mühsam unterdrückter Eile in den Kofferraum bugsiert, in dem die Kiste Bier für meinen Großvater und eine mit üppigen Blumen verzierte Kühltasche schon ein Stilleben bildete, das Frieden verhieß. Ich wusste genau, welchen Leckerbissen die Königin eigens für mich eingepackt hatte…

Das Wageninnere roch nach Liebe und Geborgenheit; die Polster hatten sich über die vielen Jahre mit den Gerüchen meiner Großeltern vollgesogen. Obwohl ich es schon damals erahnen konnte und hinter der clownesken Fassade meines Großvaters eine große Traurigkeit witterte, wollte ich mir doch nicht eingestehen, dass sein besonderer Geruch dem Schnaps geschuldet war. Ich liebte diesen sanftmütigenen Mann, dem das Leben so übel mitgespielt hatte, abgöttisch.

Unsere Fahrt führte durch das Teufelsmoor nach Waakhausen, einem kleinen Flecken kurz vor Worpswede. Es hatte sich dort, auf einer aufgegebenen Weide am Rande eines noch bewirtschafteten Gehöfts, ein kleiner Campingplatz etabliert. Am anderen Ufer der Semkenfahrt gab es schon lange einen Zeltplatz für Bootsfahrer, die sich zunächst in Hauszelten gesellig zusammenfanden. Mit dem langsam einsetzenden Wohlstand wurden erste Wohnwagen angeschafft und eines Tages reichte der Platz nicht mehr für alle. Einige Mitglieder dieser tief verwurzelten Gemeinschaft entdeckten so die gegenüberliegende Brachfläche für sich.

Dort stand nun eben der winzige Wohnwagen meiner Großeltern, in dem es roch wie in ihrem Auto, untermalt jedoch mit einem Hauch Propangas aus den Lampenstrümpfen und dem unterschwelligen scharfen Geruch nach Feuchtigkeit. Es dauerte meist nicht lange, bis die erste Bierflasche geöffnet wurde und sich auch dieser würzige Duft in der Menagerie meiner Kindheitserinnerungen verewigte.

Aus der Stadt entlassen konnten meine Ohren hier völlig andere Geräusche wahrnehmen. Das schönste davon war die Stille. Kein wütendes Brüllen, kein Weinen, kein Poltern von umgeworfenen Gegenständen drang hier an mein Ohr und hier hob auch niemand die Hand. Hier musste kein Kopf zwischen die Schultern gezogen werden und die ständige Alarmbereitschaft hatte Ferien. Es gab hier Kinder, die nichts über mich wussten, die aber mit mir im Schmutz spielten, mit denen ich Mutproben ablegte, die mit mir auf Entdeckungsreise gingen. Und das einzig laute Geräusch war unser unbeschwertes Lachen.

Hier im Licht der untergehenden Sonne, die sich glitzernd auf den Kanälen spiegelte, sah ich Mücken tanzen und ich saß stundenlang im feuchten Gras, sah ihnen dabei zu. Das war der Moment der inneren Ruhe, der Besinnung, des Friedens. Dann verspürte ich endlich auch Hunger und das Ritual begann: Ich lief zum Wohnwagen, in dem mich meine Großmutter schon lächelnd erwartete. Nie enttäuschte sie mich; sie drückte mir eine zusammengeklappte Schwarzbrotstulle mit Leberwurst und Gurke in die Hand und fragte, ob ich mich nicht setzen und sie bei einer Tasse Tee essen wolle. Und obwohl ich ihre Nähe liebte, machte ich mich mit meiner Stulle bewaffnet wieder auf den Weg zum Bootsanleger, an dem ich fröstelnd saß, den Frieden roch und die Liebe aß.

Die Grasflecken auf der Jeans, die ich wie eine Trophäe trug, gerieten nie in das Gepäck, das mich zurück in die Realität begleitete. Und keines der heimischen und keines der erwachsenen Leberwurstbrote schmeckte je annähernd so gut wie die von der Königin geschmierten. Den Campingplatz gibt es noch und auch das alte Bootshaus, vor allem aber die Erinnerung. Und wenn mich jemand fragt, was ich mir als letzte Mahlzeit wünsche, wird es darauf nur eine Antwort geben.

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Schlachten

Der Opa hatte die Sau schon geschossen. Der Bolzenschussapparat hinterließ auf der Stirn ein Pfennig großes Loch, aus dem ein Tropfen Blut wie an einem Bindfaden herunter lief.

Heute wird geschlachtet. Die vielen Münder auf dem Bauernhof mussten für ihre Arbeit auch ordentlich ernährt werden.

Schlachten wird auch manchmal als Schlachtfest bezeichnet. Ein Fest war das nie, für keinen Beteiligten. Zuerst war es einmal eine Entscheidung, wann und welches Schwein geschlachtet wurde und zweitens war es harte Arbeit, zu der sich nicht viele vordrängelten. Aber es ist einfach ehrlich, wenn man Fleisch oder Wurst essen will, dann muss man das irgendwie in die Speisekammer oder auf den Tisch bringen.

Wir Kinder mussten helfen und allerlei einfache Aufgaben erledigen.

Für die Wurst brauchte es eine große Anzahl von Zwiebeln. Die wurden üblicherweise von uns Kindern durch den Fleischwolf gedreht. Wir mussten uns abwechseln, wenn die Arme lahm wurden.

Die Zwiebelmasse kam in dünnen Nudeln aus dem Fleischwolf und ringelte sich in die großen weißen Emailschüsseln. Scharfe Zwiebeln brannten schonmal in den Augen, so dass wir versuchten, der Schüssel nicht zu nahe zu kommen.

Am Ende der Zwiebelprozedur konnten wir eine weiche Semmel durch den Fleischwolf drehen. Damit sollte der Rest der Zwiebeln durchgedrückt und der Fleischwolf für das Fleisch vorbereitet werden.

Da war mein höchster Moment.

Das Brötchen selber kam jetzt als dünne Nudeln aus dem Sieb, getränkt mit Zwiebelsaft und dem Rest der Zwiebelstückchen. Aber durch den Brötchenteig wurde die Schärfe der Zwiebeln weggenommen.

Diese Mischung aus gequetschtem Brötchen mit Zwiebelsaft war mein Favorit. Es schmeckt noch intensiver als ein Wurstbrötchen mit Zwiebel ohne Wurst. Ich erinnere mich heute noch an die teigige Konsistenz und den süßlichen Geschmack.

Schlachten zu Hause gibt es schon lange nicht mehr. Vielleicht gehe ich mal auf die Suche nach dem Fleischwolf.

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Zuckernudel
Nein, das ist kein bayerischer Kosename und es handelt sich auch nicht um die Verniedlichung einer korpulenten Dame.
Zuckernudeln waren das Geheimnis meiner Kindheit. Allerdings wusste ich das damals noch nicht.
Ich dachte, dass alle Menschen dieses Gericht kannten und liebten. Etwas, was so gut schmeckt kennt doch bestimmt ein jeder.
Erst als ich später, verliebt bis über beide Ohren, meinen Schatz damit beglücken wollte und dieser entsetzt reagierte, erkannte ich meinen Irrtum.
Bei Zuckernudeln handelte es sich um gekochte Nudeln, die zunächst in Butter gebraten und dann mit einem Ei übergossen werden. Das Ei mitbraten. Jetzt servieren und großzügig Zucker darüber streuen. Mit einem großen Glas frischer Milch servieren.

Ich esse seit Jahren kaum mehr Zucker. Auch Weißmehl versuche ich zu meiden. Aber heute Abend werde ich wohl mal eine Ausnahme machen.

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Kohlrabischnitzel

„Willst du es nicht doch probieren?“ Oma hat noch den hölzernen Pfannenwender in der Hand, bereit, ein weiteres Stück Schnitzel auf einen Teller zu schubsen. Meinen Teller, in diesem Fall, obwohl der bereits fast überquillt.

Wie jedes Mal schüttle ich den Kopf und sage freundlich „Nein“ und wie jedes Mal schüttelt Oma daraufhin den Kopf. „Dabei wäre es so gut.“

Ich könnte jetzt sagen, dass ich das weiß, aber dann würde Oma fragen, warum ich freiwillig darauf verzichte und dann müsste ich mich erklären – erneut. Deshalb bedanke ich mich für das Essen und nehme einen Bissen Reis.

„Willst du nicht einmal etwas vom Fett?“

Oma hält eine Kelle mit dem braunen Saft aus Öl und Panaderesten in die Höhe, von dem sie allen anderen bereits auf den Reis gegossen hat. Sie kommt meinem Teller dabei gefährlich nahe, weshalb ich schnell meine Hände darüberhalte.

„Nein, danke.“

Oma schaut skeptisch.

„Wirklich nicht.“

„Da ist aber kein Fleisch dran“, sagt Oma. „Nur der Geschmack.“

Alle außer ich haben ein riesenhaftes Wiener Schnitzel vor sich liegen. Sie werden es nur mit Mühe aufkriegen und mit etwas Pech landet noch ein Nachschlag auf dem zu leeren Teller, bevor sie sich dagegen wehren können. Dazu gibt es Reis, mit in Spalten geschnittenen Zwiebeln gekocht und mithilfe einer Plastikform gugelhupfförmig auf den Teller gestürzt. Außerdem ein paar Pellkartoffeln und grünen Salat für alle die Lust darauf haben (wir Kinder bestimmt nicht). Am omatypischsten ist aber die Schüssel mit frischem Apfelkompott, die an jedem Platz steht. Es ist nicht als Nachspeise gedacht, sondern als Beilage. Jedes Mal wieder bin ich erstaunt, wie gut es zu Reis, Kartoffeln und Panade passt.

Zu den Schnitzeln passt es auch sehr gut, wie ich mich durchaus erinnern kann. Doch obwohl Oma für sie noch bekannter ist, als für ihr Apfelkompott und jeder einzelne meiner zahlreichen Cousins sich bei einem Omabesuch stets Wiener Schnitzel wünscht, sprechen sie mich überhaupt nicht an.

„Hast du denn gar keine Lust auf Fleisch?“, ist eine andere Frage, die mir in einer Situation wie dieser häufig gestellt wird. Wahrscheinlich glauben viele Leute, ich lüge, wenn ich sie verneine.

Statt dem Wiener- schneide ich also mein Kohlrabischnitzel entzwei und stecke mir einen großen Bissen in den Mund.

„Total gut“, sage ich laut, um zu bekräftigen, dass mir wirklich an nichts fehlt.

Tatsächlich schmeckt es mir nur mäßig gut, weil ich vermute, dass es gemeinsam mit dem Fleisch in einer Pfanne gebraten wurde, in genau dem Saft, den ich soeben noch abgelehnt habe. Aber ich frage nicht nach. Ich will niemandem zur Last fallen. Ich bin dankbar, dass Oma extra für mich Kohlrabi paniert. Und so esse ich Kohlrabischnitzel mit Fleischgeschmack, Reis, Kartoffeln und Apfelkompott bis wirklich gar nichts mehr in meinen Magen passt.

Denn dann freut Oma sich.

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Dieser Text ist voller Details, die man sonst fast nirgendwo findet. Heute habe ich etwas übers Schlachten gelernt. Und über einen Geschmack, auf den ich von alleine nicht gekommen wäre. Ein Glück für alle, die diesen Text lesen, dass du genau dieses Thema gewählt und dieses ungewöhnliche (vergessene?) Essen so präzise beschrieben hast.

Widerliches Essen

Der kleine Hartmut sah zum Himmel hinauf, dort ballten sich mächtige Wolken zusammen, einen Blitz gab es in der Ferne schon, aber keinen Donner dazu. Aber es konnte jederzeit losgehen und nass wollte er nicht werden. Also kroch er aus seiner Höhle, die er sich in einem Gebüsch in der Nähe seines Wohnhauses errichtet hatte. Er klopfte sich den Sand von der Hose und ging zügigen Schrittes auf seinen Wohnblock zu, über den man sich später die Nase rümpfen würde, ein damals moderner Wohnblock in Großblockbauweise, nicht mehr Stein auf Stein, sondern große Elemente wurde zusammengefügt, was man dann als Platte beschimpfte, aber Standard im Neubau wurde, kostete weniger, war effizienter und ging schneller.
Er erreichte die Eingangstür, stürmte zum dritten Stock hoch, vorbei an geschlossenen Türen, hinter denen ein Ingenieur wohnte, wieder ein Arbeiter und oben wusste er nicht, was die waren. Er musste nicht klingeln, die Tür war offen und ging hinein.
Die Schuhe hatte er draußen abgestellt, was heute unmöglich ist und zog die Latschen über. Die Jacke warf er über den Kleiderhaken, um sich dann sofort die Hände zu waschen. Das forderte seine Mutter immer. Dabei dran der Geruch aus der Küche, der ihn übles ahnen ließ. Es roch nach Lungenhaschee, wie man das macht, weiß er bis heute nicht, nur das er das nie wieder essen würde.
Er trollte sich kurz in sein Zimmer, zog sich um, mit den dreckigen Sachen durfte er nicht hier rumrennen, dann ging er in die Küche, wo seine etwas beleibte Mutter am Herd stand und rührte. Sie hörte ihn kommen, wandte sich um und befahl, den Tisch zu decken. Da er der Zweitälteste war und die große Schwester noch auf Arbeit, musste er das tun, also nahm er sich die Teller aus dem Schrank, brachte sie ins Wohnzimmer, das auch Esszimmer und Schlafzimmer war, verteilte sie auf den Tisch an die entsprechenden Plätze und holte dann das Besteck, das es Gabel und Messer sein würde, sah er an den zwei Töpfen, die auf dem Herd standen, ein Topf bedeutete Suppe.
Und ja, es war Mittwoch, die Mutter war einkaufen und es gab Innereien, die sie dann kaufte, mal Herz, das wurde Herzragout, mal Lungenhaschee, was es heute geben würde, der Duft verriet es, er nannte es Gestank. Manchmal sogar Nierchen, sogar Magen gab es mal, aber Leber mochte er. Nur das andere nicht.
Aber was sollte es, als das essen auf den Tisch stand, die beiden jüngeren Geschwister am Tisch saßen, wurde aufgetan. Er bekam natürlich Kartoffeln und einen Klecks des widerlichen Lungenzeugs, die Mutter wusste, das er das alles nicht mochte und tat nur wenig auf. Aber auch die anderen Beiden, der Junge, Holger und die kleine Heidrun, bekamen nur einen Klacks, sie mussten alle essen, was auf dem Tisch kam. Und so aßen die Kinder fast nur Kartoffeln, was Schelte gab, denn die Mutter mussten einmal hungern und hasste es, wenn es essen gab, das man nicht aufaß. Die Kinder hungerten lieber, das tat zwar weh, naschen gab es nicht.
Hartmut würgte das Haschee runter, auskotzen wollte er es aber nicht, wie es manchmal seine Schwester tat und so gab es noch einen Birnenkompott, aus dem Garten, wo die Kinder schön zulangten, den die Mutter argwöhnisch bewachte. Aber die Kinder bekamen die Einweckgläser sowieso nicht auf, nur Reste stahlen sie heimlich. Dann wurde abgeräumt und Hartmut musste abwaschen, was er gar nicht so ungern tat. Schon der Fingernägel wegen, die dann sauber wurden. Die Mutter räumte noch auf und dann trocknete sie ab.

Noch eines hasste er Milchsuppen, Puddingsuppen, Haferschleim, alles, was mit Milch gekocht wurde. Er war vor zwei, drei Jahren sehr kränklich, Berlin, Linienstraße 3. Hinterhof, da kam wenig Sonne. Die Eltern arbeiteten beide 48 Stunden die Woche, auch am Samstag, die Mutter hatte nur einen Haushaltstag im Monat und er war im Wochenheim, später im Kindergarten. Aber durch seine dauernden Infekte wurde er mehrmals in die Kinderkur geschickt, das war zum Teil schön, auch wenn Mama und Papa fehlten, aber das Frühstück bestand aus Milchsuppen, irgendwelche Milchspeisen, oft mit Haut drüber, die er widerwillig essen musste. Manchmal kotzte er die auch aus. Er war mal an der Ostsee, mal im Erzgebirge, im roten Hammer bei Oberwiesenthal. Die Hinfahrt war schon ein Abenteuer mit dem Bus, mal mit der Eisenbahn. Aber ein Abenteuer ging ihm nie aus dem Kopf, es war Winter, es lag Schnee, aber das Wetter war schön, also wanderten sie nach Oberwiesenthal. Er weiß nicht mehr, ob sie auch mit der Seilbahn oben waren, jedenfalls zig der Himmel plötzlich zu und es begann zu schneien, man mummelte sich mehr ein und dann setzte der Sturm ein, Schneesturm von vor. Verlaufen konnten sie sich nicht, aber es war heftig.
Er stemmte sich gegen den Wind, kämpfte gegen ihn, wie sein Vater sicher auch im Krieg, damals wusste er nicht, was er da tun musste, als er später daran dachte, strich er das.
Jetzt aber war er ein Held, er besiegte den Sturm, sie kamen ins Heim an, völlig beweist, fast wie Schneemänner und sogar teilweise nass, aber die meisten Kinder lachten, schüttelten den Schnee ab, wärmten sich und trockneten die Klamotten.

Frank Maranius 2022-10

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(Serbisches) Reisfleisch - ich liebe es!
Und trocken ist da eigentlich nichts - kommt ja eine Unmenge Tomatenmark rein. Und Brühe…

Widerstand gegen das Möhrchenregime

Ich halte unangenehme Empfindungen generell recht gut aus, das war schon immer so. Ob es sich um stundenlange Zahnbehandlungen ohne Betäubung handelt, flüssiges Öl trinken, weil man sich für diese authentische Ayurvedakur entschieden hatte oder die Wohnung, in der man tagsüber aufgrund der Brandgefahr nicht heizen durfte. Ich mache das alles mit – es wird schon für was gut sein. Bis zu einem bestimmten Punkt. Wenn der erreicht ist, kann ich nicht mehr an mich halten, da muss ein starkes Zeichen des Widerstands gesetzt werden. So war das auch schon als Kleinkind mit knapp zwei Jahren.

Damals hat mein Verdauungssystem etwas zu gut gearbeitet, in anderen Worten: ich hatte über Wochen hinweg Durchfall. Meine Eltern waren bald sehr besorgt. Sie fanden, das müsste man mit Möhrchenkost behandeln. Und so kam das orangefarbene Gemüse täglich mehrmals in allen Formen auf den Speiseplan: als Saft, als Brei, als geriebene Rohkost. Das habe ich über Wochen bereitwillig zu mir genommen. Die Eltern werden schon wissen, was sie tun, habe ich vermutlich gedacht. Es ging so weit, dass sich meine sonst sehr blasse Haut bräunlich färbte. Ich habe mitgezogen – so lange ich konnte. Bis zu dem Tag, an dem ich mit meinem Vater mal wieder in den Konsum ging. Er suchte im Laden die Einkäufe für das Abendessen zusammen, ich schaute mich derweil um. Und plötzlich stand ich vor diesem Regal mit Breigläschen. Jedes von ihnen hatte Mohrrüben auf dem Etikett abgebildet. Da ist es mit mir durchgegangen – ich habe nur noch orange gesehen. Und kurzerhand mit einem Arm das gesamte Regal leer gefegt bis alle Gläser zu Boden gegangen waren und dabei laut „Scheiße“ geschrien. Ab dem Tag haben meine Eltern auf die Möhren verzichtet. Zum Glück hatte mein Bauch sich wieder beruhigt – oder vielleicht auch gerade wegen des Befreiungsschlags.

Marzipan oder: Das Leben
Es sind Erinnerungsfetzen in meinem Kopf. Ich weiß nicht genau, von wem sie stammen: vielleicht von mir oder aus den Erzählungen meiner Familie. Da sind Bahnhöfe voller Menschen mit Gepäck und Mama mit uns vier Kindern. Ich bin der Jüngste mit zwei älteren Schwestern und unserem ältesten Bruder. Er muss unseren Vater ersetzen und Mama auf unserer Flucht zur Seite stehen. Papa ist in der Stadt geblieben, weil er kriegswichtiges Material herstellt. Als die Bomben fallen, müssen wir die Stadt verlassen in Richtung Polen, ohne unseren Vater.
Da ist ein Holzhaus im tiefen Schnee. Meine Schwestern spielen mit mir, ich bin erst drei Jahre alt. Mein großer Bruder muss sich mit seinen vierzehn Jahren darum kümmern, dass alle genug zu essen haben und dass genug Holz für den Ofen da ist.

In einer Ecke des Wohnraums steht die Kiste. Sie ist nicht besonders groß und macht von außen nicht viel her. Ich sehe noch genau, wie Mama an besonderen Tagen, z.B. wenn jemand Geburtstag hat, diese Kiste fast feierlich öffnet. Und dann ist da dieser unbeschreibliche Duft, der mir in die Nase steigt. Er ist einfach unwiderstehlich, denn er liegt ganz anders auf der Zunge als das harte Brot und die dünnen Suppen, die wir sonst essen. Ein Stück von diesem Wunderstoff auf der Zunge zu spüren ist so magisch wie die Reise in ein anderes Land. Ich bestehe nur noch aus wohliger Wärme und Glück. In dem Moment sind Hunger und Kälte vergessen und das Gefühl, dass ich für die anderen oft nur lästig bin.
Heute, Jahrzehnte später, sind dieser Geruch und Geschmack fest in meinem Bewusstsein verankert. Eine Schachtel oder ein Stück von diesem Wunderstoff löst die immer gleichen Bilder und Gefühle aus: Bilder von einem strahlenden kleinen Jungen mit leuchtenden Augen und vor Aufregung hoch roten Backen.
Es sind Bilder von großer Freude inmitten von Angst, Hunger und Kälte.
Sie sind immer noch so gegenwärtig, als hätte ich sie erst gestern erlebt.

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Hoffe, das hier ist nicht knallhart am Thema vorbei :smiley:

Die meiste Zeit meines Lebens glaubte ich, es müsse sich arg fantastisch anfühlen, der Magie mächtig zu sein. Einmal angenommen nämlich, es bräuchte bloß einen bewussten Gedanken, um in den Händen ein Feuer zu erzeugen (ein kleines wenigstens) – niemals mehr wären im tiefsten Winter selbst klobige Handschuhe gebraucht! Und in dunkelster Nacht bräuchte man nicht mal mehr den leeren Handyakku fürchten!
So lange dachte ich, es wäre arg fantastisch, solcher Feuermagie mächtig zu sein, bis ich ihrer tatsächlich mächtig wurde und sie sich aber als weit weniger romantisch (und nützlich) erwies. Die drängende Frage sollte werden „Wie denn werde ich das doofe Brennen wieder los?!“ und auch die Frage nach dem Ursprung sollte sie völlig verdrängen.
Auf beide Fragen kann ich glücklicherweise Antworten liefern: hier also das Rezept zum Umgange mit Feuermagie:

Wir beginnen bei den Ingredienzien:

  • das Lieblingskochbuch,
  • ein Schneidemesser,
  • einen Kübel Eiswasser,
  • viel Milch,
  • noch mehr Peperoni,
  • andere (und weniger relevante) Zutaten.

Das Rezept zur Magie (in kommentierter Fassung):
Das Erlernen – es sei empfohlen, das Lieblingskochbuch auf einer Seite aufzuschlagen, deren Gericht nach ausreichend Peperoni verlangt, und die angegebene Menge dann, wenigstens um ein Dreifaches zu übertreiben. Unabdinglich dabei ist, jeden Tipp, beim Entkernen und Zerschneiden ja unbedingt Handschuhe zu tragen, weit in den Wind zu schlagen – Handschuhe sind der Teufel! Ansonsten ist zu beachten, die Peperoni ja gut zu befühlen, ja richtiggehend in den bloßen Händen zu kneten! Die ausgehobelten Kerne gerne in die Falten einmassieren – unter den Fingernägeln zeitigen sie ihre Wirkung ganz besonders feurig!
Verschnaufen – das zubereitete Gericht kann nun genossen werden (oder auch nicht, wir haben immerhin mit der Peperoni übertrieben und wahrscheinlich wird es fürchterlich im Rachen brennen – der Servicetipp an dieser Stelle: Das Glas Milch sollte helfen; vielmehr vielleicht: ganz viele Gläser Milch; ach was: Sämtliche bereitgestellte Milch wird nicht genügen). Freilich soll uns der verdorbene Geschmack nicht schrecken, denn schon in der Zubereitung des Essens haben wir Großartiges geleistet!
Die ersten Magie-Momente – keine Panik! Es wird nur schlimmer werden, das heißt, der erste Moment wird in der Retrospektive ganz sicher als harmlos angesehen werden! Aber spätestens jetzt werden Sie mir zustimmen müssen: Handschuhe sind der verdammte Teufel!
Kontrolle gewinnen? – unmöglich! Vollkommen unmöglich! Welche Hybris veranlasst uns, zu glauben, ein Feuer in der offenen Hand kontrollieren zu können?! Schon im Rachen brennt es unkontrollierbar und bereitet sich nun rasend schnell über jeden Finger einzeln aus! Warten Sie ab – die Magie nimmt erst ihren Anfang!
Und was dann? – erinnern Sie sich an den Kübel Eiswasser! Aber Capsaicin ist nicht wasserlöslich – ganz egal, das Eiswasser hilft auch, dem im Rachen herumspukenden Drachen Herr zu werden. Auch dann noch, wenn alle Milch längst ausgetrunken ist! Und notfalls: Den Kopf reinstecken! Ehrlich? Kühlt die Gedanken! Die Hände vorher aber rausziehen – sonst könnte es brenzlig werden …
Aber was ist mit der Lösung …? – Ruhe bewahren. Abwarten. Eine Nacht drüber schlafen. Zwei Nächte vielleicht. Das Lieblingsgericht noch einmal kochen (die Peperoni vielleicht weglassen, schmeckt ja auch besser).

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Hallo Leo!
Freut mich, dass die Episode ein Echo fand. Mein Werk hatte ich im August über Publisher Bookmundo veröffentlicht; toller Umsatz bisher! Null Exemplare - aber darum geht es mir nicht, Hauptsache, die Schwarte ist aus der Schublade …

Tugend

Ich hasste sie. Die bunten Schachteln, meist mit Blumenmustern versehen und auf denen mit goldener Prägeschrift so etwas stand wie: die zarte Verführung. Buchstaben, ineinanderverschlungen. Ich folgte dem Schriftzug mit meinem Finger über das darüberliegende Cellophan hindurch. Der Kunststofffolie, welches die Schachtel fest umschloss.
Wie etwas Besonderes wurden die Schachteln weitergereicht von Tante zu Tante, von Cousin und Schwägerin. Von Geburtstag zu Geburtstag. Ein Jubilar überreichte sie dem Nächsten, wissend dass er das verschenkte, was er sich selbst vorenthalten hatte. Nur das Verfallsdatum auf der Rückseite verriet, dass die Pralinen bereits öfters den Beschenkten gewechselt hatten.
Doch ab zu fand sich eine solche Schachtel im Wäscheschrank meiner Oma. Zwischen Seidenstrümpfen und den gebügelten Nachthemden, dem Ablaufdatum unausweichlich nahegekommen, wartete die Packung darauf, geöffnet zu werden. Dass endlich ihre Pralinen zum Vorschein kamen. Die in Krokant gewälzten Kugeln, die mit Orangencreme gefüllten Herzen, die Mandelsplitter-Vollmilchschokoladehäufchen, die Marzipan-Nougatwürfel, die mit weißer Schokolade überzogenen Karamelltörtchen, die Bitterschokoladentrüffeln mit Himbeerlikör, die edelherben Pralinés und die in Goldpapier eingewickelten zartcremigen Jamaika-Rumkugeln.
In Omas Wäscheschrank verstaut, dieser selbst ein verbotenes Terrain für mich, blieben die Pralinen unerreichbar. Unaufhaltsam dem Verfallsdatum preisgegeben fristeten sie ihre Zeit bis sie unansehnlich und verdorben im Geschmack waren. Dann wurde die Pralinenschachtel geöffnet, von meiner Oma, die mit erhobenem Finger von der Tugend der Entbehrung sprach und dabei seufzte. Sie blickte auf die Pralinen und danach zum Wäscheschrank. Niemals dürfte man sich zügellos den Begierden hingeben, sagte sie. Ich hasste sie, die Pralinen, später auch mich selbst, weil ich Omas Stimme in meinem Herzen trug.

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Papas brave Tochter

In der Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf im Spessart:

Beim Mittagessen galt nach dem Gebet: „Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!“ Ungefragt füllte Papa regelmäßig meinen Teller viel zu voll. Aufstehen war erst erlaubt, wenn er leer war. Ich war mollig und aß mit gutem Appetit, allerdings mit Vorliebe nur, was süß schmeckte. Mama war eine Spezialistin beim Zubereiten von Mehlspeisen. Der Duft nach Zimt, Vanille und dem Auflauf aus alten Brotresten mit Apfelstückchen und Mandeln im Backofen des alten Herdes lockte mich schon vor der Essenszeit in die Küche. Doch im Winter stand regelmäßig einmal wöchentlich speckiges Lakefleisch – das in Sauerkraut gedämpft wurde – mit Kartoffelbrei auf dem Tisch. Bereits der Geruch der muffigen Specks – der aus dem Teller vor mir dampfte – und die weißlich graue wabbelige Masse lösten ein unüberwindbares Ekelgefühl in mir aus. Sobald ich das erste Stückchen davon in der Kehle spürte, begann das Würgen, ich konnte es nicht unterdrücken und bekam es einfach nicht runter. Ich schluckte und schluckte, aber der Speck hing wie festgeklebt in meiner Kehle und mir stiegen die Tränen in die Augen.

Es ist kurz vor Weihnachten und ich kuschel mich in die Kuhle der durchgelegenen Matratze meines alten Metallbettes, an dem der vergilbte Lack immer mehr abblättert. Aus den dunklen Flecken, die in unregelmäßigen Formen unter dem Lack zum Vorschein kommen erschaffe ich in meiner Fantasie magische Figuren und träume vor mich hin. Im Religionsunterricht bekamen wir heute einen Beichtzettel, den wir ausfüllen sollen für die erste Beichte vor dem Fest der Ersten Heiligen Kommunion. Ich habe keine Lust, weiter zu grübeln, welche lässliche Sünde oder sogar schwere Sünde ich begangen haben soll und schiebe mit schlechtem Gewissen rasch das Blatt unter die Matratze.

Aus dem Hof schimmert sanftes Licht durch den Vorhang auf mein Bett und erweckt wie durch Zauberhand aus den fleckigen Eisenstäben magischen Figuren und Bilder, die sich mit Geschichten verweben. Ich sehe kleine Enten herausschlüpfen und höre ihr lustiges Geschnatter bis sie flügelschlagend in unseren Schlossteich platschen. Ich sehe Mäuschen, die vergnügt umher hüpfen und piepsend in einer Erdhöhle verschwinden. Winzige Vögelchen werden immer größer, während ich sie beobachte. Plötzlich fliegen sie davon und verwandeln sich am Himmel wundersam in drachenartige Riesenvögel.

Wie von weither höre ich plötzlich Mamas Stimme: „Gabrieeele, komm endlich zum Essen!“

Missmutig raffe ich mich auf und gehe langsam die Treppe hinunter, denn der Geruch aus der Küche schlug sich bereits auf meinen Magen, als ich die Tür öffnete.

Mein kleiner Bruder sitzt neben mir und isst mit gutem Appetit. Ich aber schiebe unter Papas strengem Blick vorsichtig den Speck auf dem Teller zur Seite und esse nur vom Kraut und Kartoffelbrei. Wütend stopft Papa sich mit rotem Gesicht Gabel für Gabel in den Mund und wirft mir drohende Blicke über seine Brille zu. Ich sehe, wie langsam der Zorn in ihm anfängt zu kochen und sein Gesicht rot anläuft. Unsicher schiebe ich wie in Zeitlupe ein wenig Kartoffelbrei mit Sauerkraut auf meine Gabel und esse mit zitternder Hand weiter, bis mir in Erahnung des kommenden Donnerwetters Kraut und Brei von der Gabel zurück in den Teller rutschen und ich wieder von vorn beginne. Irgendwann verliert Papa die Geduld, reißt mir meinen Teller weg, schneidet wutschnaubend den Speck so klein und vermengt ihn mit Brei und Kraut, dass er nicht mehr zu sehen ist und stößt mit einem fauchenden „So, das wird gegessen!“ den Teller zurück auf meinen Platz. Diese unappetitliche Pampe unterscheidet sich nun nicht mehr vom Futter, das Mama unserem Schwein täglich hinstellt. Aber ich will wie immer Papas braves Mädchen sein und schiebe mir widerwillig eine kleine Portion in den Mund. Obwohl ich mir mit der anderen Hand die Nase zuhalte, kann ich den Brechreiz nicht mehr unterdrücken und beginne zu würgen. Mit Tränen in den Augen kämpfe ich dagegen an. Plötzlich muss ich auch noch dringend auf die Toilette und rutsche auf meinem Stuhl hin und her.

„Setz disch rischdisch hiee, du hengsd jo blouß uffde Schnäbbe!“ (Setzt dich richtig hin, du hängst ja bloß auf der Kante.), zischt Mama. Ich seh sie mit flehendem Blick an, doch es hilft nicht, ich darf nicht aufstehen, der Teller ist noch nicht leer. Vielleicht denkt Papa, ich will das Essen ins Klo spucken. Ich schließe die Augen, presse meine Oberschenkel zusammen, damit die Unterhose nicht nass wird und unter Tränen würge ich den Inhalt meines Tellers hinunter. Wutentbrannt schlägt Papa mit der Faust auf den Tisch und steht abrupt auf. Heute verzichtet er auf sein Nickerchen auf dem Chaiselongue und flieht in die Werkstatt. Der Appetit ist ihm vergangen: „Isch winschdä ned, dass de oamol e Zeit äläwe mussd wie miä, wou de noch frou soin wäsd, üwerhaabd äbbes ze ässe ze hewwe!“ (Ich wünsch dir nicht, dass du einmal eine Zeit erleben musst wie wir, wo du noch froh sein wirst, überhaupt etwas zu essen zu haben.), schreit er – ohne mich anzuschauen – dass ich mir am liebsten die Ohren zuhalten möchte. Er knallt die Tür hinter sich zu und endlich kann ich aufs Klo gehen. Von Mama kommt kein Wort. Auch sie sieht mich nicht an, wie üblich geht sie zum Spülstein und als ich zurückkomme, trockne ich mit hängendem Kopf schweigend ab.

Nach einer quälenden Stille sagt sie kopfschüttelnd: „Isch vestäi aa ned, woasde hosd, des Laggeflaasch schmägd doch sou guud.“ (Ich versteh auch nicht, was du hast, das Lakefleisch schmeckt doch so gut!)

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Wunderbar geschrieben - hat mich gleich einige Jahrzehnte zurück in meinen Kindergarten befördert. Bei mir war es Rote Beete. Und ist es auch immer noch :slight_smile:

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Mit verbundenen Augen wartete ich darauf, dass man mir einen Löffel in den Mund schob. Rings herum hockten die anderen Kinder und kicherten. Ich hörte, wie der Jugendleiter etwas auf dem Brettchen zerhackte, das auf einem Tisch in der Mitte unseres Stuhlkreises stand.
„So meine Liebe, bist du bereit?“ Seine Schritte knirschten auf dem ausgetrockneten Gras und wurden immer lauter. Er stand direkt vor mir.
Die anderen Kinder tuschelten.
„So Mund auf.“
Ich gehorchte.
Mein Bruder neben mir schrie auf. „Ich glaube das schmeckt meiner Schwester gar nicht!“
Bestimmt verarschte er mich. Darauf würde ich nicht hereinfallen!
Das kalte Metall des Löffels legte sich auf meine Zunge. Automatisch schloss ich die Lippen und hielt das weiche Stückchen zurück. Hoffentlich Banane. Oder Pfirsich.
Mein Bruder zog scharf die Luft neben mir ein, ich hörte wie er seine kleinen Hände gegen seinen Mund presste. Verarschen konnte ich mich selbst.
Ich drückte die Zunge an den Gaumen, zerquetschte das weiche Stück Obst.
Wäh! Wäh, iggit, wäh!
Ich riss den Mund auf und spuckte. Alles raus. Raus damit! Spucke floss an meiner Zunge entlang, versuchte sie zu reinigen von dieser ekelhaften Masse. Ich würgte und hustete.
Mein Bruder klammerte sich an meinen Arm, wollte mich beruhigen, doch ich riss mich los und zerrte die Augenbinde herunter.
„Und was ist es?“ Der Jugendleiter grinste mich an.
„Avocado.“ Ich spuckte auf den Boden. Dieser ekelhafte Geschmack haftete in meinem Rachen und vermischte sich mit den Kotzebrocken, die mein Magen hoch befördert hatte.
„Richtig!“
Und auf dem Schneidebrett, da lag sie. Grün und hässlich - eine Avokado. Ich fixierte meinen Bruder. „Warum hast du ihn nicht aufgehalten?“
„Aber ich hab doch-“
„Auch wenns dir nicht schmeckt, erraten ist erraten. Den Stempel gibt’s trotzdem.“ Der Jugendleiter drückte den Stempel in das Stempelkissen und anschließend in mein Heft.
Ich riss die nächstbeste Wasserflasche an mich und spülte meinen Mund.
Immerhin lag ich nun eins vorne. Ich überreichte die Augenbinde an meinen Bruder. Hoffentlich würde er die schleimige Maracuja bekommen. Die schmeckte ihm nämlich gar nicht.

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Meine Erinnerung?? :thinking: Ja, gerne :heart:

Heute backe ich

Heute backe ich, schließlich bin ich schon 12 Jahre alt. Meine Eltern sind zur Arbeit und mein Bruder ist längst in der Lehre. Letzten Sonntag habe ich Eier und Kaffee zum Frühstück gemacht. Ist blöd gelaufen. Die Eier im Stiel-Kochtopf, etwas Salz ins Wasser - dann platzen sie nicht - und die Eieruhr aufgezogen. Daneben die Kaffeekanne mit dem Filter fertiggemacht. Das Falten der Filtertüte hatte geklappt. Vier Kaffeelöffel pro Kanne. Die Eier waren fertig. Da habe ich sie mit dem Löffel rausgenommen. Das Wasser kippte ich nicht weg. Es hatte ja gekocht. So habe ich es zum Kaffee brühen genommen.

„Der Kaffee schmeckt heute aber komisch. Hast Du Salz in den Kaffee getan?“ Meinen Eltern schmeckte er nicht. Menno – ich fand das nicht so schlimm. Aber sie haben sich neuen Kaffee gekocht.

Heute aber backe ich. Meinen ersten Blechkuchen mit Apfelmus. Meine Mutter hat mir das Rezept aufgeschrieben. „Passe beim Backen auf. Nicht, dass du dich verbrennst.“ Als wenn ich 10 Jahre alt wäre und man mir alles sagen müsste.

Wir haben einen Handmixer. Damit geht es mit dem Teig superschnell.

Da fällt die Tüte um und das Mehl verstreut sich auf dem Tisch. Mit der Hand fege ich es zusammen. Zu spät merke ich, dass es sich schon auf meine Hose und Hemd verteilt hat.

Die Küchenwaage hat oben eine Schale. Da fülle ich das Mehl hinein. Die gefüllte Schale in die Rührschüssel kippen. Dann den Zucker. Die Eier und die Prise Salz kommen so rein. Wie bekommt man die Eierschale wieder raus? Mit den Fingern klappt es. Jetzt mixen.

Das ist verdammt schwer. Ach, ich habe die Milch vergessen! Schnell zum Kühlschrank und was in den Teig. Etwas mehr, damit es leichter beim Rühren geht. Was fehlt, sind Backpulver und Vanillezucker!

So den Teig auf das Blech geben. „Aber vorher noch das Blech mit Margarine einfetten.“ Gut, dass mich jetzt keiner sieht.

Den Teig habe ich auf dem Blech verteilt. Das Apfelmus ist im Keller. Schnell renne ich hinunter und hole das selbst gemachte Apfelmus hoch. Ein altes Weckglas mit Gummiring. Ich ziehe am Ring und die Schlaufe reißt ab. Menno – und jetzt? Ich nehme ein Küchenmesser und drücke mit der Spitze in das Gummi bis es zischt. Dann öffnet sich das Glas.

Das Apfelmus auf den Teig verteilen. Ofen anstellen und das Blech hinein schieben. Wie lange? Was steht auf dem Zettel? 200 Grad – 40 Minuten.

Ich habe keine Lust zum Aufräumen, mache es aber. Sonst gibt es nachher Ärger.

Die gestellte Küchenuhr klingelt, er ist fertig und riecht lecker. Meine Mutter kommt gerade nach Hause und hilft mir, das Blech aus dem Ofen zu nehmen. Sie fragt: „Der Kuchen ist ja ganz flach. Hast du auch das Backpulver mit hinein getan?“ Ja, hatte ich.

Sie packt ihre Einkäufe aus und ich warte darauf, dass der Kuchen zum Anschneiden kalt genug ist.

Er lässt sich kaum schneiden, so hart ist er. Komisch. Er ist so, dass ich nicht in mein Stück beißen kann: steinhart. Aber es war doch alles richtig: mein erster Kuchen!

Wir schauen in das Kuchenrezept und stellen fest, dass ich die Mengen für Mehl und Zucker vertauscht habe.

„Macht nichts“, sagte meine Mutter, „Du bekommst heute einen Kinderkaffee und wir tunken den Kuchen im Kaffee ein, wie Oma. Das schmeckt bestimmt lecker und ist ziemlich süß“.

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Danke für dein Mail. Mit einem Feedback habe ich nicht gerechnet. Tja, veröffentlicht habe ich selber noch nichts, und so wird’s wohl bleiben. Trotzdem habe ich auf BookOnDemand so etwas wie meine Jugenderinnerungen und «Stammtischnotizen» in Buchform gebracht. Allerdings nur mit Auflagen so um 25 Stück als Geschenke für Freunde. Alles was darüber hinausginge habe ich mir erspart und dein Mail bestätigt mir, dass das ein weiser Entschluss war.

Erbsensuppe

Nach dem Sankt Martin Umzug in unserem kleinen beschaulichen Dorf trafen wir alle gemeinsam im Feuerwehrgerätehaus zum gemütlichen Beisammensein ein. Es gab wie immer Erbsensuppe. Diesmal hatte ich mir auch eine weiße Plastikschale mit der heißen, dickflüssigen Suppe geben lassen. Sie duftete süßlich und nach Magggi. In der rechten Hand hielt ich den Plastiklöffel, mein Blick schweifte über die blass grau-grünen zerkochten Erbsen. In mitten der Suppe lag glänzend, ein fettes Stück Bauchfleisch. Es war nicht größer als ein zwei Euro Stück. Meine Aufmerksamkeit klebte an ihm fest, wir starrten uns an, das Stück Fett und ich. Der Kloß, der in meinem Hals anschwoll, kam mir bekannt vor. Wie oft saß ich vor einem Teller Erbsensuppe? Oder besser, wieviel Stunden musste ich vor so einem Teller verbringen? Eingestiegen in die
Fettes-Bauch-Fleisch-Zeitmaschine und Schwupps befand ich mich auf der Kiefernechtholzeckbank, die meine Kindheit geprägt hat. Vergessen das Feuerwehrgerätehaus, die fröhlichen Menschen um mich herum. Eigentlich liebte ich diese Eckbank. Nach jedem Mittagessen habe ich mich satt und müde der Länge nach auf ihr ausgestreckt, den Gesprächen meiner Eltern und meiner Schwester gelauscht. Müd und satt, wie schön is datt, entfuhr es mir jedes Mal.
Es gab aber auch die ungemütlichen Eckbanktage, die bis zum Abendbrot dauern konnten. Erbsensuppe mit fettem Bauchfleisch war ein Garant dafür. Eigentlich mochte ich den milden Geschmack der zerkochten Erbsen, auch die dickflüssige Konsistenz und die verwaschene grüne Farbe machte mir nichts aus, aber das schwabbelige Schweineetwas darin führte zu spontanen Würgreflexen. Es kontaminierte die gesamte Suppe mit seiner negativen Energie. Ungenießbar. Was sollte ich tun? Der Teller musste leer gegessen werden. Nicht weil es am nächsten Tag regnen würde. Nein, weil meine Eltern kaum Geld hatten und es nicht in Frage kam, dass Lebensmittel weggeschmissen wurden. Da saß ich nun, mittlerweile allein, vor mir die abgekühlte Suppe. Alle anderen waren schon nicht mehr am Tisch. Aufstehen durfte ich erst, das wusste ich, wenn der Teller leer war. Die halbhohe Holzvertäfelung hinter mir sorgte für Kurzweil. All die Astlöcher, die unterschiedliche Musterung regten meine Fantasie an. Ich unterhielt mich mit den Gestalten, die darin eingeschlossen waren. Zwei nebeneinanderliegende Astlöcher hinter meinem Rücken waren eindeutig die Augen einer müden Meeresschildkröte, die meine Suppe auch nicht essen wollte. Rechts von mir befand sich die Durchreiche, man konnte sie mit zwei kleinen Kiefertürchen öffnen und schließen. Die verschnörkelten schwarzen Metallgriffe machten sie zu einer Schlosstür für meine Puppen. Jetzt war sie verschlossen, dahinter klapperte die böse Märchenmutter mit dem dreckigen Geschirr, die mich zwang hinter den sieben Bergen das fette Fleisch zu essen. Meine verwunschene Schwester trocknete ab. Irgendwann kehrte dort Ruhe ein. Da saß ich nun. Glotz mich nicht so blöd an. Die kalte Suppe, nein das fette Fleisch tat es trotzdem. Die Tür zum Flur war verschlossen. Dahinter lag in ihrem Körbchen eine mögliche Erlösung für mein kulinarisches Problem, unsere kalorienschwangere Hündin. Ihr hätte es geschmeckt, was ich ihr unter dem Tisch ins Maul geschoben hätte, aber die Tür war zu. Ich saß gefangen im Esszimmerkerker. Auf der anderen Seite von meiner freiheitsberaubenden Räumlichkeit war eine weitere Holztür, dahinter unser Anbau, darin befand sich das Schlafzimmer meiner Eltern, samt Badezimmer. Die Toilette war meine zweite Chance die Suppe loszuwerden. Nicht die ganze Suppe, nur das Ekelmonster darin. Dazu müsste ich erst die Suppe essen, um dann die momentan noch auf Tauchstation befindlichen weiteren Familienmitglieder der Schweinbacke komplett in meinem Mund zu verstecken, den entstehenden Würgereiz zu unterdrücken, zum Klo zu gehen, alles auszuspucken, abzuspülen und zu hoffen, dass das Zeug unterging. Was für ein Plan. Der bloße Gedanke daran, ließ Übelkeit in mir aufsteigen. Oma sagte immer, dass Fett oben schwimmt. Ihre Worte schoben sich unheilvoll vor meinen Toilettenlösungsversuch.
Igitt, aus der weißen Keramik wollte ich die schwimmenden Ungeheuer nicht rausfischen. Also weiter sitzen und warten. Auf Erlösung. Vielleicht war ein Prinz unterwegs? Die Prinzessin auf der Erbse kam mir in den Sinn. Ihr hatte die kleine grüne Frucht Glück gebracht. Ich wartete, dachte an die armen Kinder in Afrika, die angeblich liebend gern meine Suppe gegessen hätten. Ich hätte sie auch liebend gern abgegeben. Sollte ich mich schämen? Cäptain Kirk, Mrs Uhura und Scotti vom Raumschiff Enterprise wünschte ich zu mir her. Scotti würde ich meinen Teller geben und ihn bitten, ihn nach Afrika zu beamen. Wenn sich dann ein hungriges Kind satt gegessen hat, sollte er den Teller wieder zurück beamen. Außerdem wollte ich schon immer in das Gerät schauen, in das Mrs Uhura immer schaute. Sie konnte danach alle Fragen beantworten. Eine tolle Frau. Und schon war ich Bestandteil ihrer Mission, auf dem Weg in unbekannte Galaxien. Ob Außerirdische Erbsensuppen mit fettem Fleisch essen würden? Die Staubflocken, die in den schrägeinfallenden Sonnenstrahlen schwebten, lenkten meine Aufmerksamkeit vom Raumschiff ab, hin zu ihnen. Sie schienen umeinander zu tanzen. Staubflockenballett. Sie tanzten nur für mich. Ich summte eine Melodie dazu. Das Wohnzimmer grenzte an das Esszimmer an, ohne Tür. Hier lag mittlerweile meine Mutter auf dem Sofa. Sie hielt Mittagsschlaf, aber in Echt lag sie auf der Lauer, da war ich mir sicher. Sie atmete. Regelmäßig? Meine Ohren wuchsen über sich hinaus. Vergessen die kostenlose Staubaufführung. Atmete sie so regelmäßig, dass ich es wagen konnte die Fluchttür zu Reika zu nehmen? Mit vollem Teller? Langsam wurde es unbequem auf der Holzbank, das flache grün-orange gemusterte Kissen half auch nicht. Warten. Sekunde um Sekunde, Minute um Minute, Stunde um Stunde. Gekörnte Brühe war in der Suppe, das wusste ich. Manchmal versteckte ich mich heimlich mit der Dose hinter dem Sofa, auf dem meine Mutter jetzt lag. Ich hatte keine Ahnung, dass es alle wussten, wenn ich mich mit der gelben Dose in Sicherheit wähnte, meinen Zeigefinger tief eintauchte und ihn genüsslich ableckte. Verschwendung dachte ich, das gute Brühe Pulver in der grünen Pampe. Schmeckt dir die Suppe nicht? Wer hatte das gesagt? Ich war allein in meiner hilflosen Situation. Schmeckt dir die Suppe nicht? Punktlandung im Feuerwehrgerätehaus. Vor mir die braunen Augen meiner Tochter. Doch, mir schmeckt die Suppe, aber das fette Fleisch darin werde ich nicht essen. Ich erzählte ihr von meinen verzweifelten Nachmittagen, vor Erbsensuppentellern und wie es mir ab und an glückte Reika oder die Toilette zu füttern. Oder bis zum Abendbrot auf der Bank auszuhalten, um dann gemeinsam mit meiner Familie Schwarzbrot mit selbstgemachten Griebenschmalz zu essen. Dieses Fett schmeckte mir.

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