Die 11. Weihnachtswoche von Seitenwind

Unvergessliche Weihnachten

Ein verklärt lächelnder Igel auf einem Ferienhaus, eine verschwitzte Zwiebel vor einer unmöglichen Aufgabe, eine schlecht gelaunte Elster im Anflug und ein verzweifeltes Eichhörnchen … was ist los?
Weihnachten.

Am Nachmittag: Eichhörnchen Ekorre stopft zufrieden eine weitere Eichel in den Spalt zwischen den zwei großen Steinen am See. Er schnuppert bereits nach der nächsten Nuss, als er Stimmen hört. Über die Steinkante spähend lauscht er Folgendem: „Und wann ist das?“ Diese Stimme gehört Igelkott, dem vergesslichen Igel. Auf seinem Kopf sitzt die Zwiebel Lökk, sie antwortet: „Heute! Das sage ich jetzt zum dritten Mal!“
„Wirklich? Und was ist heute?“
„Weihnachten!“
„Ist das was besonderes?“
Ihre Stimmen werden von der Moospolsterung in der Höhle unter dem Felsen geschluckt. Ekorre starrt ihnen nach. Die wollen doch nicht etwa da drinnen bleiben? Ahnungsvoll besieht sich das Eichhörnchen den Spalt voller Baumsamen. Es bleckt seine Nagezähne. Nicht, dass der Spalt unten offen ist und der ganze Segen in den Schoß dieser beiden Taugenichtse kullert!
In der Felsenhöhle, die Lökk für sich und Igelkott als Ferienhaus übernommen hat, beginnt eine Zwiebel zu verzweifeln. „Den Baum habe ich hier hereingestellt“, stöhnt Lökk, weil Igelkott das Gestrüpp argwöhnisch beschnuppert. „Wegen dem Fest!“
Der Igel schaut böse vor lauter Nachdenken. Dann hellt sich seine Miene auf. „Ich habe Geburtstag!“
„Nein!“, ruft Lökk.
„Du hast Geburtstag?“
„Auch nicht. Jemand anderes.“
„Kenne ich den?“
„Nein.“ Lökk seufzt. „Egal. Vielleicht erzähle ich dir nochmal vom Weihnachtsmann, ja?“

In der Zwischenzeit macht sich die Elster fertig für ihren Flug durch die erste deutlich kürzere Nacht nach der Längsten. Wie die Tradition es verlangt, wird sie kleine Gaben an alle Tiere verteilen, die sie findet. Eine schöne, rote Vogelbeere wird sie jedem vor die Tatzen legen und ihnen klar machen, dass der Winter jetzt kommt. Damit alle durchhalten, wenn es kalt wird und die Wärme von innen kommen muss. Gleich an der ersten Tür gibt es ein Missverständnis.
„Davon kriege ich Durchfall.“ Die Eule starrt herablassend, und da ihr kleiner Schnabel ohnehin aussieht, als würde sie ihn dauernd rümpfen, trifft der Blick aus ihren riesigen Pupillen die Elster tief. Beleidigt fliegt sie auf. „Gut“, entscheidet sie, „dann versuche ich es eben beim Wiesel.“

Währenddessen ist Ekorre damit beschäftigt, leise wie ein Dieb seine Nüsse aus dem Versteck zu kramen. So eng ist dieser Spalt! Wie hat er die Eicheln da nur hineingebracht? Endlich bekommt er ein besonders verkeiltes Exemplar frei und kriegt als Quittung die Stimmen der beiden Feriengäste zu hören.
„Durch den Schornstein?“
„Nicht unbedingt direkt durch den Schornstein. Es ist Zauberei, weißt du.“ Lökk hat sich beruhigt. Igelkott hat von dem Baum abgelassen und hört ihm begeistert zu. Es ist das vierte Mal heute, dass Lökk ihm von den Geschenken erzählt, aber das weiß der Igel nicht.
„Zaubert er wie die Elster?“, fragt er hingerissen. Lökk schaut zur Decke. „Du meinst, mit Vogelbeeren? Nein. Ich bin nicht sicher, aber ich habe nie davon gehört.“
„Hm. Ob sie dieses Jahr wieder kommt? Ich will ihr nicht sagen, dass ich ihre Beeren nicht mag. Mein ganzer Bauch gerät durcheinander, wenn …“
„Niemand mag ihre Beeren“, unterbricht Lökk ihn düster. „Bei mir akzeptiert sie es wenigstens, weil ich selbst Gemüse bin. Aber dieses Jahr sind wir schön weit weg von ihrem Nest. Sie hat bestimmt alles aufgebraucht, bis sie uns erreicht.“
„Ein Glück. Die Magenverstimmung vor drei Jahren war unvergesslich“, seufzt Igelkott erleichtert.

„Die Magenverstimmung jedes Jahr ist nicht sehr festlich“, dringt es ekelhaft aus der Behausung der Spitzmaus. Die Elster unterdrückt ein Schluchzen. Sie ist keine einzige Beere losgeworden. „Weihnachten ist besser ohne nervige Leute, die einem irgendeinen Dreck unter den Baum klatschen und dann behaupten, es wäre ein Geschenk und verlangen, dass man sich freut!“, keift eine zweite Stimme hinterher. Mit tränenverschleierten Augen hebt die Elster zu einem Instrumentenflug ab. Blindlings schlägt sie mit ihren Flügeln nach der Luft. „Bei einem Geschenk, das von Herzen kommt, ist der Inhalt doch egal“, keckert sie leise zu sich selbst. „Und das werden die nächsten, die ich treffe, zu schätzen wissen. Oder sie lernen es“, schnieft sie trotzig. Sie blinzelt ihre Augen trocken, zieht den Rotz hoch und hält unter ihren Brauen hindurch Ausschau nach einem Opfer. In der Nähe steigt Rauch aus einem Kamin. Sie hält darauf zu.

Ekorre hat seinen Fuß befreit. Die Eichel ist frei, er strebt den Rückzug an. Als er sich unterdrückt hustend umdreht, steht Igelkott direkt hinter ihm. Er lächelt auf mysteriöse Art. Sie starren sich einen Moment lang an.
„Na?“, fragt Ekorre dann. „Was machst du hier?“
„Hab ich vergessen“, antwortet Igelkott mit merkwürdig hintergründigem Ton. „Und du?“
Ekorre fällt nichts ein.
„Roter Umhang, steigt in unseren Kamin … bist du der Weihnachtsmann?“ Igelkotts Nase zeigt auf ihn. Ekorre will gerade antworten, da schießt die Elster an ihnen vorbei durch den Rauch, steigt auf und landet dramatisch neben ihnen. Während sie aufsetzt, zieht sie bereits ihre Tasche voller Vogelbeeren hervor. Eine ungeschickte Bewegung lässt jedoch alle ihre Mitbringsel in den Kamin fallen. Die Beeren kullern lustig in den Spalt. Kurz darauf hört man Lökk einen entsetzlichen Wutschrei ausstoßen. Verrußt und sauer rollt er aus der Höhle. „Wer war das?“, kreischt er.

Überspringen wir die betroffenen Mienen der Elster, Ekorres und Igelkotts, erzählen wir nichts davon, wie Ekorre betreten seine Eicheln in die Ferienwohnung räumt. Lassen wir es aus zu berichten, wie die Elster beschämt Lökks Suppe zu retten versucht. Betrachten wir nur Igelkotts überraschte Freude, als er Geschenke unter dem Baum entdeckt. Damit hat er nicht gerechnet.
„Das grenzt an Zauberei“, haucht er. „Ich war die ganze Zeit auf dem Dach und habe den Weihnachtsmann nicht gesehen!“
Lökk, der das Vogelbeerenmus zu den gerösteten Eicheln auf den Tisch hebt, an dem schon Elster und Ekorre sitzen, seufzt zufrieden. Für diesen Anblick nimmt er jede Strapaze in Kauf.
„Können wir anfangen?“, fragt Igelkott. Seine Tatzen streicheln ein Päckchen. Die Elster und Ekorre nicken, aber Lökk schaut streng.
„Haben wir nicht was vergessen?“, fragt er.
„Fröhliche Weihnachten!“, rufen alle miteinander.