Auf LInkedIn und meinem Blog habe ich folgenden Text zum Thema KI Kennzeichnung und Nutzung veröffentlicht. ich denke er passt ganz gut hier her.
„Das wurde mit KI erstellt" – reicht das noch?
Ein Vorschlag für mehr Transparenz in der Buchbranche
Es gibt diesen Moment in Gesprächen über KI und Schreiben, wo die Debatte kippt. Vom Sachlichen ins Moralische. Vom Prozess zur Schuldfrage. Wer KI benutzt, muss sich erklären. Wer es nicht tut, gilt als integer. Diese Schwarz-Weiß-Betrachtung ist nicht nur vereinfachend. Sie ist für die Buchbranche schlicht unbrauchbar.
Jan Schmidt-Prüfer hat auf LinkedIn ein Modell vorgeschlagen, das ich für einen wichtigen Schritt halte: sieben Stufen der Zusammenarbeit mit KI, von „ohne KI" bis „KI-Autopilot". Das Modell wurde für Content-Produktion entwickelt. Aber die Frage, die es aufwirft, trifft auch Verlage, Literaturagenturen und Autoren: Was genau meinen wir eigentlich, wenn wir sagen, ein Text wurde „mit KI erstellt"?
Das Problem mit dem pauschalen Disclosure
„Dieser Text wurde mithilfe von KI erstellt." Dieser Satz taucht immer häufiger auf. in Fußnoten, in Autorenprofilen, in Verlagsankündigungen. Er ist gut gemeint. Aber er unterscheidet nicht.
Gemeint sein kann: Eine KI hat Rechtschreibfehler korrigiert. Oder: Eine KI hat das gesamte Manuskript formuliert, der Autor hat es einmal überflogen. Beide Fälle unter demselben Label zusammenzufassen ist, als würde ein Koch auf der Speisekarte vermerken „enthält Hitze". technisch korrekt, praktisch wertlos.
Für die Buchbranche ist das besonders heikel. Hier geht es nicht nur um Content. Es geht um Urheberrecht, um Verlagsversprechen, um das, was Leserinnen und Leser eigentlich kaufen: eine menschliche Stimme, eine Weltsicht, eine ästhetische Entscheidung. Der Satz ist in der Literatur nicht Transportmittel. er ist das Kunstwerk selbst.
Sieben Stufen, literaturspezifisch gedacht
Ich schlage vor, Schmidts Modell für Literatur und Verlagswesen zu adaptieren. Die Stufen bleiben, die Gewichtung verschiebt sich:
Stufe 1. ohne KI Der Autor schreibt alles selbst. Klassische Autorenschaft. Volle urheberrechtliche und ästhetische Verantwortung liegt beim Menschen.
Stufe 2. KI als Korrektorat Der Text stammt vollständig vom Autor. KI prüft Rechtschreibung, Grammatik, vielleicht Stilkonsistenz. Die Stimme bleibt unberührt. Vergleichbar mit klassischem Lektorat-Support.
Stufe 3. KI als Recherchewerkzeug KI liefert Fakten, Hintergrundinformationen, historische Daten. Der Autor schreibt, strukturiert, bewertet. Die sprachliche Gestaltung ist vollständig menschlich.
Stufe 4. KI als Rohfassung Idee, Figuren, Plot und Struktur kommen vom Autor. KI formuliert Passagen oder Kapitel als ersten Entwurf. Der Autor überarbeitet substanziell. nicht nur kosmetisch. Hier beginnt für Literatur die Offenlegungspflicht, denn: Die Formulierung ist in der Literatur selbst das Kunstwerk.
Stufe 5. KI als Ko-Autor Struktur und Formulierung entstehen im Wechselspiel zwischen Mensch und KI. Der Autor gibt Richtung, prüft, selektiert, gibt frei. Das ist die eigentliche Grauzone. und der Bereich, der in der Branche am wenigsten ehrlich diskutiert wird.
Stufe 6. KI-generiert, menschlich kuratiert Das Manuskript wird weitgehend von der KI generiert. Der Autor. oder Herausgeber. wählt aus, editiert, trägt redaktionelle Verantwortung. Serienproduktion ist hier denkbar. Die menschliche Leistung liegt im Urteil, nicht im Schreiben.
Stufe 7. KI-Autopilot Autonome Generierung ohne substanzielle menschliche Gestaltung im Prozess. In der Literatur der Grenzfall: Wer ist hier Autor? Was ist hier Verlagsversprechen?
Warum die Stufe nicht den Wert bestimmt
Ein wichtiger Einwand. und er ist berechtigt: Qualität hängt nicht an der Stufe. Ein sorgfältig überarbeiteter KI-Entwurf kann einem schlecht geschriebenen „reinen" Text überlegen sein. Umgekehrt kann ein Text auf Stufe 1 schlecht recherchiert, logisch inkonsistent oder stilistisch schwach sein.
Die Stufe beschreibt den Prozess. Sie bewertet ihn nicht.
Was sie aber tut: Sie macht Verantwortung sichtbar. Wer angibt, auf Stufe 4 gearbeitet zu haben, erklärt damit: Ich habe die Idee geliefert, ich habe überarbeitet, ich stehe für das Ergebnis. Das ist eine andere Aussage als „KI hat geholfen". und eine deutlich ehrlichere.
Ein Vorschlag für Disclosures in der Buchbranche
Konkret könnte das so aussehen. als freiwilliger Standard, den Verlage, Agenturen und Autoren übernehmen:
Prozess-Disclosure: Stufe benennen (1–7), Rolle der KI benennen (Korrektorat / Recherche / Formulierung / Struktur), Phase im Entstehungsprozess benennen (Recherche / Erstentwurf / Überarbeitung / Korrektorat).
Verantwortungs-Disclosure: Wer hat geprüft? Was wurde geprüft? Fakten, Logik, Stil. oder nur Rechtschreibung?
Ein Beispiel für einen Roman, der auf Stufe 4 entstanden ist: „Idee, Figurenentwicklung und Plotstruktur vom Autor. KI hat Erstfassungen einzelner Kapitel formuliert. Vollständige Überarbeitung, Faktenprüfung und stilistische Anpassung durch den Autor."
Das ist kein Schuldeingeständnis. Es ist professionelle Transparenz.
Was die Branche damit anfangen könnte
Ein solches Modell ließe sich auf mehreren Ebenen einsetzen: als Selbstauskunft bei Manuskript-Einreichungen, als Metadaten-Standard für Verlagsverträge, als Grundlage für Förderrichtlinien, als Orientierung für Literaturpreise, die Autorenschaft als Kriterium definieren müssen.
Es ersetzt keine ethische Debatte. Aber es verschiebt sie vom Moralischen ins Operationale. und das ist genau der Ort, an dem die Buchbranche handlungsfähig wird.
Die Frage ist nicht: War KI beteiligt? Die Frage ist: Wie war sie beteiligt. und wer trägt die Verantwortung für das Ergebnis?