Selbstmordjustiz
Triggerwarnung zu den Themen: Gewalt und Suizid
Richard Berger stand im gleißend hellen Scheinwerferlicht und zitterte wie ein Schauspieler, dem die Bühne zu groß geworden war. Er starrte nicht mehr auf die Waffe in seiner Hand. Unfähig, sich zu rühren, sah er zum Unbekannten, von dem er nicht mehr als die Umrisse erkennen konnte.
»Lassen Sie sich Zeit, Herr Berger, aber vergessen Sie nicht, dass jeder Sauerstoff irgendwann aufgebraucht ist.«
Pfeiffer konnte hören, wie der Atem des Reiseveranstalters schneller ging, er begann zu keuchen. »Bitte«, flüsterte Berger. »Bitte.«
»Mein Angebot ist nicht verhandelbar. Sehen Sie in die Kamera. Sprechen Sie. Dann erschießen Sie sich.«
»Gott, bitte, nein, oh Gott«, quälten sich die Worte aus Bergers Mund. Er hob die Pistole, hielt sie sich dicht vor das Gesicht. Dann drehte er sich zu Pfeiffer, die Augen panisch geweitet. Er schluchzte, sein Mund bewegte sich kaum.
»Bitte. Bitte helfen Sie mir.« Er richtete sich nicht mehr an den Unbekannten oder den Herrgott, Christian Pfeiffer spürte, dass er die einzige verbliebene Hoffnung des Verzweifelten war. Das Zittern war zu einem Beben übergegangen, die Brust Bergers hob und senkte sich unter seiner Jacke.
»Legen Sie die Pistole weg, Herr Berger. Hören sie nicht auf diesen Verrückten, spielen Sie nicht sein perverses Spiel.« Pfeiffers Worte waren vernünftig, aber sie klangen dumpf im leeren Innenraum des Waggons, seine Stimme war blass und versagte. »Legen Sie die Waffe weg«, wiederholte er und drang nicht durch.
»Jeder Ihrer Atemzüge, Herr Berger, könnte ihrer Schwester am Ende fehlen. Spüren Sie die Luft, die durch Ihre fauligen Lungen strömt?« Der Unbekannte sprach kalt, keine Regung lag mehr in seiner Betonung. Berger fing an zu schluchzen, er fiel auf die Knie. Tränen liefen ihm über die Wangen. Er hob das Gesicht zur Kamera.
»Meine Name ist Richard Berger. Ich. Ein normaler Bürger. Meinetwegen sind Menschen gestorben. Ich war gierig. Und geizig. Ich bin ein… bin ein Schwein. Ein Ausbeuter. Ein Kapitalist.«
Seine Worte waren laut, aber unter den Tränen undeutlich gesprochen. Er öffnete den Mund, schob den Lauf der Pistole hinein. Das Keuchen wurde zum Stöhnen, nur noch unartikulierte Laute drangen aus seiner Kehle. Mit beiden Händen umklammerte er den Griff der Waffe, die Fingerknöchel traten weiß hervor, der ganze Körper bebte. Da zuckte er mit Kopf und Schultern nach vorne, nocheinmal und nocheinmal, das Stöhnen wurde verzweifelter und Christian Pfeiffer begriff, dass Berger seinem Körper befehlen konnte, sich umzubringen, nicht jedoch dem Finger, der am Abzug lag.
»Marlene stirbt«, flüsterte leise die Stimme des Unbekannten. »Nur Sie können sie retten, Herr Berger.« Mit einem Mal klang er sanft, fast fürsorglich.
Bergers Stöhnen wurde lauter, drängender, es klang wie ein gequälter Stier. Dann folgte ein Schrei und er drückte ab.
Klick. In der plötzlich eintretenden Stille schien das metallische Geräusch der leeren Pistole von den Wänden des alten Güterwagens widerzuhallen. Einen Augenblick verharrte Richard Berger in der Position, in der er sich hatte erschießen wollen. Dann begann er zu weinen, hemmungslos zu weinen und brach in sich zusammen.
Sechs Monate später
Christian Pfeiffer war kein Angestellter der FGZ mehr, nicht einmal mehr der Online-Redaktion, obwohl er die beiden erfolgreichsten Posts abgesetzt hatte, die je auf dem Social-Media-Account der ehrwürdigen Zeitung erschienen waren. Sowohl die Aufnahme, die den Selbstmord von Klaus Töpfer vor dem Haus der Bergers gezeigt hatte, als auch das Video, in dem Richard Berger versucht hatte, sich selbst das Leben zu nehmen, waren mittlerweile gelöscht. Das änderte jedoch nichts daran, dass jeder im Land von den Vorfällen gehört hatte und wusste, dass es die FGZ gewesen war, die sich den Erpressungen eines verrückten, selbst ernannten Rächers hatte beugen müssen. Immerhin, so dachte Pfeiffer, hatte sein alter Chef, Konstantin Magnus, ihn zwar entlassen, aber gleichzeitig verhindert, dass Pfeiffers Name publik geworden war. Vielleicht hatte es sich auch ausgezahlt, dass er nie Bilder von sich im Internet gepostet hatte, denn so konnte er sich jetzt unerkannt durch die Menge schieben, die mit Trillerpfeifen und Schlachtrufen vor dem Landesgericht Frankfurt für die Freilassung von Charly Fleck demonstrierte.
»Keine Klassenjustiz der Ausbeuter und Kapitalistenschweine - Freiheit für Charly Fleck«, stand auf einem Plakat. Christian Pfeiffer sah es und musste seinen aufsteigenden Zorn unterdrücken. Die Menschen hier widerten ihn an, es fiel ihm schwer, eine professionelle Distanz zu wahren. Diese Demonstranten verehrten einen Mörder, der das Leben zahlloser seiner Opfer zerstört hatte. Nicht nur derjenigen, die sich durch seine Hand das Leben genommen hatten, auch die Leben der Angehörigen. Zugleich musste Pfeiffer eingestehen, dass Charly Fleck, ein unscheinbarer, hagerer, mittelloser Informatikstudent aus dem Frankfurter Umland, das Spiel mit den Medien geradezu brillant gespielt hatte. Der fehlgeschlagene Suizid von Berger, sein jämmerliches Wimmern, seine Tränen, all das war so viel eindrücklicher, als wenn er sich tatsächlich erschossen hätte. »Gier und Kapital fressen ihre eigenen Kinder« hatte Pfeiffer auf Anweisung des Täters das Video untertitelt und Berger war ein Symbol geworden.
Er drängte sich weiter durch die Menge und erreichte die Polizeikette vor dem halbrunden Eingang des ehrwürdigen Gerichtsgebäudes. Dessen Opulenz stand im scharfen Kontrast zu den Demonstranten in ihren schwarzen Kapuzenpullovern, den anarchistischen T-Shirt-Motiven. Er wies sich als freier Journalist mit einer Akkreditierung für den Prozess aus, der in den Boulevardmedien unter dem Titel »Selbstmordjustiz« lief und wurde durchgelassen. Einige der Protestler pfiffen ihm wütend nach, bis die schwere Eichentür hinter ihm zuschlug und die Außenwelt abschirmte. Licht fiel durch die großen Frontfenster in die Eingangshalle, in der er eine kleine, graue Frau entdeckte. Sie stand einsam in der Nähe des breiten Treppenaufgangs.
»Guten Tag Frau Berger«, sagte er und schien Dorothea Berger damit aus ihren Gedanken aufzuschrecken. Sie hatte in den letzten Monaten abgenommen, das Haar wurde von grauen Strähnen dominiert, die er vor einem halben Jahr nicht gesehen hatte. Wenig verwunderlich, dachte er. Sie lebte allein, war umgezogen und besuchte ihren Mann regelmäßig im Gefängnis.
»Herr Pfeiffer, es ist schön Sie zu sehen. Sie wollen sich den letzten Prozesstag also auch nicht entgehen lassen. Ob er heute reden wird?«
»Charly Fleck? Ich fürchte nicht, auch wenn ich es hoffe. Wie geht es Ihrem Mann?«
Dorothea Berger lächelte traurig. »Richard ist nicht für das Gefängnis gemacht. Von ihm existiert ein Video, auf dem er sich eine Pistole in den Mund steckt und sich danach weinend auf dem Boden eines Güterwaggons windet. Das macht es nicht besser. Er verdient eine Strafe und die erhält er. Ich hoffe, dass die Menschen ihm eines Tages vergeben können.«
»Er war nur ein Rädchen.«
»In einem widerlichen System. Ich weiß das alles. Und werde gerade deshalb weiter zu ihm halten. Außer mir hat er niemanden mehr.«
Gemeinsam gingen sie die Stufen zur ersten Etage hoch, zur Strafgerichtskammer, in der der letzte Prozesstag im Verfahren gegen Charly Fleck anberaumt war, den Drahtzieher hinter den Selbstmorden, die im vorigen Herbst das Land in Atem gehalten hatten. Seit dieser Zeit war Fleck Held und Schurke zugleich geworden. In den seriösen Medien wurden seine Taten verurteilt, aber nicht einmal die FGZ kam an der Tatsache vorbei, dass er bei seiner Verhaftung akribisch gesammeltes Beweismaterial präsentiert hatte, mit dem schließlich ein ganzer Menschenhändlerring im Raum Frankfurt ausgehoben worden war. Und nicht nur die großen Fische hatte man erwischt, auch die Helfer und Helfershelfer aus der Mitte der Gesellschaft wie Richard Berger. Geschickt hatte Fleck dieses Material nicht nur der Polizei präsentiert, sondern auch im Internet veröffentlicht und genau dort war er ein Held geworden. In den Tiefen des Netzes wurde er als der Mann gefeiert, der der bigotten Gesellschaft die Maske heruntergerissen hatte. Es erstaunte Pfeiffer, wie wenige es zu interessieren schien, dass er zwei Menschen in den Selbstmord getrieben und mit Marlene Romero beinahe eine dritte Person umgebracht hatte. Die Pastorin war der Ohnmacht nahe gewesen, als man sie befreit hatte, erschöpft, dehydriert. Und doch konnte man T-Shirts im Internet kaufen, auf denen Charly Flecks Gesicht wie eine Che-Guevara-Silhouette abgedruckt war.
Vor der Tür zur Kammer ließ er das bekannte Prozedere über sich ergehen, er wurde nach Waffen abgesucht und seine Akkreditierung überprüft. Die Kontrollen waren nachlässiger geworden, seit das Gericht nach anfänglichen Tumulten unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagte. Zugleich hatte Christian Pfeiffer, der selbst im Zeugenstand gewesen war, auf sämtliche Kontakte und Gefälligkeiten zurückgreifen müssen, um überhaupt eine Akkreditierung zu erhalten, und war schließlich als Vertreter eines Frankfurter Lokalblatts an eine gekommen. Nun, am letzten Verhandlungstag, betrat er gemeinsam mit Dorothea Berger den Gerichtssaal, die sich zur Bank der Nebenklage begab. Er selbst nahm seinen Platz in der zweiten Reihe neben einer rundlichen Kollegin vom Kölner Merkur ein und wie jeden Tag fragte sie ihn, ob er bereit für ein Exklusivinterview sei. Er ließ den Blick durch den Raum und über die Holzbänke und Tische schweifen. Fleck und seine Verteidiger waren noch nicht da, im Gegensatz zu den meisten Journalisten und Fotografen, den Gerichtsdienern und Polizisten. Die Staatsanwaltschaft betrat soeben den Saal, es war nichts Ungewöhnliches dabei, doch irgendetwas versetzte Pfeiffer in Unruhe. Er versuchte sich einzureden, dass heute die womöglich letzte Chance war, dass Charly Fleck, der bis dahin beharrlich geschwiegen hatte, doch noch eine Aussage machen würde. Dass er erklärte, warum er die Bergers ausgewählt hatte und vor allem, warum ausgerechnet Maria sterben musste.
Kurz darauf öffnete sich die Tür. Am Klicken der Fotoapparate, an den plötzlichen Blitzlichtern, erkannte Pfeiffer, dass der Angeklagte hereinkam. Beides, die Lichter und die Geräusche, bereiteten Pfeiffer Unbehagen, erinnerten ihn an die Geschehnisse im Güterwaggon. Charly Fleck dagegen schien die Aufmerksamkeit zu genießen. Er hielt sich keinen Sichtschutz vor das Gesicht, er ging aufrecht und stolz in den Saal. »Wie ein Märtyrer«, schoss es Pfeiffer durch den Kopf und eine bekannte Wut braute sich in seiner Magengegend zusammen.
Fleck nahm Platz, der vorsitzende Richter betrat den Gerichtssaal und eröffnete die Verhandlung. Der Ablauf glich den vielen Verhandlungstagen zuvor, doch etwas stimmte nicht. Pfeiffer beobachtete Fleck, der auf der Anklagebank saß und selbstgefällig der Eröffnung des Richters, den Plädoyers der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung lauschte. Seine Hände in Handschellen hielt er unter dem Tisch verborgen, es lag ein feines Lächeln auf seinem Gesicht, ein Spott, als spielten alle Beteiligten in diesem Raum ein Spiel. Es war der Gesichtsausdruck eines Menschen, der wusste, dass er gewinnen würde, bevor alle anderen das erkannten.
»Haben Sie noch etwas zu sagen, Herr Fleck, bevor sich das Gericht zurückzieht?«, fragte der Richter. Er war ein grauhaariger Mann kurz vor dem Pensionsalter. Seiner Stimme war anzumerken, dass er mit dem Verfahren abgeschlossen und im Kopf bereits den Urteilsspruch gefällt hatte.
»Mein Mandant wird sich nicht äußern«, sagte sein Verteidiger, doch da stand Charly Fleck plötzlich auf. Ruckartig schnellte er in die Höhe, hob die Hände, die soeben noch unter dem Tisch verborgen gewesen waren. Einige der Anwesenden zuckten zurück, manche hielten den Atem an. Mit seinen Fingern formte er eine Pistole. Nacheinander deutete er in langsamen Bewegungen auf die anwesenden Journalisten, den Staatsanwalt, den vorsitzenden Richter.
»Wertes Gericht, werte Medien, werte Frau Berger, werter Christian Pfeiffer«, rief er über das Hammerklopfen des Richters hinweg. Bei den letzten Worten blickte er dem Journalisten tief in die Augen. »Gerechtigkeit ist eine Lüge. Gerechtigkeit kostet Geld. Gerechtigkeit gibt es in diesem Haus nur für die, die jemanden haben, der ihnen Gehör verschafft. Und genau der bin ich. Genau der werde ich bleiben.«
Damit steckte er sich die Zeigefinger als Pistolenlauf zwischen die Zähne und deutete einen Schuss an. Kein Knall erschütterte die Kammer, keine rötlich-graue Wolke sprühte aus dem Hinterkopf von Charly Fleck. Er ließ sich einfach nach hinten fallen und lachte.