Seitenwind Bonuswoche 8: Weihnachtlicher Ausrutscher

Die Rolle ist leer.

Mein Blick bleibt an dem dünnen Pappröllchen hängen. Links unten baumelt ein klitzekleiner Rest Klopapier. Ach verdammt. Ich beuge mich nach rechts zur Nachfüllschublade. Mein linkes Bein dankt es mir und bekommt wieder ein wenig Gefühl nach der langen Sitzung.

Die Schublade ist ebenfalls leer. Keine neue Rolle.

Ich verfluche meine beiden Kinder. Das wird jetzt unangenehm. Ich sitze im ersten Stock. Unten in der Gästetoilette sollten frische Rollen sein. Es ist 1:30 Uhr in der Nacht. Alle schlafen bereits. Normalerweise würde ich ebenfalls im Bett liegen, aber der Rollbraten meiner Mutter liegt mir schon den ganzen Tag schwer im Magen. Mitten in der Nacht fiel ihm ein, er könnte ja früher abreisen als gewöhnlich. Ich hatte da kein Mitspracherecht.

Leise stemme ich mich hoch. Die Badtür lasse ich geöffnet, damit mir das wenige Licht auf dem Weg nach unten hilft. Die Hose halbherzig hochgezogen meide ich die knarzenden Stellen auf den Stufen nach unten. Ich kriege es ganz gut hin.

Mein nackter Hintern wird kühl. Ich schleiche ins Gästeklo und Voilá: drei Rollen stehen im Regal. Vierlagig und mit Vanilleduft. Viel besser als das Eigene oben im Bad. Gästebonus würde meine Frau jetzt sagen. Angeberei wäre meine Wortwahl. Als würde es den Vorgang würdevoller machen, wenn man Vanilleduft zwischen die Arschbacken bekommt.

Ich beende meinen Toilettengang gleich an Ort und Stelle. Spüle kurz nach. Tappe durch den Flur und werfe einen flüchtigen Blick ins Wohnzimmer. Der Christbaum ist hell erleuchtet. Den Lichtschalter habe ich gegen 22 Uhr ausgemacht. Da bin ich mir sicher. Aber vielleicht habe ich es doch vergessen und die Erinnerung rührt vom Vorabend. Egal. Ich gehe ins Wohnzimmer, tippe mit dem Fuß auf die Lichtleiste. Halte kurz inne. Da liegen Geschenke unter dem Baum. Nicht von mir. Ich habe noch kein einziges Geschenk eingepackt. Die Hälfte habe ich noch nicht mal eingekauft. Wir Männer machen das immer erst im allerletzten Moment. Das ist das Beste an Weihnachten: kurz vor Schluss sind ausschließlich Männer unterwegs. Keine langen Warteschlangen an den Kassen, entspanntes und gezieltes Einkaufen innerhalb kurzer Zeit. Kein Nörgeln und Drängeln. Und notfalls kauft man einen Gutschein ohne vorwurfsvolle Blicke ertragen zu müssen. Vermutlich hat Mira die Geschenke bereits unter den Baum gelegt und dann das Licht vergessen. Ich mache es aus. Die letzte Stufe oben an der Treppe knarzt.

Ich erschrecke mich ein wenig und halt inne. Etwas raschelt leise im oberen Stockwerk. Langsam bewege ich mich Richtung Treppe. Das Licht aus der Toilette nützt hier unten wenig. An der untersten Stufe bleibe ich stehen und starre nach oben. Die Badetür ist zugezogen, nur ein kleiner Lichtspalt ist zu sehen. Jemand bewegt sich darin. Erneut raschelt es.

„Mira?“

Ich flüstere nur, aber das Rascheln hört auf. Leise steige ich nach oben.

„Mira, geht´s dir gut? Ich habe den Rollbraten nicht vertragen und mir die letzte halbe Stunde die Seele aus dem Leib gesch …“.

Die Badetür wird aufgerissen und jemand – nicht Mira, denn die trägt keinen roten Anzug und eine Mütze zum Schlafen – stürmt aus unserem Bad heraus und hoch in den zweiten Stock. Ich stoße einen erschreckten Laut aus. Etwas zwischen Quieken und Rülpsen. Die Person scheißt auf die Stille und flüchtet laut polternd nach oben. Ich renne hinterher. Stolpere und falle auf ein Knie. Das tut höllisch weh. Mira kommt aus dem Schlafzimmer gewackelt und schafft es, mich mit müden Augen böse anzusehen, ehe sie wieder verschwindet. Oben steht ein Fenster offen. Ich beuge mich hinaus und kann nichts sehen. Nichts und niemanden. Das ganze Haus suche ich ab, schleiche durch die beiden Kinderzimmer und schau unter die Betten. Sehe in die Schränke. Alles wie immer. Kein Fremder in roten Klamotten irgendwo. Könnte man verrückt von werden, wenn die Müdigkeit nicht wäre. Habe ich mir wohl nur eingebildet. Ist ja auch zu abgefahren. Wahrscheinlich hat Mira das Fenster aufgelassen, so wie die Lichterketten am Weihnachtsbaum.

Ich muss schlafen. Schnell noch den fermentierten Rollbraten weggespült und dann ins Bett. Leise gehe ich ins Bad. Es riecht echt nicht gut hier drin. Jemand hat bereits abgezogen. Die Schüssel ist leer. Ein kleiner Streifen mittig ist noch vorhanden. Ich benutze die Klobürste. Gehe aus dem Bad und will das Licht löschen. Eine neue Rolle Klopapier ist eingelegt worden. Viele kleine Rentiere mit roten Nasen sind darauf zu sehen, dazwischen Sterne und Funken. Dick und vierlagig. Sieht weich aus. Echt schönes Klopapier. Wo Mira das gekauft hat? Besser als das für die Gäste. Ich grinse.

Lösche das Licht und gehe endlich schlafen.