Seitenwind Bonuswoche 8: Weihnachtlicher Ausrutscher

Ein Glas voller Schneesturm

Auf dem Kaminsims hingen die Strümpfe der einzelnen Familienmitglieder. Die Stube war mit den verschiedensten Weihnachtsdekorationen und vielen Kerzen geschmückt. Auch der Tannenbaum war schon von lauter Christbaumkugeln gesäumt, aber auch von viel zu viel Lametta. Obwohl ihre Enkelin bei jedem Schmücken immer wieder betonte, dass es niemals zu viel Lametta geben konnte.

Nun saß das kleine Mädchen auf dem Schoß der älteren Dame, mit einer heißen Schokolade in der Hand. Vor ihnen knisterte der Kamin.
»Du Oma, kannst du mir eine Gesichte erzählen?«
»Natürlich, meine Kleine. Es war einmal vor langer Zeit. Da liebte ich einen anderen Mann als deinen Opa, weißt du? Doch er war nicht ganz so nett zu mir«, lächelnd erinnerte sie sich an die Zeit zurück.
»Erinnerst du dich daran, was ich zu dir und deinem Bruder immer sage, dass Weihnachten das Fest der Liebe und Familie ist? Naja, nicht jedes meiner Weihnachtsfeste war so voller Liebe wie heute. Doch alles begann zu der Zeit, als deine Tante Lilli sich verlobte.«
Tante Lilli war wie eine zweite Oma für ihre Enkelkinder und die älteste Freundin der alten Dame.

Ich hasse Männer! Dies sollte eigentlich das Fest der Liebe sein und das wird es für meine beste Freundin, auch wenn sie noch nichts davon weiß. Ihr perfekter Freund hatte ihr vor ein paar Wochen einen ebenso perfekten Ring gekauft und diesen wohl schon unter dem Baum versteckt.

Und ich?

Ich sitze alleine auf meinem Sofa mit einem Rotwein, den ich noch im Keller gefunden habe. Dieses Fest wäre fast das Erste geworden, dass ich nicht alleine verbringen würde. Doch mein Freund meinte kurz vor Weihnachten noch mit mir Schluss machen zu müssen.

Um doch ein besinnliches Fest zu haben, saß ich jetzt hier und summte die Melodie im Film mit. ‚Der Grinch‘ war nicht gerade der klassische Weihnachtsfilm und ohne all den Kitsch wie alle die anderen Weihnachtsfilme spiegelte er zumindest zum Anfang meine Gefühle wieder.

Je länger der Film lief, desto leerer wurde auch die Flasche vor mir. Plötzlich polterte es und der Fernseher an der Backsteinwand begann zu wackeln. Als dann aus der Kaminöffnung ein in Rot gekleideter Mann trat, hörte das Rumpeln auf.

Ich glaube wirklich, dass das letzte Glas Wein schlecht oder zu viel gewesen war, denn ich sah tatsächlich diesen Mann vor mir. Ich hatte schon die verrücktesten Geschichten gehört, wen die Leute gesehen haben wollten, wenn sie zu viel Alkohol intus hatten. Doch so viel hatte ich zuletzt in meiner Jugend getrunken. Doch heute war es wohl nach Jahren wieder passiert, dass ich zu viel trank. Denn einen wildfremden Mann im Wohnzimmer zu Weihnachten stehen zu haben, war etwas Neues. Ich hatte noch nie im Rausch halluziniert.

»Oh schuldige, ich dachte nicht, dass noch jemand wach ist.« Verlegen griff er sich in seinen weißen Bart. »Nimm doch bitte die Waffe runter.«

Jetzt schaute ich irritiert an mir hinab zu meiner Hand. Diese umklammerte die grüne leere Glasflasche, die ich langsam wieder auf den Glastisch abstellte.

»Du wolltest den Weihnachtsmann schlagen?«, sprach ihre Enkelin in die Geschichte hinein.
»Wenn du älter bis verstehst du das, aber nun hör schön weiter zu.«

Der Blick des Mannes in Rot glitt von mir hinüber zum Fernseher, wo die letzte Sequenz des Filmes lief.

»Der Grinch? Kein gutes Weihnachten?« Eine Augenbraue war hinter der goldenen Brille erhoben.

»Nicht wirklich. Wollen sie einen Keks?« Ich hatte die Packung beinahe geleert, aber es waren doch noch ein paar vereinzelte Gebäckstücke übrig, die ich gerne teilen wollte.

»Nein, danke, davon werde ich heute noch genügend bekommen. Aber ich sehe schon, was vorgefallen ist. Da wird es für jemanden eine Menge Minuspunkte für die Unartigliste geben.«

Langsam ließ mein benebeltes Gehirn einige Informationen durchsickern. Der Fremde vor mir war niemand Geringeres als der Weihnachtsmann. Und ich hatte ihn bedroht. Schockiert ließ ich mich zurück auf das Sofa fallen.

Das war es wohl mit einem besinnlichen Weihnachten! Ich hatte es versaut. Eine Erscheinung im Rausch anzugreifen, das konnte nur ich hinbekommen.

»Ach mach dir nichts draus, jeder hat mal einen schlechten Tag. Aber das heißt nicht gleich, dass du dafür bei mir auf die Unartigliste rutscht. Also lass uns einen Pakt schließen.« Er setzte sich zu mir auf die Couch, wobei sich die Sitzfläche ziemlich wölbte.

»Du wirst ab morgen jedes Weihnachten für dich zum Fest der Liebe und Familie machen. Und damit es auch wirklich gelingt, nimm das.« In seiner Hand erschien eine kleine gläserne Christbaumkugel, in deren Mitte ein Schneesturm zu wüten schien.

»Wenn du zu Weihnachten hinein siehst, werden einige deiner Taten zu sehen sein, die dir im Jahr nicht gefallen haben. Wenn du allein bist, wird der Schnee stürmen, wenn du aber deine Liebsten um dich versammelt hast, dann wird der Schnee sacht rieseln und all das Glück zeigen, was du bisher erlebt hast.«

Er überreichte sie mir, verabschiedete sich und war durch den Kamin wieder verschwunden. Dabei hatte ich noch nicht einmal laut zugestimmt, obwohl ich es in meinem Inneren bereits wusste.

»Siehst du die Schneekugel, mein Schatz?« Ihre Enkelin war schon aufgesprungen und zum Weihnachtsbaum gerannt, um sie zu entdecken. Gemeinsam schauten sie dem Schnee beim Rieseln zu.
»Denk immer daran, egal wie schlecht mancher Tag sein mag, die Guten werden am Ende alles übertrumpfen.«
»Mach ich, Oma. Erzählst du mir noch die Geschichte wie du Opa kennen gelernt hast.«
»Ein anderes Mal. Jetzt sollten wir aber schnell ins Bett, bevor wir Besuch durch den Kamin bekommen.«
Lächelnd gingen beide nach oben. Nachdem Sie den Raum verlassen hatten, war ein leises Poltern im Kamin zu hören.