Hanna lief die Kleinbeckstraße entlang und schleckte genüsslich an ihrem Vanille-Schokoeis, dass die Verkäuferin gekonnt bis in den 90. Stock aufgetürmt hatte. Ihre Nase war bereits vollgeschmaddert und das T-Shirt bekam gleichsam Eis ab, wie die Zunge.
Sie blieb abrupt stehen und ihre Aufmerksamkeit wurde von einem mysteriösen, schrankähnlichen Gebilde gefesselt. Ein antiker Schrank, mit einem Schild und einem Ausgabeschlitz, stand wie unbeachtet am Straßenrand neben den blattgrünen Büschen.
Hanna setzte eine misstrauende Mimik auf und schlurfte unbedacht zu dem Schrank herüber.
„Münze hier, Lebensweisheit dort!“
An der Aufschrift befanden sich zwei Pfeile, sodass sie verstand, wo was rein und wo was raus kam. Also angelte sie sich mit der Zunge auf der Lippe ihre letzte Münze aus der Hosentasche und steckte sie in den Apparat. Es surrte und ruckelte, dann fiel ein Brief aus dem Schlitz heraus. Wie eine Akrobatin, angelte sie den Brief vom Boden auf, ohne das Eis zu verlieren. Sie öffnete das Papier und las mit großen Augen die Buchstaben. „Hab mehr Verständnis für die Alten und wechsle deine Perspektive.“
Sie legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. In diesem Moment der Unachtsamkeit kippte ihr Softeis von der Waffel und klatschte schmatzend auf den Asphalt.
Hanna war zutiefst traurig und konnte sich die Tränen nicht zurückhalten. Sie weinte.
Da kam Oma Hannelore die Straße entlang marschiert und hielt sich stützend an einem Gehstock fest. Sie sah ihre Enkelin und schüttelte den Kopf. „Erzähl mir nix! Zu meiner Zeit hatten wir kein Eis, da gabs nur Nüsse und Quark.“ Sie packte das Mädchen bei den Händen und zog es eisern mit sich.
Der Holzscheit lag verdammt gut in ihrer Hand. Nicht dass sie es geplant hätte, im Leben wäre sie nie auf so eine Idee gekommen. Und jetzt beobachtet sie sich, wie sie ausholt, ihrem Gatten, der sich gerade bückt, so dermaßen einen drüberzieht, dass er nicht mehr aufsteht.
Mist. Das wollte sie nicht. Und jetzt? Wohin mit dem leblosen Körper?
Im Keller ist er schlecht aufgehoben. Da sucht die Polizei zuerst. Auf den Balkon mit ihm, in den Liegestuhl setzen. Dann hat die Tratschtante von nebenan wenigstens Beschäftigung. Und bei den momentanen Temperaturen müffelt Alfred auch nicht so schnell.
Sobald in Deutschland das Eigentum an einer Sache abgetreten und diese an den Straßenrand gestellt wird, tauchen wie durch Zauberhand Wander- und Gastarbeiter mit umfunktionierten Hermes-Leasing-Transportern auf, um den letzten Wert abzuschröpfen. Dabei stellt sich eine gewisse Lagerungsproblematik ein, wenn der Alfred in der erbsengrünen Tischdecke mittenmang liegt. Welchen Wert wird ihm beigemessen werden?
Steuerrecht ist kompliziert, ein Ehegattensplitting hingegen trivial. Klopp den Partner um. Dann seid ihr gesplittet. So oder so. Ein Geheimtipp aus Dühsburch.
Jeden Sonntag setzt sie sich mit einem Wurstbrot an sein Grab. Seine Lieblingswurst, und stiert auf die welken Blümchen oder das was davon noch übrig ist.
Manch einer spricht sie darauf an. Nein, nicht auf das Wurstbrot.
„Wenns mögn, dann helf ich Ihnen gern.“
Ohne den Blick vom hässlichsten Grab am ganzen Friedhof zu wenden, antwortet sie: „Wieso? Ich find’s schön.“
Rache ist wie der Frühling. Eine Jahreszeit, von erneuernder Kraft. Altes schmilzt, Schmutz fällt ab, Staub wird gekehrt. Oft kommts unerwartet, von heut auf morgen, trocken, heiß und unbarmherzig.
Dann ist er frisch, voller blühender Kraft und trägt einen umarmenden Wind, der die Lunge befreit. Veränderung liegt in der Luft!
Er verwandelt sich in den Sommer, kurz, aber belebend, nur damit im Herbst die Blätter welken, alles vergeht und einer endlos erscheinenden Depression, des Winters, weicht.
Was folgt, ist der Frühling der Rache.
A: Mit alles?
B: Jo.
A: Soße auch?
B: Jo.
A: Mit scharf?
B: Ne.
A: Was Bruder, nix scharf? Bist du Pussy oder was?
B: Alder, sagst du Pussy zu mir?
A: Jo, wenn nix scharf, bist du Pussy.
B: Du, ich mach dich Krankenhaus!
A: Mit die Soße oder was?
B: Ne, mit die scharf, Alder.
C: Geh bitte, Leute Ich hab Kohldampf und ihr drückt euch hier Dönerstories rein. Macht hinne!
A: Kohldampf, Schwabo?
C: Sag ich doch.
B: Mit scharf oder?
Norbert arbeitet als Schichtleiter in einer Büroklammerfabrik.
Er steht am Kaffeautomaten und genießt die tragende Ruhe im Pausenraum, als der raubärtige Gunnar mit seinem fleckigen Karohemd hereinplatzt und sich mit einem unangemessen lauten Seufzer den Gürtel weitet. Er zieht schnarrend einen Stuhl über die weißen Bodenkacheln und lässt sich sorglos draufplumsen, als wären die günstigen Plastikstühle in der Lage sein ausladendes Heck aufzufangen.
Norbert knüllt verärgert seinen weiß-schoko-braunen Kaffeebecher zusammen und schlendert zu Gunnar rüber.
„Na Gunna, wieder Pause? Die wievielte ist das heute? Biste im Soll?“
„Norbert, lass mal, ich hab nich mehr lang, die letzten Jahre will ich mich nich kaputt machn.“
„Ach, teilst jetzt selbst die Arbeiten zu?“
Gunnar winkt ab und neigt den Kopf zur Seite.
Norbert grinst lauernd und setzt sich neben ihn.
„Gunna, wenn du willst kannst du den Eimer Licht aus der Tonne holen.“
Gunnar schüttelt mit dem Kopf. „Schick die Blunzenstricker.“
Norbert nickt und lässt nicht Locker. „Du kannst auch gern den Hof fegn.“
Gunnar rümpft die Nase und lockert sich die Schulter. „Auch was für Blunzenstricker!“
Norbert legt ihm auffordernd eine Hand auf die Schulter und grinst. „Ich schicke natürlich die Blunzenstricker, aber es muss auch jemanden geben, der die Blunzenstricker anleitet. Ich geb dir die Aufgabe.“
Gunnar schnaufte und mühte sich über seinen dicken Wamst auf. „Schick den Chef, ich muss Klammern biegen.“
Auch Herr Hirsch war schon vor vielen, vielen Jahren auf Bedeutungssuche.
Hier bei seiner Fahrprüfung:
Herr Hirsch, sie wollen also ihren Führerschein machen. Nun gut. Da habe ich noch eine Frage an sie. Sie kommen an eine Kreuzung zweier gleichberechtigter Straßen. Von rechts kommt ein Auto. Welcher Wagen hat die Vorfahrt?
Da kommt ein Auto, sagen sie? Eins jener Fortbewegungsmittel, die wie von Geisterhand beflügelt den Menschen bald hier und bald dorthin bringen?
Herr Hirsch, beantworten sie meine Frage. Welcher Wagen hat die Vorfahrt?
Weiß ich doch nicht, wer in jenem Wagen sitzt. Ist es vielleicht ein Jüngling, den tolle Liebe hier entlang entführt …
Herr Hirsch, es reicht jetzt: Rechts oder links?
Rechts oder links, welch große Frage. Vor ihr stand Beckenbauer einst, als er sich frug, wohin des Leders Rund er flanken sollte. Nach links, auf Müllers schussgewaltgen Fuß? Nach rechts, wo schon das Lockenhaupt des Uli Hoeneß nach dem Ball sich rang …
Herr Hirsch, sie sind durchgefallen.
Durchgefallen? Oh garstig Wort. Wie sag ich dem Vater, wie der Mutter, wie der Kinder siebenköpfger Schar?
RAUS!
Raus? Arschloch
(frei aus dem Kopf und mit großem Dank an heitere Stunden mit den Platten und Fernsehsendungen von Otto in den 70ern. Es ist wohl sicher nicht komplett.)
Und hier der Original-Text:
(ich habe doch ein paar Kleinigkeiten vergessen und in meinem alten Gehirn umgetextet)
Fahrprüfung.
„Herr Hirsch, Sie wollen also Ihren Führerschein machen. Nun gut, da habe ich noch eine Frage an sie, wenn sie die richtig beantworten, haben sie die Prüfung bestanden. Sie kommen an eine Kreuzung zweier gleichberechtigter Straßen, von rechts kommt ein Auto. Wer hat die Vorfahrt?“
„Da kommt ein Auto, sagen sie? Eins jener Fortbewegungsmittel, die wie von Geisterhand beflügelt den Menschen hierhin bald mal dorthin bringen?“
„Herr Hirsch, beantworten sie meine Frage! Welcher Wagen hat nun die Vorfahrt?“
„Das weiß ich doch nicht, wer in jenem Auto sitzt. Ist es ein Jüngling, den Amors Pfeile zur Liebe trieb, dem geb ich die Vorfahrt gern!“
„Herr Hirsch, bitte beantworten sie meine Frage! Sie kommen an eine Kreuzung“
„Ein Kreuzzug? Bin auch ich berufen? Oh, so zieht.“
„Herr Hirsch, eine Kreuzung, zwei Straßen treffen auf einander.“
„Zwei Straßen treffen auf einander, oh kniet mit mir nieder, dieses seltene Glück zu preisen! Denn da, wo man sich trifft, da ist Begegnung, ist Leben, ist Musik, sind schöne Frauen…“
„Herr Hirsch, es reicht jetzt! Rechts oder Links?!?“
„Rechts oder Links! Welch große Frage!
Vor ihr stand Beckenbauer einst als er von Rummenigge angespielt sich frug, wohin des Leders Rund er flanken sollte. Nach links, auf Müllers schlagewaltigen Fuß, nach rechts, wo er das Lockenhaupt des Ulli Höhnes sich nach dem Balle
drängen sah…“
„Herr Hirsch, zum letzten mal. Welcher Wagen hat die Vorfahrt?“
„Welcher Wagen? Wie sich nutzlos und dem Augenblick verhaftet solch Frage mir denkt! Denn wie der Wagen selber, der eben noch im bunten Lacke schon morgen rostend auf der Halde ruht, so auch der Mensch, so du, so ich, dann hatïs ein Ende mit der Fragerei nach Vorfahrt, Vorfahrt, Vorfahrt!“
„Es hat ein Ende! Ich habe keine Fragen mehr!“
„Keine Fragen mehr? Oh Glückes Geschick!“
„Sie sind durchgefallen!“
„Durchgefallen, oh garstig Wort! Wie sag ich’s dem Vater? Wie der Mutter, wie der Kinder siebenköpfger Schar?“
„RAUS!!“
„Raus? Arschloch!!!“
(Otto Waalkes)
Es war einmal ein Engel.
Nach einer wilden Nacht, angefüllt mit Kartenspiel nebst einem gewaltigen Besäufnis, wacht er unter einem Pokertisch auf. Mit einem gewaltigen Brummschädel und völlig desorientiert rappelt sich der Engel hoch und verlässt das Casino. Er irrt durch den davor liegenden Kurpark und bemerkt nicht, dass er letzte Nacht sein letztes Hemd verspielt hat.
Als er die nahegelegene Königs-Chaussee quert, schlendert ihm eine Mutter mit ihrem Sohn entgegen.
Sie kreischt laut auf und hält nach seinem Anblick dem Jungen die Augen zu.
Doch die Finger können nicht alles verdecken und er ruft:
„Guck mal Mama, ein Flügelflitzer“
Er zog noch einmal an der Fluppe
Drehte sich zu ihr und sagte:
„Puppe, weißte wat,
Es is mir Schuppe-
Ob aus Gummi oder echt
Ich mag Dich einfach
Dat is mein Recht.“
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Liebesgeflüster
Wenn nach 60 Jahren Ehe die Hände sich bei einem gemeinsamen Spaziergang liebevoll zuflüsternd begegnen, ist dies das berauschende Liebesleben des Alters.
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Schweigeseminar
Ich klopfte an, trat ein und wollte gerade einen wunderschönen guten Tag wünschen, als mich Blicke wie Indianerpfeile durchbohrten.
Mein Gruß blieb mir im Halse stecken.
War das nicht der VHS Kurs »Lauthals in den Abgrund stürzen«?
Verunsichert schaute ich auf das A4 Blatt, welches mit Tesafilm an die Tür gepappt war.
»Schweigeseminar«
Bitte was? Ich schoss leise die Tür und ging kopfschüttelnd nach Hause. Komische Kurse hab ich schon oft besucht aber ein Schweigeseminar? Wozu sollte ich mich in Gesellschaft in Schweigen hüllen? Das kann ich im eigenen Heim viel bequemer.
Dann stürzte ich mich doch lieber lauthals in den …