Gebrochener Schild
Morgens um sechs überquere ich die Düne und wir sind am Strand, nur der Hund und ich. Der Strand ist leer, natürlich, der Urlaubsort schläft noch. Nur das Meer ist schon wach. Die Nordsee ist ursprünglicher als die Ostsee, wilder, bewegter, deshalb mag ich sie lieber. Treibholz, Muschelscherben und Steine ziehen einen langen Streifen entlang der Wasserlinie in den feinen Sand. Augenblick, bleib im Augenblick. Wind, feuchter Sand, Möwenschreie. Schreie.
Ich ziehe die Badelatschen aus und kralle mit den Füßen in den Sand. Der Flashback trifft mich hart. Das tut er immer. Aber er wird vorübergehen. Es ist wieder der Tag, an dem ich ein gebrochener Schild war, an einem Ort, dessen Namen ich nicht nennen darf.
»Emergency, emergency! Fünf Männer am Boden.«, brülle ich in das Funkgerät. HQ ist durch das Rauschen, den Lärm und das verdammte Piepen in meinem Ohr kaum zu verstehen.
Ich trete auf eine Muschelscherbe und bin dankbar für den Schmerz. Clifford bellt eine Möwe an. Der Wind rauscht in meinem Ohr, wie …
… die abgerissene Antwort im Mic: »Bleiben sie unten. Wir sind unterwegs. Halten sie nur ihrem Doc den Rücken frei! Wiederhole, wir sind unterwegs!«
Meine Hand ist nass von dem Verbandspäckchen, das ich fest auf meinen Oberbauch drücke. Später würde ich einigen Menschen erzählen, dass dies eine verpfuschte Gallenblasenoperation war.
»Das ist ja das Problem«, brülle ich durch den Lärm. »Ich bin der Doc!«
Ich höre endlich schon das Meer und hoffe, dass mich der Augenblick gleich zurückholt. Noch einmal höre ich den Funker am anderen Ende über alle Frequenzen brüllen: »Scheiße! Wir haben einen gebrochenen Schild! All Teams: we have a broken shield!«