Jeder von uns hat dieses eine Essen. Das Essen, das uns und unseren Charakter, unsere Einstellung zu gut und böse, richtig und falsch, Wahrheit und Lüge, existenziell geprägt hat.
Meines hat mit der Farbe grün zu tun. Aber kein dunkles, kräftiges Grün, wie mit Rahm verfeinerter Spinat, auch nicht das knackige, knallige Grün, eines frischen Salatblattes, was im Mund den Eindruck hinterlässt, die Natur selbst zu schmecken.
Nein.
Nichts davon.
Das, wovon ich spreche, hat die Farbe farblosen, grünstichigen Durchfalls, durchzogen mit gräulicher, einfallsloser Tristheit und Enttäuschung. Es wirkt wie nicht von dieser Welt und sollte man mir hier und jetzt verkünden, dass es sich um eine fremde Lebensform handelte, mit ihrer schleimigen Gestalt, ich würde der Person sofort glauben.
Wirsingschleim.
Als wäre es gestern gewesen, denn dieser Vorfall hat sich für immer und ewig in die tiefen Furchen meines Gehirns gegraben, erinnere ich mich an diesen Tag.
Regelmäßig ging ich nach der Schule zum Mittagessen zu einer Freundin. Deren Großmutter, eigentlich eine fabelhafte Köchin war. Bei der Aussicht auf Bockwürste, atmete ich innerlich erleichtert auf. Etwas was ich aß. Ich war und bin da etwas empfindlich.
Doch nichts hätte mich auf den Anblick vorbereiten können, als die Großmama den Deckel des Kochtopfes lüftete und mich ein kränklich, grünes Ungeheuer beäugte. Und ich schwöre, so wahr ich hier sitze und diese Worte tippe, es hat mich ausgelacht.
Die eigentlich so schmackhaften Würste, waren bedeckt, umhüllt, ja gerade zu umzingelt von dem schleimigen Etwas. Ich schluckte, wahrscheinlich Galle und lächelte unsicher.
„Ich dachte, es gibt nur Würstchen“, hatte ich gesagt. Im Nachhinein hoffe ich, dass mein zwölfjähriges, autistisches Ich, dem man jede Gefühlsregung an der Nasenspitze ansehen konnte, nicht all zu sehr sein Missfallen gezeigt hat. Ich war entsetzt, über die Abscheulichkeit, die sich vor meinen Augen abspielte.
Keinen Löffel würde ich davon runterkriegen. Doch glücklicherweise ließen sich Würstchen recht gut abkratzen und in Ketchup ertränken.
Und damit kommen wir zum Helden dieser Geschichte. Ketchup. Was würde ich nur ohne dich tun. Du hast mich wahrhaftig geprägt.
So sehr, dass ich bis heute, überall hin, eine kleine Flasche Tomatenketchup mitnehme, wenn ich gedenke, dort zu essen. Denn leider gibt es etwas, was in seiner Abscheulichkeit noch an Wirsingschleim herankommt.
Curryketchup.
Und Frischkäse, aber das ist ein Thema für ein andermal.