###Die Rosenquarzkette
Sie hatten ihr gesagt, dass alles gut werden würde, wenn sie nur fest daran glaube. Trotzdem war Mama gestorben. Sita war nicht mit zur Christmesse gegangen. Ihre Tante und der Onkel haben keine eigenen Kinder und waren als Neueltern überfordert gewesen, ob man Sita alleine lassen könne. Allerdings war Sita in den letzten Wochen um Jahre gealtert und niemand behandelte sie wie ein Kind. Die Schwester ihrer Mutter hatte sie sofort zu sich geholt, als Mama ins Krankenhaus musste. Der Mann der Tante schweigt sie stets mitfühlend an und nickt, als wolle er ihr zustimmen, auch, wenn sie gar nichts gesagt hatte.
Sie nimmt die Boxen für die Christbaumkugeln. Sie hatten den Baum erst gestern Abend geschmückt. Sita nimmt die Kugeln vorsichtig vom Baum und verpackt sie in das Seidenpapier. Die Kugeln legt sie in die Fächer der Box. Sie ist leise, aber schnell.
„Nanu!“, poltert es hinter ihr.
Im Türrahmen steht ein als Weihnachtsmann verkleideter Mann, vermutlich der Nachbar.
„Ich bin etwas zu alt für den Weihnachtsmann. Die beiden sind auch in der Kirche, es ist gerade keiner da.“
„Was machst Du denn da? Nimmst Du die Kugeln ab?“
Sita fühlte sich ertappt. Sie wollte nur ein Zeichen setzen, dass dieses Jahr kein Weihnachten wie jedes Jahr gefeiert werden kann. Dass Weihnachten ohne Mama einfach nicht stattfindet. Dass der schönste Baum nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass Mama gestorben ist. GESTORBEN. Da muss Weihnachten mal ein Jahr pausieren.
„Ich denke nicht, dass Sie das was angeht. Ist es wirklich so vereinbart, dass Sie hier rein schleichen? Weiß Tante Margret das?“
„Du glaubst nicht an den Weihnachtsmann, hm?“
„Ich? Ich glaube an gar nichts mehr. Ich habe geglaubt, dass sie meiner Mutter helfen können, aber sie ist trotzdem tot. Ich glaube sicherlich nicht daran, dass ein Mann auf einem Schlitten alle Kinder der Welt in einer Nacht besuchen kann. Ich bin 10 Jahre alt, ich habe schon viel gesehen.“
„Das glaube ich dir sofort, mein Kind. Übrigens besuche ich nicht alle Kinder in einer Nacht. Ich habe viele Helferlein und die besuchen quasi alle Kinder. Ich besuche nur die wenigen, die mich jedes Jahr besonders brauchen. Kinder, die ein Wunder brauchen.“
Sita rollte genervt mit den Augen. Von einem möglichen Wunder hatten die Ärzte auch gesprochen, als Mutters Fieber gesunken war. Aber es kam doppelt so schlimm zurück. Sie schluckt den Klos im Hals hinunter und atmet tief ein, so kann sie Tränen unterdrücken. Das hat sie in den letzten Wochen gelernt. „Muss ich die Kugeln jetzt wieder aufhängen? Da vorne stehen übrigens die Kekse, nehmen Sie sich ruhig welche, es sind genug da.“
Der Weihnachtsmann nimmt sich einen Keks und beißt beherzt ab. „Das sind nicht die Kekse deiner Tante, das ist das Rezept deiner Mutter!“
Sita lässt erschrocken eine Kugel fallen, aber sie fällt weich auf den Teppich und rollt nur hinter den Zeitungsständer am Sessel des Onkels. „Woher wissen Sie das? Die habe ich gebacken, nach ihrem Rezept.“
„Oh, ich kenne alle Keksrezepte aller Mütter und das hier hat mir immer gut gefallen. Da ist ein Schuss Sahne drin, oder?“ Er kniet sich zu Sita auf den Teppich. „Sita, ich bin wegen Dir hier. Dein Weihnachtsgeschenk hat dich noch nicht erreicht und das muss ich natürlich persönlich erledigen.“
Sita schaut auf den halb abgeschmückten Baum. „Mach dir darum keine Sorgen, Sita, der Baum ist nicht wichtig. Ich verrate dich nicht. Die Kette ist sehr schön.“
Sita seufzt, sinkt in den Schneidersitz und umfasst die Rosenquarzkette. „Die ist von meiner Mama. Anscheinend. Nach ihrem Tod musste unsere Wohnung sehr schnell geräumt werden. Meine Tante hat nach schönen und persönlichen Erinnerungen für mich gesucht. Sie dachte, die Kette würde mir helfen. Ich kenne die aber gar nicht, die Kette ist irgendwie leer. Ich fasse sie an, aber ich spüre meine Mama nicht.“
„Mehr hast du nicht von ihr?“
„Es konnte nichts gefunden werden. Mein Onkel hat ihr Handy und den Computer durchsucht, aber wir finden die Fotos nicht.“
„So!“, sagt der Weihnachtsmann und klopft sich auf die Oberschenkel, „das ist wirklich traurig, aber ich habe nicht so viel Zeit. Du musst dann jetzt kurz mitkommen, für dein Geschenk.“
„Können Sie Tote auferwecken?“
„Natürlich nicht.“
„Dann brauche ich ihr Geschenk nicht.“
„Das entscheide mal, wenn du es ausgepackt hast.“
Den angebissenen Keks legt er auf die Kommode, nimmt ihre Hand und nach einem kurzen Schwindel, landen beide in einem dunklen Lagerraum. Der Weihnachtsmann zieht an einem Seil und das Licht geht an. „Hier lagern die Sachen deiner Mama. Deine Tante hat noch nichts aussortiert, ihr ging das vermutlich auch zu schnell.“
„Ist das hier ein Traum?“
„Ja und nein. Also ja, das ist ein Traum, aber der Raum ist echt und wir sind wirklich hier.“
„Innerhalb meines Traumes.“
„Eher innerhalb deines Unterbewusstseins. Ich bin ja echt und der Raum auch, also können wir nicht in deinem Traum sein.“
„Das…“
„Ja, das macht keinen Sinn, das sagen alle Kinder, jaja.“
Sita sieht ihr Fahrrad und greift nach dem Lenker. „Nicht anfassen, Sita! Der ist kalt und feucht vom Kondenswasser. Wenn wir kalt und feucht anfassen, wachen wir manchmal aus unseren Träumen auf!“ Der Weihnachtsmann watet durch die Kartonstapel. Mit seiner Robe bleibt er hier und da hängen und stößt den einen Karton vom anderen. Zielsicher greift er sich einen Karton und kommt zu Sita zurück. „Das ist er, das ist Dein Geschenk. Um es zu öffnen, musst du an eine direkte Verbindung mit deiner Mutter denken!“
Er klatscht in die Hände und alles wird schwarz.
Sita kommt nur langsam zu sich. Sie ist auf dem Boden im Wohnzimmer eingeschlafen, jemand hat sie mit einer Decke zugedeckt. Sie richtet sich auf. Der Weihnachtsbaum ist komplett entschmückt und steht dunkel und grün in der Ecke. Sie blickt in das Gesicht des Onkels. „Margret ist dir nicht böse. Wenn du keinen Baum möchtest in diesem Jahr, dann geht es auch ohne. Aber lecker gegessen wird trotzdem.“
Die Tante kommt rein und schaut Sita tief in die Augen. Beide versuchen zu lächeln, es gelingt keinem. „Da ist noch ein zusätzliches Paket gekommen, ich weiß gar nicht, von wem das ist.“ In diesem Moment fällt Sitas Blick auf einen angebissenen Keks auf der Kommode. Ruckartig dreht sie sich um: „Was?“
Kann das wirklich wahr sein? Mit großen Schritten geht sie auf das Paket zu, es ist der Karton aus Mamas Lager. Zitternd öffnet sie die Schachtel und es ist eine Kiste mit einem Zahlenschloss drin. Die direkte Verbindung zu ihrer Mama, schießt es Sita in den Kopf. Direkte Verbindung. Langsam dreht sie die Zahlen auf 3386, die Kurzwahl, mit der Sita ihre Mutter auf dem Handy anrufen konnte. Mama war immer ans Telefon gegangen. Die Kiste geht auf.
Die Tante atmet erschrocken ein: „Das sind ihre Tagebücher!“ Der Onkel greift nach einer kleinen, durchsichtigen Box, vielleicht waren da mal Büroklammern drin gewesen. „Ich denke, wir haben ihre Speicherkarten mit den Videos und Fotos gefunden.“ Sita findet Briefe, Zeichnungen, Ohrringe, kleine Figuren und Zettelchen. Ein Schatz.
Nachdem sie alles einmal in die Hand genommen hatte, fällt Sitas Blick auf die Christbaumkugel neben dem Zeitungsständer am Sessel des Onkels. Sie hebt die Kugel auf und schaut zur Tante. „Ich denke, ich würde den Baum doch gerne schmücken.“ Die Tante nickt und der Onkel hat innerhalb weniger Minuten den Schmuck ausgebreitet, damit die beiden sich austoben können.
Sita wühlt sich den Abend durch die Kiste und sie findet ein besonderes Foto: Mama mit Sita im Krankenhaus, offensichtlich ist Sita erst wenige Minuten alt. Und die Mama trägt die Rosenquarzkette.
Der Weihnachtsmann hat ihre Mama zum Leben erweckt, obwohl er sagte, er kann das gar nicht.
Wenn Sita ihre Mama vermisst, liest sie in den Tagebüchern und schaut sich Fotos und Videos an. Dabei reibt sie die Kette und lädt sie mit ganz viel Liebe auf. Sie trägt die Kette jeden Tag und fasst sie an, wenn sie ein wenig von ihrer Mama braucht. Das wird mit den Jahren immer seltener, aber geht nie ganz verloren.