Sorry, wenn ich jetzt vielleicht etwas am Thema vorbei schreibe…
Seit 30 Jahren entwickle ich Software für meinen Arbeitgeber in der Industrie.
Ich denke in Listen, Schleifen, Schnittmengen und if-Verzweigungen. So entstanden im Laufe der Zeit einige Anwendungen, in denen ich quasi zuhause bin.
Programmieren ist dem Schriftstellertum gar nicht mal so unähnlich, wie ich glaube. Der Roman-Autor kennt jeden Stein, jede Weggabelung und jede Taverne in seiner Welt.
Der Software-Autor weiß genau, wo sich welche Methode versteckt, wo die Fallstricke lauern, welche Fehler möglich sind und wo er etwas geflickschustert hat.
Und beide träumen des Nachts von ihrer Welt…
So war es bei mir zumindest bis vor ca. einem halben Jahr.
Seither ist meine Welt im Wandel, noch ärger als Tolkiens Baumbart in seinem Gedicht beschreibt.
Denn: auf mein Drängen hin wurde Claude Code eingeführt. Eine KI, die Software schreibt. Und zwar richtig gut.
Seither: keine Listen mehr, keine Gedanken über Schleifen, Schnittmengen und anderes Zeug. Die KI wird’s schon richten, man muss es ihr ja nur vernünftig sagen.
Aber noch nie in meinem Leben war ich so zwiegespalten.
Einesteils bin ich hellauf begeistert! Was dieses „Ding“ alles kann! Unglaublich. Und so gut! (Wenn man es ihr gut sagt).
Andererseits – alles was ich mir in 30 Jahren an Wissen aufgebaut habe ist mit einem Schlag - von heute auf morgen - fast völlig wertlos.
Niemand muss mehr wissen, wie eine Schleife geht, eine komplexe Abfrage. Die KI weiß es ja eh besser.
KI entwertet alles. Böse gesagt: jetzt kann jeder Depp programmieren!
Also - was um alles in der Welt bin ich, meine Arbeit, noch wert?
Noch ist es die Erfahrung, die ich habe. Und nur ich! Wie man was aufbaut, was man lieber nicht macht und wie es bei uns in der Firma läuft. Wie meine Programme funktionieren.
Noch. Es ist absehbar, dass das mit jedem neuen KI-Modell anders wird.
Und wenn ich sehe wie meine jungen Kollegen lustig drauf los “vibe-coden” ohne sich die zig-tausend Programmzeilen, die die KI generiert hat genau anzuschauen - dann wird mir anders zumute…
Aber ist das vielleicht gar nicht so schlimm?
KI ist ein Werkzeug, das Arbeit abnimmt. Ja, mir fehlt es manchmal, in Code zu denken. Manchmal auch nicht. Wie wohltuend ist es, sich NICHT in komplexe Sachen einarbeiten zu müssen, um sich was auszudenken. Sich nicht die Haare raufen, weil man nicht mehr weiterweiß.
Und sie ist nicht mehr aufzuhalten. Sie wird sich breit machen, in jedem Aspekt unseres Leben. Jene, die sich heute noch sicher fühlen, werden auch bald um ihre Kompetenz bangen.
In der Schriftstellerei wird es genau so sein.
Ein neues Werkzeug, dass den Autoren Arbeit abnehmen kann. Aber es ihm auch nimmt, einzutauchen in seine Welt und im „Flow“ zu schreiben. Als wäre man weggebeamt.
Ich verstehe, dass viele das schockiert und noch mehr es ablehnen, ge-vibe-codede Romane zu schreiben. (Oder wie nennt man das beim Schreiben von Prosa? vibe-writing?).
Jeder Depp kann jetzt einen Roman schreiben mit KI. Ich habs – nach längerer Zeit – mal wieder probiert und mir eine Geschichte schreiben lassen mit 5.000 Wörtern Limit. Mich hats aus den Socken gehauen, wie gut die Geschichte war. Richtig spannend!
Da musste ich an die Schreiberlinge hier denken.
Aber: ich glaube, es ist nur ein Werkzeug. Es kann dem Schreiberling Arbeit abnehmen, Dinge, die jetzt plötzlich viele können. Aber eines kann die KI noch nicht so gut, glaube und hoffe ich: sich eine wirklich gute Geschichte ausdenken! Das sind die „Kernkompetenzen“ der Autoren.
Eine gute Geschichte schlecht geschrieben ist immer noch besser als eine schlechte Geschichte gut geschrieben! Davon bin ich überzeugt.
Darum glaube ich, dass die KI bald akzeptiert werden wird als Schreibtool. Auch bei den Lesern.
Und viele werden schreiben!
Aber gute Geschichten – das können die, die es wirklich können! Und nur die!
Ich bin daher optimistisch.
Für die Software genau so wie für die Schriftstellerei.
Es wird sich viel ändern, man wird mit den Ohren schlackern und stöhnen.
Aber letztendlich wird es gut werden.
Und mal ehrlich!
Andreas Eschbach (zum Beispiel) schreibt einmal pro Jahr ein Buch. Und immer ein Gutes 
Wäre es nicht schön, wenn er - dank KI - zwei oder drei pro Jahr schreiben würde? Oder mehr?
Schließlich kann man derKI Schreibstile beibringen. Dann schreibt Claude so wie Andreas.
Dann kommt es nur noch auf die Geschichte an…